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Tafferer Neueste Raqrnyren

Mr. ISS. 1. Jahrgang.__________________

htng. Eine vollständige Statistik würde auch die Frage zu beantworten haben, in welchem Verhältnis denn die Zahl der Selbstmorde un­ter den Schülern der höheren Lehranstalten zu den Selbstmorden der Gesamtbevölke­rung in den Altersstufen dieser Schüler steht. DaS Material für eine solche Untersuchung liegt jedoch zur Zeit noch nicht vor. Das Er­gebnis dürfte erheblich

zugunsten der höhern Schule

Ausfallen. So kamen zum Beispiel im Jahre 1906 auf 100 000 Schüler höherer Schulen 7 Selbstmordfälle, aber auf 100 000 der männ­lichen Bevölkerung von 1520 Jahren 17,8 Selbstmordfälle; im Jahre 1905 lauteten diese Zahlen bei den Schülern der höheren Schulen 8,1, bei der männlichen Bevölkerung von 15 bis 20 Jahren 20,3. Das ist freilich immer noch ein schwacher Trost, denn der ganze Ernst dieser Borkommniffe wird uns erst dadurch fühlbar, daß wir den großen Unterschied zwischen der geistigen und sittlichen Atmosphäre erwä­gen, in der die Schüler einer höheren Schule leben, und derjenigen, die andere gleichaltrige Bevölkerungsklassen umgibt. Wir leben in der Zeit der Schulreformen, in der man als Haupt- ,iel verfolgt, der Heranwachsenden Generation die Erreichung ihrer Ziele nach Möglichkeit zu erleichtern. Die Unterrichtshilfsmittel- und »ie Unterrichtsmethoden sind

rationeller und methodischer ausgestaltet, bas Prüfungs- und'Versetzungswesen ist we­sentlich vereinfacht und erleichtert, die Körper­pflege ist durch Turnen, Wanderfahrten und Sport aller Art bedeutend gehoben, und die Behandlung der Schüler ist gegen frühere Zei­ten milder und besonnener geworden. Zugleich hat man die tiefer liegenden Ursachen aufge­deckt, die solche Katastrophen vorbereiten und langsam herbeiführen. Da sind in vielen Fäl­len die jungen Selbstmörder Opfer des sitt­lichen Verfalls der Familie gewesen. In mehreren Fällen war der Vater notorischer Trinker, bet mit der Mutter in Ehescheidung lag; in anderen Fällen endeten die jungen Selbstmörder als Opfer unsinniger Vergnü­gungssucht, bezw. Alkohol- und Nikotingenus­ses. Schwere Schuld häuft das Elternhaus auch dadurch auf sich, daß es die Lektüre seiner Söhne nicht beaufsichtigt. Die Schund­literatur hat manchen jungen Selbstmörder erst entstehen lassen, denn aus ihr bildete sich die verderbte Phantasie, die dem Knaben

die Mordwaffe in die Hand drückte.

In vielen Fällen ist es unmöglich, die unmit­telbaren Ursachen des Unglückes klarzulegen. Gar oft standen Schule wie Familie vor einem unlösbaren Rätsel. Noch eine Ursache muß er­wähnt werden, die vielleicht auch bei den Selbstmorden in Ratibor mitgespielt hat und jedenfalls sehr vielen anderen zugrunde liegt: Sie liegt in unseren Verhältnissen, belastet aber in den Augen Unverständiger in ungerechter Weise die höhere Schule. Diese Ursache ist das Berechtigungswesen und ihm Zufolge die Ueberfüllung der höheren Schulen mit gänzlich ungeeignetem Schülermaterial. Die Eitelkeit der Mutter oder der Befehl des Vaters halten diese unglücklichen Knaben ge­gen Können und Neigung jahrelang auf der höheren Schule, wo sie sich Klasse für Klasse oft je zwei Jahre lang weiterschleppen. Der Junge soll wenigstens den Einjährigenschein erhalten; denn seines Vaters Verhältnisse ma­chen wenigstens die schwarz-weißen Schnüre an der Uniform nötig. Auch die beiden jungen Selbstmörder in Ratibor scheinen

unter diesem elterlichen Vorurteil gelitten zu haben. Sie standen als Achtzehn­jährige vor der Tatsache, daß sie nicht von Obertertia nach Untersekunda versetzt werden

