fer Nacht, oft erst bei Morgengrauen beendet, so ging er einsam und schweigend in seine Gemächer in der Münchner Residenz, während die Lichter im Theater erloschen. Und nur einmal (nach der ersten Aufführung des Parzifal) kehrte er nochmals in das bereits verdunkelte Haus zurück, um sich die Bilder einer überirdischen Welt, die er gesehen zu haben glaubte, nochmals dort zu vergegenwärtigen, wo er sie geschaut hatte ...
Der König ahnte das Ende nicht, das ihm bevorstand: Wohl drangen Stimmen der Unzufriedenheit zu ihm, aber er wollte sie nicht hören: Er hatte sich in seine eigne Welt eingesponnen und erwachte erst zur grausamen Wirklichkeit, als er von Neuschwanstein nach Schloß Berg eskortiert wurde. In Seeshaupt, am Südufer des Starnberger Sees, hielt der ernste Zug. Vom langen Fahren ermüdet, wollte der König den Wagen verlaffen, fand aber den Türgriff abgeschraubt. Einen Augenblick bebte er zurück: Dann gewann er Fassung und Selbstbeherrschung wieder, und unterhielt sich, innerlich furchtbar erregt, äußerlich aber ruhig erscheinend, mit einzelnen Sommergästen, die sich um den Wagen sammelten. Das Glas, aus dem der König damals einen Schluck Wasser trank, wurde von der Posthalterin in Seeshaupt bis zu ihrem vor kurzem erfolgten Tod als Heiligtum aufbewahrt. Ein finsterer, fast wilder Zug lag über dem Gesicht des entseelten Königs, als nach dem Drama des dreizehnten Junitags das Bayerland um seinen König weinte, und die Hof- und Staatsbeamten, die nach der Beisetzung in der von flackernden Kerzen nur schwach beleuchteten Gruft den Sarg noch einmal öffneten, um über das Vorhandensein der königlichen Leiche das Schlußprotokoll aufzunebmen, konnten sich eines Schauders nicht erwehren, als sie diesen grade- zu schreckhaften Ausdruck in den Mienen des Toten sahen. Da der Sarg ungeschickt aufgestellt war, dauerte seine Verschließung und Versiegelung, sowie die protokollarische Aufnahme geraume Zeit, sodaß die im Schiff der Michaelshofkirche versammelten Trauergäste mit sichtlicher Ungeduld den Schluß der Feier erwarteten: Ueber dem Leben des Märchenkönigs war der Vorhang gefallen... H. "
Hinter den Kulissen.
Bethmann Hollweg und ... die Ander«.
Wir berichteten bereits dieser Tage über erhebliche Konspirationen gegen den Reichskanzler, deren Ursprung in der Verstimmung der konservativen Partei wegen der Haltung des Kanzlers in der Frage der elsaß- lothringischen Verfassungsfrage zu suchen sei. Es wurden auch bereits zwei „Favorii-An- toärter* für den Stuhl des leitenden Mannes genannt, beide Militärs in hohen Stellungen und (wie man weiter hörte) bei Majestät in höchster Gunst stehend. Von unterrichteter Seite erfährt jetzt unser Berliner politischer Mitarbeiter zu diesem .Sommerspuk- folgende authentische Mitteilungen:
s- Berlin, 13. Juni.
(Telegramm unsers Korrespondenten.)
Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man konstatieren, daß Herr von Bethmann Ho l l w e g beim Träger der Krone augenblicklich in sehr hohem Maße beliebt, daß es sogar nicht ausgeschlossen ist, daß die Kieler W o ch e noch weitere Beweise kaiserlicher Gunst bringen wird. Es hieße auch den Kaiser vollständig verkennen, wollte man annehmen, daß er ganz plötzlich den Gegnern des Reichskanzlers aus den letzten Reichstagsarbeiten so sein Ohr geschenkt habe, um den Posten seines ersten Beraters, den er noch eben als besonders erprobt bezeichnete, durch eine Militärperson, also durch einen Neuling auf politischem Gebiet, frisch zu besetzen. Und noch dazu vor den Wahlen! Es ist zu dieser Ausstreuung, die vielleicht auch ein Versuchsballon auf die Stimmung im Lande ist, eigentlich nichts weiter anzuführen, als daß Frauenehrgeiz und Männerstolz ja stets im Geheimen Kanzleranwärter züchten, und daß es auch jetzt in deutsch» Landen Männer und Militärs geben mag, die sich im verborgnen Kämmerlein, oder in der Ecke der Weinstube auf ihr eignes Ich besinnen, um zu entdecken, daß es für Deutschland eine Lust sein müßte, sie als Reichskanzler zu sehen, wozu aber letzten Endes immer die gleiche Ansicht des Trägers der Krone als Vorbedingung gehört.
