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Nr. 168.

I Madame Toselli.

H .. Die Geschichte einer Fürsteuehc.

Schon seit langem war es still geworden von »er einstigen Gemahlin des jetzigen Sachsen- 'önigs. Man wußte nur, daß sich die Grä- Hn Montignoso, jetzige Stau Toselli, och immer in der Schwei, aufhält. Wie wir erst vor kurzem berichteten, geht es der exzen­trischen Rrau recht übel. Alles, was man be­reits früher über ihren Gatten, den Pianisten Toselli in der Presse las, beruhte auf Tatsachen und die Frau, die heute als Königin im Glanz und Prunk eines Hofes leben könnte, verehrt und geliebt vom Sachsenvolk, führt ein trost­loses. ltebeleeres Dasein. Ob sich Frau Toselli wirklich von ihrem jetzigen Gatten scheiden las­sen will, steht dahin. Geäußert hat sie diese Absicht jedenfalls zu verfchiedenen Malen. Es ist auch bekannt, daß

König Friedrich August

noch beute, trotz allem Vorgefallenen, ein tief- aebendes Interesse an seiner einstigen Lebens- acsährtin nimmt, und daß ihm ihr Schicksal zu Herzen geht. Abgesehen von den ganz fanati­schen Montignoso-Anhängern hofft man natür­lich beute auch in Sachsen nicht mehr auf eine Rückkehr der einstigen Kronprinzessin, die natürlich für jeden Normalmenfchen von vorn­herein ausgeschlossen war. Die Sachsen dachten iabrelanggemütlicher" und damals, als der Flüchtigen in München die Begegnung mit ihren Söhnen gewährt worden war, hätte man in Dresden und Leipzig vielfach darauf ge­schworen, daß nun noch alles, alles gut werden müßte! Es kam anders und die Prinzessin wurde

eine einfache Frau Toscllr.

Da allerdings wandten sich viele ihrer An­hänger von ihr. Nun ist in diesen Tagen (wie wir berichtet haben) König Friedrich August nach München zum Besuch des Prinzregenten Luitpold gereist und Hatte dort auch eine Be­gegnung mit der Mutter der Frau Toselli, der Großherzogin von Toskana, die sich nach der Verheiratung ihrer Tochter mit Toselli ganz von ihr losgesagt hatte. Diese Begegnung wurde so gedeutet, als wolle man Frau Toselli behilflich sein, ihre Scheidung zu erzielen. Dann sollte sie in Lindau künftighin in stiller Zurückgezogenheil leben. Unmöglich schien das nicht, ja es war sogar im Interesse des Königs­hauses zu wünschen, daß die Mutter des zu­künftigen Königs (Kronprinz Georg ist jetzt neunzehn Jahre alt) in leidliche Lebensum­stände gelangte. Nun läßt man sächsisch-offr- ziös

ein schroffes Dementi

gegen alle in der Angelegenheit neuerdings aufgetauchten Kombinationen los. Ein Leip­ziger Blatt verkündet. von Dresden aus »in­spiriert". folgendes: Die in der Presse aufge­tauchte Vermutung, daß der König in München die Aufhebung des baverischen Aufenthalts­verbotes für Frau Toselli (die frühere Kron­prinzessin von Sachsen) erwirkt habe, ist eine müßige Erfindung. Der Besuch des Königs in München und in Lindau, hier bei der Großmutter seiner Kinder, hat mit der An­gelegenheit der Frau Toselli nicht das Aller­mindeste zu tun. Zu der weiteren Vermutung, daß Frau Toselli für den Fall ihrer Scheidung von dem Pianisten Toselli wieder Anschluß an ihre Mutter suche, muß daran erinnert werden, daß die Großherzogin sich seit der zweiten Ver­heiratung ihrer Tochter

gänzlich von ihr losgesagt hat.

Das klingt ziemlich schroff und läßt vermuten, daß die Gegner der einstigen Kronprinzessin heute noch so unversöhnlich sind als je. Wenn auch eineRückkehr" außer jeder Diskussion steht, so wäre doch die Lösung, die man jetzt

Casseler

wieder als möglich annahm, für alle Teile dir beste gewesen. Jedenfalls dürfte sie auch dem Sachsenkönig sympathisch gewesen sein. Aber bekanntlich sind Fürsten in den allerpersönlich- ten Angelegenheiten oft gerade am unfreiesten, und Friedrich August von Sachsen hat als Prinz, als Thronerbe und als König den har­ten Zwang der Fürstenpflicht schwer genug am eignen Schicksal erfahren. Noch jetzt, da er als König von Gottes Gnaden über sein Land herrscht, spürt er dir Fesseln der Tradition und die Last harter Pflicht, denn eines Königs Herz darf das Sehnen in der Menschenbrust nicht fühlen: Sein Verlangen wird reguliert von der Rücksichtnahme aus dieStaats- raison"..." **

Am aller Welt.

