Einzelbild herunterladen
 

Nr. 138.

Lister Jahrgang.

r^^WMHMHBnnBKBa

Lsffrler Meueste Kschrichtrn

2- Berlage.

Mittwoche 17. Mai 1811.

Sie Parlamente.

Rcichstaassitzung vom fünfzehnten Mai.

Im Reickstag gebt die Beratung der «c'icdsvcrsicherungsordnuna mit Monotoner Gleichmäßigkeit fort. Gestern be­sann man die Beratungen beim Paragraphen fng der die Aufsicht über die Krankenkassen be- bandelt und bestimmt, daß die Aufsicht über die Krankenkassen dem V e ri ch e r u n g s a mt zu- ftebt. Bei Beschwerden über rechtlich nicht be- arundete Anordnungen bat das Oberversichc nmgsamk zu entscheiden. Bei Bctriebskranken- ;taffen für Reichs- oder Staatsbetriebe kann die Lderverwaltungsbebörde die Aufsicht des Per stchemngsamtes anderen Behörden übertragen. Paragraph 408 wird schließlich unter Ableb nuna eines sozialdemokratischen Antrages, der das _

xerwawiKgsstreitvcrfahren für Beschwerden festltellen will, in der Kommissionsfassung an­genommen, ebenso die Paragraphen 409 und 410.

Es folgt der fechste Abschnitt betreffend die Aufbringung der Mittel. Die Paragraphen 411 bis 422 betreffen die Beiträge. Bei Para­graph 411, der besagt, daß die Beiträge bet der Errichtung von Krankenkassen nur dann höher als 414 Prozent des Lohnes festgesetzt werden dürfen, wenn es zur Deckung der Regelleistun­gen erforderlich ist, beantragt Abgeordneter Schmidt (Soz.) statt 4% Prozent sechs Pro­zent festzusetzen.

\ Abg. Schilfert (fonf.): Wir entsprechen die­sem Wunsch durch einen von uns zu Paragraph 420 eingebrachten Kompromißantrag, wonach im Kalle unzulänglicher Mittel zur Bestreitung der-Regelleistungen der Gemeindeverband die en'arderlichen Mehrleistungen zu tragen hat. Der konservative Antrag wird angenommen und der sozialdemokratische abgelehnt. Sodann wird der ganze sechste Abschnitt angenommen. Ebenso wird der siebente Abschnitt (Kassenver- handssektionen)

nach den Beschlüssen der Kommission 'M ^genommen. Der achte Abschnitt behandelt besondere Berufszweige. Die Paragraphen 444 bis 462 umfassen allgemeine Vorschriften und die Bestimmungen für bie landwirt- schcrftlichen Kassen. Paragraph 447 han­delt von der Befreiung von der Versicherungs- Pflicht auf Antrag des Arbeitgebers. Die So­zialdemokraten beantragen Streichung dieses Paragraphen sowie des Paragraphen 447a. der weitere.Vorschriften für die Befreiung ent­hält.

Abg. Arnstadt (kons.): Durch die Strei­chung dieser Vorschriften würden die verheira­teten Arbeiter lediglich geschädigt. (Vizepräsi­dent Schultz teilt mit, daß über Paragraph 447 namentlich abgestimmt werden soll.» Abg. B u - soldt (Soz.) befürwortet den Antrag auf Streichung.

Abg. Kegler (Fortschr. Vp.) : Durch »diese Paragraphen werden die armen Landarbeiter um ihre paar Groschen Krankengeld gebracht. Hierin liegt

| M-MM eiiie große Ungerechtigkeit.

Die' namentliche Abstimmung über die Bestim­mungen erfolgt später. Auch die Abstimmung über Paragraph 450, sowie über einen dazu vorliegenden sozialdemokratischen Antrag wird zurückgestellt. Paragraph 452 sieht die Herab­setzung des ländlichen Krankengeldes für die Wintermonate vor.

'/ Abg. Zubeil, (Soz.) befürwortet einen An­wag auf Streichung und erklärt, diefe Bestim­mung lasse den Anschein erwecken, als ob bei den Konservativen wie bei der Regierung die Scham zu den Hunden geflohen fei. (Der Präsident- ruft den Abgeordneten zur Ordnung.) M , ...

f. Unter Ablehnung des sozialdemokratischen Antrags wird schließlich der Paragraph ange­nommen, ebenso der Rest dieses Abschnitts bis - Paragraph 462. Die Paragraphen 463 bis 468 betreffend Dienstboten werden in der Kommis-

fionsfassung angenommen,.desgleichen die Pa­ragraphen 469 bis 525. Nächste Sitzung: Dienstag. v

W

Das Landlags-ProgkLMM.

