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Fernsprecher 951 und 952.

Sonntag, den 28. Mai 1911.

Fernsprecher 951 und 952.

Franz Josef.

Der Achtzigjährige auf dem Thron.

Ob im Palast, ob in der Hütte: Des Er­dendaseins Schwächen und Gebrechen sind vom Menschlichen und Sterblichen nicht zu trennen und an eines Kaisers Lager tritt der Tod mit derselben Hand, die den Bettler aus der Küm­mernis sorgendüstern Seins erlöst. Seit Wo­chen hören wir (hören's mit aufrichtigem Bedauern), daß Oesterreichs Kaiser und Ungarns König, von der Last der Jahre gebeugt, der Schwäche hohen Greisen­alters nicht mehr den Widerstand entgegenzu­setzen vermöge, den man früher am Nestor unter den Fürsten Europens bewunderte. Er- scheints verwunderlich? Seit länger denn zwei Menschenaltern trägt der Sproß des Labsbur- ger-Hauses die schwere Krone der Donau-Mo- narchie, sah, wie selten ein Rcgiererder, in einem langen, schicksalreichen Leben die Wan­delbarkeit menschlichen Glücks in tragischsten Bildern, erfuhr, ein Duldender auf dem Thron, die schwersten Heimsuchungen verhängnisvollen Geschicks am eignen Herd, am eignen Blut, und lernte früh schon erkennen, daß auf der Menschheit Höhen des Lebens Pfad am dor­nenreichsten. Noch im hohen Greisenalter um­lärmt vom Geschrei der Parteien, umtobt vom Zank der Rationalitäten, ist Franz Josef, so lang er der Väter Krone trägt, stets mehr Märtyrer als Imperator von Gottes Gnaden, mehr Dulder als Beglückter gewesen, und un- term Hermelin des Kaisermantels schlägt ein Herz, dem keine Prüfung, kein Leid und keine Enttäuschung erspart geblieben. Eine Weg­strecke dieser Att, gewandelt an den steilen Ab­hängen fürstlichen Geschicks, ermattet, und dem nun Achtzigjährigen darf man die Rübe gönnen.

Aus G ö l l ö (wo der Greis im stillen Frieden der Natur, inmitten des Schönheit­zaubers eines begnadeten Erdenwinkels Er­holung von des Hofgetriebs aufregender Hast sucht) trug dieser Tage der Draht die Kunde zu uns herüber, Franz Josefs Zustand habe sich ernstlich verschlimmert, und in den Mienen der Medizinmänner sei tiefe Besorgnis zu lesen. Es hieß, der Unermüdliche, den noch als Achtzigjährigen im Dienst hoher Pflicht da§ Frührot bei der Arbeit findet, leide an Schwächeanfällen und sei wiederholt, während er der Regierung Geschäfte erledigte, einge­nickt: Ein Beweis, wie auch bei dieser einstigen Kraftnatur das Alter seine Rechte heische und dem Müden langsam die bisher mit trutziger Gebärde festgehaltnen Zügel entwinde. Offi­ziöse Eilfertigkeit war in unruhiger Hast be­müht, alle Sorgen zu zerstreuen: Es wird von drei- und mehrstündigen Spaziergängen be­richtet, die der greise Kaiser unternommen ha­ben soll, von der unverwüstlichen Frische und unverminderten Rüstigkeit des Patriarchen, und von der nie erlahmenden und nie erlahm­ten Energie, die diesen Kaiser strengster Pflicht- erfüllung im Abendschatten reich bewegten Da­seins aufrecht erhalte. Märchen, die besser erfunden und klüger geformt sein könnten, Trostsprüche, die die unwandelbaren Gesetze der Natur mit dem Mantel immergrüner Hoff­nung umkleiden und Sorgenbeschwichtigung,die man angesichts des Bilds der Wirklichkeit nur noch mit umflortem Auge zu lesen wagt. Man fühlt im Donaulande instinktiv: Das matte Le- brnsfünkchen in der Brust des greisen Kaisers ist für Oesterreich-Ungarn ein Juwel unschätz­baren Werts, und der Hauch, der dieses Fünk­chen zum Erlöschen bringt, wird im Reich der Habsburger einen Sturm entfachen, der man­ches von Dem zu entwurzeln droht, das unter Franz Josefs Greisenhand in sichrer Hut stand.

