Nummer 94.
1. Jahrgang.
Casseler Dbendzeitung
a hrMschr pbenüzeitung
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Freitag, den 24. Marz 1911
Vierzig Fahre Mer.
Bier Dezennien deutsches Reichsparlament.
Ein Glückwunsch an den Deutschen Reichstag: Der österreichische deutsch-nationale Verband richtete folgendes Telegramm an den Deutschen Reichstag: „Der deutsche Rationalvcrband im österreichischen Abgeordnetenhause beehrt sich den Deutschen Reichstag anläßlich der Feier seines vierzigjährigen Bestandes auf das Herzlichste zu begrüße«. Für den Vorstand: Chiari, Damm, Groß, Sylvester, Wolf." Unsre Zeit ist sonst nicht grade arm an I u- l ä e n, und auch an Feierklang und Festgeräusch ist allgemein kein Mangel. Wenn der Verein Gemütlichkeit oder der Rauchklub Blaue Wolke sein viertelhundertjähriges Stiftungsfest feiert, zieren Guirlanden die Straßen und es A sogar löbliche Uebung geworden, bei derlei Gelegenheiten auch obriqkeitlicherseits einiges Erbauliche über die Nützlichkeit der Mühen des Jubelkreises verlauten zu lasten. Das trägt zur Erhöhung festlicher Stimmung bei und offenbart gleichzeitig den Leuten im-Jubiläumrock, daß der Staat mit Dankbarkeit sich ihrer erinnert und bemüht ist, die bekannten „idealen Ziele" der Organisation zu erfassen und nach Tunlichkeit zu fördern. Alles Merkzeichen einer lebensfrohen, überm innern Kampf die Freude am schillernden und muntern Aeußern nicht vergessenden Zeit, die auch bescheidnem Verdienst das stolze Lorbeerblättchen gönnt und aufrichtig bemüht ist, die Freude am Sein den Zeitgenossen zu versüßen. Es ist in gewisser Beziehung sogar der charakteristische Zug des zwanzigsten Jahrhunderts, die Aeußerlich- leiten in den Vordergrund der Ereignisse zu drängen, das Bild des öffentlichen Lebens bunter und lebhafter zu gestalten, und das Ideale durch die rauschende Musik der Begeisterung künstlich zu vertiefen. Was in dieser Beziehung seit zwei Dezennien im deutschen Land geleistet ward, ist beträchtlich und offenbart überzeugend, wie rasch zuweilen auch im Volksleben die Früchte der Erziehung reifen. Einer Erziehung freilich, an der ernsthafte Leute mancherlei Bedenkliches entdecken.
Umsomehr hats überrascht, daß der vierzigste Geburtstag des deutschen Reichsparlaments sang- und klanglos vorübergegangen ist, und weder einen Bardensänger noch einen Dramendichter feiertägig begeistert hat. Am Frühjahrstag neunzehnhundertelf rundeten sich vier Jahrzehnte, seit Wilhelm der Erste im Sonnenschein des jungen Reichslenzen den ersten Deutschen Reichstag eröffnete, und, umgeben von den Palladinen der neuen Reichseinheit, die (bald vergessne Worte sprach: „Wir haben erreicht, was seit der Zeit unsrer Väter für Deutschland erstrebt wurde: Die Einheit und deren organische Gestaltung, die Sicherung unsrer Grenzen, die Unabhängigkeit unsrer nationalen Reichsentwicklung. Möge die Aufgabe des deutschen Volks fortan betritt beschlossen sein, sich in dem Wettkampf um die Güter des Friedens als Sieger zu erweisen ....!" Und der alte Kaiser, der die Thronrede, mit dem Helm auf dem Haupt, verlesen hatte, entblößte vor den zum erstenmal versammelten Erwählten des geeinten Volks das greise Haupt und nahm auf dem Goslarer Kaiserftuhl der Karolinger Platz, dem zur Rechten Bismarck im Kürassier-Rock stand. Das Stück Welt- und Volkgeschichte ist den Nachge- bornen kaum noch vertraut, und es scheint auch, daß das Parlament selbst sich des Tags seiner Daseinswerdung nur noch dunkel erinnert: Am Tag des Frühlingeinzugs hat Herr Axel, Graf von Schwerin und Löwitz, der im Reichstag das Präsidentenszepter schwingt, dem in der Runde versammelten Haus erzählt, daß er am einundzwanzigsten März des Heilsjahrs neunzehnhundertelf die drcitausendvierhundert- fünfundzwanzigste Sitzung des Reichstags eröffne, „was die Herren gewiß interessieren werde". Und der amtliche Bericht verzeichnet im Anschluß daran: „Lebhaftes Gelächter!" Das war der vierzigste Geburtstag des Deutschen Reichstags .. .!
