Einzelbild herunterladen
 

Nummer 93,

1. Jahrgang.

MMhidtc lind] richten

Casseler WrndMuug

tzessische MmLMung

Fernsprecher 951 tmb 952.

Fernsprecher 951 und 952.

Donnerstag den 23. März 1911

s

macht:

Berlin, 22. März.

v. A.

ben scheiden sehen.

gnfertionäpreife: Die sechsgrsp alten, Z,U, für einhetmtfche SeschLftelS Df. für eu8roürttg« Inf «rate ti fßu Siellamezetl, für etnhetmtfch, Oe- schäft, 40 Pf, für aüSrodrttge 60 Pf. LeschäftSstell«: Nölnisch, Straft« 5. Berliner Vertretung: SW, ffrtedrichstraße 16, Telephon: Amt IV, 676.

Die .taffder Neueste Nachrichten" erscheinen wöchentlich sechsmal und »war abends. DerLbonnementSpreiS beträgt monatlich50Pfg. bei freier Zu. stellung ins Haus. DruSerei, Verlag «.Redaktion: Echlachthofstraße 28/30. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstrafte 16, Telephon: Amt IV. 676.

und Gouverneure durchzusetzen, die als Diebe und Betrüger entlarvt worden waren: Senator Garin, ein Mann von größter Unbestechlich­keit, Stolypin in vielem sehr ähnlich, sührte die Untersuchung mit eiserner Faust. Trotzdem sind natürlich (tote es in Rußland nicht anders zu erwarten ist) sehr viele hohe und höchste Per­sönlichkeiten den Maschen der Schlinge, die sich schon um ihren Hals gelegt hatte, entschlüpft, und die Großsürstenwirtschast hat sich auch hier als siegreich erwiesen. Stolypin hat aber auch im W i r t s ch a.s t s l e b e n des russischen Land­volks eine einflußreiche Tätigkeit entfaltet: Er hat mit der Entschuldung des ländlichen Sc' sitzes begonnen, hat Unterrichtsanstalten für die Landbevölkerung geschaffen,Musterselder" zu ihrer Belehrung einrichten lassen, und in je­der Hinsicht für das Aufblühen der russischen Landwirtschaft gesorgt. Auch die Marine­verwaltung wurde einer Revision unter­zogen, bei der allerdings (angeblich! .Män­gel nicht endeckt" wurden. Jeder russische Ma­rineoffizier weiß, daß die ganze Marine durch­aus verwahrlost ist, daß kein Sckisf den Anforderungen genügt, und daß für die Kriegs­schiffe trotz der bewilligten Riesenpreise das schlechteste und billigste Material verwendet wird; aber es wurden (dank sehr einflußreicher Persönlichkeiten) laut einer Verfügung des Za­renMängel nicht entdeckt".

StolypinsTätigkeit hat also hkerSchiffbruch er­litten: Er konnte nicht durchführen, was er er­strebte, weil seine Kraft geheimen und einfluß­reichen Gegnern gegenüber sich doch als zu schwach erwies und weil allmählich auch das Ohr des (von der Großfürstcnpartei beherrsch­ten) Zaren sich sichtlich von ihm abwandte. Auch im Heere wurden unter Stolypin allerlei Re­formen eingeführt, die indessen auch hier die rechte Wirkung vermissen ließen, da überall die protektionslüsterne, hochmütige und betrügeri­sche russische Beamtenschaft im Wege stand. Diesen Augiasstall kann nur ein richtiger Her­kules mit Feuer und Eisen reinigen, und Sto- lypan wäre vermutlich dieserHerkules" gewor­den, wenn er Nicolais Vertrauen behalten hätte. Aber in Rußland regiert nicht der Zar allein, sondern der Zar wird von den Cliquen regiert und diese Cliquen waren des aufrechten Ministerpräsidenten geschworene Feinde. Nach dem starken Mann kommt nun ein Schwächling ans Ruber, ein Kind der Protektion, und ein Spielball der Hofpartei, der weder den Willen noch die Kraft besitzen wird, das vom Dorgän- ger unter Einsetzung aller Kräfte begonnene Reformwerk fortzusetzen. Kokowzew, der neue Premier, ist Salon-Politiker, und seine Force ist das Kuliflenspiel. Damit aber ist Rußland nicht gedient, und eS erscheint des­halb begreiflich, wenn die Denkenden im Land Peter Stolypin mit ehrlicher Trauer ha-