<7 (Telegramm unseres Korrespondenten.)

Zu den Arbeitsdisposiiionen des Abgeord­netenhauses erfährt unser parlamentarischer Mitarbeiter, daß, falls gegen den Vorschlag, die dritte Lesung der Zweckverbandsgesetze an die zweite Lesung anzuschließen, Widerspruch erhoben wird, zunächst die zweite Beratung des Feuerbestattungsgesetzes auf dte Tagesordnung des Mittwoch gesetzt werden soll und die dritte Lesung des Berliner Zweckver bondsgesetzes dann am Donnerstag beraten wird. . , ,, ,

Am aSer Welt.

Russische Kultur- und Sitten-Bilder.

(Von unserm Korrespondenten.)

Jdtillische Bilder von den Sitzungen eines russischen Kriegsgerichts zeichnet (wie uns aus Petersburg geschrieben wird) der Mitar­beiter an der juristischen Zeitschrift in Moskau. Ork der Handlung ist dasWolost-Gericht" in der Stadt Benda. Die Parteien werden zu acht Uhr vormittags vorgeladen. Die Richter erscheinen noch früher. Aus alter lieber Ge­wohnheit besuchen sie aber vorher noch den Nachbar des Gerichts. Bei ihm ist es besser und gemütlicher als im Wolost-Gerichtsge- bäude, denn bei ihm ist ... die Krons- Schnapsbude! Die Parteien erscheinen schon um sechs Uhr und erwarten vor der Schnapsbude die Richter, denn sie wissen, wo diese zuerst zu finden sind. .

Endlich erscheint das »Gericht". Große Auf­regung! Den Richtern sieht man an, daß sie sich mehr mit dem Wodki beschäftigen als mit dem Gesetzbuch. Jeder eilt und drängt zur Schnapsbude, um die Richter zu »begrüßen". Jeder möchte als erster da sein, womöglich un­bemerkt von der Gegenpartei, um ein Gläschen zu spendieren, und die Richter ein wenig gün­stig zu stimmen. Die »Sache" beginnt. Zuerst gibt es noch keine Protokolle und kein Verhör . . . man trinkt ein Gläschen! Man trinkt noch ein Gläschen! Man findet, daß am Mor­gen nach dem Frühstück ein Gläschen sehr gut tut und läßt sich von den Parteien nicht lange nötigen. Jeder bringt ein .Geschenk" herbei, das heißt ein kleines Fläschchen, von dem der Siegellack durch eine sanfte Reibung an der rauhen Mörkelwand abgerieben wird. Man wirft einen zärtlichen Blick auf das Fläschchen, schlägt mit der flachen Hand auf den Boden der Flasche, so daß der Korken herausfliegt. Man hat darin eine große Uebung, und es Meßt kein Tröpfen aus. Dann wirft man noch, einen zärtlichen Blick auf das liebe Fläschchen und überreicht es mit Ueberwindung . . . dem »hohen Gericht" Dieses nimmt ei mit Würde entgegen und beginnt Gläschen .einzuschenken. Nun nimmt die »Audienz" ihren Anfang. Halb schlafend, halb berauscht, nimmt das Gericht die Berichte der Parteien entgegen. Einige Zeugen werden verhört . . . während die Par­teien noch einige Fläschchen trintferfi® machen und sie mit einer artigen Verbeugung dem hohen Gerichtshof überreichen. Endlich findet der Vorsitzende, daß man zum Wolost-Gericht gehen müsse, um dort die Geschäfte zu erledigen. Hier beginnt nun die Sitzung. Nach einigen Minuten schläft der erste Richter ein. dann der zweite und dritte. Nur der Geschäftsführer wacht die ganze Zeit und sucht ab und zu sei­nen Nachbar, den Richter, mit einem sanften Rippenstoß wieder zu wecken.Zur letzten Klage- fache wachen alle nach und nach auf, und die Verbandlung wird schnell erledigt, meist aller­dings vom Geschäftsführer allein, denn die Rickter haben., sich meist schon zum .Nachbar" zurückbegeben, um die vom Morgen nachaeblie-

denen Reste zu vertilgen. Morgen findet wie­der eine sogemütliche" Sitzung statt . . .

