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LsMrr pfurltf Mschrichten

2. Beilage.

Dienstag, 4. Juli 1911.

AW aller Welt.

Sin neues Erdbeben in San Franzisko.

(Telegraphische Meldungen.)

Newport, 3. Juli. (Telegramm.) Am Sonnabend nachmittag wurden m San FranziSto zwei heftige Erdstöße verspürt, die eine furchtbare Panik unter der Bevölkerung hervorriefen. Das Erd­beben, das um zwei Uhr nachmittags er­folgte, wurde in ganz Kalifornien und auch in Nevada verspürt. Durch die Erdstöße, die zehn Sekunden andauerten, wurden verschiedene Wolkenkratzer zerstört; ob noch anderweit Schaden angerichtet worden ist, konnte bisher nicht festgestellt werden. Weitere Privat-Depeschen über das Erdbeben berichten uns folgende Einzelheiten: Das gestrige Erdbeben in San Franzisko ist das schlimmste seit neunzehnhundertsechs. Nach dem ersten Stoß folgten einige Sekunden Ruhe. Hierauf kam ein zweiter Erdstoß, der unter der Bevölkerung eine gewaltigePa- nik hervorrief, sodaß jeder Mensch, der frühe­ren Katastrophe eingedenk, auf die Straße floh. Alle (wie üblich Sonnabend nachmittags) über­füllten Kaufhäuser waren im Nu geleert, eben­so die Restaurants. Die Theater mußten tue Nachmittagsvorstellungen aufgeben, da der Erd­stoß kam, als stch an der Kasse die Menschen drängten. Die Verwirrung wurde noch dadurch gesteigert, daß der Telephonverkehr für längere Zeit unterbrochen war, weil die Telephon­damen in der Angst die Apparate verlassen hat­ten. Viele Mauern zeigen Risse, vielfach stürz­ten auch Mauern ein, namentlich haben einige Wolkenkratzer im Geschäftsviertel stark gelitten, deren Fundamente durch die Erdstöße derart er­schüttert wurden, daß die ganzen riesigen Bau­ten einige Augenblicke hin und her schwankten. Em dritter Erdstoß würde sicher unübersehbares Unheil angerichtet haben,da zahlreiche Gebäude infolge der Erdstöße derart erschüttert wurden, daß jeden Augenblick eine Einsturz-Katastrophe zu befürchten war. Aus Angst vor einer Wie­derholung der Erdstöße brachte die Bevölkerung von San Franzisko die Nacht zum Sonntag wachend zu, und zahlreiche Familien schlugen ihr Nachtlager sogar vor der Stadt im Freien auf. Bisher haben sich die Erdstöße indessen nicht wiederholt. In der Provinz hat das Erdbeben ebenfalls unter der Bevölkerung eine große Panik hervorge­rufen, doch sind (soweit bisher bekannt) Schä­den nicht angerichtet worden.

Unwetter katastrophen in Bulgarien.

(Privat-Telegramm.)

Wie uns aus Sofia berichtet wird, haben tagelange Wolkenbrüche und Stürme verhee­rende Ueberschwemmungen in Südbul­garien verursacht. Zwei Eisenbahnbrücken, zahlreiche Flutzbrücken und Eifenbahndämme wurden niedergerissen, viele Feldfrüchte und Vieh weggeschwemmt. Mehrere Menschen sind umgkommen. Die telegraphische Verbindung mit Serbien und die Eisenbahp- verbindung mt der Türkei sind unterbrochen. Mehrere Städte Südbulgariens,an erster Stelle Philippopel, stehen noch unter Wasser.

Von der Geliebten erschossen.