Nun haben aber kombinations- und anderswie lüsterne Quellen bereits entdeckt, wer diese beiden Wettläufer um die Reichskanz- lerwürpc sind, und man hat sich „von hochpolitischer, geschätzter Seite" schreiben lassen, daß
kein anderer als der Kommandierende des Gardekorps, General von Loewenfeld, und der Staatssekretär im Reichsmarineamt, Großadmiral v. Tirpitz, damit gemeint seien. Ob diese beiden Herren den Unsinn, den angeblich ihre Gemahlinnen ausgeplaudert haben sollen, dementieren wollen, mutz ihnen überlassen bleiben; jedenfalls muß man ihnen ohne Aufforderung den Gefallen tun, sie gegen diese Kombination in Schutz zu nehmen. Beiden Anwärtern haftet die, Tatsache an, daß sic früher einmal für das jetzt von unberufner Seite neu ausgeschriebne Amt des Reichskanzlers Anwärter waren. Für Herrn von Loewenfeld will man feine Beliebtheit bei Hofe (er soll ein vorzüglicher Anekdotenerzähler sein!) in Anspruch nehmen; für Herrn Vock Tirpitz dagegen seine Vertrautheit mit dem Kaiser. Bei Herrn von Tirpitz läßt man als wahrscheinlichen Grund der Berufung noch durchblicken, daß er sich bisweilen zu Herrn von Bethmann Hollweg in (sagen wir einmal:) ganz nebensächlichem und in den Verhältnissen liegendem Gegensatz befunden hat. Um es mit einem Wort zu sagen: Kombinationen und nichts weiter! Der fünfte Kanzler sitzt heute fester als je im Sattel und die Kieler Woche wird zeigen, daß Wilhelm der Zweite seinen ersten Berater zu schätzen weiß! -wb-
Portugals Verhängnis.
Ein Angriff der Monarchisten geplant!
Wie uns aus Lissabon depeschiert wird, dehnt sich die antirepublikanische Bewegung immer mehr aus und es gewinnt den Anschein, daß der Ausbruch der monarchistischen Gegenrevolution nahe bevorsteht. In Almeida wurde gestern (wie das Blatt .El Mundo" meldet) ein großes Verschwörer- nest aufgedeckt, wobei zahlreiche Personen verhaftet wurden. Das Blatt fordert die Regierung auf, mit großer Energie vorzugehen, da es sonst unmöglich sein werde, der Bewegung Herr zu werden. Weitere Depeschen melden uns:
$ Lissabon, 13. Juni.
Nachdem der Kriegsminister von Oporto zurückgekehrt war. trat gestern abend der M i - nist errat zusammen, um über die Mobilmachung von Truppen für die Südprovinz Algarve zu beraten. Diese Maßnahme ist für den Fall vorgesehen, daß die Monarchisten die Stadt Lille Rea de Santo Antonio angreifen werden. Die republikanische Regierung hat ferner beschlossen, auf die jüngste Kundgebung des katholischen Episkopats gegen das Trennungsgesetz mit der gerichtlichen Verfolgung der Prälaten zu antworten. Als jüngst der scharfe Hirtenbrief der Bischöfe erschienen war» in dem sie die Annahme der Trennung von Kirche und Staat verweigerten, beschloß die Regierung, der GeneralstaatSan- waltschaft die Entscheidung über die Rechtslage und die zu ergreifenden Maßregeln zu übertragen. Heute teilt das Blatt .El Mundo" (das Organ des Justizministers) mit, die Entscheidung der Generalstaatsanwaltschast sei dahin gefallen, daß die Bischöfe wegen Hochverrats strafrechtlich zu verfolgen seien. Die Anklage lautet ferner auf Aufreizung der Geistlichkeit und des katholischen Teils der Bevölleruyg gegen das neue Regime. Die Ankündigung dieser Maßnahme der Regierung hat in der katholischen Bevölkerung große Erregung hervorgrrufen und trägt dazu bei, die monarchistische Bewegung zu fördern, , sodaß die Lage sich immer mehr verschärft und eine Katastrophe fast unvermeidlich scheint.
