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Nummer 129

! Jahrgang

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Ä hessische MmLMuag

Casseler Mmcheitung

Fernsprecher 951 und 952,

Fernsprecher 951 und 952.

Sonnabend, den 6. Mai 1911

Die neueste Aero-Katastrophe.

Englands Militärluftschiff verunglückt! (Eigene Drahtmeldung.)

AZ Rom, 5. Mai.

Als sich am letzten Freitag der Kaiser in Genua von der NachtHobenzollern" zum Zuge begab, schleuderte ihm ein Unbekannter ein Paket Dokumente vor die Füße. Unter dem Publikum entstand eine Bewegung, da nie­mand begriff, was der Wurf bedeuten sollte. Das Paket wurde von Polizisten aufgehoben und dem kaiserlichen Adjutanten überreicht. Es enthielt, (wie jetzt dieTribuna" berichtet), eine Darlegung, in der die in Genua wohnen­den Verwandten des verstorbenen Ritterguts­besitzers und Landrats Birkner, des Schenkers des Gutes Eadinen an den Kaiser, ihre Rechte auf das Gut geltend machen. Ihre Wünsche nach außergerichtlicher Beilegung der Angelegenheit seien bisher nie an den Kai­ser gelaugt. Sie hofften, auf diese Weise zu

merkuNgen, wie er sie in seinem ganzen Leben noch nicht gehört habe. Er müsse sich überlegen, ob ein solcher Abgeordneter bei Sinnen fei." Abgeordneter Weber rief wäh­renddem in den Saal hinein: Frechheit! Das Intermezzo verursachte im ganzen Hause starke Erreg»ng, und der Vorfall fall in der heutigen Sitzung zur Erörterung gelangen.

DieTaffeier Neueste Nachrichten" erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar abendS. DerAbonnementspretS beträgt nwnallich50 Pfg. bet freier Zu. st-llung inS HauS. Druckerei, Verlag tu Redaktion: Tchlachthofftratze 28/30. Berliner Vertretung; SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV. 676.

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Köln, 5. Mai.

Die französische Sprachlehrerin Thirion ntadMc sich zunächst dadurch verdächtig, daß sie ' zu mehreren hiesigen Offizieren in Bezie­hungen treten wollte. Die Offiziere machten ihren Vorgesetzten von den Annäherungsver- ' suchen Mitteilung, worauf die Dame beobachtet wurde. Nachdem man sie auf ihren Reisen ge­nau überwacht und das nötige Beweismaterial gesammelt hatte, schritt man zur Verhaftung. ; Es ist für die Untersuchung außerordentlich stö- : rend, daß die Verhaftung vorzeitig be- : kannt geworden ist. Die Dame leugnet un- ausgesetzt, das Beweismaterial ist aber derart überzeugend, daß ihre Schuld als nachaewiesen anzusehen ist. Es darf auch als festgestcllt er- ' achtet werden, daß die Verhaftete mit einer , französischen Nachrichtenzentrale in

da niemand Verletzungen erlitten hat, außer einigen Hautabschürfungen und leichten Kon­tusionen am Kopfe. Auch das mit großer Heimlichkeit erbaute lenkbare Luftschiff der englischen Marine, bei dessen Konstruktion verschiedene wichtige neue Ideen zur Ausführung gebracht wurden, ist einem ernsten Unfall zum Opfer gefallen, doch ist nä­heres hierüber bisher nicht zu erfahren gewe­sen, da die Marinebehördcn sich über die Ein­zelheiten des Unfalls nicht auslassen und auch den Unfall selbst nur als eineleichte Störung" bezeichnen. In Wirklichkeit soll aber das Ma­rineluftschiff durch ein Unglück bei der ersten Versuchsfahrt völlig zerstört worden sein, und wie man hört, sind auch Personen dabei zuschaden gekommen.

Politik und Mole.

Intermezzo im Reichsland - Parlament.