;"*** .' -in-

** Die Komödie der Irrungen. Ein eigen­artiger, halb tragischer, halb komischer Zwi­schenfall hat sich im Reichstag bei einer der vielen namentlichen Abstimmungen der vori­gen Woche zugetragen. Ein Abgeordneter, Herr X., vergriff sich bei der Entnahme der Abstimmungszettel und gab eine Karte ab, die den Namen seines Nachbarn und Frak­tionskollegen, des an diesem Tage nicht in Berlin weilenden Herrn ?)., trug. Tie Folge war zunächst, daß Herr X., trotzdem er in der Anwesenheitsliste stand und den ganzen Tag fleißig mitgearbeitet hatte, um die Üblichen 20 Mark kam, da er nach Ausweis des Proto­kolls und der Abstimmungskarten sich an der Abstimmung nicht beteiligt hatte. Herr B. wiederum mußte ebenfalls die 20 Mark zahlen, da zwar seine Abstimmungskarte abgegeben, sein Name aber nicht in der sogenannten .Lohnliste" stand. Das Unangenehmste aber kam noch: Herr B- batte eine wichtige Ver­handlung mit einem Geschäftsfreund in Berlin mit der Begründung versäumt, er könne an diesem Tage nicht in der Hauptstadt sein. Der Geschäftsfreund los nun aber in der Zeitung, Herr ?). habe an der namentlichen Abstimmung teilgenommen und reagierte darauf alsbald mit einem groben Brief, in dem er ihn der Unwahrbeit zieh und alle Geschäfts- verbindüngen abbrach, sodaß Herr U. auch noch einen weiteren recht empfindlichen Schaden erlitt. Es bleibt nur zu hoffen, daß die Folgen einer so unangenehmen Verwechs­lung sich doch noch werden beilegen lassen.

** Sic mein überallesgclibicr . . .!" Ein Liebesbrief, der von einem Besucher des Mai- Jahrmarktes in Hannover verloren wurde und auf den Redaktionstisch eines braun­schweigischen Blattes verweht worden ist, wird in den Spalten des genannten Blattes veröffentlicht. Da wir auch unsere Leser mit diesem Produkt eines übervollen, »gebildeten" Mädchenherzens bekannt machen wollen, sei hiermit der Wortlaut des poesievollen Schrei­bens wiedergegeben: »Sie mein überallesge- libtcr!!!!! Iciter ist der jubel und truwel von dem schönen Jarmarkt fortüber, wo Ich zu feste dachte mal sie zu tröffen. Aw er Ich bawe sie nich gesen filleicht sind wir intet unten» Andetnumetumanet gelaufen. Ich hatte eckcks- stra meine Fräundin mitgenomen. Wir baten otebeine Egaale Spottz bitte auf Ich schtke ihnen Anbei Meine komvormatschonzvotegra- vib. Es sind ja Ru schon 7 jäte hähte. Ich scejetzt ja Ru schone bisjen Annders aus, wen sis wünschen, bene lasze Ich mich in die Nächste Zeit noche-Malvotegravihern, bounc Nach 7 jähre siet man ja schon vihl Annders aus. Ich bin ement grabe beim vensterpuuzen Unb Meine Dame muß gleich zuhause komen unb kann Nu Nich mecr schreiben, hosfentltch tröffen Met uns Aber Nun baltemal? schreiben sih doch Nu batonal Mit vihlen Grüßen u. K. . . bin Ich ihre Dora B. !!!!! Bitte nochemaltausenbmal um eutschulbigung hinter bas Bitt is Meine heihmaht bisjen fett hinter getonten D. B."

** Die Hundertjährige vom Bayernwald. In den letzten Jabren war (wie atts Muttchen berichtet wird) in einheimischen unb auswärti­gen Blättern Wundersames über eine Bän e - rin im Bayerischen Wald zu lesen, die weit über hundert Jahre alt sein sollte. Auch wur­den rührende Geschichten über die traurige Lage bet alten Frau, bie »nichts mehr zu essen habe", erzählt. Der bekannte bayrische Dicktet Maximilian Schmibt, selbst ein Bayriscbwäld- let, machte sogar ein etgreifenbes Gebicht auf bas Weiblein, bas bettelarm sei, unb rief bie Nächstenliebe um Hilfe an. Selbst in amerika­nischen Blättern wurden diese Historien und bas Gebicht Maximilian Schmidts weit ver­breitet. Die Hilfe blieb auch nickt aus: Lebens­mittel in Hülle unb Fülle wurden an den Pfar­rer iener Walbgemeinde geschickt unb bares Geld dazu, bis beinahe 4000 Mark zu sa nun en waten. Auch aus dem Ausland waren nette