Typhus-Epidemie in Schneidemühl.

(Telegraphische Meldungen.)

Schnei de mühl, 22. Juni. (Tele­gramm.) Vor einigen Tagen ist in Schneidemühl eine schwere Typhus­epidemie ausgcbrochcn, die einen gro­ßen Umfang annimmt. Bis gestern sind etwa 150 Typhitsfälle gemeldet worden, so­daß das städtische Krankenhaus bereits überfüllt ist und Baracken aufgeschlagen werden müssen. Das Aerztepersonal ist bedeutend verstärkt worden. Es ist bisher noch nicht möglich gewesen, die Wciteraus- breitung der Epidemie zu verhindern.

Weiteren Meldungen aus Schneidemühl zu­folge scheint die Krankheit durch Milch von verseuchten Tieren eingeschleppt wor­den zu sein. Gegen die Molkereien und gegen sämtliche Milchhandlungen sind sehr scharfe Maßregeln getroffen worden. Ebenso sind be­reits einige Bäckereien und einige Gastwirt­schaften geschlossen worden. Die Schließung weiterer Geschäfte steht unmittelbar bevor. Heute wurden sämtliche Schulen ge­schlossen. Die Epidemie hat sich über die ganze Stadt verbreitet, und es werden fort­während neue Erkrankungsfälle gemeldet. Wie es heißt, wird auch ein Verbot ergehen, daß das Militär die Kasernen verläßt. Sämt­liche Brunnen und Pumpen, die noch auf den Höfen sind, wurden polizeilich geschlossen. In der Stadt herrscht natürlich allgemeine Panik, da man nicht weiß, woher die Krankheit stammt. Wer es irgend ermöglichen kann, reist schon ab. Im Laufe des gestrigen Tages wurden f ü n f - unddreißig neue Typhusfälle ge­meldet. Die Aufregung der Bevölkerung steigt, da alle bisherigen Maßnahmen, die Epidemie einzudämmen, sich als vergeblich erwiesen ha­ben. Das Arbeiterviertel von.Schneide­mühl, das in hygienischer Beziehung mancher­lei zu wünschen übrig läßt, ist von der Epide­mie am stärksten betroffen worden, und dje städ- tftche Gesundheitspclizei ist deshalb zurzeit mit der Vorbereitung von Maßnahmen be­schäftigt, um die hygienischen Verhältnisse in diesem Stadtviertel zu verbessern. Zu diesem Behuf sollen namhafte Aerzte zu einer Begut­achtung der infrage kommenden Verhältnisse herangezogen werden.

e

London, 22. Juni. (Privat - Tele­gramm.) In dem im Lager von Alders­hot liegenden ersten Hampshire-Regiment ist eine schwere Scharlach-Epidemie aus­gebrochen. Vierzehn Mann sind erkrankt, hun dertfünfzig andere befinden sich in strenger Be­obachtung. Das Regiment kann infolgedessen an der Krönungs-Prozession nicht teilnehmen.

te Nachrichten

Todesfälle unter den Erkrankten sind bisher nicht vorgekommen.

Die Halbmillionen-Toilette einer Negerin.

