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Nummer 148. Jahrgang.

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Dienstag, den 30. Mai 1911.

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Morgendämmern?

DerKanzler mit der glücklichen Hand"?

Es scheint doch noch Wunder zu geben, und eins der seltsamsten Wunder, die uns in einer Zeit nüchterner Weltbetrachtung über­raschen, ist unbedingt die jähe Wandlung der Stimmung in der Schätzung eines Mannes, den man bisher (mit mehr Schroffheit als Be­rechtigung) den Kanzler des sogenannten schwarz-blauen Blocks" nannte: Theobald von Bethmann Hollweg! Wir wiesen dieser Tage schon in unferm Leitartikel: Maien-Zauber" darauf hin, daß der neue Kurs der Wilhelmstraße sichtbar energisch auf Taten hinsteuere, nachdem länger als ein Jahr der Wille zur Tat kaum erkennbar gewesen. Die Einscheuerung der Reichsland-Verfassung und die Regierungstaktik in der Behandlung der Reichsversicherungsordnung haben den fünften Kanzler in einer ganz neuen, Vorteil­haftern Rolle gezeigt, haben eine Energie of­fenbart, die bisher selbst Optimisten nicht Hin­termPhilosophen der Wilhelmstraße" ver­mutet hatten, und es ist darum nur billig, daß die öffentliche Meinung diesem Umschwung gebührend. Rechnung trägt, und dem Kanzler die Anerkennung rechtschaffner und zielklarer Arbeit zollt. Daß dasWunder" so über Nacht gekommen, hat indeffen die Begriffe ein wenig verwirrt, denn wenn man die Preßäußerungen der letzten beiden Tage mit denjenigen ver­gleicht, die noch zum Beginn der letzten Woche durch den Blätterwald rauschten, könnte man wähnen, Herr von Bethmann Hollweg habe zwischen Montag und Sonnabend denalten Theobald-Adam" ausgezogen, und sei, geläu­tert durch manch herbe Erfahrung, zur Zeit der Maien held-gewandelt aus dem Wunderbron­nen der Verjüngung aufgestiegen:Bethmann im Glück",Der Kanzler mit der glücklichen Hand",Morgenrot nach Sturm und Wetter?", Der Bezwinger der Rechten" und so ähnlich lauten die Ehrenmarken der neusten, unterm Maiensonnenschein der Bewundrung gebornen Leitartikel, und Herr von Bethmann Hollweg darf mit vergnüglichem Schmunzeln konstatie­ren, daß er (zum erstenmal seit seinem Ein­zug ins Kanzlerhaus) einegute Presse" hat. Es würde indeffen übereilt sein, das im ersten Regen der Freude Herausgefprudelte nun auch vorbehaltlos als bare Münze zu nehmen und etwa der Hoffnung Raum zu geben, daß nun, seit dem stebennndzwanzigsten Maientag, das Gewesne begraben, die alt-traditionelle Regie- mngspolitik geächtet und aus der einen Tat schon derZug nach links" zu folgern sei, den, abseits von Heydebrand und Spahn, die um das Volkwohl sich Sorgenden als des Tages Forderung proklamieren.