konnten. Sie hatten nun die Gewißheit, daß sie vor dem ersten Februar ihres zwanzigsten Lebensjahres den ersehnten Schein nicht wür­den erlangen können. Schüler, die im acht­zehnten Lebensjahre noch in Obertertia sitzen, haben im allgemeinen schon mehr als einmal den Beweis dafür erbracht, daß sie unfähig sind, bett Anforderungen einer höheren Schule zu genügen. Das Durchschnittsalter eines Ober­tertianers ist vierzehn Jahre. Die Knaben werden auf dieser Klassenstufe in den meisten Fällen konfirmiert. Jünglinge von achtzehn Jahren gehören infolgedessen, falls nicht ganz besondere Verhältnisse vorliegen, nicht mehr nach Obertertia. Man sollte im allgemeinen den Aufenthalt solcher Schüler auf dieser Klas­senstufe nicht mehr dulden. Die Selbstmorde unserer Schüler aber sollten allen Eltern recht vernehmlich klar machen, daß sie nur solche Knaben in die höhern Schulen schicken, die mehr als normal begabt sind, und dazu körperlich auch die Garantie bieten, den Anstrengungen des Unterrichtes auf einer bnbern Schule ge­wachsen zu sein.

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Die neuesten Tragödien,

(Eigene Drahtmeldung.)

Berlin, 10. April.

Ein achtzehnjähriger Schüler verübte ge­stern in der Wohnung seiner Pflegeeltern Selbstmord, indem er sich an einem Klei­derhaken erhängte. Alle Wiederbelebungs­versuche blieben erfolglos. Das Motiv zur Tat ist noch unbekannt; doch scheint der Knabe erblich belastet zu sein; sein Vater endete eben­falls durch Selbstmord. Ferner hat sich (einem Telegramm aus Chemnitz zufolge) dort der achtzehnjährige Sohn des Königlichen Baurats -Fritsche erschossen, weil er nicht ver­setzt worden ist.

Sie PolM des Lages.

s Revirement in Sicht? (Telegramm unsers Korrespondenten.) Aus Ber­lin wird uns depeschiert: In ht Heren politi­schen Kreisen verlautet, daß ein wechsel in der Stellung des diensttuenden Generaladju- taufen und Kommandanten des Hauptquar­tiers des Kaisers bevorsteht. Der jetzige In­haber dieses hohen Postens, Generaloberst von Plessen, beabsichtige in den Ruhestand zu treten. Als sein Nkchsolger wird der komman­dierende General des Gardekorps, General der Infanterie von Loewenfeld genannt.

Die drohendedeutsche Wirtschafts- Hegemonie". (Telegramm.) Meldungen aus Petersburg zufolge wies in der gestrigen Reichsratssitzung der frühere Handelsminister T i m i r j a s e w auf die Notwendigkeit einer Revision des deutsch-russischen Han­delsvertrags hin. Es bestehe die voll­ständige wirtschaftliche Hegemonie Deutschlands gegenüber allen anderen Staaten. Deshalb be­fürworte er, sich in allen Zweigen der Volks­wirtschaft an Deutschland ein Vorbild zu nehmen. Der Großindustrielle Rotwang führte aus, die Staatsfinanzen Rußlands seien jetzt so glänzend, daß der Staat im Laufe von zehn Jahren keine Anleihe und auch keine Er­höhung von Steuern benötigen werde. Der Zufluß von ausländischem Kapital sei für Ruß­land unumgänglich, stoße aber in der öffent­lichen Meinung auf Wiederstand.

Der Ausgang der Ferrer-Debatte. (Telegramm.) In der spanischen Kammer wurde am Sonnabend nach der Marokkofrage die Debatte über den Ferrerprozeß wie­der aufgenommen. Solvortega beleuchtete bett

Prozeß von der politischen Seite und bemühte sich, die Konservativen für die Ereignisse in Barcelona verantwortlich zu machen. Nachdem mehrere Redner gesprochen hatten, wurde die Debatte geschlossen. Der Antrag der Republi­kaner, die Regierung möge das A b ä n d e - rungsgesetz zum Militärstrafgesetzbuch vorlegen, wurde mit 179 gegen 23 Stimmen abgelehnt.

S3 Rußland zur See. (Telegraphische Meldung.) Wie aus Petersburg be­richtet wird, beendete der Reichsrat in seiner gestrigen Sitzung die Generaldebatte über das Budget. Der Marinemini st er erklärte, daß viele Vorwürfe der gesetzgebenden Körper­schaften gegen sein Ressort begründet seien. Alles werde geschehen, um die Flotte kampf­fähig zu machen. Der geforderten Einschrän­kung der Zahl der Mannschaften könne er nicht zustimmen. Das Tempo des Schiffsbaues nehme schnell zu. Der Reichsrat nahm schließ­lich den Etat an und beschloß in 14 Punkten anders als die Duma, sodaß eine Aus­gleichskommission ernannt werden muß.

