Nummer 146
1. Jahrgang
Caffrlrr KbrnLzeltung
tzkssilche pbrnLzeitung
Fernsprecher 951 nnd 952.
Sonnabend, den 27. Mai 1911
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F. H.
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ruher Dämpfung verfolgt man in Berlin die befremdliche Entwicklung des .Marokko-Abenteuers" lediglich noch mit dem Interesse des Zuschauers: .Sturmgeselle" Kiderlen zügelt den Tatendrang mit trutziger Gebärde und die Parole: „Hahn in Ruh!" läßt alle Kräfte chlummern. Und die Algeciras-Akte? Frankreich korrigiert sie soeben vor den Mauern
3nfettion8pretfc; Dirsech»gespaltene Zeile für einheimische Geschäfte 15 Wg„ für auswärtige Inserate 25 ®f„ Reklame,eile für einheimische ®e- ichLfte 40 Pf„ für auswärtige 60 Pf. Geschäftsstelle: Kölnische Straße 5 Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Statt IV, 676.
f^en Kreisen anzuknüpfen, offenbar zu dem Zweck, auch dort Gelegenheit zur Spionage zu finden. In Betracht kommen neben Düsseldorf, in erster Linie, C o b l e n z und Aachen, wo sich die Dame allerdings nur kurze Zeit aufgehalten hat. Inwieweit auch andere Personen noch in die Affäre verwickelt sind, läßt sich zurzeit noch nicht feststellen, da darüber noch Ermittelungen schweben, über die di« Untersuchungsbehörde strengstes Stillschweigen bewahrt.
Die Tragödie eines Sultans.
Ist Abdul Hamid tot?
(Telegraphische Meldungen.)
Ueber das Schicksal Abdul Hamids, des Gefangenen der Villa Allatini, gehen in der Türkei die seltsamsten Gerüchte: Einmal heißt es, der Ersultan sei bereits tot und habe sein Leben freiwillig geendet; dann wieder verlautet, daß der Entthronte unheilbarem Wahnsinn verfallen sei und in schrecklicheni Siechtum dem Tod entgegengehe. Was an all diesen Gerüchten Wahres ist, läßt sich nicht seststcllen; da aber die türkische Regierung nichts tut, um den umlaufenden Gerüchten entgegenzutreten, scheint zum mindesten etwas Wahres daran zu sein. Neuerdings berichtet uns ein Privattelegramm aus
S Wie«, 26. Mai.
Der Konstantinopeler Berichterstatter des in Triest erscheinenden „Piccolo" gibt aus einem Bericht, der vorgestern an eine bei der Pforte akkredierte Botschaft gelangt sein soll, einige Stellen wieder, indem er versichert, daß er selbst den Bericht gelesen und wörtlich übersetzt habe. Man erfährt daraus, daß sich in Saloniki das Gerücht verbreitet hat, daß Exsultan Abdul Hamid infolge eines heftigen Anfalls von Neura st Henle vor einigen Tagen gestorben sei. Die türkische Regierung halte indessen den Tod des Gefangenen geheim, weil sie fürchte, daß die Todesnachricht Anlaß zu Ruhestörungen geben könnte. Unter dem Volk von Saloniki aber glaube man fest, daß der Sultan bereits in Mohammeds Paradies eingegangen sei; man könne daher täglich, wenn vor der Villa Allatini die Posten abgelöst würden, rufen hören: .Ihrspielt Komödie! D e r S u l t a n i st l ä n g st t o t !" Die Villa Allatini wird so streng bewacht, daß man über den Gefangenen (der nach anderen Gerüchten zwar bis jetzt noch nicht das Zeitliche gesegnet haben, aber langsam dem Tode entgegenschlummern soll) glaubwürdige Nachrichten nicht erlangen kann. Nach einer dritten Version soll I die Agonie des entthronten Großherrn durchaus nicht so schmerzlos sein, wie man es in Regierungskreisen glauben machen möchte: Abdul Hamid soll vielmehr nicht nur körperliche Schmerzen, sondern dazu auch noch grausame seelische Llualen leiden; als er erfuhr, daß der jetzt regierende Sultan demnächst in Saloniki eintreffen werde, soll seine akute Neurasthenie geradezu in Wahnsinn ausgeartet sein. Er habe mehrere Male wie ein Wilder um sich geschlagen und immer wieder ausgerufen: „Mein Bruder wird nur noch meinen Leichnam sehen!" Seit dem
Selbstmord-Versuch Abdul Hamids ist die Villa Allatini ständig von einer dreifachen Postenkette umgeben, und auch im Innern des Gebäudes sind überall Militärposten aufgestellt, die den Exsultan auf Schritt und Tritt überwachen. WaS in Wirklichkeit das Schicksal Mdul Hamids ist, wird wohl erst dann bekannt werden, wenn die türkische Regierung es als nützlich erachtet, darüber offizielle Mittei-
Madmne Thirion.
