Nr. 89. — 1. Jahrgang.
Casseler Neueste Nachrichten
Sonnabend, 18. März 19H.
ten Moskauer Millionärin, die zum Pa- triziat der alten Zarenstadt gehört, ließ sich vor acht Jahren nach kurzer Ehe von ihrem Gatten scheiden. Der -Scheidungsprozeß war damals eine der Sensationen der an Skandalen reichen Stadt. Zwei Jahre später erklärte die junae Dame ihrer aufs äußerste betroffenen Mutter, daß sie sich Mutter fühle.
Als ein glücklicher Zufall ist es zu bezeichnen daß sich im Augenblick des Unglücks nur wenige Arbeiter in dem Gebäude befanden, in dem sich die Explosion ereignete: Die Katastrophe würde sonst noch weit verbängnisvollere Folgen gehabt haben.
für das Kabarett, lade sich jeden ein, der ihn gerade interessiere, und werde überhaupt itoie gesagt) „zu volkstümlich". Das habe (so tuschelt man) zu starken Mei. nungsverschiedenhetten und schließlich zu politischen Auseinander, setzungen zwischen Vater und Sohn ge- führt, und das Ende vom Liede sei: Der kommende Umzug des Kronprinzenpaarcs nach Danzig . . -
Müssen wir hier alles haarklein widerlegen? Wohl nicht. Es ist wirklich nicht nötig. Es genügt die öffentliche Brandmarkung. Nur zu deutlich spukt hier das alte Gespenst des historischen „Gegensatzes zwischen Herrscher und Thronfolger". Wer aber die heutigen Verhältnisse am preußischen Hofe kennt und nicht Gespenster am hellen Tage sehen will,der weiß: Ein Gegensatz zwischen Kaiser und Kaisersohn ist schon aus dem psychologisch interessanten Grunde nicht vorhanden, weil der Kronprinz vor den politischen Ansichten und Erfahrungen seines Vaters eine ganz a u ß e r o r - dentlicheAchtunghat und heute noch wie früher (in der Zeit der Briese an seinen Jugendfreund Barnes, alias Graf Hochberg) dankbar und glücklich ist, wenn sein Vater über Politik mit ihm überhauvt nur spricht. Und was die „künstlerischen Liebhabereien" des Kronprinzen betrifft, so darf man verraten, daß der Kaiser die Adressen guter Kabareti- gastspiele am liebsten aus dem kr^"-''rinzlichen Palais beziehen läßt und sich von der Harmlosigkeit mancher früher verpönten Dinge überzeugt hat. Traditionell ist also an der ganzen Legende nur, daß preußische Thronfolger eine zeitlang ein Regiment „in der Provinz" führen. Und eben (und nur) deshalb verziehen „Kronprinzens" nach Dackzig-LanoPhr!
Dr. A.
Sie Politik der Lager.
s> Endlich ... (Telegramm nnsers Korrespondenten.) Wie uns aus B e r- llin berichtet wird, wird der Bundesrat in der nächsten Woche die Beratungen über den Entwurf des Reichsversicherungs"esetzes für die Privatbeamten wieder oufnebmen. Man darf demnach darauf rechnen, daß die Vorlage noch in diesem Monat im Bundesrat zur Verabschiedung gelangt, so daß die Einbringunq Im Reichstag bis zum Beginn des nächsten Monats ermöglicht werden dürfte. Eine Umarbeitung der Vorlage hat lediglich in dem Abschnitt über die Ersatzkassen stattgefunden; weitere Aenderungen an dem Entwurf sollen nicht vorgenommcn werden.
