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Nummer 173.

1. Jahrgang.

WlssDuO

Csffrlrr pbmdzrjtung

tzrflische pbrndzrltung

Donnerstag, den 29. Juni 1911

Fernsprecher 951 und 952.

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®t* SReuefie Rachrtchtm- erscheinen wSchenMch sechrmalund zwar ab end«. Der «bonnementepret« beträgt monaMch 50 Pfg. bet freier Zn- firllun« in« Hau«. Druckerei, Verlag u. Redaktion: «chlachthoMratze 28/30. Berliner Vertretung! SW, Friedrichstraße 16. Telephon: Amt IV. 676.

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Ja» Hundrtag-Miniftermm.

Frankreichs neues Kabinett.

Paris, 28. Juni. (Privat-Tele- gramm.) Das Kabinett Caillaux ist gebildet und wie folgt eingeteilt: Prä­sidium und Ministerium des Innern Caillaux, Justizministerium Cruppi, Auswärtiges de Selves, Krieg Mes- simy, Marine DelcassS, Finanzen Klotz, Landwirtschaft Pams, öffent­licher Unterricht Steeg, Kolonien Le­brun, Arbeitsministerium Ren6 Re­nault. Caillaux mußte in letzter Stunde auf die Mitarbeiterschaft des Senators Poincaree und des Deputierten Etienne verzichten, da die Radikalen dagegen pro- testietten.

Das Kabinett Caillaux ist also fer- ttg, oder vielmehr: Es war schon fertig, noch ehe das Kabinett Monis gestürzt war. Was Herrn Caillaux allein zu tun übrig blieb,, nach­dem er vom Präsidenten den Auftrag zur Bil­dung des Kabinetts empfangen hatte, war eine kleine Retouche seiner längst vorbereiteten Ministerliste. Mag indeffen auch der Austausch von ein paar Namen das Bild des neuen Ka­binetts der Kammer zunächst freundlicher er­scheinen lasten: An feinen Grundzügen wird dadurch nicht viel geändert, und wenn man die Leute Caillaux' mit dem Kabinett Monis vergleicht, kann man sagen: Es ist d e r- selbe Faden, nur eine andre Nummer! Weil man dem abgedankten Kabinett eine zu große Einseitigkeit vorgeworfen hat, hat Herr Caillaux eine größere Abwechslung in fein Kabinett zu bringen gesucht, denn:variatio delectat", sagt schon der Lateiner: Abwechs­lung erfreut! In diesem Falle dürfte sich aller­dings die Freude, die das Ministerragout bei der Kammer erregen wird, nur in mäßigen Grenzen halten, denn schließlich kommt es doch weniger auf die Zusammensetzung des Mini­steriums, als auf seine Taten an. Wie in andern Ländern haben auch in Frankreich die Parteien längst die betrübende Erfahrung ma­chen müssen, daß die Zugehörigkeit eines ihrer Mitglieder zum Kabinett noch lange keine Bürgschaft dafür gewährt, daß dieses Kabinett nicht Dinge tut, die zu den Grundanschauungcn der Parteien im schärfsten Gegensatz stehen, und diese Sorge geleitet auch Herrn Josef Cail­laux auf seinem Weg zum Stuhl des Premiers.

Noch kennt man zwar nicht im Einzelnen das Programm des neuen Kabinetts, aber man kennt. . . Herrn Caillaux! Auf seinem Konto steht vor allem das Einkommensteuerge­setz, daS einem großen Teil der Republikaner ein Dorn im Auge ist, von dem der neue Mann aber nicht gut ablassen kann, wenn er nicht seine ganze politische Vergangenheit über Bord werfen will. Und dann gibt es auch noch eine stattliche Reihe von andern Fragen, bei denen es wenig ausmacht, welche Stellung das Ka­binett zu ihnen einnimmt. Da ist zunächst die Frage des Proportionalwahlrechts, in der die republikanischen Parteien in zwei nahezu gleichstarke Teile gespalten sind. Der Sturz des Kabinetts Monis war die Antwort der republikanischen Minderheit auf die Zu­stimmung des Ministerpräsidenten zu der vom Kammerausschuß beschlossnen Proportio­nalwahl. Zieht Caillaux hieraus die Lehre, daß die geplante Wahlreform zu verwerfen sei, so hat er erst recht eine kompakte Mehr­heit gegen sich. Ebenso unlöslich erscheinen die Abgrenzungs- und Eisenbah­nerfragen. Das alles sind wirklich keine günstigen Auspizien für das Kabinett Caillaux, und wenn es sich in den nächsten Tagen der Kammer vorstellen wird, kann es dies mit dem Gruß der römischen Gladiatoren tun: .Ave Caesar, morituri le sahitant", nur, daß . . . der Cäsar sehlt. Aber wenn das Kabinett auch schon bei seinem Einzug in die politische Arena dem Tod verfallen ist, so wäre es doch sehr ge­wagt, zu prophezeien, daß es über einer der genannten Fragen, oder doch über einer Frage von gleicher Wichtigkeit fallen werde: Wie seine Vorgänger dürste es vielmehr nicht in offner Feldschlacht den Tod finden, sondern bei dem erstbesten,bedeutungslosen Vorpo­stengefecht. Das ist nun einmal franzö­sische .Tradition"!