W Wir haben mit einigem Staunen gesehen, Hoß gelahrte Professoren einen erbitterten Re­genschirm- und Faustkampf ausfochten, weil der jüngere die vom altern seit Jahren sorglich ge­hütete Ordnung im Utensilienschrank pietätlos gestört hatte; wir haben es erlebt, daß greise . Senioren wegen scherzhafter Bagatellen zur , Mensur stiegen, und nun erfreut uns auch noch dieP o l i t i k mit einigenUeberraschungen seltsa­mer Art. Im Reichsland spielt das Intermezzo, in demselben Erdenstück gemischter Zunge und variabler Nationalität, über dessen politische " Qualitäten in den nächsten Tagen im Reichs­haus von neuem hitziger Kampf entbrennen soll. Kurz derTatbericht": Der Abgeordnete des reichsländischen Landesausschusses, Herr B l u m e n t h a l, ist vom Polizeipräsidenten in Metz, Herrn Baumbach von Kaimberg, ! eingeladen worden, ein paar Gänge auf gezo­gene Pistolen zu wagen, weil (wie man hört) Herr Blumenthal im Landeskämmerchen gele­gentlich der Debatte über die peinliche Lorrain sportive-Affäre das Verhalten der Polizei in einer Weise kritisiert haben soll, daß der Poli­zeipräsident von Metz glaubte, annehmen zu müssen, der vom Elsässer Volk Erwählte habe das Ansehen der Polizei in der Oeffentlichkeit planmäßig üerabsetzen und den Chef der ' Obrigkeit lächerlich machen wollen. Infolge­dessen schickte Herr Baumbach von Kaimberg dem Geschwätzigen seinen Freund, den Kreisdi­rektor von Gemmingen, ins Haus, der in der Brusttasche des schwarzen Rocks die verhäng- pisvolle Pistolen-Botschaft trug.

Vorher gab's noch ein Zwischenspiel: Rach der Lorrain spartivs-Debatte im Landesans- schpß, in der Herr Blumenthal alle Register der Kritik vollwuchtig zur Krastentfaltung gebracht hatte, richtete der Polizeipräsident an den Mann des Parlaments einen Brief, in dem er in einer, unter Leuten von Bildung üblichen Satzfügung darauf hinwies, daß die Lächer- lichmachung eines Beamten den Rahmen berechtigter parlamentarischer Kritik weit Überschreite, und sich als persönlicher Angriff unterm Schutz der Immunität qualifiziere. Herr Blumenthal beantwortete diesen Brief (ohne auf den Fall selbst einzugehen) mit dem Hinweis auf die parlamentarische Redefrei­beit, die nicht beschränkt werden dürfe, und lehnte irgend eine, den Fall präzisierende wei­tere Erklärung im Parlament ab. Eine darauf­hin erfolgte Vorstellung beim Untcrstaatssekre- tär Mandel blieb erfolglos: Man erklärte dort kühl, sich in die Intimitäten des Handels nicht einmischen zu können, da der Fall zu einer Maßnahme der Art keinerlei Handhaben biete. Was tun? Der vom Volk ins Parlament Ent­sandte ist in seiner Wirksamkeit als Tribun in­nerhalb der Mauern der Redestube immun, und keine Fingerspitze der Justiz reicht über den - Grenzstrich parlamentarischer Erterritorialität hinaus. Blieb noch: Die P i st o l e! Und der Kartellträqer klingelte bei Herrn Blumen-

-7 ihal . ..

E Der Fall gibt einigermaßen zu denken. Im ' Rcichsland-Parlament ist man geneigt, die Ein- - ladung zum Pistolen-Rendezvous aus Anlaß I einer, in Ausübung parlamentarischer Pflicht V ausgesprochnen Kritik als einen Angriff aus die, g. den Erkornen der Volkgemeinschast verfassUngs- | mäßig gewährleisteten Freiheiten zu taxieren, - den mit aller Entschiedenheit und einmütiglich : abzuwehren das Parlament verpflichtet sei. E Das Gremium der Volkerwählten habe die - Aufgabe, darüber zu wachen, daß innerhalb des " Geltungbereichs reichsländischer Interessen : nichts geschehe,, das geeignet erscheine, entgegen dem Willen des Gesetzes Schaden zu zeugen, | und es dürfe demnach auch als Aufgabe des i Parlamentssassen Blumenthal erachtet wer- : den, am Verhalten der Metzer Polizei in einem L Falle Kritik zu üben, dessen ganze Eigenarten ! und Intimitäten der Oeffentlichkeit hinreichend . Anlaß zu berechtigter Erregung gegeben hät- I ten. Wolle Herr Baumbach von Kaimberg diese t Privilegien und Pflichten mit der Pistolenkugel durchlöchern und die friedliche Eintracht reichs- t- ländischer Parlamentsarbeit durch den Lärm ei- ner Schießparade stören, so sei dann eine An- | tastung heiliger Rechte und ein Vergehen gegen ? die gesetzmäßige Ordnung der Dinge zu erblik- ; ken, das strenge Gerechtigkeitübung heische. Es - blieb also nur noch übrig, daß die Herren Baumbach von Kaimberg und von Gemmingen sich der Justiz als Sünder offenbarten. Und das ist (der Vollständigkeit halber) inzwischen auch aeschebn.

