Nr. 168.
I Madame Toselli.
H . ■. Die Geschichte einer Fürsteuehc.
Schon seit langem war es still geworden von »er einstigen Gemahlin des jetzigen Sachsen- 'önigs. Man wußte nur, daß sich die Grä- Hn Montignoso, jetzige Stau Toselli, „och immer in der Schwei, aufhält. Wie wir erst vor kurzem berichteten, geht es der exzentrischen Rrau recht übel. Alles, was man bereits früher über ihren Gatten, den Pianisten Toselli in der Presse las, beruhte auf Tatsachen und die Frau, die heute als Königin im Glanz und Prunk eines Hofes leben könnte, verehrt und geliebt vom Sachsenvolk, führt ein trostloses. ltebeleeres Dasein. Ob sich Frau Toselli wirklich von ihrem jetzigen Gatten scheiden lassen will, steht dahin. Geäußert hat sie diese Absicht jedenfalls zu verfchiedenen Malen. Es ist auch bekannt, daß
König Friedrich August
noch beute, trotz allem Vorgefallenen, ein tief- aebendes Interesse an seiner einstigen Lebens- acsährtin nimmt, und daß ihm ihr Schicksal zu Herzen geht. Abgesehen von den ganz fanatischen Montignoso-Anhängern hofft man natürlich beute auch in Sachsen nicht mehr auf eine Rückkehr der einstigen Kronprinzessin, die natürlich für jeden Normalmenfchen von vornherein ausgeschlossen war. Die Sachsen dachten iabrelang „gemütlicher" und damals, als der Flüchtigen in München die Begegnung mit ihren Söhnen gewährt worden war, hätte man in Dresden und Leipzig vielfach darauf geschworen, daß nun noch alles, alles gut werden müßte! Es kam anders und die Prinzessin wurde
eine einfache Frau Toscllr.
Da allerdings wandten sich viele ihrer Anhänger von ihr. Nun ist in diesen Tagen (wie wir berichtet haben) König Friedrich August nach München zum Besuch des Prinzregenten Luitpold gereist und Hatte dort auch eine Begegnung mit der Mutter der Frau Toselli, der Großherzogin von Toskana, die sich nach der Verheiratung ihrer Tochter mit Toselli ganz von ihr losgesagt hatte. Diese Begegnung wurde so gedeutet, als wolle man Frau Toselli behilflich sein, ihre Scheidung zu erzielen. Dann sollte sie in Lindau künftighin in stiller Zurückgezogenheil leben. Unmöglich schien das nicht, ja es war sogar im Interesse des Königshauses zu wünschen, daß die Mutter des zukünftigen Königs (Kronprinz Georg ist jetzt neunzehn Jahre alt) in leidliche Lebensumstände gelangte. Nun läßt man sächsisch-offr- ziös
ein schroffes Dementi
gegen alle in der Angelegenheit neuerdings aufgetauchten Kombinationen los. Ein Leipziger Blatt verkündet. von Dresden aus »inspiriert". folgendes: Die in der Presse aufgetauchte Vermutung, daß der König in München die Aufhebung des baverischen Aufenthaltsverbotes für Frau Toselli (die frühere Kronprinzessin von Sachsen) erwirkt habe, ist eine müßige Erfindung. Der Besuch des Königs in München und in Lindau, hier bei der Großmutter seiner Kinder, hat mit der Angelegenheit der Frau Toselli nicht das Allermindeste zu tun. Zu der weiteren Vermutung, daß Frau Toselli für den Fall ihrer Scheidung von dem Pianisten Toselli wieder Anschluß an ihre Mutter suche, muß daran erinnert werden, daß die Großherzogin sich seit der zweiten Verheiratung ihrer Tochter
gänzlich von ihr losgesagt hat.
Das klingt ziemlich schroff und läßt vermuten, daß die Gegner der einstigen Kronprinzessin heute noch so unversöhnlich sind als je. Wenn auch eine „Rückkehr" außer jeder Diskussion steht, so wäre doch die Lösung, die man jetzt
Casseler
wieder als möglich annahm, für alle Teile dir beste gewesen. Jedenfalls dürfte sie auch dem Sachsenkönig sympathisch gewesen sein. Aber bekanntlich sind Fürsten in den allerpersönlich- ten Angelegenheiten oft gerade am unfreiesten, und Friedrich August von Sachsen hat als Prinz, als Thronerbe und als König den harten Zwang der Fürstenpflicht schwer genug am eignen Schicksal erfahren. Noch jetzt, da er als König von Gottes Gnaden über sein Land herrscht, spürt er dir Fesseln der Tradition und die Last harter Pflicht, denn eines Königs Herz darf das Sehnen in der Menschenbrust nicht fühlen: Sein Verlangen wird reguliert von der Rücksichtnahme aus die „Staats- raison"..." **
Am aller Welt.
