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Nummer 176.

1. Layrgang.

Csffelrr WenLzritung hessische AbrnLzrttung

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Sie Schwarze Legion.

Eine .Afrikaner-Armee" «ege« Deutschland?

Das Schifflein des Herrn Catllaux, des neuen Mannes in Frankreich, schwankt unsicher bin und her. Die Erklärungen über seine StaatSkunst, mit der er die »Sammlung aller Republikaner" betreiben will, haben nicht überzeugt, und so ist es. wahrscheinlich, daß die Schonzeit, die man dem »bunten Kabinett" ge­währen wird, nickt lange dauert. Nur ein Minister (über dessen Berufung man ansangs erstaunt war) hebt sich mehr und mehr in seiner Bedeutung hervor, denn er versteht es, Frank­reichs Zukunstspläne in einer Weise zu betrei­ben, für die ihm die Zustimmung des Landes und der Kammer gesichert ist. Ueber den ge­stürzten General Goiran ist Herr Messimy auf den bedeutungsvollen Posten des Kriegs­ministers emporgestiegen. Was will Mes- simy? fragte man verwundert, als seine Er­nennung bekannt gegeben wurde. Aber in mi­litärischen Kreisen genoß Messimy schon als früherer Kolonialminister eine hohe Wertschät­zung, und zwar wegen seiner Abhandlungen über Frankreichs afrikanische Hilfsarmee. Schon im Jahre neunzehnhundertsieben stellte Messimy nach seiner Rückkehr aus Afrika den Plan zur Einführung der allgemeinen Wehr­pflicht der Eingeborenen in Algerien und dem französischen Sudan auf, und jetzt be­reitet der neue Kriegsminister den Gesetzent­wurf über die Einführung der obligatorischen Dienstpflicht in Algerien vor.

In Nordafrika stehen zurzeit, abgesehen von den marokkanischen Truppen Frankreichs, 82000 Franzosen, 25 000 angeworbene Einge­borene, 10000 Mann Fremdenlegion und 5000 Mann der Bataillons d'Afrique, zusammen also 72 000 Mann. Bei Einführung der obli­gatorischen drei- oder vierjährigen Wehrpflicht will man siebzig- bis achtzigtausend Mann für die Reserve schaffen, die den angeworbenen 25 000 algerischen Tirailleuren und Saphis hinzutreten sollen. Der französische Kriegsmt- nister glaubt, daß er in wenigen Jahren für einen Krieg gegen Deutschland allein aus Algerien etwa hunderttausend Mann nach Europa hinüberschaffen kann. Für noch beträchtlicher hält Messimy die Hilfs- quellen aus dem Sudan zur Bereicherung des Menschenmatertals für die französische Ar­mee in Europa. Oberst Mangin ist dem Krieglmtnister mit seinen in Afrika gemachten Aufstellungen zu Hilf« gekommen. Danach be» sitzt auch Westafrika ansehnlich« Streitkräf­te: Di« Gesamtbevölkenmg deS dortigen fran­zösischen Gebiets beträgt mehr alS zwölf Mil. ltonen. In Frankreist würde einer Bevölke­rung von zehn Millionen ein jährliche» Rekru- tenkontingent von 65 000 Mann entsprechen. In Westafrika plant man indessen nicht, den allgemeinen Pflichtheeresdienst einzufüh- ren, sondern man will alljährlich eine gewisse Anzahl Freiwilliger unter fünfundzwanzig Jahren für einen zwölf- oder fünfzehnjährigen Militärdienst anwerben.

Oberst Mangin empfiehlt dem Kriegsmi­nister einen zwölfjährigen Zentraum, damit mehr Reserven an ausgebildeten Mannschaften für einen europäischen Krieg gewonnen werden. Da der Militärdienst bei den Suda­nesen sehr beliebt ist, so hofft man dort 75000 Mann zu den Fahnen zu bekommen. Schon in drei Jahren will man bis zum sechsten Mobil- machungstage eine Division für Euro- p a zur Verfügung stellen, die am vierzehnten Mobilmachungstag in Bordeaux oder Mar­seille kriegsfertig eintreffen könnte. Ferner würden vom Beginn der Mobilmachung an neue Rekruten in die von Frankreich entsandten Ab­teilungen aufzunehmen sein. Diese würden teils als vierte Division im vierten Kriegsmo- not nach Frankreich, teils aber vom Beginn der Mobilmachung an nach Algerien zu senden sein, um die dortige Division zu verdreifachen und sie in den Stand zu setzen, eine fünfte oder sechste Division nach Frankreich in Marsch zu bringen. Der Generalgouverneur Französisch- Westafrikas tritt für die Einführung der allge­meinen Wehrpflicht auch im Sudan ein. Man werde dann in wenigen Jahren für den Kriegs­fall in Europa mehrere Armeekorps afrikani­scher Truppen zur Verfügung haben.

