Nr. 119. — 1. Jahrgang.
(SälTelcr Neueste Nachrichten
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durchfuhr dis für den Zug bereits geschlossene Schranke.
Sie Politik des Tages.
s Valcnsi's Hintermänner in Deutschland? (Telegramm unsers Korresponden- i e n.) Aus Paris berichtet man uns: Zu der in der Ordcnsschwindclaffäre Valensi erfolgten Verhaftung eines gewissen TarondeLancy verlautet, daß diese Verhaftung noch lange nicht die letzte sein dürfte. Es zeigt fick in der weitern Behandlung des Schwindels aber auch mit ziemlicher Deutlichkeit, daß Valensi nt Deutschland Helfershelfer und am Schwindel Beteiligte beseffcn hat. Man will sogar bereits die Namen zweier Herren aus gutsituierten Kreisen erfahren haben, die mit Valensi vonDcutschland aus inVerbindung standen, um Scheinorden' und falsche Auszeichnungen abzusetzen. Auch in Berlin hieß es nach der Verhaftung Valensis sofort, daß er in Berlin und in Hamburg Zusammenkünfte mit Personen hatte, von denen man aus ihrer ganzen Lebensführung heraus der Ueberzeugung ist, daß sie für einen Ordensschwindel im richtigen Mi- lcu sitzen. Es sind zurzeit nach dieser Richtung hin Ermittelungen imgangc.
cS3 Nur keine Unruhe . . .! (Privat- telcgramm.) Depeschen aus Paris zufolge erklärt „im Hinblick aus die Unruhe, die sich gewisser spanischer und deutscher Blätter wegen der französischen Intervention in Marokko bemächtigt habe", der „Matin", in der Lage zu sein festzustellen, daß die französische Regierung in Bezug auf Marokko keine Hintergedanken habe. Die Entsendung französischer Truppen, die Verstärkung des französischen Korps in Marokko und die Zusammenziehung französischer Truppen an der algerisch-marokkanischen Grenze habe keinen anderen Zweck, als den französischen Instruktoren und den Fremdenkolonisten in Fez zur Hilfe zu kommen und sie zu unterstützen. Frankreich wolle einzig und allein dem Sultan helfen, der Revolte Herr zu werden. Es beabsichtige keinerlei Eroberungen und wünsche nur, die Ruhe im Lande wieder hersustellen. (Die Botschaft hört man Wohl, der Glaube indessen fehlt noch sehr!)
S> „Wahltag" in Laibach. (Pr i v a t t e l e- tz r a m m.) Man depeschiert uns aus Wien: In Laibach, wo vor einigen Monaten der Ge- mcinderat aufgelöst wurde, fand gestern Gemeinderatswahl statt, die ihre besondere Bedeutung dadurch gewann, daß zum erstenmal Frauen das Stimmrecht ausüben konnten. Die Wahl vollzog sich allgemein ruhig. Rur vor dem städtischen Mädchenlyceum, wo sich das Wahllokal für Frauen befand, kam es zu heftigen Auftritten, weil ein klerikaler Redakteur den Frauen die Wahlkuverts, in denen er freisinnige Wahlzettel vermutete, entreißen wollte. Am Nachmittag kam es vor dem Ur- suliner Nonnenkloster zu Demonstrationen, und als sich die Nonnen zum Wahllokal begaben, um ihr Wahlrecht auszuüben, begleitete sich eine große Menschenmenge mit stürmischen „Pfui"-Rusen, sodaß die Gendarmerie einschreiten mußte.
S Russische Geheimbund-Jagd. (Pri- vattelegramm.) Wie von der schlesisch- russischen Grenze gemeldet wird, dauern die Massenverhaftungen in Russisch- Polen fort. Sie richten sich hauptsächlich gegen jüdische Vereine und die jüdische Intelligenz. In den letzten fünf Tagen sind über dreihundert Verhaftungen erfolgt. Es handelt sich um die Ermittlung von Mitgliedern einer so
zialistisch-revolutionären Vereinigung der Anhänger des aufgelösten „Bund", die sich über ganz Polen ausdehnen soll.
da3 Arbeiterbewegung und Dynamit. (T c- l e g r a m m.) Wie aus I n d i a n a p o l i s berichtet wird, ist der Sekretär des Eisen- und Bauarbcitersyndikats, Mac Namara, unter der Beschuldigung des Mordes und der Beteiligung an dem Dynamitanschlag auf das Bureau der Zeitung „Los Angeles Tttnss", der ini Oktober vorigen Jahres verübt wurde, verhaftet worden. In der Zentralstelle des Svn dikats wurde viel Dynamit und sonstige Sprengstoffe gefunden. Ein Bruder Mac Na- maras und ein anderers Individuum sind ebenfalls festgenomcmn worden. Bei ihnen wurden zwölf Bomben beschlagnahmt.