Typhus-Epidemie in Schneidemühl.
(Telegraphische Meldungen.)
Schnei de mühl, 22. Juni. (Telegramm.) Vor einigen Tagen ist in Schneidemühl eine schwere Typhusepidemie ausgcbrochcn, die einen großen Umfang annimmt. Bis gestern sind etwa 150 Typhitsfälle gemeldet worden, sodaß das städtische Krankenhaus bereits überfüllt ist und Baracken aufgeschlagen werden müssen. Das Aerztepersonal ist bedeutend verstärkt worden. Es ist bisher noch nicht möglich gewesen, die Wciteraus- breitung der Epidemie zu verhindern.
Weiteren Meldungen aus Schneidemühl zufolge scheint die Krankheit durch Milch von verseuchten Tieren eingeschleppt worden zu sein. Gegen die Molkereien und gegen sämtliche Milchhandlungen sind sehr scharfe Maßregeln getroffen worden. Ebenso sind bereits einige Bäckereien und einige Gastwirtschaften geschlossen worden. Die Schließung weiterer Geschäfte steht unmittelbar bevor. Heute wurden sämtliche Schulen geschlossen. Die Epidemie hat sich über die ganze Stadt verbreitet, und es werden fortwährend neue Erkrankungsfälle gemeldet. Wie es heißt, wird auch ein Verbot ergehen, daß das Militär die Kasernen verläßt. Sämtliche Brunnen und Pumpen, die noch auf den Höfen sind, wurden polizeilich geschlossen. In der Stadt herrscht natürlich allgemeine Panik, da man nicht weiß, woher die Krankheit stammt. Wer es irgend ermöglichen kann, reist schon ab. Im Laufe des gestrigen Tages wurden f ü n f - unddreißig neue Typhusfälle gemeldet. Die Aufregung der Bevölkerung steigt, da alle bisherigen Maßnahmen, die Epidemie einzudämmen, sich als vergeblich erwiesen haben. Das Arbeiterviertel von.Schneidemühl, das in hygienischer Beziehung mancherlei zu wünschen übrig läßt, ist von der Epidemie am stärksten betroffen worden, und dje städ- tftche Gesundheitspclizei ist deshalb zurzeit mit der Vorbereitung von Maßnahmen beschäftigt, um die hygienischen Verhältnisse in diesem Stadtviertel zu verbessern. Zu diesem Behuf sollen namhafte Aerzte zu einer Begutachtung der infrage kommenden Verhältnisse herangezogen werden.
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London, 22. Juni. (Privat - Telegramm.) In dem im Lager von Aldershot liegenden ersten Hampshire-Regiment ist eine schwere Scharlach-Epidemie ausgebrochen. Vierzehn Mann sind erkrankt, hun dertfünfzig andere befinden sich in strenger Beobachtung. Das Regiment kann infolgedessen an der Krönungs-Prozession nicht teilnehmen.
te Nachrichten
Todesfälle unter den Erkrankten sind bisher nicht vorgekommen.
Die Halbmillionen-Toilette einer Negerin.
