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Nr. 176. 1. Jahrgang.

Casseler Neueste Nachrichten

Sonntag, 2. Juki 1911.

mehrere Tage zwischen Tod und Leben schweb­te, wußte nur anzugeben, daß in jener Schrek- kcnsnacht seine Mutter, durch ein Geräusch ge­weckt, aufgestanden sei, und daß bald darauf ein fremder Mann in weißer Hose an seinem Bett gestanden und auf ihn einge­schlagen habe. Auch in diesem zweiten Falle gerieten zunächst mehrere unschuldige Perso­nen in schweren Verdacht.

Ein Zigarrenmacher und sein Sohn kvurden auf Anordnung der Staatsanwalt­schaft in Polizeigewahrsam genommen, muß­ten aber wieder sreigelaflen werden. Auch in diesem Falle war die Hopf die Mörderin. Zwi­schen diesen beiden Mordfällen wurden dann verschiedene thüringische Städte noch durch seltsame schwere Einbruchsdieb­stähle beunruhigt, bei denen wiederholt ein Mann in Weißen Frauenhosen eine Rolle spielte. Dieser Umstand machte vor allem die Aerzte stutzig, da man daraus auf einen pervers veranlagten Verbrecher schloß. Das Hauptinterresse bei diesen Einbrucksdieb- stahlen konzentrierte sich auf einen solchen in der Stutzbäuser Kirche, wo unter anderem der Kirchenschlüssel, die Alarbibel, Abendmahls­kelche und merkwürdigerweise auch die Spitzen von einer Altardecke von dem Täter geraubt wurden. In einem anderen Falle war das Kurhotel Tröster in Oberhof das Opfer eines solchen Diebstahls. Aber auch hier blieb der Täter unentdeckt. Da meldcie sich Anfang März dieses Jahres, also drei Jahre nach dem Schwarzwälder Mord, bei dem Landratsamt des Kreises Ohrdruf die jetzt auf der Anklage­bank sitzende mysteriöse Persönlichkeit mit der Angabe, daß sie geisteskrank zu werden fürchte und deshalb um ihre

Aufnahme in eind Nervenheilanstalt bitte. Gleichzeitig erschienen aber auch auf dem Landratsamt die zwei Frauen, bei denen Karoline Hopf alias Karl Hopf bisher ge­wohnt hatte, und beschwerten sich darüber, daß diese ihnen auf die Kündigung ihres bisheri­gen Lgis hin. drohe, daß eine von ihnen beiden sterben müsse, ehe sie. die Hops, die Woh­nung räumen würde. Die weiteren Nacksor- sckungen ergaben, daß die Hopf mehrere Tage vor ihrer auf die Angabe der beiden Frauen hin erfolgten vorläufigen Festnahme auch ihre in Gabatz bei Friedrichsroda wohnhafte Schwester mit dem Tode bedroht batte. Sie hatte sich zu diesem Zwecke bereits mit einem Revolver versehen und auf den Bo­den des Hauses ihrer Schwester aescklichcn. wo sie in einer dunklen Ecke kauernd, von einem durch die Schwester berbeigerufencn Polizisten entdeckt wurde. Leider unterließ dieser ihre , Festnahme. Da die Schwester kurz zuvor eine .größere Geldsumme vereinnahmt hatte, so nahm man an, daß cs sich bei der Angeklagterz nicht so sehr um eine Familicndifserenz als

