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trotzdem mehrfach beim Fähnxich-Examcn surchgefallen und erst

durch die Gnade des Kaisers

Fähnrich geworden. Er trat als Fähnrich in das Lcibhusaren-Regiment in Langfuhr bei Danzig, dessen Kommandeur demnächst Kron­prinz Wilhelm werden wird. Zuletzt war er Leutnant im elften Pommerschen Dra­goner-Regiment in cf. Leutnant von Gum- penberg hat sowohl.in Langfuhr als auch in Luck ungemein ausschweifend und vcr- fchwenderisch gelebt, er hatte sich dadurch eine häßliche Krankheit zugezogen. Sowohl in Langfuhr als auch in Lyck hat er sich mebrsach Konzerte telephonisch aus Frankfurt a. M.herübergeben" lassen. Daß er sich Halbweltdamen aus Frankfurt a. M. bestellte, soll nichts Außergewöhnliches gewesen sein. Auch dem Alkoholgenuß frönte der junge Offizier in übermäßiger Weise. Er erhielt schließlich Urlaub zu einem längeren Aufent­halt in dem erwähnten Parksanatorium. Hier soll er Gelegenheit genommen haben, die Freu­den, die die deutsche Reichshauptstadt den Zahlungsfähigen bietet,

in vollen Zügen zu genießen.

Da die Unterstützungen der Mutter für das schwelgerische Leben des jungen Mannes bei weitem nicht ausreichten, so wandte er sich in Berlin an Wucherer. Diese sollen den jungen Offizier derartig gerupft haben, daß er eine Schuldenlast von dreihundert­tausend Mark hat, wofür er etwa zwan­zigtausend Mark bar erhalten hat. Die Mutter weigerte sich, diese Schuldenlast zu tilgen. Die Darlehnsgcber dürften aber trotzdem in ab­sehbarer Zeit zu ihrem Gelde kommen, denn von Gumpenberg ist nicht nur der einzige Erbe oes großen Vermögens seiner Mutter, er be­sitzt außerdem in Bayern ein K r o n l e h e n. Der junge Freiherr hatte stets vierundzwanzig Paar Stiefel und zahllose elegante Miliiär- und Zivilanzüge im Gebrauch; er besaß außer­dem ein elegantes Automobil und mehrere teure Rettpserde. Er ist ein Mensch, der den löblichen Grundsatz befolgt: Leben und leben lassen! Daß

die Damen der Halbwelt

Schmuckgegenstände, goldene Uhren und andere Wertstücke vielfach von ihm zum Geschenk er­hielten, war selbstverständlich. Eines Abends saß Freiherr von Gumpenberg in dem inzwi­schen eingegangenen Caf« Westminster, Unter den Linden in Berlin. Dieses Cafe bildete den Treffpunkt von Wucherern, Schiebern, feinen Zuhältern und sonsftgen Ver­brechern aller Art. Es fanden sich aber auch viele Kavaliere im Cafö ein.' Der im März ds. Js. vom Schwurgericht zu Magde­burg wegen Ermordung des Magdeburger Apothekenbesitzers Rathge zu vierzehn Jahren Zuchthaus verurteilteKaufmann" und Ein­brecher Otto K n i t e l i u s war nebst seinem Komplizen Ritter Stammgast in diesem Cafe. Der junge Freiherr warf in dem Cafö eines Abends mit zahlreichen Zwanzig-Markstücken aus reinem Uebermut nach dem Kronleuchter. Esregnete" im buchstäblichen Sinne des Wor­tes imVerbrechercafs" Zwanzig-Markstücke. Verschiedenen Leuten gelang es, mehrere hun­dert Mark aufzuheben und sich in die Tasche zu stecken. Schließlich wurde der junge Freiherr auf Antrag der Mutter entmündigt.

