Rr. 160. — 1. Jahrgang. _______________
dustrie müßten versuchen, die Klinke der Gesetzgebung mehr in die Hand zu bekommen und zu diesem Zweck
die Oeffentlichkeit zu gewinnen.
Diesem Gedanken zu dienen, fei der Hansa- bund berufen. Nach Entgegennahme des Antworttelegramms des Kaisers hielt Geheimrat R i e ß e r das Schlußwort, in dem er sich energisch gegen den Vorwurf der Liebäugelei mit der Sozialdemokratie, einer ertrem-sreihändlerifchen Richtung und des Haffes gegen die Landwirtschaft verwahrte. Er schloß: Wir wollen die abseits stehenden sozialdemokratischen Kreise zur Mitarbeit beranziehen und in ihnen das Staatsbewußt- fein wachmfen. Wir unterstützen alle Parteien, die unser Gleichberechtigungspro- gramm akzeptieren. Freilich bildet der Kampf gegen die Ueberagrarier die entscheidende Etappe. Die Sammlung gegen die Sozialdemokratie hat sich in eine Sammlung aller rückständigen Elemente gegen das Bürgertum verwandelt. Die nächste Zeit wird über die Zukunft des Bürgertums entscheiden, tuedaherjederfeinePflicht! Hierauf wurde die Tagung geschlossen. -er-
Ae Winzer-Revolution.
Boykott gegen Militär und Beamte.
(EigeneDrahtmeldung.)
Aus Paris wird uns depeschiert: Die an Manchen Stellen im Distrikt Bar für Aube wehenden roten Fahnen wurden heute früh heruntergeholt und Bar für Aube und die umliegenden Gemeinden mit Garnisonen belegt. Insbesondere wurde die Besetzung von Lon- dreville durch Militär angeordnet, da die Behörden Kunde davon erhielten, daß an den dortigen öffentlichen Gebäuden die deutsche Flagge gehißt werden solle.
In Bar für Seine hat die Boykott- bewegung gegen Armee und Verwaltungsbeamte begonnen. Verschiedene Hotels, in denen Beamte wohnen, haben ihren Pensionären gekündigt. Das gleiche Schicksal erfuhr eine Anzahl Offiziere in den Hotels, in denen sie ihr Mittagsmahl einzunehmen pflegten.
Die Weinbauern sind fest entschlossen, falls ihnen nicht innerhalb acht Tagen Konzessionen gemacht werden und insbesondere nicht die Abschaffung der Abgrenzung erfolgt, nicht nur Unruhen zu veranlassen, sondern auch die Gemeinderatsmitglieder zur massenhaften Demission zu bestimmen. Auch wird das Winzer-Komitee an die Steuerzahler die Aufforderung ergehen lassen, die Entrichtung der Steuern zu verweigern.
Sie Politik des Tages.
Die Schulreform im Gange? (Prk- vattelegramm.) Wie uns aus Berlin berichtet wird, beginnen Ende dieses Monats im Kultusministerium Beratungen über Fragen des höher» Schulwesens, an denen sämtliche Provinzialräte der Monarchie teilnehmen werden. Es handelt sich um eine Aussprache über eine Reihe von Schul- und Verwaltungsfrage», bei denen eine einheitliche Regelung für alle Provinzen durchführbar erscheint. Der Kultusminister wird an der Konferenz teilnehmen, ebenso Unterstaatssekretär Schwartzkopf, Ministerialdirektor von Bremen, sowie der Dirigent und die Vortragenden Räte der Abteilung für höhere Schulen.
uEp Friede im Marokko-Spiel? (Privattelegramm.) Depeschen aus London zufolge soll zwischen Paris und London ein Austausch von Ansichten über das Vorgehen Spaniens in Marokko stattgefun-
Caffeler Neueste Nachrlchten
Mittwoch, 14. Ium 1911.
den haben und ein gemeinsamer Aktionsilan zustande gekommen sein, der die Rei- iungsflächen zwischen Frankreich und Spanien beseitigt. Im Gegensatz zu dieser Friedens- kunde steht allerdings eine uns soeben aus Madrid zugehende Drahtmeldung, in der es heißt: Der Finanzminister verlas gestern abend in der Kammer eine außerordemliche Kredit- Forderung von neun Millionen Pesetas für Kriegsschiffsbauten und beantragte dafür die Dringlichkeit. Das scheint darauf hinzudeuten, daß Spanien über das Marokko- Abenteuer wenig friedlich denkt.