tS3 DaS Abrüstungs-Märchen. lTelest r a m m unsers Korrespondenten.) Unser Berliner Korrespondent erhält von unterrichteter Seite folgende Mitteilungen: Hier und da begegnet man in der Presse der Annahme, daß nach der Rede des britischen Ministers des Auswärtigen Grey und der halbamtlichen Kundgebung der „Norddeutschen Allgemeine» Zeitung" nächstens Verhandlungen zwischen England und Deutschland wegen der A b r ü st u n g beainnen würden. Diese Annahme ist indessen völlig haltlos und findet weder in der Rede des englischen Ministers, noch in der Auslassung des ossiziösen Berliner Blattes eine Stütze. Der Reichskanzler hat in der Rede, auf die sich Sir Edward Grey in feinen Erklärungen bezieht, ausgeführt, daß England und Deutschland sich „über schwebende politische Fragen verständigen sollten", und daß man mit einer solchen Verständigung sich „auch in der Abrüstungs- frage näher kommen würde." Die Verständigung über politische Fragen müsse indessen
voraus gehen, und die Verständigung ist es auch, auf die sich Grey in seiner Rede bezogen" hat, nicht auf die Frage der Abrüstung selbst. Der englische Minister des Auswärtigen erklärte im Gegenteil, daß „Deutschland der letzte Staat sein würde, an den England mit seiner Anregung in der Frage der Abrüstung herantreten werde."
tS3 Italiens Eisenbahner. (Privat-Te- legramm.) Aus Turin wird uns depeschiert: Die Angestellten der Eisenbahngesellschaften haben der Regierung mitge- teilt, daß sie, falls ihnen bis zum nächsten Mittwoch nicht die Versicherung gegeben werde, daß die ihnen gemachten Versprechungen auch eingehalten würden, an diesem Tage sämtlich die Obstruktion gegen die Negierung beginnen würden. "Die Antwort der Regierung steht noch aus.
Politische Chronik.
Meldungen aus Gießen zufolge beschloß gestern die dort stattgehabte Versammlung der Vertrauensmänner der Fortschrittlichen Volkspartei, die Stichwahlparole für den Sozialdemokraten Beckmann auszugeben.
Wie uns aus Berlin berichtet wird, sind dort Meldungen aus Deutsch-Ostafrika eingegangen. nach denen in Muansa am Viktoriasee neuerdings die P e st austritt. Nack den eingeaangenen Berichten sind bisher vier Tode sf ä l l e vorgekommen.
Nach einer Depescke aus Trier fordert Bisckos Benzler in Metz seinen Klerus rum Kampf gegen den Gutternvler-Or b en auf. Die Zugehörigkeit zum Orden wird als schwere Sünde bezeichnet. Der Klerus wird angewiesen, überall wo der Orden sick ausbreitet, katholische Abstincnzvereine zu gründen.
Ein Privat-Tesearamm meldet uns aus Trier: Der nationalliberale Abgeordnete Pfarrer H^ ck enb o r g - H o tt enb n ch bat das ihm anaebotene Amt eines Generalsuverin- tendenten für die Rheinvrovinz ahgelebnt.
Einer Meldung aus Wien infolge b-steht dort das Gerückt, doß guck b;e deutsche Kaiserin. Prinzessin Viktoria Luise und Prinz Joock'm mit dem Kaiser zum Besuch des Kaisers Tranz Josef in Wien eintrefken werden.
Einer Meldung aus Wien zufolge ist der Stapellauf des ersten österreickisck-ungarsscken Dreadnoughts, der den Namen „Kaiser Tran» Josef" tragen wird, auf den 11. Juni festaesetzt worden. Der Kaiser wird dem Stapellauf selbst beiwohnen.
Nack einer Develche ans Velgrad sind kn der militär-technischen Fabrik zu Kraguje- wac große Unterschlag nnqen aufge- deckt worden. Von f'">nkzigtausend umaeänder- ten Mauleraewehlen sollen nur fünfunddreißig- taufenh in aebrguchssähigem Zustande sein.
Wie uns aus Petersburg telegra- vbiert wird, bat die javanische Regierung ihren Gesandten in Peking beauftragt, der ckinesischeni Regien,ng dringend zur N a ck- oiebjokeit gegenüber den Forderungen Rußlands zu raten.
D-bescken ans Konstantinopel zu- solae bat die Kammer gestern einen Antrag angenommen. die Juwelen Abdul Hamids zu nerkaufen und ihren Erlös zur Bezahlung her in Deutschland gekauften beiden Kreuzer zu verwenden.