Politische Chronik.

Die Interpellation über den Moderni­st eneid, die im Herrenhause eingebracht worden war, wird nicht mehr zur Beratung gestellt werden, da die Angelegenheit durch die Debatten beim Kultusetat für erledigt ge­halten wird.

Wie uns aus Rom berichtet wird, haben der Deutsche K r o n p ri n z und die K r o n- Prinzessin durch Vermittelung des deut­schen Botschafters von Jagow dem Bürgermei­ster von Rom dreitausend Francs für die Ar­men der Stadt überreichen lassen.

Einem Telegramm aus Berlin zufolge hatte der Bund der Viehhändler Deutschlands an den Landwirtschaftsminister die Bitte gerichtet, die Einfuhr mageren däni­schen Weideviehs zu ---statten. Der Minister hat das Gesuch abgelehnt.

Ein Spezial-Telegramm meldet uns aus Danzig: Die Schisfsbauer, Schiffs­zimmerer. Nieter, Stemmer und Winkelschmiede der Sch ich au-Werft (etwa siebenhundert Mann) haben beschlossen, wegen Lohndifferen- zen morgen in den Ausstand zu treten. Et­wa dreizehnhundert in anderen Betrieben be­schäftigte Arbeiter gedenken die Arbeit fortzu­setzen.

Ein Telegramm meldet aus Brüssel: Die Interparlamentarische Union beschloß, die nächste Konferenz am 3. Oktober in Rom abzuhalten. Auf der Tagesordnung ste­hen die Fragen des Verbots des Luftkrieges und der Einschränkung der Rüstungen. Auf Antrag Lord Weardakes wurde dem Präsiden­ten Taft ein Danktelegramm für die Ergrei­fung der Initiative in der Frage des obligato­rischen Schiedsgerichts übersandt.

Aus Petersburg meldet uns ein Tele­gramm: Der Justizminister teilte dem Präsi­denten der Reichsduma mit, daß der Abgeord­nete Kr-opotow ((Arbeiterpartei) vor Ge­richt gestellt werde und deshalb gemäß den Statuten der Duma aus dieser ausscheiden müsse. Krovotow wird angeklagt, Urkunden gefälscht zu haben, um den für die Wahl erfor­derlichen Zensus zu erhalten.

Nach einer Depesche aus Kalkutta hat die bereits gemeldete Niedermetzelung der englischen Expedition im ganzen oberen Assam gewaltige Erregung hervorgerufen. Man befürchtet davon einen höchst nachteiligen Ein­fluß auf die anderen Stämme. Es wird ein Freiwilligenkorps gegen den schuldigen Stamm

_________________Drensmg, ii. iniL mobilisiert, bei von befreundeten Stämmen Verstärkungen erhalten hat.

Wie uns aus N e w y o r k berichtet wird, sind am Freitag neunzig Mann Bun­de s t r u p p e n, die die Rebellen verfolgten, im Kannon in einen Hinterhalt gelockt und fast gänzlich aufgerieben worden.

Meldungen aus C a d i x zufolge sind wäh­lend eine Uebung zwei Torpedoboote zu- sammenge st atzen. Beide erhielten ein Leck. Eines der Torpedoboote sank bei dem Versuche, es nach dem Arsenal zu bugsieren. Seine Hebung wird jedoch keine Schwierigkei­ten machen. Bei dem Zusammenstoß wurde ein Heizer getötet und einer verletzt.

Neuer vom Tage.

ÄL Kriminalkommissar und ...Mitar. beiter" derWahrheit". Aus Berlin meldet uns ein Spezialtelegramm: Gegen den Berliner Kriminalkommissar von Ties- kow II ist die Disziplinaruntersuchung einge­leitet worden. Ein Berliner Bankdirektor soll den Nachweis erbracht haben, daß von Tres- kow für dieWahrheit" die Artikel gelie­fert hat, wegen deren seinerzeit der verant­wortliche Redakteur Weber in Zwangshaft genommen wurde.

iXi Opfer der Liebe. Wie uns aus Ber­lin berichtet wird, unternahm die siebzehn­jährige Arbeiterin Else Leiwen, die mit einem bei ihren Eltern wohnenden jungen Manne ein Liebesverhältnis angeknüpft hatte, gestern mit Salzsäure einen Sei bst Mordversuch und wurde schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Das gleiche Schicksal traf den Bräu­tigam des Mädchens, der ebenfalls durch Ver­giften den T o d suchte. Die Ursache des Dop­pelselbstmordversuches ist die Verweigerung der Ehe durch die Eltern.

