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Casseler Neueste Nachrichten

Nr. 94. L Jahrgang.

tu machen, was ist da zu machen?" Diesmal aber ließ die Prinzessin sich nicht abweisen, sondern sie machte dem Kaiser eine so peinliche Szene, daß sich dieser gezwungen sah, die Erz, Herzogin durch einen seiner Generäle nach ihrem Valais geleiten zu lassen. Immerhin hatte die Unterredung das Resultat, daß der Kaiser den Vorsatz faßte, seinem Sohn'e

ernste Vorhaltungen zu machen, Und «S fand sich bald eine Gelegenheit, nach­dem -ihm berichtet worden war, daß man den Erzherzog mit der Prinzessin von H. in einem Hotel in Abbazia gesehen habe. Der Kaiser ließ feinen Sohn vor sich kommen, und drohte ihm, daß er ihm seine Schulden nicht mehr bezahlen werden, falls er sich nicht mit der Erzherzogin Stephanie versöhne, und mit der Baronin Vet- f«ra breche. Wie die Dinge weiterhin auch gekommen sein mögen: Die Unterredung mit dem Kaiser war entscheidend für das Schicksal des Kronprinzen. Ob der Kronprinz Rudolf in der Trunkenheit gegen einen Kan­delaber fiel und sich tödlich verwundete, woraus die Baronin Hand an sich legte, oder ob der Kronprinz einem verbrecherischen Anschlag zum Opfer gefallen ist, darüber wird wohl immer der Schleier des Geheimnisses gehüllt bleiben. Sicher ist aber, daß eine Katastrophe nicht ausbleiben konnte, und daß die unglückliche Prinzessin Stephanie, in ihrer weiblichen Wür­de aufs tiefste verletzt, zuerst den Stein ins Nollen brachte ... v. H.

Drahtlos durch die Erde!

Die Erfindung zweier deutscher Gelehrter.

(Von unserm Korrespondenten.)

Die deutsche Wissenschaft hat einen neuen Triumph zu verzeichnen: Zwei deutsche Ge­lehrte, Dr. Gotthelf L e i m b a ch und Dr.- wy, haben seit längerer Zeit Versuche mit der Leitung drahtloser Telegraphie durch die f e st e Erde gemacht, und sind da- bei^zu Erfolgen gelangt, die das größte Aufsc- he)r erregen dürften. Entgegen den bisherigen ' Annahmen haben diese Versuche nämlich erge­ben, daß eine drahtlose Telegraphie im Erd- innern nicht nur im Bereich theoretischer Mög­lichkeit liegt, sondern, daß eine drahtlose Verständigung durch das Erdinnere von Bergwerk zu Bergwerk klar erzielt werden kann. Von welcher Bedeutung diese Entdeckung stkr die Entwicklung der drahtlosen Telegravbie im allgemeinen fein wird, steht noch dabin, schon jetzt kann man aber sagen, daß die Ver- suche ganz neue Wege gewiesen haben, um eine Verständigung bei Bergwerkskatastrophen mit den einaeschlosscnen Berowerksleuten su erzielen. Ueber die näheren Einzelheiten die­ser weittragenden Entdeckungen erfährt unser Korrespondent folgende Einzelheiten:

Hannover,. März.

Nach mannigfachen Fehlschlägen war es den beiden Gelehrten, die unermiidlich ihr Ziel verfolgten, endlich gelungen, eine Ver­ständigung durch eine Gesteinsschicht (Steine und Salze) von zehn Meter Dicke zu erzie­len. Somit war in die bisherigen Anschau­ungen eine Bresche gelegt, da eine Verständi­gung durch dickere Erdschichten als zehn Me­ter wahrscheinlich erschien. Die nächsten Ver­suche fanden durch Erdschichten von zwanzig Metern Dicke statt und zwar mit gleich g u- t x m E r f o l g. Nun gingen die beiden For­scher dazu über, sich drahtlos durch neunzig Meter dicke Gesteine zu verständigen, dann auf zweihundertfünfzig Meter und zwar auf ..übereinanderliegenden Stellen. In allen die­sen Fällen gab es eine klare Verstän­digung. Diese Versuche wurden im Kali- salzbergwcrk Hercynia in Vienenburg unter­nommen. Nun gingen die Gelehrten dazu über, mit bessern Werkzeugen ausgerüstet,