Die Sprachlehrerin als Spion!« (Telegramm unseres Korrespondenten.)
Die Affäre der ftanzösischen Sprachlehrerin Thirion, die vor einigen Wochen in Köln unter dem Verdacht der Spionage verhaftet wurde, scheint weit umfangreicher zu etn, als anfänglich angenommen wurde. Tic Untersuchung hat nämlich eine Menge belastender Momente ergeben, die eS nicht mehr zweifelhaft erscheinen lassen, daß die Dame die Tätigkeft als Sprachlehrerin lediglich zu dem Zweck ausgeübt hat, um unter diesem harmlosen Deckmantel die Spionage in größtem Umfang treiben und weitestgehende Verbindungen anknüpfen zu können. Ueber den gegenwärtigen Stand der Tinge berichtet uns ein Telegramm unsres Korrespondenten aus
♦* Köln, 26. Mai.
In der Angelegenheit der Spionageaffäre der französischen Sprachlehrerin Thirion verlautet, daß der Abschluß der Voruntersuchung in den nächsten Tagen zu erwarten teht. Die Angeklagte befindet sich noch immer im Unterfuchungsgefängnis. Anträge auf Haftentlassung wurden ab gelehnt. Tie in Paris lebende Mutter der Angeklag ten, eine sehr begüterte Tante, betreibt die Verteidigung ihrer Tochter, über deren Aufenthalt in anderen deutschen Städten gegenwärtig noch die Untersuchung schwebt. Tie Verdachtsmomente gegen die Verhaftete haben ich derartig verdichtet, daß gegen sie Anklage wegen Spionage im vollen Umfang erhoben werden wird. Es hat sich übrigens in der Voruntersuchung herausgestellt, daß Madame Thirion auch in andern Städten des deutschen Westens, in denen sie sich vor ihrer Uebersiedlung nach Köln aushielt, versucht hat, Beziehungen zu gesellschaftlichen und milttäri-
Rach dem Fffy-Drama.
Frankreichs kommender Kriegsminister.
(Eigene Drahtmeldung.)
Aus Paris wird uns depeschiert: Jn- olge der bedeutenden Besserung, die im Be- inden des Kabinettschefs Monis eingetre- tn ist, wird die Ernennung des Nachfolgers Berteaux' früher erfolgen können, als anfänglich angenommen wurde. Wie das „Journal" heute mitteilt, ist in Regierungskreisen über diese Frage bereits ein Einvernehmen er« Sielt und beschlossen worden, diesmal einen General zum Kriegsminister zu ernennen. Ausschlaggebend hierfür ist der Umstand, daß der Stand der Marokko-Angelegenheit die Ernennung eines Militärs zum Chef des Kriegsministeriums als wünschenswert erscheinen läßt. Monis gab in seiner Unterredung mit dem Präsidenten Falliöres diesem die Generale an, unter denen er den künftigen Kriegsminister gewählt sehen möchte. Es sind dies die Generale: d'Am ade, Linontel, Dubai! und G o i r a n d. von denen (wie
ühmbbemettangen.
Ein Zwischenakt im Marokko-Spiel.
