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stammet 164. i. Jahrgang.

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Sonntag, den 18. Juni 1911.

Fernsprecher 951 unb 952.

Kanzler Fahrt.

Der erste und bet fünfte Kanzler.

Herr von Bethmann Hollweg, der sonst zur Sommerzett nach langer Wochen Plage in der stillen Einsamkeit von Hohen­finow den Philosophen in der Staatsmann­seele zu neuem Leben erwachen ließ, hat in den letztvergangnen Wochen das Kreuzfeuer einer vielhundertzüngigen Kritik ertragen und mit schmerzendem Ohr vernehmen müssen, daß ihn grade Diejenigen, deren Liebe und Vertrauen er bisher emsig umworben, des Verbrechens an der Heiligkeit staatlicher Auto­rität zeihen. Er hat das Meer konservativen Grolls in seinen tiefiten Tiefen aufschäumen, und alle Bande stommer Scheu, die sonst den Trutz zu zähmen schienen, sich lösen sehen, und fühlt nun das Bedürfnis, sich im Anblick einer schöner», bessern Welt von arger Täuschung zu erholen, und am grünen Rhein, im Bann­kreis glücklicher Lebensfteude, neue Kraft zur Duldung und Abwehr zu sammeln. Angesichts der rauschenden Majestät des deutschen Rheins, himmelfern überragt von den Riesenfelsen deutscher Heldensage, und umfächelt vom wis­pernden Laub knorriger Erichen, mag in des Kanzlers schicksaldurchfurchter Seele die dem Philosophen ziemende Erkenntnis aufblitzen, wie winzig und eitel doch imgrunde dies kümmerliche Kampfspiel, das sein Hirn nicht zur Ruhe und seine Nerven nicht zum Frieden kommen läßt, und das doch nur geboren ward aus einer einzigen Verleugnung jener tragischen Traditiongottgewollter Abhängig- keiten", die den Namen Theobald von Beth- mann Hollweg für ewige Zeiten an die Trutz­burg konservativer Weltanschauung kettet!

Und wenn er, zur Linken Herrn Kreuz­wendedich von Rheinbaben (den er vor'm Jahr erst als Störer süßer Eintracht dem Exil am Rhein überantwortete), am Fuße der Eli- senhöhe steht und der Felsen ragende Gipfel schaut, die nun bald des ersten Kanzlers stei­nern Bildnis tragen sollen, mag in seiner Seele sich der bange Zweifel regen, ob (nach Jahrzehnten) auch sein Name döm Volk noch unvergessen, sein Heldcnwerk dankbaren Enkeln noch vertraut fein wird. Ueber Otto von Bis­marcks Reckengrab ist das zwanzigste Jahr­hundert mit hartem Tritt dahingeschritten, am Felsen bismärck'scher Unsterblichkeit haben ärm­liche Stümper mit dem Stichel geistloser Kritik und schnüffelnderForschung" gemeißelt, und es ist uns längst gesagt, daß des Jahrhunderts größter Deutscher nicht in des Sachsenwaldes Tiefen vom Leben schied: Dennoch ringt heut die ganze Kraft deutschen Volktums in wildem Ungestüm um Bismarcks Angedenken, weil im Empfinden der Nation der Steinblock auf der Elisenhöh' des großen Kanzlers nicht würdig, weil die Dankbarkeit der Enkel andern, stärker» Ausdruck heischt als ein Relief des Titanen­kopfs, eingemauert in's Gequader toten Steins, oder umkuppelt vom Säulenbau imperialisti­schen Stils. In diesem Kampf um Ort und Form offenbart sich der E w i g k e i t g e h a l t bismärck'scher Riesentat, und in des Nach­fahrs bewundrung-frommer Seele mag sich die Wehmut regen, wenn spät erwachtes Selbst­vertrauen am ragenden Fels bismärck'schen Heldentums den Hügel eigner Tatengrötze mißt.