Wirtschaftlichen Vereinigung zu stören versucht hatten. Es war dabei zu turbulenten Szenen gekommen, und es scheint, daß die Erregung über diese Vorfälle den Ausgang der Wahl nicht unwesentlich beeinflußt hat. Dennoch wa- ren bis in die Nachmittagsstunden für den Sozialdemokraten Beckmann bedeutend mehr. Stimmen abgegeben worden als für Werner und man rechnete bereits mit dem sichern Er­folg des sozialdemakratischen Kandidaten, als die wirtschaftliche Vereinigung und der Bund der Landwirte noch starke Reserven zur Wahlurne brachten, wodurch die Stimmenzahl sich zugunsten Werners erheblich ver­schob. Zudem gewinnt es den Anschein, daß die lokale Organisation der Freisinnigen völlig versagt hat, denn ein großer Teil der Freisinnigen Stimmen ist für den Kandi­daten der wirtschaftlichen Vereinigung abgeg. ben und dadurch die von den Freisinnigen auS- gegebene Wahlparole von den Parteiangehöri- gen durchbrochen worden. Man führt dieses unerwartete Abstimmungsresultat ebenfallsauf die durch die fozialdemokratischen Versamm- lungsstörungen hervorgerufene Erregung zu­rück: allerdings scheinen auch die lokalen Parteiverhältnisse dabei eine Rolle gespielt zu haben. Die N ationalliber a- len haben fast geschlossen für Werner ge­stimmt, dem ebenso die Mehrzahl der zersplit­terten bürgerlichen Stimmen zugefallen ist Die Wahlbeteiligung toar namentlich in der Nachmittagsstunden eine außerordentlich regt und in einigen Orten betrug sie sogar neun­zig Prozent. Als das Resultat bekanni wurde, kam es in den Straßen zu großen «renschenansammlungen und auf so- zialdemokratischer Seite wurden scharfe Vor- würfe gegen die Freisinnigen erhoben, durch derenVerrat" das Gießener ReichStagSmaw- batin die Hände der Reaktion gelangt fei." Die Straßenkundgebungen dauerten bis nach Mitternacht an, doch sind Ruhestörungen und Ausschreitungen nicht vorgekommen. Bei der Hauptwahl am zehnten März hatten Beckmann 7976, Gisevius, der Kandidat der Nationalli­beralen 2511, der Freisinnige Korell 5059 und Werner 7958 Stimmen erhalten. -W-

persönliche Aeußerungen des Kronprinzen über Zweck und Bedeutung jener Fahrt, in denen er folgende Mitteilungen

GioNttt oder Litton! ?

Die Minifterkrise in Italien. (EigneDrahtmeldung.)

Rom, 22. März.

Die Ministerkrifis ist immer noch nicht gelöst. König Viktor Emanuel empsing gestern mehrere hervorragende Politiker, mit de­nen er über die Lage konserierte. Man glaubt allgemein, daß ein K a b i n e t t G i o l i t t i zu­stande kommen wird. Als Minister des Aeutze- ren gilt der Admiral B e t t o l o. Dagegen er­klärt eine bekannte politische Persönlichkeit, es sei keineswegs ausgeschlossen, daß San Giu­liano sein Pottefeuille als Minister des Acußeren beibehatten werde. Eine Rückkehr Tittonis an die Spitze beS Ministeriums bes Aeußeren sei ebenfalls kein Ding der Un­möglichkeit, obgleich Tittoni wünsche, seinen Botschafterposten in Paris nicht zu verlassen. Man erwartet, daß bie Entscheidung im Lause des heutigen Tages fallen wird.

Ier Kampf um Gießen.

Rund tausend Stimmen Mehrheit für Werner. (Telegraphische Meldungen.)

Gießen, 22. März. (Telegramm unsers Korrespondenten.) Die gestrige Reichstags­stichwahl im Wahlkreise Gießen- Grünberg-Nidda endete mit dem Siege des deutschsozialen Kandidaten Werner, der mit 12580 Stimmen ge­wühlt wurde. Der Sozialdemokrat Beck­mann erhielt 11602 Stimmen. Die Wahl­beteiligung war auch gestern eine unge­wöhnlich starke, und bis in die Mittags­stunde schien cs. als werbe der sozial­demokratische Kandidat siegreich bleiben. Der Ausgang der Wahl hat all­gemein überrascht.