Nüchtern betrachtet, und ohne Rüh­rung im Herzen nach dem politischen Wertgehalt geschätzt, ergibt sich aus der Summe der Kanzlertaten dieser Tage folgen­des positive Fazit: Herr von Bethmann Holl­weg hat (zum erstenmal seit dem Werden seiner Kanzlerschaft) die von ihm bisher bevor­zugte parlamentarische Mehrheit gemieden, um ein Werk zu vollenden, von dem er schon im Beginn wußte, daß es in der gedachten Form niemals die Billigung konservativer Politik finden werde. Er hat also, als kluger Taktiker, Klippen umschifft, die ihm beim Zusammenstoß hätten verhängnisvoll werden können; genau so verhängnisvoll, wie dem weniger sorglichen Vorgänger, der trotz der Klippen den Kurs zradaus richtete. Daß sich aus der Behandlung des Reichsland-Problems für die konservative Partei Anlaß zum Unmut ergeben hat, ist klar; ist's umsomehr, als gleichzeitig auch das Zen­trum, bisher der Rechten engverbündet, in die­ser wichtigen Frage zum Gegner überging und damit die Isolierung der um Heydebrand Ge­scharten zur vollendeten Tatsache machte. Um es kurz zu sagen: Herr von Bethmann Hollweg hat sich einmal in einer andernParlaments rischen Bekleidung" gezeigt, und er hat damit selbst den Zweiflern bewiesen, daß er sich stark genug fühlt, um im Fall der Rot auch ein­mal ohne dietraditionelle" Mehrheit regieren zu können. Dieser Beweis ist (niemand wird's bezweifeln) nützlich: Er stärkt die Achtung vorm Kanzler, kräftigt die Zuversicht zur Selbstän­digkeit und Sicherheit der Regierung und räumt auf dem Weg zur nahen Wahlurne einen Stein vorn Pfad, an dem sich bis zumTag von Philippi" noch manch Fuß gestoßen haben würde. Das ist aber auch alles, und die Leute, die angesichts dieser Tatsachen schon im Ueberschwang der Gefühle von einerneuen Aera" Betbmannfcher Politik fabulieren, ver

geffen, daß auch ein Kanzler eine Marsch­route hat und sich nicht zwischen heut und morgen aus allen Banden derTradition" und dergottgewollten Abhängigkeiten" lösen kann. Der Ueberschwang tut niemals gut, und grobe hier, wo ein Wunder geschehen, sollte man tapfer sein und des Optimismus' Wahngebild nicht als nahes Ziel vorm Auge wähnen. Das Erreichte in Ehren, und nach Verdienst gern und froh gewertet, aber kein irrlichterndes Hoffen in einer Zeit, die ernste Rüstung zum nahenden Kampf heischt. Wir sagten schon: Unterm Hauch der Maien schießt nicht nur der Spargel, sondern auch die Hoffnung hoch ins Kraut, aber der Mai geht nun bald zu Ende, und es wird Zeit, sich von seinem Zauber frei­zumachen! In diesem Sinne ist

eine Rede Baffermanns von Interesse, die der nationalliberale Führer, am gestrigen Sonntag auf dem Parteitag der nationalliberalen Partei der Rheinprovinz in Saarbrücken gehalten hat, und in der er die Vorgänge der letzten Parlamentwochen mit einigen charakteristischen Randbemerkungen versah. Ein Telegramm unsers Kor­respondenten berichtet uns darüber fol­gende Einzelheiten:

Saarbrücken, 29. Mai.

Auf dem gestern hier abgehaltenen Partei­tag ' -r nationalliberalen Partei der Rheinpro­vinz hielt der Abgeordnete Bassermann in der öffentlichen Hauptversammlung eine Rede über die politische Lage im Reich. Seiner Ansicht nach sind die von der Finanzre­form geschlagenen Wunden noch nicht vernarbt und in ihrem Zeichen würden sich auch (so meint Bassermann) die kommenden Reichs­tagswahlen abspielen. Bei der Erledi­gung der elsaß-lothringischen Verfasiungssrage begrüßte er, daß die Sozialdemokratie trotz schwerer Bedenken für das Gesetz ge­stimmt habe. Das sei eine sehr bedeutsame und begrüßenswerte Erscheinung, insbeson­dere, wenn man überlege, was in zwanzig oder fünfzig Jahren in Deutschland sein werde. Auch in der Frage des schwedischen Handelsvertrags und des japanischen Handelsabkommens wür­den die Sozialdemokraten auf Seiten der Regierung stehen, während die Rechte sich noch sehr ablehnend verhalte. Es sei gewisser- maeit eine' Komik der Weltgeschichte, daß der Nachfolger Bülows, den die Konservativen ge­stürzt hätten, weil er ein neues Wahlrecht in Preußen schaffen wollte, jetzt Elsaß-Lothringen sogar das R e i chs t a g s w a h l r e ch t gegeben habe. Alle vertraulichen Besprechungen über die Verfassungsfrage hätten unter Ausschluß der Konservativen und unter Hinzu­ziehung der Sozialdemokraten stattgefunden. Er (Bassermann) sei übrigens zeitlebens davon überzeugt gewesen, daß die ganze Zukunft Deutschlands auf der preußi­schen Monarchie beruhe. Redner nannte die Reichsversicherungsordnung unbefriedigend und forderte zum Protest gegen die in der Hauptsache noch zu erledigende Reform der Telephon­gebühren auf. Wenn in der Presse das Gerücht aufgetaudft fei, die nationalliberale Partei werde hier oder dort bet den kommen­den Reichstagswahlen im ersten Wahlgang oder in der Stichwahl irgend ein Bündnis mit dem Zentrum abfchließen, so fei dies durchaus unwahr. Mit dem Zenttum könne die nationalliberale Wahlpartei unter fei­nen Umständen paktieren. Aus politi­schen Gründen sei dagegen ein gemeinsa­mes Vorgehen mit den Freisinni­gen notwendig; ein solches Bündnis sei schon durch die gegenwärtige politische Lage bedingt, und es bestehe auch die Hoffnung, daß es zu- standekommen werde.

