Br. 1Ä>. — 1. Jahrgang.
Kasseler Reueste Rachrichte«
wisse Zuneigung gefaßt zu haben scheint. Hier m Berlin haben beide
ein sehr luxuriöses Leben
geführt und in den teuersten Hotels gewohnt Seinen Hauptcoup, der das wesentlichste Moment der Anklage bildet, führte Margolin in folgender Weise aus: Er erschien eines Tages mit einer tiefverschleierten Dame, die er als Frau Kommerzienrat Hecht ausgab, bei einem Notar und erklärte diesem, daß die Frau Kommerzienrat zur Bürgschaftsleistung für einen Wechsel bereit sei. Der Notar ließ sich auch wirklich verblüffen und nahm die Bürgschaftsleistung der Frau Hecht, die in Wirklichkeit die Fröhlich war, notariell auf. Als die Komödie das erste Mal gelungen war, wurde sie noch einige Male in Szene gesetzt. Die Akzepte mit dem gefälschten Giro der Kom- merzienrättn wurden dann von Margolin in Umlauf gebracht, wofür er bei Geldgebern rund hunderttausend Mark löste. Margolin ergriff nach diesem gelungenen Schwindel die Flucht und .
nahm feine Geliebte mit.
Das Paar wandte sich zunächst nach dem Süden und landete schließlich in Petersburg, wo nach dem Eintreffen der Steckbriefe ihre Verhaftung erfolgte. Zunächst wollte Margolin von keiner Betrugsabsicht etwas wissen, er behauptete, die Wechsel mit echtem Giro von dem Grafen R a m e e, dem Schwiegersohn der Frau Kommerzienrat Hecht erhalten zu haben. Der angebliche Graf Ram^e hatte in der Tat, nachdem er Jahre lang ein Verhältnis mit einer Demrmondaine unterhalten, die Tochter der Kommerzienrätin zu umgarnen gewußt, daß sie sich mit ihm heimlich trauen ließ. Auch als im Laufe der Zeit recht begründete Zweifel an der Grafenkrone des Rameä und an der Moralität seines früheren Lebenswandels auftauchten, hielt die junge Frau in aufopfernder Treue an dem Gatten fest, ein Charakterzuq, der
das einzige lichte Bild kn diesem Mlieu von Hochstaplertum, Schwindel und Betrug ist. Es glückte ihr schließlich auch, ihren Gatten aus der Untersuchungshaft, in die er als vermeintlicher Mithelfer Margolins genommen worden war, zu befreien. Der betteffende Enffchluß des Untersuchungsrichters basierte in erster Linie auf einem Geständnis, das inzwischen Margolin in Petersburg abgelegt hatte. Dieser hatte den Schwindel mit der angeblichen Kommerzienrätin Hecht eingestanden und zugegeben, daß Raine«; ihn zwar mit der Beschaffung von Wechsel und Geld be- ttaut hatte, daß er aber von der falschen Unterschrift auf diesen nichts gewußt habe. Nach längeren Verhandlungen wurden Margolin und FröhNch nach Deuffchland ausgeliefert. Die Fröhlich hat dann eingestanden, daß sie nach Anleitung Margolins die Rolle der Kommer- zienrättn gespielt habe. Da somit die Angeklagten geständig sind, dürste die Beweisaufnahme sich nicht allzu lange hinziehen, zumal auch nur fünf Zeugen geladen sind, darunter die Geldleute, die Margolin auf die falschen Wechsel Geld verschafften. -er-
Sie Politik des Tages.
. Bä3 Aus der Dementi-Werkstatt. (T e l e - yramm unseres Korrespondenten.) Aus Berlin berichtet man uns: Als dieser Lage die Nachricht austauchte, daß die Leiche des früheren Posener Erzbischofs Ledoch o w s k i mit Erlaubnis des Kaisers von Rom nach Posen überführt werden solle, wurde die Meldung an Berliner amtlichen Stellen als .unrichtig" bezeichnet, weil diesen Stellen
.von der beabsichtigten Ueberführung nichts bekannt sei." Wie nunmehr bekannt wird, trifft die Nachricht in allen Punkten dennoch zu: Die Ueberführung der Leiche wird sogar Anfang Mai erfolgen. Es scheint demnach, daß verschiedene Berliner amtliche Stellen nicht immer gut uneterrichtet sind. Auch das Dementi der .Kölnischen Zeitung" über den angeblichen Rücktritt des Reichskanzlers erscheint in etwas sonderbarem Lichte, wenn man berücksichtigt, daß von einem Rücktritt des Reichskanzlers anläßlich des Scheiterns der elsaß-lothringischen Verfafsungsvor- lage in letzter Zeit nichts verlautete.