Wie sein ganzes Leben, vom Tag der Krönung des Achtzehnjährigen an, eine einzige Kette von Prüfungen, Heimsuchungen und Ent­täuschungen gewesen, so fällt auch noch ins friedliche Abendrot dieses Kaiserdafeins der Schatten des Grolls: Zwischen dem alternden Träger der Krone und dem in vollsaftiger Manneskraft starken Erben des Habsburger- Zepters bestehen Meinungsverschieden- heilen und V e r st i m m u n g e n, die nicht erst heute oder gestern aus der Entwicklung der Reichpolitik herauswuchsen, sondern ihren Ur­sprung zurückführen auf die Tage, da nach Kronprinz Rudolfs tragischem Ende Erzherzog Franz Ferdinand als nächster Anwärter auf der Väter Thron in den Bannkreis Habs- burg'scher Zukunft trat und (eine auf Willen und Tat gestimmte Natur) neben der Person des greifenden Kaisers sich eine eigne Einfluß- Sphäre schuf, deren Umkreis im Lauf der Jahre

planmäßig und tatkräftig erweitert worden ist. Das Hausgesetz beschränkt zwar auch imDonau- land den Thronerben auf die Geduld des War­tens, aber in der Wiener Hofburg, wo des Schicksals rauhe Hand so manche Lücke geriffen, konnte doch manch Kräutlein neben dem Stamm sprießen, das in der Folgezeit Blüten und Früchte trieb, und mit der zunehmenden Schwäche des Kaiser-Regiments sein Dasein sehr bemerkbar gestaltete. Die Eigenart der Hofsphäre brachte cs zudem (dort wie überall) mit sich, daß um Franz Ferdinands werdende Kraftnatur sich schon stille Hoffnungen und leifc Wünsche rangen, als Franz Josef noch mit un- geschwächter (wenn auch milder) Hand das Zepter führte. So hat sich im Lauf der Jahre, still und verborgen, aber zielklar und planbewußt, eine förmliche Thronfolger­partei gebildet,deren Hand im Reichsgeschäst der Donaumonarchie hinter den Kulissen deut­lich fühlbar wird, und deren Finger die Zügel der Regierung umso fester umspannen, je mehr sie den altersschwachen Händen Franz Josefs entgleiten.

Neben Wilhelm dem Ersten stand, als der Schnee des Alters auf sein Haupt nicderrie- selte, die Reckengesialt Bismarcks, dessen Eisenarm das Reichschiff auch im Klippenge­wirr sicher zu steuern wußte, und noch in den Sorgentagen des Unhciljahrs achtzehnhun­dertachtundachtzig, als der Erbe der neuer­kämpften Kaiserkrone in voller Manneskraft von der Tücke schleichenden Leidens aufs Sie­chenlager geworfen ward, durfte der alte Kai­ser beim Abschied von dieser Welt den Trost mit hinübernebmen in's Reich der Ewigkeit, daß überm rasch verwaisten Heldenwerk das Auge des erprobten Kanzlers auch in düstern Tagen wachen werde. Franz Josef von Oester­reich ist dieser Trost versagt geblieben: Das vom Alter gedunkelte Auge schaut rings in der Weite nur verhaltnen Groll, bereit, im Mo­ment, da des greisen Kaisers Auge sich für im­mer schließt, den unter der Leidenschaft natio­nalistischer Verhetzung zitternden Völkerkessel der Donaumonarchie zu sprengen und einen Kampf auszutragen, dessen Endwirkungen sich heut nur ahnen lassen. Und auf dem Blachfeld des Nationalitätenhaders entdeckt das suchende Auge des Achtzigjährigen keinen Recken, der, ein zweiter Bismarck, die auseinanderstreben­den Stämme mit gewaltiger Faust zu untrenn­barer Einheit zusammenzuschweißen vermöchte, keinen Arm, der in der Lage wäre, den dro­henden Sturm zu schwichtigen. Allein auf der steilen Höh' der Kaiserpflicht, ein matter Greis am Abend seiner Erdentage, schaut Franz Jo­sef zurück auf ein langes, vom Orkan des Schicksals oft zerrissnes Lebenswerk, und in der Seele des Achtzigjährigen, der stets das Beste gewollt und das Gute doch meist nur mit der Opferung des eignen Jchs zu erkaufen ver­mocht hat, mag (nach zweiundsechzig Regie­rungsjahren) die Wehmut sprechen: .Und doch, alles nur ein Traum ...! F. H.

