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Nummer 141.

1. Jahrgang.

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Sonnabend, den 2V. Mat 1911.

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Schule und Beben.

Gesundes Menschentum und Kraftbewußtsein.

Einer unsrer Besten hat einmal das harte Dort gesprochen: Unser Volk ist in zwei Natio­nen zerrissen: Die Gebildet en und die (so­genannten) Ungebildet en. Begriffe preßt man häufig, um ste recht anschaulich zu machen: aber auch wenn in dem Bilde von den zwei Nationen die Farben stark aufgetragen sind, um es besonders wirksam zu machen: Vorhän­de n ist die Scheidung, und das ist ein schwerer Krebsschaden unsrer Kultur. Die Ursachen des Uebels sind von vielerlei Art. Zunächst liegen sie im öffentlichen Erziehungswe- s e n. Die Organisation der öffentlichen Unter­lichtsanstalten in den meisten deutschen Bun- tvesstaaten bringt die Scheidung von Kopf und Hkind schon äußerlich zum Ausdruck. In der Volksschule sitzt der spätere Handarbeiter; die mittlere «nd höhere Schule bereitet womöglich noch mit angegliedertenVorschulen" auf die .geistigen" Berufe vor. Jede Arbeit in Ehren, soweit sie Adel und Persönlichkeitswert dem Manne verleiht: Aber sie fordert sofort entschie­den zu kritischer Betrachtung heraus, wenn sie im Kopf ihres Trägers zu sozialen Ue b e r - spannungen und falschen Perspek­tiven führt. In mancher Handarbeit können mehr intellektuelle Werte liegen, als sie viele sogenannte geistige Berufe überhaupt auszulö­sen vermögen. Auf dem Werktisch vieler Hand­werker wird mehr geistig produziert, als auf den Drehstühlen vieler Bureaus.

Aus der Vielgestaltigkeit des Kulturlebens ergibt sich mit Naturnotwendigkeit, daß die Grenze zwischen den Arbeitsdomänen des Kop­fes und der Hand fließend ist, und weil sie flie­ßend ist, darf keine Grenzmarkierung nach dieser oder jener Seite hin soziale Schran­ken aufrichten. Es bleibt wahr, was Gneisenau der Moltke der Freiheitskriege, von Schweden aus über dortige Bauern-Reichstagsabgeord- nete an seine Kinder schrieb: »In Schweden schickt auch der Bauernstand Abgeordnete zum Reichstag, um sich mit dem Könige und den an- bertt Ständen, denen des Adels, der Geistlich­keit und des Bürgerstandes, über die Angele­genheiten des Landes, Krieg und Frieden, Aus­lagen und Handel zu beraten. Wir lang­ten auf dem Hofe des Mannes an, der soeben zu dem andern Tore herintrat. Er trug eine kurze Jacke, ging barfuß und trug seine Schuhe an einem Stock über die Schulter hängend.' Ihr werdet finden, daß man dieses Reichstags­mitglied eben nicht der Kleiderpracht beschuldi­gen kann. Es gibt unter diesem Stande in Schweden oft große Redner, und schon manch­mal haben sie die andern Stände durch ihre sinnreichen Einwendungen in Verlegenheit ge­bracht. Ein Beweis, daß T a l e n t e an keinen Stand gebunden sind, und daß nur die E r- , i e h u n g den Unterschied macht. Darum seid dankbar Eurem Lehrer . . .!"