Auch Jenem, dem der Enkel Dankbarkeit auf stolzer Höh' am deuffchen Rhein ein ehern Denkmal baut, ist des Schicksals Tücke nicht er­spart geblieben, als er's wagt«, wider den Stachel zu löten, und dem Wohl des Vater­lands Tradition und frommen Brauch zu opfern: Auch Otto von Bismarck hat die ganze Wucht konservativen Ansturms gespürt, als die Notwendigkeit sich ergab, dem Forffchritt und der Entwicklung neue Wege zu bahnen und die ilten Dämme patriarchalischer Parteienwirt­schaft niederzureißen. Und wie jetzt dem Erben im Kanzleramt, so hat auch ihn das Brandmal nationalen Verrats" undpolitischer Tot- süude" nicht verschont, geifernde Leidenschaft ihn nicht unbemakelt gelassen, und der Hohn ihn nicht verfehlt; aber er hat's ertragen wie ein Mann, der mit wuchtigem Tritt durchs Ge­strüpp schreitet und der Dornen nicht achtet, die seine Sohlen ritzen. Der erste Kanzler, der im politischen Handel immer nur den Zweck und das Ziel, nie aber des Weges Blumen oder Steine gesehen, hat der Allmacht rustikal­ster Kasten- und Jntereffenpolitik gegenüberge­standen mit keiner andern Waffe in der Hand, als der Stärke eigner Ueberzeugung und gei Wucht seiner Persönlichkeit: Der fünfte steht Zwergen gegenüber und spürt

dennoch in der Seele das zitternde Bangen vor der Unbegrenztheit strafender Möglichkeiten, die in diesem Land der Seltsamkeiten und po­litischen Abnormitäten auch am Weg des Starken lauer».

Türspaltlauscher habe» erkundet, daß der Kanzellar, gemieden vom guten Geist preußi­scher Tradition, mit des Genossen Frank revo­lutionärer Schreckgestalt trauliche Zwiesprache gepflogen, vorm Ohr des Umstürzlers ohne Scheu Fragen des reichspolitischen Geschäfts erörtert und mit dem badischen Sozialisten- Ehef über die Unterstützung Bethmann'scher Reformpläne durch die Dreimillionenpartei der roten Internationale verhandelt habe. Ob Wahrheit, ob Dichtung: Wer weiß? (Bismarck hat mit Windthorst's grollender Unversöhnlich­keit geplaudert, als des Kulturkampfs letzte Woge längst noch nicht verbrandet.) Und das Intermezzo sollte ausreichen, einen Mann von der pedantischen Ehrbarkeit Theobald von Bethmann Hollwegs vor'm Land zu ächten, ihm im Olymp gnädige Huld in finstern Groll zu wandeln? Noch mag man's nicht glauben; noch blaut der Himmel in strahlendem Glanz und des Helden Lorbeer grünt wie am Tag dankbarer Kränzung. Aber auch Kanzler sind dem Schicksal untertan, und über Nacht kann sich manches wandeln, das unten» Morgen­strahl noch licht und traulich dünkt: Die Stim­men, die gegen des fünften Kanzlers preußische Tugend schwere» Vorwurf schleudern, hallen wider in Kiel und auf der Nordlandfahrt, im Donaueschinger Jagdrevier und im Nerotal am Taunusberg, und auch eines Kaisers Ohr ist vor gift'ger Flüsterung nicht gefeit. Herr von Bethmann Hollweg weiß dies alles: Er stand lang genug im Strahlenkreis der Sonne, um zu wissen, wie leicht zuweilen Licht und Schatte» wechseln, und darum fühlen wir's ihm nach, wie die Fahrt zum Rhein und der Blick zur Himmelhöhe ragender Felsenwucht ihm in stiller Ruhestunde zum Bedürfnis ward. Möge der Geist des e r st e n Kanzlers, der heut das Rheinland zu flammendem Protest geweckt, auch in des fünften Seele lebendig, tatenstark und wirksam werde»! F. H.

Sie Franzörchen von Straßburg.

Wie die Alte» jungen. . ." (Privat-Telegram m.)

Wie uns aus Straßburg i. E. depe­schiert wird, ist gestern die end'giltige Auflö­sung der StudentenvereinigungCercle des etudiants alsaciens-lorrains" verfügt, und be­kanntgegeben worden. Der akademische Senat hat den Beschluß einstimmig gefaßt. Begründet wird die Maßregel damit, baß der ArtikelLe bon sans conunun. Peregrinations ä travers aroncas et broussailles. Pamphlet du jour", der in dem letzten offiziellen Semesterbericht der Vereinigung erschienen war, mehrere deuffch- feindliche Aeußerungen febr gehässiger und ver­letzender Art enthielt. Diese Tatsache stehe im offenen Widerspruch mit ber Eigenschaft der Studentenvereinigung" als einer vom Senat einer deutschen Universität genehmigten Korpo­ration, und das könne durch die literarische Form, in der der Artikel gehalten sei, nicht ent­schuldigt werden.