Man sieht also, daß die Pläne der Franzo­sen bezüglich der Aufstellung einer schwarzen Armee zur Verwendung bei einem Krieg in Europa bestimmte Gestalt anzunehmen begin­nen. und es ist ckarakteristisch .daß man in Pa­ris beut von einer Mobilmachung spricht, wie toeuä sie bereits in allernächster Zeit zu erwar­

ten sei. Delcassö sagte kürzlich in der Kammer, er werde trachten, die Flotte Frankreichs als­bald so schlagfertig zu machen, daß sie auf den ersten telegraphischen Ruf hin zur Aktion be­reit sei. Und diese Revanchestimmung herrscht trotz der Versammlung der Friedensfreunde, der außer vielen fremden Botschaftern die mei­sten Mitglieder der französischen Regierung beiwohnten. Anatol France, bezeichnete den bewaffneten Friedennoch schlimmer als den Krieg s e l b st." Aber in der politischen Atmosphäre liegt ein unbestimmter Druck, und zu dessen Beseitigung tragen die französischen Mobilmachungsgelüste wirklich nicht bei. Auch die Sympathie, die Herr Messimy mit seinen weitreichenden Afrika-Plänen im ganzen Land geweckt bat, gibt zu denken, und mahnt Frank­reichs Nachbarn, trotz aller Friedensdepeschen, trotz aller Eintracht-Bankette und trotz aller billigen Höflichkeit-Akte auf der Hut zu sein. Tief in der Gallier Seele schlummert, wie der Funke unter der deckenden Asche, der Re­vanche-Gedanke, und wer die Franzo- sen-Stimmung kennt, wild nicht daran zwei­feln, daß die Republik keinen Augenblick zögern wird, denrettenden Schlag" zu wagen, wenn sie sich stark genug und ausreichend grüstet' fühlt. Messtmy's Plan derschwarzen Legion" ist ein kühner Schritt auf dem Weg zu diesem Ziel, und wir haben Ursache, den weitern Gang der Dinge mit scharfem Auge zu verfolgen.

A. v. M.

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Salllaux' Kammer-Premiere.

(Privat-Telegram m.)

In der gestrigen Sitzung der französischen Deputierten-Kammer ergriff Ministerpräsident Caillaux sofort das Wort und verlas die Erklärung der neuen Regierung, die den be­reits gemeldeten Haupzügen entspricht und be- daß das Parlament zuerst die Frage der Abgrenzung sowie die Wahlreform erledigen solle. Zum Schluß der Regierungs- Erklärung bemerkte der Ministerpräsident:

Eine Regierung, die regiert und eine Po­litik der sozialen Entwickelung ver­folgt auf der Grundlage der republikanischen Ordnung deS Gesetzes: Das ist im wesentli­chen unser Programm. Jetzt urteilen Sie, meine Herren!"

Die Erklärung der Regierung wurde bei­nahe nach jedem Satze von dem Beifall der Kammer begleitet; insbesondere der Satz:Es dürfe nicht dazu kommen, daß man durch Ueber- tretung des Gesetzes glaube seinen Willen durchzusetzen!" Die Kammer nahm schließlich eine Tagesordnung an, in der der neuen Re- gierung das Vertrauen de» Parla­ment» ausgesprochen wird.

Die Hansa-Sezession.

Ein neuer Hansabund im Westen.