Belgiens neue Männer. (Privat- t e l e g r a m m.) Aus Brüssel wird uns depeschiert: Kabinettschef de Broqueville hat gestern abend dem König die neue Mini« st e r l i st e vorgelegt. Die Unterhandlungen über die Besetzung der Portefeuilles sind zum Abschluß gebracht und das Kabinett so gut wie gebildet. Mit Ausnahme von vier Ministern bleibt das Kabinett dasselbe wie das vorige. Die Erklärung des neuen Kabinetts vor der Kammer wird nicht vor dem nächsten Dienstag verlesen werden. Die neue Ministerliste weist folgende Namen auf: Vorsitz und Eisenbahnen de Broqueville, Justiz V i a r d, Inneres Berryer, Aeußeres D a - v i g n o n, Finanzen Michel Levis, Krieg General Hellepout, Künste und Wissenschaft P o u l l e t, Industrie und Arbeit Rubbert. Kolonien R e n k i n und Landwirtschaft Tibbaut.
Castros Erwachen? (Privat-Telegram m.) „Rewyork Sun" meldet aus New Orleans, daß der Expräsident Castro von neuem durch eine Revolution an die Spitze der venezolanischen Regierung gestellt werden solle. Kürzlich verschwanden nachts aus New Orleans zwei Schiffe, die mit unbekanntem Ziel abgingen, gleichzeitig auch eine Anzahl Soldaten, und man nimmt an, daß sie von Castro angeworben worden sind, um in Venezuela einen neuen Putsch zu versuchen. Die venezolanische Regierung hat umfassende Abwehrmaßregeln ergriffen.
Nach einer Meldung aus Hannover ist der langjährige nationalliberale Landtagsabgeordnete, Fabrik- und Gutsbesitzer Hoyer- mann. am Sonnabend auf seinem Gute Lohne bei Burgwedel gestorben.
Ein Privattelegramm berichtet uns aus K o n st a n t i n o p e l: Die Regierung veröffentlicht eine Erklärung, daß die Unterwerfung der Aufltändischen in Albanien vollzogen und der Feldzug beendet sei. Die Feindseligkeiten werden eingestellt. Diese Erklärung wird hier als eine große Erleichterung empfunden.
$e«e$ vom Tage.
(Depeschen der Casseler Neueste« Nachrichten.) iS Die Märtyrer von Essen. Der im Essener Meineid sprozeß zu drei Jahren Zuchthaus verurteilte, im Wiederaufnahmeverfahren freigesprochene Bergmann Friedrich Beckmann aus Hamborn hatte vom Fiskus einen Schadenersatz von 5483 Mark gefordert. Da das Ministerium des Innern aber nur 3000 Mark bewilligte, hat' Beckmann den Fiskus auf Zahlung des Restes verklagt.
yä Barmer Kommunal-Sensationen. Die städtischen Straßenmeister Luther und Fröschke aus Barmen wurden wegen jahrelang betriebener Durchstechereien verhaftet. Luther ist eine in Barmen seit vielen Jahren bekannte Persönlichkeit: seine Verhaftung erfolgte in der Sommerfrische.
Im Auto verunglückt. Der Apotheker P o d z u s und der Lehrer B a r t i k o w s k y aus H a m m i. W. hatten in einem Automobil
einen Ausflug nach Hannover gemacht. Auf der Rückkehr wollte der Chauffeur ein vorausfahrendes Fuhrwerk in der Nähe von Budberg Überholen. Das Automobil fuhr jedoch gegen einen Erdhaufen und überschlug sich. Batti- kowsky wurde auf der Stelle getötet, der Apotheker Podzus und der Chauffeur kamen mit leichteren Verletzungen davon. — Bei Brun oh (Frankreich) stieß ein Auto-Omnibus mit einem Privatautomobil zusammen. Das mit Ausflüglern voll besetzte Fahrzeug wurde zur Seite gestoßen und stürzte auf das nebenher radelnde Ehepaar Evillet. Der Radfahrer wurde getötet, seine Frau und das mitfahrende Kind wurden schwer verletzt.