zwischen zwei ganz verschiedenen Bergwerken, nämlichRonnenberg" und der Gewerkschaft Deutschland" bei Hannover drahtlose Ver­bindungen herzustellen, um festzuftellen, ob vielleicht bei den letzten Versuchen die mögli­chen Lustwege die Verständigung herbeige­führt haben könnten. Die Versuche ergaben indessen, daß die Luftwege gar nicht in Be­tracht kommen konnten. Im Monat Januar gab es dann die Ueberraschung, daß die drahtlose Telegraphie zwischen den beiden verschiedenen BergwerkenRonnenberg" und Deutschland" durchaus klar hergestellt wer­den konnte. Die Entfernung betrug zwei­tausend Meter, und die Empsangswir- kungen waren so kräftig, daß nach allgemei­ner Ansicht noch eine viel weitere Ver­ständigung zu erzielen ist. Pie Ge­steine, die die Erdschicht bilden, bestehen aus Salzen, rotem Ton und anderen Steinarten, durch die eine etwaige Luftverbindung völlig ausgeschlossen ist. Es kommt hinzu, daß die Verständigung in einer Tiefe von fünf­hundert Metern unter der Erde erzielt worden ist. Die drahtlose Telegraphie läßt sich aber nicht nur bei trocknem Gestein anwenden, sondern kann auch mit geringer Unterscheidung durch Kohlenbergwerke und Erzbergwerke geführt werden.

Es sollen baldigst weitere Versuche ange- stcllt werden, um festzustellen, in welchem Maße die neue Erfindung erweiterungsfähig ist. Der erste Schritt auf einem neuen Gebiete ist getan. Von Wucher praktischen Tragweite die Entdeckung ist, läßt sich setzt nickt übersetzen, das ist aber schon jetzt offenbar, daß ihr auf wissen­schaftlichem und sozialem Gebiet die größte Be­deutung zukommt. Die Verständigung war in allen Teilen durckaus sicher und klar, und Pro­fessor Leimbach ist überzeugt, daß es gelingen wird, die drahtlose Telegravhie durch das Erd­innere auf unbeschränkte Entfernun­gen hin zu ermöglichen, eine Aussicht, die die bisberiqen Gesetze der technischen Wissenschaften stark erschüttern würde und dem Siegeszug der Technik neue, nie geahnte Bahnen eröffnet.

Dr.'Pg.

Sie Politik des Tages.

Sie Feinde der Republik.

(Eigne Drahtmeldung.)

Köln, 23. März.

Eine mit Portugal in regem geschäft­lichen Verkehr stehende, große Westdeutsche Fir­ma erhielt Meldungen aus Oporto, wonach die gegen die Republik gerichtete Verschwö­rung einen großen Umfang angenom­men hat. Die Bewegung hat in zahlreichen Re­gimentern viele Anhänger nicht allein unter den Soldaten, sondern auch in Offizierskrei- s e n. Durch aufgesundene Schriftstücke sind mehrere Offiziere kompromittiert worden, zwölf von ihnen wurden verhaftet. Da ekn erneuter Ausbruch der Unruhen befürcktet wird, wird angeraten, mit den portugiesischen Verfrachtungen zurückzuhalten. Die Regierung trifft in aller Eile Maßnahmen, um etwaigen Ueberraschungen begegnen zu können.

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London, 23. März. (Eigne Drahtmel- u n g.) Wie man derTimeö" aus Oporto telegraphiert, ist O b e r st C a st r o w, der Orga­nisator des Militärkomplotts im Nor­den Portugals, gestern nach Lissabon überführt worden. Nach dem Geständnis zweier verhaf­teter Soldaten sind auch mehrere höhere Zivilbeamte kompromittiert. Tie Unter­

suchung dauert fort, aber über ihr Resultat wird strengstes Stillschweigen bewahrt.

cZa Zu intensiver Mitarbeit empfehlen sich . . . (P r i v a t - T e l e g r a m m.) Unter der UeberschriftDer Mord an dem Arbeiter Hermann" veröffentlichte gestern derVor­wärts" an der Spitze seines Blattes in Sperrdruck einen Ausruf des Vorstandes der sozialdemokratischen Partei, in dem mit bezug auf die beiden großen Moabiter Krawallprozesse und unter Hinweis auf die Feststellungen im ersten Gerichtsurteil, Demjenigen zweitau­send Mark Belohnung zugesichert wer­den, der dem Vorstand der Partei die beiden P o l i z e i b e a m t e n, die am 27. September vorigen Jahres den Arbeiter Hermann überfal­len und ihn derartig mit ihren Säbeln miß­handelten, daß der Mann an diesen Folgen starb, so namhaft macht, daß ihre strafrechtliche Verfolgung in die Wege geleitet werden kann.

