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Nr. 156. L Jahrgang.

Casseler Neueste Nachrichten

Freitag, 9. Juni 1911.

brechens ausfindig gemacht und der gerechten Strafe überliefert. Mit seinem Aeußereu stehl Burns zu Sherlock Holmes im größten Kon­trast. Nicht schlank, dünn, nervös ist er, sonder« dick, plump aussehend, phlegmatisch und schein­bar der gemütlichste und schwerfälligste Spieß­bürger von der Welt. Er trägt niemals einen Revolver und macht überhaupt alle Vorstellun­gen, die man sonst von einem Detettiv hat, zu­schanden. Aber er ist ein Meister in der Kunst der Verkleidung, und mit einer geschick­ten Maske hat er seine besten Leistungen voll­bracht. So gelang es ihm seinerzeit, den be­rühmten

Banknotenfälfcher Charley Ulrich

zu entlarven. Ulrich hatte durch seine ebenso kühnen wie geschickten Fälschungen, die er an der Spitze einer ausgebreiteten Bande betrieb, die ganzen Vereinigten Staaten in Aufregung versetzt. Burns wurde damit beauftragt, den Verbrecher, den man als den Täter vermutete, dem man aber zunächst nichts nachweisen konnte, zu überwachen und zu überführen. Als gewöhnlicher Arbeiter gekleidet, nur von seiner Frau unterstützt, machte sich Burns an die Ar­beit. Er mietete sich in einem Hause ein, das dem gegenüberlag, in dem Ulrich wohnte; wenn der Verbrecher zum Fenster hinaussah, konnte er aus der gegenüberliegenden Haustür des Morgens den harmlosen Arbeiter heraus­gehen und des Abends wiederkommen fthen. Ulrich, der sich bewacht wußte, wandte bei der

Herstellung der falschen Scheine die größte Vorsicht an, so daß zunächst Wochen vergingen, ohne daß der Detektiv etwas ermit­teln konnte. Eines Tages aber bemerkte Burns, daß der Fälscher zur Bahn ging und sich dort ein Billet nahm. Er mochte sich also in Sicherheit glauben. Wenige Minuten nach Ulrich stand Burns an dem Schalter und sagte: Ich dachte, ich würde meinen Onkel hier tref­fen, ist er nicht eben hier vorbeigekommen?" Dann gab er eine genaue Beschreibung Ulrichs. Ja, er ist eben dagewesen "Dann geben Sie mir ein gleiches Billet wie ihm," und kurz daraus befand sich der Detektiv im Newyorker Zuge zusammen mit seinem Opfer. Da sich Ulrich völlig unbeobachtet glaubte, so beging er die Unklugheit, in den Rauchwagen zu gehen und

seine Tasche zurückzulassen.

Bums konnte sich nun davon überzeugen, daß sie eine große Menge gefälschter Banknoten enthielt. Als der Fälscher in Newyork ein Telegramm aufgab, in dem er seinen Helfers­helfern seine Ankunft mitteilte, fühlte er plötz­lich, wie ein Mann ihm über die Schulter sah. Er hatte nur noch die Adresse und seinen Na­men zu schreiben.Geht Sie das etwas an, was ich schreibe," fragte Ulrich mit Galgen­humor.Ja," war die Antwort.Nun, dann können Sie es vielleicht besser schreiben, als ich," lud Ulrich ein. Bums nahm die Feder und schrieb die Adresse und die Unterschrift. Es geht Sie wirklich etwas an," sagte Ulrich einfach und ließ sich von Burns abführen. In einem anderen Falle gelang es dem Detektiv, eine

