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Nummer 174.

1. Layrgang.

COlerNeuO llnWim

Csflrlrr Dbenweitung

®te «Taffeier Neueste Nachrichten" erscheinen wöchenMch sechsmal und zwar abends. Der AbonnementSpreiS beträgt monatlich SVPfg. bet freier Zu­stellung ins Hau». Druckerei, «erlag u. R-Lallion-Echlachthosslraß- 28/30. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV, 676.

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Freitag, den 30. Juni 1911.

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Meine Sorialdemodaten...!

Der Kaiser und dasrote Gespenst".

Der englische Arbeiterführer Ramsay Macdonald, dem seine Unterredung mit dem Deutschen Kaiser alsVer­rat" angerechnet worden, schreibt in der Sozialist Review":. . .Solange die Op­position gegen den Sozialismus sich auf vernünftigen und höflichen Bahnen be­wegt und einen zivilisierten und konstitu­tionellen Charakter trägt, kann diese Oppo­sition nicht als etwas angesehen werden, mit dem man unter allen Umständen bre­chen must. Man kann daher mit dem Kai­ser ebenso gut über Sozialismus sprechen, wie über Balfour oder Asguith . . .!" Als bald nach der Heimkehr des Kaisers von der letzten Englandfahrt vorwitzige Ge­schwätzigkeit ansplaudcrte, Majestät sei jenseits des Kanals mit dem Genossen Ramsay Mac­donald zu Tische gesessen und habe sich mit dem Mann der roten Internationale eingehend und sichtlich angeregt über Fragen sozialer und merkantiler Volkintereffen unterhalten, mochten die Kleinmütigern unter den beimischen Zeit­genossenschaft ihren Ohren nicht trauen und atmeten, von schwerem Alp befreit, erst wieder auf, als in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung ein Paar ungelenke Dementi-Zeilen die Mär der schreckhaftesten Glosse entkleideten. Die Tatsache an sich indessen ist nicht bestrit­ten worden und man hat sich Hierzuland schließ­lich mit dem Intermezzo leidlich abgefunden; hat tröstend darauf bingewiefen, daß der Kai­ser außerhalb der Grenzen des Reichs Welt und Menschen nicht als Imperator, sondern als freundlich-aufmerksamer Gast gegenüberzutre- tcn pflege, und hat im übrigen auch gefunden, daß zwischen dem Genossen Macdonald und der «Spezies deutscher Umsturzmänner ein nicht ne­bensächlicher persönlicher und politischer Unter­schied bestehe. Daß Herr Ramsay Macdonald einer der gebildetsten Männer der vereinigten Königreiche ist, als Mensch und Politiker sich höchsten Ansehens erfreut und durch Gedanken­gehalt und Jntellektgewicht auch vor eines Kaisers Ohr um Achtung werben darf, haben wir nur beiläufig und nur im Flüsterton ver­nommen, immer noch gepeinigt von dem heim­lichen Empfinden einer schweren Achtungver­letzung, die auf englischer Erde dem Gottesgna- dentum deutscher Kaisermajcstät durch die Ta­felnachbarschaft des Genossen Macdonald zuge­fügt worden: Unsre politische Aesthetik ist dünnfadig nnd zart wie durchsichtig Gespinst, und dies »Attentat auf die Trahition" hat sich deshalb in gramverdüsterte Heldenscelen wie ein Brandmal eingegraben.

