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1. Jahrgang

Nummer 142

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Fernsprecher 951 und 952.

' Sonntag, den 21. Mai 1911.

Fernsprecher 951 und 952.

Mutter-Liebe.

Der Pfeil-Tragödie andrer Teil.

Berlin, 20. Mai. (Telegr am ni nnsers Korrespondenten.) Der frühere Hauptmann, Graf Hans von Pfeil, hat auf den kürzlich erfolgten Ver­zicht feiner früheren Gattin auf ihre beiden Kinder nunmehr auch seinerseits eine Erklärung abgegeben: Er hat an seine Rechtsbeistände ein Schreiben gerichtet, in dem er die Erklärung abgibt, daß er ans jede weitere strafrechtliche Verfolgung fei­ner Frau Verzicht leiste. Entsprechend diesem Schreiben wird Graf Pfeil in dem heute vor dem Schöffengericht des Amts­gerichts Berlin Mitte anstehenden Straf- beleidigungsprozeß gegen feine frühere Frau die Klage zurückziehen.

Mutterliebe ist wie ein Rätsel der Seele, ein Geheimnis des Unbewußten: Sie offen­bart sich nicht nur in der sichtbaren Liebe und Fürsorge für die der Mutterobhut Anvertrau­ten, sie ist nicht nur groß und hehr in Opfer­mut und Selbstverleugnung, wenn's gilt, unter Preisgabe eignen Glücks und eignen Wohler gehens des Kindes Schicksal freundlich zu ge­stalten: Sie bleibt auch groß und heilig, wenn sie entsagt, um vom Lebenspfad des Kin­des das Aergernis und den Makel hinwegzu­scheuchen, die sein späteres Dasein verdüstern könnten. Wir sahen in diesen Tagen vor den Schranken des höchsten deutschen Gerichts den Aktschluß einer Tragödie der Mutterliebe, die in ihren Einzelheiten die Seele erschütterte, und die doch im Hintergrund den Schatten des Egoismus offenbarte, der das lichte Bild ide­aler Mutterliebe verdüsterte. Die Bahnwär­terfrau Cäcilie Mayer mag das Sorgen- und Schicksalkind ihrer Jugend mit noch so viel Liebe umsaflen, mag noch so stark und heroisch um den Besitz verlornen Glücks gerungen ha­ben: Die Liebe der Mutter hätte auch in ihrem Fall im Entsagen idealere Größe offen­baren und dem geliebten Kinde durch die Schwichtigung mütterlicher Leidenschaft siche­reres Glück bauen können, als durch den Kamps erregung-heißer und groll-verbitterter Jahre. Denn: Mutterliebe ist nichtheil'ger Egois- m u §", Mutterliebe ist kristallner Idealis­mus , der im Glück des Kindes Erfüllung und Befriedigung findet.

Ein andres Bild: Die gewesene Gräfin Pfeil, einstige Gattin des Jnfanteriehaupt- manns Graf von Pfeil und Klein-Ellguth, die Märtyrerin der Pfeil-Prozesie, hat dem Vor­mundschaftsgericht in Graudenz als der zustän digen behördlichen Instanz mitgeteilt, daß sie den nun sieben lange Jahre währenden Kampf um die beiden Sprossen einer unglücklichen Ehe ausgebe, auf die mütterlichen Ansprüche hin­sichtlich der Herausgabe der Kinder verzichte und den Namen einer Gräfin Pfeil, den sie mit Rücksicht auf die Kinder all die Jahre beizu­behalten gezwungen war (obgleich das lose Band der Schicksalehe längst zerschnitten), ab lege, um fortan wieder als Stephanie Heim still und einsam durchs Leben zu gehen. In diesen Verzicht einer unglücklichen Mutter auf den Besitz des höchsten mütterlichen Dasein­glücks heißt es an einer Stelle:Wie mir meine Aerzte versichern, und wie ich selbst fühle, er­laubt mir mein unter einer wehrjährigen ver­fehlten Ehe und unter siebenjährigen Prozessen sehr geschädigter Gesundheitszustand cs ni-bi, weiterzuklageu, zumal ein Ende des Prozesses nicht abzusehen ist; auch sind mir meine Kin­der durch die langjährige Entziehung ent­fremdet worden. Der Mutterliebe und dem Pflichtgefühl habe ich meine Jugend und meine Gesundheit geopfert und bin nun am Ende meiner Kraft. Vor einem höhern Richter mögen diejenigen sich verant­worten, die daran mitgewirkt haben, mir meine Kinder zu rauben und ein Mutterherz in den Staub zu treten . . ." So spricht eine Mutter, die nah an ein Jahrzehnt um ihre Kinder gerungen, und die nun, am Ende ihrer Kraft, ihre heiligsten Rechte opfert; nicht weil sie dem Schicksal unterlag, sondern weil sie er­kannte, daß die Kinder ihrer Liebe, durch feind­liche Hand ihr entfremdet, die Rückkehr ans Herz der Mutter als das Verhängnis ihrer Ju­gend empfunden und betrauert haben würden.