«r Auf der Jagd verunglückt. Ein Brauereibesitzer aus Mülheim (Ruhr) strauchelte auf der Jagd. Dabei entlud sich das Gewehr und die Ladung ging ihm in den Körper. Er starb bald an den erlittenen Verletzungen.
rr Die Stimme des Gewissens. Ein Pri- Vat-Telegramm berichtet uns aus Mün- termaifeld i. Eifel: Der Landwittschasts- eleve Schiepin aus Münstereifel, der im Herbst vorigen Jahres das Dienstmädchen Krämer durch einen Schutz in den Kopf getötet hatte, hat jetzt bei der Untersuchung an Ort und Stelle die Einzelheiten der Tat e i n getan d e n und zugleich angegeben, dah er sie allein ausgefühtt hat. Die Leiche der Erschossenen hatte er in einem Steinbruch versteckt, wo le erst nach Monaten durch einen Zufall guf- gefunden wurde.
rr Opfer der Flamme«. Die Schuhfabrik Bär in Pirmasens ist gestern früh abgebrannt. Der Schaden beträgt nach vorläufigen Schätzungen 50 000 Mark. Beim Brande eines Ladens zu Litherland bei Liverpool sind gestern früh sechs Menschen umgekommen: Der Ladenbesitzer Ain- dow, sein Bruder und seine vier Kinder. Die Gattin Aindows rettete sich durch einen Sprung aus dem Fenster, erlitt dabei aber sehr schwere Verletzungen. Die Familie schlief über dem brennenden Laden und wurde vom Feuer überrascht.
jä Junischnee im Riesengebirge. In der vergangenen Nacht herrschte im ganzen Riesengebirge ungewöhnliche Kälte. Selbst in den Tälern sank das Thermometer unter Null. Das Kartoffeflraut und andere Gewächse sind stellenweise erfroren. Im Hochgebirge ging leichter Schneefall nieder.
rrr Der „Spekulant auf Liebe". In München wurde ein junger Bauzeichner, der sich als Bauingenieur von Neumann ausgab, wegen Heiratsschwindeleien und anderer Betrügereien, die er seit längerer Zeit in angesehenen Familien Münchens beging, verhaftet. Der Hochstapler stammt aus Salzburg.
txx Ein Pfarrer verschwunden. In dem kleinen Dorf Stadl unweit der Stadt Landsberg in Bayern ist der Pfarrer Anselm N ö tz l i plötzlich verschwunden. Während eine Anzahl der Dorfbewohner behauptet, der Pfarrer sei flüchtig, um seine Schuldenlast abzuschütteln, die er sich im Dorfe auflud, behaupten andere, er befände sich zurzeit in Strafhaft im Augsburger Landgerichtsgefängnis. Seit ungefähr einem Jahr war der Pfarrer in Stadl tätig, nachdem er zuvor verschiedene andere Pfarreien, alle nur kurze Zeit, inne gehabt hatte. Pfarrer Nötzli stammt aus der Schweiz und war früher Ordensgeistlicher.
~ Ein trauriges Verlobungsmahl. Beim Verlobungsmahl einer Familie in Ostheim in der Schweiz kam auch Seefisch auf den Tisch. Bald danach stellten sich bei sechs Teilnehmern Vergiftungserscheinnungen ein, sodah seit gesteren alle schwer krank darniederliegen. Der verundsiebzigjährige Vater ist bereits gestorben.
Verwüstungen in Feld und Flur. Schwere Unwetter haben im Komi- tat Virovitica in Ungarn unberechenbaren Schaden angerichtet. Die Feldsaaten sind größtenteils, die Obsternte vollständig vernichtet. In Essegg fielen taubeneiergrotze Hagelkörner, von denen die städttschen Anlagen und die Militärschwimmschule verwüstet wurden. — Auch in verschiedenen Tellen Frankreichs, hauptsächlich in der Nähe von Nancy, wurde gestern durch Gewitter großer Schaden m Feldern und Fluren angerichtet. Drei Personen wurden vom Blitz erschlagen.
- Das Unglück beim Schüler-Ausflug. Die Schüler der Realschule von Leipnll in Oesterreich unternahmen gestern in Begleitung ihrer Lehrer und vieler Angehöriger einen Ausflug nach der Ruine Holstein. Als das Innere be- sichttgt war, mußte ein Steg überschritten werden, der über eine tiefe Kluft führte. Dabei drängten sich mehr Personen hinüber, als der Steg tragen konnte, er brach infolgedessen ein und zahlreiche Ausflügler stürzten in die Tiefe. Hierbei trugen acht Personen schwere und dreißig leichtere Verletzungen davon.