Wie uns aus London berichtet wird, unternahm das MilitärluftfchiffLe- b a v d h", das im Oktober nach der Fahrt von Paris nach Aldershot verunglückte, gestern wieder seine erste Versuchsfahrt. Bei dem Ab­stieg verlor der Führer die Herrschaft über das Luftschiff, das sich in einen Baum verfing und mit lautem Knall platzte. Es liegt gänzlich zertrümmert da. Die sieben Mann starke Besatzung ist mit genauer Not davongekom­men. Ein neueres Telegramm berichtet uns über das Unglück folgende Einzelbeiten:

S3 London, 5. Mai.

Das lenkbare MilitärluftschiffLebau- d h", das gestern in Gegenwart von mehreren Tausend Personen nach langer Zeit wieder Flugversuche unternahm und mehrere Passa­giere an Bord hatte, ist durch einen Unfall völlig zerstört worden. Der Ballon hafte bereits stundenlang mit Glück Hebungen vergenommen und stand eben im Begriff zu landen, als er ansing, sich zu drehen, wobei er sich stark zur Erde neigte. Die Besatzung warf Seile hinab, doch gelang es den unten­stehenden Soldaten nicht, diese zu fassen. Schließlich wurde der Ballon gegen einen Baum gedrückt. Die Ballonhülle zerriß und der Ballon platzte mit furchtba­rem Knall. Die Hülle bedeckte vollständig eine Billa, deren Dach stark beschädigt wurde. Das Gerippe des Luftschiffs und der Tragkorb sind so stark verbogen, daß eine Reparatur u n - m ö g l i ch ist. Die sieben Personen, die sich an Bord befanden, sind alücklick davongekommen,

ihrem Rechte zu kommen. Die vermeintlichen Erben versichern in dem Dokument, Landrat Birkner habe sich zur Zeit der Schenkung in einer deraftigen Verfassung befunden, daß er keinen gesetzlich gültigen Akt habe vollziehen können. Der Kaiser sei ohne Aufklärung darüber gehalten worden und wisse weder von der Existenz der Erben, noch von der Mor­phiumsucht des Schenkers. Die Tribuna mel­det nicht, ob die Polizei den Urheber der Bitt­schrift verhaftet hat; es scheint aber nicht der Fall zu sein, und es ist auch seitens der Um­gebung des Kaisers nicht ein derartiges Ver­langen gestellt worden, vielmehr hat der Kai­ser, wie'man hört, angeregt, daß die Ansprüche der vermeintlichen Erben auf ihren rechtliche« Wert geprüft werden sollen.

Verbindung gestanden hat, der sie regelmäßig Bericht erstattete, und deren Jnformatton of­fenbar auch die verschiedenen Reisen nach Pa­ris gegolten haben. Don zuständiger militä­rischer Seite wird übrigens erklärt, daß keine Angehörigen der Kölner oder Weseler Garni­son zu der Thirion in näheren Beziehungen gestanden haben, sondern daß sofort, nachdem das Treiben der Dame verdächtig wurde, und ihre Annäherungsversuche an Offiziere auffie- ken, seitens der Beteiligten den vorgesetzten Kommandostellen Mitteilung von den Wahr­nehmungen gemacht worden fei.

Schicksalr-Wege.

Budapester Gesellschafts-Sensationen.'

