Nr. 9s. — I. Jahrgang.
, In geistiger Nacht? Aus Elberfeld niclbct uns ein Spezialtelegramm: ff Der hiesige Kriminalkommissar Zeiseler hat sich in seinem Bureau erschossen. Er stand e; über zwanzig Jahre im Dienst der Polizei. r- lieber die U r s ccch e des Selbstmords ist nichts F bekannt, doch wird angenommen, daß Zeifeler 4- in einem Anfall geistiger Umnachtung Hand an sich gelegt hat.
Die Furcht vorm Gefängnis. Meldun- r Zungen aus Gleiwitz zufolge setzte eine hiesige \ Weißnäherin einem in ihrer Wohnung zu ihrer Verhaftung erschienenen Sicherheitsbeamten heftigen Widerstand entgegen. Sie riß das u Fenster auf und, ehe es der Beamte zu verhin- U dern vermochte, sprang die Näherin aus dem | dritten Stockwerk auf die Straße. Mit fuichi- baren Verletzungen wurde sie aufgehoben und in ihre Wohnung zurückgebracht, wo sie bald darauf st a r b.
iS „Räuberhauptmann" Stratmann der haftet! Nach einer Depesche aus Mülheim k a. Rh. wurde gestern nachmittag der „Räuber- bauptmann" Stratmann, ein berüchtigter - Zuchthäusler, der schon seit einer ganzen Reihe von Jahren das Industriegebiet unsicher macht und vor einiger Zeit aus der Irrenanstalt entwichen war, von drei Kriminalbeamten air Mülheimer Gebiet verhaftet. Die Effener Staatsanwaltschaft hatte bekanntlich auf die Ergreifung Stratmanns, der noch dreizehn Jahre Zuchthaus zu verbüßen hat. eine Belohnung von fünfzehnhundert Mark ausgesetzt. Stratmann ist dringend verdächtig, an dem Raubanfall aus einen Geldtransport der Möl- (crschächte beteiligt gewesen zu sein.
Die Dynamitpatrone im Schulhaus. Kus Merseburg meldet uns ein Spezial-Telegramm: In Grabo stocherte während des Schulunterrichts ein zehnjähriger Schüler mit seinem Schieferstift an einer D y - n a m i t p a t r o n e, die er auf dem Felde gefunden hatte. Die Patrone explodierte, k. riß dem Knaben die rechte Hand weg und verletzte ihn schwer an Gesicht und Brust. Zwei andere Schüler erlitten ebenfalls schwere Verletzungen.
Die Nordsee im Orkan. Wie uns aus Euxhaven gemeldet wird, trafen dort mehrere Dampfer bc s ch ä d i g t ein. Die Seeleute berichteten von einem orkanartigen Oststurm in der nördlichen Nordsee, der viele S ch i s f s - Unfälle verursachte.
Ein Triumph der Technik. Meldungen ms Bern zufolge ist gestern der vierzehnhun- )eit Meter lange Rosenbergtunnel, der üne bessere Eisenbahnverbindung nach dem Bo- lenfee und Südbayern ermöglicht bei St. Galen durchgeschlagen worden.
Jas Neueste aus Assel.
Dis Wünsche von Gaffel W.
Eine Versammlung im „Herkules".