Falschmünzerbande zu entdecken, indem er vierzehn Monate lang in den Ver­einigten Staaten die Arbeiter, die technisch im­stande gewesen wären, eine so ausgezeichnete Nachahmung zu liefern, beobachtete, unter den Geschicktesten immer mehr auswählte und schließlich seine Kreise so eng zog, daß er die Fälscher entdeckte. Sein einziger Anhalts­punkt war die ausgezeichnete Ausführung der nachgemachten Hundertdollarscheine gewesen. Eme besondere Genialität entfaltete Burns darin, einen Verbrecher, von dessen Schuld er sich überzeugt hat, nun auch zum Geständnis zu bringen. Irgend welche Gewaltmittel wen­det er nie an, aber er scheint seine Opfer zu hypnotisieren, denn fast stets liefert er g e st ä n-

dige Uebeltäter bei der Polizei ein, und es ist deshalb berechtigt, wenn man ihnAmeri­kas größten Detettiv" nennt. W. B.

Sie Politik der Tages.

iS3 Spionage in ... der Kirche? (Von unferm Korrespondenten.) Aus Elberfeld wird uns depeschiert: In den protestanttschen Kirchen des Uuüreises fiel in den Gottesdiensten der Feiertage verschiedent­lich eine Gruppe von Personen aus, die den Reden der Geistlichen genau folgten und sich eingehende stenographische Notizen machten. Es gewinnt immer mehr den An­scheint, daß in der hiesigen Gegend Spione ihr Werk treiben, um die Pfarrer auf die Aus­legung des Bekenntnisses hin zu überwachen. Gerade ans Anlaß des Pfingstfestes scheint man nun gehofft zu haben, Geistliche zu finden, die sich nicht streng an die vorgeschriebene Aus­legung des Pfingstwunders halten würden. Inwieweit hier Uebertretungen nachge- wiesen werden konnten, wird man Wohl bald durch Verhöre der davon betroffenen Pfarrer erfahren.

Maurice Rouvier (Telegramm.) Gestern nachmittag starb in Paris der frühere französische Ministerpräsident Rouvier. Maurice Rouvier wurde im Jahre 1842 in Aix in der Provence geboren. Er war früher De­putierter von Marseille und übernahm im Jahre 1881 das Handelsministerium unter Gambetta. 1887 wurde er Ministerpräsident und Finanzminister. Das Finanzpottefeuille behielt er während der verschiedenen Ministerien von 1887 bis Dezember 1892. Im Jahre 1893 gab er infolge des Panamaskandals seine Demission. Seit acht Jahren gehötte Rouvier dem Senat an.

S3 Der neueste russische Skandal. (Tele­gramm.) Depeschen aus Petersburg zufolge hat der mit der Durchführung von Revisionen beauftragte Senator Neidhardt gegen fünf Ingenieure von Staatsbahnen, gegen zwei an­dere Ingenieure und zwanzig Eifenbahn­verwaltungsbeamte, sowie gegen sieben Mitglieder der Petersburger Stadtverwaltung (unter denen sich der Präsident der Stadtduma Unkowski befindet) wegen Amtsverbrechen gerichtliche Ver­folgung angeordnet. Außerdem hat der Sena­tor dem Minister für Verkehr, Handel und Ma­rine, fotoie dem Chef der Staatsbahnen Mit­teilung über eine große Zahl von Amts- verbrechen gemacht, die von Beamten ihrer Ressorts begangen worden feien.

Wie ans Koblenz gemeldet wird, wurde der dort lebende frühere Minister von Coburg- Gotha, Exzellenz Hensig, aus Anlaß des dreißigsten Stiftungstages des Vereins für das Deutfchtum im Auslande zum Ehren­doktor der philosophifchen Fakultät von Jena ernannt.

Nach einer Meldung aus Danzig wurde dort gestern der zwemndzwanzigste Evan- gelifch-soziale Kongreß von dem Präsidenten Wirklichen Geheimen Rat Dr. H a r n a ck mit einer Ansprache eröffnet, i« der er namentlich das foeben zum Abfchlnß gebrachte Werk der Reichsverfiche- rungsordnung berührte.