um einen beabsichtigten Raub gehandelt hatte, und es wurde deshalb in ihrer bisherigen Behausung eine Durchsuchung vorgenommen, die ein geradezu sensationelles Ergebnis hatte. Man fand bei der Angeklag­ten nicht nur zahlreiche fremde Wäschestücke, aus denen der Name herausgeschnitten und die Löcher mit anderen Lappen ausgebessert waren, sondern auch verschiedene Gegenstände, die aus dem Hotel Tröster in Oberhof berrühr- teu. wo die Angeklagte längere Zeit hindurch als Dienstmädchen beschäftigt gewesen war. Ferner aber fanden sich auch Gegenstände, die die Angeklagte als Täterin bei dem Einbruch in die Stutzbäuser Kirche erkennen ließen, so der Kirchenschlüssel und mehrere Goldklum- p e n, die offenbar von geschmolzenen Altarge­räten herrührten. Mit den geraubten Gegen­ständen hatte die Angeklagte nicht nut ihre Wohnung dekorativ ausgestattet, sondern auch verschiedentlich Gesellschaften gegeben und sich dadurch im Schwarzwald ein gewisses Ansehen verschafft.

Die größte Uebcrraschung rber wurde den Behörden dadurch bereitet,

daß die Angeklagte im Untersuchungsgefäng­nis nicht nur die Täterschaft bei den Ein­bruchsdiebstählen zugestand, sondern auch an- aab, die beiden Morde an der Hebamme Pflügner und an der Frau des Hofzimmer­meisters Bochröder begangen zu haben. Hebet die Persönlichkeit der Angeklagten konn­ten sich die Aerzte lange nicht einigen. Wohl ergab sich die völlige geistige Zurcchnungs- fähigkeik der Karoline Hopf bezw. des Karl Hopf, doch ihr Geschlecht war nicht festzustellen. Man einigte sich deshalb dahin, sie weiterhin als Frau zu kleiden, die Anklage jedoch gegen Karl Hopf zu erheben. Bei den Feststellungen über ihre Personalien zieht wiederholt ein leises Lächeln über die Züge der rätsel­haften Persönlichkeit, die, wie der Vorsitzende feststellt, int Jahre 1888 in Schwarzwald als Kind normaler Eltern geboren ist. Sie ist auf den Namen Karl Hopf getauft und stan­desamtlich eingetragen, sie ist aber immer als Mädchen behandelt worden und führte des­halb von Kindheit auf den Namen Karoline.

Die Eltern der Angeklagten sind 1891 verstorben, und sie wurde seit dieser Zeit von den Großeltern verpflegt. Ein kör­perliches Gebrechen, das mit der abnormen Veranlagung der Anaeklaqten in Verbindung steht, wurde von den Aerzten vergeblich zu be­kämpfen versucht. Sie wanderte von Opera­tionstisch zu Overationstisch und kam infolge­dessen erst mi elf Jahren zur Schule. Die Auf­nahme in ein Fürsorgebeim ließ sich nicht er­möglichen. weil sämtliche Anstalten die Auf­nahme ablehnten. Hopf mußte zu den Groß­eltern zurück, die für die Vervflegung vom Staat einen kleinen Zuschuß erhiesten. Nach der Konfirmation, die erst sehr svät erfolgte, fristete die Anaeklagte als Tagelöhnerin ihr Leben. Als solche verübte sie im Laufe der Zeit eine große Anzahl von Diebstählen, we­gen denen sie früher zu zwei Jahren Gefäng­nis verurteilt wurde, die sie auch verbüßte. Außerdem schweben gegen sie noch verschiedene Strafverfahren wegen anderer Einbrucbsdieb- stähle. Die Angeklagte nahm das gegen Mit­ternacht gefällte doppelte Todesurteil mit großer Ruhe entgegen. . . -er-

Nie MM les Zages.

s Kaisetbesuch 'N Homburg? Ein Pri­vattelegramm berichtet uns aus Ber­lin: Aus einaeweihten Kreisen verlautet, daß im August auf einen Besuch des Kaiser- Paares in der Homburger Gegend zu rechnen ist. Der Kaiser hatte bei seiner kürz­lichen vorübergehendan Anwesenheit die Absicht geäußert, daß er nochmals wiederkommen werde. In Homburg v. d. H. stebt bekanntlich die Weihe der Gedenktasel sür König Eduard in der englischen Kirche bevor, und man Ver­mutet, daß der Kaiser dieser Feier beiwohnen wird, obwohl eine endgültige Entscheidung darüber noch nicht vorlieat.