Paris, 26. Mai. (Privattele- g r a m m.) General M o i n i c r wird, wie m Regierungskreisen verlautet, nicht denselben Weg, auf dem er nach Fez gelangte, zur Rückkehr benutzen, sondem sein Vorhaben, den Zermur und den Zaers die angedrohte Züchtigung angcdeihen zu lassen, ausführen, überall Blockhäuser errich- ten und starke Posten zurücklaffen. Hierauf dürfte der General in Rabat alle Vorbe- reittmgen treffen, damit Sultan Muleh Hafid die wiederholt angekündigte und immer wieder aufgcschobene Reffe nach Rabat unternehmen kann.
Des Schicksals schwerster Keulenschlaq wird durch Balsam gelindert, und selbst ins Dunkel schmerzlichster Heimsuchung fällt ein slucht'ger Lichtstrahl verklärenden Trosts: Während Frankreichs Kriegsminister, ein Opfer des Unverstands und der Sensation, auf der Bahre lag, und am Krankenbett des Kabinettchefs verzweifelnde Sorge wachte, trug aus dem Maurenland der Draht die Kunde gen Paris, ba6 es dem Heldentum fränkischer Krieger und der Strategie tatträftiger Heerführer gelungen, den Marsch nach Fez zum glücklichen Ende zu fuhren. Am Vorabend der Himmelfahrt wogte auf den Pariser Boulevards die Flut ver Camelots, die der schmerzgebeugten Hauptstadt der Republik den süßen Trost nationalen Triumphs ins Ohr schrieen. Das „Marokko- Abenteuer", bis vor wenig Tagen noch vom Gros der Presse mit Argwohn registriert, in der öffentlichen Diskussion als Frevelspiel mit dem Feuer verdammt, offenbarte plötzlich ein andres Gesicht. General Moinier vor den Mauern vor Fez: Das kurze Telegramm, in Jitcfenlettern auf den Boulevards publiziert genügte, um in einem einzigen Moment die Stimmung zu wandeln. Marokko ist jetzt Ehrensache der Republik, des toten Berteaux' Kriegsminister-Ruhm steigt (trotz der Börsenmakler-Allüren, die der von der Mammonjagd zum Regierungsamt Stolpernde auch als Minister der nationalen Verteidigung nicht hat verleugnen können) ins Legendenhafte und nur ein Tor kann noch wähnen, daß Frankreichs Heermacht aus Mauretanien heimkehrt, ohne ganze Arbeit geleistet zu haben.
versichert wird) Goirand die meisten Aussichten hat. Goirand, der zurzeit Befehlshaber des sechsten Armeekorps in Chalons ist, hat nämlich mit Berteaux zusammen den Operattonsplan für das französische Vorgehen in Marokko ausgearbeitet. Wie das „Journal" ■ mitteilt, wird aber auch diesmal die Leitung des Kriegsmiuisteriums nicht ganz ohne Zivilisten bleiben, denn dem neuen Kriegsminister soll ein ziviler Unter st aatssekretär beigegeben werden. Bis heute abend hoffj man über die neue Besetzung endgültig Beschluß gefaßt zu haben. Gestern abend ist der englische Generalissimus F r e n ch hier eingetroffen, um als Vertreter Englands an den Beisetzungsfeierlichkeiten teilzunehmen. Er stattete dem Präsidenten Fallitzres und dem Minister des Aeußeren Beileidsbesuche ab.
! Bor der Revolution?
Dir Situation in Portugal.
(Eigene Drahtmeldungen.)
Die Lage in Portugal gestaltet sich mit jedem Tage beunruhigender und man muß damit rechnen, daß in allernächster Zeit die Mona r ch i st e n zu einem entscheidenden Schlag ausholen werden. Die Revolution sollte in Coimbra bereits in der vorigen Woche ausbrechen, als die Delegierten zum internationalen Touristenkongretz dort eintrasen. Der Ausbruch der Revolte wurde jedoch dadurch verhindert, daß die Behörden rechtzeitig von der Verschwörung Kenntnis erhielten und die Haupträdelsführer verhafteten. Ein Lissaboner Blatt meldet, daß der Plan der Monarchisten dahin ging, sich der Städte Oporto, Coimbra und Figuaira mit Waffengewalt zu bemächtigen, und von dort nach Lissabon vorzugehen. Die Monarchisten hatte eine freiwillige Armee gegründet, deren Mitglieder täglich Sold erhielten. Der Korrespondent des Blattes fügt hinzu, es sei unmöglich, Genaueres über diese Gerüchte zu erfahren, es sei jedoch festgestellt, daß die Regierung tatsächlich beunruhigt war, denn das Militär wurde unter Waffen gehalten. Unter den in Oporto verhafteten Monarchisten befindet sich eine Anzahl von Großgrundbesitzern, ein Abt und ein Rechtsanwalt. Zahlreiche vornehme Portugiesen verlassen das Land und begeben sich über die spanische Grenze nach Paris und London. Auch sollen für mehrere hundert Millionen Francs Vermögenswerte von reichen Portugiesen in Pariser und Londoner Banken untergebracht fein. Die Lage wird als sehr ernst betrachtet und der Ausbruch der Revolution kann jeden Augen- I blick erfolgen.