__»1 I ..................................iiinimmu ........minim II

Sümmchen gekommen. Daneben gab es frei­lich auch Briese mit dem Ausdruck der Entrü­stung, baß Staat und Gemeinde ein UOjähtiges Weib (so alt sollte das Weiblein sein!) hun­gern ließen. Niemand aber zweifelte an den 119 Jahren, jeder Zeitungsleser glaubte es, nur daß sich manche vielleicht wunderten, baß man in unserer Zeit noch so alt werden könne. Die atme Waldböuerin ist inzwischen gestorben und jetzt wird durch das Pfarramt festgesteltt, daß sie zwar eine seht alte Frau war, aber nicht 119 Lenze, sondern nur ... 83 erblickt hatte! Ihr Name warJosefa Eder", der wirkliche Name Weisdäupl. In Böhmen ge­boren, wat sie nach Bavern ausgewandert und hatte dort mit 41 Iahten im Jahre 1869 einen beinahe 70jährigen Wätdlet geheiratet. Ver­wandte batten stets von dem hoben Alker er­zählt, und so entstand allmählich das Märchen von der119jährigen Waldbäuerin", die an ihrem Lebensende noch einmal solche Freuden erleben sollte.

** Tragödien des Lebens. In Neustre­litz bat der 35jährige frühere Landwirt Aly seine Frau und sich selbst erschossen. Tas Ehe­paar hinterläßt zwei Mädchen im Alter von 9 und 6 Jabren. Alv, der Reserveleutnant wat, batte die Landwittschast erlernt, und mar frü­her in Sophienhof Gutsbesitzer. Dort heiratete er die Tochter eines benachbarten Gutsbesitzers. Das Verhältnis zwischen ihm und den Schwie­gereltern wurde in letzter Zeit sehr gespannt; deshalb zog Alv mit seiner Familie nach Neu­strelitz, wo er Versicherungsagenturen über­nahm. Er hatte häufig mit seiner Frau scharfe Auseinandersetzungen wegen eines ihm be- sreundeten Gutsbesitzers aus bet Nachbarschaft, der in seinem Hause verkehrte. Auch am Tage vor der Katastrophe fand wieder ein Streit zwischen den Eheleuten statt. In der Nacht wat Alv nicht zu Hause. Früh kehrte er in Be­gleitung des Gutsbesitzers zurück. Kurz vor elf Uhr vormittags soll die Tat geschehen sein. Nach anderen Gerüchten soll finanzielle N 01 die Ursache der Ehetragodie sein. Die verwaisten Kinder wurden zu den Eltern der Mutter gebracht.

** HaitisGroßadmiral" a. D. Wir berich­teten vor einiger Zeit über die Ernennung des Reserveofsiziers der deutschen Marine. Kapi­täns Willv Mevet aus Frankfurt a. £., zum Oberstkommandierenden der maritimen Streitkräfte der Negetrepublik Haiti. Leider hat bie Herrlichkeit nicht lange gedauert, denn wie ein Telegramm meldet, befindet sich Kapi­tän Mever bereits wieder auf der Rück­fahrt nach Deutschland. Auf Veran­lassung des Präsidenten Simon traf Herr Mever letzten Januar in Port au Prinee ein, um bas Kommando über den von Italien an­gekauften Kreuzer dritter KlasseUmbria", der bereits den stolzen NamenAntoine Simon" erhalten hakte, zu übernehmen und die Flotte von Haiti zureorganisieren". Aber dieUm­bria" war von der italienischen Regierung, da die kontraktlich vereinbarte Zahlung aus Haiti ausblieb, tu Genua zurückgehalten worden, und angesichts der beiden sonst noch in der Republik vorhandenen, mehr als reparaturbedürftigen KanonenbooteL'Eelaireux" undVertiers" gab es für Herrn Meyer bei seiner Ankunft nichts zureorganisieren". Rach einer etwas heftigen Szene mit dem Marine- und Kriegs­minister. General Marins, blieb Herrn Meyer nichts weiter übrig, als sich Visitenkarten mit dem Zusatz »Großadmiral a. D." drucken zu lassen unb sich auf dem nächsten deutschen Dampfer wieder einzufchisfen. Da er aber feine einträgliche Stellung bei der Hamburg-Ameri- ka-Linie vorher niedergelegt hatte und die Re­gierung von Haiti weder auf Gehalts- noch auf Penstonsansprücke reagierte, so stehen bie Dinge augenblicklich so, daß man die Erledi­gung des eingetretenendiplomatischen Zwi­schenfalls" zwischen Haiti unb Deutschland noch gar nicht absehen kann.