S3 Die Techniker der Marine. Aus Wil­helmshaven wird uns depeschiert: Die bei der hiesigen Marineintcndantur und den Gar- nisonbauämtern beschäftigten B a u t e ch - niker haben beschlossen, sich dem Vorgehen der Kieler Techniker anzuschließen, die neuen vom Reicksmarmeamt ausgearbeiteten Anstel- limgsverträge abzulehnen und ihnen ihre Unterschrilt zu verweigern. Für den Fall, daß die beteiligten Beamten ans ihrer Stellung entlassen werden, will der Deutsche Techniker- Verband die Sperre über die Marine-Betriebe verhängen. Am morgigen Sonntag soll in Bre­men eine Zusammenkunft der Delegierten der einzelnen Ortsvereine des Technikerverbandes stattfinden, um entsprechende Beschlüsse zu fassen.

-Za Riesen-AuSspcrrung in Norwegen. Wie uns aus C h r i st i a u i a gemeldet wird, wa­ren durch das Eingreifen des Ministerpräsiden­ten in den großen Arbeitskonflikt neuerliche Verhandlungen aufgenommen wor­den. Diese sind nun gescheitert. Die Arbeit­

geber werden daher heute eine neue Aus­sperrung vornehmen, die mit der früher er­klärten zusammen zweiunddreißigtau­send Arbeiter umfaßt. Die streikenden Bergarbeiter hinzugerechnet, werden dann sechsunddreißigtausend Mann ar­beitslos sein.

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Aus Wien wird uns depeschiert: Gestern waren an der Börse wieder allerhand ungün­stige Gerüchte über das Besinden des Kaisers verbreitet. Diese Gerüchte entbeh­ren aber (toie aus der Umgebung des Kaisers aus Lainz mitgeteilt wird) jeder Grundlage. Das Befinden des Kaisers sei andauernd gut.

Wie uns aus Berlin gemeldet wird, hat der Bundesrat seine letzte Vollsitzung vor der Sommerpause am vergangenen Mittwoch abge­halten. Voraussichtlich wird die erste Sitzung nach der Pause erst am fünften Oktober statt­finden.

Rems vom Zoae.

(Depeschen der Casseler Neuesten Nachrichten.)

xx Ein Todrssturz. In Porz bei Köln stürzten gestern beim Zusammenbruch eines Gerüstes an einem Geschäftshaus zwei Arbei­ter aus einer Höhe von zwölf Metern. Der eine war sofort tot, dem andern waren Arme und Beine gebrochen. Eine vorübergehende ältere Frau und mehrere andere Personen wurden leichter verletzt.

m: Das tragische Ende eines Kinderspiels. Der sieben Jahre alte Schüler Georg Engel aus Berlin fpielte mit einem älteren Knaben namens Seidelmeyer und anderen Jungen an der Kieler Brücke. Während die beiden vom Treidelsteg aus nach Fischen haschten, gab ein unbekannter Junge dem Seidelmeyer einen Stoß, der ihn gegen den vornübergebeugten, neben ihm stehenden Engel warf. Unter der Wucht des Stoßes fiel der Knabe ins Wasser. Er ging gleich unter und kam nicht wieder zum Vorschein. Seidelmeyer und die anderen Jun­gen erschraken so heftig, daß sie in ihrer Be­stürzung davon liefen, ohne etwas zu sagen. Gestern wurde die Leiche des verunglückten Knaben gelandet.