Daß er sonderlich erheben gewesen, läßt sich Nicht behaupten. Dem Grafen Schwerin kann man aus der lakonischen Art, die reichsparla- mcntarische Arbeit von vier Jahrzehnten in die trockne Konstatierung der Sitzungsziffcr zu- sammcnfaffen, nicht einmal einen Vorwurf machen, obwohl auch er (sonst ein Freund der muntern Rede) des Jubeltags in, Würmern Worten hätte gedenken dürfen, ohne des lustigen Reickstaas empfindliches Zwerchfell zu kitzeln. Selffam berührt dagegen das „lebhafte Gelächter" im Parlament. Der Reichstag von neun
zehnhundertsieben war zwar allezeit mehr heiter als tragisch gestimmt und seiner Fröhlichkeit Quellen haben sogar in Stunden gesprudelt, in denen es im jgnufe Wallots ganz und gar nicht lustig war, aber bei der Wiederkehr der parlamentarischen Geburtsstunde würde der Ernst ziemender gewesen sein, als das Gelächter, das im übrigen dem sterbenden Reichstag als Lichtstrahl in düstrer Kümmernis noch recht oft der Sorgen Äruck erleichtern möge. Man würde es auch als passende Ehrung der parlamentarischen Institution empfunden haben, wenn vom Regierungstisch aus des Ju- biläumtags mit ein paar Worte ehrend gedacht worden wäre, oder etwa gar Herr von Bethmann Hollweg das Jubelhaus mit seltnem Besuch erfreut hätte. Die Unterlassung bedeutet zwar noch keine Sünde, aber es würde des Tags und seines Bedeutung doch angemessen gewesen sein, üblen Schein zu meiden und wenigstens der Oeffentlichkeit gegenüber zu offenbaren, daß man sich auch im Regierungsbereich der Geburtsstunde der verfassungsmäßig zugeordneten „gesetzgebenden Körperschaft" höflich enffann.
Offiziell ist das Jubiläum des Reichstags gewissermaßen „spurlos vorübergegangen" und es liegt nahe, daraus gewisse Schlüffe zu ziehen; Schlüsse, deren Schärfe sich allerdings in erster Linie gegen das Parlament selbst richtet, das den Jubeltag seines Werdens mit schallendemGelächter begrüßte, um ihn kurz drauf im Parteienzank zu enden. Es ist einmal davon die Rede gewesen, daß „auch in nicht parlamentarisch regierten Ländern die Volksvertretung sich desjenigen Ansehens erfreue, das sie sich e r k ä m p f e und durch ernste Arbeit zu erhalten vermöge." Liegt's nun am System unsers.Parlamentarismus, oder ist's der Ausfluß der Konfliktverschärfung auf politischem Gebiet, daß man im Reichsbc- trieb und in der Politik überhaupt in befremdlich zahlreichen Fällen die wünschenswerte Schätzung der parlamentarischen Körperschaft zu vermissen glaubt und im Land die Klage immer dringliche? wird, die Auswüchse des Parteienkampfs verekelten den Besten und geistig Reichsten den Eintritt in die Arena parlamentarischen Wettbewerbs? Daß auch diesmal ein Gedenktag vaterländischen Volkstrebens und nationaler Einung vorübergegangen, ohne daß eine Hand sich rührte, ohne sonst so hellen Feierllang und Festgeläut? Wenn man den einundzwanzigsten Märztag vor vierzig Jahren in die Erinnerung zurückruft und den parlamentarischen Leinzeinzug von heut überschaut, regen sich Zorn und Staunen und auch daS „lebhafte Gelächter" der Erwählten täuscht nicht über das Empfinden hinweg, daß das Bild: „Vierzig Jahre später" weniger licht und weniger begeisternd ist! F. H.
