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Fernsprecher 951 mrd 952.

Sonntag, den 23. April 1911.

Fernsprecher 951 und 952.

Pariser Spuk.

Psychologisches zu den letzten Sensationen.

Während bei uns der Kirschbaum blüt, grünt in Paris die Trauerweide, das krause Gestrüpp der Scham überwuchert die üppigste Rosen­pracht aufknospender Marokko-Hoffnungen, und der Franzose spürt den Schmerz der Lächer­lichkeit, der gallischem Temperament schreck­licher dünkt als die dumpfe Erkenntnis einer erlittnen Niederlage. Die frühlinggrünende Metropole an der Seine schlummert abends nach sorgenschwerem Tag unterm Nachhall sen­sationeller Enthüllungen ein, und erwacht früh­morgens bangenden Herzens zu neuem Skan­dal, neuer Erregung und neuer Beschämung: Eine Häufung von Unheil, wie sie feit den un- vcrgesinen Tagen des Panama-Krachs die Stadt des Lichts am Seinestrand nicht mehr zu erdulden hatte! Polizei- und Ministerial-, Orden- und Finanz-, Defraudations- und Be­trugs-Skandal: Zuviel für zarte Gemüter, und die Pariser Presse, die im löblichen Eifer Sher­lock Holmes'scher Kunst alle Bande frommer Scheu vergaß, in erregungheißen Tagen das sonst so hoch im Kurs stehendenationale Emp­finden" rücksichtslos ausfchaltete, und das dü­stre Gemälde der Korruption fo schrecklich wie möglich zeichnete, hat redlich das ihre getan, den durch die letzten Sensations-Surrogate schon etwas abgestumpften Gemütern den Bazillus nervenerschütternden Schreckens in verhängnis­vollster Reinkultur einzuimpfen.

Die Offenheit im Bekenntnis d»r Sünde, und die Rückstchtlosigkeit in der Aufdeckung von Fre­veln, deren Verantwortung letzten Endes doch die Schultern der Höchstmögenden drückt, hat etwas Heldenhaftes, offenbart ein starkes, sitt­liches Empfinden der allgemeinen und amtli­chen Oeffentlichkeit, und darf als Beweis dafür gelten, daß die Korruption zwar besteht, aber doch nur als Unkraut vegetiert und im Boden der gallischen Volkheit vergeblich Wurzel zu treiben sucht. Ein Vergleich mit Dem, das bei ähnlicher Gelegenheit hierzuland zu schauen war, gereicht uns kaum zur Zier, und es erscheint deshalb auch nicht nützlich, von ei­ner gallischen Degeneration schlechthin zu sprechen, wie es einige teutonische Pharisäer im Wirbel der von der Seine herüberlärmenden Sensationen zu tun als nützlich erachteten. Die Ehrlichkeit muß sogar erkennen, daß wir von der Art, wie man jenseits der Vogesen sich an­schickt, den Augiasstall zu reinigen, mancherlei lernen können, was wir noch nicht zu erstreben vermochten. Als im Kieler Werftskandal das Verhängnis hereinbrach, hat's überlang ge­dauert, bis das Auge klar erkennen konnte,, was nun eigentlich geschehen war, und auch dann, als die hart angetastete staatliche Autorität längst außer Schußbereich gerettet war, stand die Oeffentlichkeit noch immer der Mauer des Geheimnisses gegenüber, die bei uns nun ein­mal das Sterbliche auf deutscher Erde in amt­liches und nichtamtliches Sein scheidet: Keine Kulturmauer", wie im Reich der Mitte, aber der wetterharte Steinblock bureaukratischcr Tradition, gemodelt von der Sorge um den Untertanenverstand", dem man jegliche un­ziemliche Erschütterung zu ersparen trachtet.