~ Der Herzog von Westminster verunglückt. Der Herzog von Westminster wurde (wie uns aus London berichtet wird) gestern zu Ro- champton beim Polospiel von einem ernsten Unfall betroffen. Er spielte mit Lord Wode- bouse zusammen und beide stürzten mit ihren Ponys. Die Tiere rollten über den Herzog hinweg, wobei ihm das rechte Schlüsselbein gebrochen wurde. Lord Wodehoufe kam mit einer heftigen Erschütterung davon. Ein Arzt leistete dem Herzog die erste Hilfe, worauf der Patient mit einem Automobil nach London gebracht wurde. *
iS Vom Kampffeld der Arbeit. Vor dem Bahnhof Batignolle in Frankreich kam es gestern zu einem Zusammenstoß zwischen Streikenden und arbeitswilligen Erdarbeitern der Westbahn. Drei Streikende wurden durch Revolverschüsse schwer verwundet.
Eine verhängnisvolle Uebcrfahrt. Bei einem fünfzehn Werst von Uglitsch (Rußland) entfernten Dorfe ist auf der Wolga eine Fähre, die mit Menschen überlastet war, während der Ueberfahtt gesunken. Dreißig Personen sind ertrunken.
Vom Schicksal ereilt. Der Großkaufmann Hermann Nower aus Alexandrowa in Rußland, der die preußische Ostbank in Thorn um sechzigtausend Kronen betrogen hat und dann flüchtete, wurde gestern im Kurort Johannisbad bei Trautenau verhaftet.
3gs Neueste aus staffel.
Kassels Margueritentag.
„Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus"! So kann man auch vom Casseler Blumentag sagen, der jetzt das Hauptinteresse unserer Damenwelt in Anspruch nimmt. Eifrig sind die Damen des Komitees, in deren Händen das Arrangement der Veranstaltung liegt, beschäftigt; sie haben viel zu tun, damit am großen Tage alles klappt. Und dann bte junge Welt! Da sind viele Damen, die kaum noch die Zeit erwarten können, bis sie aus- zieyen können mit Körbchen und Geldtäschchen, um ihre Blumen zu verkaufen. Geftern nach- mtttag fand im großen Saal des Evangeli- fchen Vereinshauses die letzte Sitzung der Vertrauensdamen unter Frau Bankier Schirmers Vorsitz statt (Frau von Schenk, die Vorsitzende, war leider verhindert, an der Sitzung teilzunehmen). Die ganze Stadt ist für den Blumentag in Bezirke eingeteilt, denen Verttauensdamen vorstehen. Jeder Bezirk fchickt eine Anzahl von jungen Mädchen
Sahtthmfi am Mein.
Im Zeitalter der „Rasenbühne".
(Von unferm Korrespondenten.)
Aus Düsseldorf wird uns gefchrieben: Am Rhein begründet man jetzt allenthalben Naturtheater. Man follte besser Frer- lichtbühnen oder „Rasenbühnen" fagen, denn das Wort Naturtheater hat einen komticken Beilaut, etwa wie die fchöne Bezeichnung „Na- turblumensalon". Zu Pfingsten hat man eme Rafenbühne auf der hübfchen kleinen Rhein- infcl Grafenwerth bei Honnef aufgetan. Ob der Platz dafür geeignet ist. läßt sich indessen bezweifeln. Die „mondbeglänzte Zaubernacht und andere romantische Rächt- und Tagesem- richtungen am Rhein sind heute auch mehr m lyrischen Gedickten und Stimmungsbildern als am Platze selbst zu finden. Wenn man die Wirkung des Weins bei den Dichtern abzreht und sie dafür in die richtige Berechnung bei eit Ort und Personen der Dichtung stellt, so verändert sich das Bild ein tvenig und wenn aus der Rafenbühne zu Grafenwctth die großen Wotte ertönen: „Viel ist gewaltig, doch nichts ist gewaltiger als der Mensch" und in die Worte des Sophokles am Ende plötzlich der Gesang wackerer Kegclmannen einfällt, die draußen auz einem Motorboot vorbeiglciten: „Trink' mer noch e Dröppke. trink' mer noch e Dröppkc" und es erbraust das Feldgesckrei „Prost'", so trägt das gewiß mehr zur Erheiterung der Naturtheatergäste bei, als selbst Sophokles ertragt.