Tann finden sich in dem Artikel nicht nur Aeußerungen,die die Sitte und Ordnung des akademischen Lebens, sondern überhaupt das sittliche Gefühl schwer verletzen durch eine längere Stelle sexuellen Inhalts, die gerade­zu als pornographisch zu charakterisieren sei. Erschwerend komme hinzu, daß die erwähnte Stelle an ein Bibelzitat anknüpfe, das selbst wieder zu einem Abschnitt gehöre, der die ka­tholische, evangelische und jüdische Konfeffw» in frivoler Weise verhöhne.

Als vierter Grund der Auflösung wird an­gegeben, daß aus dem Semesterbericht hervor­gehe, daß sich die Studentenvereinigung als Forffetzung des Vereins Sundgovia-Erwinia betrachte, der am elften April 1887 wegen deutsch-feindlichen Verhaltens ausgelöst worden sei. Ter Verfasser des fraglichen Artikels, Stu­dent Münck, ist für immer relegiert, den imma­trikulierten Vorstandsmitgliedern vom vorigen Wintersemester ist die Verweisung von der Uni­versität angedroht worden. Die enffchiedene Haltung des akademischen Senats gegenüber den Lümmeleien flaumbärtiger Französlinge hat in den deuffch-akademischen Steifen leb­hafte Billigung gesunden und man darf wohl erwarten, daß das Exempel die erhoffte Wir­kung haben wird. -pl-

Madame Thiriorr.

(Telegramm unsers Korrefpondenten.)

** Köln. 17. Juni.

Zu den in der letzte» Zeit in der Presse auftauchenden widersprechenden Meldungen über die Untersuchung gegen die französische

Sprachlehrerin Thirio» wegen Spio­nageverdachts erfahre ich an zuständiger Stelle, daß die Voruntersuchung nunmehr abge­schlossen ist und die Akten dem Leipziger Reichsgericht eingesandt worden sind. Es steht indessen »och nicht fest, in welchem Umfang die Anklage wegen Spionage gegen Madame Thirio» erhoben werden wird. Hierüber wird eine definitive Entscheidung erft in Leipzig fal­len, aber soviel kann schon heute gesagt wer­den: Offiziere sind in die Affäre nicht verwickelt, auch hat die Untersuchung keine be­stimmten Anhaltspunkte über etwaige andere Mitschuldige der Verhafteten ergeben, fo daß wahrscheinlich nltr gegen die Sprachlehrerin allein Anklage erhoben werden wird.

Castro'«Fliegender Holländer".

Der Exprästdent und seine Leute.

Nach einer Depesche aus Port au Prinee hat Präsident Simon bisher keine Be­stätigung der Meldung erhalten, wonach sich General Castro auf dem verdächtigen Schiff, das den NamenKonsul Grostuck" führt, befindet. Präsident Simon hält aller­dings die Bewegungen des Schiffes für ver­dächtig und erklärte, daß, wenn sich General Castro an Bord befinde, Haiti dieses Schiff als Piratenschiff erklären und beschießen lassen würde. Ueber Castros Pläne und Umtriebe berichtet uns ein weiters Telegramm aus

Berlin, 17. Juni.

(Eigene Drahtmeldung.)

Von unterrichteter Seite wird derVossi- schen Zeitung" mitgeteilt: Daß der neuen Ver­schwörung Castros gegen die venezuelische Re­gierung ein wohlüberlegter Plan zu­grunde liege, beweise der Umstand, daß er trotz der sorgfältige» Ueberwachung unbemerkt von Teneriffa entkominen konnte. Di« venezuelifchen Geheimagenten bewachten Castro auf Schritt und Tritt, aber eines Morgens war er spurlos verschwunden. Die venezuelanische Regierung hatte sogar einen besonderen Inspektor nach Europa entsandt, der seinerseits wieder­um die zur Beobachtung Castros bestimmten Geheimagenten zu überwachen hatte. Bemer­kenswert ist, daß auch mehrere frühere Anhän­ger Castros (darunter ein reicher Bankier), die in Paris und anderwärts im Asyl lebten, eben­falls verschwunden sind und sich mit Castro zu­sammen an Bord eines auf ber Fahrt nach Amerika befindliche» Schiffes aufhalten fallen. Castros Versuch, in Port au Prince zu landen, wird schon heute oder morgen erwarlet.