Politische Chronik.
Der Kaiser wird gelegentlich seines Frühjahrsaufenthalts in Prökelwitz und Cadinen auch der Leibhusarenbrigade einen Besuch abstatten und hierbei die von dem Kronprinzen und seinem Gefolge gemieteten Villen in Langfuhr besichtigen. Der Besuch soll noch vor Pfingsten erfolgen.
In Berlin fand gestern das Leichenbegängnis des verstorbenen sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten Hermann Borgmann statt, an dem sich die parlamentarischen Partei- angehörigen außerordentlich zahlreich beteiligten. Die Trauerfeier verlief in würdiger Weife.
Wie uns aus Paris gemeldet wird, wird der Marineminister D e l c a s s e an, Bord des- neuen Panzerschiffes „Danton" der aus Anlaß der Krönung des Königs Georg auf der Reede von Spithead stattfindenden Flottenschau beiwobnen.
Nacb einer Meldung aus N e w y o r k erklärte Roosevelt in einem Interview definitiv, daß er bei der Präsidentschaftswahl im nächsten Jahre nicht kandidieren werde.
Aus Saloniki meldet uns ein Telegramm: In hiesigen Kreisen des jungtürkischen Komitees wird erklärt, daß eine Spaltung in der Partei für Einheit und Fortschritt nicht bestehe, auch kein Anlaß dazu vorhanden sei. Gewisse Forderungen eines'Teiles der Komiteemitglieder würden eine sachliche Erlediaung finden. Man beurteilt die Lage mit völliger Ruhe.
Seite« bnm Tage.
Das Wunderhalsband der Zarin.
(Von unserm Korrespondenten.)
Man schreibt uns aus Petersburg: Am Hofe des Zaren ist seit einigen Wochen eine geheime Unruhe zu beobachten. Der Grund hierfür wird möglichst geheim gehalten, und die Unruhe, die sich der Wachen und der Dienerschaft bemächtigt hat, vor der Zarin verborgen. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß der Zarin ein kostbares Perlenhalsband, das reich mit Brillanten geschmückt ist, abhanden gekommen ist, und daß sich nicht der geringste Anhalt dafür findet, wo das Schmuckstück sein könnte. Dazu ist das Halsband noch ein Schmuckstück, das eine Geschichte hat.
Das Halsband, das durch die Reinheit und regelmäßige Gleichheit der Perlen schon besonderes Interesse verdient, hat großen historischen Wert. Es befindet sich seit langen Jahren im Besitze der Romanows und wird von den Zarinnen stets bei festlichen Gelegenheiten getragen. Der Ueberlieferung nach soll es vor mehreren Jahrhunderten in einem Kloster gefunden worden sein, wo es eines Morgens den Hals der heiligen Mutter Gottes schmückte. Daher werden dem Schmuck
stücke wundertätige Wirkungen zu- geschrieben und Katharina die Große soll cs stets getragen haben, da es vor Krankheiten schützte und außerdem die Macht verlieb, schon ausgebrochene Krankheiten heilen zu können. Von diesem Diadem wird auch erzählt, daß es das Herrscherhaus vor drohenden Gefahren warnte. Stand dem Lande ein Verhängnis bevor, dann verloren die Brillanten plötzlich allen Glanz und lagen tot und leblos in der Schatulle. Die Perlen hingegen sprachen eine noch deutlichere Sprache. So sollen sie kurz vor der schweren Erkrankung der Zarin ihre Farbe und ihren Glanz völlig verändert haben. Sie schimmerten bläulich, und das Licht, in dem sie erglänzten, war fahl und matt. Die Zarin hat damals das Halsband, das sie sonst an allen Tagen trug, für den Alltag abgelegt, um es nur noch bei besonders feierlichen Anlässen hervorzuholen. Run ist es seit Wochen verschwunden. Die hohe Frau, die zuweilen die Schatulle mit dem Halsband sich kommen ließ, und die Perlen und Brillanten betrachtete, hat, seitdem das Diadem verschwunden ist, glücklicherweise noch nicht den Wunsch geäußert, es wieder einmal zu sehen. Man hofft auch, daß es sich finden wird, ehe die Zarin darnach fragt, und sucht den Verlust vorläufig um jeden Preis zu verheimlichen, da die Kunde von dem Verschwinden des wundertätigen Halsbandes mit Rücksicht auf den Gesundheitszustand der Zarin leicht zu schlimmen Wirkungen führen könnte. -or-
