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ttt. 149. — L Aahrsang._______________

laufenden Arbeiten an den Thronfolger, Erz­herzog Franz Ferdinand, ins Auge gefaßt ist. Infolge dieser Nachrichten war gestern hier das Gerücht verbreitet, Kaiser Franz Josef sei ent- schloffen, abzudanken, da er sich den An­forderungen der RegierungstStigkeit nicht mehr gewachsen fühle. An diesen Nachrichten ist je­doch nichts Wahres, der Kaiser hat vielmehr erst dieser Tage zu Vertrauten geäußert: „I ch werde meine Pflicht tun, solange ich atme!*

Das nationale Gewissen.

Herr von Liebert als Kritiker.

(Von unser« Korrespondenten.)

Die Leipziger Ortsgruppe des Alldeutschen Dettmndes hielt am Sonntag eine Gauverbandstagung ab, die sich in eine geschloffene Sitzung und eine öffentliche Versammlung gliederte. In der letz­teren verbreitete sich der Reichstagsabgeordnetr Generalleutnant von Liebert über das Thema: „Schwebende politische Fragen*. Der Redner führte in seinem mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Referat in der Hauptsache fol­gendes aus: Zur Zeit wirken auf das innere Leben in Deutschland drei schwerwiegende Fak­toren ein: Die

traurige Haltung der Regierung

kn der Ostmarkenfrage, die bedenkliche Lage in der W e st m a r k und die Haltung der Regierung in der M a r o k k o f r a g «. Die Regierung findet nicht den Mut, das Enteig- nungsgesetz anzuwenden, sie ist sogar in der Bestedelungsfrage stehen geblieben und zu allem Ueberfluß hat der Ostmarkenverein vom Ministertische aus sich verschiedene Verdäch­tigungen gefallen laffen muffen. Die zö­gernde Art und Weise der Regierung in der Besiedelungsfrage nannte Liebert ein Ver­brechen, weil „die Deutschen entmutigt und die Polen zum weiteren Vordringen ange­spornt werden*. Dir deutsche Ausstellung in Posen wird wertlos, wenn die Regierung dem Deutschtum den Boden entzieht. Im Reichs­land hat die Regierung sich

das Heft aus der Hand winden

laffen. Die Folgen der für Elfaß-Lothringen geplanten radikalen Verfassung werden sich sehr bald zeigen, denn der neue Bundesstaat wird ganz ultramontan sich auswachsen. Die kaiserliche Macht ist gleichzeitig mit Preußen gedemütigt, und Elsaß-Lothringen wird ein zweites Mal erobert werden müssen. Bezüg­lich der Marokkofrage sagte Liebert, da es sich um die Feststellung handelt, was Marokko für Deutschland ist und welchen Standpunkt Deutschland derzeit einnimmt. Wenn die Fran­zosen in Fez bleiben, so ist damit die A l g e - eirasaktezerrisfen und wenn die Fran­zosen die Straße von Casablanca nach Fez bauen, so ist das gleichbedeutend mit einer dauernden Besitzergreifung des Landes. Des­halb haben auch die Alldeutschen

die Teilung Marokkos

ftt der Weise gefordert, daß Deutsch­land den kleinern, westlichen atlantischen Teil an sich nehmen solle. Es habe da­zu ein gewisses moralische Reckt mit Rücksicht auf die Sorge für seinen Ueberschuß an Men­schen, während Frankreich lediglich eine Ex- ?>ansionspolitik treibe zur Erhöhung einer „gloire*. Allell Mächte haben seit Bis­marcks Sturz ihr Gebiet erweitert, nur Deutsch­land nicht. Liebert schloß seine Ausführungen mit dem Hinweis darauf, daß zwar Regierun­gen vergehen, ein großes Volk aber bleibe und seine Zeit abwarten könne; diese Zeit werde auch für das deutsche Volk kommen und dann würden auch die richtigen Männer vorhanden sein, die es brauchte. Im Anschluß an die

__Kasseler Neueste Nachrichten

Rede wurde an den Deutschen Ostmarkenverein ei« Shmpathietelegramm gesandt. -er-

Kuliffen-Geflöster.

(Telegramm unseres Korrespondenteu.)