Die Aerzte erklären: Der Angeklagte habe bei Verübung der ihm zur Last gelegten versuchten Notzucht im Rauschdämmerzustand gehandelt, so daß begründete Zweifel an seiner Zurech­nungsfähigkeit für die Strafhandlung vor­lägen. Die wissenschaftliche Deputation für das preußische Medizinalwesen, bekanntlich die oberste Medizinalbehörde Preußens, hat sich nach genauer Prüfung diesem Gutachten ange­schlossen. Trotzdem und trotz des Gutachtens der beamteten Aerzte, daß eine weitere Haft für den Gesundheitszustand des Angeklagten von großem Nachteil sein könne, sind die wie­derholten Anträge der Mutter auf Haftent­lassung ihres Sohnes abgelehnt worden. Der Angeklagte behauptet, daß er sich auf den

Nr. 191. 1. Jahrgang.

Vorgang der versuchten Notzucht überhaupt nicht erinnern könne. Die heutige Verhand­lung findet wegen Gefährdung der öffentlichen Sittlichkeit unter Ausschluß der Oef- sentlieht eit statt. -bk-

Die Mitit der Tag«.

S3 Das Marokko Geplauder. Wie uns aus Paris depeschiert wird, gefällt sich derMo­tin" ldessen deutschfeindliche Haltung zur Ge­nüge bekannt ist) neuerdings in argen Schwarzmalereien bezüglich der deutsch-fran­zösischen Marokko - Verhandlungen. Er schreibt:Auf Grund von Mitteilungen, die uns aus B e r li n zugegangen sind, ist es möglich, die Unterhandlungen zwischen dem französischen Botschafter Gantbon und dem deutschen Staatssekretär von Kiderlen-Waechter in opftmistischem Sinne aufzufassen. Im Lauf der letzten Verhandlungen zwischen den beiden Staatsmännern hat nämlich Herr von Kider­len-Waechter Kompensationsforde­rungen aufgestellt, die ganz unannehm­bar sind. Deutschland verlangt die französi­sche Kongoküste einschließlich der Stadt Libre­ville, überläßt Frankreich jedoch das Hinter­land. Combon hat dieses Ansinnen mit ge­bührender Entschiedenheit zurückgewie­sen..." (Es scheint also, daß man in Paris wieder einmal Gespenster sieht, denn daß Herr von Kiderlen int Ernste die Kongoküste alsKompensation" verlangt haben könnte, glauben doch wohl selbst dieMatin"-Chau- vinisten nicht.) ,

S3 Mohamed Ali, der Intrigant. Unsere gestrige Vermutung, daß der frühereSchah von Persien, der bisher in Odessa in der Verbannung lebte, seine Hand bei der neuen Revolution in Persien im Spiel habe, hat sich bestätigt: Depeschen aus Teheran berich­ten, daß Mohamed Ali, der Ex-Schah, am Kaspischen Meer in der Nähe von Ascherabad bereits gelandet ist. Er stand mit den dortigen Turkmenen schon seit längerer Zeit in Verbin­dung. Nachrichten zufolge, die bei der persi­schen Regierung eingegangen sind, war der frühere Schah in der letzten Zeit mehr als je beschäftigt, Intrigen gegen die jetzige Regierung anzuzetteln. Seine Günstlinge rufen jetzt in der Provinz Aserbeidschan die Schahzewennen zur Empörung auf. Andere Anhänger des Ex-Schah landeten mit einem großen Vorrat von Patronen in Baku und er­hielten trotz der Vorstellungen der persischen Regierung die Erlaubnis, sich nach Petrowsk zu begeben.

