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Nr719L i, J-Hrgau«,______________

tot zu fein; man wird indessen trotzdem wün­sche» dürfen, daß die Angelegenheit ein­wandfrei aufgeklärt wird und die Militärbehörde sich dazu äußert,

»Bildhauer Nikolas" als Spiou.

^Telegramm unsere- Sorrefpondenten.)

Wie uns auS Metz berichtet wird, macht hort eine «en« Spionage-Affäre von sich reden: Ein etwa zwanzigjähriger, entgeh* Ncher Bildhauer Nikolas hatte einem militärischen Telegraphenbeamten den Vor­schlag gemacht, er solle ihm Pläne, die bei einer etwaigen Belagerung von Metz Geltung hätten, ausliefern. Der Telegraphenbeamte ging scheinbar auf den Vorschlag ein, meldete aber den Sachverhalt seiner vorgesetzten Be­hörde. Mit einem gefälschten Plane ging er dann in das verabredete Restaurant, wo ihm Nikolas den Plan abnahm und ihm zwanzig Mark dafür bezahlte. Beim Austritt aus dem Restaurant wurde Nikolas v e r h a.s t e t. Der Plan war jedoch schon in andere Hände übergegangen und zwar hatte Nikolas ihn einem Herrn und einer Dame übergeben, die sofort das Lokal ver­lassen hatten. Es ist bisher nicht gelungen, diese beiden Personen zu ermitteln und es scheint, daß es ihnen inzwischen gelungen ist, ins Ausland zu entkommen. Die Persönlich­keit des angeblichen »Bildhauers Nikolas" ist noch nicht festgestellt.

Rußland ohne Brot?

' Hungersnot infolge ungünstiger Ernte.

Wie uns ein Privat-Telegramm ans Petersburg bettchtet, sind auf die anfangs des Monats vom Handelsminister an die Behörden der einzelnen Gouvernements er­gangene Umfrage über den Saatenstand jetzt die Antwotten hier eingelaufen. Sie schil­dern die Ernteaussichten als schlechter, als in den beiden Vorjahren, in Sibirien so­gar ungünstiger als seit langer Zeit. Man rechnet im allgemeinen mit einer Mißernte und trifft bereits Maßnahmen, um einer drohen­den Hungersnot begegnen zu können. Es Wird uns darüber berichtet:

F Petersburg, 20. Juli. (Privat-Telegramm.)

Die allgemeinen Aussichten für die Ernte erscheinen sehr ungünstig, und die Ernte­ergebnisse dürften erheblich hinter denen der beiden letzten Jahre zurückbleiben. Am schlimmsten steht es mit den Ernteaussichten in Sibirien, wo man bestimmt den Aus- bruch einer Hungersnot erwattet. Be­sonders der Kreis Kurgan in Westsibitten wird von der Hungersnot am meisten betroffen werden. Die Regierung hat eine Kommission nad) den Provinzen Saratow, Simbirsk, Ka­san, Nischninowgorod und Zjaroslaw gesandt, die über die Lage in den dorttgen Bezirken Er­kundigungen einziehen soll. Die Regierung wird erforderlichen Falles Lebensmittel in großen Mengen nach den von der Hungersnot bedrohten Provinzen senden, um sie an die notleidende Bevölkerung zu vetteilen. Im Kubangebict hat man bereits mit der E r - richtung von Vorratshäusern be­gonnen, um einer Hungersnot, die für dott be­stimmt erwattet wird, nach Möglichkeit zu steuern. Die Mißernte wird durch den unge­wöhnlich ttocknen, heißen und wasserarmen Frühsommer veranlaßt, der den Saatenstand

Casseler Neueste Nachrichten

zum größten Teil vernichtet hat. Die Bewoh­ner der gesährdeten Bezitte sind in Verzweif­lung, da die Ettahrungen bei früheren Miß­ernten erwiesen haben, wie furchtbar die Wir- htttgen einer Hungersnot sind, und wie wenig die von der Regierung getroffenen Maßnah­men ausreichten, dem Elend unter der Bevölke­rung zu steuern.

