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dkr. 185. 1. Aahr««mg.___________________

Polizei erstattete. Eine tragische Rolle in der ganzen Affäre spielt die junge Frau des Angeklagten, die noch bis heute an dessen Un- fchuld glaubt und alle möglichen Schritte unter­nommen hat, um die Haftentlassung ihres Gatten zu erreichen. Als ihr dies trotz Ange­bots von Kautionen nicht gelang, machte sie

verzweifelnd einen Selbstmordversuch.

Da sich Aweifel an der Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten geltend gemacht hatten, wur­de et in der Charitö auf feinen Geisteszustand hin beobachtet. Das medizinische Gutachten geht aber dahin, daß der Graf zwar geistig minderwertig, aber keineswegs unzurech­nungsfähig im Sinne des Paragraphen 51 des Strafgesetzbuches sei. Da in die Falschspielaf- färe noch andere Personen verwickelt sind, ge­gen die die Untersuchung noch nicht abgeschlos­sen ist, wird gegen den Grafen vorläufig le­diglich wegen Hochstapelei und schwindelhafter Kreditgeschäfte verhandelt. Den Vorsitz im Gerichtshöfe führt Landgerichtsdirektor Dr. Crüger, die Anklage vertritt Erster'Staatsan­walt Kretzschmar, die Verteidigung liegt in den Händen des Rechtsanwalts Dr. Jaffa, der zu der Verhandlung des Prozesses eine ganze An- zqhl Entlastungszeugen geladen hat. -we-

. Merlen und ßambon.

Die deutsche Marokko-Akion. (Privat-Telegram m.)

W Paris, 12. JuÜ.

Der französische Botschaftsrat in Berlin, b"oit Berkheim, erstattete gestern hier dem Minister des Aeußeren, de Selves, mündlichen Bericht über den Stand der deut sch-fran­zösischen Verhandlungen. Der £emt>§" teilt daraus folgendes mit: Bot- fchafter Jules Cambon habe Herrn von Kider- len-Waechter sein Bedauern über Deutsch­lands Agadir-Demonstrationen nicht verbor­gen. Umgekehrt habe Kiderlen-Waechter dar­auf hingewiesen, daß das Resultat, das das Zusammenarbeiten Deutschlands mit Frank­reich seit dem Abkommen vom Februar 1909 ergab, mäßig gewesen sei. Cgrnbon habe auf diesen Vorwurf nicht geantwortet, vielmehr betont, daß die Verhandlungen zwischen den beiden Mächten über Marokko niemals unter­brochen waren und sich leicht fortsetzen ließen.

Die beiden Diploamten zeigten sich dazu geneigt, und bestimmten den Zeitpunkt zu ei­ner neuen Besprechung. Sie bleiben auf dem Boden des deutsch-französischen Abkommens von 1909 stehen, ohne in ein Studium der durch die jüngsten Ereignisse in Marokko eingetretenen neuen Verhältnisse einzugehen. Weiter wird uns aus Madrid berichtet: Dem republikanischen Organ .El Pais" zu­folge, ist von den konservativen und liberalen Monarchisten ein Plan ausgearbeitet worden, bet dahin geht, eine Allianz mit Deutsch­land, sowie mit Frankreich und Portugal abzuschließen. Dieselbe Gruppe bemüht sich, den Infanten Don Carlos auf den spani­schen Thron zu bringen. Madrider Blättern zufolge erklärte der Führer der afrikanischen Partei, der Senatoressohn Thomas Massie, daß zu der Zeit, wo Deutschland ein Kriegs­schiff nach Agadir entsandte, Frankreich sich an- fchickte. ein Ultimatum an Spanien zur Räumung von El Ksar zu senden.

* A

Marschiert England...? (Privat-Telegram m.)

Aus Madrid wird uns depeschiert: Rei­sende, die aus Gibraltar kamen, behaupten, das das englische Königin-Infanterie-Re- giment marschbereit sei, um beim Eintref­fen eines Befehls sofort nach Tanger ab- »ugehen. Einem Telegramm aus Tan-

____________________________Casseler Neu ger zufolge hegt man in dortigen spanischen Kreisen die Befürchtung, daß es in Elksar zwi­schen den dort kürzlich eingetroftenen Truppen des Sultans, sowie den französischen Truppen einerseits und den spanischen andererseits bald zu einem Zusammen st kommen werde.

Sie Politik der Tagen.