*

Rewyork, 17. Juni. (Privat - Tele - gramm.) Die Behörden von Port au Prince haben den Behörden von Washington mitge­teilt, baß sich Castro nicht an Bord berUm- bria" befinde. Sie nehmen an, daß er sich entweder verkleidet und so heimlich an Land begeben habe, oder überhaupt nicht an Bord Sewefen sei. Die Behörden in Washington aben sich indessen mit dieser Erklärung nicht zufrieden gegeben, sondern fordern eine genaue Aufllärung der Angelegenhit.

Der Deutsche Rundflug.

Der heutige Start Hamburg-Kiel.

Begünstigt von herrlichstem Wetter und nur geringem Winde sanden gestern in Ham­burg die örtlichen Wettbewerbe, die dem Deuffchen Rundflug eingefügt sind, statt. Der Andrang des Publikums war außerordentlich stark. Nachdem zuefft die Flieger etwas zag­haft und in längeren Intervalle» an den Start gegangen waren, entwickelte sich in den spä­teren Abendstunde» ein lebhaftes Treiben in de» Lüfte». Alle Flieger, die zur Stelle waren, unternahmen Ausstiege und Höhen­flüge. Kein einziger Schuppen blieb besetzt, und wie die Bienen umschwärmten die Flugmaschinen die massige Gestalt des Parse- Val-Ballons der Luftverkehrs - Gesellschaft. Heute früh um vier Uhr begann der Start zur Etappenfahrt Hamburg-Kiel. Ein Pri­vattelegramm berichtet uns darüber:

<P Hamburg, 17. Juni.

Bei völlig wolkenlofem Himmel starteten heute morgen folgende Flieger zur Fahrt Hamburg-Kiel: Büchner präzise 4 Uhr, Lintpaintner 4 Uhr 1 Minute, Wincziers 4 Uhr 2 Minuten, Schauenburg 4 Uhr 9 Mi­nuten, Laiffch 5 Uhr 4 Minuten, Thelen 5 Uhr 25 Minuten, Leutnant Janow 5 Uhr 29 Minu­ten und Dr. Wittenstein 6 Uhr 1 Minute. Von diesen sind

eingetroffen in Riel:

Wineziers um 5 Uhr 54 Minuten, Lintpaint­ner 4 Uhr 57 Minuten, Büchner 5 Uhr 6 Mi­nuten und Schauenburg 5 Uhr 26 Minuten. Der Erste, der die ankommenden Flieger auf dem Fluggelände empfing, war Prinz

Heinrich von Preußen. Dr. Wittenstein landete 7 Uhr 5 Minuten, Thelen 7 Uhr 6 Minuten und Leutnant Janow 6 Uhr 22 Minuten. Laiffch erlitt eine Panne und sitzt in Elmshorn fest.

Hamburg, 17. Juni. (Telegramm unsers Korrespondenten.) Der Flie­ger W i e n e z i e r s ist gestern abend 7,44 Uhr hier aufgeflogen und hat die Landungsstelle bei Kirchstrinbeck (wo er am DonnchStag Ha­varie erlitt) nochmals überflogen. Er wurde um 8,09 Uhr offiziell in Hamburg gezeitigt. Anschließend hieran hat er gleich einen Schau­flug ausgefühtt. Dr. W i t t e n st e i n landete hier mit seinem Passagier um 9,01 Uhr abends glatt und wurde stürmisch begrüßt. Er erzielte (leider außer Wettbewerb) die erstbeste Fahrzeit auf der Strecke mit 1 Stunde 35 Minuten für die 125 Kilometer. Das Preis­gericht hat über die Verteilung der für die ört­lichen Wettbewerbe in Schwerin ausgesetz­ten Preissumme von 3000 Mark folgendes be­schlossen: Es erhielten im ganzen Lind- p a i»t n e r 1583 Mark, König 907 Mark, und Büchner 510 Mark.