Die Stolypin Komödie.
Stolypin bleibt, Trepow und Durnowo gehen! (Telegraphische Meldungen.) Der Zar aller Reußen hat sich einen kleinen scherz geleistet: Vorgestern hieß es, daß das Abschiedsgesuch des Ministerpräsidenten Stolypin vom Zaren genehmigt, und das Einennungsdekret Kokowzews, des bisherigen Finanzministers, zum Premier bereits unterzeichnet sei. Heute kommt nun aus Petersburg die Kunde, daß die Aufregung unnötig war: Peter Arkadjewitsch Ttolnvin bleibt Ministerpräsident und feine Widersacher im Rcichsamt sind gemaßregelt worden. Also eine russische Komödie in bester Form. Ein Privattelegramm berichtet uns darüber aus
Petersburg, 23. März.
Stolypin wird Ministerpräsident bleiben. Gestern fand im Anitschkow-Palais Familienrat statt, an dem außer dem Zaren die Kaiserin-Witwe und mehrere Großfürsten teilnahmen. Wie es heißt, hat Stolypin seine Demiffion zurückgezogen. Die beiden Reichs- räte Trepow und Durnowo, deren Intrigen Stolypins Niederlage im Reichsrat bewirkten, sollen künftig von den Reichsratsfitzun- gen ausgcschloffen sein. Bei Stolypin fand gestern abend ein glänzender Empfang statt.
Trepow und Durnowo waren es, die im Reichsrat die Htimmung für Stolypin so ungünstig zu gestalten wußten, daß eine Demission des Ministerpräsidenten unausbleiblich war. Es scheint nun, daß man im (arischen Familienrat sich noch rasch eines Bessern besonnen und Stolypin weitgehende Konzessionen gemacht hat, worauf die Maßregelung von Trepow und Durnowo mit Sicherheit hindeu- ten. Es fragt sich nur, wie lange die neugestärkte Herrschaft Stolypins nun dauern wird, denn die Reaktion wird nach wie vor mit allen
Mitteln bemüht fein, den ihr Verhaßten zu stürzen.
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Das Giolitti Kabinett.
Eigene Drahtmeldung.)
Rom, 23. März.
Der „(Sortiere d'Italia" veröffentlicht folgende Mi nist er liste, die gestern nachmittag in den Wandelgängen der Kammer besprochen wurde. Danach übernimmt den Vorsitz und das Innere Giolitti, das Aeußere Bettolo, das Kriegsministerium Spigli- ardi, die Marine Cattolica, die Justiz Galimberti, die Landwirtschaft N i t t o und die Bauten Abignenti. Andere Blätter glauben freilich mitteilen zu können, daß San Giuliano das Portefeuille des Aeußern Leibehalten werde. Die Entscheidung über das neue Kabinett dürfte noch im Laufe des heutigen Tages fallen.
Sie Zpione von Hamburg.
Ein Geständnis des Engländers!
(Eigene Drahtmeldungen.)
Die Hamburger Spionage-Affäre wird immer rätselhafter und verwickelter, und die letzten Nachrichten bestätigen unsre vor einigen Tagen ausgesprochene Vermutung, daß es sich trotz der beschwichtigenden Erklärungen der Hamburger Polizei um eine Affäre großen Stils handelt, und daß es deshalb geboten erscheint, die weitere Entwicklung der Dinge mit Aufmerksamkeit zu verfolgen. Unsere Hamburger Korrespondent berichtet uns über die neuesten Feststellungen in der Angelegenheit folgende Einzelheiten:
Hamburg, 23. März.
