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Nummer 145*

1. Jahrgang.

hessische Pbmcheitung

Casseler Nbrnchritung

Fernsprecher 951 und 952,

Donnerstag, den 25. Mai 1911

Fernsprecher 951 und 952.

nischen Leistungen, lieber das Uglück liegen bracht hatte, kurz vor dem Unglück ab gereist folgende telegraphische Meldungen vor: mar. Er hatte bei Beginn des Schauslugcs Gestern umlagerte eine mindestens Hunderttau-1 ausdrücklich die Flieger ermahnt, sich nicht send Menschen zählende Menge den Startplatz I negenfeitig überbieten zu wollen. Jeder bei P°WS?n-S1raßburg, auf dem die Schau- müffe nur bn9 ,eigen, was er könne. Die

F. H.

sucht wohnen.

war er bereits tot.

ateTageierNeueste Nachrichten" erscheinen wöchentlich sechSmalund,war abend S. Der rlbonnenientspreiS betrügt monatlich 50 Pfg. bet freier Zu. stellung ins HauS. Druckerei, Verlag u. Redaktion: Schlachthofsiratze 28/30. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV, 676.

Der so sorgfältig vorbereitete und nach dem Willen aller Beteiligten mit den sämtlichen Garantien der heutigen technischen Möglichkei­ten umgebene Deutsche Zuverlässig­keit s f l u g hat nun doch zu einer Katastrophe geführt. Von Schuld hier zu sprechen, wäre vollständig verfehlt; es bleibt nur die Trauer über den Unfall und sein Opfer und das ehr­liche Bedauern über die Trübung der flugtech-

-insetttonSpr-tse: DtesechSgespaltcne Zeile für einheimische D-schüste 15 Pfg, Wir auswärtige Inserate 25 Pf., R-aam-,etl- für einheimische Qc; schäfte 40 Pf., für auswärtige 60 Pf. Geschäftsstelle: Kölnische Straße 5. Berliner Vertretung: SW., Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV, 676.

Flieger waren auch bemüht, die Mahnung des Prinzen zu beherzigen, und es darf als fest­stehend erachtet werden, daß Laemmlins Sturz nur auf einen unglücklichen Zufall zu-

Republik oder Monarchie?

Die Pläne der portugiesischen Verschwörer.

(Privat-Telegramme.)

Prinz Heinrich van Preußen, der den ganzen Nachmittag aus dem Flugplatz zuge-

Mne neue Flieger-Katastrophe.

Laemmlins Sturz und Tod.

(Telegraphische Meldungen.)

Straßburg, 24. Mai. (Privat- Telegramm.) Der amDeutschen Zu- verlässigkeitsflug am Oberrhein" teilneh­mende Flieger L a e m m l i n ist gestern abend kurz nach sieben Uhr bei einem Schauflug auf dem Flugplatz Polygon bei Straßburg, auf dem sich mindestens hun­derttausend Menschen versammelt hatten, abgestürzt. Er war sofort tot. Der Apparat überschlug sich. Hierbei stürzte der Flieger heraus und erlitt so schwere Ver­letzungen, daß er gleich starb. Vom Publi­kum wurde nieinand verletzt.

Sie Berichte von Augenzeugen.

(Privat-Telegram m.)

Der Flieger H i r t b, der mit seinem Pas­sagier, dem Leutnant P r e tz e l, gleichzeitig mit Laemmlin in der Luft war und über Laemmlin hinwegflog, gibt folgende Darstel­lung der Katastrophe: Es schien mir, als ob Laemmlin stark unsicher gewesen wäre, es batte beinahe den Anschein, als ob er in die Pappeln in halber Höhe hineinfabrcn würde. Aber gleich darauf sah ich, wie er das Höhen­steuer hochriß und ich hatte den Eindruck, als ob er ziemlich gut an den Pappeln vorbeikom­men würde. Plötzlich stellte sich der Apparat schief; ich sah, wie ein Teil der Aeste des Pappelbaumes abgerissen wurden und dann stürzte der Flieger heraus. Die gleichen Wahrnehmungen hatte auch der Passagier Hittbs. Leutnant Pretzel, gemacht. Ein Sei­

ler eine durchaus konsequente Politik verfolgt, und er hat von dem als richtig und nützlich erkannten Weg sich auch durch den Wi­derstand derjenigen Partei nicht abbringen las­sen. die bisher als stärkste Stütze seines Kanzler- tums galt. Daß der über Nacht gcwordne starke Mann" in seines Herzens tiefsten Tiefen die Hoffnung nährt, in nicht zu ferner Zeit auch bie Kümmernis der preußischen Wahl­reform zum glücklichen Ende führen zu kön­nen, kann angesichts der Ermannung im Reichs­landhandel nicht überraschen: Im Zauber der Maien schwellen Seelen und Herzen, und außerm Spargel schießt auch die Hoffnung hoch ins Kraut.