Essen, 1. Juni. (Prtvat-Telr- gramm.) Die niederrheinisch-weftfälische Bezirksgruppe deS H a n s a b u n d e S hat hier in einer gestern abgehaltenen Ver­sammlung ihrer Vorstände nach lebhafter dreistündiger Aussprache mit großer Stim­menmehrheit die Bildung einer selb­ständigen BezirkSgruppe beschlos­sen. Diese hat sich konstituiertunter Wah­rung ihrer vollen Selbständigkeit" und auf Grund der Richtlinien des Hansabundes. Ein weiteres Privat-Telegramm aus Essen berichtet uns über die neue Hansa- bund-Gründung folgende Einzelheiten:.In der gestern in Essen abgehaltenen Sitzung des Be­zirksausschusses des Hansabundes für den Ruhrbezirk, die von achtundfünfzig Herren be­sucht war und in der Geheimrat Kirdorf den Vorsitz führte, wurde mit allen gegen elf Stimmen beschlossen, aus dem Hansabund auszutreten und einen neuen Bund zu gründen, der nach den alten Richtlinien des Hansabundes die Interessen von Han­del und Industrie vertreten soll. Es wurde ausdrücklich betont, daß der neue Hansa­bund nicht gegen, sondern mi t dem Hansabund arbeiten soll. Der neue Bund will aber die Politik des Geheimrats Rießer, insbesondere seinen scharsen Kampf nach Rechts nicht mitmachen, sondern die Politik der mittleren Linie verfolgen. Vertreten waren zumeist Männer der Schwerindustrie. Der Beweggrund zu dieser Stellungnahme der rheinisch-westfäli­schen Industrie dürfte darin zu suchen sein, daß sie für die ersten fünf Jahre des Hansabundes ihm Garantiegelder zugesichert bat. Wie uns weiter mitgeteilt wird, hat der Vorsitzende des neuen Hansabundes, Geheimrat Kirdorf, in einem Schreiben an Dr. Rießer am gestrigen Tage feinen Austritt aus dem Hansabunde erklärt und näher begründet. Es verlautet auch, daß weitere Austritte ans dem Hansa­bund zu erwarten stehen und daß vermutlich die rheinisch-westfälische Groß-Industrie in der Hauptsache sich dem neuen Kirdors'schen Hansa­

bund anschließen wird. Welche politischen Konsequenzen sich aus dieser neuesten Sezession ergeben werden, läßt sich zurzeit noch nicht ab­sehen; cs ist aber anzunchmcn, daß die jetzige Läuterung" den Kern des Hansabundes nur kräftigen wird.

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Gaffel mrd der Hansabund.

Ein Vertrauensvotum für Tr. Rießer.

Der Austritt des Landrats Nötiger aus dem Hansabund hat den Vorstand der Casseler Ortsgruppe des Hansabundes veranlaßt, in einer Vollsitzung sich mit der durch den Austritt geschaffenen Lage zu befassen. Rach eingehen­der Erörterung der Schlußrede Geheimrat Rießers auf dem Hansataa. d,ie bekanntlich den Anlaß zu dem Austritt Röttaers gegeben hat, erklärt der Vorstand der hiesigen Ortsgruppe, daß er durchaus auf dem Boden der Rießer- schen Ausführungen stehe. Ans der zur An­nahme gekommenen längeren Resolution seien folgende Punkte herausgegriffen:

Wenn Rötger in seinem offenen Brief an Rießer schreibt, daß er den von diesem ge­forderten politischen Kampf gegen Rechts als satzungsgemäße Aufgabe des Hansabundes nicht anerkennen könne, so hat er den Kern der Rießerschen Ausführungen nicht erkannt oder nicht erkennen wol­len. Nicht zum allgemeinen Kampf gegen alles, was rechts steht, hat Rießer aufgerufen, sondern zum Kampf gegen die U e b e r agrarier, jene Agrardemagogen, die unter Hintansetzung der Interessen unseres gesamten Vaterlandes immer nur ihre In­teressen im Auge haben, und gegen diejeni­gen Personen, die aus Abhängigkeit, Kurz­sichtigkeit oder Egoismus die Parole dieser Herren zur 'hrigen machen. Ebenso wie die­ser Kampf nicht mit einem Kampf gegen Rechts identisch ist, ebenso wenig bedeutet er ein Ringen gegen die Landwirtschaft.