In einer Speisewirtschc^ft in der Rosen- thaler Straße in Berlin hat sich am Sonnabend ein erschütternder Vorgang abgespielt. Dmt hat während des Mittagmahles eine Russen einen Landsmann, den Studenten G i e c z o w, erschossen. Die Täterin wurde verhaftet. Gieczow, ein etwa zwanzig Jahre alter Russe, studierte an der Berliner Universität und zählte zu den ständigen Gästen des Privatrestau­rants, ebenso eine Landsmännin, mit der er ein Liebesverhältnis unterhielt. Zwischen' den beiden jungen Leuten mutz seit einiger Zeit ein Zerwürfnis eingetreten sein, denn wäh­rend sie früher gemeinsam aßen, saßen sie jetzt getrennt an verschiedenen Tischen und sprachen nie miteinander. Am Sonnabend erschien zu-

Wer

Nachrichten aus allen Gebieten.

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Meter weiter und bohrte sich dann in den Sand. Als das Personal des Zuges den Reisenden zu Hilfe eilte, donnerte ein Schnellzug. der aus der Gegenrichtung kam, auf dem Nebengleis mit einer Geschwindigkeit von 85 Kilometern heran und führ hart an der Unfallstätte vorbei.

erst das Mädchen, setzte sich, wie gewöhnlich, an einen Tisch und bestellte sich ihr Mittag­essen. Kurze Zeit darauf kam Gieczow und nabm, etwas entfernt von der früheren Ge­liebten, Platz. Während der junge Mann mit dem Kellner fprach, beobachtete das Mädchen

andauernd den Studenten. Als er die Suppe vorgesetzt erhielt und anfing, zu essen, erhob sich die Russin langsam, schritt geradewegs auf den Essenden zu und schoß aus nächster Nähe aus einem Revolver drei Kugeln auf ihn ab Lautlos fank der Getroffene tot von seinem Stuhl. Der Gäste bemächtigte sich eine ungeheure Aufregung, und alle eilten an die Stelle, an der sich die blutige Tragödie abge- ivielt hatte. Die Mörderin selbst stand in­dessen völlig teilnabmslos da. den stieren Blick ohne jede sichtbare Gefühlswallung auf ihr Opfer gerichtet, den rauchenden Revolver nock in der Hand haltend. Während man nach einem Arzt sandte und die Polizei verstän­digte, wurde das Mädchen von den Gästen umringt und festgehalten. Es leistete auch nicht den geringsten Widerstand, sprach auch kein Wort und sank nur völlig apathisch auf einen in der Nähe stehenden Stuhl. Der Po­lizei verweigerte es Angabe des Namens und teilte auch nichts über die Beweggründe zu der Tat mit. Die Polizei brachte die Mör­derin zum Untersuchungsgefängnis.

DieLöwen" vom Balkan.

Ein aufsehenerregender Gesellschaftsflandal wird aus Bukarest berichtet: In einem ele­ganten Cafö in einer der Hauptstraßen kam es am Sonnabend zu einer wüsten Rauferei zwischen zwei Angehörigen der ersten Kreise der Hauptstadt. Der Abgeordnete Mielescu und der Advokat Bancescu hatten mitein­ander aus einem unbekannten Grunde einen Wortwechsel, der bald in eine Schlägerei aus­artete. Mielescu versetzte seinem Gegner eine kräftige Ohrfeige und wurde darauf von dem entrüsteten Publikum mißhandelt und aus dem Lokal geworfen. Dieser Vorgang wird wahrscheinlich ein gerichtliches Nachspiel haben, das den Sensattonshunger der Bukarester Ge­sellschaft aus einige Zeit befriedigen wird. Die Affäre erregt in allen Kreisen der Bevölkerung das größte Aufsehen, da die beiden Beteiligten zu den angesehensten und bekanntesten Persön­lichkeiten der Hauptstadt gehören.

Nur dem fast unglaublichen Zufall, daß die um­gestürzten Wagen nach der Außenseite der Gleise gefallen sind, ist die Verhütung eines furchtbaren Unglücks zu danken. Ein nicht min­der glücklicher Zufall hat alle Reisenden vor ernsten Verletzungen bewahrt. Nur eine Dame hat eine kleine Nervenerschütterung erlitten. Die Eisenbahnverwaltung glaubt, daß ein Ver­brechen von entlassenen Arbeitern oder von re­volutionären Elementen begangen worden ist, denn eine Schiene warlosge­schraubt und das Werkzeug, das zum Los­schrauben gedient hatte, lag" neben einigen Nummern von anarchistischen Blättern auf dem Gleise.