XX Die Tragödie eines Tauchers. Aus Berlin meldet uns ein Privattelegramm: Ein Opfer seines Berufs ist der Taucher Henry Cox aus Berlin geworden. Cox, der bisher mit großem Erfolge sein gefährliches Amt versah, auch längere Zeit bei der Zeppelinwerft in Friedrichshafen beschäftigt war, sollte in Ottsleben bei Braunschweig aus einem mit Wasser gefüllten Schacht die Leiche eines ertrunkenen Bergmanns holen. Cox arbeitete bereits etwa eine Stunde unter dem Wasser, plötzlich gab er heftig das Notsignal, man holte ihn schnell ans Tageslicht und befreite ihn aus seiner Montierung, doch war es schon zu spät, er gab nur noch schwache Lebenszeichen von sich und verschied kurz darauf.
XX Der Telegraphcnarbeiter mit dem Revolver. Meldungen aus Berlin zufolge wurde eine Roheitstat. die ein Elternpaar der Unterstützung ihres Sohnes beraubte, von einem fünfundzwanzigjährigen Telegrapben- arbeiter begangen. Dieser schoß nach einem kurzen Wortwechsel einen ihm gänzlich unbekannten Eisenbahnarbeiter nieder. Er ergriff die Flucht, wurde aber eingeholt und der Polizei übergeben.
ru: Die Folgen einer Fleischvergiftung. Ein Vrivattelegram m meldet uns aus Berlin: In der Nacht zum Sonntag erkrankte die Fran eines Bierabziehers mit ihren beiden drei und dreizehnjährigen Töchtern an Fleischvergiftung. Das Befinden der drei Personen verschlimmerte sick, derart, daß sie aus Veranlassung eines hinzugezogenen Arztes nach der Charitee geschafft werden mußten; insbesondere gibt der Zustand des jüngsten Kindes zur Besorgnis Anlaß. Die Polizei hat eine Untersuchung eingeleitet.
XX Der Todessturz in der Reitbahn. Nach einem Privattelegramm aus Berlin ereignete sich am gestrigen "Sonntag vormittag im Hippodrom des Tiergartens, jenem großen Reitgelände in der Nähe des Zooloa-kchen Gartens, ein schwerer Unfall. Ein Kaufmann stürzte fo unglücklich, daß er die Wirbelsäule brach und sofort t o t war.
Die Eis enb ahnattcntätcr verhaftet! Meldungen aus Koblenz zufolge ist es der Kriminalpolizei gelungen, jene ruchlosen Burschen sestzunehmen, die in den letzten Tagen mehrfach Anschläge auf oberrheinische Verso- nenzüge verübt haben, indem sie schwere Steine gegen die Fenster der Züge warfen und Re- volverschüsse abgaben. In mehreren Fällen hatten Passagiere Verletzungen davongetragen. Die Waldbrände in Westdcutt^land. Ein Privattelegramm meldet uns aus Köln: Am Niederrhein, im bergischen Lande, sowie an der holländischen Grenze sind innerhalb der letzten drei Tage Tausende von Morgen Waldbestand durch Feuer vernichtet worden. Bei dem Waldbrand bei Rath war ein aus der Anstalt Brauweiler entwichener Zuchthäusler der Brandstifter. In den anderen Fällen hatten halbwüchsige Burschen, die alle verhaftet wurden, die Brände angelegt.
xx Der Mordanschlag auf den Herbergsvater. Nach einer Meldung aus Eßlingen feuerte ein aus der Herberge zur Heimat ausgewiesener Schmiedegeselle in der Haustür auf den Hausvater Jäger einen Revolvex- s ch u tz ab. Jäger st a r b auf dem Transport nach dem Krankenhaus.
xx Unfall oder Selbstmord? Aus Reichenau meldet uns ein Privattelegramm: Die Wiener Touristin Paula Weber ist vom Jdastcg auf der Haardt abegestürzt und war sofort tot. Die Leiche wurde obduziert da ein Selbstmord nicht ausgeschlossen erscheint. Die Dame war leidenschaftliche Touristin und ohne Führer aufgestiegen.