Wie uns ein weiteres Telegramm unseres Gießener Korrespondenten meldet, ist die Ur­sache dieser für Werner so überraschend günsti­gen Entscheidung einesteils in der Zersplitte­rung der forffchrittlichen Wähler, anderseits in der Tatsache zu suchen, daß in der Wähler­schaft starke Erregung gegen die Sozialdemo­kraten herrschte, weil sie am Sonntag abend in Gießen und Gründer« die Verfammlunaen der

Peter Stolypin.

Randglossen zur russischen Ministerkrise. (Von unserm Korrespondenten.)

Petersburg, 22. März. (P r i v a t - T e- legramm.) Stolypins Abgang bildet das ausschließliche Tagesge­spräch in offiziellen und politischen Krei­sen. Tiefes Bedauern herrscht unter den Nationalisten, teilweise auch unter den Oktobristeu, während die Rechte zufrieden ist. Sie hat an dem Sturz Stolypins roat ter mitgearbeitet. DieRotooje Wremja" - hebt die großen Vorzüge und die Schaf­fenskraft Stolypins hervor. Einen ähnli­chen Staatsmann finde Rußland nicht gleich' wieder. Da Stolypin noch in der Blüte seiner Kraft steht, hofft dieRowoje Wremja", ihn noch einmal auf dem verlasse­nen Posten wieder anzutreffen. Sie ruft ihmAuf Wiedersehen! zu.

Peter ArkadjeWttsch Stolypin, der saft fünf Jahre hindurch Rußlands Geschicke mit nahezu unumschränkter Gewalt leitete, scheidet sang- und klanglos von der Bühne, ein Opser jWer Ränke, die im Zarenreich mehr noch als anderwärts den Bettteb der Politik erschwe­ren und schon manchem Tüchtigen ein jähes Ende bereiteten. Mit Stolypin verschwindet zweifellos einer der Rührigsten, Ehrlichsten und Arbeitsfrohesten aus dem Kreise russischer Staatsmänner, und auch jenseits der zarischen Grenzpfähle hat man Anlaß, das Scheiden die­ses kraftvollen Mannes mit dem Hellen Auge und der nervigen Hand aufrichtig zu bedauern. Peter A. Stolypin entstammt einem alten rus- sichen Ädelsgeschlecht, dessen Anfänge bis zur Zeit Iwans des Schrecklichen zurückreichen. Der Name Stolypin bedeutetHundert Linden" und steht mit dem Stammgut der Familie in Zusammenhang. Die Familie hat sehr viele Sode Offiziere und Minister hervorgebracht, tmb auch der Vater Peter Arkadjewitschs bat meh­rere hohe Posten im Staatsdienste bekleidet, am russisch-türkischen Kriege teilgenommen, und ist vor etwa zehn Jahren als Generaladjutant und Oberkammerherr des Zaren gestorben. Stoly­pins Mutter war eine Fürstin Gort scha- ko w, eine Tochter des berühmten Feldherrn im Krimkriege. Ein Bruder Stolypins ist ein in russischen Kreisen bekannter Schriftsteller und Journalist. Stolypin hat sich in früher Jugend mit der Tochter des OberhofmeisterS Neidhart vermählt, und der Ehe tft eine zahlreiche Schar von Kindern entsprossen, von denen zwei bei dem bekannten Attentat auf der Apothekerinsel schwer verletzt Wurden.