Reue» vom Loze.
eine russische KwilecN Affäre.
(Don unserm Korrespondenten.)
Man schreibt uns aus Petersburg: Die jugendlich-schöne Tochter einer verwitwe-
Die Mutter der jungen Dame wollte ihr Haus nicht abermals in den Mittelpunkt eines neuen Skandals stellen, und sie zog daher mit ihrer Tochter auf eines ihrer Landgüter, wo die Entbindung stattfand. In Ueberein- kunft mit der Hebamme wurde eine Aussetzung inszeniert. Das neugeborene Knäblein sand sich auf der Treppe des Landhauses der Hebamme, die das Kind auf den Namen Dimitri als Findling laufen ließ und von der Großmuter des Knaben 24M Rubel Jahresgeld erhielt. Nach einigen Jahren starb die Hebamme und das Kind kam zu ihrem verheirateten Sohn in die Pflege, der das Jahrgeld weiter bezog und int wesentlichen von dieser Einnahme existierte. Großmutter und Mutter des Kindes sahen den kleinen Dimitri oft, doch besuchten sie ihn nie, um nicht Gerede hervorzurufen; wohl aber versahen sie seine Wärterinnen mit Geld, damit das Kind besser verpflegt werde. Im vorigen Jahre heiratete die junge Dame zum zweiten Male und erzählte ihrem Gatten in vertrauter Stunde von ihrem Knaben. Der Gatte erklärte sofort, man müsse das Kind ins Haus nehmen. Diesem Plane widersetzten sich jedoch die Pflegeeltern, die die schöne Einnahme zu verlieren fürchteten. Man verhandelte ein ganzes Jahr und schließlich verlangten die Pflegeeltern 50 000 Rubel, worauf aber die Mutter nicht cinging. Als nun dieser Tage die Pflegemutter mit dem Knaben spazieren ging, ergriff plötzlich ein Mann den kleinen Dimitri, wickelte ihn in cht Plaid, sprang in eine Equipage und fuhr in rasendem Tempo davon. Man holte ihn aber bald ein, da ein Zug von Lastwagen die Straße sperrte. Der Mann wurde zur Polizei gebracht, wo et erklärte, er sei von. seiner Herrin, bereit Sohn ber Knabe fei, beauftragt worden, den Knaben zu entführen. Bald darauf erschien auch die junge Dame in Begleitung ihrer Mutter und ihres Gatten auf dem Polizeiamte und sie reklamierten den Knaben, während die Pflegemutter erklärte, s i e wisse von nichts: sie habe weder Jahrgeld erhalten, noch wisse sie von der Herkunft des Knaben, den sie als Findling von ihrer verstorbenen Schwiegermutter übernommen habe. Die Polizei mußte den Knaben natürlich bei der Pflegemutter lassen, während die Mutter sich an das Gericht gewandt hat und Zeugen berbeischafft, die ihre Mutterschaft bestätigen können sollen. Die Prozeß wird sich jedenfalls sehr sensationell gestalten, denn die Dame gehört durch Geburt und Ebe zu den vornehmsten Patrizierfamilien Moskaus. 0. G.
Die neueste stxplgfians- Katastrophe.
(Telegramm unsers Korrespondenten.) München, 17. März.
Heute früh kurz nach sieben Uhr erfolgte in der Pyrotechnischen Fabrik von Heinrich Burg, G. m. b. H., in der Balanstraße eine Explosion. Die Fabrikgebäude flogen in die Luft, und ein Arbeiter wurde in Stücke gerissen. Die Fenster der umliegenden Gebäulichkeiten find durch die Gewalt der Explosion zertrümmert. Die Polizei hat den Komplex der Fabrik vollständig abgesperrt. Mehrere andere Arbeiter erlitten zumteil schwere Verletzungen. Die U r s a ch e der Katastrophe ist noch nicht aufgeklärt; man nimmt aber an, daß sie durch Unachtsamkeit herbeigeführt worden ist.