S Die Arbeiter derUnion". (Telegra­phische Meldung.) Aus Dortmund wird uns berichtet: Seit gestern früh streiken in dem Eisen- und StahlwerkU n i o n" die Kessel­wärter, das Maschinenperfonal und die dazu gehörigen Arbeiter, soweit sie gewerkschaftlich organisiert sind; im ganzen zweihundertfünfzig Mann. Ein bedauerlicher Unfall, der sich im Gießereibetriebe ereignete, wird mit der Arbeitseinstellung in Verbindung gebracht. Beim Umkippen eines mit flüssigem Eisen ge­füllten Kessels wurde ein Arbeiter derartig ver­brannt, daß er im Krankenhaus seinen Ver­letzungen erlag. Zwei andere Arbeiter ka­men mit leichten Verletzungen davon. Wegen dieses Unfalls hatte die Polizei sieben Strei­kende in Haft genommen.

Das Friedens-Diner? (Spezial- Telegramm.) Depeschen aus Washing- t o n berichten, daß der amerikanische Botschaf­ter in Paris, Mr. Bacon, gestern int Wei­ßen Haufe beim Präsidenten Taft zu einem Diner geladen war. Offiziell wird erklärt, daß es sich bei dem Besuche des Botschafters darum gehandelt habe, einen S chi e d s g e - richtsvertrag zwischen den Vereinig­ten Staaten und Frankreich in Vor­schlag zu bringen. Man glaubt, daß dieser Vertrag sofort nach Abschluß des Schiedsge­richtsvertrags zwischen den Vereinigten Staa­ten und Großbritannien ratifiziert werden wird.

Politische Chronik.

Wie uns ein Telegramm unseres Düssel­dorfer Korrespondenten berichtet, hat der Gemeinderat von Benrath in seiner gestrigen Sitzung den Ankauf des Königli­chen Schlosses Benrath genehmigt. Der Kaufpreis beträgt sechshundert­tausend Mark. Der Schloßpark bleibt er­halten, dagegen wird die Gemeinde das Wirt- schastsgelände aufteilen. Man hofft, das Ge­lände für mehr als drei Millionen Mark verkaufen zu können.

Meldungen aus Halle, zufolge wurde der Oberpräsident von Hegel anstelle des verstorbenen Herrn von Diest zum Domherrn von Merseburg ernannt.

Die Bergarbeiter in Clvdach Vale (Südwales) veranstalteten gestern vor der Bri- tannia-Companh-Grube Kundgebungen. Sie bewarfen die Polizei mit Steinen, wobei ei­nige Schutzleute verletzt wurden, steckten mehrere Gebäude in Brand, griffen die Häuser mehrerer Streikbrecher an und zerstörten eins vollständig.

Depeschen aus Saloniki berichten, daß der Exsultan Abdul Hamid angeblich ge­stern abend gestorben sei. Auf der türkischen Botschaft in Berlin ist aber nichts davon be­kannt.

Nack einer Depesche aus Bukarest ist die rumänische Regierung sehr besorgt, da sich An-

Freitag, 24. März 1911.

Zeichen einer bevorstehenden großen Bauern» revolte bemerkbar machen. Unter den Bauern herrscht auch eine antidynastische Strö­mung. Die rumänische Regierung hat bereits insgeheim polizeiliche Maßnahmen getroffen. Das Kabinett hat gestern seine Demission ge­geben.

Aus San Antonio meldet uns ein Te­legramm: Aufständische haben die Ortschaften Cbishos und Terlingua, zehn bezw. zwanzic Kilometer von der Grenze entfernt, überfal> l e n und zahlreiches Rindvieh und Schafe mi: fortgesührt.

Wie uns aus Sofia berichtet wird, halten sich seit einigen Tagen dort die Führer bet wichtigsten albanischen Stämme auf, die mit dem mazedonischen Revolutionskomitee bezüg­lich der im Frühjahr zu erwartenden großen Ereignisse in der Türkei verhandeln. Es sind Aussichten für eine Verständigung vor­handen.

Reue» vom Tage.

Moffat, derSilberkönig".

(Von unserm Korrespondenten.)

