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Nr. 163. — 1. Jahrgang.

Casseler Neueste Nachrichten

Sonnabend, 17. Juni 191L

nit einem Aufruf an die Casseler Bürger- chaft, den von den städtischen Körperschaften leschaffenen Grundstock durch freiwillige Bei- -räge au erhöhen. Zur Entgegennahme der Spenden, über die öffentlich quittiert werden vird. sind bereit die Bankhäuser: Dresdener Sank, L. Pfeiffer, I. S. Werthauer jun. Nachf., Schirmer, Marino & Sichel und Kreditverein, ssrehschmidts Buchhandlung, sowie die Aus- iunftsstelle des Verkehrsvereins am Bahnhdfs- »latz.

Portugiesische Verschwörer-Plane.

Royalisten und Schwarzes Kabinett.

Die Situation in Portugal wird immer bedenklicher, trotzdem die Regierung bemüht ist, durch die offiziösen Depefchenbüros die Lage als .unbedenklich und normal' schildern zu lassen. Die Königspartei, deren spiritns rector offensichtlich in der nächsten Umgebung des entthronten Königs Manne! zu suchen ist, ent­faltet immer offener eine umfangreiche Tättg- keit. und es kann keinem Zweifel mehr unter­liegen, daß die Royalisten schon heirte in Ar­mee und Verwaltung zahlreiche Anhänger ha­ben. Ein Telegramm von heute früh meldet uns: ■'

$ Paris, 16. Juni.

(Eigene Drahtmeldung.)

Die hiesige diplomattsche Vertretung Por­tugals ist zwar eifrig bemüht, das Anwachsen der monarchistischen Bewegung im Norden des Landes in Abrede zn stellen, doch lauten verläßliche Privatmeldungen über die Sttmmvng in den Garnisonen Chavez und Braga andauernd sehr beunruhigend. Der portugiesische Ministerrat hält täglich Sitzun­gen ab, um über die zu tteffenden Maßnahmen sich zu einigen. Man hat aber bisher anschei­nend noch nicht die richtige Methode gefunden, um den eigentlichen Herd der Ver­schwörung zu entdecken. Wie es scheint, verfü­gen die Königlichen über sehr große Geld­mittel und unterhalten andauernd zu dem Schwarzen Kabinett sehr rege Bezie­hungen. Wie zuverlässig verlautet, planen die Monarchisten, von Opotto aus in den letzten Junitagen die Gegen-Revolntion zu proklamieren, die Garnisonen Chavez und Braga für ihre Sache zu gewinnen und dann im Norden des Landes den entscheidenden Vor­stoß zu unternehmen. Es scheint auch, daß in militärischen Kreisen die Sympathien für die Royalisten immer mehr zunehmen und daß die Gefahr eines Uebergangs ganzer Gar­nisonen zn den Verschwörern sehr nahe ge­rückt ist.

Re Politik des Zages.

s> „Deutschland, der Freund Spaniens". '(Privattelegramm.) Die in Madrid erscheinende Zeitung „ABC" gibt eine große Anzahl deutscher Preßstimmen zur Marok - ko frage wieder und hebt dabei hervor, daß allein in Deutschland die Haltung Spaniens gerechte Würdigung und Wohlwol­len finde. Das Blatt fügt hinzu, Spanien dürfe nicht vergessen, daß ihm in allen seinen Schwierigkeiten Frankreich stets feindlich oder gleichgültig gegenüberstehe, während in Deutschland warmes Interesse und freundliche Gesinnung Spanien gegenüber herrsche.

Castro unter deutscher Flagge? tP r i - vattelegramm.) Die Londoner „Central News' erfahren aus Washingt on, die Ankunft des Expräsidcnten C*astro in den Gewässern von Haiti habe eine etwas un­bequeme Lage geschaffen, da er sich auf den Schutz der deutschen Flagge, die an Bord seines Schiffes wehe, zu berufen scheine.

Das Staatsdepartement sei überzeugt, daß ernste Unruhen unvermeidlich sein würden, wenn es Castro gelinge, in Venezuela zu landen. Inzwischen hat sich herausgestellt, daß die Hissung der deutschen Flagge auf ein Mißverständnis zurückzuführen ist, für das allerdings Castro selbst die Verantwortung trägt. Wie weiter aus Washington be­richtet wird, sollen mehrere amerikanische Kriegsschiffe ausgesandt werden, um das Schiff zu überwachen, an dessen Bord Castro sich befinden soll. Wenn Castro sich an Bord befindet, soll er mit einem verfügbaren Damp­fer nach Europa zurückbefördert werden.