Da ist die Bühne, die man droben auf der Drachenbnrg, auf halber Höhe des vielgerühmten Drachenfelsens, aufgeschlagen hat, schon günstiger gelegen, obgleich Händler aller Art den Aufstieg zum Berge z,l einer lärmende« Lagerstraße macken. Nun kommt ein drittes Freilickttbeater hinzu. Bei Düsseldorf liegt in einem febenen großen Park am Rhein das reizende Luftfchlößcken Benrath, schloß und Park sind vor kurzem von der Krone an die Gemeinde Denrath verkauft worden, und bei dieser Gelegenheit hat man allerhand Pläne geschmiedet, um der Gemeinde die Ausbringung des Kaufpreises zu erleichtern. Dazu gehört auch die Schaffung einer Rasenbühne. Sckon einmal (vor längerer Zeit) hat das Düsseldorfer Sckaufpielhaus da draußen unter den hohen Bäumen des Parks die „Braut von Mes- sina" ausgefühtt und damit einen fchönen Erfolg errungen. Lulle Dumont und Gustav Lin
demann haben den Plan weiter verfolgt. Wenn eine Stätte für folche Versuche geeignet ist, fo ist es gewiß der Benrather Park, der völlig ab- gescklossen vom Lärm des Lebens und sicher umfriedet daliegt. An einem der nächsten Sonntage fckon foll der erste Verfuch gemacht werden Man wird die „Antigone" des Sophokles mit der Musik von Felix Mendelssohn-Bartholdy geben. In seinen Räumen hat das Sckaufpielhaus mit dieser Ausführung großen Ettolg gehabt, und wenn der Versuch gelingt, soll in Benrath die neue, große Freilichtbühne begttindet werden. Hs.
Um Ludwig Barnays ßrbe.
Graf Bylandt Nachfolger Barnays?
Die Gerüchte über den bevorstehenden Rück- ttttt Ludwig B a r n a y s von der Leitung des Hostheaters in Hannover und seine Ersetzung durch den Intendanten des Casseler H o f- theaters, Grasen Bylandt. wollen nicht zum Schweigen kommen. Erst dieser Tage tauchte die Meldung wieder in einem angesehenen hannoverschen Matt in sehr bestimmter Form auf. Wir haben daraufhin durch unfern hannoverschen Korrespondenten an den zuständigen Stellen Erkundigun- gen cinziehen lassen, deren Resultat setzt vorliegt. Unser Korrespondent depeschiett uns:
Hannover, 13. Juni.
(Telegramm unsers Korrespondenten.)
Man hüllt sich hier über den angeblich bevorstehenden Rückttttt Barnays konsequent in Schweigen und offiziell ist nur die Erflärung zu erlangen, „daß eine Entscheidung noch nickt erfolgt sei." Es verlautet auck. daß der Kaiser über den etwaigen Ersatz Barnays sich noch nicht schlüssig geworden und infolgedessen die Möglichkeit gegeben sei, daß mit Barnay «och ein einjähriges Interimistikum abgeschlossen werde. Dahingegen erscheint es ausgeschlossen, daß Barnays Tätigkeit hier noch von längerer Dauer sein wird, und in Kreisen, die als unterrichtet gelten dürfen, wird nach wie vor der Intendant des Casseler HoftbeaterS, Gras von Bylandt, als der wahttckeinliche Nachfolger BarnayS genannt. Es sei (wie mir vellichett wurde) möglich, daß sich der Wechsel erst in späterer Zeit vollziehen werde, dagegen siebe es fest, daß Graf
Bylandt als Barnays Nachfolger bereits vor Monaten in Aussicht genommen worden sei. Eine vorläufige Entscheidung in der Hannoverschen Theaterleitungsfrage (über ein etwaiges Interimistikum mit Barnay) dürste nach der Rückkehr des Kaisers von der Nordlandfahtt zu erwatten sein.