Gneisenau hat die Schäden klar erkannt, lei­der aber hat er nicht die Freude erlebt, sie be- seitigt zu sehen. Trotzdem ist es eine im na­tionalen Interesse unerläßliche Forderung, daß unser öffentliches Bildungswesen eben jene falsche Etikettierung verlieren muß, die schon Gneisenaus kritisches Auge sah. Es darf nicht in Abertausenden von manchmal recht bescheiden begabten Köpsen die falsche Vorstellung erwecken, als wären sie in eine Her­renkaste hineingebrochen und hätten Ansprüche auf die Privilegien einer solchen. Tie Masse kann nur veredeln, wer der Masse die Ausle­se nach dem Maßstab der Tüchtigkeit gestattet. Es ist grundfalsch (weil es den Gesetzen der Menschennatur widerspricht) sechsjährige Kin­der schon in gewissem Sinne für eine Hantie­rung des .Kopses" oder der »Hand" zu bestim­men. Wir brauchen einen gemeinsamen Unter­bau für a l l e Kinder des Volkes, eine s o z i a. le Volkseinheitschule. in der alle Kräfte harmonisch, die des Kopfes und der Ha«d, entwickelt werden. Die Pädagogik ist wohl in dieser Hinsicht auf dem Marsche, die offizielle Schul- u. Bildungspolitik aber ist ver­schiedene Posttage zurück. Gelingt hier ein ra­dikaler Fortschritt, dann wird auch das .Be­rechtigungswesen" fallen, das heut ganz unhaltbare Barrieren aufrichtet und einen K a st e n g e i st züchtet, dessen verhängnisvolle Wirkungen immer deutlicher offenbar werden.

Das Schlagwort: »Jugendpflege, Volkver- jüngung und nationale Krafterstarkung" ist heut in aller Munde. Ein Baum aber, der ge­pflanzt wird, will sich in fruchtbarem Erdreich unter Sonne und Luft auch dehnen. Darf das die preußische Jugend ? Unter drei Millionen

Jugendlichen von vierzehn bis achtzehn Jahren ind zwei Millionen erwerbtätig. Eine Tätig­keit, die in der Regel besondere Ausbildung er­fordert, üben aus: In der Industrie 451000 und im Handel 63 000 männliche Jugendliche. Für alle, die nicht die Schule mit der sozialen EtiketteEins" und »Zwei" mit ausgehändig- tem »Berechtigungsschein" besucht haben, hört hier (von ganz geringen Ausnahmen abgese­hen) die Hoffnung auf. Und auch die will man jetzt verbauen, wie neuerdings ganz unbegreif­licherweise im seemännischen Beruf der Han­delsmarine, der bisher auch dem Jungen mit Volksschulbildung die Osfizierlaufbahn offen läßt. Im kräftigen Spott, oder wenn er seine Ferien bei gewerblich oder landwirtschaftlich tätigen Verwandten verlebt, sieht heute man­cher von den Stubenhockern hinter dem Schreib­tisch oder auf dem Katheder ein, daß gesundes Menschentum und nationales Kraftbewußtsein nur aus der Harmonie von Leib und Seele entspringen. Englands großer Staats­mann Gladstone fällte in seinen Mußestunden Eichen, und Bismarck sehnte sich Zeit seines Le­bens nach der Tätigkeit in der Landwirtschaft. Richt jeder braucht dasselbe zu tun. aber er soll die Hand nicht minder achten, als den Kopf. Vor allen Dingen muß man das von der offi­ziellen Bildungspslege erwarten, die doch der Grundstock der Volkerziehung sein soll. Soll: In Wirklichkeit ist sie's nicht, denn Volkerzie­hung kann nicht darin bestehen, die Intelligenz der nationalen Gemeinschaft kastenmäßig zu staffeln; sie mutz Gemeingut der Gesamtheit sein, und nur diesozialeVolkseiuheit- s ch u l e ist der Weg, der zu diesem Ziele führt!

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Zer Traum des Friedens.

Weltfrieve und Schiebsgerichtsvertrag.

(Telegraphifche Meldungen.)

Depeschen aus Washington zufolge hat Präsident Taft aus allen Teilen der Welt Glückwünsche zum Schiedsgerichtsent­wurf erhalten. Roosevelt äußert sich in zwei Artikeln in skeptischer Weise über die Schiedsgerichtsbewegung: »Gewisse Uebergrisse ließen sich nicht durch Schiedsgerichte erledigen; die schiedsgerichtliche Beilegung sei auch nur zwischen Nationen möglich, die in der Kultur soweit fortgeschritten seien, daß es ihnen un­möglich sei, solche Uebergrisse zu begehen. Eng­land und die Bereinigten Staaten seien soweit fortgeschritten". Zum Thema: »Weltfrieden" berichtet uns ferner ein Telegramm aus

