ttt. 149. — L Aahrsang._______________
laufenden Arbeiten an den Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, ins Auge gefaßt ist. Infolge dieser Nachrichten war gestern hier das Gerücht verbreitet, Kaiser Franz Josef sei ent- schloffen, abzudanken, da er sich den Anforderungen der RegierungstStigkeit nicht mehr gewachsen fühle. An diesen Nachrichten ist jedoch nichts Wahres, der Kaiser hat vielmehr erst dieser Tage zu Vertrauten geäußert: „I ch werde meine Pflicht tun, solange ich atme!*
Das nationale Gewissen.
Herr von Liebert als Kritiker.
(Von unser« Korrespondenten.)
Die Leipziger Ortsgruppe des Alldeutschen Dettmndes hielt am Sonntag eine Gauverbandstagung ab, die sich in eine geschloffene Sitzung und eine öffentliche Versammlung gliederte. In der letzteren verbreitete sich der Reichstagsabgeordnetr Generalleutnant von Liebert über das Thema: „Schwebende politische Fragen*. Der Redner führte in seinem mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Referat in der Hauptsache folgendes aus: Zur Zeit wirken auf das innere Leben in Deutschland drei schwerwiegende Faktoren ein: Die
traurige Haltung der Regierung
kn der Ostmarkenfrage, die bedenkliche Lage in der W e st m a r k und die Haltung der Regierung in der M a r o k k o f r a g «. Die Regierung findet nicht den Mut, das Enteig- nungsgesetz anzuwenden, sie ist sogar in der Bestedelungsfrage stehen geblieben und zu allem Ueberfluß hat der Ostmarkenverein vom Ministertische aus sich verschiedene Verdächtigungen gefallen laffen muffen. Die zögernde Art und Weise der Regierung in der Besiedelungsfrage nannte Liebert ein Verbrechen, weil „die Deutschen entmutigt und die Polen zum weiteren Vordringen angespornt werden*. Dir deutsche Ausstellung in Posen wird wertlos, wenn die Regierung dem Deutschtum den Boden entzieht. Im Reichsland hat die Regierung sich
das Heft aus der Hand winden
laffen. Die Folgen der für Elfaß-Lothringen geplanten radikalen Verfassung werden sich sehr bald zeigen, denn der neue Bundesstaat wird ganz ultramontan sich auswachsen. Die kaiserliche Macht ist gleichzeitig mit Preußen gedemütigt, und Elsaß-Lothringen wird ein zweites Mal erobert werden müssen. Bezüglich der Marokkofrage sagte Liebert, da es sich um die Feststellung handelt, was Marokko für Deutschland ist und welchen Standpunkt Deutschland derzeit einnimmt. Wenn die Franzosen in Fez bleiben, so ist damit die A l g e - eirasaktezerrisfen und wenn die Franzosen die Straße von Casablanca nach Fez bauen, so ist das gleichbedeutend mit einer dauernden Besitzergreifung des Landes. Deshalb haben auch die Alldeutschen
die Teilung Marokkos
ftt der Weise gefordert, daß Deutschland den kleinern, westlichen atlantischen Teil an sich nehmen solle. Es habe dazu ein gewisses moralische Reckt mit Rücksicht auf die Sorge für seinen Ueberschuß an Menschen, während Frankreich lediglich eine Ex- ?>ansionspolitik treibe zur Erhöhung einer „gloire*. Allell Mächte haben seit Bismarcks Sturz ihr Gebiet erweitert, nur Deutschland nicht. Liebert schloß seine Ausführungen mit dem Hinweis darauf, daß zwar Regierungen vergehen, ein großes Volk aber bleibe und seine Zeit abwarten könne; diese Zeit werde auch für das deutsche Volk kommen und dann würden auch die richtigen Männer vorhanden sein, die es brauchte. Im Anschluß an die
__Kasseler Neueste Nachrichten
Rede wurde an den Deutschen Ostmarkenverein ei« Shmpathietelegramm gesandt. -er-
Kuliffen-Geflöster.
(Telegramm unseres Korrespondenteu.)