Hundertels MMonen!
Preußens Aufwendungen für seine Pensionäre.
Von unserm militärischen F-Mit- arbeiter wird uns geschrieben: Die Aufwendungen des preußischen Staates für P e n- sionen der Offiziere und Beamte sind in den letzten zehn Jahren ganz bedeutend gestiegen und haben im letzten Etatsjahr eine Höhe erreicht, die den Stand der Pensionen vom Jahre ncunzebnhnndert um das Doppelte übertrifft. Besonders die neuen Pensionsgesetze für Beamte der Gendarmerie, ein- schließliich Offizieren und Zivilbeamten, haben eine beträchtliche Vermehrung des Pensionsetats gebracht, der im Jahre 1909 schon 73 Millionen Mark betrug, während im Jahre 1908 nur 69 Millionen Mark gezahlt wurden. Zu dieser Summe von 93 Millionen Mark kommen noch die Aufwendungen für Witwen und Waisen ehemaliger Offiziere und Beamten. Die Witwen- und Waisengcldcr beliefen sich im Jahre 1909 auf 29 Millionen Mark, sodaß in diesem Jabr der Gesamtaufwand
Preußens für Pensionen rund hundertzwei Millionen betrug. Im Jahr 1910 betrug der Pensionsetat einschließlich der Witwen- und Waisenetats rund hundertsieben Millionen Mark, und im Jahre 1911 wurde von beiden Etats zusammen die Höhe von rund hundertelf Millionen Mark erreicht. Demgegenüber betrugen die Aufwendungen für die beiden Etats im Jahre 1900 rund fünfzig Millionen Mark.
Die Summe, die der preußische Staat für Offiziers- und Beamtenpensionen, sowie für Witwen- und Waiseuunterstützungen zahlt, hat sich in den letzten zehn Jahren also mehr als verdoppelt. Die Mindestzunabme im Jahre betrug 4 500 000 Mark, wovon drei Millionen auf den Pensionsetat und 1500 000 Mark auf den Witwenetat entfielen. In den nächsten Jahren wird noch eine beträchtliche Steigerung des Pensionsetats zu erwarten fein, da die Offizier- und Beamtengebälter eine größere Aufbesserung erfahren haben und damit auch eine Vermehrung der Pensionsgelder Hand in Hand geht. Die Beamten der Landgendarmerie (einschließlich der Offiziere) erhalten von den Pensionen den geringsten Anteil, den größten die Zivilbeamten, unter denen wiederum die Beamten der Eisenbahn mit 47 300 000 Mark im Jahre 1909 an erster Stelle standen. Die gesamte Summe aller Pensionen, einschließlich sämtlicher pensionierter Offiziere, ist naturgemäß noch beträchtlich höher, da unter den oben erwähnten Pensionskategorien nicht sämtliche für Pensionen in Betracht kommenden Summen zusammengefaßt und nur Preußens Zivil- und Gendarmeriebeamte (einschließlich der Offiziere) berücksichtigt sind. v. B.
Sie Sansa-Heerkchm.
Der Erste Deuffche Hansa-Tag.