SZ Die Familientragödie in Charlottci-. burg. Wie uns aus Berlin gemeldet wird, hat die Familientragödie in der Kaiser-Fric- drich-Straße in Charlottenburg nunmehr ein zweites Opfer gefordert. Der kleine Werner Jackisch ist gestern im Krankenhaus Westend gestorben.
sz Der Typhus in Kiautschou. Einer Meldung aus Berlin zufolge bestätigte das Kaiscc- liche Gouvernement Kiautschou, daß in Tsingtau drei Europäer, darunter der praktische Arzt Dr. Wunsch, an Flecktyphus gestorben sind, daß diese Krankheit aber nicht epidemisch auftritt. Außer einem Unteroffizier sind vereinzelte Chinesen an Flecktyphus erkrankt.
ztz Liebeskummer ...? Nach einer Dev^che aus Berlin wird zu dem Selbstmord eines deutschen Studenten in Paris noch mit» geteilt, daß der junge Mann v nutlich der Sohn eines Berliner Staatsanwalts C. ist Der Vater hat sich heute bereits telegraphisch mit der Pariser Polizeibehörde in Verbindung gesetzt, doch steht die Antwort no aus. Tet Student hielt sich zum Studium der Nechis- Wissenschaft schon längere Zeit in aris aus. Wahrsckeinlich war Liebeskummer der Grund der Tat.
rs Ter Siegeszug der „Funken". Ein Telegramm aus Danzig meldet uni: Die nach dem System Telesunken erbaute neu: Station, die nicht nur militärischen und Marinezwecken, sondern auch der heimischen See schiffahrt und der Fischereibevölkerung mit Sturmwarnungen dient, erreichte einen guten Funkendepeschenwechsel mit ber österreichischen Radio st ation im Kriegshafen Pol a.
Lr Dre Greis als Bräutigam, Wie aus Heidelberg berichtet wird, fand dort gestern die Trauung des 84jährigen berühmten Pandektisten der Heidelberger Univer- itüt Geheimrat Professor Dr. Emanuel Bek- k e r mit ber Chemikerswitwe Frau Sophie Dorn, geborene Sulter, statt. Die junge Frau des 84jährigen ist eine ehemals preisgekrönte Schönheit.
zz Die verschollene Gebirgspatrouille. Meldungen aus Innsbruck zufolge wird eine aus einem Leutnant und vier Mann be- tehende Patrouille, die sich zur Zsigmon- dyhütte in den Dolomiten begeben hatte, feit Montag vormittag vermißt. Mehrere mi- litärifche Rettungsexpeditionen waren bisher erfolglos.
SS Ein Drama auf hoher See. Aus Paimpol bei Brest wird uns gemeldet, daß eine Fischerbarke auf bet Fart von Island am 10. März mit einem deutschen Schiss einen Zusammenstoß gehabt habe und mit ihrer achtundzwanzig Mann bestehenden Besatzung untergegangen sei. Bei Havre gingen während des gestrigen Sturmes zwei F i s ch e r b o o t e mit je fünf Mann unter.
zz Die Unglücksmarine. Wie aus L a R c • ch eile berichtet wird, wurde gestern bas Unterseeboot Soutre gerade in dem Augenblick von einem Fischerboot angerannt, als es wieder an die Oberfläche steigen wollte. Das Fischerboot benachrichtigte zwei Walfischfahrer, die die Mannschaft des Soutre aufnahmen. Das Leck des gestrandeten Schisses befindet sich an der Steuerbordseite.
Münchner Frühlenz.
Märzenbier und Frühlingslust.
(Von unserm Korrefpondenten.)
München, 17. März.