Aus Berlin wird uns depeschiert: In parlamentarischen Kreisen verlautete gestern, daß der Landwirtschastsminister Freiherr von Schorlemer sich mit Rücktrittsge- danken trage. An amtlicher Stelle wird eine solche Absicht allerdings bestritten. Die Gerüchte dürften Nahrung erhalten haben durch den glänzenden Verlauf des „Deutschen Tages* in Posen und durch die Wiederanknüpfung der alten Beziehungen zwischen dem Reichskanzler und dem Ostmarkenverein. Inzwischen ist die Nachricht auch offiziös dementiert worden, was aber nicht verhindert, daß die Möglichkeit des Rücktritts des Landwirtschaftsministers in ernsten politischen Kreisen nach wie vor lebhaft erörtert wird.
Sie Politik der Zages.
s Zittert der „Zentrumsturm"? (Pri- vattelegramm.) Der für gestern nach Straßburg einberufene Delegiertentag des elsaß-lothringischen Zentrums hat einen erregten Verlauf genommen. Nach den Referaten verschiedener Reichstagsabgeordneten äußerten sich die Delegierten der einzelnen Wahlkreise dahin, die Allgemeinheit stimme darin überein, daß Name und Programm des elsässischen Zentrums nicht geändert werden sollten. Es wurde dann folgende Resolution angenommen: Der Delegiertentag der elsaß-lothringischen Zentrumspartei erklärt, daß sogar die Zentrumspartei des Deutschen Reichstags bei der Beratung und Abstimmung über die elsaß-lothringische Verfassungsreform nicht im Sinne der Landesorganisation gehandelt hat und daß er deshalb deren Stellungnahme lebhaft bedauert. Weitere Schritte behält sich die Landesorganisation bis zu der auf den elften Juni einberufenen Delegiertenversammlung vor.
cS> Graf Bethmann Hollweg? (Telegramm unsers Korrespondenten.) Wie uns aus Berlin berichtet wird, geht in parlamentarischen Kreisen das Gerücht, daß Reichskanzler von Bethmann Hollweg infolge des Zustandekommens, der elsaß-lothringischen Verfassung in den G r a f e n st a n d erhoben werden solle. In Hofkreisen wird die Absicht einer Standeserhöhung des Reichskanzlers, wenn auch noch nicht direkt bestätigt, so doch auch nicht bestritten, was einer Bestätigung ziemlich ähnlich sieht. Wie verlautet, soll der Kaiser über den glücklichen Ausgang der Parlamentsdebatten über die reichsländische Verfassungsfrage außerordentlich erfreut gewesen sein.
S3 Ein deutsch-amerikanischer Schiedsgerichtsvertrag? (Privattelegramm.) Depeschen aus N e w y o r k zufolge teilte der deutsche Botschafter Graf Bernstorfs im Auftrag der deutschen Regierung dem Staatssekretär Knox mit, Deutschland sei bereit, in Verhandlungen über einen Schiedsgerichts- Vertrag, wie er seitens der Vereinigten Staaten der englischen und französischen Regierung proponiert wurde, einzutreten. Der Botschafter ersuchte um eine Abschrift der Hauptpunkte des amerikanischen Entwurfs.
S3 Die Anarchisten von Dorstfeld. (Telegramm unseres Korrespondenten.) Aus Dortmund wird uns depeschiert: Die Verhaftung einer Anzahl junger italienischer Bergleute im Amte Dorstfeld erregt hier großes Aufsehen. Die Verhafteten gehören einer geheimen revolutionären
Verbindung an, die-den Namen „Vereinigung revolutionärer Sozialisten Franzesko Ferrar* führt und in Dorstfeld geheime Zusammenkünfte hatte. Bei dem Vorsitzenden und Gründer der Gesellschaft, dem Anarchisten und Bergmann Angelo Stefanizzi, wurde bei einer Haussuchung schwer belastendes Material vorgefunden. Außer dem Vorsitzenden des Geheimbundes sind vier junge Italiener verhaftet worden. Mehrere Schuldige haben sich der Verhaftung durch die Flucht entzogen. ES ist bereits festgestellt, daß die in Frage kommenden Personen in der staatS- feindlichen Bewegung eine hervorragende Rolle gespielt haben.
Neues vom Tage.
(Depeschen der Caffeler Neuesten Nachrichten.)