Nachdem in der Resolution der Ueberzeu- gung Ausdruck gegeben worden ist, daß der Hansabund auch ohne jene Kreise der Schwer­industrie sich weiterentwickeln werde, heißt es zum Schluß: Der Vorstand der Ortsgruppe Cassel steht unentwegt auf dem Boden der Richtlinien des Hansabundes,'die am vierten Oktober 1909 unter Mitwirkung des Landrats Nötiger aufgestellt sind, und erblickt nach wie vor in dem Zusammenschluß des gesamten erwerbstätigen Bürgertums innerhalb des Hansabundes daS Mittel zur allmählichen Be­freiung von dem auf Handel, Gewerbe, Hand­werk und Industrie lastenden Druck.

Ler ZeemanN'Krieg in Hüll.

Straßenkämpfe im Seemann-Streik.

Depeschen au» Hüll zufolge dauert der Seemann-Streik mit ungeminderter Heftigkeit fort. Eine gestern abend abgehaltene Versammlung von zwölstaufend Ausständigen lehnte eS ab, den von den Führern de» AuS- standeS angenommenen Bedingungen zuzu­stimmen, solange nicht auch eine Regelung der Forderungen der Dockarbeiter erfolgt fei. Die Eisenbahner haben ihre Entscheidung btS zu einer auf Sonntag einberufenen Versammlung verschoben. Ueber die gestrigen Streik-Kra­walle liegt uns folgende Nachricht vor:

8 London, 1. Juli.

(Privat-Telegramm.)

Aus Hüll wird gemeldet, daß die Streik­krawalle nach Mitternacht mit erbitterter Hef­tigkeit erneuert wurden. Die Streikenden war­fen Steine und andere schwere Gegenstände auf die Polizei, die mehreremals die Straßen mit gezogenem Säbel säuberte. Viele Exzedenten wurden verletzt. Die Streikenden gerieten schließlich in solche Wut, daß sie über eine Mauer auf einem Kirchhof kletterten, die Grabsteine herausrissen und die Po­lizei damit bewarfen. Das Schiffahrtsfödera­tionsbüro wurde zerstört und danach auch das Büro für freie Arbeit. Schließlich stellten die Attacken der berittenen Polizei die Ordnung wieder her. Mehrere Polizisten wurden ver­wundet, siebzehn Streikende wurden ins Ho­spital geschafft. Die Büros der Wilson-Linie sind von einem Haufen von fünftausend Strei­kenden teilweise zerstört worden. Die Polizei vertrieb nach langem Kampfe die Aufrührer. Heute früh gingen fünfhundert Mann Polizei­verstärkungen von London nach Hüll ab. In Antwerpen wurden gestern die für Liver­pool angeworbenen Chinesen von Ausstänöi- gen durch die Straßen gejagt und schwer miß­handelt. Zahlreiche Chinesen wurden schwer verletzt. Die Polizei war der Uebermacht der Streikenden gegenüber machtlos.

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Liverpool, 1. Juli. (Privat - Tele gramm.) In den letzten zwei Tagen brachen an Bord des DampfersArabic" der Wüste

Star-Linie, der heute früh nach Kalkutta in See gehen sollte, nacheinander fünf Brände aus, die, obwohl sie bald gelöscht werden konnten, doch beträchtlichen Schaden angerichtet haben. Es steht fest, daß die Brände von ver­brecherischer Hand angelegt worden find, und es erhält sich das Gerücht, daß streikende Seeleute die Brandstifter sind. Die im Hasen liegenden Schiffe werden jetzt von einem starken Polizeiaufgebot bewacht.

Jas Münzer Mannweib.

Die Doppclmörderin Hopf vor Gericht.

(Von unferm Korrespondenten.)

Eisenach, 1. Juli. (Privat-Tele­gramm.) Ein doppeltes Todesurteil fällte gestern spätabends daö hiesige Schwurgericht. Es verurteilte den zwei­undzwanzigjährigen Raubmörder, Hand­arbeiter Karl Hopf aus Schwarzwald in Thüringen, wegen der Tötung der He­bamme Pflügner in Schwarzwald und der Frau des Zimmermeistcrö Bochröder in Ohrdruf, die er beide mit einer Axt er­schlug, und ferner wegen Einbruchsdieb­stahls und gefährlicher Körperverletzung zweimal zum Tode und zu vierzehn Jahren Zuchthaus.