Sie Spione von Breslau.

Zehn Jahre Zuchthaus für Remane.

(Bericht unfers Korrefpondenten.)

Leipzig, 16. Juni. (Pr i v a t - Te­legramm.) In dem Spionageprozeß Remane verurteilte das Reichsgericht gestern nachmittag den Angeklagten Josef Remane wegen Verrats militärischer Ge­heimnisse zu zehn Jahren Zucht­haus und zehn Jahren Verlust der bür­gerlichen Ehrenrechte und feine Schwester Marie wegen Beihilfe zu diefem Verbre­chen zu einem Jahr sechs Mona­ten Gefängnis. Beiden Angeklagten wurden je vier Monate als durch die Un­tersuchungshaft verbüßt angerechnet.

Aus der Begründung des Urteils wird uns mitgeteilt: Der Strafsenat des Reichsge­richts ist zunächst der Ansicht gewesen, daß die von Josef Remane mit Jofef Heeg in der Nacht zum zwanzigste» Juni 1909 in Schweidnitz bewirkte Wegnahme zweier Jnsan- teriegewehre Modell 98, die im ^Eröffimngsbe- schluß als ein Verbrechen gegen den Paragra­phen drei des Spionagegesetzes bezeichnet ist, sich als ein in Jdealkonkurtenz mit schwerem Diebstahl begangenes Delikt dafftellt. Es ist ferner erwiesen, daß Remane allein am zwei­ten November 1909 zwei Kavallerie-Karabiner aus der Ulanen-Kaserne in Gleiwitz gestohlen hat; hier liegt einfacher Diebstahl vor in Jdeal- konkurrenz mit dem Verbrechen aus Paragraph drei des Spionagegesetzes. Endlich hat der An­geklagte am zweiundzwanzigsten Dezember 1909 eine große Anzahl von Schriften, Zeichnungen und andere Gegenstände aus der Kaserne des Grenadierregiments Nr. 30 in Schweidnitz ent­wendet. Hier liegt schwerer Diebstahl mittels Einsteigens u. Erbrechens von Behält- nissen vor. Der Gerichtshof hat die gestohlenen Jnfanteriegewehre sowohl wie die gestohlenen Karabiner als geheim zu haltende Gegenstän­de angesehen und erkannt, daß durch deren Aus­lieferung an eine fremde Regierung

die Sicherheit des Deuffchen Reichs gefährdet werde. Diese Gegenstände ffnb zwar nicht vom Angklagten selbst ausgeliefert worden, sondern von feinem Genossen Heeg, aber mit Wissen und Willen des Angeklagte» Remane. Der Gerichtshof ist deshalb der An­sicht. daß in diefem Falle nicht bloß ein Ver­brechen gegen den Paragraphen drei des Spio- nagegesetzes vorliegt, fonbent baß ein ge- meinfchaftliches Verbrechen gegen de» Paragraphen eins des Gefetzes anzuneh­men ist. Im zweiten Fall, wo es sich um die Kavallerie-Karabiner handelt, ist vom Ange­klagten selbst zugegeben worden, daß diese Waffen nach Frankreich gelangt, sind. Was den Diebstahl der Druckschriften usw. be­trifft, fo sind eine große Anzahl derselben als geheim anzufehen. Es steht fest, daß von Jofef Heeg nach gemeinschaftlichen Verabredungen mit Remane durch eine Reife nach Paris am vierzehnten Juni vorigen Jahres ein Teil die­ser Druckschriften an einen Agenten der franzö­sischen Regierung abgegeben worden ist. Die Angeklagte» handelten mit dem Bewußtsein bej

Gefährdung des Deuffchen Reichs.

Ein anderer Teil ber Beute ist bann von Heeg an Rußland ausgeliefert worden. Reman« hat aber gewußt, baß Heeg bie Sachen an Ruß­land ausliefern wollte. Er hat sie jenem zu dem Zweck der Auslieferung überlassen und deshalb hat der Gerichtshof angenommec. daß Remane auch hier gemeinschaftlich mit Heeg gehandelt hat. Es ist vonn auch zur Kenntnis des Gerichtshofes gekommen und als erwiefen erachtet worden, daß einzelne der Sa­chen einem englifchen Agenten zugäng­lich gemacht worden sind, und baß endlich ver-