Sieben Jahre Kampf, sieben Jahre, in de- rrrn alle Liebe und aller Opfermut, deren ein Mutterherz fähig ist, wider die Tücke des Schicksals und die brutale Gewalt stärkrer Gegner rangen, manchmal ermattend am Wege niedersinkend, ost am Erfolg heiligen Rechts verzweifelnd, immer aber wieder ausgepeitscht und zu neuer Kraft gestachelt durch die Mutter-

feele, durch den Instinkt unlösbarer Pflicht, deren Erfüllung selbst mit dem Leben nicht zu teuer erkauft schien. Man kennt den Leidens­weg der unglücklichen Frau und ringenden Mutter: Der Hölle einer vom ersten Augenblick an unseligen Ehe entronnen, schleift die Sensationschronik lange Jahre ihren Namen durch die Gosse, und was der Einsamen vom Daseinslicht verblieb, verdüsterte die Jntrigue der Gegner zu Kummer und Leid. Im Erkennt­nis des Gerichts, das die Erlösung aus den Banden ihrer Ehe aussvrach, wurden der un­glücklichen Frau die beiden Sprossen des kur­zen Schicksalbundes zuerkannt: Für die Hart­geprüfte der einzige Lichtstrahl in diesem düstern Bilde einer erschütternden Tragödie. Aber auch diese Hoffnung wandelte sich zur Enttäuschung: Die Gräfin Pfeil hat seit dem Tag, da sie das Heim des Gatten verließ, von den Furien der Verzweiflung gejagt, ihre Kin­der nicht mehr wiedergesehen. Die Verwaisten wurden der Obhut sremder Hände überant­wortet, und selbst der Spruch der Gerechtigkeit hat nicht vermocht, dem Recht der Mutter Gel­tung zu verschasfen.

Die Pfade der Justiz sind wie ein Irr­garten, und die Schnelle der Gerechtigkeit un­terliegt tausend Hemmungen. Stephanie Heim, die ehedem Gräfin Pfeil sich nannte, hat's er­fahren: Ihr Rechtsanspruch auf die Kinder ihrer Ehe ist niemals von berechtigter Hand gültig angetastet worden; ihre Mutterrechte sind also nicht zu bezweifeln. Dennoch hat man's vermocht, die Auslieferung der Kinder an die Mutter bisher zu vereiteln, indem durch immer neue Prozesse und Anfechtungsklagen die Ausführung des Beschlusses gehemmt wurde. Der Justiz ist daraus kein Vorwurf zu machen; ihr Werk wird bestimmt von Para­graphen und Formeln, an denen auch die hei­ligste Mutterliebe nicht rüttehn kann, und die prozessuale Entwicklung der Dinge mag also in ganz normalen Bahnen gediehen sein. Daß inzwischen, in sieben Kampsesjahren, die Groll und Haß zu einer einzigen Kette zermürbenden Scelenleids werden ließen, ein Mutterherz zu­grunde ging, und wilde Leidenschaft und auf­opfernde Liebe sich zu Duldung und Entsagung, durchrangen, läßt die formale Gerechtig­keit zwar unberührt, wird aber im Empfinden der Gerechtigkeit des H e r z e n s zu einer schwe­ren Anklage wider Die, die hier eine Seele verbluten ließen. Und selbst am Ende ihrer Kraft richtet sich die Liebe der Mutter noch einmal zu gigantischer Höhe empor: Sie ent­sagt, nachdem sie erkannt hat,daß die Erfüllung ihres Sehnens den Kindern nicht Glück, son­dern Leid bringen, und ihr Dasein mit der Er­bitterung der Enttäuschung erfüllen werde. Das ist der Heroismus einer Mutter, die ihr eignes Glück opfert, um dasjenige ihrer Kinder zu erhalten, die ihrer Kinder Seelen sich rau­ben läßt, um sie selbst nicht des Traums sonni­ger Jugend zu berauben. Kann Mutterliebe mehr . . .? F. H.