*

Die Leidensgeschichte einer Mutter.

Wie drakonisch in mancher Beziehung die englischen Gesetze sind, zeigt das Urteil eines Londoner Geschworenengerrcbts,das eine ver­zweifelte Mutter, die mit ihrem Kinde zusammen Gift genommen hatte,' selbst aber ge­rettet wurde, zum Tode verutteilte. Es wird uns darüber folgendes berichtet: Eine Witwe namens Murphv wußte nach jahrelgngem Kämpf um das tägliche Brot schließlich nicht mehr aus noch ein. Sie konnte mit- ihrer Hände Arbeit die Schar der sechs unmündigen Kinder nicht ernähren, für die sie nach dem Tode ihres Mannes allein zu sorgen hatte. Als sie wieder einmal die Miete nicht zusammen Hätte und keine Aussichten auf Verdienst vorhanden wa­ren, verschafite sie sich Gift, das sie ihrem jüng­sten Kind, einem sünfjährigen Mädchen, ein- slößte. Dieses, ihr Herzblatt, sollte mit ihr in den Tod gehen. Für die anderen würde schon gesorgt werden. Dann nahm sie selbst das Gift. Während ihr Kind starb, genas sie selbst wie­der nach wochenlangem Aufenthalt im Kran­kenhaus. In der jetzigen Gerichtsverhandlung wurde die Unglückliche als Kindesmörderin zum Tode verurteilt, obgleich alle Zeugen die traurige Lage und ihren verzweifelten Existenz­kampf in bewegten Worten schilderten.

Ä-

Das Attentat auf den Schnellzug.

Ein verbrecherisches Attentat ist (wie wir schon kurz berichtet haben) gegen den Schnell­zug Havre-Paris verübt worden. Der Zug trifft abends um Halbzwölf Uhr in Paris ein. Als der Zug am Freitag kurz nach zehn Uhr den Bahnhof von Pont de l'Arche passiert hatte und auf die Station Levy Pose zufuhr, wurden die Passagiere durch einen heftigen Stoß aus dem Schlaf geweckt. Die Wagen fielen zumTeilum und blieben in der Nähe der Seine am Rand eines Steinbruchs liegen. Die Lokomotive fuhr allein neben dem Gleise 200

Sie teure Seit.

Der Preisstand der Lebensmittel.

Die Höhe der Lebensmittelpreise ist sür die Gestaltung des Konsums und damit für die Nachfrage auf dem Warenmarkt von viel grö­ßerer Bedeutung, als sie dem Grade der Auf­merksamkeit entspricht, die man der Bewegung der Lebensmittelpreise' zurzeit wid­met. Für 177 Orte Deutschlands, für die die Preise der wichtigsten Lebensmittel gleichartig erhoben werden, ergibt sich nun, daß die Kosten des wöchentlichenNahrungsmittel­

aufwandeö, berechnet auf Grund der Nah. rungsmittelration des deutschen Marinesolda. t-:, für eine vierköpfige Familie im Monat Mai 23,72 Mark betrugen. Im laufenden Jah­re war die Bewegung dieser Indexziffer fol­gende:

Januar Februar März April Mai

25,5 23,61 23,60 23,80 23,72

Für Januar bis April stellte sich die Index­ziffer auf 23,62 Mark, durch den Einfluß der Maiziffer wird sie für die ersten fünf Monate auf 23,65 Mark erhöht. Im nachstehenden wird für die meisten Großstädte der Index der Monate Januar bis April, des Monats Mai und der Monate Januar bis Mai gege­ben, und zwar ist die Zusammenstellung in der Weise angeordnet, daß zunächst die Städte ver­einigt werden, deren Standardziffer im Mai 24 Mark und darüber beträgt:

Jan.'/April Mai Jan./Mai

Karlsruhe 26,54 27,03 26,64

Krefeld 26,90 26,94 26,91

Köln 27,20 26,88 27,14

Düsseldorf 26,16 25,83 26,04

Wiesbaden 25,31 25,71 25,40

Halle a. S. 25,47 25,44 25,46

Essen 25,05 25,11 25,06

Frankfurt a. M. 24,81 25,11 24,87

Straßburg 24,21 24,93 24,35

Magdeburg 24,77 24,78 24,77

München 23,22 24,51 23,44

Mannheim 24,65 24,48 24,53

Breslau 24,26 24,27 24,26

Altona - 24,65 24,24 24,56

Von den Großstädten gehören die vorstehen­den zu den Plätzen mit den höchsten Nahiungs- mittelpreisen. Es sind nur vor allem Städte im Westen des Reiches, aber es fehlen auch nicht Plätze in anderen Gegenden, wie Halle, Mag­deburg. München, Breslau und Altona bewei­sen. Dem Gesamtdurchschnitt nahe steht der Index nur in folgenden dreizehn Großstädten:

Jan./April

Mai

Jan./Mai

Cassel

23,41

23,97

23,53

Duisburg

23,39

23,91

23,50

Braunschweig

23,35

23,88

23,46

Stuttgart

23,39

23,64

23,20

Hannover

22,92

23,46

23,04

Dortmunb

23,60

23,28

23,53

- Bochum

24,12

23,22

23,93

Berlin

23,18

23,22

23,18

Chemnitz

23,55

23,18

23,48

Nürnberg

22,92

23,16

22,97

Plauen i. V.

23,04

23,13

23,06

Posen

23.83

23,10

22,89

Hamburg

23,28

23,01

23,23

Unter 23 Mark

stellt sich bie Indexziffer nut

in acht Großstädten. Am niedrigsten ist der Mai-Index für Leipzig. Wenn auch die tatsäch­liche Höhe der Lebensmittelpreise nicht genau der rechnerischen Anordnung entspricht, so dürste dock, die Einteilung nach den drei Grup­pen der Wirklichkeit ziemlich nahe kommen, und auch innerhalb der Gruppen sind die Un­terschiede in der Indexziffer nicht belanglos. Wichtig aber ist vor allem die Bewegung der Indexziffer an dem einzelnen Orte selbst. Man sieht aus den Indexziffern für Januar-April und für Januar-Mai ganz genau, in welchem Grade sich die Preise der berücksichtigten Nah­rungsmittel im Mai verändert haben und wie sie aus die Kosten der Ernährung einwirken

-as- > --- EU3B0BBB0B0BBBBEU3 BBBBBBBBBBBBB | Der Wert der Zeitmrgs Annonce: g m Ueber die Notwendigkeit der Reklame ist g Zwohl heute niemand mehr im Zweifel, b 0 Rentieren tut sich aber nur eine groß- m m zügige und dauernd durchgeführte Reklame, § Zünd zwar in solchen Jnsertionsorganen, b 0 welche die tägliche Lektüre der in Frage 0 Z kommenden Kreise oder Bevölkerungsschich- g Uten ist. 0

^Brandenburg.

Brennabor-Werke Gebt. Reichstei«, g 000000000 0000000B0B000B0BBBBH

Frommer Betrug.

Skizze, von Anna Julia Wolff.

Wer hat da geklingelt, Mariechen?"Ein Drief, Tantchen, und rate, von wem?"

Von Fritz, Mariechen? Ja, ist's von mei­nem geliebten Jungen?"

Natürlich, Tantchen, da steht's. Absender: Fritz Krammhacher, Rio de Janeiro."

Aber, so lies doch schnell, mein Kind, ich vergehe ja fast vor Erwartung und Ungeduld!"

Das junge Mädchen setzte sich zu den Fü­ßen der blinden Frau und las:

Mein innigstgeliebtes Mütterchen!