Und nun scheint's gar, als solle das Lon­doner Bankett-Abenteuer (von dem der Kaiser später gesagt hat, daß er in eines Tafelabends kurzer Zeitspanne selten so viel Tüchtigkeit, Klarheit und soziale Energie vereint gesehen, wie in der Unterhaltung mit Ramsay Macdo­nald ihm offenbar geworden sei) Früchte eig'- ner Art tragen: Eine Berliner Korrespondenz, von der man sagen darf, daß der Wert ihrer Informationen meist den Durchschnittkurs des Kammerdienergeplauders übersteigt, hat in sehr bestimmter Form eine Aeußerung des Kaisers verbreitet, die vor einiger Zeit (wohl nach Bethmann's glücklicher Ueber- windung des reichsländischen Verfassungs- Ehimborasso, bei der die Genossen freundwillig Gefolgschaft leisteten?) im vertrauten Kreis gefallen sein soll und die in sieben knappen Worten mehr Inhalt birgt, als ein ganzes Schock sonst üblicher, süß verbrämter Anekdoten: .Meine Sozialdemokraten sind garnichtso schlimm . . .1" Der Gewährs­mann der Korrespondenz, die die sieben Kai­serworte der Oeffentlichkeit vermittelt hat, ver­bürgt sich für die Authentizität des Ausspruchs, die »kein Dementi erschüttern könne". In der offiziösen Meinung-Stube ist's denn auch bis­her still geblieben und kein grämlicher Feder­strich hat den pikanten Reiz der Melodie ge­mindert. trotzdem die Kunst des Dementierens bei uns doch anerkanntermaßen zur höchsten Vollendung gediehen ist. Die sieben Kaiser­worte dürfen demnach als tatsächlich gesprochen gewertet werden, und es liegt in der Natur der Sache und der Dinge, daß sie zu einigen Rand­bemerkungen förmlich zwingen: Zwischen dem Einst und dem Jetzt liegt eine zu tiefe Kluft, und es wäre fromme Selbsttäuschung, wenn man die Wandlung (Menschliches menschlich wägend) lediglich als Momcntbild slücht'ger Stimmung schätzen wollte.

Wir haben in frübern Jahren aus kaiserli­chem Mund Urteile über die Partei der sozia- len Demokratie vernommen, die schrill ins Ohr

klangen, und die (als Kampfansage der höchsten Autoritätstelle im Reich gedeutet) im politi­schen Ringen der bürgerlichen Gesellschaft wi­der die bedrohlich anschwcllende rote Flut wie Peitschenschläge gespürt wurden, zu wildem Ausbäumen gegen den dumpfen »Groll der Ent­erbten" stachelten, und dann doch im Nachhall des Echos die Erkenntnis weckten, daß die So­zialisierung der Massen (als Konsequenz w'.rt- schaftpolitischer und sozialer Kampfverschär- fung) andre, stärkere Schutzdämme erfordre, als hastig gesprochne Worte, geboren aus der Stimmung des Augenblicks und (trotz ihres Idealgehalts) gefügt zu dem Zweck, im Kamps der Geister die Autorität bestehender Ordnung gegen den zerstörenden Geist kalter Verneinung zu stärken. Niemand zweifelt, daß Wil­helm der Zweite in Hellen und dunklen Tagen stets aus dem innersten Empfinden des Her­zens und aus dem vollen Bewußtsein ver Pflicht heraus zum Kampf gerufen und den Gegnern der Staatsordnung Anklagen entge­gengeschleudert hat, die dort, wo sie des Ge­wissens Stimme wecken sollten, Verbitterung und Groll schufen; niemand aber auch hat ein Recht, dem Kaiser gram zu sein, wenn in den nun dreiundzwanzig Jahren seiner Regierung die Erfahrung das Bild sozialer Gefahr in sei­ner Vorstellung gewandelt hat, und vor'm Auge des Zweiundfünfzigjährigcn das Wesen des modernen Sozialismus in andrer Form erscheint, als cs im ersten Dezennium seines Kaiserttims sich dem Blick des vom Gotteswil­len aller Ordnung tief überzeugten Monarchen bot. Zwischen dem Einst und dem Jetzt liegt eine Zeitspanne, die selbst eines Kaisers Seele nickt ohne inneres Ringen um Wahrheit und Erkenntnis durchlebt, nnd von der Höhe der Iabre herab pffegt auch, eines Fürsten Auge milder auf der Welt .Getümmel niederzu- schauen.

