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Nr. 119. 1. Jahrgang.

(SälTelcr Neueste Nachrichten

iiStt 25. W&tt

durchfuhr dis für den Zug bereits geschlossene Schranke.

Sie Politik des Tages.

s Valcnsi's Hintermänner in Deutschland? (Telegramm unsers Korresponden- i e n.) Aus Paris berichtet man uns: Zu der in der Ordcnsschwindclaffäre Valensi erfolgten Verhaftung eines gewissen TarondeLancy verlautet, daß diese Verhaftung noch lange nicht die letzte sein dürfte. Es zeigt fick in der weitern Behandlung des Schwindels aber auch mit ziemlicher Deutlichkeit, daß Valensi nt Deutschland Helfershelfer und am Schwindel Beteiligte beseffcn hat. Man will sogar bereits die Namen zweier Herren aus gutsituierten Kreisen erfahren haben, die mit Va­lensi vonDcutschland aus inVerbindung standen, um Scheinorden' und falsche Auszeichnungen abzusetzen. Auch in Berlin hieß es nach der Verhaftung Valensis sofort, daß er in Berlin und in Hamburg Zusammenkünfte mit Perso­nen hatte, von denen man aus ihrer ganzen Le­bensführung heraus der Ueberzeugung ist, daß sie für einen Ordensschwindel im richtigen Mi- lcu sitzen. Es sind zurzeit nach dieser Richtung hin Ermittelungen imgangc.

cS3 Nur keine Unruhe . . .! (Privat- telcgramm.) Depeschen aus Paris zu­folge erklärtim Hinblick aus die Unruhe, die sich gewisser spanischer und deutscher Blätter wegen der französischen Intervention in Marokko bemächtigt habe", derMatin", in der Lage zu sein festzustellen, daß die franzö­sische Regierung in Bezug auf Marokko keine Hintergedanken habe. Die Entsendung französischer Truppen, die Verstärkung des französischen Korps in Marokko und die Zu­sammenziehung französischer Truppen an der algerisch-marokkanischen Grenze habe keinen an­deren Zweck, als den französischen Instruktoren und den Fremdenkolonisten in Fez zur Hilfe zu kommen und sie zu unterstützen. Frankreich wolle einzig und allein dem Sultan helfen, der Revolte Herr zu werden. Es beabsichtige kei­nerlei Eroberungen und wünsche nur, die Ruhe im Lande wieder hersustellen. (Die Botschaft hört man Wohl, der Glaube indessen fehlt noch sehr!)

S>Wahltag" in Laibach. (Pr i v a t t e l e- tz r a m m.) Man depeschiert uns aus Wien: In Laibach, wo vor einigen Monaten der Ge- mcinderat aufgelöst wurde, fand gestern Ge­meinderatswahl statt, die ihre besondere Be­deutung dadurch gewann, daß zum erstenmal Frauen das Stimmrecht ausüben konnten. Die Wahl vollzog sich allgemein ruhig. Rur vor dem städtischen Mädchenlyceum, wo sich das Wahllokal für Frauen befand, kam es zu heftigen Auftritten, weil ein klerikaler Redak­teur den Frauen die Wahlkuverts, in denen er freisinnige Wahlzettel vermutete, entreißen wollte. Am Nachmittag kam es vor dem Ur- suliner Nonnenkloster zu Demonstrationen, und als sich die Nonnen zum Wahllokal bega­ben, um ihr Wahlrecht auszuüben, begleitete sich eine große Menschenmenge mit stürmischen Pfui"-Rusen, sodaß die Gendarmerie einschrei­ten mußte.

S Russische Geheimbund-Jagd. (Pri- vattelegramm.) Wie von der schlesisch- russischen Grenze gemeldet wird, dauern die Massenverhaftungen in Russisch- Polen fort. Sie richten sich hauptsächlich ge­gen jüdische Vereine und die jüdische Intelli­genz. In den letzten fünf Tagen sind über drei­hundert Verhaftungen erfolgt. Es handelt sich um die Ermittlung von Mitgliedern einer so­

zialistisch-revolutionären Vereinigung der An­hänger des aufgelöstenBund", die sich über ganz Polen ausdehnen soll.

da3 Arbeiterbewegung und Dynamit. (T c- l e g r a m m.) Wie aus I n d i a n a p o l i s be­richtet wird, ist der Sekretär des Eisen- und Bauarbcitersyndikats, Mac Namara, unter der Beschuldigung des Mordes und der Betei­ligung an dem Dynamitanschlag auf das Bu­reau der ZeitungLos Angeles Tttnss", der ini Oktober vorigen Jahres verübt wurde, ver­haftet worden. In der Zentralstelle des Svn dikats wurde viel Dynamit und sonstige Sprengstoffe gefunden. Ein Bruder Mac Na- maras und ein anderers Individuum sind ebenfalls festgenomcmn worden. Bei ihnen wurden zwölf Bomben beschlagnahmt.