Also, Du zürnst mir, daß mein letzter Brief an Dich so wenig ausführlich war? Ja, mein Goldmuttchen, das ist nun freilich schlimm, denn auch heute habe ich die Ab­sicht, mich sehr kurz zu fassen. Glaub' mir, die Geschäste wachsen einem fast über den Kopf, und jede freie Minute muß man sich abstehlen. Kaum, daß man genügend Zeit findet, einer lieben, alten Frau da in der Heimat einen innig zärtlichen Gruß zuzuru- fen. Aber, wenn ich Dir auch wenig von meinem Tun und Treiben hier berichten kann, Du weißt es ja, ich fühle mich wohl und glücklich in meiner Tätigkeit, nun, und vaß jeder Gedanke, jeder Herzschlag Dir und meinem lieben Bräutchen gehört, brauche ich wohl nicht erst zu versichern. Sei also lieb, Herzensmuttchen, und verkümmere _Sir Deine alten Tage nicht durch unnötiges Sor­gen. In dreizehn Monaten bin ich wieder bei Dir, und dann soll es meine heiligste Pflicht fein, Dir Deinen Lebensabend licht und wolkenlos zu gestalten. Gott fchütze Dich und meine liebe Marie.

Dein Fritz.

Das junge Mädchen kniffte den Brief zu­sammen und legte ihn in die Hände der Tante. Inbrünstig preßte die alte Frau ihn ans Herz,

und ihre bebenden Lippen stammelten:Mein Fritz, mein geliebter, herrlicher Sohn."

Schweigend verließ die Nichte das Zimmer und ließ die Blinde mit ihrem Heiligtum allein.

Aber dann auf ihrem Stübchen, da brach es aus ihr hervor. Mit qualvollem Stöhnen warf sie sich auf ihr Lager und ein leidenschaft­liches, nicht endenwollendes Schluchzen ent­rang sich der Brust des gequälten, armen und unglücklichen Wesens.

Ein Jahr fast währte nun schon der fromme Betrug. Ein langes, banges Jahr, in dem das junge Mädchen ihr schmerzvolles Geschick mit heldenhafter Seelenstärke gettagen hatte. Aber konnte sie denn anders? Durfte sie der blin­den, hilflosen Fran mit dem Geständnis den Todesstoß versetzen? Es wäre geradezu Mord, hatte der alte Sanitätsrat damals gesagt, wenn man der unglücklichen Mutter dre grauenhafte Wahrheit Mitteilen wollte. Und so log und heuchelte sie denn weiter und führte mit blutendem Herzen eine Rolle durch, wie sie qualvoller, raffinierter kaum ein Tragödien­dichter ersinnen konnte. In anfcheinend heiter­ster Stimmung hörte sie zu, wenn die alte Dame Zukunstspläne machte und sie ihre ge­liebte Schwiegertochter nannte, und wöchent­lich einmal las sie der ahnungslosen Frau einen Brief ihres fernen Sohnes vor, jenes Sohnes, den nun schon zwölf Monate der stähle Rasen deckte.

Was aber, wenn sie wider Erwarten doch noch das Jabr überleben sollte und die Rück­kehr ihres schmerzlich vermißten Sohnes er­wartete? Ja, was bann? Aber nein, das war ja unmöglich, denn nur eine kurze Spanne Zeit war der schwerkranken Fran noch gesetzt. Denn ein schleichendes Leiden hatte ihren sie­chen Körper fast verzehrt und ihr Leben, so sagte der treue Arzt und Berater, zähle nur noch nach Wochen. Die Leidende selbst freilich ahnte nichts vom Ernst ihrer Krankheit. Ihr

ganzes Denken konzentrierte sich nur auf ihren Sohn, alles andere, auch der Verfall ihres Körpers, hatte kein Interesse für sie. Aber dann, urplötzlich, kam eines Tages doch der Moment, wo sie es fühlte: es geht zu Ende mit dir. Und da beschwor sie den Arzt mit heißem Flehen, sie nur so lange zu erhalten, bis sie ihr geliebtes, einziges Kind wiederge­sehen hätte. Und ohgleich sie der Arzt zu be­ruhigen versuchte, und Marie ihr ein Tele­gramm vorlas, daß der Sohn feine Heimkehr beschleunige und sie in einem Monat umar­men könne, sie glaubte ihnen nicht und ver­zehrte sich in wahnsinniger Angst und Sehn­sucht.