Man schreibt uns aus London: Unter den in London zur Krönungsfeier anwesenden Fremden erregt eine Negerin durch ihre unge­wöhnlich kostbare und exotische Toilette das größte Aussehen. Die Pracht, mit der sich die junge, hübsche Negerin kleidet, wird erklärlich, wenn man erfährt, daß sie eine schwarze Prin­zessin und die Tochter des Königs Kamhonas des Zweiten ist, der eine Insel in Polynesien beherrscht. Die Toilette der Negerin, die von Kennern auf rund eine halbe Million Mark geschätzt worden ist, besteht aus Stoffen, die im allgemeinen nicht zu Kleidern für Frauen ver­arbeitet werden. Die Fäden dieses Stoffes sind nämlich aus glasähnlicher Lava vom Krater des Mauna Lona hergestellt und durch ein ge­heimes Verfahren wehfertig gemacht worden. Der Stoff hat vollkommen den Glanz der Seide, er hat aber vor ihr den großen Vorzug voraus, daß er nicht brüchig wird. Auch die Zartheit des Gewebes ist der der Seide über­legen. Der Stoff ist nur sehr schwierig herzu­stellen und wird fast gar nicht verkauft, da die geringe Menge des von dem Negerstamm her­gestellten Stoffes von dem König ganz beschlag­nahmt wird. Jedenfalls ist ein Meter dieses seltsamen Gewebes nicht unter zehntausend Mark zu haben. Von europäischen Damen konnte sich nur die Königin Viktoria rühmen, einen solchen Stoff besessen zu haben. Er wurde ihr von dem Negerkönige geschenkt, der vor zehn Jahren in London zu Besuch weilte. Ganz besonders eigenartig wirkt die Farbe, die ein seltsames Blau-Rot ist. In den Stoff sind in kunstvoller Form goldene Schmuckgegen­stände eingelassen, sodaß der Wert mit einer halben Million Mark sicher nicht überschätzt er­scheint. . ,:v

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Wenn einer eine Reise tut. . .

In einer kleinen Stadt Südfrankreichs leb­ten die vielverzweigten Mitglieder einer B e- amtenfamilie bescheiden und ruhig, aber mit der Hoffnung, daß ein Erbonkel, der in jungen Jahren nach Australien ausgewandert und dort zu Geld und Wohlhabenheit gekom­men war, sie dereinst als Erben cinsetzen würde. In dem Städtchen erschien nun dieser Tage ein älterer gut aussehender Mann mit etwas fremdländischem Einschlag, der bei dem Maire des Ortes Unterkunft und Pension ha­ben wollte. Dieser Maire, Monsieur Forne, gehörte dem Familicnzweige an, der auf des Erbonkels Vermächtnis geduldig und hart­näckig wartete. Run fiel es ihm auf, daß sein neuer Hausgenosse so erschöpfende Fragen über die einzelnen Mitglieder des Stammes stellte, und vor allen Dingen noch erschöpfen­dere Antworten überNamen und Art" ver­langte. Das kam dem guten Maire verdächtig vor, und er beschloß, seinen neuen Hausgenos­sen etwas eingehender zu beobachten. Wenn dieser sich unbeobachtet glaubte nstd in seinem Zimmer weilte, war gewöhnlich die ganze Fa- milie des Maire auf Posten, um zu köntrol- lieren, was der neue und selffame Hausge­nosse denn für Dinge vornehme. Sie über­raschten ihn nun eines Morgens ganz zeiftg beim Zählen großer Summen, deren Herkunft sie sich nicht erklären konnten. Sie sahen ihn eines Abends damit beschäftigt, einen Schmuckgegenstand zu betrachten, der ihnen bekannt schien, und den die Frau des Maire ganz bestimmt als den Erbschmuck aus der Familie ihres Mannes erkannte. Da zö­gerte man nicht lange. Man holte die Polizei, um sich des Eindringlings zu entledigen, aber als dieser sich legiftmieren mutzte, stellte sich heraus, daß er niemand anders war, als On­kel F o r n e, der gekommen war, um seine

1. Beilage.

Freitag, 23. Juni 1911.

Angehörigen ein wenig kennen zu lernen, ehe er ihnen sein Geld vermachte. Die Bestürzung des Maire und seiner Familie kann man sich vorstellen. *

Das Souper des Milliardärs.