DieCasseler Neueste Nachrichten" sind unter Nr. 951 und 952 an das Fernsprech­netz angeschlossen.

Mer oder Tee?

Bon Zos. -

' Er sei nervös . . . sagten sie.

- Jawohl, er müsse einmal cmsspannen . . . bler Wochen lang keine Bücher sehen! Zur Natur zurück!

> Den letzten Gedanken tat er mit einem Mücheln ab. Als Chemiker wurzelte er eigent­lich in der Natur. Aber er hatte sich so in Formelkram eingesponnen . . . war engherzig und stubenblaß geworden über der großen, wissenschaftlichen Arbeit, bie ihn seit einem Jahr beschästtgte. Richt mehr der herrliche Rensck mtt dem wett ausschattenden Blick! , Er selbst fühlte die Depression.

- 'Zuerst hatte er mit sachlicher Ruhe gear­beitet. Dann, als ihm das Werk zu langsam borwätts schritt, war er ungeduldig, rücksichts­los geworden. Mit Feuereifer setzte er sich da­hinter und schnitt glänzend ab. Doch dem Schlüsse zu übericm ihn eine Art Reaktion. Run ging es nur noch stoßweise. Immer wie­der lauschte er . . . auf irgend etwas . . . und fand, baß es still um ibn her geworden war.

Wohl härte er ab unb zu das Rascheln eines Frauenkleides . . . doch bie Stimme, bas Lachen horte er nur selten.

- Also war auch seine Ehe ein verunglücktes ^Experiment? .

Leben-sre'che, leichtsinnige Impulse nicht er bei seiner jungen Gattin ... und sie um­schwebte ihn wie eine Märtvrettn. Zuweilen ftiea er au« den abstrakten Höben seiner Wis­senschaft herab unb urteilte rein menschlich: Eine zwanzigjährige Frau von der SSelt ao- fperren . . . sie gewissermaßen etttkapieln . . . und amüsante Laune von ihr fordern: bas sind Gegensätze, die sckross aufeinander prallen.

Begreiflich, daß sie mit der Miene einer gekrankten Fürstin herumging, unb ichmerzvoll bie Augenbrauen zusammenzog, wenn ne kurz

vor dem Abendessen lautlos'hereinschwebte, um die Frage binzuhauchen: »Bier oder Tee. . .?" ' <4.

Immer dieselbe Frage!

Totsicherer konnte kein Stiftern sein. Ge­nauer konnte keine Uhr schlagen, fahrplan­mäßiger konnte kein Zug cinfobren, als diese Frage fünf Minuten vor Beginn des Abend­essens.

War er tatsächlich überarbeitet? Mit dem Bück des Pathologen beobachtete er sich und stellte wett vorgeschrittene Reurastbenie fest. Sobald die Teller im Eßzimmer klapperten und da§ Gas am Selbstzünder emporhuschte, überfiel ihn. ein nervöses Angstgefühl, zerrte und guätte ihn, bis die wohlbekannten Schritte sich dem Schreibtisch näherten und ein paar leise Worte sich ihm ins Cbr schmeichelten: Sier ober Tee . . .?"

So also sah seine Ebe aus!

Das war ans der süßen, kleinen Lisa ge­worben, die er bie Sonne seines Lebens ae- nannk. Keine Schelmerei mehr, keine Zättlick- kcit! Allerdings, das bunte er nicht vergessen, daß er sie ein paarmal reckt energisch ans dem Zimmer gewiesen . . . und daß er sogar ein­mal grob geworden war, als sie um einen Kutz bettelte:Törichtes Kind, denkst du, ich habe immer Zeit zum Küssen?"

Richt plötzlich hatte sich diese Wandlung vollzogen. Ganz allmählick war sie verstummt . . . immer seltener schritt sie über die Schwelle seines Zimmers . . . immer seltener richtete sie das Wort an ihn.

Erst als bie Kluft da war. empfand er Jie.

Dieses »Nebeneinander"! Er schüttelte sich. Frei sein! . . .