Jugend von heute. Auf der Hochbahn­station Oranienstraße in Berlin gerieten ge­stern nachmittag per vierzehnjährige Ernst Wickel und der dreizehnjährige Fromm in eine Prügelei. Als sich den beiden Prügelnden ein Straßenbahnwagen näherte, warf Fromm sei­nen Gegner vor die Räder des Wa­gens. Diese gingen über ihn hinweg und trennten dem Knaben beide Beine vom Rump­fe. Der Verletzte wurde von Passanten zur Un­fallstation und von da ins Krankenhaus ge­bracht.

xx Ein Raubmord im Baucrugehäft. Nahe dem Dorf Sellin bei Bärwalde in der Neu­mark bewirtschaftete ein Ehepaar einen einsam gelegenen Bauernhof. Gestern nun drangen Mörder in das Gehöft, ermordeten das Ehe­paar, raubten das Gehöft aus und entkamen.

es Ter Typhus in Schneidemühl. Zu der Typhpsepidemie in Schneidemühl wird gemel­det,daß die Gesamtzahl der Typhuserkrankungen bis heute zweihundertvierunddreißig beträgt. Das Krankenpflegerpersonal ist um 5 katholische Schwestern vermehrt worden. Oberregierungs­rat Kirchner von der Gesundheitskommission hat jetzt festgestellt, daß nur Milch als Krank­heitserreger in Frage kommen könnte, da das Wasser der Stadt einwandfrei sei.

nr Die neueste Autokatastrophe. Auf der Straße von Osiviecin nach Krakau fuhr gestern ein Automobil, in dem sich der Landtagsabge­ordnete Bugeiski, der Bezirkskommandant Ku- bitzki und der Landesadvokat Dr. Schlank be­fanden, gegen einen Kilometerstein. Das Auto­mobil schlug um und die Insassen wurden her­ausgeschleudert. Kubitzki war sofort tot, die beiden anderen Insassen schwer verletzt. Ein

Radfahrer, der zufällig vvrbeikam, holte aus Krakau einen Wagen der Rettungsgesellschaft der die Verletzten ins Krankenhaus brachte Bevor der Wagen aber eintraf, waren die drei Verunglückten von Strolchen vollkommen aus­geplündert worden.

xx Rumänien im Unwetter. Die Umge­bung von Bukarest ist durch einen Wol- kenbruch verwüstet worden. Zahlreiche Dä­cher wurden abgesetzt und viele Häuser stehen unter Wasser. Der Schaden ist sehr bedeutend. Die Frucht auf den Feldern ist zum Teil ver­nichtet, eine große Anzahl Menschen sind ob­dachlos geworden. Man sucht mit verzweifel­ten Kräften die plötzliche Ueberschwemmung abzudämmen.

~ Die Tragödie einer Sängerin. Die 58er- liner Varieteesängerin Elfi-Tidi, die zurzeit in Belgrad weilt, schoß sich gestern mit ei­ner Browningpistole in selbstmörderischer Ab­sicht eine Kugel in den Kopf. Bei det 1 polizeilichen Vernehmung behauptete sie, sie ' habe aus Not Hand an sich gelegt. Freundin­nen jedoch suchen das Motiv der Tat in un­glücklicher Liebe zu einem Gesandtschafts-Se­kretär. Die Künstlerin, eine geborene Englän­derin. wurde ins Spital gebracht.

xx Neue Erdstöße in Messina. Gestern wurden in Messina kurze Erdstöße verspürt. Das Erdbeben war kurz, aber sehr heftig. Ein größerer Schaden ist jedoch nicht dabei entstan­den. Auch ist niemand verletzt worden.

ta: Aus der Schreckensecke des Balkans. Gestern wurde auf eine Brücke, die etwa elf Kilometer von Saloniki entfernt liegt, ein Bombenattentat verübt. Es richtete zum Glück jedoch keinen weiteren Schaden an. Die Attentäter sind leider entkommen.

Las Neueste aus kastel.

In eigener Sache.