Im ungarischen Abgeordneten­hause kam es gestern infolge eines Wort- wechfels zwischen den Abgeordneten Szmrek- s a n y i und Farkas zu äußerst stürmischen Szenen. Infolgedessen sand noch gestern zwi­schen beiden ein Säbelduell statt.

Neuer vom Zage.

i Depeschen der Casseler Neuesten Nachrichten.)

Feuer in der Heide. Aus Hamburg wird uns telegraphisch gemeldet: Der Brand

der Leutföhrder Heide ist mtt erneuter Gewalt zum Ausbruch gekommen. Die verän­derte Windttchtung breitet den Brand nach Osten aus. Es brennen fetzt schon verschiedene Moore und auch die auf Kaltenkirchener Ge­biet belegenen Tannenschonnngen. Es besteht große Gefahr, daß auch die enorme, bisher vom Feuer verschont gebliebene Waldstrecke dem neuen Feuer zum Opfer fällt.

L- Eine rätselhafte Geschichte. Vor vier Jahren entfernte sich in Muerringen (in der Rheinprovinz) ein in der Mitte der vier­ziger Jahre stehender Mann, Vater von vier Kindern, aus feiner Wohnung unter dem Vor­wande, zum Arbeiten auf das Feld zu gehen. Seit der Zeit war der Mann spurlos ver­schwunden. Dieser Tage sanden Waldarbeiter in dem unweit von Muerringen entfernten Ge­meindewald unter einer Gruppe von Bäumen der Skelett Uner Menschen. Daneben lag eine Halsbinde, ein Ledergiittel und ein Paar Schuhe, in denen noch die Fußknochen steckten. Diese Sachen wurden von der Frau der Ver­mißten als ihrem Mann gehörend anettannt. Auf welche Weise der Mann ums Leben ge­kommen ist, konnte noch nicht festgestellt werden. Eine Untersuchung ist sosott eingeleitet.

xx Grotzseuer in Blankenese. In dem Ham­burger Ausslugsotte Blankenese brach gestern mittag ein Brand ans, der bis in die vierte Nachmittagstunde wütete. Es herrschte großer Wassermangel, so daß die Feuerwehren der Umgebung, sowie die städtische Wehr aus Altona die Hilfeleistung sehr beschränken mutz­ten. Niedergebrannt sind drei Wohn- gebäude, drei Scheunen, ein Vieh- Hans und verschiedene kleine Nebenge­bäude. Bei den Löscharbeiten erlitten mehrere Feuerwehrleute Verletzungen, sonst ist niemand zu Schaden gekommen. Der Brand ist wahr­scheinlich durch einen schadhaften Schornstein verursacht, es ist aber auch nicht ausgeschlossen, daß Brandstiftung vorliegt. Jedoch kommt der Brandstifter, der in letzter Zeit in der Ham­burger Gegend zahlreiche Brände verursachte, hierfür nicht in Frage.

xx Der Leichenfund im Kornfeld. In einem Kornfeld am Haffuferbahnhof in Elbing wurde die Leiche einer etwa fünfunddreißig Jahre alten, dem Arbeiterstand angehöttgen Frau gefunden. Verschiedene Anzeichen deuten auf Mor d. Die Behörden haben die Unter­suchung sofort eingeleitet und sind eifrig be­müht, das Verbrechen aufzudecken, vor allem aber, die Perfonalien der ermordeten Frau festzustellen.

