Casseler Neueste Nachrichten
gtr. 155. — 1. Jahrgang.
Cassel, den 7. Juni 1911.
Telephon-Zentrale 651,952.
„Aber man sagte mit doch —*
„Ja, man hat aus der Mücke einen Elefanten gemacht, gnädige Frau," sagte Herr von Schmersau lachend, 's ist ja so intereflant, durch einen Dolchstich verwundet zu werden — 'ne schneidige Verwundung, Frau Baronin!"
Dampfer ans der Fnlda (14. Mai).
V. Preis (5 Mark): Dem Einsender der Nachricht: Die Unterführungen beim Bahnhofs-Neubau (28. Mai). Die Prämien sind den Empfangsberechtigten heute von unserer Kassenstelle aus per Postanweisung übermittelt worden. Die nächsten Prämien in
gleicher Höhe gelangen Anfang Juli zur Verteilung.
„Sie haben sich mit dem Marchese geschlagen?"
„Nein, Frau Baronin," entgegnete Henning. „Sie können sich beruhigen — der Herr hat es vorgezogen, sich auf Banditenart an mir zu rächen. Er lauerte mir gestern abend auf, als ich von meinem Ausflug zurückkehrte! Der Stoß war entschieden gut gemeint und sollte wohl kaum meinen Arm treffen. Aber wenn man sich zwei Jahre mit Hereros, Hottentotten und anderm wilden Volke herumgeschlagen hat," setzte er lachend hinzu, „dann ist man auf solch hinterlistige Angriffe gefaßt. Ich wehrte den Stoß mit dem Arme ab und — schlug den Herrn Marchese mit meinem Bergstock nieder. Das ist alles, Frau Baronin —, aber ich sehe, ich habe Ihnen noch nicht einmal einen Stuhl angeboten. Ich bitte, gnädige Frau . . .."
Der Kolonel holte einen Sessel herbei, und die Baronin ließ sich erschöpft nieder.
„Ich habe es unserm jungen Freunde gleich gesagt, daß sich der saubere Herr Marchese auf einen ehrlichen Zweikampf nicht einlaffen
Weier Mte MWen
Die Redaktion.
„Herr von Bartfeld lasten recht schön danken, wenn Frau Baronin sich wirklich die Mühe geben wollten, so wär's Herrn von Bartfeld sehr angenehm . . ."
„Führen Sie mich nach seinem Zimmer."
Richt ohne Bangen trat sie in das Gemach Hennings, besten Tür ihr der Kellner öffnete. Aber wie erstaunte sie, als sie den Kolonel Mu- ralto und Herrn von Schmersau gemütlich bei einem solennen Frühstück erblickte, während Henning in einem bequemen Schaukelstuhl saß und eine Zigarette rauchte.
Die drei Herren erhoben sich rasch bei ihrem Eintritt, und Henning trat mit verbindlichem Gruße auf sie zu.
„Ich bin Ihnen sehr dankbar, gnädige Frau, für Ihre Liebenswürdigkeit . . ."
„Herr von Bartfeld — ich glaubte — Sie sind also nicht verwundet?"
„Nur eine Kleinigkeit Baronin," entgegnete Henning, lächelnd auf feinen linken Arm weisend, der verbunden in einer schwarzen Binde ruhte. „Einige Tage der Ruhe, und es ist alles wieder gut!"
In fliegender Eile kleidete sich die Baronin vollständig an. Sollte sie Kitty Wecken? Nein, Kitty erfuhr von dem Unglück noch früh genug. Vorher wollte die Baronin volle Gewißheit haben.
Nach einiger Zett erschien das Mädchen wieder.
^^te Einrichtung der Meldepreise und Meldeprämieu für diejenigen unserer J Leser, die uns interessante lokale, kommunale und allgemeine Nachrichten auf schnellstem Wege zugehen lassen, hat in unserem Leserkreise viel Beifall gesunde«, und die Beteiligung an dem Wettbewerb war auch im Monat Mai eine erfreulich starke. An Prämien (außer den für die einzelnen Mitteilungen bei Erhalt gezahlten Meldepreisen) kamen am heutigen Tage zur Auszahlung:
I. Preis (30 Mark): Dem Einsender der Nachricht: Cassels Heermacht auf der Wacht (7. Mai).
n. Preis (20 Mark): Dem Einsender der Nachricht: Der Selbstmord in der Aue (16. Mai).