Ät Aus dem Dunkel der Millionenstadt. Einem Spezialtelegramm aus Bei- l i n zufolge wurde int Nordosten Berlins in der Nacht zum Sonntag der Kriminalschutz­mann Jankowski von mehreren zweifelhaften Individuen überfallen und mit Knütteln und Schlagringen so übel zugerichtet, daß er besinnungslos nach dem Krankenhaus am Friedrichshain gebracht werden mußte. Einer der Angreifer, ein Gelegenheitsarbeiter", wurde durch einen von dem Schutzmann abge­gebenen Schuß am Bein verletzt.

Lr Im Kampf mit Raubmördern. Wie uns aus V e u t h e n (Oberschl.) gemeldet wird, ist der N a ub m ö r d e r K o w o l l, der in den letzten zwei Wochen mit seinem Komplizen W a l c r u d den Polizeibeamten Gehlsen in Laurahütte, den Pächter Stachewski in Bismarckhütte, vor drei Tagen in Jcsephshof den Schlosser Kopetz, und in der Nacht zum gestrigen Sonntag den Gen­darmeriewachtmeister Piok, der ihn verhaften wollte, erschossen hatte, gestern vormittag in Rosberg nach einem schweren Kampfe mit den Polizeibeamten erschossen worden. Wal- crus wurde schwer verletzt und verhaftet. Bei dem Kampf wurden vier Polizisten teils schwer, teils leichter verwundet.

txs Die Explosion int Pulverwerk. Aus Neichenstein meldet uns ein Spezial­telegramm: Gestern abend explodierte das der Firma W. Guettler gehörige Pulver- werkSiebenin Vollmersdorf, wobei zwei Arbeiter ein Opfer ihres Berufes wurden.

rrr Der Kindersegen in Frankreich. Aus Paris meldet uns ein Spezialtele­gramm: Auf bei Jnvalidenbau-Esplanade vereinigten sich einige tausend Mitglieder vieler in ganz Frankreich verzweigter Shndikate, die

Kasseler Konzerte.

Geistliche Musikaufführung in der Adventskirche.

Am gestrigen Palmsonntag ließ sich auch der Kirchenchor der Adventskirche (Cassel-Wehlhei­den) in einem geistlichen Konzert, mit teilwei­ser Wiederholung des Programms seines letz­ten Konzertes im November vorigen Jahres hören. Mit Bezug auf die Bedeutung des Tags hatte man" als Einleitung des Programms den Chor: .Palmsonntagmorgen" von Max Bruch gewählt. Die frisch hewegte, anspre­chende Komposition wurde von dem Kirchen­chor rhythmisch und musikalisch sicher, und dynamisch gut abgetönt zum Vortrag gebracht. Als weitere selbständige Chorgesänge hörten wir noch:Herr Jesus Christ wah'r Mensch und Gott". Tonsatz von Goudimel und:Ich bin die Auferstehung und das Leben" von Joh. Gg. Herzog, bei deren Wiedergabe der über ju- gendfrisches Stimmenmaterial verfügende Chor die obengenannten. Vorzüge ebenfalls bestä­tigte: Die Hauptnummer des Abends bildete das Kirchenoratorium:Christus, der Tröster", für Soli, Chor, Gemeindegesana und Orgel von Fritz Zierau in Guben. Die Verwendung des Gemeindegesanges in einem Oratorium tritt uns hier als eine besondere Neuerung entge­gen, und die Zuhörer sollen durch diese Aktivi­tät zu erhöhter Anteilnahme an dem Werke an« sieregt werden. Es hat dies eine nicht zu leug­nende Berechtigung, jedoch vom künstlerischen St-ndpunkt kann von einer Steigerung des Eindrucks, zugunsten des aufgeführten Werkes, nur die Rede fein, wenn die mitwirkende Ge­meinde eme ziemlich große ist und die Ge­sänge hierdurch gewaltig und erhebend wirken.