Sie Politik der Zages.

ts> Der Kamps um Jatho. Ein Privat- telegramm meldet uns aus Breslau: Der Oberbürgermeister von Breslau, Dr. Bender und Universitätsprofessor Dr. Brie, der Vorsitzende des Parochialverbandes der evangelischen Kirchengemeinde Breslau, haben in Vertretung von Mitgliedern aller Kreise der evangelischen Gemeinden Breslaus eine Er­klärung z ug unst e n Iathos veröffent­licht, in der sie Verwahrung einlegen gegen den unevangelischen Versuch, christliche Grundprin­zipien durch bestimmte Personen per Majorität festzustellen. Ein weiteres Privattele- g r a m m berichtet uns aus Berlin: Die ge­maßregelten liber alenGeistlichen haben jetzt auf ihre Beschwerde gegen den vom Kon­sistorium wegen ihrer tätigen Mitwirkung an der ersten Berliner Jatho-Versammlung erteil­ten Verweis Bescheid erhalten, daß ihre Be­schwerde vom evangelischen Oberkirchenrat als nnberechtigt zurückgewiesen worden sei.

Portugiesische Revolutious Geheim­nisse. Aus Lissabon wird uns depeschiert: Die Regierung gibt bekannt, daß im König­lichen Schloß eine kleine Kiste gesunden wurde, die die Geheimkorrespondenz der königlichen Familie mit der bttfl- schen Regierung enthielt. Das portugiesische Kö­nigshaus hat (wie aus den Korrespondenzen hervorgeht) die Revolution vorausge- sehen und für den Fall des Ausbruchs sich die Intervention Englands zugunsten der Monarchie zu sichern versucht. Es wurden England dafür Kompensationen durch Landes­abtretungen in Afrika angeboten. Die britische Regierung lehnte indessen das Angebot ab. Die Mitteilungen erregen in politischen Kreisen allgemeine Sensation.

S3 Dreadnoughts Ende ...? Wie uns aus London depeschiert wird, hat aufgrund ein­gehender Beratungen die englische Admiralität beschlossen, den Bau der Ueber-Dread- noughts aufzugeben und in Zukunft nur Panzerschiffe von 18- bis 20 000 Tons zu bauen. Als Ursache dieser Aenderung wird an­gegeben, daß die schweren Geschütze, die sich an Bord der Ueber-Dreadnoughts befinden, nicht viel benutzt werden könnten, und daß mithin nur ein Teil der Schiffe prattisch verwendbar sei. Außerdem ist auch der Kostenpreis aus­schlaggebend gewesen, sowie die Tatsache, daß durch den etwaigen Verlust einer solchen Schiffseinheit zu viel auf dem Spiel stehe. Fer­ner ist berechnet worden, daß die Ausnutzung der schweren Geschütze der Dreadnoughts zu gering ist, und daß sie in verhältnismäßig kur­zer Zeit aus dem Effektivbestand der Flotte ge­strichen werden müssen.

Aus Berlin wird uns depeschiett: Der Reichstagsabgeordnete Liebermann von Sonnenberg ist in Hamburg schwer er* krankt. Er wurde gestern abend vom Abge­ordneten Raab per Bahn von Hamburg nach Berlin in feine Wobnung gebracht.

Depeschen aus Warfchau zufolge wurde in einer dortigen Jnfanteriekaserne ein Bom­benlager entdeckt. Eine Anzahl Soldaten soll mit Revolutionären unter einer Decke stek- ken. Eine sttenge Untersuchung wurde einge­leitet.

Wie uns aus Teheran berichtet wird, trat das Parlament gestern zu einer Sitzung zusammen und ermächttgte die Regierung, ein Kriegsgericht schärfster Art zu verhängen. Erne Ervedition foll alsbald gegen den ehemaligen Schab ausgefandt werden.