rä3 Das Hill-Rätsel. (Telegraphische Meldung.) Wie die Rcwvorker .Sun" aus Washington meldet, ist ihr dortiger Vertreter im Weißen Hause zu der Erklärung ermächtigt worden, daß Präsident Taft keinen Brief an den Botschafter Hill geschrieben hat, in dem er ihn aufgefordert habe, abzudauken, „um die Ernennung eines politischen Freundes zu ermöglichen". Diese Behauptung war von einigen Blättern aufgestellt worden, weil angenommen wurde, Hills Rücktritt fei letzten Endes auf den Einfluß Tafts zurückzuführen.
S Der Kampf um den ersten Mai. (Privattelegramm.) Wie uns aus Flensburg gemeldet wird, wurde den Arbeitern der Flensburger Schiffswerft bekannt gegeben, daß diejenigen Arbeiter, die am ersten Mai feiern, als Streikende betrachtet und zeitweilig von der Arbeit ausgeschlossen werden würden. Es ist dies der Beschluß des Gesamtverbandes deutscher Metallindustrieller, dem auch die Flensburger Schiffswerft angehört.
S> Die neueste Spionage-Affäre. (Pri- vattelegramm.) Depeschen aus Rom zufolge wird soeben aus Bari eine mysteriöse neue Spionageaffäre gemeldet: Einige Oesterreicher, die sich seit längerer Zeit dort aufhielten, und angeblich als Amateure photographische Aufnahmen von der Gegend machten, wurden, als sie sich den Festungsanlagen näherten, verhaftet. Es heißt, daß die Verhafteten die Absicht hatten, die Festung zu Spionagezwecken zu photographieren. Die Untersuchung m der Affäre wird mit größer Heimlichkeit geführt.
Politische Shronik.
Wie uns aus B e r l i n gemeldet wird, sind ber der gestrigen Nachwahl im vierten Berliner Landtagswahlbezirk insgesamt 275 freisinnige und 215 sozialdemokratische Wahlmänner gewählt worden. Die Sozialdemokraten haben in der zweiten Abteilung sechzehn und m der dritten Abteilung fünf Wahlmänner- sttmmen gewonnen. Der freifinnige Kandidat wird demnach mit einer Mehrheit von etwa fünfzig Stimmen gewählt werden.
Nach einer Meldung aus Braunschweig tritt Staatsminister Dr. bon Otto nm 1. Mai in den Ruhestand. An seine Stelle ist der bisherige Minister des Innern von H a r t w i e g zum Staatsminister ernannt worden.
Ein Privat te leg ramm meldet aus Rom, daß der Exsultan von Wad'ay, der durch die Franzosen bedroht worden ist, wieder zu den Waffen gegriffen habe. Die franzosifche Garnison wurde durch den Exsultan belagert.
Aus Belgrad meldet uns ein P r i v a t- telegramm: Der Besuch des Königs Peicr von Serbien in B e r I i n wird, wie aus informierten Kreisen verlautet, im Herbst erfolgen
Meldungen aus Madrid zufolge droht der Streik der Maurer in Madrid zu einem
Generalstreik sämtlicher Arbeiter des Baugewerbes auszuarten. Auch Arbeiter anderer Korporationen sollen sich der Bewegung anschließen.
Reu« vom Tage.
Sie erste„Radium Hochstaplerin".
(Von unserem Korrespondenten.)
In L o n d o n ist dieser Tage ein neuer, und in seiner Art jedenfalls recht origineller Schwindel aufgedeckt worden: Vor einigen Wochen mietete sich dort in einem der elegantesten Stadtteile ein Fräulein Doktor von Conen ein. Niemand wußte, woher sie kam, man hörte nur, daß sie niederländischer Abkunft fei, und aus cltadeligem Gefchlechte stamme. Au; dem Schild ihrer Wohnung befand sich das eigentümliche Wort „Radiumärztin", wahrscheinlich die besondere Spezialität dieses Fräulein Doktor. _ Das Publikum stand der Wunderärztin zuerst ohne rechtes Verständnis gegenüber. Fräulein Doktor aber wußte die Kuren mit dem Scheine einer geheimnisvollen Wissenschaftlichkeit zu umgeben, und es fanden sich allmählich Patientinnen ein, die von der Unfehlbarkeit der Kuren überzeugt waren.