Ja. so wttd's geschehen," knurrte er zwi­schen den Zähnen, denn das Pläncmachen stimmte ihn gar nicht luftig . . .sobald die letzte Korrektur beendet ist. gehe ick auf unb davon. Nickt in ein einsames Rest, wie es mein lieber Tottor wünscht, sondern mitten in

das internationale Getriebe hinein: Ostende

. . . Trouville . . . das erfrischt und strafft die Nerven!Unb sie?" . . . knurrte er noch grim­miger, warf bie Zigarette burchs Fenster unb sing an zu wanbern.Sie wird ein paar Wochen zu ihren Eltern aufs Gut gehen. Viel­leicht muntert sie im Kreise ber Geschwister auf . . . vielleicht wirb sie wieder ein so lusti- aes Vögelchen." . . . Der Regen summte Er­innerungen. Auch damals regnete es Tag für Tag. als sie von München aus in die Berge gin­gen. Aber ihre Herzen schlugen so alücttick unter den Lodeneapes. und das Kindergesicht der jungen Frau blickte alle Tage runder und rosiger aus der grauen Kapuze.

Wer ihm gesagt hätte, baß sie beibe einmal

verstummen würden!

Achselzuckend drehte er das Porträt der jungen Fran um, bas auf seinem LchretbMck stand. Lächerlich. . . daß er jeden Abend dem selben Rervenckok batte, schwieg, und mit enter leidenschaftlichen Empfindung kämvtte. -tu wußte er nicht, ob es Haß ober Liebe war. Tas Gefühl ainq und kam wie Ebbe und Flut. Der Wunsch, sie zu rütteln, MR sie vor ^eftme - zen schrie . . . unb bann ber Wunfck, ne ,u l..b-

tP,e,3unt Glück besaß er bas Talent, chic flie­henden Gedanken zu fassen, unb UW « mitten in seiner seelischen Erregung über Gerb stosse und Alkalien . . . salpeiersaurc Getchtch ten, bie ibn selbst reizlos bünficn.

Tellerttappern. Wiederum war es mit seiner Andacht zu Ende. Ein paar Mmuten noch dann sah er in das bleiche, zürnende Ge­sicht unb hörte bie Worte, bie ihn zur Ver­zweiflung brachten . Houk muß cs zur Explo­sion kommen! Lieber trennen . . . scheiden . . . auseinander . . . lieber Haß unb Tob, als bi.se lauwarme Gleickgültigkett!

Seine Feder stockte, als er den feinen Duft atmete, ber wie eine Wolke über ihn hinzog. Trotz des Zwielichts gewahrte er, daß es weiß

und seidig hinter ihr schleppte. - Warum hatte sie so festlich Toilette gemacht? . . . Wollte sie nach dem Essen noch ausgehen . . .?

Er ließ die Feder über bas Papier rasen. Was kümmerte ihn diese Fran, die alles daran setzte, seinen Lebensnerv zu unterbinden?

Ober war es am Ende bas diinn-seibens Morgenkleid, bas sie in den ersten Wochen ihrer Ehe getragen . . .? Damals in München. Wie hatte er sie bet gölten in dem Kleide, das den Racken tief entblöße unb wie die Toga einer Griechin an ihr Hinabfloß. Später Hatte sie es fortgebängt . . . wohl, weil es für den Alltag zu schade war...

Er lountc nickt weiter schreiben, bemt'cin weiter Spitzenärmel fiel mitten auf bas Manu­skript. Zur rette blinzelnd, sah er den schonen Arm, von dem ber Aennel zttrückgeglitten war Heiße Wellen überrieselten ihn als er fühlte' daß Lisas küble Wange sich an bie seine' schm.egte . . . ihr Arm sich zaghaft unb doch zärtlich um seinen Hals legte.

Halbgefcklostcnen Auges verharrte er 'in ber Hypnose . . . fühlte, daß ihre warmen Zip­pen/tch, zu seinem,Ohr bintafteten . . . richtete sich straft . . . und sank zusammen bei ihrer leist hingehauckten Frage:Trinken . . . wir heut . .. ein Glas Wein zusammen?" 5

Er batte das Steuer über seine Gedanken verloren, riß sie an bet Schulter herum, daß sie zitterte, biß die Zähne zusammen, und küßte küß" ' ' ' roic,cin Varr ober ein Verdursteter

Er behielt sie int Arm, - während er den £srcr vom Apparat nahm, um feinen Verleger anzuklingeln:Die letzten Bogen kann ich erst morgen schicken ..."

T-nn in seinem Kopf waren nur ein paar pchtove Gewißheiten: daß er nicht allein nach Trouville gehen würde .. . daß es heut weder Bier noch Tee gab . . . und dak er heut keine Zeile ll'chr schreiben würde .

E n de.