Von Personen, die mit den Verhafteten i in Berührung gekommen waren, werden mir Mitteilungen gemacht, die mit denjenigen der Polizeibehörde in Widerspruch stehen, aber trotzdem auf Wahrheit beruhen. Danach ist der Engländer am zehnten März in einem HamburgerHo- t e l verhaftet worden; er ist ein Schiffs- händler aus London und hat nicht nur in Hamburg und Breme«, sondern auch in Kiel Spionage getrieben. Der Mitverhaftete ist ein höherer Angestellter einer Hamburger Werft. In Bremen wurden drei Personen und außerdem die Braut des einen Verhafteten festgenommen. Ei« sechster Verdächtiger ist entkommen, doch hat man die genaue Personalbeschreibung. Die hier in Hamburg in Gegenwart eines Delegierten des ReichsmarineamteS geführten Verhandlungen ergaben belastendes Material. Der Engländer ist äußerst gewandt und durchaus nicht niedergeschlagen; er gibt seine Verfehlungen ohne weiteres zu, dagegen wollen die übrigen Verhafteten nichtschuldig sein, sie stellen die Angelegenheit als harmlos hi«. Wie das beschlagnahmte Material in ihre Hände gekommen ist, ist noch nicht festgestellt.
Ein weiteres Telegramm unsers Korrespondenten von heute mittag meldet uns: Der verhaftete Engländer hat heute ein Geständnis abgelegt, daß die Tatsache der Spionage ausreichend erweist. Nur bestreitet der Verhaftete, die Mitteilungen bereits nach England weiter gegeben zu haben. Die Polizei beobachtet über ihre Feststellungen nach wie vor Stillschweigen: es verlautet nur, daß die Affäre noch weitere Streife ziehen wird, und daß heute oder morgen noch andere verdächtige Personen in Haft genommen werden sollen.
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Immer neue AittseU (Telegramm unsers Korrespondenten.) Zu der Hamburger Shionage-Affäre werden unserem Berliner Korrespondenten an un- terrichteterStelle folgendeMitteilungen gemacht: Die Hamburger Polizeibehörde sieht sich veranlaßt, belanglose Nichtigkeiten wie die Mitteilung, daß ein Berliner Polizeikommiffar nach Hamburg gefahren sei, zu dementieren. Viel wichtiger im Interesse der Landesverteidigung erscheint aber der Hinweis darauf, daß die sämtlichen letzten Spionageversuche einen ganz bestimmten Arbeitsplan aufweisen, daß zweitens auch offenbar ein Zusammenhang zwischen den letzten Spionageversuchen besteht, und daß drittens eine ganz klare Einteilung der Arbeit zwischen den einzelnen Spionen zu erkennen ist. (Die einen spionieren die Befestigungswerke aus, die anderen die Schiffsbauten.) Aus allen diesen Gründen erhält sich in Marine- kl e i f e n trotz aller Dementis die Ueberzeu-
gung, daß es sich auch diesmal um e n g l i s ch e Offiziere handelt und die Erklärung der Hamburger Polizei, daß der Verhaftete sich selbst als Kaufmann bezeichnet habe, wird iir Marineoffizierskreisen mit dem Hinweis darauf beantwortet, daß die Untersuchung mit Bestimmtheit die Offizierseigenschaft der Spione ergeben werde, da ihre Maßnahmen mit Sicherheit darauf hindeuteten.
Habsburger Tragödie«.
Aus den Schicksalsbüchern eines Kaiserhauses.
(Von unferm Korrespondenten.)
Wien, 22. März.