Westlich des dreifarbnen Grenzstrichs ist man hurfiger, und (es verdient gesagt zu werden) in der Hebung des Vergeltens weniger zimperlich, trotzdem doch grade die rasch wechselnde Regie­rung einer parlamentarisch umhürdeten Repu­blik allen Anlaß hätte, den Schild ihres An­sehens vor dem Rost beschämender Korrup­tionsmerkmale unter Aufbietung aller (auch der verbotnen) Mittel zu bewahren. Die Ehren­männer Rouet, Maimon, Chädannes und Kon­sorten, der Polizei-Gentleman Warz4 und die übrigen Helden der Frühjahr-Sensationen ha­ben zwar ihr Handwerk schon mit Erfolg be­trieben, noch ehe Herr Monis und feine Ge­treuen in den Kabinettspfühlen faßen, aber die Verantwortung für das nun hereingebrochne Verhängnis trägt doch die Regierung, deren Lebensfrühling der Skandal verdunkelt, und es rst sicher, daß die Herren Monis und Cruppi darüber im Parlament noch manch bittres Wörilein zu hören bekommen werden, wenn mcht gar (was auch schon da war) des Unheils Menge fürs Schicksal der Regierung zum Ver- ; jangnis wird. Trotzdem hat die Gerechtigkeit 1? prompt ihres Amtes gewaltet, als sei Herr . 2?®^ niemals der Vertraute einslußreicher , ^tnittsmänner und Bellachini-Maimon nie der -kann gewesen, dessen Busen die erlesensten ^yc-mnisse internationaler Politik barg. Das "t8"® beweist, daß man dem republikanischen Frankreich und der gallischen Nation die Eiter­

beulen der Sünde nicht als Erbübel, oder gar als Merkmale völkischer Degeneration aufbür­den kann, sondern daß es sich imgrunde nur um Erscheinungen handelt, die auf Schwächen in der technischen Struktur des französischen Regierungs- und Verwaltungsbe­triebs schließen lassen; Schwächen zudem, von denen kein Verwaltungssystem (vom rus­sischen aufwärts bis zum Musterbetrieb preußi­scher Staatswirtschaft) gänzlich frei ist, und die in Frankreich nur durch die Menge des durch sie verschuldeten Unheils die Aprilpanik heraus- beschworen.

Und selffam: Man empfindet in der Repu- blick die Heimsuchung nicht etwa als die schlim­me Ausgeburt einer unglücklichen Zufallslaune, die das Unheil zu Bergen häufte, sondern man ist geneigt, in den offenkundigen Merkmalen bestehender Mängel und Uebel die Ausflüsse des parlamentarisch-republikani­schen Regiments, und der mit ihm natur­notwendig verbundnen Lockerung des staatli­chen Autoritätsprinzips zu schauen, Erscheinun­gen, die im Frankreich von heute ja nicht grade selten sind, und die den Franzosen in Momen­ten ernster Selbstkrittk an der Zuverlässigkeit des republikanischen Systems zweifeln lassen. Unter den Wirkungen, die die neue Skandal- aera auf die gallische Volkpshche ausgeübt hat, ist dieses leise Vibrieren der Zweifelstimmung sicherlich die interessanteste und merkenswerteste, denn sie offenbart dem schärfer Schauenden, daß die Republik in Frankreich immer noch nicht unbedingtes Vertrauen genießt, und daß der Franzose im Grunde seiner Seele trotz seines Drangs nach der Freiheit und Gleichheit der Individuen kein eingeschworner Anhän­ger des republikanischen Prinzips ist. Man be-' neidet uns an der Seine um dieStraffheit und Exaktheit des Regierungs- und Verwal­tungsbetriebs" und sieht darin die Früchte des monarchischen Herrschaftsprstrzips, das zwar der Autokratie, aber auch der Autorität stär­ker» Rückhalt leiht als die polittfche Fluktua­tion im Machtbereich der Republik. Daß opti­sche Täuschung das Bild stark färbt, beeinflußt die Taffache des Empfindens nur beiläufig, und es ist jedenfalls ein charakteristisches Moment im Bild der jüngsten Pariser Sensationen, daß auch diese peinlichen Ereignisse wieder an eine Saite der französischen Volffphche gerührt haben, die in Tagen der Heimsuchung immer wieder leise anllingt: Der Zweifel am Heil der Republik! F. H.

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Die Sünder Galerie.

KigeneDrahtmeldu ng.)

Paris, 22. April.