Ein anderes Bildchen: Vom Strand der Themse her kam dieser Tage Kunde van einem neuen Kaiserwort: Wilhelm der Zweite (der den Söhnen Albions sich im Kleid des Bürgers präsentierte und der mit dem Genossen Ramsay Macdonald angeregt Fragen des poli­tischen und wirtschaftlichen Lebens besprach) sollte in der Unterhaltung mit einem Künstler englischen Stammes das stolze Wort gesprochen haben: So lange ich im Rat Europens noch eine kontrollierende Stimme habe, soll k e i n S ch u tz und keinSch werthieb des Friedens stilles Glück verscheuchen! Ein Kaiser k a n n so sprechen, denn er offenbart damit nur, daß er den Wert des Friedens höher schätzt, als Schlachtenruhm in schimmernder Wehr", und die Aufgabe seines Daseins und die Pflicht verantwortung­vollen Amts darin erblickt, alle Kräfte für die Erhaltung der Völkereintracht nutzbar zu machen. Daß man das Bekenntnis des Gasts auch überm Kanal in diesem Sinn zu würdigen verstand, haben die Gazetten englischer Zunge in diesen Tagen hinlänglich bewiesen. Der Traum wird nun indessen vom Geist der Schreiberstube grob zerstört: In der Norddeut­schen Allgemeinen Zeitung erklärt die verant­wortliche Dementi-Stelle,die angeblichen Aeußerungen, die der Kaiser einem englischen Künstler gegenüber getan haben soll, sind glatt erfunden!" Ein Idyll weniger! Warum der Kanonenschuß der Wilhelmftraße nach der Win­zigkeit dieses Märchens? Glaubte man sich ver­pflichtet, Albion aus dem Wahn zu rütteln, daß Deutschland in nützlicher Friedensarbeit das Ziel nationaler Arbeit sehe, oder erachtete man's als dienlich, den Bannspruch wider das Schwert zu entkräften? Gleichviel: Das De­menti wäre besser nicht in die Welt hinaus- geschickt worden, denn auch imParadies der starken Männer" darf die Friedens-Sehn-

flüge stattfinden sollten. Das Wetter war aller­dings nicht besonders günstig und obgleich der Flugplatz, vornehmlich an der Startlinie, von hohen Bäumen umgeben ist, die den Wind teil­weise abhalten, kamen doch über den Bäumen hinweg sehr schwere Böen. Als erster stattete heute Laemmlin, der den vorgeschriebenen Zweirundenflug absolvierte. Schon hier flog Laemmlin (wie später festgestellt wurde) über die abgesperrte Linie hinaus und über die Zu­schauer. Hieraus folgten die Flüge von Iean- nin, Brunhuber und Hitth. Als der Wurf­preis, bei dem Bomben auf einen Kreis hinab­geworfen werden, herankam, startete Laemmlin nach Hitth. Laemmlin kam in ziemlich schwere Böen; der Apparat wurde etwas seitwärts gestellt, kippte dann immer mehr und stürzte plötzlich hinter einer Pappelreihe zu Bo­den. Ansangs batte es den Anschein, als ob der Apparat i n d i e Z u s ch a u e r gestürzt sei und die Aerzte, Ordonnanzen, sowie das Auf­sichtspersonal eilten sofott an die Unfallstelle. Dort bot sich ein erschütterndes Bild: Laemmlin lag unter seinem Motor, der ihm daS Genick eingedrückt hatte. Fer­ner hatte Laemmlin verschiedene B r ü ch e, Verwundungen am Schädel und schwere innere Verletzungen erlitten. Als man ihn hervorzog,

Maien-zauber.

Im Paradies derstarken Männer".