Fräulein Doktor, die übrigens eine äußerst elegante und vornehme Erscheinung war, erzählte, daß in Amerika Radiumfunde gemacht worden feien, und zwar auf einem Gebiete, das durch Erbschaft an sie gekommen sei. Sie sei infolgedessen Besitzerin der größten Mengen von Radium. Die Kranken, die bei ihr Heilung finden follten, wurden in ein äußerst komfortabel eingerichtetes Sprechzimmer geführt, und die Patienten wurden alsdann „bestrahlt". Fräulein Doftor wußte die Kranken mit liebenswürdigstem Lächeln zu versichern, daß diese Bestrahlungen alle Krankheiten zu heilen imstande seien und der Ruf der „Radiumärztin" wurde immer größer, trotzdem sie für eine Behandlung je nach dem Stande des Patientin bis zu zweihundert Pfund Sterling nahm. Einige der Kranken fühlten auch eine erhebliche Besserung ihrer Leiden, allerdings stellten sich bei einem Herrn der englifchen Ge- sellfchaft nach der Behandlung mit dem Radium erhebliche Brandwunden ein. Trotz der Schmerzen aber, die ihm diese Wunden verursachten, und die entschieden größer waren, als seine rheumatischen Schmerzen, wurde der Patient weiter bestrahlt. Bis endlich eines Tages der Hausarzt die Wunden sah und sie als ganz gewöhnliche Brandwunden erklärt-. Am selben Tage erfuhr der Enttäuschte, daß seine Schwester, die auf feine Veranlassung gleichfalls bei der Radiumärzttn sich behandeln ließ, schwer erkrankt fei und in Lebensgefahr schwebe. Die Ursachen waren ebenfalls Brandwunden, die ich kein Mensch erklären konnte. Endlich, als die schwerkranke Dame in Gegenwart ihres Bruders den Hausarzt fragte, ob diese Brandwunden durch eine Radiumbehandlung ent- landen fein könnten, kam man dem Schwindel auf die Spur und bei der Doktorin wurde eine Haussuchung abgehalten, die die überraschende Taffache ergab, daß -die junge Dame weder von der Medizin noch von der Radiumbehandlung etwas verstand, sondern daß sie ... eine Modi st i n war, die es auf geschickte Weise verstanden hatte, die Leichtgläubigkeit des Publikums auszunutzen. Sie hatte sich in der Zeit, in der le „praktizierte", das hübsche Vermögen von ünszigtausend Pfund, rund eine Million Mark, erspart, und als die Polizei nach der Haussuchung kam, um sie zu verhaften, war die „Radiumärztin" über alle Berge. -kh-
Mittwoch, 26. April 1911-
LT Die Folge» des Leichtsinns. Aus Berlin meldet uns ein Privattelegramm: Der vierunddreißig Jahre alte Geschäftsführer Arnold B l ö tz aus Schöneberg, der in einem Hotel unter den Linden als Geschäftsführer angestellt war, fchoß sich gestern eine Kugel in den Kopf, die seinen Tod herbeiführte. Blöß, der ein Jahresgehalt von sechstausend Mark bezog, verbrauchte weit über das Doppelte, fodaß er immer tiefer in Schulden geriet. Er war in der Lebewelt eine bekannte Erscheinung.
iS Die Tragödie einer Ehe. Einem Pritt attelegramm aus Berlin zufolge vergiftete sich gestern nachmittag die Frau eines Tapezierers, indem sie vor den Augen ihres Mannes Salzsäure trank. Nach einigen Minuten trat der T o d ein. Das Ehepaar war kinderlos und lebte anscheinend in glücklicher Ehe. Das Motiv der Tat ist bis jetzt nicht bekannt.
rs Das Ende eines Ausflugs. Wie uns aus Köln gemeldet wird, betraf ein schwerer Wagenunfall eine Familie, die einen Ausflug unternommen und die gebirgige Strecke abends mit einem Wagen zurückgelegt hatte. Das Pferd scheute und ging mit dem Wagen durch. Oberhalb Cochem stieß der Wagen mit solcher Gewalt gegen einen Saunt, daß er vollständig zertrümmert wurde. Die Frau erlitt schwere Verletzungen, und der Ehemann wurde derartig verletzt, daß er sterbend ins Cochemer Krankenhaus gebracht wurde. Die übrigen Insassen sind mit leichteren Verletzungen davongekommen.