Frankreichs neuer Kriegsminister.

General Goiran: Berteaux' Erbe.

(Eigene Drahtmeldungen.)

Paris, 27. Mai. (Telegramm unsers Korrespondenten.) Im Laufe des heutigen TageS wird das De­kret vcröffenüicht werden, durch das der General Goiran, bisher Komman­deur des sechste» Armeekorps, als Nach­folger des verunglückten Kriegsministers Berteaux zum Kriegs Minister er­nannt werden wird. Gestern abend hat eine Besprechung Goirans mit dem Mi­nisterpräsidenten Monis stattgefundcn, in der sich Goiran bereit erklärte, das Portefeuille des. Kriegs zu übernehmen. Der neue Kriegsminister gilt als her­vorragender militärischer Organisator.

Hebet die Ernennung des neuen Kriegsmi­nisters berichtet uns ein weiteres Privat- Telegramm aus Paris: Die ziemlich unerwartet gekommene Ernennung des Gene­rals G_o i r a n zum Kriegsminister wird in militärischen Kreisen überall gut gehe en, weil der Marokkofeldzug, dessen Ende einst­weilen noch nicht abzusehen ist, einen General als Kriegsminister geradezu verlangt. Goi- rarr war bisher kommandierender General des sechsten Armeekorps in Chalons sur Marne: er hat sich auf diesem Posten durch großes Orga- nisattonstalent ausgezeichnet und bisher die besten Erfolge zu verzeichnen. Der neue fran­zösische Kriegsminister ist im Gegensatz zu dem verstorbenen Berteaur nicht der Ueberzeugung, daß der Staat schon jetzt für die Flugzeuge in der Armee große Summen aukwenden müsse, er

neigt vielmehr der deutschen Ansicht zu, daß man in der Kriegsvcrwendung der Luftschiff­fahrt sehr vorsichtig zu Werke gehen müsse, um nicht unnütz Gelder zu verschleudern. Bei der Wahl dieses Kriegsministers (der übrigens in der italienischen Armee einen General znm Bruder hat) mag wohl Ministerpräsident Mo­nis von der Ueberzeugung ausgegangen sein, das die Kenntnis Marokkos Goiran sehr zustatten kommen könnten, und daß ferner des Portefeuille des Kriegs augenblicklich mehr einen Organisator und Administrator, als einen Strategen braucht. Diese Umstände und die organisatiorische Befähigung Goirans, sind of­fenbar für die Wahl ausschlaggebend gewesen.

Die Stille vorrn Sturm.

Portugal am Vorabend der Wahlen.

(Eigene Drahtmelduugen.)

Am morgigen Sonntag finden in Portugal die allgemeinen Wahlen statt, und bei der bedrohlichen Lage im Lande und der em­sigen Tätigkeit der monarchistischen Verschwö­rer-Partei ist für diesen Tag mit der Möglich­keit des Ausbruchs von Unruhen zu rechnen, da alle Anzeichen darauf hindeuten, daß die Monarchisten die Hochspannung der Wahlbewegung für ihre Zwecke auszunutzen versuchen werden. Auch die Regierung hat mit der nahen Möglichkeit eines monarchistischen Putsches gerechnet und deshalb umfassende militärische Sicherheitsmaßregeln getroffen. Ein Privattelegramm meldet uns dazu aus