Renes vom Zage.

(Depeschen der Casseler Neuesten Nachrichten.)

Lr Straßen-Tragödien. In Laer bei Bochum überrannte ein Fuhrwett einen Wa­gen, aus dem sich vier Kinder befanden.. Ein zweijähriges Kind wurde sofort getötet, zwei andere sehr schwer verletzt.

iS Aus dem Spielsaal in den Tod. Der angebliche Berliner Kaufmann Erich Herz* mann verlor in Abbazzia im Spiel 36 000 Kronen. Er erfchoß sich darauf im Patt. Die Direktton des neuen' Spielverbandes ließ den Leichnam im Automobil nach Fiume schaffen.

~a, Der Leichenfund an der Spree. Der Leichenfund an der Waisenbrücke in Berlin, der (wie wir berichteten) gestern in Berlin zu einem Mordgerücht Veranlassung gab, ist nun völlig aufgeklärt worden. Vermutlich ist der junge Mann, der neunzehn Jahre alte Monteur Thönert, in animiertem Zu­stande in die Spree gefallen. Ein Selbstmord erscheint nach Lage der Dinge ausgeschlossen.

Lr Die Müllheimer Eifenbahn-Katastrophe. Die regierungs-ofsiziöse Karlsruher Zeitung wendet sich in längeren Ausführungen gegen die Annahme, daß die Entgleisung des Eilzuges in Müllheim aus die Schadhaf­tigkeit einer Weiche, den, Durchbruch der Brücke übe? die Streckenunterführuntz oder ein Versagen der Bremse zurückzusühren sei. Vielmehr liege nach den bisherigen. Feststel­lungen die Ursache inzuraschemFahren über die stark gekrümmte Strecke von der Bau­stelle trotz des ausdrücklichen Verbots an den Lokomotivführer.

iS Mutter und Kind ertrunken. Von einem schweren Schicksalsschlag ist die Familie des Freiherrn von Huedel in Welzheim (Württemberg) betroffen worden. Der zehn­jährige Sohn des Freiherrn ertrank beim Baden. Die Mutter sprang in ihrer Verzweif­lung dem Knaben nach. Aber sie wurde in die Tiefe gerissen und ertrank. Mit ihr ettrank ein Dienstmädchen, das ebenfalls dem Knaben zur Hilfe geeilt war.

«xgustaf nagel" und seine liebe ... Im Kolditzer Wochenblatt" ist folgendes Inserat zu lesen:meine ferlobung mit fräulein frida günter erkläre ich hiermit für aufge­hoben. gustaf nagel, Wanderprediger."

«r Ein Drama im bunten Rock. Gestern nachmittag verübte ein Avantageur vom Posener Jäger-Regiment in seiner Wohnung in Posen Selbstmord, indem er sich am Bettpfosten erhängte. Der junge Mann war am Dienstag von der Kriegsschule in Neisse zurückgekehrt und sollte sich gestern beim Regi­ment melden. Ueber das Motiv des Selbst­mordes verlautet nichts Bestimmtes.

Massenvergiftung durch verdorbenes Fleisch. In Hausen a. d. Zaber und in Brackenheim (Württemberg) sind über zwanzig Personen an einer Fleisch- und Wufftvergiftung erkrantt. Einige Personen schwebten in Lebensgefahr und wurden nur durch das energische Eingreifen des Stadt­arztes gerettet. Eine gerichtliche Untersuchung ist eingeleitet worden.

iS Sechseinhalb Millionen . .. verschwun­den! Ein Privattelegramm berichtet uns aus Tetschen i. Böhmen: In der Bru- derlade der Oesterreichischen Allge­meinen Montangesellschaft wurde

Freitag, ZI. Juli 1911.