Politische Chronik.

Der Kaiser wird gelegentlich seines Früh­jahrsaufenthalts in Prökelwitz und Cadinen auch der Leibhusarenbrigade einen Besuch ab­statten und hierbei die von dem Kronprinzen und seinem Gefolge gemieteten Villen in Lang­fuhr besichtigen. Der Besuch soll noch vor Pfingsten erfolgen.

In Berlin fand gestern das Leichenbe­gängnis des verstorbenen sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten Hermann Borgmann statt, an dem sich die parlamentarischen Partei- angehörigen außerordentlich zahlreich beteilig­ten. Die Trauerfeier verlief in würdiger Weife.

Wie uns aus Paris gemeldet wird, wird der Marineminister D e l c a s s e an, Bord des- neuen PanzerschiffesDanton" der aus Anlaß der Krönung des Königs Georg auf der Reede von Spithead stattfindenden Flottenschau beiwobnen.

Nacb einer Meldung aus N e w y o r k erklärte Roosevelt in einem Interview definitiv, daß er bei der Präsidentschaftswahl im nächsten Jahre nicht kandidieren werde.

Aus Saloniki meldet uns ein Tele­gramm: In hiesigen Kreisen des jungtürkischen Komitees wird erklärt, daß eine Spaltung in der Partei für Einheit und Fortschritt nicht be­stehe, auch kein Anlaß dazu vorhanden sei. Ge­wisse Forderungen eines'Teiles der Komitee­mitglieder würden eine sachliche Erlediaung finden. Man beurteilt die Lage mit völliger Ruhe.

Seite« bnm Tage.

Das Wunderhalsband der Zarin.

(Von unserm Korrespondenten.)

Man schreibt uns aus Petersburg: Am Hofe des Zaren ist seit einigen Wochen eine geheime Unruhe zu beobachten. Der Grund hierfür wird möglichst geheim gehal­ten, und die Unruhe, die sich der Wachen und der Dienerschaft bemächtigt hat, vor der Zarin verborgen. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß der Zarin ein kostbares Perlen­halsband, das reich mit Brillanten ge­schmückt ist, abhanden gekommen ist, und daß sich nicht der geringste Anhalt dafür findet, wo das Schmuckstück sein könnte. Dazu ist das Halsband noch ein Schmuckstück, das eine Ge­schichte hat.

Das Halsband, das durch die Reinheit und regelmäßige Gleichheit der Perlen schon besonderes Interesse verdient, hat großen historischen Wert. Es befindet sich seit langen Jahren im Besitze der Romanows und wird von den Zarinnen stets bei festlichen Gelegen­heiten getragen. Der Ueberlieferung nach soll es vor mehreren Jahrhunderten in einem Kloster gefunden worden sein, wo es eines Morgens den Hals der heiligen Mutter Got­tes schmückte. Daher werden dem Schmuck­

stücke wundertätige Wirkungen zu- geschrieben und Katharina die Große soll cs stets getragen haben, da es vor Krankheiten schützte und außerdem die Macht verlieb, schon ausgebrochene Krankheiten heilen zu können. Von diesem Diadem wird auch erzählt, daß es das Herrscherhaus vor drohenden Gefahren warnte. Stand dem Lande ein Verhängnis bevor, dann verloren die Brillanten plötzlich allen Glanz und lagen tot und leblos in der Schatulle. Die Perlen hingegen sprachen eine noch deutlichere Sprache. So sollen sie kurz vor der schweren Erkrankung der Zarin ihre Farbe und ihren Glanz völlig verändert haben. Sie schimmerten bläulich, und das Licht, in dem sie erglänzten, war fahl und matt. Die Zarin hat damals das Halsband, das sie sonst an allen Tagen trug, für den Alltag abgelegt, um es nur noch bei besonders feierlichen An­lässen hervorzuholen. Run ist es seit Wochen verschwunden. Die hohe Frau, die zuweilen die Schatulle mit dem Halsband sich kommen ließ, und die Perlen und Brillanten betrach­tete, hat, seitdem das Diadem verschwunden ist, glücklicherweise noch nicht den Wunsch ge­äußert, es wieder einmal zu sehen. Man hofft auch, daß es sich finden wird, ehe die Zarin darnach fragt, und sucht den Verlust vorläufig um jeden Preis zu verheimlichen, da die Kunde von dem Verschwinden des wundertätigen Halsbandes mit Rücksicht auf den Gesundheits­zustand der Zarin leicht zu schlimmen Wirkun­gen führen könnte. -or-

