LsMer Krueste Machnchtrn
1. Beilage.
Sonntag, 26. Marz 1911.
Nr. 96.
Erster Jahrgang.
und Buchbinderei,
----- Wörthftratze Nr. 11. -----
(Nachdruck verboten )
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sprach er zu Lotte, immer noch legte er sich rrenge Zurückhaltung auf, dennoch aber klang aus jedem Wort, das er an sie richtete, ein inniges Werben — nicht überrumpeln wollte er ie, sondern mit ruhigem, sicherem Schritt sich hr nähern, bis sie in holder Röte selber ihm die Hand darbieten würde. Das war sein Plan.
Und Lotte mertte recht gut, daß er tn zarter, feinfühlender Weise begann, ihr den Hof zu machen, aber auch jetzt noch konnte sie nicht anders, als nur an eine Freundschaft glauben: wenn sie aber an die Worte der Mutter dachte, dann hörte sie aus all seinen lächelnden Liebenswürdigkeiten doch den ernsten Unterton heraus, und dann kam manchmal eine geheime Angst über sie, so daß sie, mttten im Gespräch mit ihm, plötzlich nach der Mutter Hand faßte, als müsse sie hier Schutz suchen.
Dem Geheimrat entging das nicht. Er lächelte in sich hinein und dachte: mädchenhafte Scheu! Aber das wird sich schon verlieren; Hauptsache war doch, daß sie ihn leiden mochte — und dessen war er nun schon ziemlich sicher.
Als die Sonne zu sinken begann, brach man auf. Man pilgerte zu Fuß nach Riva hinüber, um von dort aus mit dem Sechsuhr« zug nach Arco zurückzufahren.
Unterwegs nahm Lotte ganz unwillkürlich den Arm der Mutter. Plaudernd gingen beide vorauf, während die Herren langsam hinterher kamen.
Als man auf die Landstraße hinauskam, stürmte ihnen ein Häuflein malerisch schmutzige, Dorfjungen entgegen. Im Nu waren sie von den bettelnden Buben umringt. Um sich so schnell als möglich zu retten, warf Bertold eine Hand voll Kupfermünzen unter sie, und wie rasend stürzten sich aNe Jungen daraufhin. Ein wüstes Schreien und Ringen begann. Wie zu einem dichten Knaul geballt, lagen die Burschen aufeinander, stießen und wälzten sich im Chausseestaub, um so viel als möglich von den Mün- ren zu ergattern. Es war ein drolliger Anblick. der zum Lächeln wohl reizen konnte.
Aber im Weitergehen wurde Bertold ernst und sagte: .Es ist unrecht, man sollte das nicht tun. Auf diese Weise wird den Buben von Jugend auf das bißchen Menschenwürde ausgetrieben/
Der Geheimrat nickte mit wehmütigem Lächeln: „Stimmt schon. Aber wir beide werden das nickt ändern. Das ist hier schon Traditio» geworden."
Langsam gingen sie weiter.
Als der blaue See frei vor ihnen lag, stanl der alte Herr still und sah voll Andackt auf daS berrlicke Bild, das den Blicken sich darbot.
„Wie schön, wie unvergleichlich schön ist das doch", sagte er mit leuchtenden Augen, — „und angesichts solcher Naturpracht balgen sich die Menschen um ein paar Kupferdreiet im Ebausseestaub, — eine lächerliche Menschheit; — Narr, der da glaubt, sie erziehen zu können." Aergerlich ging er weiter.
Bertold sah lächelnd vor sich nieder. Er fühlte sich durch dieses Wort nicht beleidigt. Er kannte den Alten zur Genüge; in solchen Momenten ging sein Temperament mit ihm durch.
Nack einem Weilchen begann er wieder' ,.Und bei uns zu Hause liegt noch alles in Eis und Schnee. Meine Mutter schrieb mir vor« gestern.
Da sah der Geheimrat auf. „Ihre Frau Mutter muß dock auch schon in meinem Alter sein, nicht wahr?"
„Ganz recht."
„Und noch immer rüstig in der großem Wirtschaft?"
„Nun, sie bat schon Hilfe genug da."
„Wenn auch, andere Siebziger sitzen längst in Rübe."
„Mein Mütterchen kann eben nicht ohne Arbeit sein."
„Kunststück! Weil keine Herrin da ist! Würden Sie eine Frau haben, wäre Mütterchen sicher längst im Altenteil."
Bertold lächelte, sckwiea aber.