XX Diebe im Amtsgerichtsgebäude. In All- stetten wurde gestern ins Amtsgerichts­gebäude eingebrochen. Die Diebe er­brachen den Kassenschrank und fchleppten die zwei Zentner fchwere Geldkaffette fort, die sie dann auf freiem Felde aufsprengten. Es fielen ihnen aber nur einige hundert Mark in die Hände. Aus Aerger darüber vernichteten sie wertvolle Bücher und Papiere.

xx Das Unglück am Grabe eines Kriegers. Bei der Beerdigung eines Angehörigen eines Kriegervereins in Waldenburg ent­lud sich bei der Abgabe der üblichen Ehrenfalve vorzeitig ein Böller. Drei Mitglieder des Vereins erlitten fchwere Verletzun­gen. Die Beisetzungsfeierlichkeiten fanden durch den Unfall eine jähe Unterbrechung und wurden abgekürzt. Die drei Verletzten brachte man fofort ins Krankenhaus.

xx Ein verunglückter Eilzug. Der Ber­liner Eilzug ist bei der Einfahrt in den Staatsbahnhof von Triest mit aller Wucht gegen einen Prellbock angefahren, der zertrümmert wurde. Die Mafchine wurde beschädigt und zwölf Reifende und ein Eifenbeamter verletzt.

xx Ein Londoner Stadtviertel vom Feuer zerstört. Eine heftige Feuersbrunst zer­

störte gestern ein H ä u s e r v i e r t e l in der Ette Road im Londoner Stadtteil Willesden- Green. Dabei wurde auch ein großer Pferde- stall eingeäschert, in dem von zwanzig wert- vollen Pferden neunzehn verbrannten. Meh. tere Personen wurden von der Feuerwehr mit knapper Rot gerettet. Der Schaden ist sehr be­deutend.

xx Durch einen Blitzschlag getötet Wie aus Antwerpen gemeldet wird, schlug während eines heftigen Gewitters der Blitz in der Ge- meinde Saint Tob in ein Wohnhaus ein, wo­bei eine Frau und ihr dreizehnjähri. ger Sohn getötet wurden. Unwetter haben übrigens in Antwerpen und Umgegend, sowie in mehreren Ortschaften der Provinzen Flandern und Antwerpen großen Schaden an- gerichtet. Mehrere Dörfer sind überschwemmt.

xx Verhängnisvolle Wäsche. Ein Privat­telegramm berichtet uns aus Venedig: Wie jetzt bekannt wird, entstand die Cho­leraepidemie in einer Waschanstalt, in der ein aus Asien in Venedig angekommenes Schiff seine schmutzige Wäsche zur Reini­gung abgegeben hatte. Eine Wäscherin er- krankte sosott unter verdächtigen Symptomen und starb kurz darauf. Bei einigen Cholera- sällen traten auch äußerst heftige Typhus- erscheinungen auf.

Lr Auf der Suche nach demOlympier* Richter. Wie aus Konstantinopel ge­meldet wird, ist bisher weder eine Spur von der Bande gefunden worden, die den In­genieur Richter eufführt hat, noch ist irgendwo wegen des Lösegeldes Fühlung gesucht. Richtig ist nur, daß die türkischen Behörden von acht Stellen aus im geheimen Nachfor­schungen anstellen lassen, die bis zur Stunde ergebnislos geblieben sind.

XX Die Cholera in der Türkei. Nach den amtlichen Berichten sind bisher sieben Cholera­erkrankungen festgestelli worden, darunter drei beim Militär. Wie aus Samsun gemeldet wird, ist dort die Cholera in stetem Zunehmen begriffen. In den letzten achtundvierzig Stun­den sind einundvierzig Personen an Cholera erkrankt und zwanzig Personen gestorben. Der Minister des Innern hat 20 000 Pfund zur Be­kämpfung der Cholera angewiesen.

Las Neueste aus staffel.

Die Srdbeerenerute.

Die Königin der Beerenfrüchte.