XX Die Tragödie eines Tauchers. Aus Berlin meldet uns ein Privattele­gramm: Ein Opfer seines Berufs ist der Taucher Henry Cox aus Berlin gewor­den. Cox, der bisher mit großem Erfolge sein gefährliches Amt versah, auch längere Zeit bei der Zeppelinwerft in Friedrichshafen be­schäftigt war, sollte in Ottsleben bei Braun­schweig aus einem mit Wasser gefüllten Schacht die Leiche eines ertrunkenen Bergmanns ho­len. Cox arbeitete bereits etwa eine Stunde unter dem Wasser, plötzlich gab er heftig das Notsignal, man holte ihn schnell ans Ta­geslicht und befreite ihn aus seiner Montie­rung, doch war es schon zu spät, er gab nur noch schwache Lebenszeichen von sich und ver­schied kurz darauf.

XX Der Telegraphcnarbeiter mit dem Re­volver. Meldungen aus Berlin zufolge wurde eine Roheitstat. die ein Elternpaar der Unterstützung ihres Sohnes beraubte, von einem fünfundzwanzigjährigen Telegrapben- arbeiter begangen. Dieser schoß nach einem kurzen Wortwechsel einen ihm gänzlich unbe­kannten Eisenbahnarbeiter nieder. Er ergriff die Flucht, wurde aber eingeholt und der Po­lizei übergeben.

ru: Die Folgen einer Fleischvergiftung. Ein Vrivattelegram m meldet uns aus Berlin: In der Nacht zum Sonntag er­krankte die Fran eines Bierabziehers mit ihren beiden drei und dreizehnjährigen Töchtern an Fleischvergiftung. Das Befinden der drei Personen verschlimmerte sick, derart, daß sie aus Veranlassung eines hinzugezogenen Arztes nach der Charitee geschafft werden mußten; insbesondere gibt der Zustand des jüngsten Kindes zur Besorgnis Anlaß. Die Polizei hat eine Untersuchung eingeleitet.

XX Der Todessturz in der Reitbahn. Nach einem Privattelegramm aus Berlin ereignete sich am gestrigen "Sonntag vormittag im Hippodrom des Tiergartens, jenem großen Reitgelände in der Nähe des Zooloa-kchen Gartens, ein schwerer Unfall. Ein Kaufmann stürzte fo unglücklich, daß er die Wirbelsäule brach und sofort t o t war.

Die Eis enb ahnattcntätcr verhaftet! Meldungen aus Koblenz zufolge ist es der Kriminalpolizei gelungen, jene ruchlosen Bur­schen sestzunehmen, die in den letzten Tagen mehrfach Anschläge auf oberrheinische Verso- nenzüge verübt haben, indem sie schwere Steine gegen die Fenster der Züge warfen und Re- volverschüsse abgaben. In mehreren Fällen hatten Passagiere Verletzungen davongetragen. Die Waldbrände in Westdcutt^land. Ein Privattelegramm meldet uns aus Köln: Am Niederrhein, im bergischen Lande, sowie an der holländischen Grenze sind inner­halb der letzten drei Tage Tausende von Mor­gen Waldbestand durch Feuer vernichtet wor­den. Bei dem Waldbrand bei Rath war ein aus der Anstalt Brauweiler entwichener Zucht­häusler der Brandstifter. In den anderen Fäl­len hatten halbwüchsige Burschen, die alle ver­haftet wurden, die Brände angelegt.

xx Der Mordanschlag auf den Herbergs­vater. Nach einer Meldung aus Eßlingen feuerte ein aus der Herberge zur Heimat aus­gewiesener Schmiedegeselle in der Haustür auf den Hausvater Jäger einen Revolvex- s ch u tz ab. Jäger st a r b auf dem Trans­port nach dem Krankenhaus.

xx Unfall oder Selbstmord? Aus Reiche­nau meldet uns ein Privattelegramm: Die Wiener Touristin Paula Weber ist vom Jdastcg auf der Haardt abegestürzt und war sofort tot. Die Leiche wurde obduziert da ein Selbstmord nicht ausgeschlossen erscheint. Die Dame war leidenschaftliche Touristin und ohne Führer aufgestiegen.