Nun flieht der Mai schon bald mit seinen Blumen, in den Redestuben der Parlamente rüstet die Heimat-Sehnsucht zum Aufbruch, in der Politik beginnt diesaison w te" und die Minister ergrübeln, welchem Baon diesem Jahr ihr Urlaub gelten soll. Es ist Zeit des Herzen-Sehn.ens, in der die kühnsten Träume wie lichte Sommerwölkchen vor'm Optimistenauge flimmern, wo die Seele sich am Reiz schillernder Luftschlösser erfreut, und selbst der grau'ste Alltag nicht die süße Hoff­nung scheuchen kann. Säße in der Berliner Wilhelmstraße statt des ernsten Philosophen Bethmann Hollweg noch der frohgemute Le­benskünstler und Causeur Bernhard Bülow: Er würde den maitrunknen Reichstag, in sonn- durchglänzten Tagen versammelt zu staubig­dürrem Tun, sicher nicht ohne die Labe poetisch- vettlärten Trost'S gelassen, den Erwählten des Volks die Offenbarung rosenroter Zuversicht nicht vorenthalten haben, mochten selbst die Spritzwellen des Grolls und Haders.bis zur Stufe der Ministerbank lecken. Unterm Nach­folger (mit demschon etwas abgetragnen Mantel des Philosophen" über der Schulter) ist das Wort zwar auch noch nicht Tat, aber doch rarer geworden und infolgedessen im Kurse gestiegen. Nicht etwa wegen des Wert­gehalts, sondern weil auch hier Angebot und Nachfrage den Matttwert bestimmen. Der Maien-Zauber hat indessen auch des Philoso­phen Herz bestrickt, und was bisher dem Auge ewig unfaßbarer Genuß dünkte, ist nun greif­bar zu schauen: Herr Theobald von Bethmann Hollweg alsstarker Mann"!

Schon zu Straßburg auf der Schanz', als, bestrahlt von Maiensonne, des Reichlands Mettopole im Glanz der Kaisertage prunkte, fand der yom Norden herzitierte Kanzler ange­sichts der in der reichländischen Verfassung­frage sich auftürmenden Schwierigkeiten das stolze Wort:Sie wird gelingen!" Sprach's wie einer, dem das Niederringen einer Armee von Feinden harmlos Kinderspiel dünkt, und der zur Stärke des eignen Arms das Zutrauen hat, daß er den Plänen des Hirns gleichwert und ebenbürtig bleiben werde. Das Straß­burger Momentbildchen liegt nun einige Wo­chen hinter uns, in der Zwischenzeit war man vor und hinter den Kulissen emsig bemüht, die Zuversicht des Kanzlers zu verwässern und hellhörige Leute wollten bereits erkundet ha­ben, das Straßburger Pronunziamento werde durchhöhere Gewalten" seine natürliche Kor­rektur erfahren. Während man darüber stritt, was letzten Endes dieser oder jener Schachzug bringen könnte, hat nun Herr von Bethmann nach langer Trennungzeit den Reichstag wie-

geant vom hundertfünften Infanterie-Regi­ment, der unter den Pappeln stand, gibt fol­gende Darstellung: Der Apparat Laemmlins war schon beinahe über den Pappelbaum hin­weggeflogen, als er sich plötzlich senkte und sich mit dem Fahrgestell in den Aesten verfing. Der Apparat überschlug sich und stürzte zu Boden. Diese zweite Version wird von Jeannin, dem Kollegen des verunglückten Fliegers, als die wahrscheinlichste angesehen. Der'Apparat Laemmlins ist vollkommen zer­stört und die F -"'eifer sind in kleine Stücke zersplittert.

Ler tote Flieger.

- (Privat - Telegramm.) *"