Und nun lag sie auf ihrem Lager, und der Todesengel breitete seine Schwingen um sie.

Wie spät ist es, Mariechen, kann er heute noch kommen?"

Gewiß, Tantchen, heute nacht, oder mor­gen spätestens, ist er hier."

Morgen? Ja, wenn ich nun aber morgen nicht mehr bin?"

Aber sei doch ruhig, Tantchen, morgen ist es enffchieden besser mit dir, das sagt auch der Onkel Doktor."

Unb ble Sterbende lehnte sich mit einem Seufzer in die Kissen zurück und dämmerte dem Jenfeits entgegen. Da plötzlich richtete sie stch mit großen verklärten Äugen auf.O, Mariechen, ein Wunder ist geschehen, ich bin wieder sehend . . . und sieh ; t .' ba . . . in der Tür . . . Fritz, mein geliebter Junge, nun habe ich dich, wieder.". .

Unb die erloschenen Augen schlossen sich für immer.

Ende.

Die Zähmung einer Ameise.

Ueber die Zähmung einer Ameise bringt die ZeitschriftNature" interessante Mitteilun­gen, in denen sie darauf hinweist, wie u n g e -

heuer schwierig dieses Werk gewesen fein muß. Die Zähmung einer Ameffe ist ein Kunst­stück, bas kürzlich dem Jesuitenpater Wasmann (neben dem Engländer Lubbock gegenwärtig wohl der hervorragendste Ameisenforscher und -Kenner) gelungen ist. Wasmann hielt in einem bet von ihm erfunbenett künstlichen Ameisen­nester mehrere Arten blefet kleinen, wilden Tiere in gemischter Ansiedlung und hatte ein Fütterungsrohr" damit verbunden, daS in einer mit einem Korkstopfen verfehenen Glas­kugel endigte. Hier pflegte sich regelmäßig eins der Tierchen einzufinden, das durch feine Klein­heit besonders auffallend und auch fonst leicht erkenntlich war, fo daß eine Verwechslung mit anderen seiner Genossen ausgeschlossen war; es leckte an dem ihm gebotenen Honig oder Zucker: füllte sein Kröpfchen und teilte den gefammel- ten. Vorrat nachher mit feinen Nestgefährtest Wasmann nahm nun öfter den Korkstopsen vop der Glaskugel, worauf die Ameife heraus kam und außen nach Futter suchte; näherte er ihr- dann eine in Honig getauchte Nadelspitze, sch schrak sie zwar kurze Zeit zurück, kam aber dann mit prüfenden Fühlerbewegungen näher und leckte den Honig ab. Später nahm sie ihn fo- gar unmittelbar von der Fingerspitze, was viel besagen will, da den Ameisen jeder stemde Le­bensgeruch, außer dem ihres eigenen Nestes,' zunächst widrig oder furchteinflößend ist und sie zum Angriff oder zur Flucht reizt. Zuletzt brachte es Wasmann fo weit, daß sie sich re­gelmäßig nach Erbeutung des Honigs ohne die geringste Gegenwehr und ohne einen Flug­versuch zu machen, mit einem Greifzängelchen am Hinterbein aufnehmen unb ins Nest zurück­tragen ließ. Wer, wie bie Naturforscher, bie angeborene Wi ldheit unb Kampf gier dieser Tiere kennt, gegen bie ein bengalischer Tiger eigentlich eine Unschuldstaube ist wird die Beobachtung Wasmanns erst im vollen Maße toürbigenmnb seine Kunst als Tierbän' diger". nicht gering schätzen. . . 2