Daß der Kanzler in der Hitze parlamen­tarischen Gefechts mit dem Mannheimer Ge­nossen Franck traulich parliert nnd den Mann des Umsturzes für den Handelsplan in der Reichslandfrage zu erwärmen versucht habe, ist im Auftrag der Wilhclmstraße mit starkem Auf­gebot von Druckerschwärze demeytiert worden, obwohl imgrunde gar nicht Anlaß zur Aengsti- gung gegeben war. Das hurtige Dementi hat indessen nicht verhüten können, daß gegen Herrn von Bethmann der Sttirmbock Heydebrand'scher Entrüstung aufgefahren wurde, dessen wuchtige Stöße im ersten Anprall des Friedens töner­nen Sockel in seinen Grundfesten erschütterten. Für den grollenden Zweifel an des fünften Kanzlers preußischer Tugend darf das neueste Kaiserwort, gesprochen aus der Erfahrung von zwei Regierungs-Jahrzehnten, eine Mahnung zu kluger Mäßigung und ein Fingerzeig sein, der. abseits vom Pfad alternder Traditton. der Zukunft neue Wege weist. Auch die Partei der sozialen Demokratie spürt den Geist der neuen Zeit: Aus den Fanatikern des Umsturzes, die das soziale Welträtsel unterm engen Horizont der politischen Kladderadatsch-Theorie meistern wollten, sind kühle Taktiker der «Weckmäßigkeit­politik geworden, die dem Bedürfnis des Tags Rechnung tragen und die Notwendigkeit po­sitiver politischer Arbeit im Gegenwart- Staat nur noch leugnen, weil sie den Zwang der Prinzip-Reform offenbart. Der zerzauste Genosse und Barrikadenmann mit Ballonmütze und Rachckeule fristet sein Dasein nur noch in der Laune lustiger Ulk- und Simplizissimus- Kunst: Das zwanzigste Jahrhundert siebt die Dreimillionenpartei des Proletariats auf dem Bergpfad zur Höhe geistiger und wirtschaft­licher Kultur, und mau darf deshalb dem Deut­schen Kaiser zustimmen: Das »rote Gespenst" ist, in der Nähe betrachtet, »wirklich nicht so schlimm", und man kann es bannen, wenn man die Massen vom »Groll der Entrechtung" er­löst . . .! F. H.

Der tote Landtag und die Presse.

Preß-Stimmen zum Landtags-Schluß.

(Eigene Drahtmeldungen.)

Wie uns aus Berlin berichtet wird, werden die gestrigen Vorgänge im Preußischen Abge­ordnetenhaus (über die wir auf der ersten Bei­lage ausführlich berichten) in der gesamten hauptstädtischen Presse lebhaft erörtert. Dir konservativen Blätter halten sich zwar meist noch zurück: um so schärfer äußert sich aber die übrige Presse, selbst diejenige, die der Rechten politisch nahe steht. So schreibt beispielsweise Die Tägliche Rundschau:

Ein denkwürdiger Tag für den preußischen Parlamentarismus, ein gefährlicher Tag aber für das ohnehin schon so schwer ge­schädigte Ansehen der Fraktion Hepdebrand

und ihrer Politik des Uebermuts gegenüber den anderen Parteien, mit Ausnahme des Zentrums. Die Folgen des gestrigen Gewalt­streichs werden empfindlich fühlbar werden, denn es ist unmöglich, daß sich das Land diesen Gewaltakt gefallen lassen kann.

e

Die Vosfifche Zeitung:

Wie lange noch wird sich das Volk diese sogenannte parlamentarische Vertretung ge­fallen lassen? Es war gestern Landtags­kehraus! Hoffentlich ist die Zeit nicht mehr sern, wo die reaktionäre Vorherr­schaft ausgemerzt wird, gründlich -und rück­sichtslos; die Zeit, wo das Kortt sich sondert von der Spreu. Die Liberalen aber, die der Abrechnung sich entgegensehnen, können z u - frieden sein. Nichts ist geeigneter, aller Welt die Augen über die Gefahr des schwarz­blauen Blocks zu öffnen, als die parlamenta­rischen Vorgänge der jüngsten "Tage.

*

Das Berliner Tageblatt:

Dieser eigenartige Landiagsschluß hat also auch insofern aufklärend gewirkt, als er gezeigt hat, wie Regierung und Mehrheit trotz aller Kümmernisse und Trübungen doch immer wieder unter einer Decke spie­len, und dieser Landtagsschluß ist normaler­weise der letzte vor den Rcichstagswahlen. Wer durch die Zwischenspiele vor Toresschluß noch nicht darüber belehrt worden ist, von wo aus die Herrschaft des Dreiklaffen-Parlaments in Preußen gebrochen werden muß, dem ist nicht zu helfen.