Oesterreichische Offiziere als Spione? Prtvattelegramm.) Depeschen aus Bel­grad Mfolge hat die serbische Finanzwache zwei österreichische Offiziere verhaftet, die unweit von Kubin in Zivilkleidung und Militärhelm die Donau überschritten und die Festungs­minen von Ram besichtigt hatten. Die Offi­ziere wurden aber von der Polizei, der sie zu- geführt wurden, wieder freigelaffen. Die Bel­grader „Tribüne' bringt zn der Nachricht noch die ins Reich der Fabel zu verweisende Sensa­tionsnachricht, österreichische Truppen hätten auf dem linken Donauufer bei Kubin Vorkeh­rungen getroffen, um eine Pontonbrücke zu schlagen und nach Serbien einmarschieren zu können.

Achtzehn Stunden unter Wasser. (Privattelegramm.) Aus Paris wird uns depeschiert: Schon seit einiger Zeit haben französische Unterseeboote Tauchversuche von längerer Zeitdauer vorgenommen. Dem Unterseeboot „Argonaute' ist es nunmehr ge­lungen, alle bisherigen Rekords zu brechen, in­dem es achtzehn Stunden lang unter Wasser blieb. Der Marineminister sprach der Mannschaft seine wärmsten Glückwünsche zu diesem Erfolg ans.

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In Bradford (England) sind zahlreiche Arbeiter der Tertilbranche in den Ausstand getreten, weil die Arbeitgeber die von ihnen geforderte Lohnerhöhung ablehnten. Man be­fürchtet den Ausbruch des General st reiks der Kammgarnarbeiter, deren Syndikat zehn­tausend Mitglieder umfaßt.

Ein Telegramm aus T eh e ran meldet: Müde des Parteiwirrwarrs, hat jetzt auch der siebenundsechzigjährige Premiermini st er Teheran verlassen und ist nach Norden geflüch­tet. Der Grund soll in den Angriffen der per­sischen Zeitungen zn suchen sein.

Neuer Dom Zage.

(Depeschen der Casseler Neuesten Nachrichten.)

~ Dämon Spiel . . . Ein auf dem Kaiser­damm in Berlin wohnender Leutnant, der bei einem Artillerie-Regiment stand und erst vor wenigen Monaten den Dienst quittierte, be­ging gestern, als er von einem hiesigen be­kannten Spielklub heimgekchrt war, Selbst­mord. Der junge Mann, der in dem Klub fast allnächtlich verkehrte, hat, wie es heißt, ge­stern dort große Summen verspielt und machte daraufhin seinem Leben ein Ende,

™ AnL dem Schlaf in den Tod. In der Schlaftrunkenheit fiel in der vergange­nen Nacht ein Obersekundaner von der Groß- Lichterfelder Kadettenanstalt aus dem Fenster auf den Anstaltshof hinab und erlag kurz dar­auf seinen schweren Verletzungen.

xx Der Selbstmord eines Zuchthäuslers. Der Materialwarenhändler Theuerkauf aus Magdeburg, der seinerzeit wegen Er­mordung von Frau und Tochter zum Tode verurteilt, dann aber zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt wurde, hat sich gestern in der Strafanstalt Lichtenberg erhängt, nachdem er zwei Jahre seiner Strafe bereits verbüßt hatte.

Ein Raubmord im nächtlichen Dresden. In der Nacht zum Donnerstag hörten Ange­stellte des neuen SchlachchofeS am großen Ostragehölz in Dresden kurz nacheinander zwei Schüsse fallen. Sie überstiegen sofort die Schlachthofsmauer und bemerkten in der einsamen Pieschner-Allee eine Taxameter­droschke. Ihr Führer blutete aus einer Kopf­wunde und lag tot am Boden. Im nächt­lichen Dunkel sahen sie einen Mann entwei­chen. Es wurde festgestellt, daß der Flüchttge die Droschke zu einer Fahrt in das Ostrage­hölz gemietet hatte, dort in der einsamen Ge­gend am Elbstrande auf den Droschkenkutscher von hinten zwei Schüsse abgegeben, ihn ge­tötet und dann beraubt hatte.

