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vLirmmer 149.

1. Jahrgang.

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Fernsprecher 951 tmb 952.

Mittwoch, den 31. Mai 1911

Fernsprecher 951 und 952*

Madame Thirion.

««ch -in gesellschaftliches Problem.

In der Kölner Spionage-Affäre (die dort, wo's galt, weit mehr Staub auf­gewirbelt hat, als die profane Öffentlichkeit ahnen konnte) bereitet sich der letzte Akt Vor, und die Sechsundzwanzigjährige, die seit zwei Monden im Untersuchungsgefängnis ihres Schicksals harrt, wird angesichts der Planmä­ßigkeit ihrer Kundschaftertätigkeit strenge Rich­ter zu erwarten haben. Es darf nach den Er­gebnissen der Untersuchung als festgestellt er­achtet werden, daß Madame Thirion, die sich auf deutscher Erde recht und schlecht als Sprachlehrerin durch's Leben schlug, den Zau­ber ihrer gesellschaftlichen Talente und die stark gereiften Reize ihrer nahe dreißigjährigen Schöne in raffinierter Weise dazu benutzt hat, Beziehungen anzuknüpfen, die sie später ge­schickt für ihre Spionage-Zwecke zu Verwenden Verstand. Der Trick ist sicher nicht neu, nicht mal originell, und man wird der kleinen Fran­zösin, die mit so Viel Charme zu wirken Ver­stand, daß sich die Kölner haute volee förmlich darum riß, dieinteressante Dame- am gast­lichen Tisch zu sehen, zum mindesten mildernde Umstände zubilligen müssen, denn es ist ihr offensichtlich allzu leicht gemacht worden, die Teutonen am Rhein zu bestricken. Eine Sprach­lehrerin gewissermaßen im Mittelpunkt des ge­sellschaftlichen Lebens einer Stadt, die sich zu dengroßen- zählt, und deren soziale Kasten- Jornt sich durch besondre Schroffheit auszeich­net: Das ist das einzig Seltsame an der Ge­schichte, und hier offenbart sich auch (die deutsch-psychologische Regel!) des Rätsels all­tägliche Lösung.

Madame Thirions Wiege stand an der Marne, ihre pikante Schönheit o-rSörpert den rassigen Typ der temperämenjvoüen Französin in jener dunkel-glühenden Tönung, die dem Germanen so gcsährlich werden kann, und um ihre bald dreißig Lenze spielte der seltsam-be­rückende Hauch des Märchenlands Exotia, der selbst in der Vorstellung nordischer Nüchtern­heit den ganzen Zauber einer andern (nur ge­ahnten, nie gekannten) Welt in den grellsten Farben ungezügelter Phantasie wach werden läßt. Die immer geschäftige Fama tat das ihre, u« das Bildchen auch mit dem Nimbus der Dornröschen-Romantik zu umspinnen: Hinter der asketisch-einfachen Sprachlehrerin, die ihren pädagogischen Pflichten mit rühmlichem Eifer oblag, und in aufreibender Tätigkeit stolz und trutzig um ihr Brot warb, barg sich in der Verklärung romantischer Dichtung eine Nichte des französischen Ministerpräsidenten, eine Art verwunschne Prinzessin, die vom Strom des Lebens aus dem Glanz eines millionenglitzern­den Vaterhauses hinaus in die Fremde getra­gen wurde, um hier, em Gestade des Rheins dem Kampf um» Dasein selbst die Krone ab- ,uringen. Ein freies, stolzes Weib, das in die Frohnde des Arbeiterwerbs ging, um der Seele und des Herzens Unabhängigkeit zu wahren. Ein ganzer Roman also, der seine feinsinnige Illustration in dem herb-weltschmerzlichen Zug fand, den sorglichere Beobachter und heimliche Bewundrer in Madame ThirionS reizend­harmonischem Mienenspiel entdeckt haben woll­ten. Bedurfte es mehr, um aus der Einfalt und Ehrlichkeit deutscher Herzen die Sympa­thie für diese stolze Märtyrerin freien Frauen­tums riesengroß emporwachsen zu lassen? Ge­boten nicht Schicksal, Wiege und Sippe der Verbannten- innige Anteilnahme und mensch­liches Vertrauen?