bereits vor einigen Monaten ein Fehlbetrag von nicht weniger als sechseinhalb Mrl- lionenKrouen entdeckt. Jetzt ist man au die Mitglieder der genannten Bruderlade, dte neuntausend Mann zählt, mit der Forderung herangetreten, die Lade zu sanieren und zwar auf bte Weise, daß jedes Mitglied einen Zu­schuß von 686 Kronen, zahlt. Die Bergleute weigern sich jedoch, diesen Betrag zu zahlen und drohen mit dem Aus st and, der an zehntausend Bergleute umfassen würde. Die Verwaltung der Bruderlade be­findet sich fast ausschließlich in f o z i a l d e m o- kratischen Händen.

iS Glut Tage an der Donau. Die Wie­ner haben in den letzten Tagen unter beson­ders großer Hitze zu leiden. So wurde gestern ein neunzehnjähriger Klempnergehilfe von einem Hitzschlag egetroffen und sofort ge­tötet. Auch über andere Hitzschläge, bte sich in ben letzten Tagen in ben Wiener Straßen ereigneten, liegen Meldungen vor.

iS Erdbeben in Tirol. Am Dienstag abend um 9 Uhr 22 Minuten wurde in Inns­bruck und der Umgegend ein starkes Erd­beben wahrgenommen. Die Bewegung war stoßförmig und senkrecht, von donnerähnlichem Rollen begleitet. In der benachbarten Sali­nenstadt Hall war die Erdbewegung sehr stark. Sämtliche Häuser erzitterten und die Bevölke­rung wurde von einer großen Aufregung er­griffen. Menschenleben sind jedoch nicht zu be­klagen. Auch scheint ein größerer Schaden nicht angerichtet worden zu sein.

Eine Katastrophe im Marmorbruch. In einem dem Grafen Sazzoni gehörigen Mar­morbruch in Carrara (Italien) hat ein Ein­sturz vierzehn Arbeiter verschüttet. Bis­her wurden acht von ihne« tot und vier ver­wundet geborgen. Zwei liegen noch unter den Trümmern. Es besteht keine Hoffnung, sie zu retten.

iS Polnische Räubergeschichten. Auf der elektrischen Straßenbahn zwischen Lodz und Zgirz erschossen gestern abend drei Banditen zwei Polizisten, die sie ver­haften wollten imd verwundeten eine mitrei­sende Frau tödlich; dann bestiegen sie einen Neservewagen und zwangen den Führer unter Androhungen, sie nach Lodz zurückzufahren, wo sie entkamen.

So» Neueste aus staffel.

Die Deutschen Gastwirte in kastel.

Heute vormittag kurz nach nenn Uhr wurde die letzte Sitzung des Bundestages eröffnet. Bei dem Titel Wirtschaftsvergebun- gen beantragte der Vertreter des Saar-Blies- ttnb Nahetal-Gaftwittverbanbes, bet Bundes­tag möge beschließen, an geeigneter Stelle eine Eingabe anzubttngen, damit die Königlichen Gruben-Menagenwittschasten vor der Verge­bung öffentlich ausgeschrieben und analog den Bahnhofswirtschaften behandelt werden. Der Antrag fattb debattelos einstimmig Annahme. Delegierter We n z e l ° Frankfutt a. M. klagte über die in neuerer Zeit immer mehr zu Tage tretenbe Wirteausb eutung unb schil- berte biverse Vorkommnisse lokaler Att, bie auf bas unlautere Gebühren gewissenloser Agenten zurückzusühren seien. Eine auf Abstellung biefer Auswüchse zielende Resolution fand nach kurzer Debatte einstimmig Annahme. Zu dem Titel Lustbarkeiten sprach int Namen des Nordwestdeutschen Gastwitteverbandes De- Icgicrtcr Fuhrberg- Hannover; er wandte sich energisch gegen bie Ministerial-Verorbmmg zwecks Einschränkung unb eventuelle Aufhe­bung ber in sämtlichen Regierungsbezirken bis­her bestehenben Jahr-, Kram-, Vieh- unb Pser- demättte, sowie auch Einschränkung von Pri- vatveranstaltungen als Schützen-, Gesangs-

Ieussche Boheme.