Aus Berlin wird uns depeschiert: In par­lamentarischen Kreisen verlautete gestern, daß der Landwirtschastsminister Freiherr von Schorlemer sich mit Rücktrittsge- danken trage. An amtlicher Stelle wird eine solche Absicht allerdings bestritten. Die Ge­rüchte dürften Nahrung erhalten haben durch den glänzenden Verlauf des „Deutschen Ta­ges* in Posen und durch die Wiederanknüp­fung der alten Beziehungen zwischen dem Reichskanzler und dem Ostmarkenverein. In­zwischen ist die Nachricht auch offiziös demen­tiert worden, was aber nicht verhindert, daß die Möglichkeit des Rücktritts des Land­wirtschaftsministers in ernsten politischen Krei­sen nach wie vor lebhaft erörtert wird.

Sie Politik der Zages.

s Zittert der „Zentrumsturm"? (Pri- vattelegramm.) Der für gestern nach Straßburg einberufene Delegiertentag des el­saß-lothringischen Zentrums hat einen er­regten Verlauf genommen. Nach den Re­feraten verschiedener Reichstagsabgeordneten äußerten sich die Delegierten der einzelnen Wahlkreise dahin, die Allgemeinheit stimme da­rin überein, daß Name und Programm des elsässischen Zentrums nicht geändert wer­den sollten. Es wurde dann folgende Reso­lution angenommen: Der Delegiertentag der elsaß-lothringischen Zentrumspartei erklärt, daß sogar die Zentrumspartei des Deutschen Reichstags bei der Beratung und Abstimmung über die elsaß-lothringische Verfassungsreform nicht im Sinne der Landesorganisation ge­handelt hat und daß er deshalb deren Stel­lungnahme lebhaft bedauert. Weitere Schritte behält sich die Landesorganisation bis zu der auf den elften Juni einberufenen Dele­giertenversammlung vor.

cS> Graf Bethmann Hollweg? (Tele­gramm unsers Korrespondenten.) Wie uns aus Berlin berichtet wird, geht in parlamentarischen Kreisen das Gerücht, daß Reichskanzler von Bethmann Hollweg infolge des Zustandekommens, der elsaß-lo­thringischen Verfassung in den G r a f e n st a n d erhoben werden solle. In Hofkreisen wird die Absicht einer Standeserhöhung des Reichs­kanzlers, wenn auch noch nicht direkt bestätigt, so doch auch nicht bestritten, was einer Bestäti­gung ziemlich ähnlich sieht. Wie verlautet, soll der Kaiser über den glücklichen Ausgang der Parlamentsdebatten über die reichsländische Verfassungsfrage außerordentlich er­freut gewesen sein.

S3 Ein deutsch-amerikanischer Schiedsge­richtsvertrag? (Privattelegramm.) De­peschen aus N e w y o r k zufolge teilte der deutsche Botschafter Graf Bernstorfs im Auf­trag der deutschen Regierung dem Staatssekre­tär Knox mit, Deutschland sei bereit, in Verhandlungen über einen Schiedsgerichts- Vertrag, wie er seitens der Vereinigten Staa­ten der englischen und französischen Regierung proponiert wurde, einzutreten. Der Botschaf­ter ersuchte um eine Abschrift der Hauptpunkte des amerikanischen Entwurfs.

S3 Die Anarchisten von Dorstfeld. (Tele­gramm unseres Korrespondenten.) Aus Dortmund wird uns depeschiert: Die Verhaftung einer Anzahl junger italieni­scher Bergleute im Amte Dorstfeld erregt hier großes Aufsehen. Die Verhafteten gehö­ren einer geheimen revolutionären

Verbindung an, die-den Namen „Ver­einigung revolutionärer Sozialisten Franzesko Ferrar* führt und in Dorstfeld geheime Zu­sammenkünfte hatte. Bei dem Vorsitzenden und Gründer der Gesellschaft, dem Anarchisten und Bergmann Angelo Stefanizzi, wurde bei einer Haussuchung schwer belastendes Material vorgefunden. Außer dem Vor­sitzenden des Geheimbundes sind vier junge Italiener verhaftet worden. Mehrere Schul­dige haben sich der Verhaftung durch die Flucht entzogen. ES ist bereits festgestellt, daß die in Frage kommenden Personen in der staatS- feindlichen Bewegung eine hervor­ragende Rolle gespielt haben.

Neues vom Tage.

(Depeschen der Caffeler Neuesten Nachrichten.)