Zwei Dörfer in Flammen. Aus Graz meldet uns ein Privattelegramm: Die Ortschaft Semriach steht seit gestern abend i n Flammen. Die telegraphischen Verbindun­gen sind z e r st ö r t, weshalb man annimmt, daß das Postamt geräumt werden mußte. Wie ein Gastwirt telephonierte, dürste der halbe O r t der Feuersbrunst zum Opfer gefallen fein, von hier ist Hilfe gesandt. Wie uns aus B u d a p e st gemeldet wird, entstand durch spie­lende Kinder in der Ortschaft Horvath bei A r v a l u ein großer Brand. Sechzig Wohnhäuser undNebengebäudc wurden ein Raub der Flammen. Zwei Menschen sind ver­brannt. Die Gräfin L o n y a y, die in der dortigen Gegend Besitzungen hat, erschien an der Brandstelle und verteilte Lebensmittel un­ter die Notleidenden.

xx Räuber im Gasthaus. Wie uns ein Privattelegramm aus Pleß meldet, drangen gestern nachmittag in Orbanowitz neun maskierte Banditen in ein Gasthaus ein und riefen den Anwesenden zuHände hoch". Als diesem Befehl Folge geleistet war, raubten re neunhundert Mark und sämtliche Schmuck- ächen. Die Räuber entkamen unerkannt.

xx Zwei Opfer des Winzeraufstandes. Mel­dungen aus Paris zufolge, hat sich in dem Gefängnis von E p e r n a v gestern der vor­gestern verhaftete Winzer Talland auf eigen­artige Weise ums Leben gebracht. Aus den Fasern eines spanischen Rohres drehte er sich eine Schlinge, die er an dem Tischbein befesttigte, dann kniete, er nieder und ließ sich, die Schlinge um den Hals, auf den Erdboden allen. Man hatte ihn unter dem Verdachte fest­genommen, an den Plünderungen betei­ligt gewesen zu sein. Gestern wurde in Epernay ein Weinbauer beerdigt, der bei einer K a - vallerieattacke so schwer verwundet wor­den war, daß er an den Verletzungen gestor­ben ist.

«r Meuterei in der Kaserne? Ein Privat- telegramm meldet uns aus Paris: Sol­daten des 41. Infanterieregiments in Donay verübten gestern in der Kaserne solchen Lärm, daß der Wachthabende einschreiten mußte, um

Der Sturm aufs Kapitol.

Der Kriegszug der Suffragetten.

(Don unserem Korrespondenten.) Newyork, Mitte April.

Die Rede des amerikanischen Professors, der sich gegen dieWahnidee" der Frauen, die um das Stimmrecht kämpfen, wandte, hat anscheinend nicht viel genützt. Die Frauen und Männer Amerikas haben den Apostel, der ihnen alles nehmen wollte, was ihnen das Leben lebenswert macht, ihre Idee, um das Stimmrecht zu kämpfen, angehört, jedoch ohne jeden Erfolg. Denn sie haben den Entschluß gefaßt, zur Durchführung ihrer Pläne alle er­denklichen Machtmittel aufzubieten. Sofort nach der Demonstration des Professors gegen das Wahlrecht gingen die Suffragetten in sich und beschlossen, was sie tun könnten, um zu be­weisen, wie sehr sie nach wie vor um ihre Idee kämpfen werden. Am letzten Sonnabend kam es nun zu einer großen Demonstra­tion. Fünfhundert Suffragetten stürmten mit Stöcken und Schirmen bewaffnet in Al­bany das Kapitol, ohne daß hier (toie im alten Rom» wachsame Gänse vorhanden gewe­sen wären. Im Kapitol forderten die Damen vor dem zuständigen Legislatur-Komitee das Stimmrecht für die Frauen. Das Komitee war ob dieses Massenandrangs schöner Damen aufs äußerste bestürzt, zumal die Vorkämpferinnen für das Frauenstimmrecht einen ohrenbetäu­benden Svektakel machten, und versprach ihnen infolgedessen alles Mögliche, ohne natürlich an fcic Erfüllung des Versprechens zu denken.