Bei Gelegenheit der Pferdeausstellung zrk Olympia gab der Milliardär Vanderbilt etwa siebzig Gästen, die mit dem Unternehmen in Beziehung stehen, ein Souper, das sich durch Originalität und den Glanz der Ausstattung auszeichnete. Das Souper wurde zur Mitter­nachtsstunde serviert. Die Dekoration der Haupttafel stellte das Erscheinen des Coaching Clubs in Hyde Park dar, das nls größtes sportliches Ereignis der Saison Ende Mai oder Anfang Juni jeden Jahres zum ersten Male stattzufinden pflegt, lieber die Tafel lief in der Längsrichtung die bekannte Straße vom Pulver-Magazin längs der Achilles-Statue mit allen ihren Einrichtungen, Geländern, Stühlen, Straßenlaternen, wie man sie im Parke sieht, alles in Miniatur in Silber reizend gearbeitet. Sechs Vierspänner mit Kuffchern, Dienern, Damen und Herren, in Silber wundervoll mo­delliert, erschienen auf dieser Straße, der auch die übrigen Eigentümlichkeiten des Verkehrs an Fußgängern nicht fehlten. Kindermädchen mit Wagen, Polizisten, Soldaten, alle Arten von Straßenerscheinungen, drängten sich, wie in der Wirklichkeit, im wirren Durcheinander längs der Fahrbahn. Die Achilles-Statue war in einer Höhe von achtzehn Zoll wiedergege­ben. Nach Beendigung des Soupers wurde jedem der Gäste ein K r ö n u NH s a n se n ­ken in Gestalt eines Zigarrenetuis im Edelmetall überreicht, das die Königliche Krone und den Namenszug des Herrscherpaars in Emaille trägt. Es folgte dann eine Varietee- Vorstellung, den Gästen durch erste Künstler vorgeführt.

Dasschwache" Geschlecht.

Ein seltsamer Vorfall versetzte an einem der letzten Tage die Bevölkerung der kleinen spanischen Stadt Ciudad Real in einige Aufregung. Als der Bürgermeister des Ortes eines Mittags aus dem Rathaus heimkehrte, wurde er von einem Manne in L an d a r b e i- terkleidung angesprochen. Das erbetene Almosen wurde verweigert, worauf der zuriick- gewiesene Bittsteller in eine solche Flut von Schmähungen und Flüchen ausbrach, daß dem Stadtoberhaupt nichts übrig blieb, als den Mann festnehmen zu lassen. Zwei stämmigen Polizisten gelang es erst nach hartem Kampf, den renitenten Burschen ins Gefängnis zu schleppen. Dott sollte er sich der vorschrifts- mätzigen Leibesvisitation mit nachfolgendem Bad unterziehen, was ein neues, noch heftige­res Sttäuben zur Folge hatte. Sechs kräftige Gefängniswätter waren nötig, um den sich wie rasend Gebärdenden zu überwälttaen. Die Sachen mußten dem widerspenstigen Gefange­nen buchstäblich vom Leibe gerissen werden. Da stellte es sich heraus, daß man es mit. . . einerFran zu titn hatte. Die ein- gezogenen Erkundigungen ergaben, daß der weibliche Herkules bereits seit zehn Jahren in Männerkleidung einheraina und zwar an verschiedenen Orten als Landarbeiter tätig gewesen war. ohne jemals den leisesten Zwei­fel wachgerufen zu haben.

Beschwerden

über Unpünktlichkeit in der Zustellung derCasseler Neueste Nachrichten" be­liebe man un§ schriftlich oder telephonisch (951 und 952) mitzuteilen, da wir nur dann in der Lage sind, Abhilfe zn schaffen.

Mein Doppelgänger.

Humoreske, von E. M. Stosch.

Ah, Herr Referendar Krause," hörte ich hinter mir meinen Namen rufen und fuhr bei dieser Sttmme, wie vom Blitz geblendet, her­um. Wahrhaftig, da stand der Alte!

Nein, Herr Oberföffter, Sie sehen mich wirklich nicht vor fick," wollte ich schon hastig hervorstoßen. Aber ich besann mich noch und bemertte, mit höflicher Verbeugung:Enffchnl- digen Sie, mein Herr, aber ich bin nicht der Referendar Krause." Damit wandte ich mrch, den Hut lüftend, ab, um schnell zur anderen Seite der Straße hinüberzuschreiten.

Aber dieser Graubarl, der mich sonst in den Tod nicht leiden konnte, schien heute einen Nar­ren an mir geftessen zu haben. Geradezu am Rockärmel hielt er mich fest.Pardon, pardmr," sagte er dabei u. die scharfen Augen unter den buschigen, ergrauten Brauen blitzten mich an, .aber ich kann Sie unmöglich so gehen lassen. Eine Aehnlichkeit . . . hm. . . diese Aehnlichkeit ... äh, mein Name ist Witzmann. Mtt wem habe ich denn das Vergnügen?"

Von Sperlinghausen," sagte ich aufs Ge­ratewohl in grimmer Wut,Doftor der Natur­wissenschaften Kaspar von Sperlmghausen". Weiß der Himmel, wie ich aus diese verrückte Antwott verfiel! Meine ganze Hoffnung setzte ich auf meinen frisch gewachsenen Vollbart, in dem Witzmann mich noch nicht gesehen hatte.