UnsereKunst-Zigeuner" in ftanzösischem Urteil.

(Von unserm Korrespondenten.) W Paris, 18. Juli.

* Herr Paul du Bochet, ein Mitarbeiter desJournal de Geneve", hat das d e u t s ch e Knnstzigeunertum zum Gegenstände liebevoller Studien gemacht, unb es ist charak­teristisch, wie er bie beutsche Boheme als Ge­genstück der sranzösischen wertet unb analy­siert Die französische Boheme (schreibt er) t|t nur noch ein Mythus. Das Centenattum des Dichters Murger hat zwar noch einmal bie Aufmerksamkeit ber französischen Presse auf sie geteuft, aber die Artikel, die man ihr widmete, klangen wie eine endgültige Leichenrede: Diese Form des abenteuerlichen Lebens gehört eben in Frankreich einzig und allein noch der Ge­schichte und der Legende an. Nach Deutsch­land scheint sich jetzt das merkwürdige Völk­chen ber Kunstzigeuner geflüchtet zu haben unb in Berlin, in München unb in Wien finbet man immer noch ben klassischen Typus des nur von Glückszufällen lebenbengenialen Bummlers". In Charlottenburg unb in Schwabing scheint sogar noch etwas von dem altenQuartier latin" übriggeblieben zu fein. Man braucht, um sich hiervon überzeu­gen zu lassen, nur eins der großen Cafshauser, in denen bieIrregulären" sich zu versammeln pflegen .zu betreten. Beim Eintritt schon fühlt man sichklassifch angehaucht" Man finbet hier bas ungenierte Wefen, das den Romantikern ber großen Zeit fo teuer war, die Extravagan­zen der Toilette und Benehmen, die einst auf Montmartre in Ehren standen, die wirren Haare und die ungepflegten Bärte, auf die die berühmten Habitues des Boulevard Samt-Mi- chcl fo stolz waren. Da sind dieselben Jacken oon verschossenem Sammet, dieselben flattern­den Pelerinen, bie Pfeifen und bie Filzhüte oon unwahrfcheinlichen Formen unb Dimen­sionen.

Einige Gesichter rufen gewisse berühmte Fi­guren ins Gebächtnis: Würgers, Schaunarb unb bie Karikaturen von Gavarni unb Wil­lette. Damit finb aber auch bie Aehnlichkeiten zu Ende: nichts von den zügellofen Sitten unb ber lärmenben ober gassenjungeuhaften Heiter­keit der Parifer Kunstzigeuner! Wenn man sein erstes Staunen überwunden hat, glaubt man. sich verirrt zu haben. Alles sieht hier feierlich und würdevoll aus; die Bewegungen

sind langsam und gemessen, die Unterhaltung wird in einem ganz leisen Tone geführt, sodaß man sich in einen Vortragssaal oder in eine Bibliothek versetzt glauben könnte. Und man überzeugt sich sofort, daß die Deutschen selbst an einem solchen Otte nicht auf ihre Vor­liebe fürDifziplin undOrgauisatiou verzichten können. Selbst die Unabhängigkeits- instinkte zeigen sich hier in fystematifcher Form: Die Falten eines Gewandes, bie Regellosigkeit eines Krawattenknotens, bie Bewegung eines Armes, alles, was anberswo malettfch ansse- hen würbe, hier ist es gewollt unb berechnet. Ein paar Spieler fitzen abgesondert, Farben­reiber und Kleckser, die hier ihre Kunst im Do­mino-, Schach- oder Billardspiel zeigen. Aber auch hier alles methodisch und ernst: Das Spiel, diese kapriziöse und leichtfertige Tätig­keit bar excellence, nimmt hier die Bedeutung eines feierlichen Ritus an.