Es gibt ein Münchner Matchen, das allerdings stark den Verdacht des Plagiats erweckt. Aber es ist schön und bat (im Gegensatz zu den sonstigen modernen Märchen) den Humor für sich. Als der liebe Gott die Erde erschaffen hatte, da dachte er auch daran, Städte in diese neue Welt zu setzen. Er sprach: ..Es werde Licht!" Und es entstand. . . Berlin (so sagen die Münchner wenigstens mit einem echt partikularistischen Augenzwinkern). Dann gab er allen Städten etwas Besonderes. Der einen die Industrie, der andern die Viehzucht und so weiter. Und schließlich blieb für München nichts mehr übrig. „Ach was," fagte der liebe Gott, „wißt's was? Euck schenk' ich.. . die Gemütlichkeit!" Das ist sicher schon lange her. aber die Münchner haben ihr Gottesgeschenk trotz aller modernen Gefahren zu hegen gewußt. Da ist — (nach dem Fasching) wieder fo eine Zeit der sanguinischen Betätigung des Gemüts gekommen: Der Salvator! Zwar zuerst, als man in der Sucke nach neuen Vergnügungen auf de» „Bock" in seiner jetzigen Ausgestaltung gekommen war und den Salvator ausbrachte, da gab es Zank und Streit.
Die Paulanerbrauerei sagte: „Der Salvator ist mein geistiges Eigentum!" „Mackt nir,“ sagten die Andern, die Augustiner- und Pschorr- und Löwenbräu: „Bier is Bier!" Und sie nannten ihren auch nicht schlechten und doppelt eingebrauten Stoff ebenfalls „Salvator", bis die Gerichte dahin entschieden, daß nur die Paulanerbrauerei den „echten" Salvator ausschenken darf. Da nannten die Andern ihr Märzenbier „Urftoff" (der Naturwissenschaft justament zum Trotz!), und wieder Andere nannten ihr Bier „Exzelsior", „Doppelbock" .Jungbrunnen" und was der verheißungsvollen Titel mehr sind. Und die Münchner trin- lcn den einen Stoff so gut wie den andern. Aber der ganz, ganz echte Salvator wird feierlich „erösnet", und zwar an der Wiege seiner bbtn-v*„tt Eristenz: „Am Nockberber g, der 'm übrigen Teil des JahreS durch Abstürze von gerben und Wagen von sich reden macht. Dorthinauf zieht Alt und Jung . . . und man denke sich nun eine riesige Halle «nd einen «roßen
Garten mit tausenden von Maßkrügen. Die „Kathi" und die „Leni" und die „Resi", die ur- echten dicken Kellnerinnen mit zehn Krügen in den Armen und das 'Brot in großen weißen Säcken an der Seite, schwanken wie beladene Segelschiffe durch das Menschenmeer. Dazwischen Radiwciber, von der Zeit gebleicht, rote und blaue und grüne Lampions an ber Decke, dazwischen kleine Luftballons und tschingtrara . . . bumtrara . . .: Militärmusik!
Viele mögen sagen, der Lärm stört die Gemütlichkeit. Was aber so ein rechter Münchner ist, der sitzt jetzt ganz still bei seinem Krug und trinkt mit heimlichem Behagen und folgt mit den Augen den süßen, blonden Münchner Madeln. Denn die sind wieder da, genau wie beim Jaschina, und die trinken nicht und lacken nur, lassen sich mit Pfauenfedern kitzeln und erwidern die schnell hin- und berfliegenden Schcl- menworte der Studenten. Und mit einemmal sieht man, daß es da zwei Parteien gibt: Eine, die trinkt, und eine andere, die trinkt fast gar nicht und ist doch sckneller „selig", als die, die es mit der historischen Tradition hält. Das sind die „Jungen". Von Dreißig abwärts. Das ist ein Gleiten und Lacken und Flirten und Kosen ... ick habe da Abstinenzler getroffen, die waren wirklich trunken und renommierten. sie hätten secks Maß getrunken, was gar nicht wahr sein konnte, denn sonst hätte die „Sanität" (die immer in Bereitschaft ist, falls die Gemütlickkeit handgreiflich wird) eingreifen müssen. Aber .. . „trunken" waren sie.