** London, 19. Mai.

In einer Versammlung der Friedensgesell- chast in der Guildhall erinnerte der Lord- mayor an die Rede des Deutschen Kai­er s in der Guildhall gegen Ende des Jahres neunzehnhundettsieben. Der Kaiser habe in dieser Rede gesagt:Mein Bestreben ist vor allem darauf gerichtet, den F r i e d e n zu erhal­ten. Die Hauptstütze und Grundlage des Welt­friedens ist aber die Aufrechterhaltung von g u- ten Beziehungen zwischen unfern beiden Ländern. Ich werde auch fernerhin dieselben stärken, soweit dies in meiner Macht steht." Der Lordmahor erklärte dann: Diese Wotte sind eine höchst befriedigende Antwott für diejenigen, die denken, daß unser« Freundschaft für das große deutsche Volk nicht erwidert wird. Ich kann mich darum auf die höchste Autorität berufen, wenn ich sage, es finden von feiten beider Län­der Bestrebungen statt, um eine noch dauerhaf­tere Freundschaft zu erreichen, als die ist, deren wir uns glücklicherweise jetzt erfreuen.

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Las Kaiserpaar in England.

(Privat - Telegramm.)

Aus London wird uns depeschiert: Kai­ser Wilhelm legte gestern in Windsor im Frog- more-Mausoleum einen Kranz auf das Grab der Königin Victotta nieder. Im schloß wurde dann der Tee im weißen Wohnzimmer serviert. Kurz nach sechs Uhr nachmittags gingen die Herrschaften dann nach der St. Ge- orgskapelle. wo sie in das Totengemach em» traten. Hier legte der Kaiser einen prachtvol­len Kranz aus Lilien und Orchideen und die Kaiserin einen Kranz von Maiglöckchen aus das Grab König Eduards nieder. Hierauf kehrten die Herrschaften in Automobilen nach London zurück. Morgen erfolgt die Abreise des Kaiserpaares aus London.

Neberraschungen in Acht?

Die neue Wahlrechtsvorlage kommt!"

(Telegramm unseres Korrespondenten.)

Im Parlament am Berliner Königsplatz gab's gestern eine seltsame Ueberraschung: In den Wandelaängen des Reichstags wurde

geheimnisvoll geflüstert und getuschelt, in kleinen Gruppen standen die Erwählten des Volks zusammen, und aus den Mienen der lebhaft sich Unterhaltenden war deutlich zu lesen: Ueberraschungen in Sicht! Und tatsäch­lich scheint es der Fall zu sein. Man höre und tarnte: Der preußische Minister-Präsident von Bethmann Hollweg beabsichtigt, noch vor den Reichstagswahlen eine neue Wahlrechts- Vorlage im preußischen Abgeordnetenhause einzubringen. In der nächsten Woche wird vor­aussichtlich der schon lange schwebende Jni- tiativ-Antrag der Fortschrittlichen Volks- i artet auf Vorlegung eines neuen Wahlrechts- Entwurfes zur Verhandlung kommen, und da­bei dürften sich weitere Aufklärungen in dieser Frage ergeben. Es handelt sich diesmal nicht (wie so oft) um leere Kombinationen, sondern um tatsächlich im Werden begriffene Ereignisse. Es heitzt, daß Herr von Bethmann Hollweg bei seinen letzten Vorträgen beim Kaiser (in Sttaßburg und Wiesbaden) die Wahlrechtsvorlage eingehend erörtert und die Zustimmung des Kaisers zu seinen Plänen erhalten hat. Die neue Vorlage soll bereits fertig ausgearbeitet sein, und es ist wahrschein­lich. daß aelegentlich der Besprechung über die öttschrittliche Interpellation (die etwa Mitte nächster Woche stattfinden wird) die Regierung nähere Mitteilungen über die neue Wahlreform machen wird. *

Wird fie gelinge«...?

(Telegramm unseres Korrespondenten.)