S1 Das Jatho-Urteil. Wie uns aus Köln berichtet wird, ist Pfarrer Jatho durch Schreiben vom zehnten Juli vom König­lichen Konsistorium der Rheinprovinz die Be­gründung des Urteils des Spruchkollegiums zugestellt worden. Das umfangreiche Schrift­stück begründet den Spruch mit zehn Feststel­lungen, die sich beziehen auf das Verhältnis von Gott und Welt, die Offenbarung Gottes, Schuld und Sünde, den geschichtlichen Jesus und das Fortleben nach dem Tode. Jatho wird auf Drängen des Arztes demnächst ein Er­holungsreise antreten.

s> Das kommende Reichs Viehseuchenge- setz. Ein Telegramm unsers Korre­spondenten meldet uns aus Berlin: Wie ich an amtlicher Stelle erfahre, wird das Reichsviehseuchengesetz im nächsten Frühjahr in Kraft gesetzt werden, nachdem das preußische Ausführungsgesetz vom Landtage noch kurz vor Schluß der Session verabschiedet worden ist. Es werden bei Inkrafttreten des Gesetzes beinahe drei Jahre verflossen sein, seitdem der Reichstag dieses Gesetz angenommen hat. Die Ausarbeitung der Ausführungsgesetze für die einzelnen Bundesstaaten hat diese Zeit in An­spruch genommen. Die meisten Bundesstaaten haben bereits Ausführungsgesetze erlassen, die kleineren Bundesstaaten werden dies noch in diesem Herbst tun.

c§3 Revolution in der Negcr-R-.v^lik. Depeschen aus Port au Prince (Haiti) Zufolge lieferten die Rebellen den Regierungstruppen bei Fotzt Liberte ein Gefecht, bei dem es schwere Verluste auf beiden Seiten gab. Die Rebel­len belagern jetzt das Fort Liberte. Der Be­fehlshaber der Regierungstruppen in Henche, Labossiere, ist zu den Rebellen übergegangen. Die revolutionäre Bewegung greift immer mehr um sich und hat auch schon auf Aux Cayer übergegrisfen. Es ist kaum anzunehmen, daß die Regierung in der Lage sein wird, der Re­volution Herr zu werden.

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Aus Halle a. S. meldet uns ein Tele­gramm: Die Kommission der streikenden Bergleute des mitteldeutschen Braunkohlenre­viers ersuchte die Grubenverwaltung um er­neute Verhandlungen. Dir Verwaltungen lehn­ten indessen ab, da sie glauben, daß der Sreik, an dem sechstausend Mann beteiligt sind, nicht mehr lange aufrecht zu erhalten sein wird.

Ein Telegramm berichtet uns aus Berlin: Vom ersten August ab wird auf Helgoland eine provisorische Fortifikation errichtet. Die jetzige Fortifikationsleitung soll von Cuxhaven abgezweigt und selbständig ge­macht werden.

Depeschen aus Paris zufolge weigerten sich gestern im Arsenal von Algier die Sol­daten, ihren Dienst zu verrichten, mit der Er­klärung. daß sieallzusehr angestrengt wür­den". Zwei Rädelsführer wurden mit dreißig Tagen Gefängnis, die anderen mit vierzehn Tagen Arrest bestraft.

Neuer vom Tage.

(Depeschen der Casseler Neuesten Nachrichten.)

XX Dreitausend Kilo Ware verbrannt! Wie ein Privattelegramm aus Leipzig meldet, brach gestern vormittag in einem Holz­schuppen der Produttenverwertungsgesellschaft ein Brand aus. In kurzer Zeit waren die

ste Nachrichte«

ausgedehnten Lagerräumlichkeiten vernichtet. Es sind ungefähr dreihunderttausend Kilo­gramm Materialien verbrannt. Das Feuer hat einen Schaden von hundertsünfzigtausend Mark angerichtet.

rrr Ein Mordversuch an einem Greis. In M o e r z bei Bonn a. Rh. wurde der siebzig Jahre alte Landwirt Huerter, während er sich allein zu Hause befand, übersallen, durch Axt­hiebe schwer verletzt und dann in den Keller ge­worfen. Als die Familie vom Kirchgang heirn- kehtte, fand sie den Greis mit furchtbaren Wunden vor. Der zwanzigjährige Knecht wurde verhaftet und gestand auch die Tat ein.

xx Berlin, dieStadt der Brände". Die Zahl der Berliner Brände in dem letzten Jahre erreichte die Höhe von 15 326. Die Brände ha­ben sich gegen das Vorjahr fast v e r d o p p e 11. Zum Löschen wurden über acht Millionen Liter Wasser verbraucht. Bei dem Benzinbrand in Rummelsburg wurden allein eine Million Liter Wasser verspritzt.