iS Die Tat einer Verzweifelten. Nach einer Meldung aus Elberfeld übergoß sich eine Arbeiterfrau mit Petroleum und zündete sich an, nachdem sie ihre Kinder zu Besorgungen sortgeschickt hatte. Sie starb an den Brandverletzungen.
iS Die Unterschlagungen am Bochumer Stadttheater. Depeschen ans Bochum zufolge haben die Unterschlagungen am Bochumer Stadttheater jetzt zu einer neuen Verhaftung geführt. Der Direktor Amalfis der bisher gemeinsam mit dem Direktor Brümmer das neue Stadttheater leitete, ist gestern nachmittag vorläufig sestgenom- men worden. Wie es heißt, soll er verdächtig fein, sich in der Unterfchlagungsaffäre Borchardt miffchuldig gemacht zu haben. Der entflohene Theaterkafsierer Borchardt soll sich in Holland aufhalten.
iS Maffenvergifiungen durch Hackfleisch. Wie uns aus H i l d es h e i m gemeldet wird, erkrankten dort infolge Genusses von verdorbenem Hackfleisch ungefähr dreißig Personen zum Teil sehr schwer. In einer Bäckerfamilie liegen sieben Personen schwer krank darnieder. Die Untersuchung ist eingeleitet.
iS Ein Baron wird gesucht! Ein Privattelegramm meldet uns aus Paderborn: Gegen den flüchtigen Rittergutsbesitzer Freiherrn Max von Brenken hat die hiesige Staatsanwaltschaft einen Steckbrief erlassen, von Brenken hat im November 1909 nach durchzechter Nacht mit dem Freiherrn v. Romberg in Osnabrück gemeinschaftlich einen Diener mißhandelt und ist deshalb zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt worden, deren Verbüßung er sich durch die Fluchs entzog.
iS Der Fleischermeister mit dem Revolver. Wie uns ein Privattelegramm aus Schneidemühl meldet, schoß der Fleischer- meister Abraham auf seinen Gesellen, als dieser erklärte, er wolle mit der Arbeit aushö-
Sie Fahrt in s Märchenland.
Ein Abend in der Kolonialgesellschast.
. Die Ortsgruppe Cassel der Deutschen Kolonialgesellschaft hatte den bekannten Forschungsreisenden Dr. Oscar B o n g a r d. der sich in der Begleitung des deutschen Kronprinzen auf dessen Reise nach Indien befand, für einen Vortragsabend gewonnen, der gestern im Evangelischen Ver- einshaus stattfand. Trotz der hohen Eintrittspreise war der Kreis Derer, die, eine treffliche Reiseschilderung vorausahnend, gekommen waren, um die kronprinzliche Fahrt nach Indien an ihrem Auge und Geiste vorüberziehen zu lassen, recht groß, und man verlebte einen genußreichen Abend. Dr. Bongard illustrierie seinen Vortrag durch einhundertdreiundsechzig Lichtbilder, die teils nach Aufnahmen des Kronprinzen, seiner Gemahlin oder des Vortragenden selbst angefertigt wurden. Die Lichtbilder waren von so großer Klarheit, daß dre Figuren und Gebäude plastisch hervor- traten.
Dr. Bongard ist ein eleganter Plauderer, per es versteht, durch die Einstreuung kleiner mtereffunter Erlebnisse seinen Vortrag fesselnd ju_ gestalten. Der junge Gelehrte, dessen gebranntem Gesicht man die Reise in südlichen £>onen noch deutlich ansehen konnte, ließ die ^e.ie des kronprinzlichen Paares kaleidoskopartig an Ohr und Auge ber Hörer voriiber- jicbcn Von Genua aus ging die Fahrt he- mnntltch nach Ceylon und Colombo, dann nach Kandv und an die Ufer des heiligen Ganges, ron Bombay nach Heiderabad: Dann unter« iwt’m man wieder einen Abstecher in die Jagdhunde der Leoparden, kam nach Dfchaipur, -gra, mtt seinen kostbaren Marmorwerken, -.ahore, Delhi, und wie die Städte alle beißen, , "°r Vortragende in interessanter Darstel- luna zu schildern verstand, wirksam unterstützt durch bte Lichtbilder, die die Pracht und Wun- °\T.L,e5 indischen Märchenlandes geheimnisvoll cri.iuterten.