~ Die Tragödie eines Kindes. Gestern nachmittag spielte das dreijährige Söhnchen eines Kutschers in Berlin.« Abwesenheit der Eltern mit Streichhölzern. Die Kleider des Kindes gerieten in Brand; auf sein Geschrei ka­men Hausbewohner herbei und erstickten die Flammen. Das Kind war aber schon so schwer verwundet, daß es ins Krankenhaus geschasst, werden mußte, wo es bald nach seiner Einlie­ferung verstarb.

iS Die Folgen eines Blitzschlages. Gestern früh brach in einer Fabrik in Bärenwald (Sacksen) Feuer aus, das das Wohnhaus und Seitengebäude, sowie die Fabriklokalitäten vollständig einäscherte. Sämtliche sechsunddrei- ßig Maschinen und außerdem zwölftausend Mark bares Geld wurden vom Feuer zerstört. Die Ursache des Brandes ist in einem Blitz­schlag zu suchen.

s Neue Maffenvergiftungen in Hamburg. Rach dem Genuß verdorbenen Fleisches erkrank­ten hier dreißig Personen unter Vergiftungser­scheinungen. Alle sind außer Lebensgefahr. Der Rest des Fleisches wurde bei zwei Schlächtern beschlagnahmt. Es handelt sich um Kuhfleisch, das von einem auswärtigen Lieferanten bezo­gen worden war.

rr Ein Dorf in Flammen. In Schigallen (Ostpreußen) sind gestern nachmittag zehn Wohnhäuser eingeäschert worden; drei Kinder einer Familie verbrannten: zwei einer andern Familie wurden verletzt.

rr Im Kaisergebirge abgestürzt. Aus Kuf­stein wird gemeldet: Von der Gamshalde im Kaisergebirge ist gestern der Münchener Stu­dent Rottmann abgestürzt, der mit Freun­den eine Bergtour unternommen hatte. Er war sofort tot.

d Zwei Opfer der Liebe. In dem hollän­dischen Otte Altenkirchen nahe der preußi­schen Grenze zog man aus dem Teiche zwei junge schöne Mädchen im Alter von achtzehn und einundzwanzig Jahren, die zusammenge­bunden waren. In den Taschen sand man Briefe, in denen die Mädchen mitteilten, daß sie wegen häuslichen Unfriedens und aus Lie­beskummer den Tod gesucht haben. Es sind zwei Töchter eines wohlhabenden Landwitts.

s: Maffenvergiftung nach einer Landwehr­übung. Wie uns aus Brünn gemeldet wird, sind auf dem Rücktransport von einer vierzehn­tägigen Landwehrübung vierzehn Reservisten unter schweren Vergiftungserscheinungen er­krankt. Einer ist bereits g e st o r b e n, die übrigen ttngen mit dem Tode. Die Ursache der Vergiftung konnte bis jetzt noch nicht festgestellt werden.

irr Meuterei an Bord! An Bord des Pan- zettchifses „V e r g i n a ud * im Hafen von Bordeaux griff gestern ein Matrose infolge eines tadelnden Vorhaltes einen seiner Vorge­setzten. einen Leutnant, tätlich an und versetzte ihm drei Messerstiche ins Gesicht. Der

Mittwoch, 31. Mai 1911.

Meuterer wurde sofort verhaftet und in Ketten gelegt. Es heißt, der Offizier sei bereits sei­nen Verletzungen erlegen.

ts Im Chausseegraben zerschellt! Der Di­rektor des Messenger Boh-Unternehmens in Temesvar machte mit seiner Frau einen Automobilausflug. Als er zurückkehtte, stieß das Auto kurz vor Temesvar auf einen Stein­haufen. Die Insassen des Autos flogen in den Chausseegraben, wobei der Direktor das Genick brach. Seine Frau und der Chauffeur ettitten schwere Verletzungen.

~ Mähren im Wolkenbruch. In Tre- b i t s ch und Umgebung sind gestern und vorge­stern schwere Gewitter, verbunden mit wolken- brucharttgem Regen und Hagel niedergegan- gen und haben arge Verwüstungen angerichtet. Ein Nachtwächter wurde von einer niederstür- zenden Mauer eines im Bau befindlichen Fa- bttkgebäudes getroffen und getötet. Die niedri­ger gelegenen Stadtteile von Trebitsch stehen unter Wasser, stellenweise über einen Meter hoch.