xx Die Tat einer Mutter. Ein Kindes- m o r d regte gestern die Bewohner des Wein­bergwegs in Berlin auf. Die Frau eines Schutzmanns hatte ihren einjährigen Knaben angeblich mit Opium vergiftet und war flüch­tig geworden. Das Kind wurde von dem heimkehrenden Vater tot aufgefunden. Ob eine Vergiftung mit Vorbedacht oder eine Ver­wechslung von Arzneimitteln vorliegt, muß die Untersuchung ergeben.

xx Ein Drama auf der Straße. Bei der Rückkehr eines Trupps Zöglinge der Zwangs­erziehungsanstalt Ohlsdors vom Baden scheuten gestern bei Ha m b u r g die Bferde eines Wagens und rasten in den Trupp hinein. Als das Gefährt vorüber war, lagen sieben Knaben am Boden. Zwei waren tot und die anderen mehr oder weniger schwer verletzt.

xx Die Pocken in der Altmark. In Ar­ne b u r g bei Stendal ist eine neue Erkran­kung an schwarzen Pocken festgestellt worden. Die Kranke, eine zweiundsechzigjährige Arbei­terfrau namens Schulz, die sich "bei der Pflege ihres Sohnes angesteckt hat. wurde in das städtische Krankenhaus überfuhrt. Zur Unter­stützung des Kreisarztes hat die Königliche Re­gierung in Magdeburg einen Assistenzart nach Stendal geschickt. Die nötigen sanitären Vor­sichtsmaßregeln sind getroffen worden und eine Weiterverbreitung der Pocken erscheint bis jetzt ausgeschlossen.

x: Ein Opfer der Eifersucht. Ein in der Siegesstraße in München wohnhafter Stuk­kateur geriet gestern mit seiner Ehefrau infolge Eifersucht in Streit und feuerte einen Revol­verschuß auf sie ab. Die Fran wurde in die Brust getroffen und schwer verletzt. Der Mann wurde verhaftet.

xx Großfeuer in Oberbayern. Gestern vor­mittag entstand in Peiting bei Schongau am Lech aus noch nicht aufgeklärter Ursache in dem Anwesen eines Metzgermeisters Groß­feuer, das das anstoßende Gebäude gefährdete. Drei Häuser sind niedergebrannt, während die übrigen durch die Bemühungen von vier Feuer­wehren gerettet werden konnten. Nach zwei Stunden war die größte Gefahr beseitigt. Der

xx Im Wahn ... Ein wahnsinnig gewor­dener junger Mann eröffnete gestern in Lem­berg von seinem Zimmer aus eine Revol­verschießerei auf die vorübergehenden Passanten, und bevor man sich seiner bemächti­gen konnte, hatte er zwei Personen getötet und mehrere verletzt.

XX Die neueste Grubenexplosion. In der Grimetherpe-Grube bei Barnaley (England) platzte bei der Probe einer neuen Tau­send Kilowatt-Turbine ein Venttl mit furchtbaren Folgen. Der Chefingenieur, der Maschinist und der sachverständige Mecha­niker wurden getötet, eine Anzahl Arbeiter durch Verbrennungen schwer verletzt. Die Ma-

_________________Donnerstag, 13. Juli 1911.

schinerie der Grube erlitt erheblichen Schaden. Die Arbeiten mußten eingestellt werden. Brandschaden ist bedeutend.

xx Die Erde bebt ... In der Nacht zum Dienstag sind in verschiedenen Städten Al­geriens sowie in einem weiten, südlich von Algerien gelegenen Gelände ziemlich starke Erdbeben verspürt worden. Die Be­wegung bauerte zehn Minuten und ging von Osten nach Westen. Die Erderschütterung hat eine lebhafte Panik unter der Bevölkerung Al­geriens herbeigefühtt. Soweit bis jetzt bekannt ist, sind nennenswette Schäden nicht vorgekom­men. Man glaubt, daß dieses Erdbeben mit der Erdettchütterung in Ungarn im Zusam­menhang steht.

Sos Neueste aus Kassel.