Ebenso gewagt wäre es natürlich, die vor­aussichtliche Lebensdauer des Kabinetts schon heute schätzen zu wollen. Die Zahl seiner Tage läßt sich so wenig Voraussagen wie die der Züge einer Schachpartie: Das alles ist Sache der Strategie! Jedenfalls wird man aber die dem Kabinett Caillaux eingcräumtc Frist nicht nach Jahren, sondern höchstens nach Monaten bemessen dürfen. Indessen:

Selbst wenn das neue Kabinett die Hundstage nicht überdauem sollte, was macht es aus? Frankreich hat noch genug Männer, die für ihr Leben gern einmal auf einige Wochen Mini­sterpräsident spielen möchten. Das Angebot war bisher weit größer als die Nachfrage. Die Steigerung des Umsatzes ist daher nur zu be­grüßen: Es mildert den Wettbewerb, wenn die verschleimen Aspiranten die beruhigende Gewißheit haben, daß in so und so viel Mo­naten die Reihe an ihnen ist, ohne daß! man sich zu drängen braucht. Herr Josef Caillaux ist selbst Pessimist genug, um das alles zu wis­sen, und es ist auch sicher, daß er gar nicht dar­an denkt, den rasch erledigten Vorgänger im Amt um Jahre zu überdauem. Auch in sei­nem Kabinett sitzt der Mephistopheles, der den guten und rechtschaffnen Herrn Monis auf die Straße des Schicksals lockte: Theophile Del- caffs! Er hat die Krise besser überdauert, als irgend ein andrer Bannerträger der Aera Mo­nis,und wird auch femerhin als Minister derMa- rine still und verborgen h i n t e r den Kulissen warten, bis seine Stunde schlägt. Denn daran zweifeln auch Delcasses Gegner nicht: Die Rolle des .Sturmgesellen" ist noch lange nicht ausgespielt, und es wäre auch nicht als Wun­der anzustauncn, wenn der Sommer der Ma­rokko-Sorgen Herrn Delcaffss Jntrigen-Saat so glücklich zur Entwicklung bringen würde, daß in der Zeit der ersten Herbstnebel Teophile Delcasse Herrn Josef Caillaux lächelnd ablösen könnte... **

Der Kampf um Iatho.

Drei Protestversammlungm in Köln!

In Köln fanden gestern abend drei vom Rheinisch-Westfälischen Verband der Freunde evangelischer Freiheit veranstaltete Protest- versammlungen gegen die Absetzung Jathos statt, denen in den nächsten Tagen noch zahlreiche andere in den größeren Städten Rheinlands und Westfalens folgen werden. Iatho sprach mit Wärme von seinem bisheri­gen Wirken in der Kölner Gemeinde, die ihm ans Herz gewachsen und von der er sich nie und nimmer trennen werde. Es wurde schließlich eine Resolution angenommen, in der .es heißt:

Die von siebentausend rheinischen Prote­stanten, Männem und Frauen und Vettre- tern zahlreicher anderer Landeskirchen, in drei Versammlungen zu Köln Vereinigten, empfinden die Amtsentsetzung des Pfarrers Iatho als eine ungeheure Unbill in der Kölnischen evangelischen Kirchenge» meinde und als eine nie wieder gut zu ma­chende Schädigung echter Religion in der evangelischen Kirche. Aus dem inner­sten Gewissen heraus wenden sie sich an ihre Freunde freier evangelischer Frömmigkeit und bitten sie, tatträftig daran mitzuwirken, daß dem Verderben Einhalt geboten wird, durch das die Kirche der Reformation hoff­nungsloser dogmatischer Versteinerung aus­geliefert werden soll.