Charakteristisch an den Auslassungen Bassermanns ist vor allem die Ab­lehnung eines Bündnisses mit dem Zentrum und im Gegensatz dazu die Be­tonung der Notwendigkekit des liberalen Zusammenschlusses. Tas bekräfttgt gewisser­maßen den in der Hitze der letzten Parlament­gefechte im Reichstag gefallenen Ausspruch, daß der Exodus des Zentrums aus dem alten Blockhaus anläßlich der Erledigung der Reichs- land-Verfaffung keine endgiltige Trennung, sondern nur eine vorübergehende Ehe- Irrung bedeute. Im übrigen klingt auch durch Bassermanns Rede hinsichflich derneuen Aera" ein stark pessimistischer Zug, und fein Hinweis auf die kommenden Reichstagswah­len, die noch von den Unheilschatten der Fi­nanzreform verdüstert fein würden, ist beut« 'lieb genug. Die Würdigung bet sorialdeino-

kratischen Mitarbeit ist ebenfalls recht charakte­ristisch unb bars (mehr fast, als die Tatsache an sich) zu denken geben. Es bleibt nun abzu­warten, was aus der Saatarbeit der letzten Maientage als Frucht emporsprießen wird: Schon wenn's bescheiden ist, wird man zufrie­den sein dürfen! F. H.

Berliner Sensationen.

Der Direktor desSportpalasts" verhaftet! (Eigene Drahtmeldungen.)

Einern Privattelegramm ans S er» l i n zufolge würde auf Grund eines Haft­befehls des Untersuchungsrichters am Sonn­abend nachmittag der Mitinhaber unb Direk­tor bes Sportpalastes in der Potsdamer Straße, Jakob Rothstein, genannt Jaques Rostin, verhaftet unb in bas Unter­suchungsgefängnis Moabit gebracht. Die Ver­haftung erfolgte wegen bes Verdachtes schwerer Urkundenfälschung, Betruges und Unterschla­gung. lieber die Affäre, die in Berlin großes Aussehen erregt, werden uns noch folgende Einzelheiten berichtet:

** Berlin, 29. Mai.

Es scheint, daß weniger die Affären des Sportpalastes selbst als frühere Begeben­heiten die Veranlassung zur Verhaftung des Direktors Rostin gegeben haben, denn nach den Angaben des die Untersuchung führenden Rich­ters schweben bereits feit Dezember vorigen Jahres gegen Rostin verschiedene Verfahren wegen schwerer Urkundenfälschung, Veruntreuung und Diebstahls. In diesen Affären spielen allerdings die Bezichtigungen der Ver­wandten gegeneinander eine sehr beträchtliche Rolle. Im wesentlichen stützt sich die Verhaf­tung Rosttns auf die Tatsache, daß er Aus­länder, nämlich Russe, ist und zu befürchten stand, daß er mit den Geldern des Unter­nehmens flüchten würde. Die Gläubiger, die teilweise mit recht hohen Summen bei dem Sportpalast - Unternehmen engagiert waren, setzten blindes Vertrauen in Direktor Rostin. So bekam er es fertig, für fein Institut noch in allerletzter Zeit eine Kreditwürdig­keit von einer halben Million Mark zu deflorieren, obgleich die Krise überhaupt nicht mehr zu verhindern war. Noch die letzte Bilanz, die Rostin aufstellte, wies einen Rein­gewinn von 244000 Mark auf. Trotzdem suchte Rostin beständig Geld. Das machte einige Gläubiger stutzig, und so beauftragten sie einen Anwalt, die Gesellschaftsverträge einzu­sehen und das finanzielle Gebaren Rostins zu beobachten. Einer mehrfachen Aufforderung, Rechnung abzulegen und Auskunft über feine finanziellen Verhältnisse zu geben, kam der Di­rektor nicht nach, und dieser Umstand und das Ergebnis früherer Ermittlungen gaben sodann Anlaß zu dem richterlichen Einschreiten. Der Sportpalast bleibt vorläufig geschloffen. Wie hoch die Summe ist, die als verloren gelten kann, läßt sich zurzeit noch nicht feststellen; in unterrichteten Kreisen schätzt man aber den den Gläubigern entstehenden Schaden höher als eine Million Mark.

Der Tag der Sorge.

Die gestrigen Wahlen in Portugal. (Telegraphische Meldungen.) Rach den bisher aus Lissabon einge­troffenen Meldungen sind im ganzen Lande die Wahlen ohne Ruhestörungen ver­laufen und mit geringen Ausnahmen sind die der Regierung ergebenen Kandidaten gewählt worden. Immerhin wird hervorgehoben, daß die Zahl der gewählten Sozialisten größer ist, als man noch vor wenigen Tagen annahm. Unter den Gewählten sind alle Land- und See­offiziere, die beim Sturz des Königtums eine Rolle gespielt hatten. Weitere Depeschen mel­den uns:

8 Liffabon, 29. Mai.

Ausgenommen den KreuzerAlmirante Reis" sind alle verfügbaren Kriegsschifte nach dem Norden entsandt worden. Die Gerüchte über eine Verschwörung und bevor­stehende Gegenrevolution nehmen immer größeren Umfang an. Trotz der Ver­sicherung der Regierung, daß keine ernstliche Verschwörung besteht, dauern im ganzen Lande die Verhaftungen von Zivil- und Mili­tärpersonen an. Gestern 'früh wurden drei Offiziere, darunter der frühere Marine­minister Azevedo Coutinho, wegen Teil­nahme an einer Verschwörung ausgewiesen. In Aguiar Da Beira wurden die Regierungs­kandidaten vom Volke angegriffen. Es wur­den Schüsse gewechselt, und mehrere Verwun­dungen kamen vor. lieber die monarchistischen Verschwörungen sind in Liffabon die wider­

sprechendsten Gerüchte verbreitet. So hieß es gestern, daß beim zehnten Infanterie- r e g i m e n i eine aniirepublikanische Be­wegung entdeckt worden fei. Gendarmerie mußte daraufhin die Nacht über die Kaserne des Regiments bewachen, da man einen Auf­stand der Soldaten besürchtete. Es blieb je­doch alles ruhig, lieber die von der Behörde sofort vorgenommene Untersuchung der Ange­legenheit ist noch nichts bekannt. Weiterhin verlautet, daß die Redaktionen der wenigen noch erscheinenden konservativen Blätter Mit­telpunkte der Verschwörungen sind. Die Ver­haftungen verdächtiger Personen halten in Lissabon wie in der Provinz an. Unter den Verhafteten befinden sich vielfach Angehörige des alten Adels und Geistliche. In Conte de Lima wurden in der Nacht zum Sonntag fünf­zehn Personen, darunter fünf frühere Regie­rungsbeamte, als Angehörige der Verschwörer- Partei verhaftet. Als künftiger Präsident der Republik wird ein höherer Beamter im gegenwärtigen Ministerium genannt. Die Kammer soll am neunzehnten Juni zusam- mentreten.

Vor Toresschluß.

Die Reichsversicherungsordnung im Reichstag.