Man schreibt uns (in Ergänzung telegra« phischer Meldungen) aus Newyorkr Der Silberkönig" ist tot! Dieser Tage hat man David M o f f a t, den ganz Amerika als den Silberkönig kannte, zu Grabe getragen, nachdem er das dreiundsiebzigste Lebensjahi erreicht und in einem arbeitsreichen Dasein ein Vermögen von rund dreihundert Mil­lionen Mark erworben hatte. Moffat be­gann seine geschäftliche Laufbahn als Lauf­bursche und wurde durch zähe Ausdauer, ei­sernen Fleiß, geschickte Ausnutzung günstiger Umstände und natürlich auch ein bischen Glück ein Großindustrieller und eine Macht auf dem Geldmarkt.

Es gab eine Zeit, in der er mehr als hun­dert Silberbergwerke sein eigen nannte. Ein­mal wollte ein anarchistischer Bergarbeiter ihn totschlagen. Ein paar Jahre später wurde er in seiner Bank überfallen und um 100 000 Mark ärmer gemacht. Dann kam wieder eine Zeit, in der er durch seine Exzentrizitäten von sich reden machte: Er lud eines Tages einen Por­tier und ein Dienstmädchen zu einer Europa­reise ein und gab in dieser Gesellschaft unge­heure Geldsummen aus. Seine Tätigkeit als Laufbursche hatte Moffat im Staate Iowa be­gonnen; einer seiner Brüder hatte ihn hier bei einer Bank untergebracht. Als Laufjunge machte er dann die Bekanntschaft eines reichen Herrn aus Nebraska, der sich für ihn interes­sierte und ihn, der damals noch nicht siebzehn Jahre alt war, zum Kassierer eines großen Geschäfts machte. Nach dem drei Jahre später erfolgten Tode seines Gönners ging der junge Moffat mit einem Sozius und zwölf Mauleseln nach demgoldnen Westen". Sie fingen zuerst einen Bücherhandel an, ver­kauften bald aber auch andere Waren, vor al­lem Lebensmittel, und erlitten innerhalb eines Zeitraumes von fünf Jahren nur einen Ver­lust, als die Indianer einen Güterzug über­fielen, der den Händlern neue Waren zuführen sollte. Im Jahre 1867 geriet eines Tages eine große kaliforniscke Bank an den Rand des Bankrotts. Moffat, der bereits tut ganzen °anfc? als tüchtiger und ziemlich rücksichtsloser Geschäftsmann bekannt war, wurde das Aner­bieten gemacht, in die Bank als Direktor einzu­treten und die verfahrenen Angelegenheiten wieder in Ordnung zu bringen. Das war der Anfang seiner finanzmännischen Laufbahn. Er wurde mit den bedeutendsten Industriellen und Börsenleuten Amerikas bekannt und wußte sich überall Sympathien zu gewinnen: sein Ver­mögen aber wurde von Jahr zu Jahr größer, da es mit fabelhafter Schnelligkeit wuchs. Mof­fat baute mehrere Eisenbahnen, wurde Terrain-

Konzert im Hostheater.

Das gestrige siebente AbonnementSkonzert.

Wieder rfbcte BeethovensFünfte" in ihrer gewaltigen Sprache zu uns. Abermals konnte man sich von der überwältigenden Wirkung dieses Monumentalwcrkes der Instrumen­talmusik überzeugen. Tritt uns doch in dieser Symphonie die ganze majestätische Schöpferkraft des, durch den Widerstand des Schicksals angestachelten Meisters gegenüber. Mit bezwingender Gewalt, fast beängstigend, ertönt das Schicksalsmotiv, das in dem ersten Satze mit staunenswerter Wandlungsfähigkeit durchgeführt und hinsichtlich der damit erziel­ten höchsten Leidenschaftlichkeit einzig in seiner Art ist.

Der erste Satz führt uns das Bild eines er­greifenden Kampfes vor Augen, in dem die ei­genen Worte Beethovens:Ich will dem Schick­sal in den Rachen greifen, ganz niederbeugen soll es mich gewiß nicht", zu einem Erlebnis werden. Ueberquellender Wohlklang. Trost und Hoffnung verkündend, umtönt uns mit dem durch die Bratschen.und Cellis zuerst intonier­ten As-dur-Thema des Andante con moto, dem sich alsdan unter Hinzutritt der Blechbläser eine festlich klingende Episode mit gleichzeitiger Modulation nach C-dur anreiht, und die gleich- säm einen noch im Stillen glimmenden Fun­ken darstellt, der sich später mit Beginn des Fi­nale zu einem Feuer der Begeisterung ent­facht. Im dritten Satze hat sich Beethoven nickt zu dem aewohnten Scherzo aufraffen kön­nen. Zwar ist der Rhythmus in der üblichen Art, doch sind die Harmonien gedrückt, die Me­lodie mehr fragend und schwermütig.