Einer der bekanntesten ungarischen Aristo­kraten, der als Präsident des exklusiven Park- klubs die erste Rolle in der Budapester Gesell­schaft gespielt hat, ist.(wie uns aus Budapest berichtet wird) finanziell vollständig niederge- brachen: Luxus, Jagden und vor allem un­glückliches Spiel an den Baecarattischen des Rattonalkastnos haben den Grafen Paul Szäpärh ruiniert. Von dem ererbten im­mensen Güterbesitz ist nur noch Särokujfalu im Eisenburger Komitat übrig geblieben und auch dieses erstickt unter der Last der Hypotheken, die darauf ruhen. Nicht lange noch, und auch Särokujfalu wird nicht mehr den Szäpärys ge­hören . . . dieser Herrenfitz, auf dem einst ein Fest das andere jagte, wo als Gäste russische

Großfürsten und englische Herzöge aber niemals Vertreter der einheimischen Fi­nanzaristokratie zu sehen waren, an die sich in­des der junge Graf schneller, als er geglaubt, um Hilfe wenden mußte, als es abwärts ging. In Ungarn existiert eine Anekdote von einem Fürsten Grassalkovich, der den Weg von der Ofener Burg bis zum Schlosse von Gödöllö, vierzig Kilometer, fünf Spannen hoch mit Salz bestreuen ließ, um Maria There- s i a zur Sommerszeit auf einem Schlitten fah­ren zu können. Graf Pauf Szäpäry, der in intimen Kreisenedes Pali,liebes Paulchen, genannt wird, wollte ein Grassakovich wenig­stens en miniature sein: Einst befand er sich in Nizza in Gesellschaft des Prinzen von Wales, des späteren Königs Eduard, als dieser die Bemerkung machte,

die ungarische Zigeunermufik sei ihm die liebste, seit er sie einmal im Buda­pester Rattonalkasino gehört. Ohne zu zögern, richtete Graf Paul an den Zigeunerprimas Radics Bsla das lakonische Telegramm: Komme hierher mit ganzer Kapelle per Extra- zug!" Und sechsunddreißig Stunden tväter überraschte Szäpäry den Prinzen von Wales mit den Klängen ungarischer Zigeunermufik. Graf Szäpärh war aber auch seiner Frau ge- genüber der nobelste Kavalier. Als sie, eine geborene Komtesse Henriette Pred- w i e ck a, während eines Aufenthalts auf einem ihrer Güter in Russisch-Polen den Wunsch äußerte, dem unfreundlichen nordischen Winter nach der Riviera zu entfliehen, stellte ihr bei galante Gemabl binnen wenigen Stunden einen Separatzug

von Warschau nach Mentone zur Verfügung, und dieser Zug durfte nur bei Tage fahren, mußte aber nachts rasten, dänrit Gräfin Heckiiette ungestört ruhen konnte. Das Unglück Szäpärvs wollte es, daß seine liebens­würdige Gemahlin die gleiche Geldverach­tung an den Tag legte wie er selbst. Die Grä­fin batte nickt bloß die schönsten Equipagen und Pferde, sondern auch die meisten . . . P a - radekutscher unter allen Aristokratinnen: Fünf ungarische, einen deutschen, einen rinn- scheu, einen französischen, einen englischen und einen italienischen! Denn ihre Gäste aus aller Herren Ländern sollten immer auf einen Kitt- icher ihrer heimatlichen Zunge rechnen dürfen. Das Grasenpaar wurde natürlich von der Die­nerschaft

auf Schritt und Tritt geplündert.

Einmal batte Szäpärh nach der Rückkehr von einer Reise von wenigen Wochen für seine Die­nerschaft eine Fleischerrechnung von achttau­send Kronen zu bezahlen, ein anderes Mal mußte er den Preis für ungezählte Säcke fein- sren Weizens erlegen, die angeblich zur Fütte­rung einiger Fasanen gebraucht worden waren. Das Schicksal des einst so flotten Szäväry fin­det große Anteilnahme, weil dieser Aristokrat bei all seinen Fehlern auch sympathische Seiten - hat, und die uügarifche Hoch-Aristokratie, die doch sicher an Glanz und Prunk gewöhnt ist, und (ähnlich wie die Nabobs im Dollarland) die Ertravaganzen liebt, durch einen gewissen ritterlichen Zug in seiner ganzen Lebensart i vorteilhaft repräsentierte. Der jetzige Zusam- : menbruch des Grafen bildet in der Budapester t Gesellschaft das Tagesgespräch und weckt auf-

Madame Thirion.

Die Affäre derSpionin von Köln".

(Eigene Drahtmeldungen.)