Die Suffragetten wurden von Miß Mar- gar e t G a r d e n e r, der Enkelin des greisen Bischofs Doane, angeführt. Die streitbaren amen füllten nicht nur alle Galerien im usenplv-Saale, sondern auch alle Gänac. und sie bemächtigten sich sogar der Spitie der Ab­geordneten Das Justizkomitee hörte ihnen mer stunden lang geduldig zu. obgleich ihre Argumente alle über denselben Leisten aeschla- gen waren nnW sie einander durch Zwiscken- r^rie be,räudig selbst unterbrachen. Tie erste <cumtton lieferte Frau William Vhelvs ,->or»..ruv, eine der Führerinnen derAntis", mdem ue unter riesigem Tumult ausries:Wir "'v'el Wahlrecht, d. b. mviele ur. wissende Wähler. Unser Land braucht

nicht mehr Freiheit, sondern weniger. Wir haben fünf Millionen arbeitslose Männer . . . und alle sind Wähler!" Fräul. Marv Dean Adams entfesselte einen weiteren Sturm der Entrüstung, indem sie sagte:Die Frauen sind nicht für das Stimmrecht geeignet, denn sie wollen sich der Majorität nicht beugen, son­dern immer und unter allen Umständen herr­schen." Auch Bischof Doane erklärte sich scharf gegen die Suffragetten und nahm in der denk­würdigen Versammlung folgendermaßen das Wort:Ich habe in der letzten Verfammlung eine scharfe Rede gegen die Verleihung des Stimmrechts an die Frauen gehalten und bin seitdem nicht der Ueberzeugung geworden, daß es für die Frauen ersprießlich ober gar not­wendig wäre. Und von dieser Ansicht werden mich auch die größten Demonstrationszüge der Frauenstimmrechtlerinnen nicht heilen können."

-ko-

Kleiner Feuilleton.

Casseler Künstler.

±2=' Bei Vietor stellt C. Brünner einen Studienkopf und drei kleine Portraitstudien aus, I. Klebe die Skizze eines jungen Man­nes in der, erft kürzlich nach Obere Königs­straße verlegten Rahmenhandlung von H. K och. Im Schaufenster von Huhn sind eine Reihe Aquarelle von R. I e f ch k e, die vor einigen Wochen am gleichen Ort zu sehen wa­ren, wieder ausgestellt. Leider fehlt der ver­schneite Wald, der besser war als die übrigen ge­zeigten Arbeiten. Der stimmungsvolle Herbst­waldNicderkausunaen" leidet unter dem geologisch so wenig überzeugenden Sandbruch im Vordergrund, dem (ebenso wie demWei­marer Weg") mehr Festigkeit und Körperlich­keit zu wünschen wäre. Gut sind Kiekern auf Sanddünen, eine Heide mit Birken trüb und konventionell.

Bei Bauer am Karlsplatz sieht man eine Kopie von C. Geist: Rembrands ..Architekt", die den Ton des Originals glücklich trifft, dann eine Reihe Marinen des verstorbenen Pro­fessor E. Reumann: Eine dänische Segel­jacht. deren Leinwand fatal an weißlackiertes Blech erinnert und deren Klüversegel im Au aenblick des Uebergebens recht unwahrschein­lich sieht, doppelt bedauerlich bet dem gut stu­dierten Wellenzug. Zwei hübsche kleine Bilder

sind anscheinend gleichfalls von der dänischen Küste:Bark geht vor Anker" undEwer". Ein auslaufender Fischkutter hängt zu schlecht zu näherer Würdigung. D.

Der Zug zum Pol. Der Südpol wird augenblicklich stürmisch umworben. Zwei Ex­peditionen, die einander den Rang abzulaufen suchen, befinden sich gleichzeitig in der Ant­arktis. Dieses Rennen zwischen Aniund- s e n und Scott erregt wissenschaftlich das größte Interesse. Namentlich hat die Meldung, daß Amundsen den taglosen Winter zur Expedition benutzt, um dadurch Scott, der den Vorstoß erst im Frühjahr zu unterneh­men gedenkt, zuvorzukommen, überrascht. Die Teilnehmer an der Shakleton-Erpedition be­streiten, daß es möglich fei, die Nacht mit ihrem furchtbaren >Winterschnee, ihren Stür­men, der für Mensmen und Hunde unerträgli­chen Kälte von hundert Grad Fahrenheit, die das Marschieren und das Leben unmöglich machten, zu benutzen. Das Wahrscheinlichere, sagen die Sachverständigen der Shakleton-Ex- pedition. ist, daß Amundsen sich sofort an den Fuß des Beardmorgletschers begeben wird, um diefen unmittelbar bei Anbruch des Frühjahrs zu besteigen und dann die 209 englischen Mei­len bis znm Vol zurückzulegen.