Wäre Madame Thirion vom Spree- wald oder aus dem Westfalenland zum Rhein gekommen: Keine Seele würde um sie gebangt, keine schützende Hand ihr den Weg zum Ziel gebahnt haben, und selbst das Ideal germanischer Schönheit und das tränen­reichste Fama-Märchen würden nicht imstande gewesen sein, der broterwerbenden kleinen Sprachlehrerin die Pforten desHigh lif«- zu öffnen. Wir Deutsche sind (trotzdem man bei uns der Dichter und Denker Heimat sucht) im Alltag des Lebens ein rechtschaffen nüchternes Volk, das durch des Daseins harten Zwang und die ehernen Forderungen internationalen Wettbewerbs auf wirtschaftlichem und politi­schem Gebiet aus der traumfrohen Romantik vergangner Zeiten aufgepeitscht worden ist und inzwischen gelernt hat, dem kategorischen Im­perativ des natürlichen Entwicklunggesetzes Rechnung zu tragen. Aber man merkt doch, daß der Umwandlungsprozeß noch nicht voll­endet, daß unsrer Art, unsinternational- zu gebärden, noch mancherlei Unbeholfenheiten

und Schwächen anhaften, und daß wir's immer noch nicht gelernt haben, den starken Wertge­halt germanischer Art nach Gebühr zu schätzen. Der Fall der Madame Thirion be- weist's: Die Französin, vorteilhaft garniert mit körperlichen und intellektuellen Reizen, umwo­ben vom Nimbus rührseligen Schicksalmärchens und verklärt vom Heimweh der Minister-Nichte, reißt mit ihren kleinen Händchen rasch und ohne Widerstand die Schranken nieder, mit de­nen unsre sogenanntegesellschaftliche Ord­nung- des Parkett deutscher Lebensaristokratie umhürdet und wird, am Ziel, nicht etwa als Eindringling beargwöhnt, sondern als Gleiche unter Gleichen begrüßt, alspikante Attrak­tion- gefeiert. Erobert Herzen und Sympa­thien, spinnt Intrigen und Kabalen und er­reicht auf diesem nicht ganz ungewöhnlichen Weg, was sie erstrebte: Die Warte, von der aus sie ihre Werk beginnen kann.

Eine Kreolin oder Andalusierin hätt'S auch vermocht, vorausgesetzt, daß im Gelispel des Gesellschaftklatsches ihr Onkel ebenfalls als Ministerpräsident, oder doch mindestens als Offizial-Funktionär erkennbar geworden wäre, und um ihren Rosenmund derselbewelt­schmerzliche Zug- sein Zauberspiel getrieben hätte, den unsre rheinischen Auguren an Ma­dame Thirion so oft bewundet haben. Eine deutsche Frau dagegen, und hätte sie selbst die Venus in den Schatten gestellt und über eine Vergangenheit grübeln dürfen, die gänz­lich im Zeichen derblauen Blume der Roman­tik- stand: Eine deutsche Frau würde in Madame Thirions Rolle dengesellschaftlichen Wall- nie bezwungen haben, den die Franzö- fu im ersten Anlauf leichfüßig übersprang. Sie würde, eine Deutsche unter Deutschen, auch dann broterwerbende Sprachlehrerin geblie­ben sein, wenn ihr Geist und ihr Temperament göttliche Funken gesprüht hätten. Es ist das Erbübel germanischer Art, das wir, die natür­liche Einfachheit deutschen Wesens unterschät­zend, das Fremde kindlich überwerten und in allem, das den Zauber (oder auch das Brandmal) des Exotischen offenbart, höhere und idealere Wesensart erblicken, der sich deutsche Bescheidenheit (um es milde auszu­drücken!) willig unterordnet. So war's von altersher: Als vor vierzig Jahren die von deutscher Heldenkrast niedcrgerungnen Franzo­sen als Gefangne ins Germanenland trans­portiert wurden, feierte man die disziplinlose gallische Soldateska wie entthronte Götter; während die nationale Presse im Vaterland derDenker und Dichter- als dieDomäne entlaufner Gymnasiasten- zensiert wird, ehrt man den Barnum-Bailey-Reporter des Aus­lands alskommandierenden General-, und während man Hierzuland geneigt ist, die Sprachlehrerin deutscher Zunge und deut­schen Bluts dem Gesinde zuzuzählen, feiert die Abenteurerin von der Marne in den Salons unsrer Gesellschaft Triumphe. Wann werden wir (endlich!) zum Bewußtsein nationaler Würde reifen . . .? F. H.