Am fünften April dieses Jahres veröffent­lichte der hiesige Zeitungsverlag Gebrüder Schneider in feinem Blatte eine Mitteilung, in der von der Zusendung anonymer Postkarten an hiesige Geschäftsfirmen die Rede war. Der Inhalt dieser Postkarten rich­tete sich gegen das im Verlag der Firma Schneider erscheinende Blatt, dessen Jnserti- onswert bestritten wurde. In der Mitteilung der Firma Schneider war von einerunlaute- ren und heimtückischen Schädigung" und von einemunsoliden und unreellen Geschästsge- bahren" die Rede. Da die ganze Art der Ver- öfsentlichung (in der auch aus unsere Zeiwng Bezug genommen wurde) deutlich den Verdacht auszudrücken geeignet war, daß die Firma Ge­brüder Schneider zwischen dem anonymen Absender der Karten und dem Verlag der Casseler Neueste Nachrichten" einen direkten Zusammenhang vermute, richtete der Verlag derCasseler Neueste Nach­richten" an die Firma Schneider ein Schreiben, in dem er sich gegen die in der Veröffentlichung enthaltene Andeutung entschieden verwahrte und seinerseits das Vorgehen des Anonymus scharf verurteilte. Da die Veröffentlichung der Firma Schneider gleichzeitig geeignet war, die Casseler Neueste Nachrichten" zu verdächtigen, und sie in der öffentlichen Meinung herabzu- setzen, strengte der Verlag gegen die Jnhaher der Firma Schneider die Privatklage an. Am letzten Donnerstag wurde diese Klage vor dem hiesigen Schöffengericht verhandelt. In der Verhandlung machte der Verteidiger der Beklagten geltend, es sei ausgeschlossen, daß mit der Veröffentlichung der Gebrüder Schnei­der eine bestimmte Persönlichkeit bezeichnet werden sollte; die Angeklagten seien auch gar nicht in der Lage, eine bestimmte Person zu be- zeichnen." Daß trotzdem in der Veröffent­lichung vom fünften April ausdrücklich von unsolidem und unreellem GeschäftSgebahren" die Rede war, daß also die Firma Gebrüder

Aviatische Glaste«.

Vom Kinderfpielzeug zur Flugmaschine.

Wenn unsere Kinder zuerst den rauschen­den Flügelfchlag vernehmen vomsteten Flug der hastenden Zeit", drängen sie an unsere Knie und forschen nicht nach demEinst", das kom­men wird (denn gesundes Gefühl läßt sie dun­kel ahnen, daß das i h r und nicht unser Land ist), fragen mit weiten, ernsten Augen nach jenemEinst", das w a r, als ihre kleinen Seel­chen noch im Holleteich schliefen. Und wir grei­sen weit hinein in unser Erinnern und zeigen ihnen die Strecke, die wir vom Weg der Menschheit erkannt haben, bis zur Zeit, da wir jung waren und der glatzköpfige Mond noch Haare hatte. Bunt durcheinander Märchen mit grotesken Bildern, deren phantasiesporncude Kraft ich im Erziehungsplan nicht missen möchte, und historische Tatsachen, daß ein Band gewoben wird, hinüber von der Realität ihres Seins zu den Dämmerungen des Traumlands, an dessen äußerster Grenze ihr Sehnen bin« streicht. Jetzt, wo der Deutsche Rundflug nahe an Cassels Toren angelangt ist. werden sie bittend in uns bringen, daß wir ihnen erzäh­len, wie die Menschen das Fliegen gelernt, und da ist's nötig, daß wir zuerst einmal für uns selbst darüber nachgedacht haben.

Seit Helmholtz dem Flugtraum der Mensch­heit rechnerisch so scharf an's Leben gegangen, gehörte sonniger Optimismus dazu, noch auf die Zukunft desSchwcrer-als-die-Luft" zu bauen. Und doch habe ich, zu einer Zeit, da Aeroplan und Perpetuum mobile gleich undis­kutabel schienen, in einer kleinen hessischen Stadt solch Begnadeten gekannt, der rech­nete, dachte tief und klar über das Flugvroblem und die Mechanik des Vogelflugs, schrieb eine kleine Broschüre, die freilich niemand las, und war glücklich, wenn er über seine Passion (wir sagten:Luftsteckenpferd") reden konnte. Er durfte sich eigentlich nicht beklagen über man­gelndes Auditorium, aber das lag (zu mei­ner Schande sei's nachträglich bekannt) haupt­sächlich daran, daß er seine Deduktionen in seinem . . . vorzüglichen Weinkeller an­stellte.