Man schreibt uns aus London: Unter den in London zur Krönungsfeier anwesenden Fremden erregt eine Negerin durch ihre ungewöhnlich kostbare und exotische Toilette das größte Aussehen. Die Pracht, mit der sich die junge, hübsche Negerin kleidet, wird erklärlich, wenn man erfährt, daß sie eine schwarze Prinzessin und die Tochter des Königs Kamhonas des Zweiten ist, der eine Insel in Polynesien beherrscht. Die Toilette der Negerin, die von Kennern auf rund eine halbe Million Mark geschätzt worden ist, besteht aus Stoffen, die im allgemeinen nicht zu Kleidern für Frauen verarbeitet werden. Die Fäden dieses Stoffes sind nämlich aus glasähnlicher Lava vom Krater des Mauna Lona hergestellt und durch ein geheimes Verfahren wehfertig gemacht worden. Der Stoff hat vollkommen den Glanz der Seide, er hat aber vor ihr den großen Vorzug voraus, daß er nicht brüchig wird. Auch die Zartheit des Gewebes ist der der Seide überlegen. Der Stoff ist nur sehr schwierig herzustellen und wird fast gar nicht verkauft, da die geringe Menge des von dem Negerstamm hergestellten Stoffes von dem König ganz beschlagnahmt wird. Jedenfalls ist ein Meter dieses seltsamen Gewebes nicht unter zehntausend Mark zu haben. Von europäischen Damen konnte sich nur die Königin Viktoria rühmen, einen solchen Stoff besessen zu haben. Er wurde ihr von dem Negerkönige geschenkt, der vor zehn Jahren in London zu Besuch weilte. Ganz besonders eigenartig wirkt die Farbe, die ein seltsames Blau-Rot ist. In den Stoff sind in kunstvoller Form goldene Schmuckgegenstände eingelassen, sodaß der Wert mit einer halben Million Mark sicher nicht überschätzt erscheint. . ,:v
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Wenn einer eine Reise tut. . .
In einer kleinen Stadt Südfrankreichs lebten die vielverzweigten Mitglieder einer B e- amtenfamilie bescheiden und ruhig, aber mit der Hoffnung, daß ein Erbonkel, der in jungen Jahren nach Australien ausgewandert und dort zu Geld und Wohlhabenheit gekommen war, sie dereinst als Erben cinsetzen würde. In dem Städtchen erschien nun dieser Tage ein älterer gut aussehender Mann mit etwas fremdländischem Einschlag, der bei dem Maire des Ortes Unterkunft und Pension haben wollte. Dieser Maire, Monsieur Forne, gehörte dem Familicnzweige an, der auf des Erbonkels Vermächtnis geduldig und hartnäckig wartete. Run fiel es ihm auf, daß sein neuer Hausgenosse so erschöpfende Fragen über die einzelnen Mitglieder des Stammes stellte, und vor allen Dingen noch erschöpfendere Antworten über „Namen und Art" verlangte. Das kam dem guten Maire verdächtig vor, und er beschloß, seinen neuen Hausgenossen etwas eingehender zu beobachten. Wenn dieser sich unbeobachtet glaubte nstd in seinem Zimmer weilte, war gewöhnlich die ganze Fa- milie des Maire auf Posten, um zu köntrol- lieren, was der neue und selffame Hausgenosse denn für Dinge vornehme. Sie überraschten ihn nun eines Morgens ganz zeiftg beim Zählen großer Summen, deren Herkunft sie sich nicht erklären konnten. Sie sahen ihn eines Abends damit beschäftigt, einen Schmuckgegenstand zu betrachten, der ihnen bekannt schien, und den die Frau des Maire ganz bestimmt als den Erbschmuck aus der Familie ihres Mannes erkannte. Da zögerte man nicht lange. Man holte die Polizei, um sich des Eindringlings zu entledigen, aber als dieser sich legiftmieren mutzte, stellte sich heraus, daß er niemand anders war, als Onkel F o r n e, der gekommen war, um seine
1. Beilage.
Freitag, 23. Juni 1911.
Angehörigen ein wenig kennen zu lernen, ehe er ihnen sein Geld vermachte. Die Bestürzung des Maire und seiner Familie kann man sich vorstellen. *
Das Souper des Milliardärs.
Bei Gelegenheit der Pferdeausstellung zrk Olympia gab der Milliardär Vanderbilt etwa siebzig Gästen, die mit dem Unternehmen in Beziehung stehen, ein Souper, das sich durch Originalität und den Glanz der Ausstattung auszeichnete. Das Souper wurde zur Mitternachtsstunde serviert. Die Dekoration der Haupttafel stellte das Erscheinen des Coaching Clubs in Hyde Park dar, das nls größtes sportliches Ereignis der Saison Ende Mai oder Anfang Juni jeden Jahres zum ersten Male stattzufinden pflegt, lieber die Tafel lief in der Längsrichtung die bekannte Straße vom Pulver-Magazin längs der Achilles-Statue mit allen ihren Einrichtungen, Geländern, Stühlen, Straßenlaternen, wie man sie im Parke sieht, alles in Miniatur in Silber reizend gearbeitet. Sechs Vierspänner mit Kuffchern, Dienern, Damen und Herren, in Silber wundervoll modelliert, erschienen auf dieser Straße, der auch die übrigen Eigentümlichkeiten des Verkehrs an Fußgängern nicht fehlten. Kindermädchen mit Wagen, Polizisten, Soldaten, alle Arten von Straßenerscheinungen, drängten sich, wie in der Wirklichkeit, im wirren Durcheinander längs der Fahrbahn. Die Achilles-Statue war in einer Höhe von achtzehn Zoll wiedergegeben. Nach Beendigung des Soupers wurde jedem der Gäste ein K r ö n u NH s a n se n ken in Gestalt eines Zigarrenetuis im Edelmetall überreicht, das die Königliche Krone und den Namenszug des Herrscherpaars in Emaille trägt. Es folgte dann eine Varietee- Vorstellung, den Gästen durch erste Künstler vorgeführt.