Die Jugendpflege im Landkreis Gaffet

Dieser Tage fand im Stadtparksaale eine amtliche Konferenz für die Lehrer und Lehre­rinnen des Landkreises Cassel statt. Als Hauptpunkt stand der Vortrag des Rektors Sch l e i f f - Wolfsanger über die Not toe n - digkeit und praktische Durchfüh­rung der Jugendpflege auf der Ta­gesordnung. Der Redner führte aus, welchen Versuchungen die Jugend nach beendeter Schulzett ausgesetzt fei, wie wenig sich bielfad) das Elternhaus um die schulentlassene Jugend kümmere, und er gab Anregungen, wie durch Einrichtung von Spielplätzen, Beschaffung von Spielgeräten, durch gute Büchereien und El­ternabende viel zu erreichen fei. Vor allen Din­gen müssen die Eltern auch für das Gebiet der Jugendpflege interessiett werden. Zur Errei­chung btefer Ziele iist vor allen Dingen nötig, daß sich in den einzelnen Otten Kommissionen für die Jugendpflege bilden.

Der lehrreiche Vottrag wurde sehr beifällia von der Verfammlnng aufgenommen. An bet Debatte beteiligten sich besonbers Metropoli­tan K r a p f - Obervellmar, Kreisfchulinspektor Gonnermann-Cassel und Rektor Sei­bert- Niederzwehren. Kreisschulinspektor Gonnermann ettlärte, daß im Landkreise Cas­sel die Jugendpflege fchon ziemlich geregelt fei. Die berufenen Organe seien der Landrat, der Kreisarzt, die Ottsgeistlichen, Lehrer und Bürgermeister. Diese Vereinigung gliedere sich in folgende Abteilungen: 1. für Schule und Fortbildungsschule, 2. für körperliche Pflege, 3. für gefeilige Zusammenkünfte, 4. Für die Bekämpfung der Schmutzltteratur, 5. für die Gesundheitspflege, 6. für die Pflege der weib­lichen Jugend. Zuletzt teilte Kreisschulinsvek- tor Gonnermann mit, daß viele Ortschaften im Landkreise Cassel schon Spielplätze einge- ttchtet hätten und die Regierung dreitausend Matt für derartige Zwecke bewilligt hätte.

Handwerker als GinjShrig-FreUoMge.

(Von unferm militärischen Mitarbeiter.)

Die Anzahl der an Handwetter für hervor­ragende gewerbliche Leistungen zuerteilten Zeugnisse mit der Berechttgung zum einjähttg- freiwilligen Dienst hat in den letzten Tagen eine ganz ungewöhnliche Zunahme in einem einzigen Armeekorps erfahren. Vorn General­kommando des neunten Armeekorps sind näm­lich dreiundzwanzig junge Hand­werker auf Grund des Paragraphen 89 der Deutschen Wehrordnung zum einjährig- freiwilligen Militär dien st zugelassen worden, ohne daß ste den üblichen Nachweis der wissenschaftlichen Bildung zu erbttngen hatten, da ihre gewerblichen Leistungen den Ansprüchen der Gewerbttammer entsprachen. Vom Generalkommando waren der Gewerbe­kammer 39 Arbeiten junger Handwerker vor­gelegt worden, denen die Berechttgung zum

Reminiszenzen.

DaS Badener Attentat auf König Wilhelm. (Von unferm **-Mitarbeiter.) Am vierzehnten Juli ist ein halbes Jahrhnndett vetttttchen feit dem Tag, da der Telegraph in alle Gaue Deutschlands die Kunde trug von dem Baden-Badener Attentat auf König Wilhelm von Preußen. Der Tat folgte eine stürmische Surzwelle der Aufregung, die sich über ganz Deutfchland ergoß. Der Mordanschlag, den der Leipziger Student Oskar Becker 1861 in Baden-Baden gegen den König ver­übte, um in ihm das vermeintliche Hindernis auf dem Weg zur deutschen Einheit zu entfer­nen, hing aufs engste mit den heftigsten p ar- lamentarischen Kämpfen zusammen, die seit Jahren Volk und Regierung in Preu­ßen entfremdet hatten. Die Verbitterung, die damals in den weitesten Kreisen des preußi­schen Volkes herrschte, und darüber hinaus auch in Deutschland eine tiefe Mißstimmung gegen den mächtigen Staat im Norden hervorgerufen hatte, wurzelte freilich in lauterm, Patriot i- fchen Empfinden. Seit dem Tag von Olmütz war das Vertrauen in die Fähigkett und den Willen Preußens, die deutsche Einheit herbei­zuführen, und damit das fehnende Verlangen eines ganzen Volkes zu erfüllen, vollständig geschwunden, und die militärischen Reformen, die ihre stärkste Stütze gerade bei Denen fan­den, die in den Tagen bet Reaktion an bei Spitze des preußischen Staats gestanden hat­ten, erschienen als ein bewußter Gegensatz zu den liberalen Forderungen, die Deutschlands Einhett nur von einer möglichst freien Gestal- ttmg der internen Verhältnisse erwarteten.