Der alte Herr indessen ließ nickt nack. „Ja, weshalb haben Sie denn eigentlich noch nicht geheiratet? An Gelegenheit kann es Ihnen doch gewiß nicht gefehlt haben. Ich wollte Sie neulich schon mal danach fragen."
lFortsetzung folgt.)
Einen Moment besann sie sich, dann ries ie: „Bitte, sagen Sie es!"
, Da sah er aus und reichte ihr die fertig gemachte Palette hin.
„Also gut, wenn Sie es wünschen. Das Wort heißt: Frauenliebe ist schlimmer als Diebe. Es stammt aus dem Orient."
Sie stutzte, und sah ein wenig erstaunt drein. Und ihr erster Gedanke war: warum lagt er dir das?
Er nahm ihr Schweigen für Verlegenheit und sprach, halb und halb zur Entschuldigung, schnell weiter: „Mit anderen Worten: die Liebe einer Frau kann uns mehr nehmen, als ein Dieb je zu nehmen vermag."
Da erwiderte sie mit leicht neckischem Lächeln: „Vielleicht gilt das Wort nur für den Orient."
Und er, ernster werdend: „Leider nicht. Ich kenne einen Fall, und es handelt sich um einen guten Freund, da hat die Liebe einer Frau alles geraubt und ruiniert, Herz und Verstand."
Ganz leise fragte sie: „Und gegeben hat sie gar nichts?"
„Gar nichts," antwortete er mit verhaltenem Schmerz.
„Das ist allerdings sehr traurig,--aber
es ist doch wohl nur ein Ausnahmesall, meine ich."
„Ausnahmen pflegen die Regel zu bestätigen," erwiderte er hartnäckig.
Sie Nahm ihre Malerei wieder auf und sagte leichthin: „Wie kann man nur so pessimistisch denken."
„Das Leben erzieht uns leider so, entgegnete er.
Dann ein Schweigen. Jeder war scheinbar emsig bei der Arbeit.
Ihr war unbehaglich geworden. Sie ärgerte sich, daß sie diese Stimmung heraufbeschworen hatte. Weshalb das alles? Was ging sie das alles an? Warum sich die paar sonnig sck-uten Tage verderben? Zwei Wochen später würde man voneinander gehen und sich vielleicht nie im Leben Wiedersehen. Also, weshalb da über so tiefe Probleme grübeln? So nahe stand man sich doch wirklich nicht, b"6 das Interesse über allgemeine Tagesfragen hinaus- ging. Also fort mit dem trüben Ton. Zu diesen sonnigen Gefilden paßte ein leichter, scherzender Ton viel besser.
Auch ihm war es leid, so ernste Worte gesagt zu haben. Ursprünglich wollte c; der Unterhaltung ja auch eine ganz andere Richtung geben. Er suchte doch nur nach einem V ir= wand, ihr von seiner Liebe zu reden. Aber sonderbar, er traute sich nickt so recht nv‘ oct Sprache heraus. Sobald sie ihn anblickie wurde er leicht verlegen. Es war etwas in ihrer Haltung und in ihrem ganzen Wesen, das bei aller Liebenswürdigkeit und scherzhaften Wortplänkelei dock keinen wirklich vertraulichen Ton auskommen ließ. Und daun wieder kam ihm fortwährend die Frage: was bist du denn, was hast du denn im Leben sckon erreicht, daß du es wagen kannst, ihr ernsthaft von Liebe zu svrechen?
Unwillkürlich mußte er hinübersehen zu Miß Barkow, und an deren Worte von '-"em abend denken. Die gute, alte Person! Ja, an ihr hatte er eine treue Freundin, das fühlte ;r jetzt plötzlich. Und vielleicht hatte sie w'-klick, recht, vielleicht war cs am besten, die eben auf- keimende Neigung schnell noch zu erbeten, bevor sie weiter gedieh, vielleicht war es wirklich eht guter Rat?
Aber schon im nächsten Augenblick nuckte er schmerzlich darüber läckeln: als ob es wohl möglich wäre, eine wirkliche wahre Herzensri eigung zu unterdrücken? Nein, es war nicht möglick, — das fühlte er gerade in diesem Moment deutlich, — es war nickt möglich, denn die Liebe hate ibn schon gefesselt, daß es kein Unterdrücken der Neigung mehr gab. Es war zu spät. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Mochte es nun kommen wie cs wolle.
Plötzlich begann Lotte wieder in scherzbafr leichtem Ton: „Nun, wie ist es, haben Sie über unsere Seefahrt schon nachgedacht?"
Glück des Lebens, — und das gab ihm seinen Mut zurück.