Der Reichstag setzte am Sonnabend die nun schon feit Wochen im Vordergrund des po- liiifchen Jntereffes stehende Beratung der Reichsversicherungsordnung fort. Der Präsident Gras Schwerin-Löwitz teilte mit, daß er beabsichtige, falls die dritte Lesung der Reichsversicherungsordnung und die zweite Lesung des Einführungsgesetzes am Sonn­abend beendet würden, am Montag den Rest der Arbeit in zwei Sitzungen zu erledigen und bann das Haus iy die Ferien zu schicken. Der erste Redner , , , ,

Abg. Fischer (Soz.) führte aus: Die sozial­politische Zentrumsfirma hat liquidiert. Die Prokuristen Hitze und Trimborn sind ausge­schieden und ausgerechnet der junge Mann Becker-Arnsberg ist dazu ausersehen, den alten Glanz der Firma wieder herzustellen. Herr Mulden hat mit alttestamentarischer Grausam­keit

die Sünden des Zentrums gegeißelt. Nun hat zuletzt noch Herr Trimborn gesprochen, und wie: Eine fata morgana, ein Opiumrausch . . . das Erwachen wird folgen. Auffallend war, daß er mit keinem Wort auf die sozialdemokratischen Kaffenmißbräuche ein» gegangen ist. Das Zentrum hat seine Wahl­versprechen gebrochen. Der Ministerialdirektor »Caspar hat uns mit dem berüchtigten Vertrags­formular wieder in Zusammenhang gebracht. Einen Beweis hat er aber nicht einmal ver­sucht. Wenn das jemand außerhalb des Hau­ses tun würde, so würde ich sagen, das ist for­mell und materiell erlogen. (Prästdent Graf Schwerin-Löwitz rügt den Ausdruck.) Der Redner kritisiett bann die Ablehnung bet Wöch- nerlnnenfütforge als skandalös und wirft dem Zentrum Doppelzüngigkeit vor. Die Witwen» unb Waisenversorgung ist purer Schwindel. (Pfuirufe der Sozialdemokraten.) Wir stim­men gegen diefeS Ausnahmegesetz im Jntereffe der deutschen Arbeiter und in

Wahrung unsrer politischen Ehre.

Abg. Horn-Reuß (ntt.): Wenn wir uns an einer langatmigen fruchtlosen Diskussion betei­ligt hätten, wäre das Werk nur erschwett wor» den. Die Sozialdemokraten stellen ihre Anträ­ge ja nur aus parteitaktischen Rücksichten. Mit Genugtnng stelle ich fest, daß es uns gelungen ist, das Werk bis hierher zu fördern. Wären die sozialdemokratischen Wünsche erfüllt wor­den, so wäre unsere Industrie konkurrenz­unfähig und die Arbeiter damit brotlos gemacht worden. Redner geht dann auf Ein­zelheiten der Vorlage ein und bestreitet, daß der Großgrundbesitz in der Vorlage bevorzugt werde. Das neue Verfahren bringt eine we­sentliche Beschleunigung unb auch anbere Vor­teile.

Inzwischen sind die neuen Kompro- migenträge Schultz eingegangen. Hier­nach wird die Einkommensgrenze bei der Kran­kenversicherung. sowie bei den bezüglichen Be­stimmungen in der Unfallversicherung (Kran­kenhilfe in den ersten 1.3 Wochen)

von 2000 Mark auf 2500 Mark erhöht.

Im Einführungsgesetz soll bureb einen Schluß­artikel 71 b bestimmt werben, baß ber Bundes- rat im Jahre 1915 die gesetzlichen Vorschriften über die Altersgrenze dem Reichstag zur er­neuten Beschlußfassung vorzulegen hat. Dage­gen sollen die Vorschriften über die Wochen­hilfe für die Landkassen insofern eine Ein­schränkung erfahren, als die Dauer des sonst obligatorisch acht Wochen zu leistenden Wochen­geldes durch die Satzung der Landkasse auf vier Wochen verkürzt werden kann. (Der Reichskanzler erfcheint im Saale.)

Staatssekretär Dr. Delbrück: Der Kampf um die Reichsversicherungsordnung nabt fei-