Die Untersuchung in der Defraudations­affäre im Ministerium des Aeußern wird mit

beleidigt und aufrichtig erschrocken über Mi fter Knox, den Ministerdes Aeußern, der sich dieser Tage wieder einmal der Oeffent­lichkeit in feiner Lieblingsrolle als ...Pro­tektor und Schutzengel flüchtiger Licbespärchen präsentierte. Der Herr Minister, der als junger Mann mit der Dame seines Herzens, die später seine Frau wurde, die Flucht ergriff, um in romantischer Weise in das Joch der Ehe zu gelangen, hatte in den letzten Jahren die ganz besondere Freude zu sehen, daß seine beiden Söhne genau nach seinem Beispiel und Vorbild heirateten, indem beide mit ihren respektiven Bräuten das Weite suchten. In süßer Erinnerung an seinen eignen Jugendstreich beeilte sich Herr Knox, ihnen seinen väterlichen Segen zu ge­ben, obwohl es ihm bei dem zweiten Filius nicht ganz leicht wurde: Der junge Herr Knox war nämlich noch ein blutjunger Student, als er mit einem niedlichen Geschäftssräulein in die Welt hinaus zog. Letzten Sonnabend nun konnte der Minister zum drittenmal als Protektor eine flüchtigen Liebespaares agitie­ren. Als er, erschöpft von der Tagesarbeit, im Automobil nach Hause zurückkehrte, fand er dort zu seiner nicht geringen Ueberrafdiung eine seiner Nichten, ein Fräulein Esther Singer, aus Pittsburg vor.

Das hübsche Mädchen, die Tochter eines reichen Großindustriellen, warnach berühm­ten Mustern" durchgebrannt, um in Washing­ton einen jungen Advokaten, den Sohn eines bekannten Baumeisters, zu heiraten. Das junge Paar hatte sich in die Villa des in solchen Fäl­len stets hilfsbereitenOnkel Minister" geflüch­tet und sich dort von einem rasch herbeigeeilten Priester trauen lassen. Wenige Minuten spä­ter teilte Herr Knox dem Vater bet jungen Frau das Geschehene telephonisch mit. Seine diplomatische Intervention war auch von Er­folg gekrönt: Eine Stunde später erhielt das Paar telegraphisch den erbetenen elterlichen Segen, und Herr Knox rieb sich vergnügt die Hände. Um dem strengen Papa der jungen Frau die Zustimmung leichter zu machen, hatte der Minister am Telephon erklärt, daß er be­reit sei, alle Förmlichkeiten, die mit einer Ver­mählung verbunden zu sein pflegen, an Vaters Statt zu erfüllen; er werde auch sofort der gan­zen Verwandffchaft Mitteilung von der vollzo­genen Trauung machen, sodaß die Eltern sich um nichts zu kümmern brauchten. Froh über feine überaus erfolgreiche Tätigkeit als Hei­ratsvermittler, kehrte Knox dann ins Ministe­rium zurück, um sich wieder der nicht ganz so leichten Entwirrung der mexikanischen Wirren zu widmen, deren Wellenschlag dem glücklichen Priester Amors leider beträchtliche Sorgen bereitet , , . Dr. Sch,

rücksichtsloser Strenge geführt. Es ist jetzt festgestellt, daß der verhaftete Finanz­chef Hamon seine Buchfälschungen fett Jahren betrieben hat, ohne daß die halbjährlich ftattfinbenben Revisionen der Bü­cher und Kassen die Unregelmäßigkeiten ent­deckt hätten. Hamon erfreute sich bei seinen Vorgesetzten unbeschränkten Vertrauens, und dieser Umstand hat offenbar feine Betrügereien besonders begünstigt. Die Untersuchung hat ferner ergeben, daß der ganze Geschäfts­gang im Ministerium des Innern stark verlottert ist, und daß in den ein­zelnen Unterabteilungen eine Kontrolle fast nicht möglich war. Die Chefs der einzelnen Abteilungen verwalteten ihre Ressotts nach freiem Ermessen, und so wird es auch verständlich, daß ein junger Mann von kaum zw a n z i g I a h r e n, der in der Attendieb- stahlsaffäre verhastete Vize-Konsul Rouet, die wichtigsten Staatsdokumente zu registrieren hatte, eine Arbeit, zu der vorschriftsmäßig nur alte, erprobte Beamte verwandt werden sollen. Auch im K r i e g s m i n ist e r i u m hat die Aufdeckung von Unregelmäßigkeiten zu einer eingehenden Prüfung des Geschäftsbetriebes geführt, die ebenfalls völlig unhaltbare Zu­stände in der Organisation des Ministeriums ergeben hat. Es scheint auch, daß neue Skandale inber Luft liegen und die Un­tersuchung weitere Mißstände ermittelt hat.