Hätten wir nur damals nicht stets vor un- ferm Geist das Bild des Jkarus-Taumelflugs gesehen, oder das brausende Schwirren von

Wielands ehernem Flügel gehört: Wir wären sicher rascher an dem, uns Menschen unerreich­baren Phantom, der schwingenschlagenden Ma­schine. vorübergekommen, für die der gemeine Hausspatz, der Flugdilettant, Vorbild war. und wir hätten vielleicht gleich den Blick auf die großen Flugkünstler gerichtet: Raubvögel, Segler und als höchsten, den Sturmvogel Al­batros! Die Momentphotographie mit ihrer Schnelligkeit der Bewegungsfixierung und das wunderbar bewußte Sehen der Japaner ver­schafften doch zunächst nur dem Ornithologen und dem Maler neue Einblicke in die Geheim­nisse des Vogelflugs; für den Konstrukteur kam die Erkenntnis erst auf dem Umweg über die kleinen Wunder der Mechanik im Kinder­spielzeug, an denen die Menschen nun schon Jahrhunderte lang achtlos vorübergegan­gen waren.

Der A e r o p l a n (wie er seither fast un­verändert geblieben ist) entstand aus der Kreu­zung von amerikanischem Kastendrachen und derFliege", jener Luftschraube, die wir als Kinder so oft mit raschem Schnitt aus Zigar­renkistenholz anfertigten, die surrend auf­schwirrte. Selbst als des eleganten Brasili­aners spieliges Modellchen am Strand von Trouville sich stolz hundert Meter durch die stille Abendlandschaft elanzierte, um dann kopf­über in der leuchtenden Meerflut unterzutau­chen auf Nimmerwiedersehen, haben wir noch gelacht und durchaus nicht geahnt, daß uns ein Kolumbusci vor's Auge gezaubert worden war. Und i^ch ist Santos Dumont da­mals schon über das Erperiment hinwegge­wesen und sah die rechte Bahn hell vor sich liegen.

Nur war noch das Motorgewicht herabzu- brüden (Deutschlanb bat diese Aufgabe ge­löst!), um bie ersten Hügelhüpfer und bie Gleii- fliegcr zum brauchbaren Flugzeug fortzubilben. Was jetzt zu tun bleibt, ist bie Stabilisie­rung, bie vielleicht burch bas Kreiselsystem zu erreichen fein wirb, bas sich bet ber 6inf chie- ncnbafin so gut bewährt hat Dann wirb auf bie sportliche Eroberung ber Luft bie prak­tische folgen. Aber zu Jules Verne'scherFahrt nach anberen Sternen" kann uns leiber auch kein Aeroplan tragen, seine Fluafähigkeit enbet natürlich an ber Grenze bes Luftmeers, wo keine Reibung mehr den Steuerdruck erzeugt und die Schraube nicht mehr treiben kann.

Höher trägt uns nur der gläubige Traum von ber unaufhaltsam aufwärts führenden Bahn des Menschengeistes . . . Dicaste.

6ine chirurgische Sensation.

Die Entdeckung eines Amerikaners.

Wie uns ein Privat-Telegramm aus Berlin berichtet, wurde gestern von einem jungen amerikanischen Forscher, Professor Karret, vom Rockefeller-Jnstitut in Ncw- Dork, vor einem kleinen Kreis von Aerzten im Auditorium ber wissenschaftlichen Abteilung des Berliner chirurgischen Universitätsklini­kums eine aufsehenerregende medizinische Entdeckung bekannt gegeben. Es ist Pro­fessor Kartei geglückt, Körpergewebe, das verschiedenen Organen entnommen war, außerhalb des Körpers zu weite­rem Wachstum anzuregen, dadurch, daß er es auf einen besonderen Nährboden, das sogenannte Blut-Plasma, brachte. Dabei handelt es sich auch um Gewebe, das von er­wachsenen Lebewesen stammte, und zwar ge­sundes wie erkranktes. Die Gewebestückchen wurde» bei Bluttemperatur auf den Nähr­boden gebracht und es ergab sich, daß die Züchtung" für die verschiedenen Gewebe im wesentlichen von der Konzentration des Blut­plasmas. von seinem Gehalt an Wasser ab­hing. Dem. Vortrag folgte eine Vorführung der von Kanel gewonnenen Präparate in Form von Lichtbildern.