iS Mit dem Tode gesühnt. Der durch das Schwurgericht in Halle a. S. am 30. November vorigen Jahres wegen Ermordung des Arbeiters Bojko znm Tode verur­teilte Arbeiter Opitz ist heute früh ans dem Hof des Amtsgerichtsgesängnisses in Halle durch den Scharfrichter hingerichtet wor­den. Opitz ging ruhig und gefaßt zum Schaffott.

ts Ein Student als Dieb. In Bonn wurde gestern der Student Hermann L e n - n a r tz aus Köln wegen Diebstahls verhaf­tet. Lennartz hat nach seinem eigenen Ge­ständnisse anderen Studenten Geldsummen im Gesamtbeträge von 350 Mark, goldene Ringe und Bücher gestohlen.

iS Das Verhängnis einer Bürgschaft. In Oppenheim am Rhein ist seit einigen Ta­gen der Rechner der Sparkasse, Kabol Jochem, verschwunden. Er hat einen Brief hin­terlassen, in dem er angibt, daß er sich in den Rhein stürzen werde. Es wurde sofort ver­sucht, eine Revision der Kasse vorzunehmen. Jochem hatte jedoch die Schlüssel mitgenom­men, sodaß man den Kassenschrank noch nicht öffnen konnte. Man glaubt, daß die ganze Angelegenheit ein Nachspiel zur Affäre des Notars Hubert bildet, für den sich der Rechner verbürgt hatte. Ob Jochem Selbstmord be­gangen hat, ist noch nicht festgestellt.

iS Das Schicksal zweier Brüder. Im B n ch- weiler bei Oberstem a. d. Nahe geriet der Schleifereibesitzer Fikert aus geringfügiger Ursache mit seinem Bruder in Streit. Er zog seinen Revolver und schoß seinen Bruder in den Rücken. Dann gab er auf sich selbst drei Schüsse ab, die seinen Tod herbeiführten. Der Bruder liegt hoffnunglos darnieder.

iS Junischnee in der Schweiz. Depeschen aus Zürich melden: Ein starker Wettersturz hat in den hohen Berglagen der Schweiz eine Menge Neuschnee gebracht. Die Tempe­ratur ist in den Höhen von zweitausend Me­tern bis auf fünf Grad unter Null gesunken. Die Neuschneemenge beträgt gegen vierzig Zenttmeter.

rr Ein Auto verunglückt. In der Nähe von B r u ck bei Wien ist ein A u t o, in dem sich ein Ingenieur aus Wien und eine Dame befand, gegen eine Telegraphenstange gefahren. Die beiden Insassen wurden herausgeschleudert u. schwer verletzt. Das Auto wurde total zer­trümmert.

iS Die überfallene Fronleichnams-Prozes­sion. Bei der St. Domine-Prozession in Fabiano (Italien) kam es zu wilden Szenen. Antiklerikale bemächtigten sich der Banner, zerrissen sie und beleidigten die Prie­ster, sowie den Bischof, der mit dem Allerhei­ligsten unter dem Baldachin niederfiel. Die Priester flohen entsetzt von dannen. Zum Schutz des Bischofs eilte noch rechtzettig eine Kompagnie Schützen herbei, die ihn in die Kirche geleitete.

iS Im Gcldfchrank gefangen. Ein eigen­artiger Vorfall ereignete sich gestern in einem Brüsseler größeren Finanzinstitnt. Zwei Arbeiter waren mit dem Anstreichen der In­

nenwände eines Tresors beschäftigt, als plötzlich die Tür ins Schloß fiel, sodaß die beiden Anstreicher gefangen waren. Auf ihre Hilferufe erschienen mehrere Bankangestellte, denen cs aber nicht gelang, die Tür zu öffnen. Es mußten Geldschrankarbeiter herbeigerufen werden, und diese konnten den Tresor erst nach eineinhalbstündiger Arbeit öffnen. Die beiden Anstreicher lagen bewußtlos am Boden, und es bedurfte längerer Zeit, sie wieder ins Bewußffein zurückzubringen.

iS Die Explosion auf dem Kathedralplatz. Auf dem Kctthedralplatz in Valenzia (Spa- nien) erfolgtze gestern die Explosion einer Bombe, wodurch die Kathedrale und eine Anzahl anstoßender Gebäude erheblich beschädigt wurden. Personen sind nicht zu Schaden gekommen.

iS Rothschilds Nachlaß. Aus London wird berichtet: Der Gesamtbetrag des in England befindlichen Nachlasses des kürz­lich verstorbenen Barons Albert von Rothschild beläuft sich auf 735 027 Pfund Sterling. Dafür sind in England 96 242 Pfund, gleich 1924980 Mark, Nachlaßsteuer zu cnttichten.