Aus dem Reichstag wird uns berichtet: Die Verhandlungen der verschiedenen Reichs­tagsparteien über die Verfassungs­reform für Elfaß-Lothringen sind gestern abend zum Abschluß gekommen, fo daß die Kommission heute vormittag wieder zusammen­treten tarnt. Der von der Reichspartei ange- sirebte Sprachenparagraph dürste bei fei Ms. r Ree.sarmulierung nicht mehr auf Schwie­rigkeiten stoßen. Ein Antrag auf Wiederein­führung der Pluralstimmen in das Wahlgesetz wird von keiner Partei gestellt und matt nimmt an. daß auch die Verbündeten Regierungen in diesem Punkte Entgegenkommen zeigen werden. Umstritten bleibt lediglich noch die Wohnsitzklausel. Hier wird von der Linken Nachgiebigkeit erwartet. Der Ausgang der ganzen Aktion ist nach wie vor Höch st zwei­felhaft. In den gestrigen sozialdemokratt- schen Fraktionssttzungen zeigte sich (wie man hört) die Stimmung für die Annahme des Kompromisses im allgemeinen günstig unter der Voraussetzung, daß das Pluralstimmrecht endgültig fallen gelassen wird. Unter diesen Umständen dars man aus das Ergebnis der heutigen Kommissionsberatung gespannt fein.

Vier Flieger Katastrophen.

Flugmtfälle und kein Ende.

(Eigene Drahtmeldungen.)'

Die Zahl derO v f e r der Höhen" ver­mehrt sich mit beängstigender Schnelle, und fast immer sind es die gleichen Ursachen, die die Katastrophe herbeiführen: Versagung der Mo­tors, Steuerungsbefekte oder vlötzlich auftre­tende elementare Gewalten. Seit dem ersten Mai waren nicht weniger als zweiund- zwanzig Fliegerunfälle zu verzeichnen, und allein die beiden letzten Tage brachten vier schwere Unglücksfälle. Der erste Unfall ereig­nete sich auf dem Flugfeld van Betheny bei Reims (Frankreich). Ein Privattele­gramm berichtet uns darüber:

$ Paris, 19. Mai.

Ein schwerer Flugunfall ereignete sich ge­stern mittag auf dem Flugfelde von Bethenv bei Reims. Der Aviatiker Pierre Bourni - a u e, begleitet von dem Leutnant Dupuis, befand sich in einer Höbe von ungefähr hun­dert Metern, als plötzlich der Motor versagte. Der Apparat kippte nach vorn über und sauste mit großer Geschwindigkeit zur Erde nieder. Beim Ausstößen auf den Boden sprang der Motor auseinander und ebenso tottrbe das Benzinmagazin defekt, und das Benzin ge­riet in Brand. Als man zu Hilfe eilte, sand man den Leutnant Dupuis als voll­ständig verkohlte Leiche unter den Trümmern, während Bournique an beiden Armen schwere Brandwunden erlitten und außerdem einen Armbruch davongetragen hatte. Die wenigen Augenzeugen der Kata­strophe, unter ihnen der deutsche Flieger Lindpaintner, eilten den AbgeWrzten zu Hilfe. Bournique gab, als man ihn aufhob, noch schwache Lebenszeichen von sich. Er wurde ins Hospital nach Reims überführt, wo er nachmittags um vier Uhr feinen fchweren Ver­letzungen erlag. Der eigentliche Name des Aviatikers, der am vierten März 1888 im El­saß geboren und demnach erst dreiundzwanzig

Jahre alt war, ist Bur nick; er nannte sich aber stets Bournique, um seiner kränklichen Mutter zu verheimlichen, daß er Flüge aus­führte. Als Mechaniker hatte sich Bournique im Juni des Vorjahrs auf einem Wright-Ein­decker das Pilotendiplom erworben. Leutnant Dupuis stand bei einem in NeimS garnifo- nierenben Kavallerieregiment und war gestern zum erstenmal mit aufgestiegen.

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Aviatiker Hucks avgestürzt!

(Eigene Drahtmeldung.).