~ Die Todesfahtt im Auto. Der Kavallerie- major de la Guinnie aus Rouen, der gestern nachmittag in seinem Auto mit seiner Frau und seinen Kindern einen Ausflug machte, wurde beim Ueberschreiten der Bahnstrecke Patts-Cher­bourg von einem heranbrausenden Zug erfaßt und auf der Stelle gttötet. Das Auto wurde erheblich beschädigt. Frau und Kinder aber blieben unverletzt.

rs Die Schreckenstat eines Wahnsinnigen. Gestern sand man in Warschau die Frau eines Ingenieurs mit einer tiefen, von einem Messer­stich herrührenden Wunde am Kopf ermor­det auf. Ihre Wohnung war ausgeplündert: neben der Leiche lag ein Zettel des Neffen der Ermordeten, eines Kunstmalers. mit der Auf­schrift: „Ich habe sie ermordet und werde auch meinen Vater ermorden.' Wenige Stunden später wurde von ihm gegen einen Obersten ein Revolverschuß abgefeuett, der diesen tät­lich verletzte. Der Täter wurde verhaftet. Er hat beide Mordtaten zweifellos in einem An­fall von Wahnsinn verübt.

~ Ein neuer Riesenbrand in der Union. Aus San Franzisko wird gemeldet, daß eine furchtbare Feuersbrunst auf der Chutes Conev Jnfel den größten Vergnügungspatt der Stadt zetttötte. Fünf Leichen wurden bisher ge- funden. Zahlreiche Perfonen werden vermißt. Die Menagerie wurde gerettet.

~ Die Hungersnot in Tripolis. Eine furcht­bare Hungersnot wütet unter der Bevölkerung von Tripolis und dezimiett sie in manchen Gegenden. Der Bezitt Orfele ist nahezu ent­völkert.

— Eine Nachricht von Richter. Aus Sa- l o n ik i wird gemeldet, die Behörden von Mo- nastir hätten ein Schreiben vom Geologen Rich­ter erhalten, wottn dieser erklätt, daß er sich wohlbesinde, daß die Bande aber Lösegeld for­dere. Richter erfucht angeblich, das Löfegeld rafchest zu erlegen, damit ihn die Bande frei­lasse. Einzelheiten fehlen noch.

Sos Neueste aus Gaffel

Psmgstwetter.

Aus eines Wettermachers Werkstatt.

Zu Pfingsten werden wir schönes Wetter haben, wenn wir. . . ordentlich zahlen wollen; und zwar sind diese Zahlungen an den be­kannten „Wettermacher* und Elekttotechniker Rnchard Rodttan in Berlin zu richten. Herr Rodrian verspricht nämlich in einem Rund- schreiben, daß er kraft seiner Befähigung, das Wetter zu beeinflussen, für die Pfingsttage „schönes, warmes, vielfach bis ganz heiteres Wetter (wörtlich!), ganz ohne Regen oder nur mit Regen unter einem halben Millimeter* herstell-n werde, wenn er bis zum 30. Mai eine

Gine moderne Tragödie.

Pariser Kientopp-Geschichten.

(Von unserem Korrespondenten.)

$ Paris, 28. Mai.

Eines von den kleinen Lustspielen des Lebens, die oft unterhaltsamer sind, als die der Bühne: George? Clermont war seit kurzem glücklich verheirattt, als vor eini­gen Tagen seine Frau durch ein Telegramm an das Krankenlager ihrer Mutter gerufen wurde. Er hatte die Gattin zur Bahn ge­kettet und ging nun seines Weges, in Be­trachtungen darüber vertieft, wie er jetzt mit feinem Keinen Gehalt doch besser auskomme als früher, da er als Junggeselle für sich allein zu sorgen hatte, und wie überhaupt die Ehe eine ganz herrliche Einrichtung sei, und feine kleine Frau so lieb, daß er schon jetzt den Augenblick sehnsüchttg erwartete, da sie zurückkehren würde. Um sich die Zeit zu ver­treiben, folgte er der fteundlichen Einladung eines Kinematographentheaters und wollte nun, halb gelangweilt, die Bllder an sich vorüberziehen lassen. Plötzlich aber fuhr er aus seinem Dahindämmern auf . . .! Er glaubte zu träumen, aber er überzeugte sich, daß es wahr war: Vor ihm auf der Bildfläche sah er eilig seine Frau herankommen, in ein Postamt gehen und einön postlagernden Brief abheben.