Wie die Men jungen...

Minister Knox als Protettor derRomantik".

(Von unferm Korrespondenten.) Newyork, im April. Tie vornehme Welt von Washington und dieoberen fünfhundert" der Union sind ent­rüstet. in ihrem sittlichen Empfinden aufs tiefftc

Marokkanische Hiobspost.

Sultan Muley Hafid auf der Flucht? (Telegraphische Meldungen.^

Madrid, 22. April. (Privattele­gram m.) Ein beim hiesigen Kriegsmini­sterium aus Ceuta eingegangenes Tele­gramm berichtet, daß ein dort eingetroffe­ner Eingeborener, der von Tetuan kam, versichert habe, die Rebellen hätten Fez im Sturm genommen und die ganze marokkanische Garnison nieder­gemetzelt. Der Sultan habe sich in das französische Konsulat geflüchtet, da die Stadt völlig in der Gewalt der Rebellen fei. Tie Lage des Sultans sei verzweifelt. Ein Privattelegramm berichtet uns dazu aus Paris: Es ist auffallend, daß die Darstellungen, welche die Meldunacn der Pariser und Londoner Blätter von der angeb­lich äußerst bedrohten Lage Mulay Hasids ge­ben, in direktem Widerspruch stehen zu den amtlichen Mitteilungen, die vom Quai d'Orsay stammen und auf den Berichten des Majors Bremont fußen, in denen es heißt, daß sich dessen Truppen in guter Verfassung befin­den und über genügend Munition verfügen. Auch habe Major Bremont ausreichende Ma­növrierfreiheit. Es fckeint also, daß alle die Alarmmeldungen, die die Situation des Sul­tans fo gefährlich bezeichnen, von einer Gruppe in Tanger ausgehen, die poli­tisch und finanziell daran interessiert ist, Mu- l a h Hafid zu stürzen. Merkwürdigerweise hält sich Abdul Asis, der frühere Sultan, gegenwärtig in Tanger auf und wohnt in der Villa des Korrespondenten derTimes", Har­ris. Bekanntlich ist dieserTimes"-Korrespon- bent in Tanger zugleich mit demMatin"-Ver- treter in Fez ber Herausgeber ber Tepeiwen, die schon feit einigen Wochen immer wieder ver­

sichern, daß sich Mulay Hafid unmöglich auf dem Thron behaupten könne. Der in Paris weilende marokkanische Minister El Mokri erklärte einem Berichterstatter, er könne die pes­simistische Auffassung über die Lage in Fez nicht teilen. Fez sei noch niemals von Belagerern genommen worden und es sei im Hinblick auf die geringen Hilfsmittel Wohl auch setzt den aufrührerischen Stämmen nicht möglich, in eine fo gut befestigte Stadt wie Fez einzubringen. Fez verfüge über große Vorräte an Lebens­mittel und Munition.

Madrid, 22. April. (Eigene Draht­meldung.) Ein Telegramm aus Melilla be­sagt, baß zahlreiche Wanderprediger bur* Ma­rokko ziehen und den heiligen Krieg ge­gen die Franzosen predigen. Ein Telearamm ans Tanger meldet, daß Muley Hafid dort als verloren betrachtet wird. Der Sultan sei im Begriff zu flüchten. Abdul Asis, der frü­here Sultan, werde wahrscheinlich wieder de« Thron besteigen, da er unter den mächtigsten Stämmen den stärksten Anhang habe.

Mieltschin in Hessen?

Intimes aus der Anstalt Rengshausen.

(Bericht für dieC. N. 91.")