Moltkcs berühmteste Zigarre. Uns wird geschrieben: Am heutigen 24. Avril sind zwan­zig Jahre verflossen, seit M o l t k e seine Augen geschlossen hat. ES fei darum aus An­laß dieses Tages an eine Episode erinnert, die sich zwischen Moltke und Bismarck im Kriege 1866 vor der Schlacht von König- qrätz absvielte. Moltke war bekanntlich ein lei­denschaftlicher Raucher. Eine Zigarre Molttes ober darf Anfpruch darauf erbeben, als histo­risch angesehen zu werden. Es war am Tage von Königarätz, in jenen Stunden, in denen die Schlacht stillstand und die Preußen nicht vor­wärts noch rückwärts konnten. Ein Adjutant nach dem andern ging ab und keiner kehrte zurück. Auch wurde keine Nachricht von dem Herrannahen des Kronprinzen gebracht. Bis­marck erzählte bei einem Diner, bei dem die Af­färe erörtert wurde, daß ihm jetztheillos schwül" zu Mute werde. Dabei wandte er sich zu dem dabei sitzenden Molkte und sagte:In die­sem gefährlichen Augenblick suchten meine Augen Sie. mein lieber Moltke, da ich feben wollte, von welcher Stimmung T i e beherrscht feien. Auf Ihrem Gesicht wollte ich das Schicksal des

Tages ablesen. Ich drehte mich um und sah Sie tatsächlich wenige Schritte von mir auf dem Pferde halten. Mit dem gleichgültigsten Gesicht in der Welt sahen Sie in das Schlacht­getümmel und rauchten dabei sehr zufrieden einen Zigarrenstummel, Das heiterte mich so­fort auf, denn ich sagte mir, wenn Molkte mit solcher Seelenruhe seinen Stummel raucht, dann ist es sicher mit uns noch nicht so ganz schlecht bestellt. Sie taten mir leid, daß sie sich mit Ihrem Stummel so abquälten. Ich ritt auf Sie zu und bot Ihnen meine Zigarren­tasche an, in der sich zwei Zigarren befanden, eine gute und eine schlechte. Sie nahmen mit dem Feldherrnblick, der sich auch hierin aus­zeichnete, die gute. Ich selbst habe am Abend die schlechte Zigarre geraucht. Ich kann Ihnen aber, meine Herren, versichern, daß mir noch nie in meinem Leben eine Zigarre so gu ge­schmeckt bat, wie diese.

iL Münster, Kunst und Poli.ik, Ein Pri­vat t e l e g r a m m berichtet uns aus Brüssel: Der belgische Ministerpräsident Scho - la c r t ist gestern abend in Antwerpen aus- gepfiffen worden. Er batte in seiner Ei­genschaft als Minister für Kunst und Wissen­schaft am Nachmittag eine Kunstausstel­lung eröffnet, nachher wohnte er einem Bankett bei, das anläßlich der Eröffnungs- scierlichkeiten veranstaltet wurde. Während des Banketts hatten sich etwa zweitausend So­zialisten vor den, Hause angesammelt und hiel­ten dort einen Meeting ab, indem sie gegen das neue Schulgesetz protestierten. Als gegen zehn Nhr Scholaert das Hans verließ, t> fiff en die Sozialisten und riefen:Nieder mit dem Mi­nisterpräsidenten !"

Die entschleierte Sphinx? Wie auS London berichtet wird, kündigt Professor Reisner von der Havard-Universität an, daß er das Rätsel der Sphinx gelöst habe. Der Kopf der Shinr fei der des Königs Chephres, der im Jahre 2850 v. Chr. gelebt habe. Die Statue der Sphinr mit dem Löwen­körper symbolisiere nun den löwenmutigen König, der die heiligen Pyramiden bewache. Reisner leitete kürzlich eine archäologische Ex­pedition nach Aegypten und entdeckte dort eine Statue des Mycerinos, eines Sohnes von Che- pbres. Der Professor erklärt, daß eine eia en- artige rote Farbe am Ohr der Statue des Mv- cerinas, sowie die besondere Art der Kopf­tracht aus dem 29. Jahrhundert v. Chr. zur Lökuna des Sphinrrätsels geführt haben.