Aus London wird uns depeschiert: Del Aviatiker Hucks, der vorgestern abend mit einer Geschwindigkeit von einer englischen Meile in der Minute von Filey nach Scarbo­rough flog, wurde gestern von einem schwe­ren Unfall betroffen: Als er im Aeroplan über Filey flog, brach ein Propeller ab und die Maschine stürzte mit dem vorderen Teil voran zu Boden. Hucks erlitt erheb­liche Verletzungen an Kopf und Beinen, soll jedoch keine Knochen gebrochen haben. Die Maschine ging in Trümmer. Der verunglückte Aviatiker wurde in das Spital von Filey ge­bracht. Ein anderer Fliegerunfall ereignete sich gestern nachmittag bei Manchester, wo der Flieger Newman mit einem Bleriot-Appa- rat abstürzte und schwer verletzt wurde. An seinem Auskommen wird gezweifelt.

Englands Armee-LuftschiffBeta".

" (Eigene Drahtmeldung.)

S3 London, 19. Mai.

Der englische ArmeeluftkreuzerB e ta wurde bei Farnborough fast vom selben Schick­sal ereilt wie das Marine-LuftschiffLe- baudy". Als es nach einem gelungenen Fluge auf der Rückkehr befand und nach Wood- lands-Cottage kam, wo derLebaudy" sein Ende gefunden hatte, trieb der Wind den Kreuzer gegen die Telegraphenfeile, die die Haken der Schleppseile erfaßten und festhieltcn. Geraume Zeit war alle Mühe, das Fahrzeug loszumachen, vergeblich. Endlich stellte man die Maschine auf volle Fahrt, woraus der Te- legraphenvfahl mit allen Drähten krachend aus der Erde gezogen wurde und das Luftschiff be­freit davouflog. Das Luftschiff kehrte dann zu seinem Landungsplätze zurück. Es ist in der äußeren Konstruktion bedeutend beschädigt worden, und die Reparaturen werden längere Zeit erfordern.

«Mark «nd Landtag.

Abgeordnetenhaus-Sitzung vom 18. Mai.

Mit achtzehn Stimmen Mehrheit: Hun­dertsechsundsiebzig gegen hundertachtundfunf- zig hat gestern das Abgeordnetenhaus die Vor­lage über dir Feuerbestattung ange­nommen. Diese geringe Mehrheit läßt es immerhin möglich erscheinen, daß das Gesetz in dritter Lesung schließlich doch noch fallt. Indessen ist das nicht allzu wahrscheinlich: Hat­ten die Konservativen die Vorlage ernstlich zu Fall bringen wollen, so würde ihnen dies wohl schon vor der zweiten Lesung möglich ge­wesen fein. Es scheint vielmehr, daß die kon­servative Partei zwar ihrentraditionellen Grundsatz" wahren, der Regierung indessen nicht Schwierigkeiten bereiten will, die im Volk als Kennzeichen der Rückständigkeit gedeutet werden würden und von den Gegnern im be­vorstehenden Wahlkampf gegen die Konser­vativen ausgespielt werden könnten. Daher auch die Milde. Nach der Erlediguna der Feuerbestattung folgte die Beratung der Denk­schrift für das Jahr 1910 über die Handhabung der; . .

Ansiedlung der Ostmark, i

Minister von Sckorlemer: Solange der polnische Volksteil nicht darauf verzichtet, durch Absonderung von seinen deutschen Nach­barn einen Staat im Staate zu bilden, solange kann von einer grundsätzlichen Aende- rung der Stellung der Staatsreaierung in der Polenfrage keine Rede fein. Aber allein auf dem Wege der Ansiedlung und des Kampfes um den Boden kann die polnische Frage nicht gelöst werden. Jeder, der unbefangen die Zu­stände im Osten mit den früheren vergleicht, wird anerkennen müssen, daß ein hervor­ragendes Werk geschaffen ist. Es ist aber unmöglich, was noch vor einigen Tagen in einer Zeitung als Programm des Ostmarken­vereins proklamiert wurde: Die letzte Scholle polnifchen Bodens in deut­schen Besitz überzusübren. Dazu sind wir schon aus finanziellen Gründen nicht in ber Soge. Wer so etwas forbert, verdient den.Namen eines politischen Kurpfuschers. Die Swatsre- gierung will 's-*- -

dem Deutschtum in ber Ostmark die ihm zukommende etettuna und die aus-