Die vornehmste unter den Beerenfrüchie« ist unftreiHg die Erdbeere, die jetzt der Reife entgegengeht. Besonderer Werffchätzung er­freut sich die kleine Walderdbeere, welche an Aroma und Zartheit die kulttvierte Garten­erdbeere bei weitem übertrifft. Doch auch dem Auge bietet sie Genuß. ES gibt kaum etwas Zierlicheres, Niedlicheres, als eine Erdbeer- pflanze, die mit ihren schönen gezähnten Blätt­chen, den glaSblanten, hochroten Früchten und den nach allen Seiten strebenden fringeschwun- genen Ausläufern den duftenden Nadelboden des Waldrandes fchmückt! Als Gartenftucht die heute gegen 400 vermiedene Arien zäh­lende Erdbeere feit dem sechzehnten Jahrhun­dert gebaut. Vor drei Jahrhunderten galt sie in Frankreich für eine schätzenswette Tafel­frucht, der Ludwig XIV. großes Interesse ent­gegenbrachte. Die königlichen Gärtner wett­eiferten darin, möglichst schöne und für die Tafel wettvolle Exemplare zu kultivieren. Verschiedene Arten von Erdbeeren wurden aus Amerika und Asien eingeführt, wo sie (wie bei unS) wild wächst; so kam im Jahre 1767 die aus Surinam stammende und jetzt in Deutschland sehr verbreitet«Ananaserdbeere" zu unS, dann auch die aus Virginien stam­mendevirginische Erdbeere". In Südkali- fornien gedeihen wilde wie gezüchtete Erd-

Kasseler Künstler.

Die Kunstausstellung des OttsvereinS Cassel des A. D. K. G.

II.

Heinrich Giebel hat der Casseler Kunstausstellung zwei Werke gesandt, von denen die figürliche Studie deS rastenden Bauern ihn gut vertritt. Die Erscheinung der lonnbestrahlten Figur, die in dem grellen Licht farbig und leuchtend hingesetzt ist, erscheint ficher erfaßt und bestimmt gezeichnet, konnte aber im Stofflichen durch feineres Nüancieren der Tonwerte weiter gebracht werden, auch wäre weniger nebenfächliche Behandlung der Landschaft gut denkbar ohne Benachteiligung der einheitlichen Gefchlossenheit.Augustnach­mittag" fchildert gleichfalls die Wirkung deS prallen Sonnenlichts und erreicht in Licht wie Schatten hohe Leuchtstärke und Farbenwucht. H. GrafsSophaecke" ist in unangenehm seifigen Ton getaucht, der im Verein mit der Spiegelglätte der Bildtafel keine rechte Freude an der exakten Durchbildung des Interieurs aufkommen läßt. Von den Landschaften, die Friedrich F e n n e l auSstellt, haben wir einige bereits gesehen, so: .Rapsfeld", das durch eine Aenderung inzwischen gewonnen hat. Von guter Charatteristik sind die silbrigen Oelwei- den imGarten am Gardasee", zwischen denen hindurch man auf die leuchtende, metaöige Wasserfläche blickt. Die frischeste Studie ist Trübes Wetter". Mühelos ist hier in kräf­tigen Flecken die regenfeuchte Luftstimmung festgehalten, die Dorfarchitektur erscheint be­stimmt aufgebaut.Felder und Wälder" sind schwer und erdig.

Von Julius Seltner ist die Tempera -Im Emdener Außenhafen" bemerkenswett; derSchäfer vom Eichsfelde", der fast als Sil­houette gegen lichte Helle gestellt ist, bedingt auch für die Schafherde größere Energie. H. M e tz'Zimmerplatz" ist in Farbe und Ton zu unbestimmt, die Erfcheinungen des Lichts an den Objetten nicht weit genug differenziert, möglicherweise in der Absicht, Einheitlichkeit des Tons zu erzielen. Gleiches gilt, noch er« hohl, von den Arbeiten A. ZinkeifenS- Dusseldorf. Doch imMondschein" ist die ein« tomge grau in grau Beleuchtung und der schwache koloristische Effekt deS matten Lichts jflttt studiert. Th. Mattbei's »Blick aus