Der Vorwärts:

Am gestrigen Tage haben die Mehrheits- Parteien des preußischen Abgeordnetenhauses mit unserer Wahlrechtsforderung Schindluder getrieben; eine Komödie ist aufgeführt worden, wie sie unwürdiger noch in keinem Parlament vorgekommen ist. Zentrum, Nationalliberale und Konservative haben dem preußischen Volke das freie Wahl­recht verweigert. Sie wollen das Volk weiter­hin ungehindert bütteln und knechten.

Die Schlacht von Mchtz.

Blutige Arbeitskämpfe in Frankreich.

Wie uns aus Paris depeschiert wird, kam es gestern in dem Pariser Vorott Clichy zwischen streikenden Erdarbeitern und Arbeits­willigen zu einer blutigen Schlägerei, sodaß Gendarmerie und Polizei und später auch Militär eingreifen mußten. Ein Gendarm wurde bei den Zusammenstößen schwer, ein Unteroffizier und vier Polizisten wurden leich­ter verwundet. Auch zahlreiche Arbei­ter erlitten bei dem Kampf schwere Verletzun­gen. Die Polizei nahm im ganzen hundert­fünfzehn Verhaftungen vor. Ueber die Vor­gänge wird uns weiter berichtet:

r Parts, 29. Juni.

(Privat-Telegram m.)

Die streikenden Erdarbeiter hatten sich in einem Kaffeehaus versammelt und zogen dann, revolutionäre Lieder singend, zum Bahnkörper, wo Arbeitswillige beschäftigt waren. Die Streikenden warfen sich, mit Knüppeln und Re­volvern bewaffnet, auf ihre Kameraden. Die Gendarmen, die bereit standen, unternahmen auf die tobende Menge einen Angriff, mußten sich aber vor der Uebermacht zurückziehen. Jetzt rief die Polizei zur Verstärkung Mili­tär herbei, das im Sturmschritt anmar­schierte und mit gefälltem Bayonett vorging. Ueber eine halbe Stunde wogte der Kampf hin und her, bis es endlich der bewaff­neten Macht gelang, die Erdarbeiter zu ver- tteiben und die Ordnung wieder herzustellen. Die Streikenden schleuderten auf Polizei und Militär schwere Pflastersteine, die sie aus dem Bahnkörper riffelt. Auch wurden aus der dich­ten Menge der Streikenden Revolver- f ch ü s s e auf die anrückenden Truppen abge­feuert, und der Kampf gestaltete sich schließlich zu einer förmlichen Schlacht, bis es nach einer halben Stunde dem Truppenaufgebot ge­lang, die Streikenden zurückzutreiben. Drei der Schwerverletzten werden kaum mit dem Leben davonkommen.

*

Bradford (England), 29. Juni. (Privat­telegramm.) Dreitausend ausständige We­ber drangen gestern in eine Textilfabrik em, deren Direktion die Arbeiter ausgefperrt hatte. Als die Polizei versuchte, die Arbeiter zu zer­streuen, entstand ein Handgemenge, und es mußte schließlich Militär nach Bradford beor­dert werden, um die Ordnung wieder herzu- stcllen. Zehn Personen wurden bei den Zu­sammenstößen schwer verletzt.

Friede in Meerane!

(Telegramm unsers Korrespondenten.)

Aus Meerane in Sachsen wird uns be­richtet: Die Bemühungen des Bürgermeisters

Wirthgen von Meerane, den drohenden Kampf in der Färberei-Industrie abzuwen­den, sind von Erfolg gekrönt gewesen: Zwi­schen den streitenden Parteien ist nunmehr eine Einigung dahin erzielt worden, daß die strittige Sonnabendarbeit um fünf Uhr endet. Dieser Beschluß bedeutet ein Entgegenkommen beider Parteien. Wie bekannt, forderten die Arbeiter ursprünglich den Sonnabendarbeits­schluß um v i e r Uhr, während die Arbeitgeber an dem bisherigen Schluß um s e ch s Uhr fest­halten wollten. Der Streik in den beiden in Frage stehenden Betrieben, der zum Ausfper- rungsbeschluß der Arbeitgeber Veranlassung gab, ist nunmehr beigelegt, und die Arbeit wird morgen in vollem Umfange wieder ausge­nommen.