*
Wir geben diese, unferm Hannover- fchen Korrefpondenten an unterrichteter Stelle gewordenen Mitteilungen wieder mit dem Bemerken, daß 'Intendant Gras Bylandt vor einiger Zeit erft erklärt hat, ihm fei von einer angeblich bevorstehenden Berufung nach Hannover nichts bekannt. Ebenso hat auch der als Nachfolger des Grafen Bylandt genannte Major von Niesewandt seinerzeit in einem Schreiben an die „Casseler Neueste Nachrichten" darauf hingewiesen, daß er von feiner angeblich in Aussicht genommenen Berufung zum Casseler Hoftheater-Jnten- banten keinerlei Kenntnis habe^ **
Kleiner Feuilleton.
tQj Fräulein Friedseldt in „Hoffmanns Erzählungen". Die gestrige Aufführung von Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen" im Hoftheater brachte uns abermals ein Gastspiel: Fräulein Frieds eldt vom Wiesbade- ner Hoftheater präsentiette sich dem Hos- theater-Publikum in drei Auszügen in recht glücklicher Form. Die Künstlettn verfügt über reiche, gutgefchulte Stimmittel, und Spiel und Vortrag zeichnen sich durch angenehme Gestal- tungsform aus. Besonders im dritten Auszug, in dem der Gast die Pattie der Antonia übernommen hatte, entwickelte Fräulein Fried- seldt eine außerordentliche Fülle starken gesanglichen und darstellerischen Könnens. Ihr Casseler Gastspiel darf deshalb als vollwertiger Erfolg gelten, den auch das gutbesetzte Haus vorbehaltlos anerkannte. In der Pattie des Hoffmann kam Herr Koegel sehr votteilbast zur Geltung: Spiel und Vortrag waren peinlich ausgeglichen und fesselten durck den reichen Gehalt, den der Künstler seiner Rolle zu geben verstand. Fräulein H e r p e r und die Herren Bartram, Warbeck und Groß boten ebenfalls vräcktige Leistungen, und auch die übrigen Mitwittenden wurden ihrer Aufgabe verständnisvoll gerecht, wirkfam unterstützt durch die achtenswette Sicherheit des Or
chesters das unter Herrn Dr. Zulaufs Leitung Offenbachs Intentionen forglich wahrte.
tn- Hoftheater Cassel. Am morgige« Mittwoch fetzt Fräulein Mayfarth vom Stadt- ti;eater in Osnabrück ihr Gastspiel auf Engagement in dem Trauerspiel „Agnes Bernauer" sott. Am Donnerstag bleibt das Königliche Theater geschlossen. Der Spielplan des Hof- Theaters während der Landwirtschaftlichen Ausstellung wird soeben durch Anschlag bekannt gegeben. Sänttliche Vor- stellungen vom 21. bis 27. Juni finden bei aufgehobenem Abonnement zu gewöhnlichen Preisen statt. Die Abonnenten, die ihre Plätze zu den Vorstellungen während der Ausstellung behalten wollen, werden ersucht, dies der Königlichen Theaterkasse bis spätestens zum 18. Juni schriftlich mitzuteilen. Die Plätze werden dann ohne Berechnung einer Vormettge- biihr reserviert. Vom 19. Juni ab beginnt der Vorverkauf sämtlicher nicht vorbestellten EintritlSkatten mH Ausnahme derjenigen für den dritten Rang. Die Karten für den dritten Rang kommen jedesmal erst am Vorstellungstag zum Vettauf.
Exzellenz Professor Dr. Ehrlich. Aus Frankfurt a. M. berichtet uns ein Telegramm unsers K orres p o nd enten: Der Grfinber des „Ehrlich-Hala 606", Geheimrat Professor Dr. Ehrlich wurde soeben vom Kaiser zum Wirflichen Geheimrat mit dem Prädikat Exzellenz ernannt.
pr-. Ein Streik in der Oper. Ein Privattelegramm meldet uns aus Paris: Gestern abend konnte der zweite Akt des Ballets „Copelia" in der Pariser Oper wegen plötzlichen Ausbrechens eines Streikes des Balletperfonals nicht ausgefühtt werden. Der Streik ist auf die Unzufriedenheit des Personals mit dem unbeliebten zweiten Regisseur zurückzufübren. Bisher ist eine Verständigung nicht möglich gewesen.
.Kleine Notizen. Der bekannte Kircken- und Historienmaler Professor Hermann S ch a - per ist gestern in Hannover im 58. Lebensjahre gestorben. — Das Schöffengericht Jena verutteilte gestern Frau Elisabeth Förster- Nietzsche aus Weimar wegen Beleidigung der Frau Dr. Frankenstein in Jena zu hundert Mark Geldstrafe. Gegenstand des Prozesses bildeten zwei angebliche unbekannte Nietzsche- Briefe, die Professor Mever-Berlin von der Privatklägerin für zweitausend Matt erworben batte.