Nun hat der Bezirksverein des Casseler Westens, der gestern abend seine Versammlung im Restaurant „Zum Hercules" abhielt, seine Wünsche sormuliert. Leider war die Hauptversammlung des „Westlichen Bezirksvereins" unter dem Vorsitz von Professor Schantze nur schwach besucht. Den Jahresbericht erstattete der Vorsitzende und bemerkte, daß es im verflossenen Geschäftsjahr schon im Hinblick auf die Stadtverordnetenwahlen an Arbeit nicht gemangelt habe und daß diese Arbeit der Vorstand in durchaus zufriedenstellender Weise bewältigt habe. Der vor einger Zeit leugegründete Hohenzollern - Verkehrsverein sei im verflossenen Jahre wohl anfänglich als eine wenig erfreuliche Neuerscheinung anzusprechen gewesen, doch haben neuerliche Verhandlungen (bei Gründung des Großen Casseler Bürgervereins) ein einheitliches Zusammengehen als durchaus praktisch und möglich erwiesen. Nach weiterer Darlegung der
Zwecke und Ziele des neuen Verbandes wurde der Beitritt des Westlichen Bezirks- Vereins einstimmig beschlossen und Professor Schantze und Kaufmann Christoph Klein (i. Fa. Ferdinand Klein) als Delegierte für die in kommender Woche stattfindende Konstituierung des Verbandes erwählt. Der hierauf durch den Schatzmeister Bankier Koch, erstattete Kassenbericht gab zu Bemängelungen keinerlei Anlaß und führte zur Entlastung des Kassierers. Der seitherige Vorstand wurde durch Akklamation einstimmig wiedergewählt. Als Anwohner der Cölnischen Allee sührte Stadtrat S t i p p i ch
Beschwerde über Belästigung der Anwohner dieser Straße durch die Ausdünstungen und üblen Gerüche der Mischgas- Fabrik auf dem Terrain der Eisenbahnwerkstätten am Tannenwäldchen. Auf die von Professor Schantze bekannt gegebene- Anregung, eine Eingabe an die Stadtgarten-Verwal- tung um eingehende Untersuchung der Beschaffenheit der Bäume in der Cölnischen Straße zu richten, wurde von Stadtrat Stippich versichert, daß seitens der Stadt-Verwaltung bereits geeignete Schritte getan seien. Ueber die Vorteile der geplanten
gleislosen elektrischen Bahn Tassel-Kirchditmold-Harleshausen war man bezüglich des westlichen Stadtteiles geteilter Meinung. Des weiteren nahm man mit Freuden davon Kenntnis, daß die Lichtversorgung der Hohenzollernstraße mit elektrischen Bogenlampen in Bälde zu erwarten sei. Nach Beantwortung einiger weiterer Fragen nebensächlicher Natur wurde die Versammlung, die sehr anregend verlausen war, um elf Uhr geschlossen. -dt-
A Cassel auf der Turiner Ausstellung. Auf bei in diesem Sommer in Turin stattsindenden internationalen Industrie- und Gewerbe-Ausstellung wird auch die Industrie unserer Residenzstadt vertreten sein. Wie wir hören, beabsichtigt die Maschinenfabrik Henschel & Sohn, drei Lokomotiven (und zwar eine vier- achsige, dreifach gekuppelte Güterzug-Perbund- Lokomotive mit zweiachsigem Tender, eine dreiachsige. dreifach gekuppelte §>eißdamvk-Tram-
Caffeler Neueste Nachrichten
Sonnibenb, 25. März 1911,
bann die jedesmalige Beute mit der Ehefrau
leuchtungskörper daracks, stiegen in der West- endstraßc über einen Zaun, erbrachen den Kaninchenstall und erbeuteten mehrere Kaninchen. Aus dem Königsplatze stahlen sie einem Schwälmer die Köze mit Eiern und teilten
bahn-Lokomotive, und eine sünfachsige, vierfach gekuppelte HeißbampstGüterzug-Lokomotive mit dreichasigem Tender) auszustellen. Die Maschinen sollen bereits rm Laufe der nächsten Woche nach Turin abgesandt werden.
A Tie Sonntagsruhe im Casseler Friseur- „ ______ ..... ...
geroerbe. In einer vorgestern im kleinen , des Buchbinders S. von Wolfsanger und Dem
Für unsere Frauen!
Von dem Bestreben geleitet, die.„Casseler Neueste Nachrichten" zum wirklichen Familienblatt auszugestalten und namentlich auch unseren Frauen die Zeitung so interessant und praktisch wertvoll zu machen, wie es eine auf das Lese- und Unterhaltungsbedürsuis der Familie zugeschnittene moderne Tageszeitung sein soll, haben wir uns entschlossen,
eine Casseler Modenzeitung
einzuführen, die, von fachkundiger Seite redigiert, unfern Leserinnen einen Ueberblick über die Neu-Erscheinungen auf dem Gebiet der Frauenmode bringen soll. Die „Mode für Alle" wird völlig kostenlos den Casseler Neuesten Nachrichten beigegeben. Schnittmuster für alle Neuheiten liefert unsere Expedition (Cölnischestraße 5) zum Preise von nur 30 Pfennig pro Stuck. : :
Letzte Telegramme.