III. Preis (10 Mark): Dem Einsender der Nachricht: Die Tragödie eines Eisenbahners (11. Mai).
IV. Preis (5 Mark): Dem Einsender der Nachricht: Der größte
Sommer Zauber.
Nun da so warm der Sonnenschein, Und da so mild die Lüfte Wehn, Nun mußt du aus dem Kämmerlein Auch fein zum grünen Walde gehn!
Und hörst in wunderhellem Schlag '' ~ Frohlocken du ein Vögelein,
So lausch ihm recht, daß es dir sag', Warum es mag so fröhlich sein.
Und siehst du wo im Dornenreis Ein einsam Blümlein aufgetaut, Um besten Glanz der Herr nur weiß, Da mach dich recht mit ihm vertraut!
Und was dir sagt das Vögelein, -?
Und wie das Blümlein mit dir spricht: ,s ?- Trag's heim und leg's in deinen Schrein Und, liebes Kind, verlier es nicht!
Oskar von Redwitz
Iie M-MWlwm für die Leser und Mitarbeiter der Kasseler Neuesten Nachrichten
Entsagende Liebe.
Roma«, von 0. Elster.
(Nachdruck verboten.)
Darottin trat ins Wohnzimmer, leise die .u dem Schlafgemach schließend. Dann rinaelie sie dem Zimmermädchen.
Aber erst nach wiederholtem Läuten erschien Mes, mit offen Zeichen der Erregung auf ^(jmSbige Frau befehlen?" fragte das Mdchen, eine frische Dirne auS den Schwei- (tt Wa^bedeutet der Lärm im Hause? Ich konnte nicht schlafen, so laut war es heute morgen im Hotel."
„Ach, gnädige Frau müssen entschuvügen.
s ist ein großes Unglück geschehen."
Äe Baronin erbleichte.
^Ein Unglück?"
„Ja — gnädige Frau kennen ja auch den Herrn Marchese Righetti —"
„Allerdings. Was ist mit ihm? Ist er er- stankt?"
„Rein, gnädige Frau — fort ist er!"
„Fort? Wie soll ich das verstehen?"
„Na, gnädige Frau — ausgerückt, ohne zu
-zahlen!" s
„Unmöglich!"
„Ja, das hab'n wir auch alle gemeint! Und doch ist es so! Seit gestern nach dem Mittagessen hat ihn niemand mehr gesehen, und mit ihm ist auch Madame de Beaufort verschwunden — gnädige Frau wissen doch, die Französin mit den auffallenden Toiletten und dem geschmintten Gesicht. Der Wirt wollte die Dame erst gar nicht aufnehmen, aber der Herr Marchese hat sich für sie verbürgt, und da haben wir sie ausgenommen. Aber wir — die Zimmermädels — wir haben schon längst gewußt, daß nicht viel an ihr war!"
Die Baronin atmete erleichtert aus. Welcher surchtbaren Gefahr waren sie und Kitty entronnen! Aber wenn der Marchese ver- fchwünden war, dann hatte ja auch der Zweikampf nicht stattgesunden!
„Nun," sagte sie so ruhig, wie eS ihr möglich War, „derarttges kommt doch öfter in einem großen Hotel vor. Deshalb braucht man doch nicht solch einen Aufstand zu machen."
„Freilich nicht — und der Herr Wirt hätte gewiß auch fein geschwiegen, wenn nicht die Polizei gekommen wäre!"
„Die Polizei?"
„Jawohl, gnädige Frau. Sie hat den Marchese gesucht. Er soll den Herrn von Bartseld gestern abend gestochen haben —*
„Um Gottes willen —*
„Der arme Herr von Bartseld — nicht wahr? So ein lieber, netter Herr! Gestern abend — es war schon spät — ist er heimgekommen — und aus der dunkeln Straße ist er angefallen worden — er hat einen Stich in die Brust bekommen — jetzt liegt er schwer krank danieder — der arme Herr von Bartfeld —"
In jähem Schrecken krampfte sich das Herz der Baronin zusammen. Ihr Antlitz bedeckte tiefe Bläste, sie mußte sich auf die Lehne eines Seffels stützen, um nicht umzusinken.
■ Das Zimmermädchen sprang schnell herbei, um ihr zu helfen.
Doch gewaltfam faßte sich die Baronm.
„Ich danke Ihnen — der Schreck hat mich überwältigt
„Ein Glas Wasser, gnädige Frau?"
„Ja, geben Sie her."