Ein Privattelegramm berichtet uns aus Köln: In der Affäre der verhafteten fran­zösischen Sprachlehrerin und Spionin Madame Thirion haben gestern wieder zahlreiche Vernehmungen stattgefunden, und es gewinnt immer mehr den Anschein, daß die Affäre weit größeren Umfang hat, als ursprünglich angenommen wurde. Sicher ist jedenfalls, daß die Dame mit einer ganzen Reihe von Perso­nen in Verbindung gestanden hat, von denen sie erwarten durste, daß sie ihren Zwecken die­nen konnten. Ueber die Vorgeschichte der Ver­haftung berichtet uns ein Privattele­gramm auS

Nun wird die Mühle der Gerechtigkeit ihr knarrend Werk beginnen und wir werden in nicht zu ferner Zeit die Pistolenmänner vor der Barre der Justiz sehen. Damit wird indessen der Fall s e I b ft seine Erledigung wohl noch nicht finden, denn cs ist natürlich, daß aus dem Vorgang auch politische Konsequenzen her­auswachsen werden, bereit Wirkungen schwerer wiegen, als der Kartellgang des Kreisdirektors zu Herrn Blumenthal. Daß sich die Ereignisse o scharf zufpitzen konnten, ist sicher bedauerlich, aber es scheint, daß beide Pafteien an dem üblen Schluß Schuld tragen, und daß demge­mäß auch die Verantwortung für das peinliche Intermezzo nicht nur auf eine Schulter gela­den werden kann. Die parlamentarifcheJmmuni- tät darf nicht angetastet werden: Darüber sind Erörterungen nicht zulässig; eine andere Frage ist's indessen, ob die F o r m der unterm Schutz­dach immunifierender Rechtsprivilegien geüb­ten Krittk nicht Rahmengrenzen haben muß, die billigen Anforderungen und felbstverständlicher Rüchsichtnahme auf Takt und Sachlichkeit ent» prechen. Ob das zu Straßburg auf der Schanz' gelegentlich der Lorrain sportivs-Debatte in der Erregunghitze ftürmifchen Gefechts gesche­hen ist, wird sich erst beurteilen lassen, wenn an der Gewissenhaftigkeit des Sitzungssteno­gramms die Form der Blumenthal-Kritik ge­messen werden tarnt. Generell darf dagegen mit allem Nachdruck der Grundsatz aufgestellt werden, daß es sich nicht vefträgt, Politik mit Pistolen zu machen: Die Zeit, in der das löb­licher Brauch war, liegt hinter uns, und wir spüren nicht Sehnsucht, ihr Idyll aus der Vergangenheit Schatten neu erstehen zu las­sen ... e F. H.

Wetterleuchten überall?

(EigeneDrahtmeldung.)

Aus Straßburg im Elsaß berichtet uns ein Telegramm unsers S-Korre- s p o n b c n t e n : In der gestrigen, sehr be­wegten Sitmng des Landesausschuffes verhan­delte der Landtag über den Antrag Weber und Genossen, der sich gegen den Verfassungs­entwurf und die Wahlkreiseinteilung der Reichsregierung richtet. Abgeordneter Weber übte bei der Begründung dieses Antrages eine so heftigeKritik an der Regierung, der et besonders politische Gesinnungs­schnüffelei vorwarf, daß Staatssekretär Zorn von Bulach ihm äußerst scharf entgegen­trat. Er nannte die Ausführungen Webers einSammelfnrium von groben Ausdrücken und ungezogenen Be-

Paris, 5. Mat. (fptibaftcW. gram m.) Ministerpräsident Monis laßt er­klären, daß er den Namen des Fräulein Thi rion zum erstenmal aus den Zeitungen erfah­ren habe, und daß die Nachricht, daß die ge­nannte Tarne mit feiner Familie in verwandt­schaftlichen Beziehungen stehe, jeder Begrün­dung entbehre. Ebenso wird entschieden in Ab­rede gestellt, daß Fräulein Thirion irgendwelche Beziehungen zu den französischen Nachrichten­büros habe. Der Fall (so heißt es) liege klar zutage. Es handele sich offenbar um eine krankhafte Veranlagung der Tarne, mit der sich mehr die Aerzte, als die Justiz beschäftigen müßten.

Das Rattel von Kabinen.

(Privat-Telegramm.i