(Nach Schluß der Redaktion eingegangen.)
Der „Tag des Zorns".
(Telegramm unsers Korrespondenten.)
Berlin, 24. März.
Bei der heute im Abgeordnetenhaus fortgesetzten dritten Lesung des Etats kant zunächst der B c r g c t a t an die Reihe. Ten Reigen der Redner eröffnete der soziakdemokra tische Abgeordnete Hoffmann, der mit fei nem lauten Organ die Unruhe des Hauses über tönte. Nach einer langen Einleitung, in der et abermals die Gründe darlegte, die seine Partei veranlaßten, „so viel zu reden", erlebte der alte Streit mit dem Zentrum eine neue Auslage, der sich im Grunde darum drehte, ob die sozialdemokratischen Arbeiterverbünde oder die christlichen Gewerkschaf ten die Interessen der Bergarbeiter besser zu wahren verstehen. Im übrigen spielten die Si Sicherheitsmänner eine Rolle. Der Abgeordnete Jinhoff vom Zentrum nahm den hinaeworfe- nen Fehdehandschuh auf und rechnete nun seinerseits ebenfalls an der Hand allerlei Citate aus Flugblättern mit dem Abgeordneten Hoffmann ab. Ter nationaliiberale Abgeordnete Dr. Hirsch, den der sozialdemokratische Redner gleichfalls angegriffen hatte, blieb auf seiner Behauptung bestehen, daß die Sozialdemokratie die Einrichtung der Sicherheitsmänner tut parteipolitischen Sinne auszunützen versuche.
«tadtpark abgehaltenen öffentlichen Friseurgehilfenversammlung hielt Friseur Micr- w a l d aus Frankfurt am Main einen Vortrag über das Thema: „Vernunftgemäße Einführung der Sonntagsarbeit im Friseurgewerbe." Der Redner wies darauf hin, daß die Friscur- gehilfen, als vor sechzehn Jahren die Sonntagsruhe eingeführt wurde, am schlechtesten dabei weggekommen seien; die Friseurgehilfen haben noch die längste Sonntagsarbeit, ba das Friseurgewerbe auch während der Kirchzeit von 9 bis 11 Uhr ausgeübt werden darf. Daran müsse festgehalten werden: solange Sonniags- arbeit verrichtet werben muß, kann auf dm Wochenausgehtag nicht verzichtet werden. Nach lebhafter Aussprache wurde eine Resolution angenommen, die an den Sonntagen einen Ladenschluß um 12 Uhr fordert und in der man sich entschieden gegen den Fortfall des Wochenausgehtages bei Einschränkung der Sonntagsarbeit ausspricht. Ferner soll dafür eingetreten werden, daß an den zweiten Feiertagen zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten, sowie am Karfreitag, Himmelfahrt- und Bußtag der gänzliche Ladenschluß eingeführt wird.
A Drei öffentliche Versammlungen in Cassel. Der sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Heinrich Pens aus Dessau spricht heute abend 8% Uhr im Gewerkschaftshause über das Thema „Die unmittelbare wirtschaftliche Eroberung der Welt durch die Arbeiterklasse". Morgen abend findet eine zweite öffentliche Versammlung im Stadtparksaale statt, in der derselbe Redner über das gleiche Thema sprechen wird. Eine dritte öffentliche Versammlung wird am Montag abend 8)4 Uhr im Stabtvark vom Wahlkreisverband der deutschsozialen Partei für Cassel-Melsungen veranstaltet, in der Reichstagsabgeordneter Bäckermeister Rieseberg über „Wir Handwerker und der Hansabund" und Reichstagsabaeord- neter Amtsgerichtsrat Sattmann über „Aus den Beratungen über den Reichsetat" fmechcn werden.