Der verunglückte Flieger Laemmlin war zweiunddreißig Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei Kindern. Er hat schon früher einen Eindecker konstruiert, der aber nie recht fliegen wollte. Vor zwei Monaten kaufte er sich bei der Aviatik in Mülhausen den Apparat, mit dem er jetzt verunglückte. Er bat mit ihm bereits gute Flüge ausgeführt, Stündenfluge und Paffagierslüge, und kam auf eure Hohe von 3400 Meter. Allerdings sah man schon während der Zuverlässigkeitsfluge, daß Laemmlin besonders im Landen sehr unsicher war und man wunderte sich, daß er mit sol­cher Bravour und solchem Schneid flog. Laemmlin war als Mensch bei den Fliegern und allen, die ihn kannten, sehr beliebt, und war ein liebenswürdiger Gesellschafter. Seine l e tz t e n W o r t e sprach er kurz vor dem Statten. Er munterte die Soldaten, die sei­nen Apparat zum Start bringen sollten und sich dabei recht nachlässig vom Boden erhoben, auf und sagte:Es ist ein Wunder, daß solche junge Leute schon von der kleinen Anstrengung müde sind." Laemmlin wurde nach dem Sturz in das Unfallzimmer gebracht. Seine Leiche wird jedenfalls in die chirurgische Klimk über- führt werden. Die Schauflüge wurden sofort nack Bekanntwerden des Unfalles abgebrochen, wurden aber heute früh um fünf Uhr fottge- führt. Bei dem Absturz Laemmlins wurde übrigens, wie nachträglich bekannt wird, auch eine Frau am Auge verletzt.

PMz Heinrich als MMsr.

(EigeneDrahtmeldung.)

Zum Todessturz des Fliegers Laemmlin wird uns noch aus Straßburg gemeldet, daß

rückzuführen ist.

ghs-Mlder.

Internationale Hygiene-Ausstellung Dresden.

(Von unfern Korrespondenten.)

$ Dresden, 23. Mai.

Die allgemeinen Eröffnungsfeierlichkeiten der Internationalen Hygieneausstellung sind längst vorüber, aber immer noch wird hier und da nachttäglich, fast schamhaft, eineinzwischen sertiggestellte" Abteilung dem Verkehr und der Schaulust des Publikums übergeben. Man ge­winnt jetzt allmählich Zeit, sich in Einzelheiten der Ausstellung zu vertiefen, die von so übet» wältigender Mannigfaltigkeit ist, daß ein in­tensives Studium dazu gehört, um sich ein einigermaßen hinreichendes Bild von dieser Weltausstellung des Kulturfortschrittes" zu verschaffen. Bisher können die Ausstellungs­leiter mit dem Wetter und daher auch mit dem Besuch der Ausstellung zufrieden sein. Schon hat der Strom der Reisenden eingesetzt, der in diesem Jahre besonders stark nach der schönen Elbmetropole pilgern wird. Urberall in den Straßen sieht man das schöne Ausstellungs­plakat Franz Stuck's, das durchdttngend blik- kende strahlende Auge am Himmelszelt, das einen auf Schritt und Tritt auf die Ausstellung hinweist. Allgemein ist schon gesagt worden, daß das Aeußere der Bauten (abgesehen von derStraße der Rationen") einen einheitlichen Zug aufweist, der bedingt war durch zwei Mo­mente: Den der Brauchbarkeit und den der Sparsamkeit.

Die Anordnung der ausgestellten Gegen­stände in den einzelnen Hallen ist äußerst glück­lich getroffen, und breite Wandelgäuge ermög­lichen es dem Beschauer, von allen Seiten an die Objekte heranzutreteu, die reichliches Licht genießen. Im allgemeinen hat jede der gro­ßen Hallen einen besonderen Repräsentations­raum. in dem die dem betreffenden Ausstel- lunasaebiete dienenden Wissenschaften ihren

Wie uns aus Lissabon berichtet wird, sind in ganz Portugal in den letzten Tagen viele hundert Verhaftungen vorge­nommen worden, die mit der Verschwö­rung der Monarchisten in Zusammenhang ste­hen. Die Lage gestaltet sich mit jedem neuen Tage bedenklicher, und es scheint, daß trotz der strengen Maßnahmen der republikanischen Re­gierung die monarstistische Agitation ständig an Boden gewinnt. Daß die Proklamierung der Gegenrevolution mit dem Ziel der Wiederein­setzung des Königtums bereits festgelegt ist und alle Vorbereitungen für einen Staats­streich der Monarchisten getroffen sind, wird of­fiziös nickt mehr bestritten; die Regierung ist aber bemüht, durch Zusammenziehung aller verfügbaren Truppenkräfte der Gegenrevotu- tiou einen Damm entgegenzusetzen, lieber _tc augenblickliche Lage berichtet uns e,u P r i v a t- tel eg ramm aus

-Za Lissabon, 24. Mai.