dem Atelierfenster" verlangt perspektivische Richtigstellung der Zeichnung, besonders in den Turmlinien der französischen Kirche, und ist auch farbig weniger gut als manche frühere Ar­beit deS Künstlers. Bei demSchwälmer Bauer" von Arno Weber stören die riesigen Maße beS charakteristischen Profils. Der Wandschirm" hat kräftige ornamentale Wir­kung, lebhafte Farbenzusammenstellungen und starke dekorative Linienführung. R. Jesch- ke'SFebruartag im Tannenwald" ist eine, nur auf Tonwerte gerichtete Pinselzeichnung in Vwlettbraun. DieHessische Landschaft" har eine ganze Reihe gut studierter Einzelheiten, wie daS Tannenbäumchen mit den frischen Trieben und den moosigen Felsblock, aber zu starker Detailreichtum im Mittelgrund schwächt schon den Eindruck, mehr noch die lackgrünen, schwärzlichen Tinten. DieHoch und' Quer- leiften" zeigen große Geschicklichkeit, einzelne Hochformate, die wir (wenn ich mich recht er­innere) in derWoche" sahen, sind auch bemer- kenSwett in ihrer ruhigen Wirkung.

Arthur Ahnert zeigt ein größeres Figu­renbild:Unser täglich Brot gib unS heute". Professor OSkar W o i t e und Ed. Schick ha­ben eine Anzahl Aquarelle ausgestellt. Einen großen Raum nehmen in der Ausstellung die Arbeiten Gustav WittigS ein, der die un­terschiedlichsten Genres kultiviett. ES sei bin« gewiesen auf denweiblichen Akt" im ersten Saal und den, durch konstruktive Richtigkeit ausgezeichneten, behelmten Männettopf. Unter den Landschaften nenne ich:FelSstrand von Capri" und die farbigenFifwkutter".Ritter­rüstung dürfte richtiger mitStilleben" bezeich­net werden, der Katalog führt sie unterfigür­liche Studie".Musenreigen" ist ein hervor­ragender Entwurf für eine reichgegliederte Decke, was Raumverteilung und Farbenwir­kung anbelangt, aber die perspektivische Lösung deS Mittelbilds, in das die Schwäne direkt hineinfliegen, und in dem die Figuren auf ver­tikaler Bildfläche gezeichnet scheinen, deutet durchaus nicht auf eine Deckenmalerei hin. In der dekorativen KompositionSskizzeJüngling von Rain" ist die inhaltliche Hauptgruppe kei­neswegs die hauptfächlichst wirkende Pattie deS Arrangements, der kleine Knabenakt rechts spricht viel stätter und fesselt den ersten Blick deS Beschauers. Von hoher Qualität sind einiae kunstgewerbliche Ausstellungsobjekte R.

OröanS. Besonders beachtenswett scheint mir die ornamentale Umbildung der ange­wandten Tiermotive, beispielsweise in der We­berei für einen ZeitungShalter und dem rot- grünen, gestickten Kissen. Der eichene Sessel sollte nicht übersehen werden.

Die Plastik ist numerisch nicht statt beschickt. Professor Bennewitz ist mit drei Wetten vorzüglich verrieten. Eine vornehme .Porträt­statuette" von ruhiger Geschlossenheit, würde durch stärkere Hüftbewegung noch gewinnen. DieAffengruppe vom Bücherwurmbrunnen" ist schon in dem kleinen Plastelinmodell monu­mental, und, ist daS Skelett in der großen Bronze schärfer ausgesprochen, so ist hier die Wiedergabe deS fettigen um fo besser gelungen. Wie prächtig ist der griechische Reiter auf dem Ofenvorsatz" in daS Viereck komponiert, und wie leuchten die kräftigen Flächen beS blanken MessingS. Man kann sich nichts passenderes zu Flamme und Wärme denken, als diese klare, ernste Arbeit. Von Fritz C a u e r - Düsseldorf, der aus alter Casseler Bildhauerfamilie stammt, gefällt mir besonders daS streng archi­tektonisch gebundene Relief:Luise Cauer", in der herben Unmittelbarfeit deS Ausdrucks. Ottilie Schäfer- Franffutt stellt eine kleine Bronze auS:Tanzendes Mädchen. Eine Neue­rung bedeutet die Nennung der Kaufsumme im Katalog; sie ermöglicht dem Besucher, in Erwägungen darüber einzutreten, ob der Wunsch nach dem Besitz eines Werkes, das uns Freude und Genuß gibt, im Bezirk des für uns erreichbaren liegt. Die Frage wird hoffentlich recht oft bejaht werden und zu zahlreichen An­käufen führen . Dicaste.