8 Lissabon, 27. Mai.

Die Lage im Innern gestaltet sich nach den hier einlaufenden Depeschen immer kri­tischer. In Caminho Nowo griffen gestern mehrere hundert Monarchisten eine aus Kaval­lerie und Infanterie bestehende Militärabtei- lung an. Herbeieilende Munizipalgarde gab mehrere Schüsse auf die Monarchisten ab und es gelang ihr, diese zu zerstreuen. Eine große Anzahl Verhaftungen wurde vorgenommen. Im Norden des Landes ist es außerordentlich still. Es ist dies aber, wie es scheint, die Ruhe vor dem Sturm. Die Regierung trifft außerordentliche Vorsichts­maßregeln. Etwas Genaueres über die mili­tärischen Vorbereitungen und Maßnahmen der Regierung ist indessen nicht zu erhalten, da die Carbonari, die Mitglieder der großen Geheim­partei, die Telcgraphenlinien unter ihrer Kon­trolle halten. Zahlreiche wohlhabende Lissa­boner Familien haben Lissabon mit Rücksicht auf die bevorstehenden Ereignisse verlassen. Man sieht den morgen stattfindenden Wahlen mit größter Besorgnis entgegen, da alle An­zeichen darauf hindeuten, daß Portugal am Vorabend neuer, schwerwiegender Ereignisse steht, deren Tragweite sich heute noch nicht ab­schätzen läßt. Es gilt als sicher, daß die Mo­narchisten den Schwerpunkt ihrer Operationen in die nördlichen Provinzen verlegen werden, und die dort seit einigen Tagen herrschende Stille erscheint den Kundigen weit gefährlicher, als die Unruhe im Süden, denn sie beweist, daß die Vorbereitungen der Monarchisten zu einem entscheidenden Schlag beendet sind und jeden Augenblick eine Katastrophe eintreten kann. Es heißt, Exkönig Manuel ver­folge von Vigo aus die weitere Entwicklung der Dinge und er sei auch der eigentliche Lei­ter der Bewegung.

Die Großfürstin als Friedensengel.

Ein verhüteter Bakkankrieg?

(Eigene Drahtmeldungen.)

Depeschen aus Pettrsburg zufolge ist die russische Drohnote an die Türkei be­züglich Montenegros durch die gefährliche Zuspitzung der Lage am Balkan und insonder­heit durch die Verschärfung der Gegensätze zwischen der Türkei und Montenegro veran­laßt worden, die die Gefahr eines allgemeinen Balkankrieges in nächste Nähe rückte. Rußland habe sich verpflichtet geglaubt, diese Gefahr mit der Schnelligkeit und dem Nach­druck, die in Anbetracht der Lage als geboten erschienen, zu beseitigen. Ueber die Borge- s ch ich te der russischen Intervention berichtet uns ein Privattelegramm aus

ä3 Petersburg, 27. Mai.

Die eigentliche Veranlassung zu der russi­schen Note an die Türkei gab die G r o ß - für st in Militza, eine Tochter des Königs von Montenegro. Der hiesige montenegrini­sche Gesandte erhielt nämlich äußerst besorg­niserregende Telegramme aus Montenegro. Daraufhin hatte Großfürstin Militza eine Unterredung mit dem Zaren, der ihr versprach, sich ihres Landes anzunehmcn. Da­raufhin erschien dann die auflehenerregende

Note. Politische Kreise bettachten sie als einen Bluff. Rußland kann augenblicklich eine be­waffnete Unterstützung überhaupt nicht bieten, dazu ist die Lage im Innern des Reiches nicht genügend gefestigt. Der Kriegsminister weilt zurzeit zehntausend Kilometer von Peters­burg entfernt, also darf man wohl die Note als den Versuch eines Schreckschusses bezeichnen. Daß es indessen Rußland mit seinen Vorstellungen sehr ernst gewesen ist, beweist die Tatsache, daß die dem russischen Botschafter in Konstantinopel, Tscharhkoff, er­teilten Jnstruttionen ursprünglich noch viel schärfer lauteten, als aus der Note an die Pforte zu erkennen ist. Dieser Instruktion zufolge sollte Tscharykoff von der Pforte eine in unzweideutiger Fassung gehaltene Erklä- rung betreffs Montenegro fordern, die in­nerhalb zwei Tagen abzugeben sei. Die vom russischen Auswärtigen Amt in­spirierteNowoje Wremja" sagt in einem Leitartikel: Die Türkei hat es durch ihr Vor­gehen in Albanien und gegen Montenegro offenbar auf einen allgemeinen Bal­kan k r i e g abgesehen. Aber Rußland wird diesem unbesonnenen Vorgehen nicht ruhig zusehen. Der Schritt der russischen Regierung ist der letzte Versuch, die Türkei vor dem Verfall zu retten. Der Wechsel des Re­gimes in der Türkei und die Herrschaft der Jungtürken haben an dem alten Zustand nichts geändert. Man hat dort aus dem Um­schwung nichts gelernt und ist ebenso un­fähig, die Aufstände im Innern zu unter­drücken, wie auch nach außen Krieg zu führen.* Die russische Regierung hat übrigens alle Signatarmächte des Berliner Vettrages ein­geladen, sich an dem sowohl in Konstantinopel als in Cettnje zu unternehmenden Schritt zu beteiligen.