Er hoffte auf den Nachmittag. Dann wollte er sich Klarheit verschaffen, ob sein Ziel erreichbar sei.
Aber am Nachmittag kam Lotte nicht. Es war das erste Mal, daß sie nicht zum Malen erschien.
Gert war so trostlos, daß er sich gar keine Mühe gab, seine Verzweiflung zu verbergen.
Miß Barkow trat bittend zu ihm.
„Was hat es denn heute vormittag gegeben? So ohne weiteres bleibt die Kleine doch nicht weg. Haben Sie ihr vielleicht gar einen Antrag gemacht?" ,, , ,
Wütend fuhr et auf sie los: „Es scheint, Sie haben den Verstand verloren, Miß Barkow, sonst könnten Sie nicht so stagen!"
Nun wurde auch sie erregt: „Na, irgend etwas muß es doch heute früh gegeben haben, das ist doch klar!"
„So, weshalb ist denn das so klar?
„Weil die Kleine sonst nicht weggeblieben sein würde!" . . „ , .
„Sie hat doch nicht die Pflicht, pünktlich leben Tag hier zweimal anzutreten!"
„Das sind ja alles bloß Ausreden, — mir aber machen Sie doch nichts weiß!"
„Das liegt mir auch vollkommen fern!
„Mag übrigens gescheh» fein, was da will, jedenfalls sehen Sie jetzt Wohl ein, wie recht ich hatte. Sie zu warnen!"
„Unsinn, gar nichts sehe ich eht!"
„Aber Rossow, Mensch, sind Sie denn ganz blind, daß Sie direkt in Ihr Verderben rennen?"
Wütend starrt er sie an. _ ■
Und erregt fährt sie fort: „Sie sind wetß Gott imstande und holen sich einen Korb!
„Wissen Sie so bestimmt, daß ich einen Korb bekomme?" . t
„Aber Mensch, worauf wollen Ste denn heiraten? Sie haben nichts und sind noch nichts. Ja, glauben Sie etwa, daß ein Mädchen noch zebn Jahxe warten wird, bis Sie vielleicht ein berühmter Mann geworden sind? Glouben Sie denn das wirklich im Ernst!?"
Wie ein Schlag traf ihn das---ia, er
war nichts, nichts, — sie hotte ganz recht! — Es war ein Unsinn. sich Hoffnungen hinzugeben, es war vollkommen aus^cktslos.
Aber auf einmal regte sick der Trotz und der Stolz in ihm, und er fühlte, daß seine "lebe ihm denno» Kraft gab tu hoffen, und so rief er mit sieaesfick-rem Blick: „Ja. das glaube ick! Wenn sie mich so liebt, wie ick sie liebe. d--nn wird es kein Hindernis geben, das uns tu trennen imstande ist!"
Mit wehmütigem Blick nickte sie ibm iu. Nun war es heraus dos Wort, da? volle Bekenntnis seiner Liebe. Nun wußte sie, wie cs in ibm ausfab.
Armer Kerl! Wie ernsthaft leid er tbr tat.
Er aber batte inzwischen feine Geräte zusammengepackt und schickte sich an, nun fort« zugehen.
Stumm fragend sah sie ihn an.
Und sich entfckuldin-nd sagt» er: „Ich kann heute nickt arbeiten. Adieu!!". Dann nahm er alles auf und stürmte davon.
Sie blieb ruhig zurück und biß die Zähne zusammen, aber in den Augen schimmerten die Tränen.
Weshalb Lotte am Nockmittag nickt zum Malen gekommen war? Herr Bertold Reick hatte die Familie zu einem Ausflug nach Tor- bole einoeladen.
Mit Vergnügen hatte der alte Herr zuoe- fagt. und auck Lotte war ganz froh, daß sie nickt hinauf nack den Oliven brauchte, denn die Un- teickolt"ng von heute früh gab ihr immer noch zu denken.
So war man denn in bester Laune abgefahren. hatte unter fröhlichem Gevlauder das malerifcke Heine Fischerdorf erteilt, von dem schon Goethe und auck Anfelm Feuerbach fo viel Herrkickes ,n erzählen wußten, und saß nun auf der berühmten Seeterrasse, wo man den <toffee nahm.
Bertold Reich war wie verjüngt. Das Glück, das nun zu ihm gekommen war, hotte ihm scheinbar die Elastizität der Jugend, wiedergegeben. Mit stMem, sonnigem Lächeln saß er da; aus seinen gutmütigen Auaen leuchtete die Freude seines Herzens; kein Wort von Liebe
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Auch er zwang sich zu einem heiteren Ton: „Aber ich sagte Ihnen ja schon, ich habe immer Zeit. Sie brauchen Tag und Stunde nur zu bestimmen. I- eher, desto besser."