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Das „schwache" Geschlecht.
Ein seltsamer Vorfall versetzte an einem der letzten Tage die Bevölkerung der kleinen spanischen Stadt Ciudad Real in einige Aufregung. Als der Bürgermeister des Ortes eines Mittags aus dem Rathaus heimkehrte, wurde er von einem Manne in L an d a r b e i- terkleidung angesprochen. Das erbetene Almosen wurde verweigert, worauf der zuriick- gewiesene Bittsteller in eine solche Flut von Schmähungen und Flüchen ausbrach, daß dem Stadtoberhaupt nichts übrig blieb, als den Mann festnehmen zu lassen. Zwei stämmigen Polizisten gelang es erst nach hartem Kampf, den renitenten Burschen ins Gefängnis zu schleppen. Dott sollte er sich der vorschrifts- mätzigen Leibesvisitation mit nachfolgendem Bad unterziehen, was ein neues, noch heftigeres Sttäuben zur Folge hatte. Sechs kräftige Gefängniswätter waren nötig, um den sich wie rasend Gebärdenden zu überwälttaen. Die Sachen mußten dem widerspenstigen Gefangenen buchstäblich vom Leibe gerissen werden. Da stellte es sich heraus, daß man es mit. . . einerFran zu titn hatte. Die ein- gezogenen Erkundigungen ergaben, daß der weibliche Herkules bereits seit zehn Jahren in Männerkleidung einheraina und zwar an verschiedenen Orten als Landarbeiter tätig gewesen war. ohne jemals den leisesten Zweifel wachgerufen zu haben.
Beschwerden
über Unpünktlichkeit in der Zustellung der „Casseler Neueste Nachrichten" beliebe man un§ schriftlich oder telephonisch (951 und 952) mitzuteilen, da wir nur dann in der Lage sind, Abhilfe zn schaffen.
Mein Doppelgänger.
Humoreske, von E. M. Stosch.
„Ah, Herr Referendar Krause," hörte ich hinter mir meinen Namen rufen und fuhr bei dieser Sttmme, wie vom Blitz geblendet, herum. Wahrhaftig, da stand der Alte!
„Nein, Herr Oberföffter, Sie sehen mich wirklich nicht vor fick," wollte ich schon hastig hervorstoßen. Aber ich besann mich noch und bemertte, mit höflicher Verbeugung: „Enffchnl- digen Sie, mein Herr, aber ich bin nicht der Referendar Krause." Damit wandte ich mrch, den Hut lüftend, ab, um schnell zur anderen Seite der Straße hinüberzuschreiten.
Aber dieser Graubarl, der mich sonst in den Tod nicht leiden konnte, schien heute einen Narren an mir geftessen zu haben. Geradezu am Rockärmel hielt er mich fest. „Pardon, pardmr," sagte er dabei u. die scharfen Augen unter den buschigen, ergrauten Brauen blitzten mich an, .aber ich kann Sie unmöglich so gehen lassen. Eine Aehnlichkeit . . . hm. . . diese Aehnlichkeit ... äh, mein Name ist Witzmann. Mtt wem habe ich denn das Vergnügen?"
„Von Sperlinghausen," sagte ich aufs Geratewohl in grimmer Wut, „Doftor der Naturwissenschaften Kaspar von Sperlmghausen". Weiß der Himmel, wie ich aus diese verrückte Antwott verfiel! Meine ganze Hoffnung setzte ich auf meinen frisch gewachsenen Vollbart, in dem Witzmann mich noch nicht gesehen hatte.