A Der „wilde Mann" vor Gericht. Der Kuhschweizer Georg Strehmer aus Schleien hatte in Bebra ein vor einem Gasthause stehendes Rad gestohlen, bestiegen und war damit nach Rotenburg gefahren, wo ihn die Polizei alsbald verhaftete. Dem Polizeibeamten leistete er bei seiner Verhaftung ganz erheblichen Widerstand und demolierte in der Polizeizelle alles, was nicht niet« und nagelfest war, odaß die unzulängliche Zelle mit einer solchen m Gerichtsgefängnis vertauscht werden mutzte. Aber auch hier wütete der Häftling wie ein Wilder, schlug die Fensterscheiben entzwei und zertrümmerte die als Lagerstätte dienende Holzpritsche. Dem nunmehr erschienenen Gendarmen sprang er in Wut entgegen, entriß ihm mit besonderer Gewandtheit den Säbel und schlug mit diesem wild um sich. Dem verstärkten Per- ’anal gelang es erst mit großer Mühe, über den „wilden Mann" Herr zu werden, trotzdem drohte er, „die ganze Bude" in Brand zu stecken. Durch Anlegung von Hand - und Fußfes ein wurde der rabiate Mensch unschädlich gemacht. Vor der hiesigen Strafkammer spielte der wegen all dieser Vergehen Angeklagte heute den reuigen und zerknirrschten Sünder und bat unter Tränen und Flehen um eine milde Strafe. Das Gericht konnte sich zu einem Urteil nicht entschließen, beschloß vielmehr die Veranlassung der Untersuchung des Angeklagten auf seinen Geisteszustand, da erhebliche Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten auf« getaucht seien.
A Die Musterung der Pferde. Die Vormusterung für den Kriegsfall findet jetzt nicht nur für die militärpflichtigen jungen Leute, andern auch für die im Privatbesitz befindlichen Pferde statt. Heute früh zwischen 7 und 8 Uhr wurden in der Mönchebergstraße die Pferde des nördlichen Stadtreviers dem Pferdevormusterungskommissar, Major Scriba, vorgesührt, um sie auf Kriegsbrauchbarkeit zu mustern, und um sie (je nach ihrem Zustande) als „untauglich", als „Reit- oder Zeugpferde" zu bezeichnen. Man sah recht schöne Tiere, von denen ein Teil als Reit-, die Mehrzahl aber (weil Pferde schweren Schlages) als Zugpferde int Kriegsfälle zur Verwendung kommen sollen. Die Note „untauglich" wurde nur ganz vereinzelt gegeben; ein schönes Resultat ür die Vferd^besitzer!
A Eine Diebesgesellschaft vorm Strafgericht. Die Arbeiter Paul S. und August L. von hier unternahmen nachts wiederholt in der Stadt Streifzüge. So erbrachen sie den Schaukasten eines Jnstallationsgeschäftes in der Lwhenzollernstraße. stahlen Batterien und Be
Portier St. von hier. Die beiden letzteren wurden von der hiesigen Strafkammer heute wegen Hehlerei bezw. Begünstigung zu zwei Wochen bezw. zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Die beiden Diebe dagegen erhielten je sieben Monate Gefängnis. Hinsichtlich des Eierdiebstahles wurde wegen Dkundraubes auf zwei Wochen Haft erkannt.
△ Verschollen... Der Pfleger über den Nachlaß der verstorbenen Geschwister Sardine Klinkerfues und des Oberleutnants a. D. Karl Klinkerfues in Cassel hat beantragt, die Verschollenen Ernst August Klinkerfues, geboren am 13. November 1846 zu Hersfeld, im Jahre 1872 nach Milwaukee in Nordamerika abgemeldet und von dort aus im Winter 1876-77 verschollen; Wilhelm Jakob Klinkerfues, geboren am 7. Mai. 1849 zu Bergen (Kr. Hanau) im Jahre 1874 nach Amerika abgemeldet, angeblich später auch Wilhelm Klinker genannt und angeblich im Jahre 1884 oder 1885 zu Newhork verstorben, für t o t zu erklären. Wenn bis spätestens 18. Dezember 1911 keine Meldung über die Verschollenen einläuft, wird die Todeserklärung erfolgen. Die beiden Verschollenen waren in Cassel ansässig.