XX Eine neue Erdbeben-Katastrophe. Nach einer Meldung des „Newyork American' hat in Mexiko abermals ein Erdbeben statt­gefunden. Der Erderschütterung fielen dies­mal 122 Personen zum Opfer, darunter mehrere Personen, die in dem früheren Erd­beben verwundet worden waren und in den Hospitälern lagen. Eine amtliche Mitteilung gibt die Anzahl der Opfer der Katastrophe vom siebenten Juni auf fünfzehnhundert an. Das gestrige neue Erdbeben in Mexiko würde (wie unsaus Franffurt a. M. gemeldet wird) gestern von den seismographischen Instrumen­ten des Frankfurter Physikalischen Vereins re- gistriett, die eine außerordentlich starke Be­wegung vermerkten.

Das Neueste aus kastel.

Die Beleuchtung der Aue.

Schon lange ist es ein Wunsch weiter Bür­gerkreise, die Hauptwege unserer herrlichen Aue bei Einbruch der Dunkelheit beleuch - tet zu sehen. Der in unmittelbarer Nähe der Stadt gelegene große Patt bietet die einzige Gelegenheit, am Abend nach getaner Arbeit int Freien ungestört Erholung zu suchen. Die Stadt hätte dem Wunsch vielleicht schon ent­sprochen, wenn der Auepatt im städtischen Be­sitz wäre. Da er aber dem Fiskus gehört, so ist eine Verständigung mit diesem herbeizu­führen. In der gestttgen Stadtverordneten­versammlung nahm nun der Stadtverordnete Scheidemann Gelegenheit, diesen Wün­schen Ausdruck zu geben, indem er mit Unter­stützung einiger anderer Stadtverordneten fol­genden Antrag einbrachte:

Die Stadtverordnetenversammlung er­sucht den Magistrat, mit der Auepatt-Ver- waltung in Verbindung zu treten, um die Beleuchtung einiger noch näher zu be­stimmender Wege der Karlsaue zwecks Schaffung einer die Interessen unserer Stadt fördernden Promenade in den Sommer- monaten eines jeden Jahres zu ermöglichen. Der Antragsteller begründete den Anttag damit, daß er es heute für unmöglich hält, nach Eintritt der Dunkelheit im Auepark pro­menieren zu können, da sich dott unten nur lichtscheue Gestalten aufhalten. Zu empfehlen sei die Beleuchtung der Affenallee und viel­leicht des Jrrgattens. Wolle man ein Zu­kunftsbild malen, dann mußte man sich das große Auebassin mit hell erleuchteten Prome­nadenwegen umgeben denken, während auf dem Wasser prächtige Gondeln im Lampen­scheine über die glatte Fläche glitten. Die

Heinrich Heine'» Fnfviration.

„Du bist wie eine Blume . . ."

(Von unferm ^-Mitarbeiter.)

In St. Magnns bei Vegesack starb am neunzehnten April' dieses Jahres die verwit­wete Frau Justizrat Anna Franzius, geborene Reinecke, in ihrem hundertsten Le­bensjahre. Es wurde schon damals in deut­schen Zeftungen berichtet, daß die alte Dame einst, als sie noch jung war, Heinrich Heine zu seinem berühmten Gedicht: „Du bist wie eine Blume, so hold und schön und rein ..." inspi­riert habe. Jetzt macht ein Nesse der Verstor­benen, der Zahnarzt Dr. Georg H. Franzius in New-Dock, noch einige Mitteilungen über das interessante Faktum: wieviel von dem, was er erzählt, auf Wahrheit beruht, und wie­viel seiner und seiner seligen Tante Phantasie entsprungen ist, vermögen wir nicht festzu­stellen. „Ein echter Dichter muß inspiriett sein, wenn er etwas Brauchbares schaffen will. Nur die Karnevalpoeten und die Gelegenheits- dichter können der höheren Eingebung, des „holden Wahnsinns' entraten, wenn sie Verse schmieden und reimen. Und daß Heines lieb­liches Gedicht „Du bist wie eine Blume" nicht durch bloße Verstandesarbeit zustande kam, daß es vielmehr das Ergebnis eines Augen­blicks der Weihe, des unirdischen Empfindens war, daß es ungewollt und ungesucht als göttlicher Funke unter dem Hufe des Pegasus dem Stein entsprang, das fühlt jeder, der die unfochen und doch so ergreifenden Worte liest.