Die SWopische Stzhhnr.

Frauenpolitik am abessinischen Kaiserhof.

(Von unserm Korrespondenten.)

Von einem Kenner abessinischer Verhält­nisse wird uns geschrieben: Italienische Blätter lassen sich aus AddisAbeba berichten, man habe Beweise dafür gefunden, daß Ras Olie, der Bruder der Kaiserin Taitu, in Gemein­schaft mit seiner Schwester, den vor kurzem ver­storbenen Ras Tessama, den Vormund des Thronerben Ligg Jeasu vergiftet habe. Diese Meldung klingt durchaus nicht unwahr­scheinlich, denn alle Kenner Abessiniens und der Zustände am abessinischen Kaiserhofe stimmen darin überein, daß die Rolle der Kaiserin Taitu trotz aller gegenteiligen Meldungen noch lange nicht ausgespielt ist. Nach außen hin hat sie es zwar verstanden, den Glauben zu erwecken, als ob sie sich mit den bestehenden Verhältnissen abgefunden habe, und sie schien aar dem von ihr bisher bekämpften Thron- zer ihre

besondre Liebe und Sorgfalt zuzuwenden, indem sie ihn mit ihrer Groß­nichte, einer Urenkelin des frühem Kaisers Johannis, verheiratete. Im geheimen aber be­kämpfte sie die Kandidatur Ligg Jeasus mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln, wenn auch die Annahme, daß sie für die Thronfolge ihres Schwestersohns, des Ras Gugsa (der eine Tochter des Kaisers zur Frau hat) arbeite, nicht zuzutressen scheint. Was Taittl will, ist sicherlich nichts Geringeres, als sich s e l b st die Krone A e t h i o p i e n s aufs Haupt zu setzen und für diesen Plan den Schutz der Eng­länder zu gewinnen. In der Tat läßt sich heute auch nicht im Entferntesten Voraussagen, was nach dem Tode Meneliks geschieht, denn wenn der alte Kaiser auch allmählich einem sichern Ende entgegensiecht, so ist er eS doch, der heute noch die einander entgeaenarbeitcnden Interessen der verschiedenen Parteien am Hof­lager zusammenbält.

Die Bcrgangenhcit der Kaiserin scheint auch eine Gewähr dafür zu bietens daß es ihrer diplomatischen Geschicklichkeit gelingen wird, ihr Ziel zu erreichen, wenn nicht unvor­hergesehene Zwischenfälle (im besondem die Stellungnahme der europäischen Mächte) den ehrgeizigen Plänen der ungewöhnlichen Frau ein jähes Ende bereiten. Auch ist die Frage, ob sich das abessinische Volk eine Herrscherin bieten lassen wird, deren Vergangenheit s« h r dunkel ist.Entdeckt* hatte sie Kaiser Tbeo- doms der Zweite, der sie bekanntlich zu seiner Maittefle machte und sie an einen Soldaten verheiratete. Später heiratete sie den Unter­offizier Tacke Gorgius, als dessen Frau sie sich um die Gunst des inzwischen auf den Thron gelangten Königs Johannis bemühte. Dieser scheint aber für die Reize dieser Frau nur sehr geringes Verständnis gehabt zu ha­ben. denn er verheiratete sie wieder an einen