Prinz Joachims Unfall.

Bei der Uebung derKaiser-Brigade". (Eigene Drahtmeldungen.)

Wie wir gestern schon kurz gemeldet haben, erlitt der jüngste Sohn des Kaisers, Prinz Joachim von Preußen, bei den gestri­gen Truppenübungen auf dem Truppen­übungsplatz Döberitz einen Unfall, der indessen glücklicherweise nur leichter Natur gewesen ist, immerhin aber den Prinzen für einige Tage ans Zimmer fesselt, da sich bei dem Sturz ein Bluterguß ins rechte Knie eingestellt hat, dessen Heilung einige Zeit in Anspruch nimmt. Ueber die Ursachen des Unfalls be­richtet uns ein Privattelegramm aus

** Berlin, 30. Mai.

Der Kaiser besichtigte gestern, wie in allen Jahren am neunundzwanzigsten Mai, auf dem Döberitzer Truppenübungsplatz die sogenannte Kaiser-Brigade, die er seinerzeit als Prinz kommandierte und später als Kronprinz im Charlottenburger Schloß­park dem erkrankten Kaiser Friedrich vorführte. An die gestrige Besichtigung schloß sich eine G e- fechtsübung an, zu der das erste Garde- regiment zu Fuß aus Potsdam befohlen wurde, um den markierten Feind darzustellen. Prinz Joachim von Preußen, der der ersten Leibkompagnie des Garderegiments zu­geteilt ist, führte den ersten Zug der ersten Kom­pagnie. Während des Gefechtsexerzierens ging die Kompagnie im Laufschritt über das Feld. Als die Kompagnie die Seebrücker Fichte er­reichte, stürzte der Prinz plötzlich zu Bo­

den. In seinem Zuge herrschte einen Augen­blick Bestürzung, denn der Prinz vermochte sich nicht mehr zu erheben. Er war beim Laufen in ein E r d l o ch, das durch Kaninchen aufge­wühlt und durch Gras verdeckt war, getreten und dabei zu Fall gekommen. Die Sanitäts­offiziere, die zu der Uebung kommandiert wa­ren, leisteten dem Prinzen die erste Hülse, und eine Untersuchung des rechten Knies, in dem der Prinz heftige Schmerzen verspürte, ergab, daß infolge des Sturzes ein leichterBlut- e r g u ß ins rechte Knie eingetreten war. Prinz Joachim wurde im Automobil nach Potsdam gebracht, wo er sich zurzeit in ärztlicher Be­handlung befindet. Die Heilung des verletzten Knies dürfte etwa zehn Tage in Anspruch nehmen.

zwei Asenbahnkatastrophen.

Sambowitz und Burlington.

(Eigene Drahtmeldungen.)

Aus Indianola in Nebraska kommt die Kunde von einem furchtbaren Eisen­bahnunglück, das sich bei Burlington-Road ereignete und wobei zwölf Personen getötet und viele andere schwer verwundet wurden. Die Dampfrohre platzten und viele der unglücklichen Passagiere wurden durch den ausweichenden Dampf entsetzlich verbrüht. Das Unglück ent­stand infolge falscher Weichenstellung, wodurch ein Expreßzug mit einem entgegenkommenden Eilgutzug auf dasselbe Gleis dirigiert wurde. Ein Privattelegramm berichtet uns über die Katastrophe folgende Einzelheiten:

Newqork, 30. Mai.