Dann sind da Frauen, Schülerinnen von Konfervatorien oder Ateliers, auch Modelle oder Dilettantinnen, deren ganzes Wesen .ul­tramodern" zu sein scheint. Die eine sitzt in­teressant, blaß, unbeweglich, sinnend, mit einem Finger an der Schläfe da, als wenn sie einen unsichtbaren Maler inspirieren wollte. Andere, die genau wissen, daß das Rätselhafte, Unru­hige, Krankhafte gegenwärtig Mode ist, leiten ihre Koketterien durch allerlei verdrehte Bewe­gungen und seltsame Grimassen ein, unb bie Frisuren nach Botticelli, Greuze, Cleo de Ms- rode erinnern an ein retrospektives Museum ber Friseurkunst. Die Kleider, bie nach ben merftoürbigften Kombinationen zusammenge- steltten Farben erschöpfen alle bekannten For­men. Alle Kunstschulen unb alle Epochen finb fo vertreten, bie berühmten Silber finb alle le* benbig geworben unb bie Mobefchönheiten finben sich in hundert Exemplaren kopiert. Der charakteristischste Typus aber ist der, ben bie deutsche Karikatur unter dem NamenM al« toeib" unsterblich gemacht hat. Von dem berühmtenResormkleid". einer Parodie auf bie Empirerobe, umhüllt, behandlet bas Mal­weib gewöhnlich, baß es für Nietzsche schwär­me. Das energische, säst männerhaste, oft er- schreckenb magere Weib ist vollgestopft mit ästhetischen ober moralischen Theorien. Wenn es sich ganz emanzipiert fühlt, läßt es sich bie Haare fdmeiben, raucht Zigarren unb behan­delt bie Männer fehr von oben herab.

Fn ben Ecken des Saales gruppieren sich Diejenigen, bie sich nur mit ihrenJbeen" befassen. Das finb bie wahren Revolutionäre: Groß ist ihre Verachtung für den .Philister".

den Bourgeois, und groß auch ist ihr Respekt ür alles, was einepersönliche Note" hat und was wie ein Streben nach Unabhängigkeit aussieht. Den verschiedensten Einflüssen unter­worfen und zu allen Torheiten bereit, über* tteiben und entstellen sie alles, was sie fordern. Ihre Uebexzeugung und ihr Enthusiasmus verdienen aber ttotzdem Anerkennung. Man findet hier bunt zusammengewürfelte Ele­mente: Der Fanatiker Altdeuffchlands mit sei­nen langen Haaren, seinem jämmerlichen An­zug aus der Romantikerzeit, seinen senttmen- talen Redereien und seinen verzückten Posen sitzt hier neben dem leidenschaftslosen, korrek­ten, hin und wieder aber hefttg aufbrausenden Nietzscheaner. Ein andermal wieder hat ein Maler, dessen Ideen noch ganz nach der Aka­demie riechen, einen scharfen Zusammenstoß mit einem Anhänger derSezession". Dann ist da derewige Student", ein großer Rau­cher, Trinker und Nachtschwärmer, der seine Tischnachbarn mit aphoristischen Sentenzen, die kein Mensch versteht, in Grund und Boden redet. Endlich (und das ist eine der charakteri­stischsten Physiognomien des deutschen Kunst- zigeunettums) erscheint noch derfreie Mann", der nichts als leben will, jedes Werk, das den Geist unterjocht, verachtet und von Gott und der Welt mit der größten Geringschätzung spricht . . . Das ist die Bohöme deutscher Art, aber (meint Bocket zum Schluß) mit un­fern Intellektuellen vom Montmartre darf man sie nicht vergleichen: Sie bleibt auch im Kunstzigeunertum deutsch. Unb deshalb würdevoll, steif unb . pedantisch!

Dr. A. Sch.

Refidenztheater-Premiere.

Das Prinzchen", von Robert Misch.