Bemerkenswert ist auch das Verwandt­schaftsverhältnis dieses Satzes zum ersten, wie es bei Beethoven öfters festzustellen ist. und das sich hier besonders in der Aehnlichkeit des Hornmorivs mit dem Hauptrhvthmus des er­sten Satzes kundgibt. Einzigartig ist auch der wunderbare Ueberganq aus diesem Satze in das Finale, der ursprünglich eine andere Fas­sung erhalten sollte, indem der Komvonist den Scklutz des dritten Satzes im Pianissimo und ent nach einer Pause den Beginn des Finale vorgesehen hatte. Statt dessen leitete jedoch Beethoven, von einem Pianissimo der Pauken ausgehend, dem alsdann die Violinen folgen,

schließlich in einem aufs ganze Orchester über­greifenden Crescendo in großartiger Weise zu dem fanfarcnhaft siegjubclnden Finale über, und hier wird in der Tat aller Widerstand des Lebens überwunden.

Die Aufführung durch die Königliche Pa­pelle unter Leitung des Herrn Professor Dr. Beier war des Werkes würdig, indem jeder einzelne sein Bestes zum Gelingen des Gan­zen beitrug. Während das Hauptthema des ersten Satzes mit Wucht und Energie wieder- gegeben wurde, hatten die Streichinstrumente im zweiten Satze Gelegenheit zur Entfaltung einer innigen Kantilene. In dem Mittelteile des dritten Satzes brillierten besonders die Bässe in der bekannten schwierigen Fugato- stelle. Beim Beginn des Finale herrschte die nötige Exaktheit und Prägnanz. Herr Prof. Beier war mit sichtlicher Hingabe um den Erfolg des Werkes bemüht und sind wir ihm für jede Aufführung einer Symphonie des größten unter den Symphonikern stets dankbar.

Hieran schlossen sich die Klaviervorträge des Herrn Konrad Ansorge, der kein Fremder mehr für uns ist. Hatte er auch mit dem G-dur-Son= zeit nicht gerade das dankbarste unter den Bee- thoven'schcn Klavierkonzerten gewählt, so war es bei den künstlerischen Qualitäten des Gastes selbstverständlich, daß er das Werk in musika­lischer und technischer Beziehung zu vollkomme­ner Wiedergabe brockte. Trotzdem muß man annehmen, daß der Künstler nicht restlos in dem Werke aufging, da man sich bei seiner Inter­pretation nicht so recht erwärmen und begei­stern tonnte. Bemerkt sei noch, daß die Ca- denzen von dem Künstler selbst stammen. Viel mehr Eigenes Inneres gab Herr Ansorge in den, den zweiten Teil des Programms eröff­nenden SolonummernImpromptu, Fis-dur, Von Chopin,Gretchen am Spinnrad" und Erlkönig" von Schubert^Liszt, von welchen die beiden letzteren in der Eharakterisierung der verschiedenen Stimmungen geradezu her­vorragend waren. Besonders angenehm be­rührt der weiche, volle und modulationsfähige Anschlag des Künstlers. Herr Ansorge wurde durch reichen Beifall ausgezeichnet, der na­mentlich nach der letzten Nummer besonders stark einsetzte.

Den Schluß des Abends bildete die vier- sätzigk Suite.LArlesienne kür großes Orche­

ster (nach dem gleichnamigen Drama von Dau­det) von Bizet. Wohl selten ist es einem Künstler so gelungen, sich verschiedenen natio­nalen Individualitäten anzupassen, wie es Bizet in seiner Musik getan hat. Zeichnete er mit kräftigen, frischen Farben in denPerlen­fischern" undDjamileh" den orientalischen Charakter, so brachte er in dem eben genannten Werke, das ursprünglich als Melodrama ge­dacht war, jene Poesie zum Ausdruck, die uns die eigenartigen Bilder aus der Provence in Lied und Sage schildert. Ta Bizet die schöne Musik seines Melodrams nicht ganz der Ver­gessenheit anheim fallen lassen wollte, stellte er aus den beliebtesten Nummern eine Orchester­suite zusammen,- die unter demselben Titel wie das Melodarm am 10. Nov. 1872 in einem po­pulären Pas de wup-Konzert zum erstenmal zur Aufführung kam.