~ Die Tragödie eines Kindes. Gestern nachmittag spielte das dreijährige Söhnchen eines Kutschers in Berlin.« Abwesenheit der Eltern mit Streichhölzern. Die Kleider des Kindes gerieten in Brand; auf sein Geschrei kamen Hausbewohner herbei und erstickten die Flammen. Das Kind war aber schon so schwer verwundet, daß es ins Krankenhaus geschasst, werden mußte, wo es bald nach seiner Einlieferung verstarb.
iS Die Folgen eines Blitzschlages. Gestern früh brach in einer Fabrik in Bärenwald (Sacksen) Feuer aus, das das Wohnhaus und Seitengebäude, sowie die Fabriklokalitäten vollständig einäscherte. Sämtliche sechsunddrei- ßig Maschinen und außerdem zwölftausend Mark bares Geld wurden vom Feuer zerstört. Die Ursache des Brandes ist in einem Blitzschlag zu suchen.
s Neue Maffenvergiftungen in Hamburg. Rach dem Genuß verdorbenen Fleisches erkrankten hier dreißig Personen unter Vergiftungserscheinungen. Alle sind außer Lebensgefahr. Der Rest des Fleisches wurde bei zwei Schlächtern beschlagnahmt. Es handelt sich um Kuhfleisch, das von einem auswärtigen Lieferanten bezogen worden war.
rr Ein Dorf in Flammen. In Schigallen (Ostpreußen) sind gestern nachmittag zehn Wohnhäuser eingeäschert worden; drei Kinder einer Familie verbrannten: zwei einer andern Familie wurden verletzt.
rr Im Kaisergebirge abgestürzt. Aus Kufstein wird gemeldet: Von der Gamshalde im Kaisergebirge ist gestern der Münchener Student Rottmann abgestürzt, der mit Freunden eine Bergtour unternommen hatte. Er war sofort tot.
d Zwei Opfer der Liebe. In dem holländischen Otte Altenkirchen nahe der preußischen Grenze zog man aus dem Teiche zwei junge schöne Mädchen im Alter von achtzehn und einundzwanzig Jahren, die zusammengebunden waren. In den Taschen sand man Briefe, in denen die Mädchen mitteilten, daß sie wegen häuslichen Unfriedens und aus Liebeskummer den Tod gesucht haben. Es sind zwei Töchter eines wohlhabenden Landwitts.
s: Maffenvergiftung nach einer Landwehrübung. Wie uns aus Brünn gemeldet wird, sind auf dem Rücktransport von einer vierzehntägigen Landwehrübung vierzehn Reservisten unter schweren Vergiftungserscheinungen erkrankt. Einer ist bereits g e st o r b e n, die übrigen ttngen mit dem Tode. Die Ursache der Vergiftung konnte bis jetzt noch nicht festgestellt werden.
irr Meuterei an Bord! An Bord des Pan- zettchifses „V e r g i n a ud * im Hafen von Bordeaux griff gestern ein Matrose infolge eines tadelnden Vorhaltes einen seiner Vorgesetzten. einen Leutnant, tätlich an und versetzte ihm drei Messerstiche ins Gesicht. Der
Mittwoch, 31. Mai 1911.
Meuterer wurde sofort verhaftet und in Ketten gelegt. Es heißt, der Offizier sei bereits seinen Verletzungen erlegen.
ts Im Chausseegraben zerschellt! Der Direktor des Messenger Boh-Unternehmens in Temesvar machte mit seiner Frau einen Automobilausflug. Als er zurückkehtte, stieß das Auto kurz vor Temesvar auf einen Steinhaufen. Die Insassen des Autos flogen in den Chausseegraben, wobei der Direktor das Genick brach. Seine Frau und der Chauffeur ettitten schwere Verletzungen.
~ Mähren im Wolkenbruch. In Tre- b i t s ch und Umgebung sind gestern und vorgestern schwere Gewitter, verbunden mit wolken- brucharttgem Regen und Hagel niedergegan- gen und haben arge Verwüstungen angerichtet. Ein Nachtwächter wurde von einer niederstür- zenden Mauer eines im Bau befindlichen Fa- bttkgebäudes getroffen und getötet. Die niedriger gelegenen Stadtteile von Trebitsch stehen unter Wasser, stellenweise über einen Meter hoch.