Bühne und M!r.

Die Erpressungen einer Primadonna. (Eigene Drahtmeldung.

In Breslau erregt augenblicklich eine sensationelle Erpressungsaffäre Aufsehen, in der die srühere Primadonna der Breslauer Oper, die Sängerin Marie Seifsert, ver­wickelt ist. Die Künstlerin, die sich in Breslau des besten Ansehens erfreute und in den dor­tigen ersten Gesellschaftskreisen verkehrte, ist in­zwischen mit ihrem Mitschuldigen verhaftet worden. Sie hatte sich, als die Affäre zur An zeige gebracht worden war. ins Ausland be- oebcn, wurde aber in Innsbruck ermittelt uub festgenommen. Ein Privat-Telegramm berichtet uns darüber aus:

Breslau, den 20. Mai.

Die frühere Primadonna der Breslauer Over, Marie Seifsert, wurde gestern wegen Erpressung an einem reichen thürin­gischen Fabrikanten, zu dem sie bis vor einiger Zeit Beziehungen unterhielt, in Innsbruck verhaftet. Da der Fabrikant nach Befriedigung aller Forderungen jede weitere Zahlung ab­lehnte, so setzte sich Marie Seifsert mit dem Herausgeber eines kleinen thüringischen Blattes in Verbindung, das allerlei.Ent­hüllungen verösfentlichte. Als Marie Seifsert trotz der Intervention eines Rechts­anwalts ihre erpresserische Tätigkeit nicht ein« stellte und eine bedeutende Summe sür die in ihrem Besitz befindlichen Briese verlangte, ließ der Fabrikant gegen den Herausgeber des Blattes (der inzwischen die Flucht ergrisfen hatte) und aeaen Marie Scisfert Strafan­

trag stellen. Der Zeitungsverleger wurde in Zürich und die Primadonna gestern früh in Innsbruck verhaftet. Die beiden Ver­hafteten werden nach Erledigung der erforder­lichen Formalitäten nach Deutschland ausge­liefert werden. Wie verlautet, dürfte die Affäre noch weitere Kreise ziehen, da außer den bereits verhafteten Hauptschuldigen auch noch andere Personen in die Erpressungsangelegenheit ver­wickelt sein sollen. Fräulein Seisfert, eine blendend schöne Dame im Alter von vierunddreißig Jahren, hat zu dem in Frage stehenden Fabrikanten Jahre hindurch nahe Be­ziehungen unterhalten, die indessen erkalteten, als die Sängerin Breslau verließ. Die in ihrem Besitz befindlichen Briefe des Fabrikanten hielt die Künstlerin aber auch nach Lösung der Be­ziehungen zurück, und wie sich jetzt heraus­gestellt hat, scheint sie von Dritten dazu bewogen worden zu sein, den Besitz der Briefe entsprechend zu verwerten." Es haben bereits zahlreiche Zeugenvernehmungen in der Affäre stattgefunden, die zu einem förmlichen Skandal auszuwachfen droht.

Gold in Derltsch-SüdweM

Die Goldfunde bei Korichaanis.

(Privat-Telegramm.)

Die Kolonialkreise, die deutsche Kapita­listenwelt, aber auch die Politiker werden seit einiger Zeit durch Meldungen über G o l d - funbe int beutschen Schutzgebiet von Sübwestairika in Spanmmg gehalten. Vor einiger Zeit würben biefe Kreise burch bie Nachricht alarmiert, daß in K u i b i s in Deutsch-Südwestafrika ein Goldvorkommen entdeckt worben sei. Es stellte sich aber heraus, baß bieses Vorkommen bedeutungslos war. Dagegen scheinen die Goldfunde auf den Fel- ,b-r der Koako - Gesellschaft bessere Aussichten zu versprechen. Ein Privat- Telegramm meldet uns darüber:

Berlin, 20. Mai.