Im ganzen Lande herrscht Nervosität. Die Republik hat viel verloren durch die Ver­haftung eines gewissen Franeis Ant h o - n v. der sich als Engländer ausgab. Die Ver­haftung erfolgte in Vigo in Spanien. In Wir - lichkeit ist dieser Mann einer der bekanntesten Portugiesen und Führer der Carbonanpartei, der ettra nack Vigo geschickt worden war, um den Führer der Royalisten. Kapttan C o n c e r- r°. unschädlich zu macken. Er war rn demsel­ben Hotel abgestiegen, wie Concerto Von der Polizei wurde seine Persönlichkeit sestgeilellt; man fand bei ihm zwei Revolver und einen Dolch. Ein Telegramm aus OPorto meldet, daß die britischen Kaufleute vom britischen Konsul dringend die Entsendung eines engli­schen Kriegsschiffes nach dem Haftn verlangt haben. Gestern wurden in OPorto fünf Perso­nen verhaftet. Die Verhafteten sind meistens Kaufleute, die beschuldigt stnd. ungünstige Be­

richte über die Republik nach dem Auslande verbreitet zu haben. Der KreuzerAdamastor" etzt seine Kreuzfahrt an der Nordküste fort.

Der ganze Norden Portugals soll der Monar­chie günstig gesinnt sein. Die Verhaftungen in Coimbra hören jetzt auf und einige der Verhaf­teten wurden in Freiheit gesetzt. Der Streik der Dockarbeiter in Oporto wird wahrschein­lich in einigen Tagen zu Ende gehen, da die Rhedereibesitzer den Streikenden einige Zuge- tändnisse gemacht haben, von denen man er­wartet, daß sie von den Ausständigen ange­nommen werden. Die politische Situation im Lande ist zurzeit die denkbar verwickeltste und es kann nicht ausbleiben, daß sich die Stim­mung der Massen nach der einen oder andern Richtung hin Luft machen wird. Die Royali- ten planen, noch vor dem Ende des Monats Mai zu einem entscheidenden Schlag auszuho­len, und in Regierungskreisen sieht man des­halb dem aus den nächsten Mittwoch angesetzten Wahltag mit großer Sorge entgegen, da man befürchtet, daß an diesem Tage die Un­ruhen ausbrechen werden.

der einmal mit einem Besuch beehrt, und zwar nicht zu dem Zweck, den Honigseim weiser Be- redtsamkeit auf sich niederträufeln zu lassen,son­dern um s e l b st gleich aktiv ins Treffen einzu­greifen. Des Kanzlers gestrige Rede über das reichsländische Verfassungproblem, knapp in bei Form, prägnant im Ausdruck und bestimmt In der Kennzeichnung des Ziels, offenbart (seit langer Zeit zum erstenmal!) eine katego­rische Aeußtung natürlichen Tatwillens, und es ist eine scharfgeschliffne Ironie des Schicksals, baß dieser Wille zur Tat im frühen Morgenrot seines (seins sich gegen dieje­nige Partei richtet, mit deren freudwilliger Hilfe der Kanzellar bisher den Acker der Reichspolitik pflügte.

Das ist Maien-Zauber, ein Idyll aus dem Paradies der starken Männer". Um es wür­digen zu können, empfiehlt's sich, ein wenig zurückzuschauen. Herr Theobald von Bethmann hatte in den Tagen seines so sichtbar geseg­neten Kanzlettums keine Revolution der- ualrebellen niederzuringen; ihm erstand nickt aus der verwunschnen Stille der Ufermart d"s schleickende Verhängnis, und keine Heydebrand- Spahn-Fronde hat je den Schlummer seiner Nächte gescheucht: Er wandelte in sittsamer Züchtigkeit vor den Augen der Hochmögeuden und über die philosophische Umkräuzung des feierlichenNon possnmus! in der Abwehr ha­stigen Fottschtttt-Drängens hat sich sein solides Temperament nie verstiegen.Klug genutzte Schonzeit" lächelten die Ein'en,Mängel an Initiative und Zielklarheit", murrten die An­dern: Der. den's anging, blieb stumm, milde duldend, daß die Toren scherzten. Bis er nun, da der Mai gekommen, sich auf die Tat besinnt und daran geht, die Arme zu rühren. In der reichsländifchen Verfassungsfrage hat bet Kauz-