Und was ist der Erfolg der Reise? Dr. üatb deutete es kurz an: Der Erfolg ist ein z weif ad)e :, er liegt einmal auf wirt- ’QT*1 i<ö.em, zum andern auf Politikern Gebiet. Der Kronprinz, für den jede Tonnte leinet Reife lehrreich aewefen sei lkam doch mit den bedeutendsten Männern znkam- !». die ihm über alles Ausschluß gaben), er
fuhr von ber Wertschätzung des deutschen Kaufmanns in Indien, und besonders auf Ceylon feeblott ist für deutsche Kolonialpolitiker auch insofern interessant, als sich die dort gemachten Erfahrungen für unsere Kolonien in Afrika verwerten ließen. Der Kronprinz habe ihm (dem Vortragenden) selbst erzählt, wie stolz er auf den deutschen Kaufmann sei, ber sich eine so achtunggebietende Stellung in ber Welt errungen habe.
Die politische Bedeutung der Reise sei vor allem darin zu suchen, daß es der deussche Kronprinz verstanden habe, sich auf der ganzen Reise die Sympathien der Engländer sowohl wie ber Eingeborenen in hohem Maße zu erwerben. Für den zukünftigen deutschen Kaiser sei das ein unschätzbarer Gewinn. Seiber habe die Weltreise nur zur Hälfte ausgeführt werden können, weil die Pest in Ostasien zur Umkehr gezwungen habe. Der Erfolg der Fahrt durfte aber erst bann ein vollstünbiger fein, wenn auch ber zweite Teil ber Reise noch aus- geführt sein werde. Das soll denn auch so bald wie möglich geschehen, und der Kronprinz gedenke auf dieser zweiten Fahri dann auch unsere Kolonien in Südafrika zu besuchen. Dem Herrn Vortragenden wurde am Schlüsse seiner interessanten Ausführunaen reicher Beifall zuteil, und auf Vorschlag des General - Leutnants Leo richtete die Versammlung an den Kronprinzen ein Hulbist u ng s te le g r a mm, in bem sie ihn zu dem glücklichen Erfolg ber Fahrt beglückwünscht. -ss-
Zie Republik der Frau.
Gründung eines amerikanischen Frauenstaats.
(Von unferm Korrespondenten.)
Man schreibt uns aus R e w y o r k: Den Frauen wird immer wieder nachgefagt, daß es ihnen an staatsmännischen Fähigkeiten, wie überhaupt an der Begabung dafür, große Unternehmungen selbständig zu leiten, fehle. Um diese Annahme zu widerlegen, will man in Amerika ein Experiment auf breiter Grundlage unternehmen: Ein reicher Finanzmann, E. G. Levis, der in UniversityKLitv im Staate Missouri seinen Wohnsitz hat, will den Frauen die Möglichkeit eröffnen, das gegen sie herr- Kficnbe Vorurteil glänzend zu widerlegen. Er bat den Plan gefaßt, eine .amerikanische irrauenre publik" ,u gründen, und er hat su diesem Zweck die Leitung seiner Besitzungen,
d'e einen Wert von sechseinhalb Millionen Dollars darstellen, einem Verwaltungsrat übet- tragen, der von einer Anzahl Herausgebern von Zettschriften, die der amerikanischen Frauenliga nahestehen, ernannt wird. Vor allem scheint es diesen Vorkämpfern des Frauenrech- tes darauf anzukommen, daß die üblichen Formen des Staatslebens getreulich nachgeahmt werden. Universtty-City soll sozusagen die Hauptstadt eines amerikanischen Frauenstaates werden, dessen Mttglieder sich in der Hauptsache aus der amerikanischen Frauenliga rekrutieren.