Es steht fest, daß die im April verstorbene Frau Justizrat Anna Franzius die Dame war, die als junges Mädchen Heine zu dem reizen­den kleinen Gedicht begeistett hat. Als sech­zehnjähriges Mädchen weffte Anna Reinecke im Jahre 1827 int Seebad Norderney, wo auch Heinrich Heine seine Ferien verbrachte. Zufäl­lig kamen „sweet sixteen" und der junge Dich­ter an der Mittagstafel im Hotel einander gegenüber zu sitzen. Von der großen Schön­heit, der mädchenhaften Anmut und Holdselig­keit seines Gegenübers war der Dichter so ent­zückt und frappiert, daß er das Essen und Trin­ken vergaß und unverwandt die Kleine an- startte. Der wurde die Sache schließlich zu dumm. Aus Entrüstung über die vermeintliche Unverschämtheit des Fremden machte sie ihrer Tischnachbarin gegenüber eine drastische Be­

merkung, die sich Heine sicherlich nicht ins Stammbuch geschrieben hätte, wenn sie an fein Ohr gedrungen wäre. Da er aber zum Glück in feiner Begeisterung nur fah. aber nicht hörte, verdichteten sich feine Gefühle in das be­rühmte Gedicht, das in alle möglichen Sprachen übersetzt und von allen möglichen und unmög­lichen Komponisten beitont worden ist. In späteren Jahren gewann die mittlerweile zur Frau avancierte Anna allerdings eine bessere Meinung von dem Dichter, dem sie bis zum Lebensende in dankbarer Verehrung zugetan blieb. Frau Franzius, die am fünfzehnten Januar neunundneunzig Jahre alt geworden war, hat sich übttgens noch im hohen Alter durch außergewöhnliche Schönheit und Frische ausgezeichnet. Dem int Gedicht ausgesproche­nen Gebet ist also Erhörung geworden . . . .

Dr. S.

Kleines Feuilleton.

Hoftheater Cassel. Am morgigen Sonn­abend wird das Lustspiel „Minna von Barnbelm" gegeben. Fräulein Richter vom Stadttheater in Königsberg gastiert hie­rin als Franziska auf Engagement. Die Be­setzung der andern Rollen ist bekannt. Am Sonntag findet das Gastspiel der bekannten ja­panischen Tragödin Madame Hanako mit ihrer Truppe statt. Zur Aufführung gelangen die beiden einaktigen Dramen des japanischen Dichters Loi-Fu: „Im Teehaus' und .Otake'. Madame Hanako, spielt in beiden Stücken die Hauptrolle.

Das Ende des Residenztheaters. Im Residenztheater beginnen beute (nach dem Ab­schied der Hamburger „Modernen Bühne) wie­der die regelmäßigen Aufführungen mit dem eigenen Ensemble. Am dreißigsten Juni schließt das Residenztheater endgilttg seine Pforten und Direktor Nordau siedelt nach Ber­lin über, wo er die Leitung des Friedrich-Wil- helmstädtischen Theaters übernimmt. Es ist kaum anzunebmen, daß mit dem Wiederbeginn der Wintersaison ein neues Theater-Unterneh­men in die Hanusch-Säle feinen Einzug halten wird, und fo scheint denn nun (leider l) der Plan eines zweiten Casseler Theaters für immer gefallen.

Casseler Künstler. Ausgestellt ist bei C. Vietor „Fuldawehr mit Schlagd und altern Stadtbau" von H. Metz. Bei Huhn ist hinzu-

gekornrnen eine Landschaft von R. Jeschke .Waldbach'.

Die Sttftttng eines Schwärmers. Aus Frankfurt a. M. wird uns berichtet: Ein ungenannter Spender, der mit den F eld- bergfesten große nationale Festspiele zu verbinden gedachte, hat sich, weil sein Projekt keine Förderung fand, nach dem „hohen Nor­den" zurückgezogen. Dort will et Gleichgesinnte um sich scharen, denen er das zu schaffen beab­sichtigt, was man bei uns nicht haben wollte. Indem er davon Mitteilung macht, hat er der Leitung der Feldbergfeste gleichzeittg den Be­trag von 1500 Matt überwiesen zur Beschaf­fung eines „Völsungen-Wanderprei- s e s' in Form eines altgermanischen Trink- Horns.