A Ins Zuchthaus zurück! Der Arbeiter Hermann Schäder von hier hat wegen Bleidiebstahles schon wiederholt Freiheitsstrafen erlitten, darunter auch ein Jahr Zuchthaus. In den Monaten Januar und Februar war durch gewaltsames Erbrechen der Türen aus dem Vorratsraum des Hoflieferanten Fritz B. in der Mauerstraße eine erhebliche Menge von Bleirohren gestohlen worden. In derselben Zeit wurde bei dem Althändler H. in der Schäfergasse die gleiche Bleimenge von Schäder nachgewiesenermaßen gegen einen Spottpreis verkauft. Diese ihn schwer belastende Tatsache versucht et heute vor der Strafkammer durch das bekannte Märchen vom großen „Unbekannten" zu entkräften. Das Gericht konnte sich jedoch von der Wahrheit seiner Angaben nicht überzeugen, und verurteilte den Angeklagten zu zwei Jahren Zuchthaus und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf 5 Jahre.
A Diebesgeschichten ohne Ende. Der Stallschweizer Anton Br. aus Immenhausen war nach seiner am 18. Januar d. I. erfolgten Entlassung aus dem Gefängnis in Wehlheiden sofort wieder dem alten Hang zum Stehlen verfallen. Auf der Suche nach Arbeit kam er auf seiner Wanderung von Gudensberg nach Fritzlar durch ein Dorf, in welchem er bei der Dunkelheit die Haustür eines Bauernge- höstes offen gewahrte. Mit einem brennenden Streichholze schlich er sich hinein, entdeckte eine Laterne und setzte nun mit bereit Siilfe seine Forschungsreise fort. Auf dieser gelangte er denn auch in die Schlachtekammer, aus deren Vorräten er sich neun Zervelat- Würste und mehrere Seiten Speck aneignete, in einen daliegenden Sack verpackte und verschwand. Mit seiner Beute fuhr er noch in derselben Rächt über Cassel nach Mönchshof, um seine in Immenhausen befindliche Familie aufzusuchen. Da jedoch seine Frau von seinem erneuten Diebstahl nichts wissen sollte und durfte, hat her Dieb seine Beute hinter dem alten Friedhof von Mönchshof in einem Buschwerk versteckt. Als er am andern Tage die Leckerbissen in Sicherheit bringen wollte, waren sie von einem Dritten bereits gestohlen worden. Br. wurde aber al§ der „Urdieb" ermittelt und heute von der hiesigen Strafkammer zu neun Monaten Gefängnis verurteilt.
A Die Beerdigung August Froebs. Heute Vormittag fand unter zahlreicher Beteiligung besonders seitens der Beamtenwelt die feierliche Beisetzung des verstorbenen Rechnungsrats August F r o e b statt. Im Trauergefolge bemerkte man den Oberpräsidenten Hengsten- bera, den Regierungspräsidenten Graf Bern- storff, Konsistorialpräsident Freiherr Schenck von Tchweinsberg, den Vorsitzenden des Provinzialschulkollegiums für Hessen-Nassau Ober- regierungdrat Dr. Paehler und andere. In der Kapelle des Zivilfriedhofes hielt Pfarrer Hoch- ftetter eine ergreifende Trauerrede, in der er das Wirken des Verstorbenen würdigte und hervorhob. daß ein gottbegnadeter Sänger die Augen geschlossen habe, aus dessen Liederharfe manch empfindungsvolles Wort zur Freude der Mitwelt gequollen sei und das über das Grab des Entschlafenen hinaus feinen Klang nicht verlieren werde.
Lpser der Liebe.
(Eigene Drahtmeldung.)
Berlin, 24. März.