~ Die Todesfahtt im Auto. Der Kavallerie- major de la Guinnie aus Rouen, der gestern nachmittag in seinem Auto mit seiner Frau und seinen Kindern einen Ausflug machte, wurde beim Ueberschreiten der Bahnstrecke Patts-Cherbourg von einem heranbrausenden Zug erfaßt und auf der Stelle gttötet. Das Auto wurde erheblich beschädigt. Frau und Kinder aber blieben unverletzt.
rs Die Schreckenstat eines Wahnsinnigen. Gestern sand man in Warschau die Frau eines Ingenieurs mit einer tiefen, von einem Messerstich herrührenden Wunde am Kopf ermordet auf. Ihre Wohnung war ausgeplündert: neben der Leiche lag ein Zettel des Neffen der Ermordeten, eines Kunstmalers. mit der Aufschrift: „Ich habe sie ermordet und werde auch meinen Vater ermorden.' Wenige Stunden später wurde von ihm gegen einen Obersten ein Revolverschuß abgefeuett, der diesen tätlich verletzte. Der Täter wurde verhaftet. Er hat beide Mordtaten zweifellos in einem Anfall von Wahnsinn verübt.
~ Ein neuer Riesenbrand in der Union. Aus San Franzisko wird gemeldet, daß eine furchtbare Feuersbrunst auf der Chutes Conev Jnfel den größten Vergnügungspatt der Stadt zetttötte. Fünf Leichen wurden bisher ge- funden. Zahlreiche Perfonen werden vermißt. Die Menagerie wurde gerettet.
~ Die Hungersnot in Tripolis. Eine furchtbare Hungersnot wütet unter der Bevölkerung von Tripolis und dezimiett sie in manchen Gegenden. Der Bezitt Orfele ist nahezu entvölkert.
— Eine Nachricht von Richter. Aus Sa- l o n ik i wird gemeldet, die Behörden von Mo- nastir hätten ein Schreiben vom Geologen Richter erhalten, wottn dieser erklätt, daß er sich wohlbesinde, daß die Bande aber Lösegeld fordere. Richter erfucht angeblich, das Löfegeld rafchest zu erlegen, damit ihn die Bande freilasse. Einzelheiten fehlen noch.
Sos Neueste aus Gaffel
Psmgstwetter.
Aus eines Wettermachers Werkstatt.
Zu Pfingsten werden wir schönes Wetter haben, wenn wir. . . ordentlich zahlen wollen; und zwar sind diese Zahlungen an den bekannten „Wettermacher* und Elekttotechniker Rnchard Rodttan in Berlin zu richten. Herr Rodrian verspricht nämlich in einem Rund- schreiben, daß er kraft seiner Befähigung, das Wetter zu beeinflussen, für die Pfingsttage „schönes, warmes, vielfach bis ganz heiteres Wetter (wörtlich!), ganz ohne Regen oder nur mit Regen unter einem halben Millimeter* herstell-n werde, wenn er bis zum 30. Mai eine
Gine moderne Tragödie.
Pariser Kientopp-Geschichten.
(Von unserem Korrespondenten.)
$ Paris, 28. Mai.
Eines von den kleinen Lustspielen des Lebens, die oft unterhaltsamer sind, als die der Bühne: George? Clermont war seit kurzem glücklich verheirattt, als vor einigen Tagen seine Frau durch ein Telegramm an das Krankenlager ihrer Mutter gerufen wurde. Er hatte die Gattin zur Bahn gekettet und ging nun seines Weges, in Betrachtungen darüber vertieft, wie er jetzt mit feinem Keinen Gehalt doch besser auskomme als früher, da er als Junggeselle für sich allein zu sorgen hatte, und wie überhaupt die Ehe eine ganz herrliche Einrichtung sei, und feine kleine Frau so lieb, daß er schon jetzt den Augenblick sehnsüchttg erwartete, da sie zurückkehren würde. Um sich die Zeit zu vertreiben, folgte er der fteundlichen Einladung eines Kinematographentheaters und wollte nun, halb gelangweilt, die Bllder an sich vorüberziehen lassen. Plötzlich aber fuhr er aus seinem Dahindämmern auf . . .! Er glaubte zu träumen, aber er überzeugte sich, daß es wahr war: Vor ihm auf der Bildfläche sah er eilig seine Frau herankommen, in ein Postamt gehen und einön postlagernden Brief abheben.