cS3 Russischer Sumpf. Ein P r i v a t - T e - leg ramm meldet uns aus Moskau: Bei dem gestern hier verhandelten Prozeß gegen die Jntendanturbeamten (über dessen Ausgang wir bereits berichtet haben) kamen sogar für russische Verhältnisse erstaunlich große Unterschlagungen zu Tage. Auch die Höhe der von feiten der Lieferanten gezahlten Bestechungsgelder erreicht ungeahnte Summen. So wurde festgestellt, daß die Firnta Robert Thiol seit dem Jahre 1886 nicht weniger als zwanzig Millionen Rubel in die Taschen der heute abgeurteilten Jnjendantur- beamten hat fließen lassen. Die in'Gemäßheit des Urteils zurückzuzahlenden Betrage sollen zur Schaffung eines Fonds zur Unterstützung der Hinterbliebenen russischer, in dem Kriege gegen Japan gefallenen Soldaten und Offiziere verwandt werden. Die Verhand­lung deckte auch auf, daß neunzig Pro­zent des während des russisch-japanischen Krieges gelieferten Materials unbrauch­bar waren.

Ein Privattelegramm meldet uns aus Antwerpen: Gestern abend kam es hier zwischen der Polizei und streikenden Seeleuten zu einem schweren Zusam­men st o ß. wobei mehrere Personen ver­letzt wurden. Die Polizei mußte schließlich mit blanker Waffe vorgehen und verhaftete zahlreiche Ruhestörer. Für heute werden neue Zusammenstöße befürchtet.

Ein Telegramm aus Tripolis be­richtet über einen ernsten Zwischenfall zwi­schen einem englischen Vizekonsul und ei­nem türkischen Offizier. Der Türke be­schimpfte den Vizekonsul in gröblichster Weise und versetzte ihm einen Stockhieb. Der engli­sche Konsul hat bei der ottomanischen Regie­rung energische Vorstellungen erhoben»

Neuer Dom Tage.

(Depeschen der Casseler Neuesten Nachrichten.)

xxStrolchen Schlacht" in Köln. In der vergangenen Nacht kam es in K ö l n zu einem scharfen Zusammenstoß zwischen Schutzleuten und Strolchen. Mehrere Personen wurden so schwer verletzt, daß sie in das Krankenhaus ge­bracht werden mußten. Auch zwei Polizisten erlitten schwere Verletzungen. Die Haupträdels­führer konnten verhaftet werden.

XX Die Richthofen-Gaffron-Affäre vor'm Kriegsgericht. Die Verhandlung gegen den Reserveleutnant Freiherrn von Richtho- fen, der seinerzeit den Leutnant a. D. Wil­helm vonGassron im Duell erschoß, fin­det heute vor dem Kriegsgericht der Land­wehrinspektion in Schöneberg bei Berlin statt.

XX Der Tod im Kanalschacht. In M ü n - st er berg bei Breslau wurden gestern nach­mittag bei Erdarbeiten zur Kanalisation durch den Einsturz eines Krans drei Arbeiter ver­schüttet. Einer von ihnen war sofort tot, die beiden anderen sind schwer verletzt. Das Hauptrohr der Gasanstalt ist durch den Ein­sturz gebrochen. Die Stadt war daher gestern abend ohne Gaslicht.

XX Deralte Funk" gestorben. Aus Augsburg wird uns gemeldet: Eine histo­rische Persönlichkeit, der Oberaufseher a. D. Heinrich Funk, der im deutsch-französischen Krieg bei der Batterie Anselm Bauer am vier­ten August 1870 bei Weißenburg den ersten deutschen Kanonenschuß gelöst hat, ist hier, fünfundsiebzig Jahre alt, gestorben.

js Im Kampf mit Wilderern. In den Kirchhellener Waldungen bei Reckling­hausen in Westfalen überraschte in der vergan­genen Nacht der Förster Göpfert drei Wild­diebe. Zwei von ihnen schossen viermal auf den Förster. Um sich zu retten, warf dieser sich zu Boden und stellte sich tot. Als die Wilddiebe flohen, gab er mehrere Schüsse auf sie ab, so daß alle drei verletzt wurden und dann fest genommen werden konnten. Es handelt sich um ganz verwegene Wilddiebe.

ru Eine verhängnisvolle Bootspartie. Bei einer Bootsfahrt, die fünf unverheiratete Kell­ner des Kurhauses Zippendorf heute früh in angeheitertem Zustande auf dem gro­ßen See bei Schwerin unternahmen, ken­terte das Boot. Die fünf Insassen fielen in das Wasser. Einer konnte sich durch Schwim­men retten, ei» zweiter wurde noch rechtzeitig herausgeholt, drei andere ertranken.