Der erste Satz Preludio, dem eine prächtige, im Unisono von den Instrumenten ausqe- führte provencalische Volksmelodie lalsMar­che de turenne in Frankreich bekannt) zu­grunde liegt, macht uns mit Land und Leuten bekannt. Dieses Thema spinnt der Komponist dann in kunstvollen Variationen weiter aus. Neben dem zweiten Sah (Allegro giocoso) einem lebhaften Menuett, und dem dritten Satz (Adagietto F-dur), in einfachster Liedform gehalten, ist der Schlußsatz (Allegretto mode­rato C-dur), Garillon betitelt, wohl der wirk­samste. Hier leistet der Komponist auch ein un­gewöhnliches Kunststück in der Komposition, indem er ein Motiv in der Mittelstimme ohne Unterbrechung 60 Takte hintereinander wieder­kehren läßt.und darüber und darunter kontra­punktierend Gegenmelodien bietet. ..

Das lebensvolle, frisch empfundene, getstspru- hende Werk ist kraft seiner Klarheit und Lte- benswürdigkeit rasch populär geworden. Dem­nach hätte auch der gestrige Erfolg in Anbe­tracht der Vorzüge des Werkes etwas tntensi- ver sein können. Die Kapelle, unter rhrem Di­rigenten Herrn Prof. Dr. Seiet, trat mit Ener­gie und Verve an ihre Aufgabe heran und brachte den Stimmungsaebalt der einzelnen Sätze in entspreckender Weise zur Geltung. Zu erwähnen ist noch die exakte und diskrete Be­gleitung des Klavierkonzerts. Mit dem gestri­gen Abend schloß die Reihe der diesjährigen Abonnementskonzerte. -e-

Mines Feuilleton.

t£ü Casseler Künstler. Friedrich Fen­nek, von der Gruppe derHessen", stellt z. Z. drei Werke in der Hofbuchhandlung C. Vietor aus:Die Weißnäherin", ein Bild, ausge­zeichnet durch subtiles Studium des Valeurs und gute Lichtbehandlung. Zwei Landschaften vom Gardasee, auf einer ein Dorf hoch auf krästig aus blauer Flut aufstrebendem Fels; Berge int Grund, vorn stehen graue Oelweiden zart zu dem lichten Himmel. Die andere Land­schaft zeigt die gleiche Uferpartie, dicht vom Seestrand aus gesehen.

Lesbos, das neue Radium-Land. Auf der durch die griechische Dichterin Sappho be­rühmt gewordenen Insel Lesbos (jetzt Myli- lene) hat soeben ein Athener Arzt, Dr. Vassi- liades, ein auf dem Gebiete der Physiotherapie anerkannter Spezialist, das reichliche Vorkom­men von Radium zweifelsfrei mit den mo­dernsten Apparaten festgestellt. Es handelt sich um die Radioaktivität der heißen Quellen von Mytilene, die im Besitz des dortigen deutschen Vizekonsuls P. M. Curdjis sind. Dr. Vassi- liades hat bei genauer Prüfung gefunden, daß die Radioaktivität (Emanation) dieser Quellen 674 beträgt, was mehr als doppelt so viel aus­macht, als diejenige Gasteins (300). Hiermit ist der neueste Rekord ausgestellt.

Hann ib als Grab gefunden? Man schreibt uns: Die Gelehrten aller Nationen be­mühen sich feit Jahrzehnten, das Grab Hanni- bals ausfindig zu machen, der bekanntlich im nördlichen Kleinasien gestorben ist. Besonders war der jetzt verstorbene Direktor des kaiser­lichen Museums in Stambul Hamdi Bejs be­strebt gewesen, die Grabstätte des berühmten Karthagers ausfindig zu machen. Jetzt ist man in der Nähe der von Hamdi Bej vermuteten Stelle beim Bau einer Zernentfabrik in Eski- h iss ar (bei dem Städtchen Gebize in Nord­anatolien) auf anscheinend sehr alte Gräber gestoßen. Die Direktion des Stambuler Mu­seums, in dem sich übrigens schon der wunder­volle Sarg Aleranders des Großen befindet, ist davon ^benachrichtigt worden, und hält die Möglichkeit für naheliegend, daß unter diesem riesigen Sieinsarkophage auch das Grab Lau- nibals iu suchen ist.