(Bericht nnfersKorrefpondenten.^
Unter Beteiligung von mindestens viertausend Personen aus allen Teilen deS Reichs trat gestern nachmittag im Riesensaal des Berliner Sportpalasts der Hansabund zu seinem ersten Allgemeinen deutschen Hansa- Tage zusammen, der zum Jahrestag der Gründung des Bundes vor zwei Jahren einberufen war. Aus verschiedenen größere Städten waren Extrazüge nach Berlin abgelassen worden, die der Versammlung eine große Zahl von auswättigen Delegierten zu- führten. Unter den Anwesenden befanden sich die Abgeordneten Friedberg, Kaempf. Stresc- mann, Beck, Dr. Wiemer, Professor Dr. Liszt und viele andere. Nach Absendung eines Huldigungstelegramms an den Kaiser als bett
Schirmherr« der Gleichberechtigung aller deutschen Arbeit begrüßte Geheimrat Rießer, der Präsident des Bundes, die Ehrengäste und Teilnebmer an der ersten großen Heersckau des in Gewerbe. Industrie und Handel geeinten deutschen Bürgertums. Die vielen Tausende, die nach Berlin geeilt sind, um Zeugnis abzulegen, daß sie helfen wollen, eine neue Zeit für unser Vaterland herbeizuführen. zeigen, daß selbst die kühnsten Hoffnungen Derer, die de« Bund vor zwei Jahre« mit Begeisterung gründeten, bei weitem übertroffen worden sind. Der Bund hat die Aufgabe, eine allen Erwerbsgruppen, einschließlich der Landwirtschaft, in gleicher Weffe zugute kommende Polittk zu treiben, eine Politik, die die
staatlichen Rechte «nd Stellen ohne Unterschied der polittschen und religiösen Ueberzeugung in gleicher Weise gewährleistet und die Staatslasten unter Alle nach Maßgabe ihrer Leisttmgssähigkeit verteilt. (Stürmischer Beifall.) Von lebhaftem Beifall begrüßt, ergriff darauf der frühere Vizepräsident des Reichstags. Reichstagsabgeordneter Kaempf, das Wort, um sich über die „Notwendigkeit des Hansabund-Gedan- kens" zu verbreiten. Auch er wies den Gedanken von sich, daß der Hansabund ein Feind der Landwirffchaft sei; er verlange nur Gleichberechtigung aller Stände und Erwerbszweige. Magistratsrat, Landschaftsabgeordneter Häberlein-Nürnberg überbrachte Grüße aus dem Süden, der, wie in großen nationalen und politischen Fragen, auch hier in Fragen des Wirtschaftslebens
mit dem Norden zusammengehe.
Er wünsche dem Hansabund ein tausendfaches Glückauf, damit er ein uneinnehmbares Bollwerk gegen seine Feinde werde. Direktor Felix Marguart -Leipzig betonte die Solidarität der Angestellten mit dem Hansabund. Der Vorsitzende der Tetaillistenkammer Hamburg, Schmersahl, wies darauf bin. daß auch der Kleinhandel mtt dem Hansabunde gehe. Reichstagsabgeordneter Dr. Stresemann schilderte die Beziehungen von Handel und Industrie zum Hansabund und ftihrie aus, daß bei dem Uebergang Deutschlands vom Agrar- zum Industriestaat mehr als bisher auf die Interessen der erwerbstätigen Stände, die im Hansabunde vertreten seien, Rücksicht genommen werden müsse. Handel «nd Jn-
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Mittwoch, den 14. Juni 1911
Fernsprecher 951 und 952,
Nachricht«- erscheinen wSchenüich sechsmal und zwar . „ ®7L WonnementSprei« beträgt monatlich 50 Pfg. bet freier Zu. !~y ^HauS. Druckerei, Verlag u. Redaktion: «chlachth-fftratz- 28/30. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 18, Telephon: Amt IV, 676.
Set Märchenkömg.
Erinnerungen an den Todestag König Ludwigs des Zweiten von Bayern.
Am dreizehnten Tag des Juni neunzehnhundertelf rundet sich ein Vierteljahrhundert, seit LudwigderZweite, Bayerns unvergeßlicher „Märchenkönig", in den Fluten des Starnberger Sees frühen Tod fand, und ein Leben endete, das wie ein flammender Stern rasch und funkelnd am Himmel der Weltgeschichte vorüberglitt. Fünfundzwanzig Jahre später: Die dunflen Schatten, die über dem Bilde Ludwigs lagerten, haben sich im Licht versöhnender Erinnerung zerteilt, und stärker treten die Züge seiner unleugbaren Größe hervor. In gerechter Beurteilung seines Wesens und seiner Persönlichkeit wird man
JnsertionSpreise: Tte sechSgespaltene Zeile für einheimische EeschLste 15 Pfg, für auswärtige Inserat« 25 Ps, Reklamezeile sür einheimische Ee. schSste 40 Ps, für auswärtige 60 Pf. Geschäftsstelle: Kölnische Straße 5. Berttner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt !V„ 676.