Neun Frankfurter evangelische Pfar­reien haben gestern an Iatho ein Sympathie- Telegramm abgesandt, in dem es heißt: .Es drängt uns. Ihnen auszusprechen, daß wir den gegen Sie und die Kölner Gemeinde geführten Schlag Mitempfinden. Wir sind nach wie vor von dem Recht Ihres Wirkens in Ihrer Gemeinde und von der echt-christlichen Wurzel und Kraft Ihrer Verkündigung überzeugt. Wir werden nicht aufhören, für die freiheitli­che Entwicklung des überlieferten Chri stcnftims einzutreten . . ."

(Hn Spser der KirchenpoMk...?"

(Privat-Telegram m.)

Pfarrer Iatho hat sich in Köln in einem Interview über seine Stellung gegenüber dem Urteil des Spruchkollegiums folgendermaßen ausgesprochen: Ich habe mir das Recht auf meine Gemeinde durch eine zwanzigjährige Tä­tigkeit erworben, niemals werde ich das Ge­fühl verlieren, daß mir vom moralischen und religiösen Gesichtspunkte aus unrecht geschehen ist. Ich bin ein Op^r der Kirchen­politik und des Dogmatismus ge­worden. Für unsere Landeskirche habe ich den dringenden Wunsch, daß man die Gefahr er­kenne, die der Entwicklung des protestantischen Geistes durch diese beiden Mächte droht, und daß die freiheitlichen Elemente durch meinen Fall zu besonnener, aber wcitgreiscnder Aktion sich veranlaßt fühlen. Ich freue mich, daß ich Pank der umsichtigen Fürsorge meiner Freunde auch weiterhin meiner Gemeinde dienen kann, und hoffe, wenn mir die Gesundheit erhalten bleibt, noch dieses utid jenes zur Förderung der

freiheitlichen Bewegung in der evangelischen Kirche tun zu können. Den Austritt aus der Kirche halte ich für zweckwidrig; da­mit besorgen wir nur die Geschäfte der Ortho­doxie.

Politik M Bier und Musik!

Die Wähler des Herzogs von Arenbcrg.

Man schreibt uns aus Lüdinghausen im Rheinland: Das Wirken des im Kreise Lü­dinghausen gewählten Reicbstagsabgeordne- ten, des Herzogs von Ar e n b e r g , hat unter den Wählern keine rechte Befriedigung finden können, denn die Lüdinghäuser warte­ten jede Woche vergeblich darauf, in ihrer Zei­tung zu lesen, in welcher Form sich ihr Reichs­bote im Reichstag des Wahlkreises angenom­men habe. Dieses Hoffen mußte sich ja auch als trügerisch erweisen, denn der Herzog, der .Belgier", der jenseits der schwarz-wciß-roten Grenzpfähle gleichfallsGesetze zu machen" hat, ist im Berliner Wallotbau ein absoluter Fremd­ling und hat in den letzten Monaten auch nicht ein einziges Mal den Reichstags- sitzungcn beigewohnt. Jetzt nun, da mit Rie­senschritten die Neuwahlen nahen, hat man dennoch in Parteikreisen nicht umhin gekonnt, den Herzog darauf aufmerksam zu nmchen, daß der Unwille im Wahlkreis direkt nach einer rettenden Tat" schreie. Was dem Her­zog, der ja über Millionen verfügt, natürlich auch nicht schwer sein kann. Und siehe da! Ein Extrablatt derLüdinghäuser Zeitung" verkün­det jetzt den überraschten Wählern die Liebe des Herzogs zu seinem Wahlkreis. Wer die­ses Extrablatt liest, der muß vor Neid bersten, daß nicht auch er in diesem Lande, in dem jetzt Milch und Honig fließen soll, ansässig ist.