Sie öffnete den Bttef, las, sah nach der Uhr und stand lächelnd da, als eilig ein Mann berbeikam, sie in die Arme nahm und . . . küßte. „Wer ist das?* schtte Georges Clermont laut aus, und aller Augen wandten sich zu ihm hin. Der Unglücklicke aber dachte an nichts mchr, sondern stürzte hinaus, eilte nach Hause und wühlte alle Schränke und Kästen durch, um wettere Beweise von der Treulostg- kett seiner Frau zu finden. Am Morgen nach durchwachter Rächt empfing er ein Telegramm, das ihm die frühere Rückkehr seiner Frau mit- teilte. Er wußte jetzt, was er zu tun hatte: Er ging hin, kaufte einen Revolver, lud ihn und kehtte zurück. Am Abend kam die Frau. „Aber warum warst du nicht an der Station, was ist denn los, dn siehst ja ganz krank aus, was fehlt Mr denn?* Wie sie nun anscheinend
ahnungslos und ganz vergnügt zu ihm trat, verlor Georges Clermont die Fassung. Er schrie ihr ins Gesicht, was er im Bilde gesehen. Sie sah ihn nur groß an und hauchte: „Georges . . .* und ein leichtes Lächeln spielte um ihre Lippen. Georges übermannte die Wut, er zog den Revolver und schoß.
Die Kugel ging durch die offene Tür und zerschmettette mit lautem Krachen die Flurlampe. Die Leute im Hause stürzten herbei. Georges Clermont, der nach der Tat erschöpft auf einen Stuhl gesunken war, wurde zur Polizei gebracht. Als er dott seine Geschichte erzählte, bat Madame Clermont um eine kurze Unterredung unter vier Augen mit dem Polizeikommissar. Am nächsten Morgen wurde der Attentäter unter polizeilicher Bedeckung mit seiner Frau zusammen nach Vincennes hinausgebracht, wo man ihn in eine Art großes Atelier führte. Es waren viele Leute da, die Madame Clermont fteundschastlich begrüßten. Ein kleiner dicker Mann rief sie: I Madame, Sie sind an der Reihe, und Sie, Jean, kommen Sie schnell her!* Georges Clermont staunte: Das war ja der Mann, der seine Fran vor dem Postamt geküßt hatte! Die beiden Polizisten hielten ihn fest an der Hand. „Run bitte,* sagte der kleine Mann, und Clermont sah gemalt ein Cafe und davor Tisch und Stühle, auf denen Madame Clermont und der jung« Mann Platz nahmen, und ...eine neue Szene began! Jetzt begriff Georges: „Der Kinemato- g r a p h hat unser Einkommen in den letzten drei Monaten verdoppelt,* sagte Madame Clermont sanft zu ihrem Manne. Anklage wegen Bedrohung ihres Lebens erhob sie nicht, und so konnten beide Arm in Arm wieder nach Hause gehen, Georges mit Tränen der Rührung in den Augen ... B. W.
Kleines Feuilleton.
tQs Tas zweite Storm-Gastspiel im Hoftheater. Fräulein Storm vom Stadttheater Erfurt absolviette in der gestrigen Aufführung der „Minna von Barnhelm* im Casseler Hoftheater ihr zweites Engagements-Gastfpiel als Franziska. Der Gast bewies auch in dieser Partie reckt aniebnlickes Können, dock fcheint
es, daß Fräulein Storm der stärkern Gestaltungskraft ermangelt und ihre eigentliche Force mehr in der Kleinmalerei liegt. So fympathifch ihr Spiel auch berühtt: Temperamentgewalt ist nicht das Fundament ihrer Kunst und deshalb erfcheints auch stag- lich, ob Fräulein Storm in der Lage fein wird, uns Fräulein Groa zu ersetzen. Es soll damit nicht gefügt fein, daß die Künstlerein aller Voraussetzungen ermangelt, die für ein Engagement an uttfter Hosbühne in Frage kommen, aber es muß darauf hingewiesen werden, daß Fräulein Storm (so reizend und überzeugend auch ihre Käthe in „Alt-Heidelberg* war) noch wesentlicher darstellerischer Erstarkung bedarf, um Ausgaben, die an das künstlerische Vermögen hohe Anforderungen beftiedigend lösen zu können. Die übrigen Partien der gestrigen Lessing-Aufführung lagen in bewährten Händen: Herr Alberti als Tell- heim, Frau Bayrhammer als Minna, Herr Jürgensen als Just, Herr Bohnse als Wachtmeister Werner und Herr Berend als Wirt boten in Spiel und Maske ausgezeichnete Leistungen; bei Frau Bayrhammer hätte man allerdings etwas mehr Belebung der Darstellung wünscken dürfen, was ihrer „Minna* sicher zum Vorteil gereicht haben würde. -an.