Neue „Sterne"? Nachdem kaum die Kunde von dem neuentdeckten Tenor Karl Schröder, einem ehemaligen Briefträger aus Mettmann verklungen ist, der in Elberfeld und Wiesbaden Aufsehen erregte und zu den Fesffpielen in Bayreuth zugezogen ist, so hört man von zwei weiteren neuentdeckten Helden­tenören, Weppler und Niggermeiet aus Barmen, die beide Hervorragendes ver­sprechen. Den letztgenannten hat der Düssel­dorfer Gesanglehrer Richard Senff entdeckt, dem auch Schröder und Weppler ihre Ausbil­dung verdanken. Nimmt man hinzu, daß auch Adolf Böltgen, der jetzt in Dresden als Hel­dentenor Burrian mit Erfolg zu ersetzen ver­mag, aus Barmen stammt, so darf man das stimmgesegnete Wuppettal wohl eine benei­denswette Gegend nennen.

rL Kapellmeister und König. Wie uns te­legraphisch aus Hannover gemeldet wird, ist in dem Prozeß des ehemaligen Kapell­meisters Bruck vom Hoftheater in Hanno­ver gegen den König von Preußen als Inhaber dieser Bühne jetzt endgülttg dahin enffchieden worden, daß Kapellmeister Bruck mit sämtlichen Ansprüchen abgewiesen wird und die Kosten des Verfahrens ihm auf­erlegt werden. Durch Zeugenaussage ist fest- gestellt worden, daß Bruck sich einer erheb­lichen Achtungsverletzung gegenüber dem Leiter des Theaters, Geheimrat Barnay, schuldig gemacht hat.

Ludwig der Zweite und Mirza Schaffy. Man schreibt uns aus München: Im An­schluß an den fünfundzwanzigsten Todestag König Ludwigs des Zweiten von Bayern ist

ein Gedicht „Freundschaft" veröffentlicht wor­den, das über dem Schreibtisch des verstorbe­nen Königs hing, und als dessen Verfasser der König selbst betrachtet wird. Dieses Gedicht stammt nicht von Ludwig dem Zweiten, son­dern von dem Verfasser der der Weltliteratur angehörenden Gedichts- und Spruchsammlung „Mirza Schaffy": Friedrich von Badenstedt. Es findet sich in seinen gesammelten Gedichten abgedruckt, und es ist leicht begreiflich, daß der für Freundschaft erglühende König Ludwig der Zweite von Bayern sich von dem tiefen Sinne und der edlen Gesinnung, die darin zum Ausdruck kommen, angezogen fühlte.

General Sanglois: Mitglied der Pari-j fer Akademie. Aus Paris meldet uns ein Privattelegramm: General Sanglois wurde gestern feierlich als Mttglied der Aka­demie aufgenommen. In feiner Eintrittsrede erklärte er: „Die Ehre, die Sie mir erweisen, fällt auf die Armee zurück. Diese wird in den Tagen, wo das Vaterland sich in Gefahr be­findet, sagen: „Ich bin bereit!" In feiner Antwortrede wies das Akademie-Mitglied Fuqnet auf die Verdienste des Generals, des neuen Akademiemitglieds, als Schriftstel­ler und Soldat hin.

Ein neues Mittel gegen die Reblaus. Ein Weinbauer aus der Gegend Chalons et Loire (Frankreich) soll (wie uns aus Paris depeschiert wird) eine neue Flüssigkeit erfunben haben, die die Weinberge von der vernichtenden Reblaus total Befreit, ohne dabei den Trauben oder Reben selbst in irgend einer Weise zu schaden. Die Weinbergbesttzer werden von dieser Erfindung mit Interesse Kenntnis nehmen. Man darf aber darauf ge­spannt fein, ob die neue Flüssigkeit auch wirk­lich so radikal Witten wird, wie man ihr fchon nachzusagen in der Lage zu sein scheint.

tA. Kleine Chronik. Die Berliner freie Studentenschaft protestierte gestern in einer Versammlung gegen die Auf­lösung der freien Studentenschaften in Leipzig und Halle. — Die Schauspielerin Jemens von einer Wiener Operettengesellschast hat sich in Essegg wegen materieller Sorgen mit Mor­phium zu vergiften versucht. Die Aerzte erhoffen jedoch, sie am Leben erhalten zu kön­nen. — Ein Telegramm meldet uns aus Rom: Das Gesamtergebnis der Verstei­gerung der Möbel in der Villa d'An- nunrios beträgt 130000 Lires.