Diese Ideen hatten sich in Becker zu verbre­cherischen Plänen entwickelt, aber trotzdem wollte König Wilhelm ihn von der allgemei­nen Indemnität nicht ausschließen, die nach dem österreichischen Krieg den Frieden zwi­schen Fürst und Volk wieder herstellte, und er erwirkte daher von dem Großherzog von Ba­den die Begnadigung des zu langjähriger Zuchthausstrafe verurteilten Mannes. Wie alljährlich, war König Wflhelm von Preußen um die Mitte Juli 1861 in Baden-Baden ein­getroffen, wo er sich feit der Verheiratung feiner Tochter mit dem Großherzog von Ba­den besonders gern aufzuhalten pflegte. Jeden Morgen komtte^man damals den alten Herrn

auf feinem Spaziergange in der Lichtenthalex­allee begegnen, auf dem er nur fetten von einem feiner Adjutanten begleitet war. So wanderte der König auch am Morgen des vier­zehnten Juli durch die Allee, als er nicht weit von Lichtenthal plötzlich einen jungen Men­schen erblickte, der hinter einem Saume her­vorsprang und aus unmittelbarer Nähe zwei Schüsse aus einem Terzerol gegen ihn abfeuerte, die ihn zwar nicht gefährlich trafen, immerhin aber eine schmerzhafte Quetschwunde an seinem Halse zurückließen. Sofort stürzten sich die anwesenden Spazier­gänger auf den Attentäter, der keinen Wider­stund leistete, fondern sich ruhig ergreifen ließ. Auf die Frage des Königs, warum ex auf ihn geschossen habe, erwidette er. daßher König die Einheit Deutschlands nicht wiederherstellen könne, und daß er ibn daher im Interesse der deutschen Sache habe töten wollen." Becker wurde daraufhin in das Amtsgefängnis ab- aefühtt, während sich der König, der trotz der Verwundung feinen Weg fortsetzen wollte, durch den steigenden Schmerz doch zur Rück­kehr gezwungen sah.

In ganz Deutschland erregte die Tat unge­heures Aufsehen, und überall verfolgte man die Verhandlung gegen Becker, die im Herbst des Jahres vor dem Schwurgericht in Bruch- fal stattfand, mit größtem Interesse. Becker wurde durch den Spruch der Gefchworenen zu zwanzig Jahren Zuchthaus verur­teilt. aber König Wilhelm, der (wie fchon ge­sagt) die keineswegs niedern Beweggründe des unreifen Menschen würdigte, verwandte sich bei seinem Schwiegersohn für feine Begna­digung. Auf diese Verwendung hm erließ ihm der Großherzog Friedrich im September 1866 die noch übrigen fünfzehn Jahre feiner Straf­zeit. Becker ging darauf in die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika, aber es duldete ihn dott nicht lange: Im Frühjahr 1868 wollte er über Europa in den Orient reifen, um sich eine neue Eristenz zu gründen, doch starb er bereits am sechzehnten Juli 1868 in Alexandrien. Die Erinnerung an diesen Mordanschlag auf den König von Preußen, der vor nunmehr fünfzig Jahren ganz Deutfch­land in Erregung versetzte, ist heute verblaßt, doch wird jeder Besucher von Baden-Baden den Baum sehen wollen, hinter dem der Attentäter bas Kommen des Königs erwattete. Der Stadttat von Baden-Baden hatte unmit­telbar nach dem Attentat, um die Rinde aeaen

allzueifrigeRaritätensammler" zu schützen, ein eisernes Gitter um den Stamm ziehen lassen, und dieses Gitter, das damals zum Schutze angebracht war, bildet heute das schon von ferne sichtbare Kennzeichen für eine Stätte, mit der ein historisches Ereignis ver­knüpft ist . . . Dr. K. H. ,

Kleine» Feuilleton.