In der vergangenen Nacht versuchte itt einem Hotel in der Novalisstratze ein L i e b e s- p a a r seinem Leben ein Ende zu machen. Der fünfunddreißigjährige Techniker Max Seiet und seine Braut, die zwei Jahre alter ist, nahmen in einem Hotel ein Zimmer und schrieben sich als Ehepaar ein. In der Nacht drehten sie den Gashahn auf, um sich durch Gas zu vergiften. Nach hinterlassenen Papieren wollten sie deshalb aus dem Leben scheiden, weil sich ihrer Verbindung Hinter« nisse entgegenstellten. Hotelgäste, die heute morgen an dem Zimmer vorbeigingen, bemerkten einen starken Gasgeruch, worauf das Zimmer erbrochen wurde. Es gelang auch, die beiden noch zu retten. Sie wurden schwer erkrankt in die Charitee gebracht, dürften aber mit dem Leben davon kommen.
Der Sozialist beim Äonig.
(Privat-Telegramm.)
Rom, 24. März.
Die gesamte Presse kommentiert den gestrigen Empfang des Sozialisten B i s s o l a t i durch den König. Biffolati hatte sich geweigert, weder in einem Gehrock noch in einem C h * linderhut nach dem Quirinak zu gehen. Seine einzige Konzession war, daß er graue Handschuhe anlegte. Dem Giornale d'Jtalia zufolge wurde Biffolati, der seinen grauen Schlapphut im Vorzimmer zurückließ, sofort in das Zimmer des Königs geführt, in dem dieser bereits anwesend war. Der König reichte Biffolati die Hand und nötigte ihn, neben ihm auf dem Sofa Platz zu nehmen. Tas Blatt stellt in der Besprechung dieses ungewöhnlichen Vorganges fest, daß es lange her sei, seit Biffolati gerufen habet „Nieder mit dem König!" Das sozialistische Organ „Avanti" erllärt, Biffolati habe als Bedingung für seinen Eintritt in das bildende Kabinett die Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts gestellt. Ein anderes sozialistisches Organ betrachtet den eventuellen Eintritt von Sozialisten in das neue Kabinett als „ein Zeichen der Demokratisierunp" der Monarchie."
Diplomaten ans der Jagd.
(Eigene Drahtmeldung.)
Paris, 24. März.
Ein Telegramm aus Tanger meldet, daß der österreichische Gesandte von Callenberg gestern bei einer Eberjagd von dem deutschen Geschäftsträger versehentlich durch einen Stich mit der Saufeder am Fuß verletzt wurde. Man brachte den Gesandten auf einer Tragbahre nach Tanger zurück. Die Verwundung ist glücklicherweise nicht gefährlich. Offenbar hat der Geschäftsträger den Jagdspietz gegen einen Eber geschleudert und unglücklicherweise den Gesandten getroffen.
Berliner Mord-Geschichten.
Berlin, 24. März. (Privat-Tele« gramm.) Tie Untersuchung gegen den Krankenwärter Grihk, der unter dem Verdacht des Mordes an der Rentiere Hoffmann in Untersuchung ist, hat heute neues' Belastungsmaterial ergeben. Heute vormittag hat vor dem Untersuchungsrichter in Moabit eine Gegenüberstellung des Gastwirts K a l a d z i k mit dem Angeschuldigten Grihl staitgefunden. Der Gastwirt will in Grihl mit aller Bestimmtheit den Mann wiedererkannt haben, der am Mordtag abends das Telephongespräch mit der Witwe Hoffmann führte.
Tas „Kriegsspiel" der Union.
Washington, 24. März. (Privat-Tele- gramm.) Das Kriegs-Departement gibt bekannt, daß in den Werbe-Bureaus des ganzen Landes 7 bis 8000 Rekruten ausgehoben werden sollen, damit die mobilisierten Regimenter auf Kriegsstärke gebracht werden können. Der Mannschaftsbestand dieser Regimenter ist in den letzten Monaten bedeutend vermindert worden. Wie von anderer Seite gemeldet wird, soll demnächst eine Anzahl von Neu- anwerbungen für das Heer zur Durchführung gelangen. Man bezweifelt jedoch, daß die An Werbungen in Texas und Kalifornien ans- reichenden Erfolg haben werden.
IWM MM mW 12 Seiten.