Nach Herrn Norbau's Auszug aus Cassel hat nun das Geraer Residenz-The­ater in die Hanusch-Säle seinen Einzug ge­halten, unb die gestrige Premiere brachte gleich einen in Berlin unb anderwärts alterprobten Schlager: Robert Misch's LiebeskomöbieDas Prinzchen", ein reizenbes Potpourri von kleinen Pikanterien. Jnttigen Abenteuern und fröhlichen Tollheiten. DasPrinzchen" ist ein vollblütiger Leuch teuft einer Sproß, ber bereinft seines Hauses Ruhm und seines Völk­chens Glück nach Kräften mehren soll. Der weltkluge Papa schickt das Söhnchen mit einem im Irrgarten des Lebens unb ber Liebe als funbiger Thebaner" bewährten Gouverneur ins Sturbab und zur Jsarstadt, damit er dort

am Born ber Wissenschaft sich erlabe und gleichzeitig auch sackt in bte Kunst bes Lebens unb ber Liebe hineingleite. Der Zufall führt bemPrinzchen" ein wackeres Möbel in ben Weg, bas bie verlockenbe Aufgabe übernimmt, ben Sproß des Hauses Leuchtenstein in die geistigen unb anbentGeheimnisse" des Le­benglücks diskret einznweihen, unb bas trotz­dem in des Herzens Tiefe sich eine ideale Sie* bes-Sehnfucht nach stillem, realem Glück an bet Seite einesbraven Mannes" bewahrt. Die unvermeibliche intrigante Tante unb bet ebenso unvermeidliche verliebte Zittergreis beleben das Bild recht glücklich, und nebenher paradiert die pedanttsche Moral im Hausröckchen des naiven Lehramt-Kandidaten. Bis dann schließlich al­les in süßes Wohlgefallen zerfließt und ber alte Grunbfatz:Jedem bas Seine!" triumphiert.

In Berlin hat man bas muntre unb recht grell gemalte Stückchen ein paarhundertmal fröhlich beklatscht unb Herrn Robert Misch bie Anerkennung gezollt, daß er das uralte Sujet in neuem Gewände vorteilhaft und wirksam zu unbeftrittner Geltung gebracht habe. Das Bißchen Paprika darf nicht verstimmen; es ge­hört zum Rezept, unb im ganzen betrachtet, kann der Dreiakte-Komödie Bühnenwirkung und prickelnder Reiz nicht abgesprochen wer­den. Die gestrige Aufführung durch das Ge­raer Ensemble gestaltete sich recht glücklich und brachte die Effette und Pointen ausgezeichnet zur Wirkung. DasPrinzchen" des Herrn Wengard war eine hübsch gezeichnete Fi­gur, die sich dem Charakter des Stückes treffend anpaßte und die pikanten Eigenarten der Si­tuation sckarf zur Geltung kommen ließ. In ber Rolle betErzieherin" leistete Fräulein Werner Vorzügliches: Ihre Aba war in allen Einzelheiten psychologisch fein ausgearbei­tet unb spiegelte in ben bunten Komplikationen ber beiben letzten Akte bie ganze Skala der Empfindungen in reizend abgetönten Bildern. Herr B era mann gab einen in Spiel unb Maske gleich vortrefflichen Gouverneur, und als Leuchtenstein senior entwickelte Herr Hal- l e r außerordentliches Charakterisierungsta­lent. Nur der alte verliebte Kurdirektor des Herrn Kolkwitz blieb einigermaßen im Hin­tertreffen: Man stellt sich einen alten Major, der noch heiße Liebes-Sehnkuckt spürt, etwas strammer und weltmännischer vor. Agnes B ü n g c r spielte die intrigante Tante und Le­bedame mit viel Bravour und so kam dann das ..Prinzchen" des Herrn Robert Misch in bet Kunst bes Geraer Residenz-Ensembles zur ge­bührenden Geltung, -an.