Inhalt des Oratoriums liegt me t>>eichichte des kanaäischen Weibes zugrunde. Allerdings ist die Handlung eine fehl spärliche, und das Ganze ist vielmehr ein Aneinanderrei- 6en von Arien, Duetten und Chören, unterbro­chen von den Chorälen der Gemeinde. Um je­doch die Handlung lebendig zu aeftaltcn und dem Hörer naher zu bringen, fehlen die ver­bindenden und erzählenden Zwischenglieder, die in andern Oratorien durch die einaefüaten Rezitativs gebildet werden. Da die Handlung eigentlich erst in der zweiten Hälfte des Wer­kes aus dem Text klar zu ersehen ist, wäre es kehr erwünscht gewesen, wenn die einzelnen Nummern auf dem Programm mit kurzen er­läuternden Ueberfebtiften verleben gewesen wä­ren, wie z. B.Gebet her Mutter". .Bitte des

Kindes" usw. Auch hätte der vollständige Text auf dem Programm enthalten fein dürfen, denn nicht jeder Zuhörer ist vorher genau über den Inhalt eines derartigen Werkes orientiert. Was die Komposition als solche betrifft, fo darf man die einzelnen Nummern durchweg als sehr gut gearbeitet, reich in der melodischen Erfin­dung, unter Verwendung geschickter und erfri­schender Modulationen und in der Charakteri­stik äußerst prägnant bezeichnen. Besonders schön und feierlich ist das Vorspiel zum Choral: Ich will dich lieben, meine Seele", und die Altarie:O Jesu, du Sohn Davids, erbarme dich mein", die durch ihre tiefe Innigkeit außer­ordentlich zu Herzen geht. Ebenso ist das Duett:Ich will dir danken, Herr" und der Chor:Mein Jesus schweigt", mit dem can- tus firmus des Tenors:Und ob es währt, bis in die Nacht", besonderer Erwähnung wert. In dem letztgenannten Chor klangen die Tenöre jedoch teilweise sehr rauh. Im übrigen aber entledigte sich der Chor auch in diesem Werke seiner Aufgabe mit gutem Gelingen.

Die Altsoli hatte- Fräulein Käthe Ru­dolph übernommen. Die Dame verfügt über eine sehr schöne, in allen Lagen gut ausgegli­chene Stimme, und auch ihr Vortrag zeugt von künstlerischer Intelligenz und warmer Empfin­dung, doch wäre manchmal eine noch bessere Atemeinteilung von Vorteil. Frau Sprin­ger, der die Sopransoli zufielen, erwies sich ebenfalls als eine sehr temperamentvolle Sän­gerin von gutem musikalischem Verständnis. Ihre Stimme ist namentlich in der Mittellage sehr sympathisch, doch wird sie nach der Höbe hin scharf, was jedoch weniger an der Stimme felbft. als an der mangelhaften Ausbildung des Kopfregisters liegt. Die hohen Töne sitzen alle im Hals und klingen deshalb scharf ynb schroff, doch wäre dies sicher durch ein richtiges Studium zu befeitigen. In Herrn Fr. S ch r ö- ber, dem Vertreter der Partie des Jefu, lern­ten wir einen stimmbegabten Baritonisten ken­nen, der, unterstützt durch einen guten Vortrag, die jeweiligen Gesänge in befriedigender Weile wiedergab. Der Sänger müßte indessen noch darauf bedacht fein, sich größere Beweglichkeit in der Klangfarbe des Tones anzueignen. Die Damen S v r i »g e r und R u d ol P b berei- (betien das Programm noch-mit zwei Arien: Verstoßen, verfchlossen" aus Paradies u. Peri von Schumann für Sopran, fowie:Das Chri- stenher, auf Rosen gebt" von A. Becker, für Alt. Tie Orgelbegleituna im Oratorium wie

in den Sologesängen hatte Herr Organist Vieh m-a n n übernommen, der sie in sehr an­erkennenswerter Weise durchführte. Herr We i ß b r o d waltete s eines Amtes als Di­rigent mit großer Umsicht, und man muß be sonders die ruhige, sichere und präzise Art d^s Dirigierens lobend erwähnen. Die Sänger folgten aufmerksam feinen Winken, und ließ die ganze Aufführung eine gewissenhafte sorgfälti­ge Einstudierung erkennen. -e-

Fapans modernes Theater.

Das Kaiserliche Theater in Tokio.

(Von unferm Korrespondenten.)

Tokio, int März.