Sie öffnete den Bttef, las, sah nach der Uhr und stand lächelnd da, als eilig ein Mann berbeikam, sie in die Arme nahm und . . . küßte. „Wer ist das?* schtte Georges Cler­mont laut aus, und aller Augen wandten sich zu ihm hin. Der Unglücklicke aber dachte an nichts mchr, sondern stürzte hinaus, eilte nach Hause und wühlte alle Schränke und Kästen durch, um wettere Beweise von der Treulostg- kett seiner Frau zu finden. Am Morgen nach durchwachter Rächt empfing er ein Telegramm, das ihm die frühere Rückkehr seiner Frau mit- teilte. Er wußte jetzt, was er zu tun hatte: Er ging hin, kaufte einen Revolver, lud ihn und kehtte zurück. Am Abend kam die Frau. „Aber warum warst du nicht an der Station, was ist denn los, dn siehst ja ganz krank aus, was fehlt Mr denn?* Wie sie nun anscheinend

ahnungslos und ganz vergnügt zu ihm trat, verlor Georges Clermont die Fassung. Er schrie ihr ins Gesicht, was er im Bilde ge­sehen. Sie sah ihn nur groß an und hauchte: „Georges . . .* und ein leichtes Lächeln spielte um ihre Lippen. Georges übermannte die Wut, er zog den Revolver und schoß.

Die Kugel ging durch die offene Tür und zerschmettette mit lautem Krachen die Flur­lampe. Die Leute im Hause stürzten herbei. Georges Clermont, der nach der Tat erschöpft auf einen Stuhl gesunken war, wurde zur Polizei gebracht. Als er dott seine Geschichte erzählte, bat Madame Clermont um eine kurze Unterredung unter vier Augen mit dem Polizeikommissar. Am nächsten Morgen wurde der Attentäter unter polizeilicher Bedeckung mit seiner Frau zusammen nach Vincennes hinausgebracht, wo man ihn in eine Art gro­ßes Atelier führte. Es waren viele Leute da, die Madame Clermont fteundschastlich be­grüßten. Ein kleiner dicker Mann rief sie: I Madame, Sie sind an der Reihe, und Sie, Jean, kommen Sie schnell her!* Georges Cler­mont staunte: Das war ja der Mann, der seine Fran vor dem Postamt geküßt hatte! Die beiden Polizisten hielten ihn fest an der Hand. „Run bitte,* sagte der kleine Mann, und Clermont sah gemalt ein Cafe und davor Tisch und Stühle, auf denen Madame Cler­mont und der jung« Mann Platz nahmen, und ...eine neue Szene began! Jetzt begriff Georges: „Der Kinemato- g r a p h hat unser Einkommen in den letzten drei Monaten verdoppelt,* sagte Madame Clermont sanft zu ihrem Manne. Anklage wegen Bedrohung ihres Lebens erhob sie nicht, und so konnten beide Arm in Arm wie­der nach Hause gehen, Georges mit Tränen der Rührung in den Augen ... B. W.

Kleines Feuilleton.

tQs Tas zweite Storm-Gastspiel im Hof­theater. Fräulein Storm vom Stadttheater Erfurt absolviette in der gestrigen Aufführung der „Minna von Barnhelm* im Casseler Hof­theater ihr zweites Engagements-Gastfpiel als Franziska. Der Gast bewies auch in dieser Partie reckt aniebnlickes Können, dock fcheint

es, daß Fräulein Storm der stärkern Ge­staltungskraft ermangelt und ihre eigentliche Force mehr in der Kleinmalerei liegt. So fympathifch ihr Spiel auch berühtt: Tempe­ramentgewalt ist nicht das Fundament ihrer Kunst und deshalb erfcheints auch stag- lich, ob Fräulein Storm in der Lage fein wird, uns Fräulein Groa zu ersetzen. Es soll damit nicht gefügt fein, daß die Künstlerein aller Vor­aussetzungen ermangelt, die für ein Engage­ment an uttfter Hosbühne in Frage kommen, aber es muß darauf hingewiesen werden, daß Fräulein Storm (so reizend und überzeugend auch ihre Käthe in „Alt-Heidelberg* war) noch wesentlicher darstellerischer Erstarkung be­darf, um Ausgaben, die an das künstlerische Vermögen hohe Anforderungen beftiedigend lösen zu können. Die übrigen Par­tien der gestrigen Lessing-Aufführung lagen in bewährten Händen: Herr Alberti als Tell- heim, Frau Bayrhammer als Minna, Herr Jürgensen als Just, Herr Bohnse als Wachtmeister Werner und Herr Berend als Wirt boten in Spiel und Maske ausge­zeichnete Leistungen; bei Frau Bayrhammer hätte man allerdings etwas mehr Belebung der Darstellung wünscken dürfen, was ihrer „Minna* sicher zum Vorteil gereicht haben würde. -an.