Das Abenteuer des Operettentenors. Dem Operettentenor Walter Grave ans Leipzig ist eine Üb/rans komische Geschichte passiert, die zeigt, in welch schlimmen Verdacht heutzutage der harmloseste Mensch durch den nichtigsten Umstand kommen kann. Als der Sänger int Neuen Operettentheater bei der Probe war, wurde er weggerufen und von einem Kriminalbeamten in kategorischem Tone gefragt, wo sich der Defraudant Arthur Koblik, der vor einigen Tagen nach Unterschla­gung von mehreren hunderttausend Mark aus Wien flüchtig wurde, gegenwärtig befinde. Grave erklärte, den Koblik überhaupt nicht zu kennen. Der Verdacht, mit Koblik irgendwie in Verbindung zu stehen, wurde auf felisante Weise auf Grave gelenkt. Dieser hatte sich nämlich kürzlich fünf Wiener Tages­zeitungen gekauft, weil in den Wiener Blättern die Kritik über fein letztes Wiener Gastspiel, gleichzeitig aber auch die Nachricht über die Flucht Kobliks stand. Die Kri­minalpolizei war nun der Meinung, das In­teresse des Tenoristen an den Wiener Blättern könne nur im Zusammenhang mit der Flucht Kobliks stehen. Sie mußte sich indes bald überzeugen, daß die Lektüre Graves kein . . . gravierendes Moment bedeute!

Si Wilhelmine Seebachs Testament. Das Testament der vor mehreren Monaten verstor­benen Schauspielerin Wilhelmine Seebach ist jetzt eröffnet worden. Als Testamentsvoll­strecker fungiert, da Generalintendant Graf von Hülfen-Haeseler es abgelehnt hat, diefes Amt zu übernehmen, Rechtsanwalt Artur Wolf. Die verstorbene Künstlerin hat eine Reihe von Le­gaten ausgesetzt, darunter 50 000 Mark für die Hochschule für Musik und 50 000 Mark für die Hochschule der bildenden Künste.

Tie Mannheimer Blumenuhr. Man schreibt uns aus Mannheim: Im Mann­heimer Friedrichspark, auf den die Be­völkerung als Erholunasstätte mit Recht so

stolz ist, hat man jetzt eine neue Sehenswürdig­keit angebracht, die ein Seitenstück nur in Edin- burg (Schottland) und Interlaken finden kann: Der technifche Leiter des Parkes hat nämlich eine Blumenuhr auf einer schräg liegen­den Rasenbank angelegt, die ein Schauspiel für sich allein bietet. Das ganze Beet aus vielen Heitren Plänzchen, in äußerst ruhig wirkenden, zarten Farben zusammengestellt, bildet einen reizenden Teppich. Die Zeiger, die von dem unterirdischen Werke aus wie zwei geheimnis­volle Arme über dem lebendigen Ziflernblatte aus Pflanzen liegen, haben eine Länge von einem Meter, und es ist infolge dieser Dimen­sionen das Vorrücken der Zeiger, das jede halbe Minute fünf Zentimeter beträgt, sehr deutlich zu fehen.

' Deralte Fresenius" -st. Fast unbeachtet von der Münchener literarischen Welt ist dieser Tage in München deralte Fresenius" (wie der Schriftsteller August Fresenius in Fachkreisen hieß) für immer geschieden. Fre­senius, der ein Alter von 77 Jahren erreichte, war nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Paris schon in frühen Jahren nach München gekommen, wo er die Kenntnisse, die er sich in Paris von der französischen dramatischen Li­teratur erworben hatte, bald prakisch verwen­dete. Wir verdanken ihm nicht nur eine Reibe gefälliger Uebersetzungen französischer Lust­spiele, er hat auch Originale geschrieben, die sich durch flüssigen Dialog und gefchickte Sze­nenführung auszeichnen. König Ludwig der Zweite fchätzte die Begabung des gewandten Uebersetzers sehr hoch und betraute ihn mit der Bearbeitung mancher für die Separatvor­stellungen bestimmten Stücke. Alle, die ihn kannten, werden dem klugen, alten Manne, der in spartanischer Einfachheit lebte, ein treues Andenken bewahren.

Deutsche Arbeiter an Shakespeares Grab. Ein Privattelegramm meldet uns ans London: Die auf einer Rundreise durch England begriffenen deutschen Ar­beiter legten gestern in Shakespeares Ge­burtsstadt Stratford nach einer Begrü­ßung fettens der städtischen Behörden am Grabe Shakespeares einen Kranz nieder. Ein Redner erklärte, daß die Popularität Shake­speares in Deutschland nur der Schillers nach­gebe, und daß in einem Jahre zwölfhundert Sbakespearevorstellungen in Deutfchland statt­gefunden hätten.