Doch, wenn ich glaubte, nun loszukommen, so batte ich die Rechnung ohne den Vater meiner angebeteten Elisa gemacht. Denn der Waldmann, eben dieser Vater, dem meine Werbungen so sehr mißfielen, und der durchaus von meinem Hiersein nichts wissen durfte, er bltev direkt vor mir auf dem Pflaster stehen, und lettt verwittertes Jägergesicht glänzte vor ?xreude. „Von Sperlingha-'ffc>n . . . von Sperlmghau- sen?" wiederholte er immerzu. „Welches unverdiente Glück fühtt mir noch einmal einen Sproß dieser Familie in den' Weg! Herr Doktor, fuhr er energischer fort, mich gerade ansehend, »es gibt nur eine Familie dieses Namens. „Rrcht wahr, Sie sind der Sohn des alten Hern Kaspar von Sperlinghausen auf Sperlingstein?
„Verflixti" tobte ich in meinem Innern. .Wie bin ich bloß auf den ausgefallenen Na
men gekommen? Habe ihn sicher bei Witz- mann's mal gehött." Laut stammelte ich mit halber Verbeugung: .Gewiß, gewiß, Herr Oberförster."
Der alte Herr starrte mich an. „Woher wissen Sie denn, daß ich Oberföffter bin?"
Auch das noch! Aber kühn erwiderte ich: „Sie hatten doch die Güte, sich vorzustellen."
„Hm . . . dachte, ich hätte nur meinen Namen genannt," murmelte er. „Aber vielleicht irren Sie sich. Sie haben wohl Ihren Vater von einem Oberförster Witzmann sprechen hören, und daher ist Ihnen nun diese Verbindung geläufig."
Donnerwetter, auf diese Erklärung hätte ich kommen müssen. Aber jetzt hieß es, die mir so unversehens aufgehalste Rolle glaubwürdig zu spielen, bis ein Loskommen möglich wurde. Denn auf keinen Fall durfte der Alte effahren, daß sich differ „windige Referendar Krause" per „Zufall" zu der gleichen Zeit in Xburg aufhielt, da auch sein Töchterchen hergereist war, vorgeblich nur, um die liebe Tante Meta zu besuchen. So ließ ich denn mein Gesicht in.Freude ersttahlen und rief aus: „Aber natürlich, Herr Oberföffter, so wird es fein. Ja, ich erinnere mich so gut. Wie oft und wie gern sprach mein lieber Älter von Ihnen.
Der Oberföffter schmunzelte, und ich atmete auf. Er hatte seinen Verdacht überwunden und war glücklich, einen Sperlinghausen aufgepirscht zu haben. Plötzlich ernster werdend, fragte er: „Der gute Kaspar, Ihr Vater, lebt doch noch?"
Sollte ich dem alten Herrn noch etwas Odem gönnen? Es war vielleicht gefährlich, Witzmann würde die Verbindung mit ihm erneuern wollen und hinter den ganzen Schwindel kommen. So ließ ich ihn denn hartherzrg sterben und fprach betrübt: „Nein, leider wurde er uns schon entrissen. Vor einigen Jahren. Ich brachte sogar einen richtigen Seufzer auf.
Witzmann sprach ein paar Waffe des Schmerzes. Dann aber meinte er: „Komisch. Ich hätte sicher gedacht, er fei noch am Leben. Tenn vor kurzem habe ich doch noch eineu Aufsatz von ihm in einer Zeitung gelesen."
Nochmals verflixt! Aber unvorsichtig meinte ich: „Er war vielleicht von mir. Ich schreibe und heiße ja auch Kaspar von Sperlinghausen." .
„Aber gewiß!" rief der alte Herr. „Und Sie sind ja Naturwissenschaftler. Spezialfach Vögel?"
War das Malice? Verbissen antwoffete ich: „Nein. Dickhäuter."
„Ah, sehr interessant," nickte der Gräubart, der rüstig und unentwegt neben mir heffchritt. „Allerdings, der Arttkel handelte über die Tiefseefauna. Und Meeresfoffchung war gerade das Steckenpferd meines guten Kaspar. Uebri- gens, wie steht es denn nun mit der Verbreitung von Hyphaena coriacea?"
„Von ... von ...?“ stammelte ich und fuhr dann kühn fort: „Oh, die wird in allen Meeren gefischt."