Am ersten Märztag ist in bei Hauptstadt Japans (wie wir bereits telegraphisch berich­tet haben) das erste große moderne Thea­ter in Japan, dasTeikoku-za", das Kaiserliche Theater, feierlich eingeweiht worden, und am vierten Mürz öffnete die neuerbaute Bübne auch dem Publikum ihre Pforten. Die Entstehung und der Ban dieses großzügig angelegten Bühnenhauses hat seine Geschichte, die viele Jahre zurückreicht. Man besaß bisher in Ja­pan fein größeres Theater; und die Fremden, die Gäste Tokios, und die Mitglieder der vor­nehmeren Gesellschaft waren vom Theaterbe­such ausgeschlossen, wenn sie nicht das zweifel­hafte Vergnügen genießen wollten, inmitten des Volkes mit gekreuzten Beinen stunbenlang bett sehr freien und im Ton mehr alsvolks­tümlichen" Darbietungen in den altmodischen Theaterhäusern beizuwohnen. Der eigentliche Vater des neuerbauten Kaiserlichen Theaters ist der M a i g u i s I t o: nur seinen wiederhol­ten Intervention und seiner Protektion ist,es zu danken, daß das Projeft endlich zur Ausfüh­rung kam und die Unterstützung der maßgeben­den Kreise Japans fand.

Nur mit dieser Hilfe konnte Kawakami und seine Gattin Sadda-Dacco den lang- aeheaten Plan verwirftichen: von zwei reichen Japanern, dem Baron Schibukawa und von Herrn Okura erhielten sie die Mittel zum Bau, der bereits im Jabre nenntebnbundertacht be­gann. Das neue Bühnenhaus fiat nafiezn drei Millionen Mark gekostet. Es liegt im vornefimsten Viertel der Hauptstadt, den Rückgebäuden des kaiserlichen Palastes aeaen- siber. Der Bau selbst zeigt eine sehr freie Be­handlung des späten Renaissancestils, und das

Gebäude mit seiner säulengeschmückten, stattli­chen Fassade und dem hoch über das Ganze em- porragenden Dache des Bühnenraumes macht zunächst einen etwas massigen Eindruck. Der Zuschauerraum ist völlig europäisch. Er mag ästhetisch befriedigen, praktisch freilich hat der japanische Baumeister das ihm wenig vertraute Problem nicht völlig zu lösen vermocht, denn im Verhältnis zu dem lehr tiefen und ziemlich niedrigen Bühnenraum ist int Zuschauerraum die Tiefe nicht groß genug genommen, so daß die Besucher des drftten und vierten Ranges die Vorgänge auf der Bühne kaum sehen kön­nen; auch akustisch bleiben die oberen Räume benachteiligt.

Die Wand- und Kuppelmalereien hat der japanische Maler W a d a , der lange in Europa ftttbiert hat, beigesteuert und damit eine glück­liche Vermengung europäischer Maiweise mit japanischen Stilprinzipien geschaffen. Das Bühnenhaus weist eine Drehbühne auf. Reizvoll ist die Konzession an die alte Tra­dition des japanischen Dramas, die auch in dem modernen Theater den altenBlumenweg" beibehält, über den die Schauspieler mitten durch das Publikum zur Bühne schrei­te» und auf dem sich auch alle großen, prunk­vollen Aufzüge entwickeln. Ob das Theater auf ein ständiaes Publikum rechnen kann, wird erst die Zukunft zeigen. Die maßgebenden Tokioter Kritiker sind sehr skeptisch und seben das Unternehmen als ein übereiltes rnb allzu früh verwirklichtes Experiment an. Man ver­fügt noch nicht über ein aenügend aeschultes Darstellermaterial; vor allem aber fehlt dem modernen Japan noch der Dramatiker. Das Revertoire steht in der Tat recht tief, und die Wiedergabe einiger nach euroväifchem Mu­ster gearbeiteten Lustspiele ließ fo ziemlich alles zu wünschen übria. Daher ist zu befürchten, daß die breite Maste des Publikums mit bet Zeit doch wieder nt den alten, gröber» und we­nig erbaulichen Auffnbnmaen tnrn^fefirt, an die es gewöhnt ist. Den» die Erziefiuna be3 Gefcbmr-ckä und die künstlerische Umwandlung eines Volkes vollzieht sich nicht in zeh» oder fünfzehn Jahren. B. D.

Kleines Feuilleton.

Ter Homburger Kaiser-Pavillon. Aus Beilin wird uns telegraphisch gemel­det: Mit Genehmiguna des Kaisers haben Bad-