Sie tränt Dann richtete sie sich kraftvoll empor.
„Ist der Herr von Bartseld noch im Hotel?" fragte sie. „
„Ja, gnädige Frau Der Herr Oberst Mu- ralto und der Herr von Schmersau sind bei ihm." . . ,
„Gehen Sie und fragen Sie an, ob Herr von Bartseld mich empsangen kann."
„Gnädige Frau wollten —" .
„Gehen Sie nur — der Herr ist ein Freund meiner Familie. Ich möchte ihn nicht so ohne Hilfe lassen ..."
„Ich geh' schon, gnädige Frau —"
Donnerstag, 8. yunt 1911.
würde," sagte der alte Soldat in gebrochenem Deutsch „Beschämt bin ich nur, daß dieser Halunke ein Landsmann von mir ist! Aber, Signora, ich glaube, es gibt überall in der Welt Schurken."
Frau von Weferling reichte dem alten Herrn die Hand, welche dieser artig an die Lippen führte.
„DaS Aussehen, welches dieser unbedeutende Vorfall gemacht hat, ist mir sehr unangenehm," nahm Henning von neuem das Wort. „Aber Oberst Muralto wollte ja durchaus bte Polizei benachrichtigen."
„Solche Burschen muß man unschädlich machen," knurrte der Kolonel.
„Einstweilen ist uns der saubere Muszo aber über die Schweizer Grenze entwischt, siel Herr von Schmersau ein.
„Er entgeht seinem Schicksal gewiß nicht. Dafür werde ich schon sorgen," versicherte der. alte Soldat.
Die Baronin erhob sich.
„Ich danke dem Himmel, daß alles so abgelaufen ist, Herr von Bartseld. Jetzt dürfen Sie mir aber auch eine Bite nicht abschlagen. Ich hatte mir vorgenommen, heute oder morgen abzureisen — doch unter diesen Umständen bleibe ich noch, bis Sie wiederhergestellt sind. Und nun meine Bitte: gestatten Sie uns, daß wir Sie pflegen, bis Sie wieder gesund sind."
Das Blut stieg Henning in die Wangen.
„Aber, gnädige Frau — ich habe ja eine Pflege gar nicht nötig — die Heine Wunde ist kaum der Rede wert — und doch, Ihr Anerbieten ist so verlockend," setzte er mit schelmi- schein Lächeln hinzu.
„Ein bißchen Ruhe ist schon nötig, Frau Baronin," meinte Herr von Schmersau. „Der Doktor hat ihm anbesohlen, sich ganz ruhig zu. Balten — eigentlich sollt' er auf dem Sofa liegen, aber da sie Ihren Besuch ankündigten.:"
Es ist sehr unrecht von Ihnen, Herr von, Bartfeld," zürnte die Baronin. „Augenblick- lich legen Sie sich wieder nieder." •
„Aber ich bitte ..." „ ..
„Wenn Sie mich nicht vertteiben wollen."
„Dann steilich muß ich gehorchen."
Henning fühlte sich in der Tat etwas erschöpft. Er legte sich nieder und ließ es ruhig geschehen, daß die Baronin eine warme, weiche Decke um ihn hüllte.
„Und nun, meine Herren," wandte sie sich freundlich an den Oberst und Herrn von Schmersau, „muß ich Sie bitten, unfern Kran- len allein zu lassen. Er bedarf der Ruh« - Ihr Frühstück können Sie auf der Terrasse beenden. Von jetzt an habe ich die Pflege unsers Freundes übernommen."
„Alle Wetter, gnädige Frau," rief Herr von Schmersau, „für eine solche Pflegerin nähme ich auch einen Dolchstoß gern in Kauf."
„Spotten Sie nicht, Herr von Schmersau — und — auf Wiedersehen."
(Fortsetzung folgt.)
Zeder Leser als Mitarbeiter willkommen;
Es soll uns freuen, wenn sich unsere Leser und Freunde auch zukünftig recht zahlreich an dem von uns geschaffenen Wettbewerb beteiligen und wir in der Lage sein werden, recht vielen unserer Leser und Mitarbeiter die ausgesetzten Prämien zuerkennen zu können. Jede, auch die kleinste Nachricht ist uns willkommen, wenn sie das öffentliche Interesse beansprucht. Das Redaktionsgeheimnis verbürgt jedem Einsender von Meldungen strengste Diskretion in bezug aus den Ursprung der Meldung und den Namen des Gewährsmannes.
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