Bremen-Newyork in fünf Tagen! Der KreuzerCäcilie", der gestern von Bre­men in Newyork eingetroffen ist, hat wäh­rend seiner letzten Reise einen neuen Rekord aufgestellt. Er legte dte Strecke in fünf Tagen, vierzehn Stunden und fünfzehn Minuten zu­rück, was eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 23,37 Knoten in der Stunde ausmacht.

zx Verbrechen auf den Schienen. In der Nähe von Czenstochau (Polen) wurde gestern von einem unbekannten Täter ein mäch­tiger Steinblock auf das Bahngleis gelegt, um den Prager Schnellzug zur Entgleisung zu bringen. Dem Lokomotivführer gelang es jedoch, den Stein zurückzustoßen, so daß ein Unglück verhütet wurde. Die Lokomotive erlitt bedeutende Beschädigungen.

XX Der Untergang eines Rheindampfers. Aus Rotterdam meldet uns ein Privat­telegramm: Der RheindamvferTherefe". der im hiesigen Hafen vor Anker lag, ist bei der Ladung gebrochen und gesunken. Menschen­leben sind nicht zu beklagen.

xx Granatenexplosion in Toulon. In Toulon rannte gestern ein Artilleriewagen, auf dem Granaten für die Küstenbatterien

____Donnerstag, ZU. Juli 1911. transportiert wurden, mit großer Heftigkeit ge­gen eine Mauer. Der Wagen wurde total zer­trümmert, mehrer^Granaten gingen zur Erde und erplodierten. Sechs Artilleristen, dte sich auf dem Gefährt befanden, sind schwer verletzt.

XX Brennende Wasser. Ein seltsames Ge­schick hat in A t h e n vier Bootsmsassen ereilt Im Hafen lag der deutsche DampferMainz" in Quarantäne. Dieftm näherten sich tue vier Leute, um an die Passagiere Lebensmittel zu verkaufen. Plötzlich quoll aus einer Luke des Schiffes ein dicker Strom Petroleum. Als einer in unvorsichtiger Weise ein brennendes Streichholz wcgwars, brannte auf einmal das ganze Gewässer. Drei konnten pcn durch rasches Untertauchen retten, der vierte Wurde später als völlig verkohlte Lerche aufgefunden.

Eine sensationelle Entführung Aus Athen wird uns depeschiert: Die Tochter des kürzlich einem Morde zum Opfer gefallenen Türken S e f i Bey hat sich von einem jungen Griechen entführen lassen. Das Paar ist im Piräus in einem kleinen Hotel ermittelt worden. Die junge Dame, die als sehr schön und reich gilt, soll die Absicht haben, zu dem Glauben ihres Zukünftigen überzutreten.

js; Gnade für eine Gattenmörderin Ein Privattelegramm berichtet uns aus Mon­treal: Die kanadische Regierung hat be­schlossen, das Todesurteil gegen die Frau N a - politano in lebenslängliche Haft umzu- wandeln. Eine Petition, die nicht weniger als eine Million Unterschriften trug, ist in Kanada zu Gunsten der B e g n a d i g n n g der Frau eingereicht worden. Die Frau hatte ihren Gatten getötet, weil dieser sie zwingen wollte, einen schlechten Lebenswandel zu führen. Sie ist Mutter von vier Kindern.

iS Unwetter in Rußland. Der furchtbare Sturm der letzten Tage, der über Rußland dahingegangen ist, hat namentlich im Gouver­nement Wologda viel Unheil angerichtet. Im Kreise Graesowezk zerstörte der Sturm ein vierhundert Jahre altes, von Iwan dem Grausamen gegründetes Nonnenklo st er und deckte alle Wirtschaftsgebäude ab. Die Klosterkirche ist eingestürzt. Vierzig Dörfer in der Nähe des Klosters sind teilweise zerstört. Sämtliche Felder sind durch den Hagel Vernich tet. Mehrere Kinder und viel Kleinvieh sind durch das Unwetter umgekommen.