Im nächsten Januar soll ein Kongreß gewählt werden, der seinerseits einen Präsidenten wählen wird. Die zweitausend lokalen Vereinigungen der Liga wählen ferner ein Repräsentantenhaus, ganz nach dem Muster des großen Staates, in dem sie leben. Die unternehmenden Frauen gehen aber in ihrer Nachahmung des Männerstaates noch weiter: Der Präsident soll einen Sekretär des Innern, ebenso für Krieg, für Handel, einen Schatzmeister und den sonstigen politischen .Stab" erhalten. Ein oberster Gerichtshof soll von drei weiblichen Rechtsanwälten gebildet werden u. 8 Monate im Jahre in Universith-Citv tagen. Er soll über alle Fragen entscheiden, die sich auf Mitglieder des Frauenstaates beziehen und gegen feine Entscheidung soll es keine Berufung geben. In fünf Jahren (fo hofft der optimistische Mr. Levis) wird dieser Frauenstaat eine Million Mitglieder zählen, und bann wird es sich erweisen, eine wie schmähliche Verleumdung es war, als man behauptete, daß den Frauen die Geheimnisse ber höheren Staatskunst für immer verschlossen waren. Hoffentlich erfüllt sich ber Traum des guten Mr. Levis, den zurzeit alle Frauenzeitungen ber Union als den „größten Philanthropen des Jahrhunderts feiern .. . -bd-
Kleiner Feuilleton.
iOs Schönherr beim Kadi. Wie uns ein Privattelegramm aus Wien meldet, hat Dr. Karl Schönherr, der Dichter von „Glaube und Heimat" die Absicht, gegen die Romanschriftstellerin Baronin Handel-Mazetti und gegen den Pater cxpeditus Schmidt die Beleidigungsklage zu erheben, falls die Genannten nicht durch umfassende Ehrenerklärungen ihre gesamten Plagiatbeschuldigungen zurücknebmen werden.
„Plagiator" Ibsen. Karl Schönherr, gegen den bekanntlich der Vorwurf des Plagiats erhoben worden ist, mag sich trösten: Er befindet sich unter den sogenannten Plagiatoren ber Literaturgeschichte seit den Tagen Shakespeares, den ber Kollege Greene als „eine mit fremden Federn aufgeputzte Krähe" bezeichnete, in ber denkbar besten und würdigsten Gesell- fchaft. Richt nur Kleist und Nietzsche, die tatsächlich unbewußt plagiiert haben: Auch Ibsen ist mehrfach unter die Anklage des literarischen Eigentumsvergehens gestellt worden. In den neunziger Jahren erklärte kein geringerer als Jules Semaitre, Ibsens Ideen wären bereits in den Romanen ber George Sanb und in den Dramen des jüngeren Dumas entwickelt. Georg Brandes richtet daraus eine Anfrage an den nordischen Dichter und erhält folgenden lehrreichen Bescheid, den sich die Plaaiatsschnüffler hinter die Ohren schreiben sollten: „Ich erfläre hiermit auf Ehre und Gewissen, daß ich nie in meinem ganzen Leben weder in der Jugend noch spä- ter ein einziges Buch von George Sand gelesen habe. Ich sing einmal „Consuelo" in ber Ueberfetzung an, fegte das Buch aber wieder weg, da es mir die Leistung eines Dilettanten und nicht eines Dichters zu sein schien. Aber ich las ja nur einige weniae Blätter, so baß ick' mich möglicherweise hierin irre. Stier- änbre Dumas verdanke ich absolut nichts in bezug auf dromatifche Form, es fei denn, daß ich an feinen Dramen gelernt habe, verschiedene recht derbe Fehler und Mißgriffe zu vermeiden. die er sich nicht selten zuschulden kommen läßt. Herzlichen Dank, daß Sie sich die Mühe macken wollen, diese französischen Hirngespinste zu berichtigen!"
Die Südvolar-Millionen. Aus Berlin wird uns berichtet: Die Gefamtkosten für die vom Oberleutnant Filckner geleitete Süd - volarexvedion werden auf 1400 000 Mk. veranschlagt. Zu ihrer Deckung baden die Regierungen der meisten deutschen Bundesstaaten die Veranstaltung einer Geldlotterie ge- nehmiat, deren Reinertrag mit 540 000 Mark garantiert ist. Daneben sind 300 000 Mark von privater Sette gezeichnet. Der Rest soll durch eine Ergänzungslotterie, deren Gewinn auf 400 000 Mark veranschlagt ist. und der verbleibende Rest durch Beiträge deutscher Städte gedeckt werden. Bisher haben Hamburg 20 000 und Berlin 10 000 Mark bewilligt. Jetzt schließt sich Charlottenburg mit 1000 Mark an