Vie Tragödie eines Königs.

König Alfons unheilbar krank?

Von einer Persönlichkeit, die dem sparst- schen Hofe nahestebt und zurzeit mit besonde­rem Auftrag in Berlin weilt, wird einem Mit­arbeiter unseres Blattes erklärt, daß es sich auf die Dauer nicht verheimlichen laffön wird, daß der Gesundheitszustand König Alfonsos tatsächlich viel zu wünschen übrig läßt und in unterrichteten Kreisen ernsteste Besorgnisse weckt. Wir erhalten darüber fol­gende Mitteilungen:

iS> Berlin, 29. Juni.

(Von unserm Korrespondenten.)

Alle Dementis, die aus dem Eskorial in die Welt geschickt werden, können die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß König Al - fonsschwerkrankist und fein ganzes Le­ben lang ständige ärztliche Ueberwachung nicht mehr wird missen können. Es ist bekannt, daß der König schon in der frühesten Jugend sehr schwach und nicht besonders stark in der Brust war. Es mag dies von Vererbung her­rühren, jedenfalls bangte man in den beiden ersten Lebensjahren des Königs sehr für sein Leben, und es ist taffächlich nur der besonderen Aufmerksamkeit der Aerzte gelungen, dieses zu erhalten. Der König, der sein Leiden kennt, der auch wie kaum ein anderer be­müht ist, durch Sport, Aufenthalt in frischer Lust, durch Diät und große Enthaltsamkeit, einen stationären Charakter seines Leidens zu erreichen, bat auch durch seine Verheiratung (von der sich die Aerzte so viel versprachen) nicht die Fülle von Gesundheit gefunden, die ihn veranlassen könnte, getrost in die Zukunft zu blicken. Es läßt sich jetzt nicht mehr ableug­nen, daß das Leiden des Königs langsam Fortschritte macht und zu tief fitzt, um je wieder behoben zu werden. Es steht so- gar zu befürchten, daß der König vielleicht noch in diesem Jahr einen großen Teil der Regie- rungsgeschäste wird a b g e b e n müssen. Leider sind die Verhältnisse im Lande, die sich der König bei seinem Zustand viel zu sehr zu Her- zen nimmt, nicht derarttge, daß Alfonso län­gere Zeit den Süden aufsuchen kann. Dieser so sehr fehlende Aufenthalt in einem geeigneten Klima wird durch ausgedehnten Kurgebrauch in den königlichen Anlagen Ju ersetzen versucht, aber es ist natürlich, daß diese Erfrischungs- und Stärkungsmethode eine radikale Kur nicht ersetzen tarnt, und so sieht man denn in Spa­nien der Zukunft mit banger Sorge ent­gegen . . .

Stiftern -uttmus.

Riesenunterschlagungen eines Ober-Assistenten. (Von unserm Korrespondenten.)

A Bonn, 29. Juni.

Die Schwurgerichtsverhandlung gegen den Obertelegraphenaffistenten Huttanus, die (wie wir bereits telegraphisch gemeldet haben) mit dessen Verurteilung zu sechs Jahren Zuchthaus endete, brachte inter­essante Einzelheiten zutage. Huttanus, der ein Monatsgehalt von etwa 250 Mark bezog, hat es fertig gebracht, von 1905 ab den Postfiskus um etwa 100000 Mark und seinen Telegra­phendirektor um weitere 32000 Mark zu beschwindeln. Er begann feine Fälschungen damit, daß er auf den Telephonzetteln, die den Besitzern von Telephonen für Ferngespräche zugestellt wurden, höhere Beträge ein­setzte, als die Bücher aufwiesen, die Beträge einkaflieren ließ und den Mehrbetrag

in seine eigene Tasche steckte.

Als sich verschiedene Telephonbesitzer über die hohen Gebühren beklagten, wurde eine Re­vision eingeleitet, sodaß der Angeklagte diese Art der Betrügereien aufgeben mußte. Er begann dann, amtliche Gelder, die ihm anvertraut waren, für sich zu verbrauchen. Um die Unterschlagungen zu verdecken, fälschte er die Bücher. Wenn eine unvermutete