Rr Russische Diebsgeschichten. Das Wäsche­magazin der Wohltätigkeitsgesellschaft der deutschen Kolonie in Petersburg wurde gestern am hellen Tage erbrochen. Die Ein­brecher haben für mehrere tausend Rubel Wäsche geraubt.

XX Revolution im Gefängnis. Im Ge­fängnis in Aleppo (Kleinasien) kam es gestern zu einer schweren Meuterei, deren Ursache noch unaufgeklärt ist. Ein großes Truppenaufgebot mußte das Gefängnis stür­men. Zahlreiche Gefangene wurden getötet und über vierzig verwundet.

3as Neueste aus Kassel.

Stadthalle oder Konzertsaal?

Der Vorstand des Fremdender» kehrsvereins hat an den Magistrat eine Eingabe gerichtet, in der er darauf hinweist, daß die vom Magistrat erfolgte Ausschreibung des Wettbewerbes f den Bau einer Stadt Halle nur einen K o n z e r t s a a l in Aussicht stelle, nicht aber einen Saalk> au. Der Be­lebung des Fremdenverkehrs soll (so heißt es in der Eingabe) in erster Linie der Saalbau dienen. Er soll große Kongresse und Ausstel­lungen aufnehmen können. Weiter sollen Volksversammlungen darin abgehalten werden können, große Bälle und so weiter. Was wir brauchen, ist ein febr großer Saal mit den notwendigsten Nebenräumen. Was aber fordert die Ausschreibung des Wettbewerbs? Sie erwähnt nichts von allen diesen Zwecken. Sie verlangt einen Konzertsaal von 1000 Quadratmeter Größe, ein festes Orchester- Podium für 350 Sänger und 60 Musiker, einen

Millionen in Sei.

Riesenpreife für die Bilder alter Meister.

(Von unferm Korrespondenten.)

<? London, 17. Juli.

Die große Versteigerung altenglischer Ge­mälde, die am letzten Sonnabend bei Christie stattfand, brachte einen lehrreichen neuen Bei­trag zu dem Kapitel Wertzuwachs alter Bilder. Noch vor wenigen Jahren mußten sich die Werke Raeburns, des schottischen Zeitgenossen Reynolds, mit sehr bescheidenen Preisen begnügen. Vor wenigen Wochen aber wurde in London ein prachtvolles Werk des schottischen Velasquez "verkauft.es erzielte nahe­zu 450 000 Mark, und diese plötzliche phanta­stische Preissteigerung hatte in ganz England die Besitzer alter Bilder in Aufregung versetzt. In den letzten Wochen sind viele Hunderte von altenglischen Familienbildern nach London zur Prüfung gesandt worden, aber die hoffnungs­vollen Besitzer haben natürlich in der Mehrzahl der Fälle erfahren müssen, daß auch ftn Him­melreich der Kunstschätze viele berufen und wenige auserwählt sind. Auch Raeburn hat nicht immer, wenn er an die Staffelei trat, ein Meisterwerk vollendet. Trotzdem gelang es, für die jüngste Versteigerung eine stolze Reihe ganz prachtvoller Werke zusammenzubringen.