Stolypins eigentliche Laufbahn begann erst km Jahre neunzehnhundertvier, wo er (nachdem et die gewöhnliche Beamtenkarriere durchlau­fen hatte) zum Gouverneur von Saratow berufen wurde. Es waren die Zeiten der gro­ßen, allgemeinen Unruhen, und Stolvvin hat e5 verstanden, soweit es möglich war, die Gegen- fätze auszugleichen. Bald sollte er bleie Bega­bung auf einem höhern Posten beweisen: Im Jahre neunzehnhunbertsechs Wurde er bei bet Bildung eines neuen Kabinetts vor Eröffnung der ersten Reichsduma zum Minister des In­nern ausersehen, und kurze Zeit baranf zum Ministerpräsidenten ernannt. Roch kein Staats­mann hat in Rußland unter derartig schwieri­gen Verhältnissen bie Leitung ber Geschäfte übernommen, tote Stolypin. Er trat sein Amt inmitten ber großen revolutionären B e- w e g u n g an unb hatte die Aufgabe, Ruß­land mit fester Hand zu kräftigen und zu be­ruhigen. Auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens offenbarte sich eine ungeheure Kor­ruption, und der russifch-japanische Krieg hatte Diebstähle der Beamten ausgedeckt, die in die Hunderte von Millionen gingen. Die Eisen- bahnen wurden durch diebische Beamte und Billettverkäufer um Milliarden betrogen und die Revision des Jntendanturwefens deckte neue Millionendiebstähle auf. Die Bcamten- ftfiaft war im Kern zerfressen, unb Treulosig­keit, Bestechlichkeit unb Willkür waren an ber Tagesordnung. Aus der andern Seite hatte die Revolution das Werk der Korruption vollen- tet: Die breite Masse des Volkes^ war ohne Sitte unb Moral, unb das Land gewährte einen durchaus verwahrlosten Eindruck. Auf allen Seiten mußte Stolypin bessern, soweit bei einem derartigen Umfang der Verderbnis die ^Möglichkeit dazu vorhanden War.

Und sein Werk gedieh: Er verstand es. die Revolution zu bändigen, das Land zu beru­higen und Rußlands Ansehen auch nach außen bin wieder zu kräftigen. Unter persönlichen Gefahren wußte er ferner beim Zaren die ener­gische Derfolguna der einflußreichen Geneiale

Hin Krouyrinzen Bekenntnis.

Kronprinz Friedrich Wilhelm über seine Fahrt. (Von unserm Korrespondenten.!

Der Kronprinz hat nun selbst zu den mannigfachen Zeitungsäußerungen, daß er auf feiner Reise zu Wenig Studien treibe und sich nt viel dem Sport unb der Jagd widme. Stellung genommen. Wir haben schon früher betont, daß der Schein trüge, da die Telegram­me über den Aufenthalt des Kronprinzen nur kurze Augenblicksbilder Wiedergaben, aber den Inhalt der Reise nickt erschöpften. Der bekannte Forschungsreisende Tn. Oskar Bongard veröffentlicht jetzt in ber Presse persönliche Aeußerunaen jener Fahrt

Wie Dr. Bongard in seinen Veröffent­lichungen erklärt hat ber Kronprinz ihm gegenüber sich wörtlich Wie folgt geäußert: Man hat es mir verübelt, daß ich nicht Tag für Tag von Tempel zu Tempel, von einem Museum ins andere gelaufen bin, und hat es so darzustellen versucht, als hätte ich nur für Jagd, Golsspie! unb Polo Sinn gezeigt. Das ist unwahr' Sie, Dr. Bongard, kennen Sir Harold Stuart, der mir beigegeben war; es ist einer der höchsten Beamten des Landes mit dreißigjähriger indischer Er­fahrung. Er war Tag für Tag von meiner An­kunft in Indien bis zur Abreise um mich, unb die Unterhaltung mit ihm war eine nie ver­siegende Quelle ber Belehrung; gleichgültig, ob wir in ber Eisenbahn zusammensaßen, oder zur Jagd fuhren. Ich habe Ihnen schon Sir John Hewett und Sir Roos Kep­pel genannt; ähnlich war es mit dem höch­sten Richter Indiens, Lord Jenkins, ferner Sir Bayley, dem Residenten in Haiderabad, und den andern hohen Beamten und Offi­zieren, mit denen ich in Bettihrung kam. Sie können sich doch denken, daß die Engländer mir gerade ihre bedeutend st en Män­ner, die sie in Indien haben, zuftihrteu. Von der Unterhaltung mit diesen hatte ich in einer halben Stunde mehr Gewinn, als der tagelange Verkehr mit Durchschnittsmenschen bringen kann Informierte mich ber Umgang mit biefen bedeutenden Männern über die wichtigen Fragen, bie Indien betref­fen unb die Wirtschaftspolitik ber Völker be­einflussen, so lernte ich beim Sport (bem ich mick gern hingebe) einen Teil englischen Volkslebens kennen. Bei ben Spielen waren Kaufleute, junge Beamte, Offiziere, kurz alles vertreten, was an Engländern in Indien lebt. Da waren prächtige Menschen in ihrer ungezwungenen, männlichen Art, die nicht ein einziges Mal taktlos wurden. Durch die Unterhaltttng mit ihnen habe ich Ein­blicke tu bas englische Leben ge­wonnen, die mir wertvoll sind und bie der Erbe eine» Kaiserthrons sonst nicht so leicht erhält. Nicht minder wertvoll war eS für mich, unsere deutschen Kaufleute und ihr Wirken kennen zu lernen. Es hat mich mit Stolz erfüllt, zu sehen, unb auch von englischer Seite unparteiisch zu hören, welch geachtete und bebeutenbe Stellung sie einneh­men."