Ein achttägiges Gastspiel Vogelstrom? Der hier bestens bekannte Opernsänger Vogel­strom vom Großherzoglichen Hoftheater in Mannheim soll, wie wir erfahren, im A u g u st während der Anwesenheit des Kaiserpaares auf Wilhelmshöhe im Casseler Hoftheater ein neues achttägiges Gastspiel absolvieren. Vogel- strom soll dann auch bei dem ersten Abonne- mentskonzett Mitwirken.

-'V Ein Römerlager in Westfalen? Bei der Aussuchung des Lippe-Ueberganges und des Zusahttsweges zum Oberandener Legionslager fand in diesen Tagen die Ausgrabungsgleitung am linken Lippe-Ufer bei Luhnen ein größeres Uferkastell. Die sofott vorgenommenen Aufdeckungsarbeiten werden bald näheres er­geben. Wahrscheinlich handelt es sich um ein Römerlager.

Die „Rosenlavalier"-Enttäuschung. Der „Rosenkavalier* von Richard Strauß hat nun auch in die Budapester Hofoper feinen Einzug gehalten, aber auf das dortige Publi­

kum keine große Wirkung geübt, viel­mehr eine kühle Aufnahme gefunden. Auch die Presse, die magharifche fowohl wie die beut» icke, verhält sich in ihrer überwiegenden Mehr­zahl ablehnend und nennt das Werk eine „schwache Leistung*.

Unbekannte Briese von Gluck. In Wien wurde eine interessante musikgeschichtliche Ent­deckung gemacht: Der Anttquar Rcmschburg fand fiebenundachtzig bisher unbekannte Brie­se des Komponisten Gluck aus der be­deutendsten Epoche seiner Wirksamkeit. Bisher waren überhaupt nur wenige, ganz vereinzelte Brief« von Gluck bekannt geworden. Die neu aufgefundenen Briefe sind alle an den Sekretär des österreichischen Gefandten in Paris, Krut- hofer, gerichtet und umfassen die Jahre 1775 bis 1783.

Ein Grabdenkmal für Joses Kainz. Während ein Komitee, zu dem die angesehen­sten Schriftsteller und Künstler Wiens gehören, sich bemüht, Spenden für ein Kainz-Denk- mal zusammenzubringen, hat die Witwe des Künstlers in aller Stille am Grabe ihres Gat­ten auf dem Grinzinger Friedhof ein Denkmal aufstellen laffen. Das Denkmal ist in Blockform, ein Konglomerat von Felsstücken, die durch Möttel roh verbunden sind. In den Seiten ist eine fchwarze Marmottafel eingefügt, auf der der Raute des Künstlers, fowie sein Ge- bütts- und Sterbetag verzeichnet sind.

-cu Kleine Chronik. Das int letzten Casse­ler Jugendkonzert von ca. vierzig Vio­linisten mit großem Erfolg zum Vortrag ge- brachte „A i r* von Heinrich Stein ist tot Ver­lage von Walter Simon, hier, erschienen. Die Komposition kostet für Violine 1 Matt. — Fritz Mauthner hat die Organifation und Heraus­gabe einer großangelegten Bibliothek bet Philosophen übernommen. Das Gesamt- wett soll weit über hunbett Bände erhalten unb bi« einzelnen Bänbe werden von Fachge- lehrten ediert werden. Die Publikation er» scheint im Verlag von Georg Müller, Müncken. — Die geschätzte Casseler Pianistin, Frl. Alma R u d l o s f, erzielte in dem dieser Tage in Ems stattgehabten Künstler-Konzert einen großen Erfolg. Die Emser Preffe rühmt an der Künstlerin „die Klarheit und Reinheit de Spiels und die feine künstlerische Auffassung*,