Ein achttägiges Gastspiel Vogelstrom? Der hier bestens bekannte Opernsänger Vogelstrom vom Großherzoglichen Hoftheater in Mannheim soll, wie wir erfahren, im A u g u st während der Anwesenheit des Kaiserpaares auf Wilhelmshöhe im Casseler Hoftheater ein neues achttägiges Gastspiel absolvieren. Vogel- strom soll dann auch bei dem ersten Abonne- mentskonzett Mitwirken.
-'V Ein Römerlager in Westfalen? Bei der Aussuchung des Lippe-Ueberganges und des Zusahttsweges zum Oberandener Legionslager fand in diesen Tagen die Ausgrabungsgleitung am linken Lippe-Ufer bei Luhnen ein größeres Uferkastell. Die sofott vorgenommenen Aufdeckungsarbeiten werden bald näheres ergeben. Wahrscheinlich handelt es sich um ein Römerlager.
Die „Rosenlavalier"-Enttäuschung. Der „Rosenkavalier* von Richard Strauß hat nun auch in die Budapester Hofoper feinen Einzug gehalten, aber auf das dortige Publi
kum keine große Wirkung geübt, vielmehr eine kühle Aufnahme gefunden. Auch die Presse, die magharifche fowohl wie die beut» icke, verhält sich in ihrer überwiegenden Mehrzahl ablehnend und nennt das Werk eine „schwache Leistung*.
Unbekannte Briese von Gluck. In Wien wurde eine interessante musikgeschichtliche Entdeckung gemacht: Der Anttquar Rcmschburg fand fiebenundachtzig bisher unbekannte Briese des Komponisten Gluck aus der bedeutendsten Epoche seiner Wirksamkeit. Bisher waren überhaupt nur wenige, ganz vereinzelte Brief« von Gluck bekannt geworden. Die neu aufgefundenen Briefe sind alle an den Sekretär des österreichischen Gefandten in Paris, Krut- hofer, gerichtet und umfassen die Jahre 1775 bis 1783.
Ein Grabdenkmal für Joses Kainz. Während ein Komitee, zu dem die angesehensten Schriftsteller und Künstler Wiens gehören, sich bemüht, Spenden für ein Kainz-Denk- mal zusammenzubringen, hat die Witwe des Künstlers in aller Stille am Grabe ihres Gatten auf dem Grinzinger Friedhof ein Denkmal aufstellen laffen. Das Denkmal ist in Blockform, ein Konglomerat von Felsstücken, die durch Möttel roh verbunden sind. In den Seiten ist eine fchwarze Marmottafel eingefügt, auf der der Raute des Künstlers, fowie sein Ge- bütts- und Sterbetag verzeichnet sind.
-cu Kleine Chronik. Das int letzten Casseler Jugendkonzert von ca. vierzig Violinisten mit großem Erfolg zum Vortrag ge- brachte „A i r* von Heinrich Stein ist tot Verlage von Walter Simon, hier, erschienen. Die Komposition kostet für Violine 1 Matt. — Fritz Mauthner hat die Organifation und Herausgabe einer großangelegten Bibliothek bet Philosophen übernommen. Das Gesamt- wett soll weit über hunbett Bände erhalten unb bi« einzelnen Bänbe werden von Fachge- lehrten ediert werden. Die Publikation er» scheint im Verlag von Georg Müller, Müncken. — Die geschätzte Casseler Pianistin, Frl. Alma R u d l o s f, erzielte in dem dieser Tage in Ems stattgehabten Künstler-Konzert einen großen Erfolg. Die Emser Preffe rühmt an der Künstlerin „die Klarheit und Reinheit de Spiels und die feine künstlerische Auffassung*,