Die Verhandlungen in dem vor ber Cas« feier Strafkammer ftattfinbenben Pro» zeß gegen bie sechs Diakons aus der Für­sorgeanstalt Rengshausen dauerte« gestern bis in die späten Abendstunden hinein. In ber Beweisaufnahme erklärte ber Pastor Schuchardt, ber Leiter ber Anstalt, eine Straforbnung sei vom Vorstand ber An­stalt, dem auch ber Zeuge angehört, aufgestellt worben. Die Bestimmungen ber Sirafoich- ttuttg seien den beiden Landeshauptleuten in Cassel und Wiesbaden vorgelegt, sie hatten auch anfangs die Genehmigung gefunden, seien aber nach langen Verhandlungen wieder umgestoßen worden. Der Zeuge bestätigt, daß einmal der Vorschlag gemacht worden sei, Revolver anzu­schaffen. Es sei dies in einer Kommissionssit- zung der Anstaltsleitung geschehen, welcher auch der Zeuge beigewohnt habe. Den Anlaß zst diese Vorschläge gaben

verschiedene Anschläge auf die Diakons. Zeuge sei aber diesem Vorschläge energisch ent gegengetreten, weil er eine schwere Gefahr füi die Brüder darin erblickt habe. Man habe ha­bet vom Revolver abgesehen, und Pfarrei Münch habe die Gummifchläuche eingefithrf Auch der Zeuge hält körperliche Züchtigungen nur im äußersten Falle für angebracht, ganz vermeiden ließen sie sich jedoch nicht. Was die Fähigkeiten der Angeklagten zu ihrem Amte als Erzieher betreffe, so sei es richtig, daß sämtliche Brüder in Anstalten ihre Ausbildung erhielten. Es müssen ernste Leute fein, die diesen Beruf ergreifen wollen und nicht jeder würde in das Amt eines Bruders eingeführt, von den Ausge­bildeten würde« nur höchstens zehn Prozent für dieses Amt auserwählt. Die Ziele, die einet Erziehungsanstalt gesteckt feien, seien eigentlich nicht ganz klar. Immer neue Probleme, bie studiert werden müßten, drängten sich in den Vordergrund. Gerade für Rengshausen habe man nur ältere Männer gewählt. Die Ange­klagten haben zweifellos

nur bas Beste gewollt.

Es seien ruhige und besonnene Leute, nur we­nige unter ihnen gerieten ab und zu in einen nervösen Zustand.

Der jetzige Hausvater der Anstalt Rengs­hausen, D i l l e n b e r g e r, ist der Nachfolger des Angeklagten Bez und macht seine Aussa­gen nur sehr zögernd. Er beginnt mit einer Charakterschilderung der Angeklagten. Bez ist ein außerordentlich nervöser Mensch, der sich nicht mäßigen könne, wenn er einmal in Zorn geraten sei. Die übrigen Angeklagten seien ziemlich ruhige Leute. Die Zöglinge seien wobl geschlagen worden, aber nicht übermäßig. Jetzt wird das Züchtigungsrecht nicht mehr von den Brüdern ansgeübt. Gummifchläuche und Stöcke sind nicht mehr in ihrem Besitz Wenn Widersetzlichkeiten Vorkommen, bann würbe bem Direktor Anzeige gemacht, ber entsprechende Verfügungen erläßt. Es wurde darauf in die Erörterung der Einzelfälle einge­treten. Der Bauernknecht W e y in a n n, der von 1907 bis 1908 Zögling der Anstalt war, erklärt folgendes: Ich bin

wegen Diebstahls in die Anstalt gebracht worden Mein Betragen bat wohl manchmal hi Tadel Anlaß gegeben. Am zweiten Weihnachtstaae hatte ber «äausvater Bez Be­such; ich weilte als Kalfaktor in einem Zim­mer. in dem ein Schrank stand, dessen Tür nur halb anaefchnt war. In diesem Schrank sol­len angeblich 45 Mark gelegen haben. Bez kam zu mir und behauptete, ich hätte jene 45 Mark genommen. Als iS bas verneinte, erhielt ich Schlüge und wurde dann i« ciferne Setten ge-.