Aber da blieb mein Begleiter stehen und starrte mich wie entgeisteff an. „Nanu, Herr Doftor!" rief er fo laut, daß die Leute sich umdrehten. „Ich fpreche doch jetzt von der Pal- mengrt, die Sie nebenbei in Ihrem Auffatz erwähnten."
„Geh zum Kuckuck, Alter, mit deinen Palmen und glibberigem Waflergetier!" Fast hätte ich's laut gerufen. Aber ich beherffchte mich noch mit Mühe. Nur endlich soff! So sagte ich denn kühl: „Sie entschuldigen wohl, Herr Oberförster, wenn ich nicht aufmerksam war. Aber ich habe eine Verabredung, im Stadtpaff. Muß also ganz andere Richtung einschlagen. Gestatten Sie daher, daß ich mich für heute empfehle."
Herr Witzmann blieb stehen, ^he wir scheiden,mutz ichJhnen doch noch etwas erzählen, was Ihre liebe, verehrte Frau Mutter interessieren wird. Meine einzige Tochter Elisa, Ihrer Mutter Patenkind, wird sich jetzt verloben, sogar heute noch, und zwar eben mit diesem Referendar Krause, dem Sie so merkwürdig ähnlich sehen." Der alte Jäger strich sich den Bart und erzählte behaglich lachend weiter: „Sie müssen wissen, ich war lange gegen diese Verbindung. Aber meine Schwester Meta, die so gerne junge Liebe beschützt, hat es fertig gebracht, meinen Widefftand zu brechen. Nachdem wir uns schriftlich geeinigt, hat sie mich hergerufen, ohne den jungen Leutchen etwas zu jagen. Tas heißt, mit meiner Tochter, die hier bei meiner Schwester ist, habe ich vorhin schon gesprochen. Mit dem Bräutigam noch nicht. Aber Sie begreifen nun wohl, warum ich vorhin so erregt auf Sie loslckoß. da ich Sie für
Krause hielt! Wollte den Schwiegersohn umarmen !"
Ich glaube, ich stand da wie ein holzge- schnltzter Götze. Oh, ich dreimal unseliger Esel! Stotternd brachte ich endlich hervor: „Sie ... Sie haben also nichts mehr gegen diese Verbindung?"
Herr Oberföffter Witzmann richtete sich gerade auf, seine Züge nahmen einen strengen Ausdruck an. „Ja." sagte er, „vorausgesetzt, daß der junge Mann sich nun bewähff, ich meine, daß er seit seinen letzten Tollheiten, die mich so abschreckten, nicht neue Streiche begangen hat. . . Aber nun will ich Sie nicht länger aufhalten, Herr Doktor. Ihrer Frau Mutter, die ich nächstens auf meiner Rheinreise besuchen werde, meine Empfehlung. Bin sehr erfreut, Sie kennen gelernt zu haben."
Den Hut lüftend, ging er von dannen. * * *
Hat schon einmal jemand in einer so verteufelten Lage gesteckt wie ich?
Am Nachmittag ging ich todesmutig in Tante Mffas Haus. Ohne Bart! Ihn abnehmen zu lassen, war die einzige Rettpngs- möglichkeit, die ich verfilchen konnte. Ein an Elisa vorausfliegender Rohrpostbrief flehte die Damen an. nicht laut über mein verändertes Aussehen zu staunen. Aufllärung würde folgen.
Man empfing mich durchaus barmloS. Und harmlos erzählte mir der alte Herr, er habe beute einen Herrn von Sperlinghaufen getroffen, der mir fabelhaft ähnlich sehe. Rur einen Bart habe er getragen. Uebrigens ein mordsdummer Kerl. Wolle Wissenschaftler sein und habe sich schändlich blamiert Und gar nicht bemerkt habe er, daß er, Witzmann, ihn an der Nase herumgesührt habe, indem er tat, als kenne er die Sperlinghausen. Keine Idee! Er habe den Namen nie gehört . . . Dann warf er noch so hin: „Uebrigcns Dummheit ist nicht immer ein Fehler. Wer zum Beispiel seine Streiche recht'ungeschickt macht, der scheint mir doch noch nicht ganz verloren." Und obgleich er geradezu pfiffig lachte, schienen mich seine scharfen Äugen zu durchbohren.
Die Haupffache ist, daß ich meine Elisa doch noch bekommen habe.
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