Heber das Befinden der Prinzessin Stephanie Gräfin L o n y a y, der ehemaligen Gattin des österreichischen Kronprinzen Rudolf, sind in den letzten Tagen beunruhigende Meldungen verbreitet worden. Die Prinzessin soll an einer schweren Influenza erkrankt sein, die die ernstesten Bedenken rechtfertige. Damit wird wieder einmal das Bild dieser tragischen Frauengestalt in den Vordergrund des allgemeinen Jntereffes gerückt, die weniger durch ihre eigne Persönlichkeit, als durch die besonder« Umstände, unter denen sie Witwe wurde, die Oeffentlichkeit beschäftigt hat. Auch heute kann das Geheimnis, das
das Drama von Meyerling i umhüllt, noch nicht als gelüftet gelten: Im Gegenteil. je weiter sich die Zeit von jenem verhängnisvollen Tage des dreißigsten Januars 1889 entfernt, um so widerspruchsvoller werden die Berichte über das tragische Ende des Kronprinzen Rudolf. Doch tote auch immer der tragische Vorgang sich abgespielt haben mag, soviel ist sicher, daß der jugendliche Kronprinz das Maß moralischer Festigkeit vermissen ließ, das Diejenigen bei ihm voraussetzten, die seine Heirat mit der belgischen Prinzessin bestimmten. Schon vor seiner Heirat batte er in reichstem Maße der „chronique scandaleuse" der Wiener Blätter, die vom Hofe unabhängig waren, Nahrung gegeben. Die Chambre sspar6e§ des Hotels Sacher, das durch die galanten Abenteuer zahlreicher anderer österreichischer Prinzen bekannt geworden war, waren
der Schauplatz unerhörter Szenen gewesen, in bereit Mittelpunkt der junge Stron« vrinz Rudolf stand. Die Richtigkeit dieser Tatsache itt durch die Schulden bestätigt worden, die Kronprinz Rudolf bei diesen Gelegenheiten machte und die nach dem Drama von Meyerling von Kaiser Franz Josef bezahlt werden mußten. So präsentierte das Hotel allein für Soupers, die der Sohn des Kaisers in lustiger Gesellschaft eingenommen hatte, eine Rechnung von nahezu dreihun- beritausend Kronen. Aber nicht nur für Sou- Vers mußte der alte Kaiser aufkommen, es blieben noch peinlichere Differenzen zu erledigen. So hatte der Prinz in Prag aus einem Ball bei dem Gouverneur ein junges Mädchen von geradezu idealer Schönheit in Gesellschaft ihres Vaters, des Grafen V., anaetroffen. in daS sich der Erzherzog sterblich verliebte. Es gab einen Skandal sondergleichen, der nur dadurch beigelegt werden konnte, baß ber jungen Dame eine Abfindungssumme von einer Million Gulden gezahlt wurde. Die Nächte, die der Prinz nicht in wüsten Orgien verbrachte, waren dem Kartenspiel gewidmet. Noch heute erzählt man sich im Wiener Jockey-Klub von den schwindelhaften Einsätzen, die damals bis in den svä- ten Morgen hinein verspielt wurden. Und dieser junge Mann mit einer so ungebändigten Le- benslitst wurde einer keuschen, in strenger Sit- tenhaftigkeit erzogenen Prinzessin als Gemahl gegeben. Was Wunder, daß sehr bald die veinlichsten Konflikte sich einftellten, die die Prinzessin bis an den Rand der Verzweiflung trieben! Der Wiener Hof bat stets Wert daraus gelegt, die Ansicht zu verbreiten. als sei es die Schuld der Prinzessin gewesen, die das furchtbare Ende der Ebe herbeifübrte, da sie es nicht verstanden habe, ihren Gemahl an sich zu fesseln. Aber was hätte die Erzherzogin tun sollen, um den Gatten, der stch zu der Ebe nur aus Gründen der Staatsraison entschlossen hatte, seinen Ausschweifungen zu entziehen? Sie mußte still leiden, obne die Kraft zu finden,
dem unerträglichen Zusammenleben
mit Gewalt ein Ende zu machen, und sie konnie auf einen Eriola ihres Protestes um so weniger rechnen, als sie am Hofe nicht die gewünschte Unterstützung fand. Im Gegenteil: Kaiser Franz Josef wünschte mit den peinlichen Liebesgeschichten seines Sohnes verschont zu werden und begegnete ber Prinzessin, wenn sie mit Klagen vor ihm erschien, mit kühler Abweisung. So auch, als ber Erzherzog mit ber schönen Baronin Vetsera eine Liaison begann. Damals waren die einzigen trostrei- chen Worte, bie ber Kaiser für bie weinenbe Prinzessin übrig hatte: „Was willst du. Liebe, die Männer sind nun einmal so. Wa» ist da