„Also gut, dann werde ich mit meinen Eltern sprechen. Vielleicht nehmen wir Sonnabend früh den Ertradampfer, der besucht nur die Orte am Ostufer. Die gerade möchte ich nämlich kennen lernen, denn das Westufer von Fasano bis Salo haben wir neulich schon besucht. Wäre Ihnen das recht?"
„Aber sehr sogar! Ich freue mich schon etzt darauf, das wundervolle Sirmione und das herrliche alte Garda wiederzusehen! Sie wissen doch, daß Garda der älteste Ort am See ist? Riesig pittoresk ist er!"
Fröhlich nickte sie ihm zu: „Prachtvoll wird es! Wenn es doch nur gut Wetter bleiben möchte!"
„Natürlich wird es das! Der Himmel wird doch so braven Menschen, wie wir es sind, nicht eine so unschuldige Freude verderben!"
Sie schwieg und sah lächelnd auf ihre Arbeit.
Nach einem Weilchen begann er wieder: „Sagen Sie, bitte, gnädiges Fräulein, sind Sie mir auch nicht böse, daß ich Ihnen vorhin von jenem Vergleich gesprochen habe?"
Ohne von der Palette aufzusehen, erwiderte ste scherzend: „Aber kein Gedanke. Sie glauben wohl, ich verstehe gar keinen Spaß?"
Er fuhr leicht zusammen. Also als Spatz hatte ste alles nur aufgefaßt? Und er hatte gemeint, sie müßte aus seinen scherzhaft gespro- ckenen Worten den ernsten Untergrund heraus- horen. So sehr hatte er sich getäuscht! Und bitter weh wurde ihm ums Herz.
Von da an wollte keine flotte Unterhaltung mehr auskommen, so viel redliche Mühe man sick auch auf beiden Seiten gab. Und früher als sonst brock Lotte auf.
Erstaunt kam Miß Barkow heran.
„Was denn? Sie wollen fchon fort? Es sind ia fast noch zwei Stunden hin bis zum Diner."
Lotte nickte ihr lächelnd zu: „Aber ich muß noch einen notwendigen Besuch machen." Damit emvfabl sie sick.
Und Gert stand da und bastelte mit verhaltener Bitterkeit an seiner Palette herum.
Miß Barkow sah ihn an. Sein Gesichts- ausdrnck ersckreckte sie.
„Was ist denn geschehen?" fragte sie bebend.
Scheinbar gleichgültig, indem er weiter malte, antwortete er: „Was soll denn ge- sckeben sein? Gar nichts!"
Ruhig stand sie vor ihm und ließ ihn nicht aus den Augen.
„Rossow, es ist etwas passiert." drängte sie in ihn, „feien Sie doch ehrlich; als alte Freundin habe ich wohl ein Recht, darnach zu fragen."
Nock immer malte er ruhig weiter, und mit leiser Ironie blickte er endlich auf. Dann fragte er mit schlecht verhehlter Bitterkeit: „Wollen Sie vielleicht ein Heftpflaster auf die Wunde legen?"
Die Tränen waren ihr nahe, aber sie machte sich hart und zwang alle Weichheit nieder. Still ging sie zurück zu ihrer Staffelei und nahm die Arbeit wieder auf.
Er kümmerte sich keinen Augenblick mehr um sie. Scheinbar war er ganz vertieft in sein Bild. Aber nur scheinbar. SeinL Gedanken wanderten mit dem blonden, hübschen Mädchen. das schnell und leichtfüßig den Hügel hinunterstieg.
Und er dachte: Bin ich nicht ein Tor, daß ich hierbleibe und .Luftschlösser baue, wie ein törichter Träumer? Warum reife ich denn nickt weiter? Es wäre doch meine Pflicht, dem Staat geaenüber! Weshalb jage ich denn hier einem Phantom nach, das mir doch unerreichbar bleiben wird? Weshalb habe ich denn alle meine so fest gefaßten Vornahmen und Grundsätze umgestoßen? Ja, weshalb, weshalb denn nur? ,
Er schloß die Augen. Er wagte noch neckt, diesen Gedanken zu Ende zu denken. Zu kühn war die Hoffnung, zu weit noch das Ziel. Aber trotz alledem leuchtet es hell und belebend tn seiner Seele auf und tote ein ganz leises, be- seeligendes Jubeln erklang es in ihm, wie eine ferne Hoffnung auf das so heiß ersehnte höchste
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