Zwei Dörfer in Flammen. Aus Graz meldet uns ein Privattelegramm: Die Ortschaft Semriach steht seit gestern abend i n Flammen. Die telegraphischen Verbindungen sind z e r st ö r t, weshalb man annimmt, daß das Postamt geräumt werden mußte. Wie ein Gastwirt telephonierte, dürste der halbe O r t der Feuersbrunst zum Opfer gefallen fein, von hier ist Hilfe gesandt. Wie uns aus B u d a p e st gemeldet wird, entstand durch spielende Kinder in der Ortschaft Horvath bei A r v a l u ein großer Brand. Sechzig Wohnhäuser undNebengebäudc wurden ein Raub der Flammen. Zwei Menschen sind verbrannt. Die Gräfin L o n y a y, die in der dortigen Gegend Besitzungen hat, erschien an der Brandstelle und verteilte Lebensmittel unter die Notleidenden.
xx Räuber im Gasthaus. Wie uns ein Privattelegramm aus Pleß meldet, drangen gestern nachmittag in Orbanowitz neun maskierte Banditen in ein Gasthaus ein und riefen den Anwesenden zu „Hände hoch". Als diesem Befehl Folge geleistet war, raubten re neunhundert Mark und sämtliche Schmuck- ächen. Die Räuber entkamen unerkannt.
xx Zwei Opfer des Winzeraufstandes. Meldungen aus Paris zufolge, hat sich in dem Gefängnis von E p e r n a v gestern der vorgestern verhaftete Winzer Talland auf eigenartige Weise ums Leben gebracht. Aus den Fasern eines spanischen Rohres drehte er sich eine Schlinge, die er an dem Tischbein befesttigte, dann kniete, er nieder und ließ sich, die Schlinge um den Hals, auf den Erdboden allen. Man hatte ihn unter dem Verdachte festgenommen, an den Plünderungen beteiligt gewesen zu sein. Gestern wurde in Epernay ein Weinbauer beerdigt, der bei einer K a - vallerieattacke so schwer verwundet worden war, daß er an den Verletzungen gestorben ist.
«r Meuterei in der Kaserne? Ein Privat- telegramm meldet uns aus Paris: Soldaten des 41. Infanterieregiments in Donay verübten gestern in der Kaserne solchen Lärm, daß der Wachthabende einschreiten mußte, um
Der Sturm aufs Kapitol.
Der Kriegszug der Suffragetten.
(Don unserem Korrespondenten.) Newyork, Mitte April.
Die Rede des amerikanischen Professors, der sich gegen die „Wahnidee" der Frauen, die um das Stimmrecht kämpfen, wandte, hat anscheinend nicht viel genützt. Die Frauen und Männer Amerikas haben den Apostel, der ihnen alles nehmen wollte, was ihnen das Leben lebenswert macht, ihre Idee, um das Stimmrecht zu kämpfen, angehört, jedoch ohne jeden Erfolg. Denn sie haben den Entschluß gefaßt, zur Durchführung ihrer Pläne alle erdenklichen Machtmittel aufzubieten. Sofort nach der Demonstration des Professors gegen das Wahlrecht gingen die Suffragetten in sich und beschlossen, was sie tun könnten, um zu beweisen, wie sehr sie nach wie vor um ihre Idee kämpfen werden. Am letzten Sonnabend kam es nun zu einer großen Demonstration. Fünfhundert Suffragetten stürmten mit Stöcken und Schirmen bewaffnet in Albany das Kapitol, ohne daß hier (toie im alten Rom» wachsame Gänse vorhanden gewesen wären. Im Kapitol forderten die Damen vor dem zuständigen Legislatur-Komitee das Stimmrecht für die Frauen. Das Komitee war ob dieses Massenandrangs schöner Damen aufs äußerste bestürzt, zumal die Vorkämpferinnen für das Frauenstimmrecht einen ohrenbetäubenden Svektakel machten, und versprach ihnen infolgedessen alles Mögliche, ohne natürlich an fcic Erfüllung des Versprechens zu denken.