Dar furchtbare Unglück von Burlington- Road ereignete sich gestern in der Abendstunde. Der Nebraska-Expreß hatte gerade die Station Mac Cook verlassen und befand sich in voller Fahrt, als auf demselben Gleise hinter tincT Kurve ein Eilgut-Zug der Nebraska- Bahn heranbrauste. Es war unmöglich, die Züge noch rechtzeitig zum Stehen zu bringen, trotzdem die Zugführer sofort Gegendampf ga­ben und die höchste Maschinenkraft einstellten. Der Zusammenstoß war furchtbar: Die beiden riesigen Lokomotiven bohrten sich tief ineinan­der ein und im selben Moment platzten mit fürchterlichem Krach die beiden Dampfiessel, die ganze Unglücksstätte in Rauch und Dampf ein- hüllend. Die Wagen des Expretzzuges wurden in die Höhe geschleudert und dann ineinander geschachtelt, die meisten Passagiere der ersten zwei Wagen zwischen die splitternden Holz- und Eisenteile einklemmend. Bisher sind zwölf Leicken aus den Trümmern geborgen worden; c» ist aber sicher, daß weit mehr Personen ver­unglückt sind und noch tot unter den Trümmern liegen. Die Zahl der Schwerverletzten wird mit fünfzig angegeben, doch scheint auch diese Ziffer zu niedrig gegriffen, da der Expretzzug in allen Abteilen stark besetzt war. Der Loko­motivführer und der Heizer des ExpreßzugeS befinden sich unter den Tote«: ihre Leichen wa­ren vom ausströmenden Dampf bis zur Un­kenntlichkeit verbrüht. ES ist noch nicht festge­stellt, wen die Schuld an der Katastrophe trifft. Zwei junge Frauen, deren Gatten bet dem Zusammenstoß umS Leben kamen, wurden vor den Leichen der Verunglückten aus Ver­zweiflung wahnsinnig.

Breslau, 30. Mai. (Privattele- gramm.) Gestern nachmittag entgleiste bei Sambowitz eine probefahrende Lokomotive aus Breslau auS unbekannter Ursache. Ei» Heizer wurde getötet, der Lokomottvführer, ein Werkführer und ei« Schlosser wurden schwer verletzt. Es scheint, daß falsche Weichcnstellunft die Ursache deS Unglücks ist, da die Lokomotive eifenbahnamtlich abgenommcn war und sich in durchaus fahrtüchtigem Zustand befand. Die Eisenbahnverwaltung hat über den Vorfall eine eingehende Untersuchung eingeleitet.

Kaiser und Genosie.

Ramsay Macdonald über den Kaiser.

(Von unserm Korrespondenten.)

Bekanntlich hat Kaiser Wilhelm während seiner letzten Anwesenheit in London bei dem Diner des Kriegsministers Haldane Gelegenheit gehabt, den Führer der englischen Sozialdemokraten, Ramsay Macdonald, kennen zu lerne«, und hat ihn, was allgemein aufsiel, in ein längeres Gespräch gezogen. Ein Mitarbeiter der ZeitungPublic Opinion- hat den englischen Sozialisten über den Inhalt sei­nes Gesprächs mit Kaiser Wilhelm befragt. Macdonald hat allerdings erklärt, daß er nicht berechtigt sei, über ein Privatgespräch, das er mit einem fremden Souverän gehabt habe, öffentliche Mitteilung zu macken, da er nicht

wisse, ob diese Mitteilungen erwünscht feien; dagegen hat Macdonald seine eignen Eindrücke, die er von der Unterhaltung mit dem Kaiser empfangen hat, in interessanter Weise geschil­dert. Es wird uns darüber berichtet:

tS3 London, 30. Mai.