Man sah Gewebeftücke der Mil,, der Schild­drüse, des Knorvels, Nervenzellen und Ge­schwulstteilchen, die in geradezu verblüffender Weise ihr Wachstum" auf dem Carrclschen Nährboden erkennen ließen. Besonders deut­lich zeigte sich die Wackstumsenergie bei der Narbenbildung. Vortrag und Demon­stration ernteten reichen Beifall. Geheimrat Bier, der Leiter des Klinikums, und der als Gast anwesende Berliner Chemiker Geheimrat Fischer beglückwünschten den New-Aorker Gatt zu seiner außerordentlichen Entdeckung und Professor Sticker wies ausdrücklich darauk hin, daß die Carrelsche Entdeckung ungeahnte Ausblicke auf die ganze moderne Ge­schwulstlehre entwickelt. Professor Aleris Karre! ift erst achtunddreißig Jahre alt. Er stammt aus Lyon und ging vor Jahren, da er in fei­

nem Vaterlande nicht recht vorwärts kommen konnte, nach Amerika. In der wissenschaft­lichen Welt ist er durch feine Methode der Ge­säß- und ber Nieren-Transplatation bekannt geworden und seine neueste Entdeckung sichert ihm Weltruhm. -a-

Steines Feuilleton.

Felix Mottl auf dem Krankenlager. Ein Privattelegramm meldet uns aus München: Mottls Zustand, ber sich gestern nochmals verschlimmerte, ist unberänbert. Als Folge ber wieberbolten Anfälle ist allge­meine Entkräftung eingetreten. Die Nahrungsaufnahme ist sehr mangelhaft. Die große Schwäche macht sich auch in einer zeitwei­ligen Störung bes Bewußtseins gel- tenb. Der Kranke ist jetzt meist apathisch, spricht manchmal nur wenige Worte, verliert den Zu­sammenhang unb summt bann, dahindäm- mernb, eine Melobie. Seine ihm vor acht Ta­ge am Krankenbett angetraute Frau ist furcht­bar angegriffen, weicht aber nicht von bei Seite ihres Gatten unb will die Hoffnung nicht aufgeben.

t£- DerParsisal" bei den Kölner Festsvic- len. Es ist als ziemlich sicher anzunehmen, daß im Jahre 1914 bei den Kölner Festspielen der P a r s i f a l" seine erste Ausführung in ber rheinischen Kunstmetropole feiern wirb. Die reichen musikalischen unb bekorativen Mittel, bie bet idealistisch gesinnte, von Erwerbsrücksichten gänzlich unbeeinflußte Kölner Festspielverein auszubringen pflegt, sollen Gewähr für eine würdige Wiedergabe des Bühnenweihfestfpiels am Rhein bieten.

fcfij Franz Liszt's hundertjähriger Geburts­tag. Wie uns aus Budapest berichtet wird, will zu Ehren des hundertsten Geburtstages von Fran, Liszt die ungarische Regierung vom 21. bis 25. Oktober eine Feier veranstalten, deren Protektorat König Franz Joses übernom­men hat. Den Mittelpunkt der Feier wird ein großes Konzert bilden, an dem Eugen d'Albert Rosenthal. Emil Sauer, Stavenhagen unb be« rühmte Sängerinnen unb Virtuosinnen teilneh­men werben. Es werben bie Krönungsttteffe, symphonische Werke unb bas Chrittusoratorium von Liszt aufgeführt »erben.