Doch, wenn ich glaubte, nun loszukommen, so batte ich die Rechnung ohne den Vater mei­ner angebeteten Elisa gemacht. Denn der Wald­mann, eben dieser Vater, dem meine Werbun­gen so sehr mißfielen, und der durchaus von meinem Hiersein nichts wissen durfte, er bltev direkt vor mir auf dem Pflaster stehen, und lettt verwittertes Jägergesicht glänzte vor ?xreude. Von Sperlingha-'ffc>n . . . von Sperlmghau- sen?" wiederholte er immerzu.Welches unver­diente Glück fühtt mir noch einmal einen Sproß dieser Familie in den' Weg! Herr Doktor, fuhr er energischer fort, mich gerade ansehend, »es gibt nur eine Familie dieses Namens.Rrcht wahr, Sie sind der Sohn des alten Hern Kas­par von Sperlinghausen auf Sperlingstein?

Verflixti" tobte ich in meinem Innern. .Wie bin ich bloß auf den ausgefallenen Na­

men gekommen? Habe ihn sicher bei Witz- mann's mal gehött." Laut stammelte ich mit halber Verbeugung: .Gewiß, gewiß, Herr Oberförster."

Der alte Herr starrte mich an.Woher wis­sen Sie denn, daß ich Oberföffter bin?"

Auch das noch! Aber kühn erwiderte ich: Sie hatten doch die Güte, sich vorzustellen."

Hm . . . dachte, ich hätte nur meinen Na­men genannt," murmelte er.Aber vielleicht irren Sie sich. Sie haben wohl Ihren Vater von einem Oberförster Witzmann sprechen hören, und daher ist Ihnen nun diese Verbin­dung geläufig."

Donnerwetter, auf diese Erklärung hätte ich kommen müssen. Aber jetzt hieß es, die mir so unversehens aufgehalste Rolle glaub­würdig zu spielen, bis ein Loskommen möglich wurde. Denn auf keinen Fall durfte der Alte effahren, daß sich differwindige Referendar Krause" perZufall" zu der gleichen Zeit in Xburg aufhielt, da auch sein Töchterchen herge­reist war, vorgeblich nur, um die liebe Tante Meta zu besuchen. So ließ ich denn mein Ge­sicht in.Freude ersttahlen und rief aus:Aber natürlich, Herr Oberföffter, so wird es fein. Ja, ich erinnere mich so gut. Wie oft und wie gern sprach mein lieber Älter von Ihnen.

Der Oberföffter schmunzelte, und ich atmete auf. Er hatte seinen Verdacht überwunden und war glücklich, einen Sperlinghausen auf­gepirscht zu haben. Plötzlich ernster werdend, fragte er:Der gute Kaspar, Ihr Vater, lebt doch noch?"

Sollte ich dem alten Herrn noch etwas Odem gönnen? Es war vielleicht gefährlich, Witzmann würde die Verbindung mit ihm er­neuern wollen und hinter den ganzen Schwin­del kommen. So ließ ich ihn denn hartherzrg sterben und fprach betrübt:Nein, leider wurde er uns schon entrissen. Vor einigen Jahren. Ich brachte sogar einen richtigen Seufzer auf.

Witzmann sprach ein paar Waffe des Schmerzes. Dann aber meinte er:Komisch. Ich hätte sicher gedacht, er fei noch am Leben. Tenn vor kurzem habe ich doch noch eineu Auf­satz von ihm in einer Zeitung gelesen."

Nochmals verflixt! Aber unvorsichtig meinte ich:Er war vielleicht von mir. Ich schreibe und heiße ja auch Kaspar von Sperling­hausen." .

Aber gewiß!" rief der alte Herr.Und Sie sind ja Naturwissenschaftler. Spezialfach Vö­gel?"

War das Malice? Verbissen antwoffete ich:Nein. Dickhäuter."

Ah, sehr interessant," nickte der Gräubart, der rüstig und unentwegt neben mir heffchritt. Allerdings, der Arttkel handelte über die Tief­seefauna. Und Meeresfoffchung war gerade das Steckenpferd meines guten Kaspar. Uebri- gens, wie steht es denn nun mit der Verbrei­tung von Hyphaena coriacea?"

Von ... von ...? stammelte ich und fuhr dann kühn fort:Oh, die wird in allen Meeren gefischt."