Der Herzog hat nämlich den ganzen Wahlkreis für den sechsten Juli zu G a st e gebeten! Jeder Gastwirt des KreiscS erhält auf einer herzustellcnden Vo­gelwiese, auf der sich ein Riefenrummel entwickeln soll, ein Zelt angewiesen. Hier darf er an Jeden ohne einen Pfennig Kosten so viel Gettänke verschenken, als eben ein- dinghäuser vertragen kann. Auch für den Magen wird geforgt fein, denn Hundert- taufende belegte Brötchen werden als Wahlkampfreflamefutter benutzt werden. Außerdem kann sich, auch jeder nicht Einhei­mische, der nur am betreffenden Tage den Wahlkreis berührt, an der Gnadensonne des Herzogs erwärmen, ohne einen Pfennig z« blechen.

Damit aber noch nicht genug: Den Wählern wird an diesem Tag noch allerlei anderes ge­boten werden: Erstens Mtlitärmusik, daun ein komplettes Pferderennenpro­gramm, athlettsche Spiele und andere schöne Sachen! Selbst die erst nach zwanzig Jahren Wahlberechtigten werden durch Stocklater­nen, Kaffee und Kuchen und durch der» gleichen nützliche Dinge beizeiteu für denein­zig wahren Kandidaten" erwärmt werden. Selbst hoher Besuch ist diesem Feste sicher, denn der gewählte Termin fällt gerade auf den Nordkirchener Ruhetag der Prinz Hein­rich-Fahrt. Ausgerechnet! Wenn die Lü­dinghäuser dann später im Januar zur Wahl­urne schreiten werden, so werden sie sicher nicht daran denken, daß das flcinste Acktel Bier int Wahlkampfe eine Bestechung ist, gegen die schon von allen Parteien Front gemacht worden ist, sondern sie werden dankbar sein und Seiner Durchlaucht in treuer Innigkeit gedenken. Sie werden auch nicht daran denken, daß dem Wahlkreise Lüdinghausen mit Freibier, belegten Brötchen. Stocklaternen, Pferdebeinen und Mi­litärmusik nicht anfgeholfen werden kann, son­dern es wird ihnen immer derunvergeßliche" Tag vor Augen schweben, an dem der Herzog rund fünfzigtausend Mark aus dem Geldschrank nahm, um seine Liebe zum Wahlkreis zu bewei­sen. Sie werden hoffen, daß auch in Zukunft und nach einer Wiederwahl Tage kommen wer­den, die dem verflossenen sechsten Juli gleichen, und kein Argument wird sie davon abhalten, den Herzog zu wählen, selbst wenn der Kater, den sie sich am sechsten Juli holen werden, wochenlang dauern sollte! W. B.

Die neuesten Spronage-AMren.

Ein deutscher Deserteur als Spion.

In Wien erregt zurzeit eine Spionage- Affäre großes Aufsehen, die Monate hin­durch in ein geheimnisvolles Dunkel gehüllt war. da es trotz aller Bemühungen nicht ge­lang. die Persönlichkeit des Hauptakteurs fest­zustellen. Jetzt erst ist es möglich geworden, durch die Ermittelung der Personalien des verhafteten Spions in die Angelegenheit Licht zu bringen. Es wird uns darüber berichtet:

W Wien, 28. Juni.

(Privat-Telegram m.)

Seit vielen Monaten befindet sich im hiesi­gen Untersuchungsgefängnis ein geheim­nisvoller Häftling, der in der Regi­

stratur ohne Namen gefühtt wurde, und nur die BezeichnungNr. 2" trug. Nunmehr konnte die Anonymität dieses Mannes geklätt wer­den. Der Häftling heißt C o rz und ist ein den Behörden bekannter, äußerst gefährlicher Spion, dessen Verhaftung int Ausland nicht bekannt werden sollte, damit die Ergreifttng sei­ner Komplizen und namentlich eines von ihnen, mit dem er lange Zeit in Verbindung gestanden hatte, nicht gehindert würde. Es ist bisher jedoch nicht gelungen, diese Helfershelfer zu fassen. Corz, ein ehemaliger Deserteur der deutschen Kriegsmarine, beschäf­tigte sich seit fünf Jahren berufsmäßig mit Spionage, und zwar gegen Deutsch­land und O e st e r r e i ch. Er hielt sich meist in Frankreich auf, von wo er in allerlei Ver­kleidungen Reisen als Kundschafter unternahm. Außer für Frankreich hat er auch für Italien spioniert.