Das Hauptinteresse konzentrierte sich auf ein kleines 49 x 39 Zoll großes Porträt der Lady Janet Traill, das bis vor kurzem unbeachtet in der offenen Schietzhalle eines schottischen Schützenvereins gehangen hat. Pul­verdampf, Witterungseinflüsse und Tabakrauch verhüllten die Schönheit des Werkes unter einem dichten Schleier, aber die Kenner marin begeistert und es gab einen harten und aufre­genden Kamps, bis das unscheinbare kleine Stück Leinwand für nicht weniger als 294 000 Mark endlich dem Kunstbändler Duveen zuge­schlagen wurde. Das Pendant zu dem Bilde, das Porträt von James Traill, brachte unmittelbar daraus 73 500 Mark. Für ein Bild­nis des Generals 2ir David Baird wur­den 61000 Mark bezahlt und das entzückende Porträt der Mrs. Dundas os Dundas erreichte Logfll 105.000 Mark,

Bei den auswärtigen Besuchern der großen Londoner Kunstauktion wird noch der aufsehen­erregende Zwischenfall vom Jahre 1903 in Er­innerung sein: Damals bezahlte der jüngst verstorbene bekannte Kunsthändler Charles Wertheimer ohne Wimperzucken 190 000 Mark für ein altes Gainsborough-Porträt, das aus einem bescheidenen Familienheim in Wörthing stammte und sich in einem derartig verwahrlosten Zustande befand,daß kein Mensch eine größere Summe für das Stück anlegen wollte. Aus dieser Bilderruine entstand bann das heute weltberühmte Porträt der Miß Linley. Am Sonnabend wiederholte sich diese Geschichte: Aus Harrow war ein völlig ver­dunkeltes, sehr schlecht erhaltenes Porträt der Ladv Anne Pensonby von Gainsborough ein- aeschickt worden. Die Mehrzahl der Käufer schenkte dem Stücke keine Beachtung und ein Liebbaber bot zu Anfang 6000 Mark, zehn Mi­nuten später wurde diese unscheinbar: Malerei für 171 000 Mark dem Kunsthändler Agnew zugeschlagen, ein lehrreicher Beweis dafür, zu welcher Vollkommenheit die moderne Technik der Restaurierung alter Gemälde fortgeschrit­ten ist; denn ohne das Vertrauen auf eine voll­kommene Wiederherstellbarkeit der alten Schön­heit des Werkes würde kein Mensch für dieses Stück in feinem jetzigen Zustande auch nur ein paar hundert Mark geboten haben. H. W.

Kleines Feuilleton.

i"Bismarck am Rhein" und . . . teln Ende! Von Ort zu Ort. ruhelos wandert Bismarcks Schatten den Rhein auf und ab. In Bingen, auf Nonnenwerth, bei Hon­nef, überall ist er fchon gefehen worden. Jetzt taucht er am Rationaldenkmal des Niederwal­des auf. Allen Ernstes hat ein Berliner Archi­tekt (die modernen Denkmäler werde» von Architekten entworfen) den Entwurf hervorge­bracht. das Bismarckdenkmal auf der Terrasse des Riederwalddenkmales zu Füßen der Germania unterzubringen. Der königliche Baurat F. Jasse ist der Urheber dieser merk­würdigen Idee und unterbreitet seinen Plan jetzt der Oessentlichkeit. Danach soll bas Bis-.

marckdenkmal unmittelbar dicht vor der Germania aufgestellt werden, natürlich et­was tiefer, fodaß die F'gur des Kanzlers etwa in der Nähe der beiden Genien des Friedens und des Krieges zu stehen käme. Das Bis­marckdenkmal zeigt den Kanzler zu Fuß auf einem großen, glockenförmigen Sockel, dessen Inneres zu einer Gedenkhalle ausgebaut wer­den soll. Germania steht genau hinter Bis- ntard, sienimmt Vordermann". Ueber den Stil dieses Entwurfes läßt sich nichts sagen. Die künstlerische Idee aber ist das, was matt in der Kunstsprache eine ... Kateridee nennt. Und der ganze Plan ist ein Beweis dafür, bis zu welchen Exzeffen die immer ins Wüste treibende Denkmalswut fchon geführt bat.