Mines Feuilleton.

dL Hoftheater Cassel. Am morgigen Frei­tag geht als Schluß-Vorstellung im Zyklus des BühnenfestfpielsDer Ring beS Nibelun­gen" bieGötterbämmerung" in Szene. In dieser Vorstellung wirb baS frühere be­liebte Mitglied des hiesigen Königlichen Theaters, Herr Georg Döring, jetzt in Berlin, für den erkrankten Herrn Ulrici die Partie beSHagen" fingen. Am Sonntag, den 18. Juni, findet im Hoftheater ein Gast- fpiel der japanifchen Tragödin Madame Ha­nako vom Kaiferlichen Theater in Tokio mit ihrem Ensemble statt.

Residenz-Theater Cassel. Aus der F r e i- licht-Bühne geht am morgigen Freitag der dreiattige SchwankSie weiß etwas" von R. Kneisel in Szene. Am kommenden Montag wird bestimmt ^Iphigenie auf TauriS" gegeben, und zwar ist diese Vor- stellung die letzte auf der FreUicht-Bühne. Bei ungünstigem Wetter findet bie Vorstellung im Saale statt. Im Resibenz-Theater bringt bet nächste Sonntag einen Programmwechsel im Gastspiel derModernen Bühne". Die drei EinakterGeierauge",Im Liebesasyl" und Nach dem Tode" bleiben deshalb nur noch bis Sonnabend auf dem Repertoire.

Kaiser Wilhelms Klausenburger Dok­tor-Diplom. Ein Privattelegramm mel­det uns aus Budapest: Der Direktor der Klausenburger Universität, Sadeezki, ist hier eingetroffen und hat dem Unterrichtsminister das Doktor-DiplomfürKaifer Wil­helm überreicht. Der UnterrichtSminister wird das Diplom durch den Boffchaster in Berlin, den Grafen Szögyeni, dem Deutfchen Kaiser überbringen lassen.

Drei neue Planeten. Wie aus Jo­hannesburg depeschiett wird, hat man auf der dortigen Sternwarte drei neue Pla­neten entdeckt. Der eine ist Transvalia, ein anderer JohanneSburgia benannt worden. Im übrigen ist die ganze Entdeckung sehr belang­los. Es kann sich nämlich nur um kleine Planeten handeln. Bis jetzt sind beretts über sechshundert solcher Keinen Planeten bekannt, und in jedem Iahte werden über 50 entdeckt.

tGs Kleine Chronik. In Darmstadt wurde gestern der zweite Kongreß der unter dem Protektorat des Großherzogs von Hessen stehenden Jnternattonalen Vereinigung für Rechts- und Wirtfchaftsphilo- s o p h i e eröffnet. Felix Mottl wird sich (wie auS München berichtet wird) im Juli mit der Kammersängerin Centn Faßbender vermählen, Fräulein Faßbender wird auch nach tbrcr Vermählung im engeren Verbände der Münchener Oper verbleiben. In Paris findet m den nächsten Tagen zum erstenmal eine zu­sammenhängende Aufführung deSRings deS Nibelungen" statt, die von Felix Weingartner und Arthur Nikisch birigiert werden foll. Der Architekt Geheimer Regierungsrat Pro- lessor Ötzen, Mitglied der Akademie der Künste, ist heute früh in Verftu gestorben.