Paris, 28. Juni. (Privat - Tele­gramm.) Wie derMatin" mitteilt, verfolgt die hiesige Polizei seit einiger Zeit die Fäden einer neuen Spionage-Affäre. Bor drei Tagen wurden in Chalons fttr Marne in dieser Angelegenheit zwei Verhaftungen vorge­nommen; eine dritte Verhaftung erfolgte ge­stern in Paris. Die Polizei beobachtet über die neue Affäre strengstes Stillschweigen: es verlautet indessen, daß es sich um eine gefähr­liche Spionage-Organisation handelt, die ihren Sitz in London haben soll.

Sie Brillanten KSnigin.

Petersburger Sittenbilder vor Gericht.

(Von unferm Korrespondenten.) £ Petersburg, Ende Juni.

Die Gefchichtschronik der Newastadt wird in kurzem durch den Prozeß gegen den Mör­der der Tolstinskaja auf eine Weife bereichert werden, die lebhaft an Frank Wedekind's Sit­tenbilder erinnert, wie er sie inLulu" und in derBüchse der Pandora" gezeichnet hat. Maria Tolstinskaja kann man mit Recht einen Typus für sich: E i n e r u s s i s ch e Messalina nennen. Einem angesehenen Kaufmannshause entstammend, mit ebensoviel künstlerischen wie liebenswürdigen Talenten u. einer außerordentlichen Bildung ausgestattet, ging das schöne junge Mädchen schon frühzeittg alle Wege der Leidenschaften. Es bauerte auch nicht lange, so wurde sie sogar von der hochari- stokrattschen Petersburger Lebewelt als ein unvergänglicher Stern sämtlicher Klubs und Tingeltangels, der Rennplätze und der fashio- nablen Nachtlokale

angeschwärmt und kant gepriesen.

Auch später, in ihre Vollreife (wie die un- zählbaren Tolstinskaja-Lieder galanterweise anzudeuten pflegten) huldigte ihr uneinge- schränkt die tonangebende Jugend und noch knapp vor ihrem tragischen Tode wurde viel­fach von einemhistottschen Besuch" erzählt, den ihr die begeistetten Zöglinge einer Pe- tersburger Junker sch ule abgestattet hat- ten: Die vielbegehrte Maria hatte nämlich ei­nige Zeit unter den Jntriguen eines JunkerS von höchstem Rang zu leiden, deren energische Beilegung die jugendlichen Kavaliere zu einem besonderen Ehrenfest für ihre angebetetePa- ttonesse" veranlaßte. Das Geld spielte bei Ma­ria Tolstinskaja ebensowenig eine Rolle, wie etwa die ansehnliche Schar von Männern, die ihr jederzeit zu Füßen lagen. Man plauderte über hundert von Liebesabenteuern dieser Durchgängerin großen Sttls, die ihre Schönheit und volle Lebensfreude

bis an das grausige Ende

zu bewahren wußte. DaS Leben bedeutete ihr nur ein loses Spiel mit Glanz und Erfolgen, und von all ihren Leidenschaften konnte ihr nur eine einzige selbst gefährlich werden, und ihr übermütiges Wesen zeitweilig mtt Resignation erfüllen: Das war ihre geradezu dämonische Sucht nach dem Besitz der köstlichsten und wert­vollsten Brillanten! Soviel steht jedenfalls fest, daß Maria Tolstinskaja dem Ruhm einer ..Brillantenkönigin" vollauf gerecht zu werden suchte: ihre Toiletten waren mit prächttgen Edelsteinen geradezu übersät und ihre Dia, deme. Arm- und Busengeschmeide weckten über­all ausrichtige Bewunderung und . . . Neid. Die kindische Liebe der Tolstinskaja. zu ihrem Schmuck war schließlich so fanatisch geworden, daß sie eher dem geliebten Leben entsagt, als den Verlust auch nur des geringsten Teiles ihrer Schätze ertragen hätte; auch das un­scheinbarste Steinchen hielt sie

des eigenen Herzblutes wert

und sie hätte ein solches um keinen Preis, ja, auch in törichter Verliebtheit nickt dahingege­ben. Und dies sollte ihr schließlich zum Ver­hängnis werden: Eines schönen Tages fand man die berühmte Brillantenkönigin tot tn ihrem Bette auf. Der herbeigerusene Arzt konktatiette kurz und bündig -Herzschlag", Es