DasHeil der Flieger". Man schreibt uns: Von Erfindungsgeist und Mitleid mit den Fliegern getrieben, hat sich jetzt der Ma- gistratSassistent Roll aus Biebrich a. Rh. eine Maschine patentieren lassen, die den A b - stürz der Flieger verhindern soll. Die Konstruktion ist eine äußerst feinsinnige. Im Augenblick der Katastrophe trennt der Ap­parat den Flieger von dem versagenden Aero- plan und, einem großen Fallschirm gleich, ge­leitet er den Aeronauten zur Erde nieder. Die Erfindung scheint praktisch durchführbar zu sein, denn die Mainzer Automobilfachfchule, besonders die Flugzeugbauabteilung, hat die Verwendung und Ausführung des Patentes übernommen.

Die beutfdien Sänger in Nürnberg. Für das achte deutsche Sänger-Bundes- feft in Nürnberg sind jetzt den zum Sän­gerbünde gehörenden Einzelverbänden die Ein­ladungen vom Gefamtausschutz und vom Fest­ausschuß in Nürnberg zugegangen. Die An­meldungen zur Teilnahme an dem Feste haben bis zum 31. Oktober ds. Js. durch die Ver­bandsvorstände zu geschehen, wobei gleichzeitig die Mindestzahl der Besucher anzugeben ist. Das Fest beginnt Sonnabend den 27. Juli 1912 und dauert bis Mittwoch den 31. Juli. Am 31. Juli tritt der Sängertag zusammen, der n. a. auch den Fest ort für das nächste deutsche Sänger Bnndesfest zu bestimmen hat. Als solcher wird voraussichtlich Hannover Vorschlag gebracht werden«.

Die dreihundert Rubel der Frau Tolstoi. Eine Rewyorker Zeitung hat (tote uns ans Petersburg geschrieben wird) eine sehr interessante Zivilforderung im Betrage von dreihundert Rubeln gegen das Tnlasche Postkontor und gegen die Gräfin Tolstoi erhoben. Die Vorgeschichte der Klage ist fol­gende: Als die Nachricht von der Flucht des Grafen Tolstoi aus Jassuaja Poljana alle Well erfüllte, fchickte eine Rewyorker Zeitung der Gräfin Tolstoi ein Telegramm, worin sie um Mitteilung der Gründe, die den Grafen zur Flucht veranlaßten, erfuchte. Die Rückantwort war mit dreihundert Rubeln bezahlt. Da die Gräfin durch die letzten Geschehnisse sehr er­schüttert war, so schenkte sie dem Telegramm der amerikanischen Zeitung keinerlei Beachtung und ließ es unbeantwortet. Gegenwärftg ver­bandeln nun das Tulaer Postkontor und die Zeitung über die Rückgabe der dreihundert Rubel. Das Tulaer Kontor behauptet, das Telegramm fei famt der Antwortquitiung der Gräftn eingehändigt worden. Es fei aber keine Antwort erfolgt, wofür doch nicht die Post verantwortlich fei. Angesichts dieser Antwort beabsichtigt die Zeitung, sich an die russischen Gerichte zu wenden. Dem Ausgang des Pro­zesses sieht man mit Spannung entgegen.

Q Kurze Notizen. Professor Georg Wen- k e r, Oberbibliothekar in Marburg, ist in­folge einer Operation in Düsseldorf gestor­ben. Er wurde in Düsseldorf im Jabre 1852 geboren und war der bedeutendste Erforscher der deutschen Mundartenaeograpbie. Hein­rich Zöllners neue OverZigeuner", Dichtung nach Maxim Gorki, wird in der erste» Hälfte der kommende» Saison unter Leitung von Max Schillings ihre Uraufführung an der Hofoper in Stuttgart erleben. Am Rhein plant man die Errichtung eines Mat­thias-Claudius-Denkmals. Beson­ders lebhaft interessiert sich die Studentenschaft für den Plan. In Newvork wird am zwölften Oktober das dort errichtete Dante- Denkmal enthüllt werden. Poscosi, der Bo- lognefcr Dichter, wird einen Hvmnus schreiben und Leoneavallo die Musik dazu«