Aber da blieb mein Begleiter stehen und starrte mich wie entgeisteff an.Nanu, Herr Doftor!" rief er fo laut, daß die Leute sich um­drehten.Ich fpreche doch jetzt von der Pal- mengrt, die Sie nebenbei in Ihrem Auffatz er­wähnten."

Geh zum Kuckuck, Alter, mit deinen Pal­men und glibberigem Waflergetier!" Fast hätte ich's laut gerufen. Aber ich beherffchte mich noch mit Mühe. Nur endlich soff! So sagte ich denn kühl:Sie entschuldigen wohl, Herr Oberförster, wenn ich nicht aufmerksam war. Aber ich habe eine Verabredung, im Stadt­paff. Muß also ganz andere Richtung ein­schlagen. Gestatten Sie daher, daß ich mich für heute empfehle."

Herr Witzmann blieb stehen, ^he wir scheiden,mutz ichJhnen doch noch etwas erzählen, was Ihre liebe, verehrte Frau Mutter inter­essieren wird. Meine einzige Tochter Elisa, Ihrer Mutter Patenkind, wird sich jetzt verlo­ben, sogar heute noch, und zwar eben mit die­sem Referendar Krause, dem Sie so merkwür­dig ähnlich sehen." Der alte Jäger strich sich den Bart und erzählte behaglich lachend weiter:Sie müssen wissen, ich war lange gegen diese Ver­bindung. Aber meine Schwester Meta, die so gerne junge Liebe beschützt, hat es fertig ge­bracht, meinen Widefftand zu brechen. Nachdem wir uns schriftlich geeinigt, hat sie mich herge­rufen, ohne den jungen Leutchen etwas zu ja­gen. Tas heißt, mit meiner Tochter, die hier bei meiner Schwester ist, habe ich vorhin schon gesprochen. Mit dem Bräutigam noch nicht. Aber Sie begreifen nun wohl, warum ich vor­hin so erregt auf Sie loslckoß. da ich Sie für

Krause hielt! Wollte den Schwiegersohn um­armen !"

Ich glaube, ich stand da wie ein holzge- schnltzter Götze. Oh, ich dreimal unseliger Esel! Stotternd brachte ich endlich hervor: Sie ... Sie haben also nichts mehr gegen diese Verbindung?"

Herr Oberföffter Witzmann richtete sich ge­rade auf, seine Züge nahmen einen strengen Ausdruck an.Ja." sagte er,vorausgesetzt, daß der junge Mann sich nun bewähff, ich meine, daß er seit seinen letzten Tollheiten, die mich so abschreckten, nicht neue Streiche began­gen hat. . . Aber nun will ich Sie nicht län­ger aufhalten, Herr Doktor. Ihrer Frau Mut­ter, die ich nächstens auf meiner Rheinreise be­suchen werde, meine Empfehlung. Bin sehr erfreut, Sie kennen gelernt zu haben."

Den Hut lüftend, ging er von dannen. * * *

Hat schon einmal jemand in einer so ver­teufelten Lage gesteckt wie ich?

Am Nachmittag ging ich todesmutig in Tante Mffas Haus. Ohne Bart! Ihn ab­nehmen zu lassen, war die einzige Rettpngs- möglichkeit, die ich verfilchen konnte. Ein an Elisa vorausfliegender Rohrpostbrief flehte die Damen an. nicht laut über mein veränder­tes Aussehen zu staunen. Aufllärung würde folgen.

Man empfing mich durchaus barmloS. Und harmlos erzählte mir der alte Herr, er habe beute einen Herrn von Sperlinghaufen getrof­fen, der mir fabelhaft ähnlich sehe. Rur einen Bart habe er getragen. Uebrigens ein mords­dummer Kerl. Wolle Wissenschaftler sein und habe sich schändlich blamiert Und gar nicht bemerkt habe er, daß er, Witzmann, ihn an der Nase herumgesührt habe, indem er tat, als kenne er die Sperlinghausen. Keine Idee! Er habe den Namen nie gehört . . . Dann warf er noch so hin:Uebrigcns Dummheit ist nicht immer ein Fehler. Wer zum Beispiel seine Streiche recht'ungeschickt macht, der scheint mir doch noch nicht ganz verloren." Und obgleich er geradezu pfiffig lachte, schienen mich seine scharfen Äugen zu durchbohren.

Die Haupffache ist, daß ich meine Elisa doch noch bekommen habe.

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