Eine rätselvolle Persönlichkeit hatte sich gestern vor dem Eisenacher- Schwurge­richt unter der Anklage des Doppelmor­des, der schweren Körperverletzung und ver­schiedener anderer Verbrechen zu verantwor­ten. Auf der Anklagebank sitzt ein untersetztes, stark gebautes Weib in blauem Baumwollrock, mit langem Zopf und mädchenhaften Zügen. Das seltsame Wesen nennt sich Karoline Hops, doch die Verhandlung richtet sich gegen den stellungslosen zweiundzwanzigjährigen Handarbeiter Karl Hopf aus Schwarzwald bei Ohrdrsif in Thüringen. Die ihm zur Last gelegten Straftaten haben seinerzeit weit über die Grenzen des Thüringer Landes hinaus wegen ihrer geheimnisvollen und grauen­haften Ausführung Aufsehen und Entsetzen erregt, zumal ursprünglich niemand Verdacht gegen die heute auf der Anklagebank sitzende Persönlichkeit hatte, vielmehr verschie­dene

unschuldige Personen in Verdacht gerieten, und die Bewohner zweier thüringi­scher Ortschaften lauge Zeit in Furcht und Schrecken lebten. Es bandelt sich zunächst um die Ermordung der Hebamme Agnes Pslüg- uer in Schwarzwald in Thüringen, die sich in der Nacht zum ersten März des Jahres 1908 ereignete. ES zeigte sich sofort, daß ein R a n b« mord vorlag, da 500 Mark, welche die He­bamme tagS zuvor von der Sparkasse abgeho­ben hatte, fehlten und alle Kisten und Kasten in der Wohnung durchwühlt waren. Die Un- glückliche war offenbar mitten in der Nacht durch ein Geräusch geweckt und nur mit Hemd und Nachtjacke bekleidet, auf den Hausflur hinauSgetreten, wo sie der Täter durch einen nach dem Hinterkopf geführten Arthieb nie­dergestreckt und die Leiche dann in den Keller deS Hauses geworfen hatte. Ein schwe­rer Kampf zwischen der Hebamme und dem Täter mußte der Tat vorausgegangen sein, denn die Ermordete hielt noch

ein Büschel roter langer Haare in den Händen. Der Verdacht richtete sich zu­nächst auf einen Wassermeister, der zwei Tage nach der Tat von seiner Arbeitsstelle weg ver­haftet wurde, aber später wieder entlassen wer­den mußte. Jndeß blieb der Mordverdacht auf ihm hasten, und er mußte deshalb auch schließlich den Ort verlassen. Später kamen noch verschiedene andere Personen in den Verdacht, die schaurige Tat begangen zu haben, allein die Persönlichkeit, die heute auf der Anklagebank sitzt, und die damals ihren Unterhalt durch Tagelöhnerdienste auf Holz- fahrten im Walde verdiente, blieb außer Be­tracht. Mehr als zwei Jahre später, am Abend des dreißigsten August 1910, wurde das Thüringer Land abermals durch eine ähnliche grauenhafte und geheimnisvolle Bluttat er­regt. Damals fand der Rentier Robert B o ch r ö d e r in Ohrdruf seine gchtunddrei- ßigjäbrige Ehefrau, von einem Ausgange heimkehrend, im Hausflur seiner Villa alS Leiche vor. Die Unglückliche war durch einen

furchtbaren Beilhieb auf den Kopf niedergestreckt worden und wies grauen- volle Verletzungen auf. Der fünf­jährige Knabe der Ermordeten wurde eben­falls mit schweren Kopfverletzungen, aber noch lebend, aufgesunden. Dem Täter waren bet der Durchsuchung des Hanfes nur zwanzig Mark in die Hönde gefallen, die die Ermordete in ihrem Portemonnaie trug. Mit welcher Bestialität die Tat ausgeführt war. zeigte sich in der Tatsache, daß aus der Tür des Schlaf­zimmers zum Korridor mit dem gleichen schlage, der Frau Bochröder r» Boden streckte, ein großes Stück herausgcschlagcn war. Der schwerverletzte Knabe der Ermordeten, der