das schwere Leiden, das den König in der vollen Kraft seines Lebens heimsuchte, und die Ursachen aller seiner Absonderlichkeiten neben zweifellos krankhafter Veranlagung in der durchaus fehlerhaften Erziehung suchen müssen, die dem Knaben im Elternhaus zuteil ward. Am Hof des zweiten Maximilian fehlte das warme herzliche Familienleben, das Eltern und Kinder vertrauensvoll verbindet, und schon als Knabe suchte Ludwig häufig die Gesellschaft von Dienere und Lakaien auf, in dem Gedanken, der fpäter eine so unheilvolle Gewalt über ihn gewinnen sollte: Daß Ehrlichkeit und edle Gesinnung nur bei Leuten
aus dem Volk zu finden seien! Aus dem Leben und der Regierung Ludwigs des Zweiten ruhte der Fluch, daß ihm in seinen Anfängen niemand die Wahrheit sagte; huldigend neigten sich auch die Großen seines Hofs und des Staats vor dem schönen Jüngling, in dessen Händen die Verteilung von Macht und Würden lag, und dessen Auge so glücklich schauen konnte.
Als Maximilian der Zweite am zehnten März achtzehnhundertvierundsechzig gestorben war, vernahm der im fernen Nizza weilende Ludwig der Effte von Bayern (der Großvater des Märchenkönigs) nur mit Unwillen, daß sein.. Enkel die Negierung angetreten habe. „Zugunsten meines Sohnes, nicht aber meines Enkels habe ich der Krone entsagt," äußerte der damals bereits Achtundsiebzigjährige, und nur schwer ließ er sich überzeugen, daß seine Abdankung im „Jahr des Sturms" eine bedingungslose gewesen sei. So kam er denn nach München, dem Enkel zu huldigen, und allen Denen, die bet der Ankunft des königlichen Zugs zugegen waren, ist es unvergeßlich geblieben, wie der alte Fürst noch aus dem Wagen heraus den jungen König mit den Worten begrüßte: „Mein Enkel und mein König . . .!" Die Leidenschaft, glänzende Bauten zu errichten, hatte der Großvater auf seinen Enkel vererbt: Beide empfanden habet schmerzlich, daß die vorhandnen Mittel nicht ausreichten, ihre kühnfliegenden Gedanken in die Wirklichkeit zu übertragen. Unausgesetzt drang Ludwig der Erste nach seiner Abdankung in seinen Sohn, den König Otto von Griechenland, ihm zur Forffetzung der von ihm begonnenen Bauten doch endlich die Gelder zurückzugeben, die er ihm einst bei Uebernahme der griechischen Krone geliehen hatte, wozu Otto natürlich nicht imstande war, und die Summen, bereit Ludwig der Zweite für seine Schlösser bedurfte, und um deretwillen er sich in ungeheure Schulden stürzte, bildeten den Hauptgrund zu der Katastrophe des dreizehnten Juni.
Beiden Sprossen Wittelsbachs war der künstlerische Sinn gemeinsam, nur hatte er sich bet dem Enkel in phantastisches Denken und Wollen gewandelt: Was ihm das Leben nicht gab und nicht geben konnte, suchte er in seinen Schlössern und auf den Brettern der Bühne. Rur fchwer vermochten Regisseure und Künstler die Anforderungen zu erfüllen, die der König an sie stellte, denn es folgten unausgesetzte Proben, wenn der nicht immer und nicht überall mit Freude aufgenommene Befehl zu einer Separatvorstellung kam. Dann drängten sich dieProben förmlich,und es geschah bisweilen, daß die Sänger und Schauspieler vom Abend bis zum Gebetläuten in der Frühe durch die Probe zu einer Königsvorstellung festgehaltcn wurden. Die Kulissen waren zumeist an Ort und Stelle her Wirklichkeit nachgemalt, und bei der Aufführung mußte auf die Stellung auch des kleinsten Gegenstands größte Sorgfalt verwendet werden. Die langen Zwischenpausen, die dadurch veranlaßt wurden, verbrachte der König in dem kleinen Zimmer hinter der großen Königsloge, in der er den Vorstellungen beiwohnte. War dann die Vorstellung in tic-