*
Die Maßnahmen der Regierung.
(P r i v a t - Te l e g r a m m.)
Die „Times" meldet aus Lissabon; Offiziös wird mitgeteilt, die Regierung habe, obgleich sie den umlaufenden beunruhigenden Gerüchten keinen Wert beimesse, doch alle Maß- regeln getroffen, um die Aufrechterhaltung der Ordnung zu gewährleisten. Die Garnisonen im Norden und Nordosten werden mit z u - verlässigen Truppen besetzt. Der spanische Gesandte versicherte der porMgiesischen Regierung, die Behörden von Cadix hätten Anweisung erhalten, alle portugiesischen Monarchisten, die gegen die jetzige republikanische Regierung verschworen seien, auszuweisen. In Coimbra haben neue Verhaf- t u n gen von Monarchisten stattgefunden, in Lissabon dagegen ist es ruhig. Die Wahl einer starken republikanischen Majorität für das portugiesische Parlament scheint gesichert. Die Verstärkung der nördlichen Garnisonen erfolgt hauptsächlich auch deshalb, weil royalistische Offiziere in den dorttgen Regimentern den Versuch gemacht hatten, die Truppen für ihre gegen die Republik gerichteten Pläne zu gewinnen. Die Regierung hat speziell die Streitkräfte an der Grenze bedeutend verstärkt. Die vor Lissabon liegenden Kreuzer „San Gabriel" und „San Rafael" nahmen bedeutende Munitionsvorräte an Bord und verständigten ihre Besatzung, um jederzeit zur Unterstützung der Regierungskräfte im Norden abdampfen zu können.
kritischen Abmessung seines Gesichtkreises zu ermuntern. Es heißt zwar (und Herr von Ki- derlen-Waechter hats kürzlich erst wieder mit hörbarem Nachdruck konstatiert), daß Deutsch- land keinen Anlaß habe, feine Hand dem Ma- rokko-Feuerchen unvorsichtig zu nähern, aber es überrascht doch zum mindesten, daß man in ber berliner Wilhelmstraße das mühsam zusammengetragne Verttagbukettchen von Algeciras durch französische Kriegerfäuste Blatt um Blatt zerpflücken läßt, ohne auch nur die Kraft
$u finbcn- Seltsam genug ange- sichts der Emsigkeit, mit der sonst unser auswärtiges Geschäft arbeitet, und doppelt ver- wunderlich, wenn man sich daran erinnert, daß notb Herrn Wilhelm von Schoens zärtlicher Sanftmut ein Mann ins Auswärtige Amt gekommen ist, von dem die Rede geht, daß er feine Ellenbogen nicht nur zur Heldenpose gähnender Langeweile zu gebrauchen weiß. Woher also die Parole: Hahn in Ruh?