Macdonald hat in dem Interview mit dem Berichterstatter derPublic Opinion- seine Unterredung mit dem Kaiser ausdrücklich als ein privates Gespräch bezeichnet, über das er Mitteilungen nicht machen könne. Er könne nur von dem Eindruck sprechen, den die PersönlMeit des Kaisers auf ihn gemacht habe. In erster Reihe sei ihm dabei das gute Verständnis aufgefallen, das der Kaiser auch den Anschauungen entgegenbringe, die sei­ner eigenen Ansicht entgegengesetzt seien. Wenn er (bemerkte Macdonald) auch die anderen An­sichten nicht teilt und nicht billigt, so steht er ihnen doch nicht mit leidenschaftlichem und ver­ständnislosem Haß gegenüber, sondern er sucht sie durch Tatsachenmaterial zu wider- legen. Da er über dir sozialen Verhältnisse, besonders der unteren Stände, sehr gut unter­richtet ist, so sind seine Gegengründe durchaus sachlich, wenn auch natürlich ein überzeugter Sozialist sie nicht für stichhaltig wird erachten können. Man bekommt aber die Ueberzeugung, daß der Kaiser sich aufrichtig bemüht, die Ursachen für die Enfftehung aller politische« Anschauungen zu erkennen und menschlich zu begreifen. Der Kaiser achtet den ehr­lichen Gegner ebenso wie den Freund. Diese ritterliche Art ist der erste Eindruck, den man erhält. Er suchte sich auch über die eng­lischen sozialen Verhältnisse durch eingehende Fragen zu unterrichten. In zweiter Reihe fällt der tiefe, sittliche Ernst auf, mit dem der Kaiser seinen Herrscherberuf erfaßt: Er fühlt sich durchaus für jede einzelne Handlung, die er unternimmt, selbst verant­wortlich. Diese Verantwortung der eignen Person gegenüber wird bei vielen Menschen sehr billig und leicht erträglich fein, da die meisten an der eignen Verantwortung nicht ge­rade schwer tragen. Bei dem Deutschen Kaiser aber hat man durchaus die Empfindung, daß keine Verantwortung ihn so sehr binden würde, wie die Verantwortung vor sich selbst

Der ©reis aus dem Thron*

Teilung österreichischer Regierungsgeschäfte?

(Privat-Telegram m.)

Das in Wien erscheinende flavischeTage­blatt-, das zur tschechischen Feudalaristokratie (der bekanntlich auch die Herzogin von Hohenberg, die Gemahlin des Erzherzog- Thronfolgers angehört) sehr gute Beziehungen unterhält, bringt heute folgende Mitteilung über den Gesundheitszustand KaiserFranz Josefs und über eine Art Aufteilung der Regierungsgeschäfte zwischen dem greisen Kaiser und dem Erzherzog-Thron­folger, die man jedoch mit einiger Vorsicht auf­nehmen muß. ES heißt dort unter anderm:

Rach unfern verläßlichen Informationen scheint die Krankheit deS Kaisers ttotz der seit zwei Tagen erkennbaren scheinbaren Besserung als sehr ernst. Der Monarch wird gezwungen sein, sich auf dringenden ärzt­lichen Rat von allen RegierungSgeschäften fern zu halten, die dem Thronfolger übertra- gen werden sollen. Der Kaiser wird fortan nur die staatsrechtlich unumgänglich notwen­digen formalen Akte vollziehen. Damit sind auch die Abdankungsgerüchte in Verbindung zu bringen, die in den letzten Tage« in äußerst ernsten Kreisen aufgetaucht sind.

In einer Kommentierung dieser Mittei­lungen schreibt das Blatt dann weiter: Sehr lebhaft wird heute der Umstand besprochen, daß Professor Neusser, entgegen den offi­ziösen Nachrichten, bis zum nächsten Morgen beim Kaiser verblieb und daß zwischen ihm und den Leibyrzt eingehende Besprechungen stattgefunden haben, auf welches Matz die Ar­beit des Monarchen im Interesse seines Ge­sundheitszustandes unbedingt eingeschränkt werden müsse. Professor Neußer soll mit aller Entschiedenheit die Notwendigkeit vollständiger körperlicher Ruhe und die Verminderung der geistigen Anstrengung betont haben.

Wien, 30. Mai. (Telegramm un­ser s Korrespondenten.) Von durchaus zuverlässiger Seite werden mir die beunruhi­genden Meldungen über eine neuerliche un­günstige Wendung im Befinden Kaiser Franz Josefs bestätigt. Es trifft auch zu, daß mit Rücksicht auf den unbefriedigenden Ge­sundheitszustand des Kaisers eine Beschrän­kung der Regicrungstätigkeit des Monarchen und die Uebertraauna eines «rotzen Teils der