Die Koako-Gesellschaft, in deren Gebiet die neuen Goldfunde gemacht wurden, ist eine Tochtergesellschaft der South West Asrica Company. Die von dem Geologen Liesegang entdeckten Goldproben werden recht günstig be­urteilt. Der Ort, an dem die Spuren entdeckt wurden, heißt Korichaanis und dürfte zirka himdertvierzig Kilometer von der Otavi- Bahn entfernt liegen. Eine Erschließung der Gegend Wäre also von der Otavi-Bahn aus ohne größere Schwierigkeiten zu bewerkstelli­gen. Das Goldvorkommen befindet sich auf der Grenze zwischen dem Gebiete der Koako- Gesellschaft und den Feldern der Deutschen Ko- lonial-Gesellschast für Südwest-Asrika. Die drei großen füdwestafrikanischen Gesellschaften, die South West Asrica Company, die Otavi- Gesellschaft und die Kolonial-Gesellschaft, be­absichtigen, Schürsfelder in den in Be­tracht kommenden Gegenden zu belegen. Eine Erschließung von Goldfeldern würde für die Zukunft unserer südwestafrikanischen Kolonien große Perspektiven eröffnen. Zunächst würde die Otavi-Bahn, an der die Regierung interessiert ist, ihre Einnahmen vergrößern können. Dann würden aber auch die Ein­nahmen des Reiches steigen, und wenn auch ein Vergleich mit den gewaltigen Gold- distrikten in Transvaal, um die einst der Kampf zwischen Briten und Buren getobt hat (die Goldminen in Transvaal stellen den größten Teil der Goldproduktion der Welt bar), nicht angebracht ist, so würbe doch ein be­deutenderes Vorkommen des gelben Metalls in Deutsch-Südwestafrika eine bedeutsame Ver­mehrung des deutschen Nationalreichtums mit sich bringen. Nur muß freilich noch abgewartet werden, ob es sich bei den Goldfundcn nicht etwa um sogenannte Goldncster, das heißt ein verstreutes Goldvorkommen, handelt. Die fachmännischen Gutachten, die bisher über die neuen Goldfunde eingeholt worden sind, hal­ten es allerdings für u n w a h r s ch e i n l ich, daß es sich lediglich um ein verstreutes Gold­vorkommen handeln könne.

Der Sieg der Frau.

Manu und Frau im Leben gleich!

(Eigene Drahtmeldung.)

Aus Kopenhagen meldet uns ein Te­legramm: Das isländische Parlament hat vor dem gestern erfolgten Abschluß seiner Ses­sion verschiedene Gesetze angenommen, die bie Gleichberechtigung bei Frau im öf­fentlichen Leben systematisch durchführen und den Frauen den Weg zu Amt und Würden öff­nen. Es ist das der Erfolg eines jahrelangen Kampfes der isländischen Frauenwelt um ihre

politischen und öffentlichen Rechte, ein Kampf, der von der Männerwelt nicht nur nicht er­schwert, sondern mit allen Mitteln zu fördern gesucht wurde. Island ist sicher nicht das Reich der höchstentwickelten politischen und all­gemeinen Kultur, aber es muß anerkannt wer­den, daß bie Frauenbewegung in keinem Land ber Welt in verhältnismäßig kurzer Zeit so enorme Fortschritte gemacht unb praktische Er­folge errungen hat als gerabe in Jslanb, wo bie Oeffentlichkeit in ihrer Gesamtheit die Be­mühungen ber Frauenwelt unterstützte.

Die gestern vorn Parlament akzeptierten Gesetze führen die Gleichberechtigung ber Frau mit dem Manne auf allen Ge­bieten des öffentlichen Lebens radikal durch. Nach dem neuen Wahlgesetz ist die is­ländische Frau nicht nur wahlberechtigt, son­dern auch wählbar, und zwar in demsel­ben Umfange wie der Monn. Weiter hat das Parlament noch ein Gesetz angenommen, das der isländischen Frau Zutritt zu allen isländischen Aemtern sichert, das geistliche Amt nicht ausgenommen. Mili­tärische Aemter gibt cs in Island nicht.