Darf man des Rätsels Lösung hinter den Kulissen suchen? Dieser Tage huschte, von betriebsamer Hand lanciert, die Meldung durch die Presse, daß in der berliner Wilhelmstraße die Absicht bestehe, drei deutsche Kriegsschiffe ins marokko-umspülende Meergewäs- ser zu entsenden, und zwar kaum zu dem Zweck, Frankreichs Flottenparade vor Casablanca mit artigem Salut zu grüßen: Herr Hamann, der Dirigent der heimischen Dementier-Zentrale, opferte, als ans der Provinz die bestemdliche Kunde fragend nach Berlin gedrahtet wurde, die Ruhe einer ganzen Rächt, um die Meldung mit stärkstem Nachdruck als „freie Erfindung" ZU brandmarken. Die Ereiferung war indessen nicht vonnöten: Tatsächlich ist der Plan, im Marokkospiel die deutsche Hand zu rühren, an den maßgebenden. Stellen des auswärtigen Reichgeschäfts sehr ernstlich erwogen worden, und es trifft ferner auch zu, daß Herr von Ki- derlen-Waechter dringend empfohlen hat, das Marokkogewässer von deutscher Seekriegmacht „observieren" zu lassen. Der Plan war bereits so weit gediehen, daß dem Kaiser in Karlsruhe darüber Bericht erstattet werden sollte. Das geschah auch und die Folge war... energisches Abwinken! Majestät war für die Idee nicht zu haben, und Herr Hamann konnte alfo (nach diesem Tag) mit einigem Reckt von einer „Erfindung" sprechen. Seit der Karls-
Braga über Portugals githmft
(Eigene Drahtmeldung.)
Aus Paris wird uns depeschiert: $ei Korrespondent des „Paris Parisien" meldet seinem Blatte aus Lissabon über ein Inter View, das er mit dem Präsidenten der Republik. Theophil Braga, gehabt hat. Braga erklärte auf die Frage des Korrespondenten, ob er bei den auf den nächsten Sonntag anbe- raurnten Wahlen mit einer republikanischen Majorität rechne, und ob größere Unruhen zu erwarten seien: Ick bin gewiß, daß die größte Ruhe herrschen wird, und daß die Agitation für die monarchistische Partei, die nur ganz oberflächlich ist, ohne Bedeutung sein wird.
Noch bestrickt das Kriegspiel durch des Friedens niedliche Reize: Muleh Hasids sche- rifische Majestät gedenkt über die Legionen Moiniers eine prunkvolle Parade abzunehmen, es regnet Ehrenbezeugungen, und die Bajonette der Marokko-Krieger haben das Gespenst der Revolution am Sitze Mulchs rasch gescheucht. Ueber Nacht aber kann das Bild sich wandeln: Der Einmarsch ber Franzosen in bie Hauptstadt des Maurenlands hat bie Erbitterung ber Stämme gegen bett Sultan bis zur Siedehitze geschürt, im Innern des Landes predigen wandernde Kampfapostel den heiligen Krieg, und die Fahne des Propheten kann in jedem Augenblick zum Verzweiflungskampf aufgerollt werden, nachdem Muleh Ha- fid durch bie Begrüßung ber gallischen Legionen vorm ganzen Lanbe offenbart hat, daß er von Frankreich Rettung erhofft, und sich außerstande sieht, der Revolution selbst Herr zu werden. Eine Versöhnung der Stämme mtt einem Sultan, der zur Bändigung des eignen Volks bie Fremben ins Land rief, ist nicht mehr möglich, und es erscheint deshalb unvermeidlich, daß um die Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung im Scherifenreich ein Kampf entbrennen wird, den Frankreich für den von ihm gekürten Sultan mit ber nationalen Lcidenfchaft des Maurentums führen muß, und dessen Preis in nichts geringer«! als in der Selbständigkeit Marokkos besteht. So weit ist nun das „Abenteuer" gediehen, und es wirkt angesichts der Wucht aller dieser Tatsachen Wittlich erheiternd, selbst ernsthafte Leute immer noch vom „unberührten Dasein der A l - gecirasakte" reden zu hören.
Es ist nicht recht klar, welches Gefühl die Drahtpost vom Einzug der Franken in Fez bei den hierzuland maßgeblichen Stellen geweckt hat. Wenn man einiges Unbehagen verspüren würde, wär's nicht verwunderlich, denn das französische Halt-Signal vor den Mauern von Fez bedeutet doch (der jüngste Attachce darf darüber im Klaren fein) nichts mehr und nichts weniger als den Trompetenstoß zum Beginn ber franzöfifchen Offensive gegen Marokkoks Unabhängigkeit, und btefe Tatsache erscheint wichtig genug, auch den fanatischsten Algeciras-Bekenner zu einer verständigen Revision seiner Ueberreuauna und zur
hingen zu machen.