Ernsten Menschen ist es (beiläufig) wohl auch nicht in den Sinn gekommen, bem Kron­prinzen einen Vorwurf daraus zu macken, daß er als Sportliebhaber auf seiner Fahrt auch der sportlichen Betätigung bie ge­bührende Aufmerksamkeit gewidmet hat. Die Schuld an ber teilweisen Verstimmung ber öffentlichen Meinung trägt auch nickt ber Kronprinz, fonbern bie offiziöse Bericht­erstattung, bie Tag um Tag nichts Besse­res unb Wichtigeres zu erzählen wußte, als die Spazierfahrten unb die Jagdergebnisse des Prinzen, feine Sportresultate unb bie photo­graphischen Ausnahmen zu registrieren. Aus diese Weise erhielt natürlich die Oeffentlichkeit nur ein Zerrbild ber eigentlichen Studien- sahrt, unb es ist erfreulich, baß der Kronvrinz dieseBerichterstattung" nun s e l b st berichtigt.

$as Rätsel hon Hamburg.

Die Spione von ber Wasserkante.

(Von unserm Korrespondenten.)' Hamburg, 22. Marz.

Die Hamburger Polizeibehörde hat soeben in der Spionage-Affäre eine Erklärung erlas- feit, in der es heißt, daß die in bet Presse, na­mentlich in ber ausländischen, verbreiteten Meldungen über bie Angelegenheit zum größ­ten Teil unrichtig sind. Die Behörbe beobachte die strengste Verschwiegenheit. Die Behaup­tung, daß ein verhafteter Engländer

mutmaßlich ein Seeoffizier

sei, sei unrichtig, und ebenso seien die An­gaben über den Inhalt bet Schriftstücke unzu- treffend. Die Hamburger Polizeibehörde ist ferner sehr ungehalten darüber, baß bie Nach­richt von der Verhastung so frühzeitig in die Oeffentlichkeit gelangte, nachdem es gelun­gen toar, die Verhaftungen etwa acht Tage lang geheim zu halten. Merkwürdigerweise ist die erste Meldung durch ein wenig bekann- les Korrespondenzbureau in Berlin-Charlot­tenburg verbreitet worben unb von dort aus erst nach Hamburg gekommen. Anscheinend liegt hier eine Indiskretion vor. Der verhaft tete Engländer, übet dessen Personalien nach wie vor

irgendwelche Angaben verweigert werden, hatte mehrere Verhöre zu besteh««, er bleibt dabei, daß er Kaufmann sei unb hat niemals eine Aeußerung getan, au8 ber zu schließen Wäre, daß er der englischen Marine angehört. In dieser Hinsicht sollen auch unter den beschlagnahmten Schriften und Briefen be- lastende Stücke nicht gefunden worden fein. Auf dem englischen Generalkonsulat in Ham­burg sind ebensowenig wie bei dem englischen Botschafter in Berlin irgendwelche Anzeigen eingegangen, die um eine Vertretung der In­teressen des verhafteten Engländers ersuchen. Nack dem bisherigen Verlauf der Untersuchung würde es aber nickt richtig fein, die Affäre al- harmlos und unbedeutend aufzufaffen, die Er­hebungen der Behörde lassen vielmehr

eine ernste Beurteilung ber Angelegenheit als gerechtfertigt erscheinen. Zur Zeit besinde« sich bie Akten beim Reichsgericht, da- demnächst auch ben Untersuchungsrichter ernennen Wird. In Hamburger Polizeikreisen legt man im all- gemeinen weniger Gewicht auf die Verhaftung des Engländers, als darauf, die Mitschuld der übrigen vier Verhafteten, bie sich des Lan­desverrats fckuldiq gemacht haben sollen, fest»

-