Die Beschlüsse des Parlaments werden von ber Presse mit größter Genugtuung kommen­tiert, und es ist: charakteristisch sür die politische Stimmung in Island und bie Wertschätzung ber Frauen im allgemeinen, baß bie gestrigen Beschlüsse, bie alle bisherige; Schranken niedcr- reißen, fast mit Stintmen-Einheit ge­faßt würben. Ernstlicher Widerstand gegen die Forderungen der Frauen ist im Parlament überhaupt nicht erhoben worden, und als das Resultat ber gestrigen Abstimmung über bie neuenFraueu-Gesetze" bekannt gegeben wurde, erhob sich auf den Tribünen des Parlaments- Gebäudes, bie dicht mit Frauen aller Stände und aller Gesellschaftsklassen besetzt waren, lauter und stürmischer Beisall, für den ber greise Präsident des Hauses mit einem freundlichen lächeln unb einer artigen Verbeu­gung bdnfcno quittierte. Bei den nächsten Wahlen werden bereits Frauen in das Parla­ment entsandt werden unb bet der Besetzung von öffentlichen Aemtern wirb fortan in Is­land bie Frau bem Mann als gleichberechtigter Koukurent gegenüberstehen: EinSieg ber Frau", wie er in dieser imposanten Art bis­her in k e i n e m Land ber Welt zu verzeichnen war.

Bilder vm der Kaisersghü.

Das Kaiserpaar in England.

(Eigene Drahtmeldungen.)

Aus London wirb uns depeschiert: Ge­stern nachmittag begab sich das englische Kö­nigspaar mit seinen deutschenGästen vom Buckinghampalast nach der Olympiahalle in Konsington, um die militärischen Tur­niere zu besichtigen. Den Schluß bildete ein grandioses Schaustück, das die Helden der briti- fchen Geschichte verherrlicht. Auf dem Hin- und Rückwege wiederholten sich die Szenen be­geisterter Ovationen des Publikums. Vormittags hatte der Kaiser den königlichen Automobilklub besichtigt. Abends fand im Buckinghampalast der große Staatsball statt, zu dem Tausende von Einladungen er­gangen waren. Der Ball wurde durch eine Königsguadrille eröffnet, in ber ber Kaiser mit ber Kaiserin und der König mit der Königin tanzte. Heute nachmittag 2 Uhr 45 Minuten be­geben sich die kaiserlichen Gäste nach der Vikto- riastation, wo sie sich von ber königlichen Fami­lie verabschieben werben. Tas Kaiser­paar verbleibt in ber Nacht sunt Sonntag auf berHohenzollern" in Pott Victoria unb tritt am Sonntag früh bie Abreise nach Deutschland an.

Sin neues Kaiser Gespräch?

(Privat -Telegram tu.)

Die englische WochenschriftEvery body Weekly" veröffentlichte am Mittwoch Aeußerun- gen, die Kaiser Wilhelm einem englischen Künstler gegenüber getan haben soll.Solange ich im Rate Europas eine kontrollierende Stimme habe," soll der Kaiser gesagt haben, soll zu meinen Lebzeiten keinSchußabge- feuert unb kein Schwert gezogen werben." Kaiser Wilhelm sagte, daß Europa jetzt durch die internationalen Bande der Finanz und des Handels so eng verbunden sei, daß in einem europäischen Kriege der Sie­ger mehr verlieren würde, als er gewinnen könnte. Deutschland habe auf dem Gebiete ber angewandten Kunst und Wissenschaft solche Fortschritte gemacht, daß weder er, der Kaiser, noch sein Volk, die Positionen, die es friedlich aber sicher durch bie Charlottenburger Techni­sche Hochschule unb ähnliche Institutionen ge­winne, auf bem Scklacktfelde in Gefahr setzen würbe. Anbererscits verteidigte der Kaiser bis militärischen Rüstungen. Deutschland als Con- tinentalmadit könnte sich nur bann seiner fried­lichen Arbeit hingeben, wenn es auf allen Sei­ten von einer Hecke von Bajonetten umgeben