Die Suffragetten wurden von Miß Mar- gar e t G a r d e n e r, der Enkelin des greisen Bischofs Doane, angeführt. Die streitbaren amen füllten nicht nur alle Galerien im usenplv-Saale, sondern auch alle Gänac. und sie bemächtigten sich sogar der Spitie der Abgeordneten Das Justizkomitee hörte ihnen mer stunden lang geduldig zu. obgleich ihre Argumente alle über denselben Leisten aeschla- gen waren nnW sie einander durch Zwiscken- r^rie be,räudig selbst unterbrachen. Tie erste <cumtton lieferte Frau William Vhelvs ,->or»..ruv, eine der Führerinnen der „Antis", mdem ue unter riesigem Tumult ausries: „Wir "'v'el Wahlrecht, d. b. mviele ur. wissende Wähler. Unser Land braucht
nicht mehr Freiheit, sondern weniger. Wir haben fünf Millionen arbeitslose Männer . . . und alle sind Wähler!" Fräul. Marv Dean Adams entfesselte einen weiteren Sturm der Entrüstung, indem sie sagte: „Die Frauen sind nicht für das Stimmrecht geeignet, denn sie wollen sich der Majorität nicht beugen, sondern immer und unter allen Umständen herrschen." Auch Bischof Doane erklärte sich scharf gegen die Suffragetten und nahm in der denkwürdigen Versammlung folgendermaßen das Wort: „Ich habe in der letzten Verfammlung eine scharfe Rede gegen die Verleihung des Stimmrechts an die Frauen gehalten und bin seitdem nicht der Ueberzeugung geworden, daß es für die Frauen ersprießlich ober gar notwendig wäre. Und von dieser Ansicht werden mich auch die größten Demonstrationszüge der Frauenstimmrechtlerinnen nicht heilen können."
-ko-
Kleiner Feuilleton.
Casseler Künstler.
±2=' Bei Vietor stellt C. Brünner einen Studienkopf und drei kleine Portraitstudien aus, I. Klebe die Skizze eines jungen Mannes in der, erft kürzlich nach Obere Königsstraße verlegten Rahmenhandlung von H. K och. Im Schaufenster von Huhn sind eine Reihe Aquarelle von R. I e f ch k e, die vor einigen Wochen am gleichen Ort zu sehen waren, wieder ausgestellt. Leider fehlt der verschneite Wald, der besser war als die übrigen gezeigten Arbeiten. Der stimmungsvolle Herbstwald „Nicderkausunaen" leidet unter dem geologisch so wenig überzeugenden Sandbruch im Vordergrund, dem (ebenso wie dem „Weimarer Weg") mehr Festigkeit und Körperlichkeit zu wünschen wäre. Gut sind Kiekern auf Sanddünen, eine Heide mit Birken trüb und konventionell.
Bei Bauer am Karlsplatz sieht man eine Kopie von C. Geist: Rembrands ..Architekt", die den Ton des Originals glücklich trifft, dann eine Reihe Marinen des verstorbenen Professor E. Reumann: Eine dänische Segeljacht. deren Leinwand fatal an weißlackiertes Blech erinnert und deren Klüversegel im Au aenblick des Uebergebens recht unwahrscheinlich sieht, doppelt bedauerlich bet dem gut studierten Wellenzug. Zwei hübsche kleine Bilder
sind anscheinend gleichfalls von der dänischen Küste: „Bark geht vor Anker" und „Ewer". Ein auslaufender Fischkutter hängt zu schlecht zu näherer Würdigung. D.
Der Zug zum Pol. Der Südpol wird augenblicklich stürmisch umworben. Zwei Expeditionen, die einander den Rang abzulaufen suchen, befinden sich gleichzeitig in der Antarktis. Dieses Rennen zwischen Aniund- s e n und Scott erregt wissenschaftlich das größte Interesse. Namentlich hat die Meldung, daß Amundsen den taglosen Winter zur Expedition benutzt, um dadurch Scott, der den Vorstoß erst im Frühjahr zu unternehmen gedenkt, zuvorzukommen, überrascht. Die Teilnehmer an der Shakleton-Erpedition bestreiten, daß es möglich fei, die Nacht mit ihrem furchtbaren >Winterschnee, ihren Stürmen, der für Mensmen und Hunde unerträglichen Kälte von hundert Grad Fahrenheit, die das Marschieren und das Leben unmöglich machten, zu benutzen. Das Wahrscheinlichere, sagen die Sachverständigen der Shakleton-Ex- pedition. ist, daß Amundsen sich sofort an den Fuß des Beardmorgletschers begeben wird, um diefen unmittelbar bei Anbruch des Frühjahrs zu besteigen und dann die 209 englischen Meilen bis znm Vol zurückzulegen.
Moltkcs berühmteste Zigarre. Uns wird geschrieben: Am heutigen 24. Avril sind zwanzig Jahre verflossen, seit M o l t k e seine Augen geschlossen hat. ES fei darum aus Anlaß dieses Tages an eine Episode erinnert, die sich zwischen Moltke und Bismarck im Kriege 1866 vor der Schlacht von König- qrätz absvielte. Moltke war bekanntlich ein leidenschaftlicher Raucher. Eine Zigarre Molttes ober darf Anfpruch darauf erbeben, als historisch angesehen zu werden. Es war am Tage von Königarätz, in jenen Stunden, in denen die Schlacht stillstand und die Preußen nicht vorwärts noch rückwärts konnten. Ein Adjutant nach dem andern ging ab und keiner kehrte zurück. Auch wurde keine Nachricht von dem Herrannahen des Kronprinzen gebracht. Bismarck erzählte bei einem Diner, bei dem die Affäre erörtert wurde, daß ihm jetzt „heillos schwül" zu Mute werde. Dabei wandte er sich zu dem dabei sitzenden Molkte und sagte: „In diesem gefährlichen Augenblick suchten meine Augen Sie. mein lieber Moltke, da ich feben wollte, von welcher Stimmung T i e beherrscht feien. Auf Ihrem Gesicht wollte ich das Schicksal des
Tages ablesen. Ich drehte mich um und sah Sie tatsächlich wenige Schritte von mir auf dem Pferde halten. Mit dem gleichgültigsten Gesicht in der Welt sahen Sie in das Schlachtgetümmel und rauchten dabei sehr zufrieden einen Zigarrenstummel, Das heiterte mich sofort auf, denn ich sagte mir, wenn Molkte mit solcher Seelenruhe seinen Stummel raucht, dann ist es sicher mit uns noch nicht so ganz schlecht bestellt. Sie taten mir leid, daß sie sich mit Ihrem Stummel so abquälten. Ich ritt auf Sie zu und bot Ihnen meine Zigarrentasche an, in der sich zwei Zigarren befanden, eine gute und eine schlechte. Sie nahmen mit dem Feldherrnblick, der sich auch hierin auszeichnete, die gute. Ich selbst habe am Abend die schlechte Zigarre geraucht. Ich kann Ihnen aber, meine Herren, versichern, daß mir noch nie in meinem Leben eine Zigarre so gu geschmeckt bat, wie diese.
iL Münster, Kunst und Poli.ik, Ein Privat t e l e g r a m m berichtet uns aus Brüssel: Der belgische Ministerpräsident Scho - la c r t ist gestern abend in Antwerpen aus- gepfiffen worden. Er batte in seiner Eigenschaft als Minister für Kunst und Wissenschaft am Nachmittag eine Kunstausstellung eröffnet, nachher wohnte er einem Bankett bei, das anläßlich der Eröffnungs- scierlichkeiten veranstaltet wurde. Während des Banketts hatten sich etwa zweitausend Sozialisten vor den, Hause angesammelt und hielten dort einen Meeting ab, indem sie gegen das neue Schulgesetz protestierten. Als gegen zehn Nhr Scholaert das Hans verließ, t> fiff en die Sozialisten und riefen: „Nieder mit dem Ministerpräsidenten !"
Die entschleierte Sphinx? Wie auS London berichtet wird, kündigt Professor Reisner von der Havard-Universität an, daß er das Rätsel der Sphinx gelöst habe. Der Kopf der Shinr fei der des Königs Chephres, der im Jahre 2850 v. Chr. gelebt habe. Die Statue der Sphinr mit dem Löwenkörper symbolisiere nun den löwenmutigen König, der die heiligen Pyramiden bewache. Reisner leitete kürzlich eine archäologische Expedition nach Aegypten und entdeckte dort eine Statue des Mycerinos, eines Sohnes von Che- pbres. Der Professor erklärt, daß eine eia en- artige rote Farbe am Ohr der Statue des Mv- cerinas, sowie die besondere Art der Kopftracht aus dem 29. Jahrhundert v. Chr. zur Lökuna des Sphinrrätsels geführt haben.