Von t>er Frühlingsluft. Ich weiß nickt, wie es kommt, daß man sie vorher gar nicht fo fpiirt. Aber wenn der Salvator kommt, bann ist ber Frühling allen Kalendern zum Trotz offiziell, bann gehen sogar die Abstinenzler nach dem Nockberbera und trinken Früh- lingsluft in Sckefseln. Die enthält gewiß keinen Alkohol. Und doch ist etwas in ihr drin, das die Leute rein närrisch macht. Die kümmern sich nicht um die im Saal, die mit rauhen Kehlen singen (nein: Brüllen):
So lang der alte Peter Am Petersturm no steht. So lang die grüne Isar Durch's Münchner Landl geht. So lang hört die Gemütlichkeit in München nimmer auf..,
Die schauen in blaue Mädchenaugen und da findet sich so manches iunge Paar ... auf Zeit,
für's Leben, wer kann es fagen? Vielleicht, meinen manche da draußen, die München nickt kennen, es sei was Sündhaftes um die Stadt. Ick glaub's nicht, denn der Frohsinn ist nun einmal seit ewigen Zeiten unser höchstes Gut.
Und daß der in München nicht ausstirbt, dafür sorgen nicht nur die Jungen (die alten „Grandlhauer" sind gefürchtet wegen ihrer Bissigkeit), darum sind in erster Linie (unbewußt) die Münchner Madeln bemüht. Man müßte einmal eine Naturgeschichte über sie schreiben. Denn man findet sie nirgends mehr wie in München. Daß mit dem Frühling und dem Salvator die „Stab" kommt, wer wollte drum schelten? Wenn die „Maronibrater" (das sind die italienischen Kastanienbrater, die im Winter an allen Straßenecken stehen) heimwärts ziehen, dann erwacht in allen jungen Münchner Herzen die Sehnsucht. Irgend eine ... die Münchnerinnen haben immer eine Sehnsucht! Und daß der Münchner Rausch nicht ausstirbt, dafür sorgen sie auch . . . Ich meine indessen nicht den Rausch, der vom „Salvator" oder dem „Excelsior" kommt, sondern den, den dieser Münchner „Jungbrunnen" erzeugt: Die Märzenluft, der Mut zum Glück, der so stark im Münchner Charakter ausgeprägt ist, und der so viele schöne, wunderschöne Erlebnisse hervorzaubert, die mit dem heranreifenden Studenten durch's Mannesleben gehen und ihm in spätem Jahren noch eine weiche, stille, verträumte Erinnerung bedeuten.
Denn (das wollte ich noch sagen), es sind immer Erlebnisse in Schönheit, die der Münchner Frühling in seinem großen Zaubermantel hält. Es liegt nun einmal so eine dyonisische Heiterkeit über den Menschen, die in dieser Stadt sind, und dieser epikuräiscke Lebenszug ist bestimmend für den Charakter Münchens. Das mag mit seinen Grund darin haben, daß jeder, der in dieser Stadt lebt, immer etwas besonderes in ihr sucht . . ., immer ein Stück Schönheit in irgend einer Form, und es liegt ein ewiger Schimmer von Sehnsucht über den Frauentürmen. Darum hat München auch so etwas Befreiendes und Frohes an »ck, weil in dem reinen Genießen der Schönheit schon ein Stück Erlösung liegt. Tas sind so meine Salvatorgedanken! Eigentlich hatte ich nur vom Bier reden wollen und bin doch auf die Schönheit und Sehnsucht gekommen . . .: Das ist, weil mich die Frühlingslust getragen hat, von der ick ja auch plaudern wollte.
und die das beste Stück Salvator oder Exeel- fior oder Münchner Jungbrunnen ist.
Robert Heymann.
Kammermusik in Kassel.
Der fünfte Kammermusikabend.
Ein schwieriges Problem galt es diesmal mit dem Quartett op. 130 in B-dur von Beethoven zu lösen. Sind wir doch mit dieser Opuszahl im Vergleich zu feiner letzten (138) bereits bei den höchsten Offenbarungen seines Riesengeistes angelangt, der sich nach den vielen Kümmernissen seiner tragischen Vergangenheit endlich von dieser Welt befreit und schon auf ein Höheres Sein borbereitet. Daß die letzten Quartette des Meisters einen besonders monumentalen Charakter tragen, hatte seinen Grund darin, daß Beethoven sich in der fraglichen Zeit mit der Ausarbeitung verschiedener größerer Orchesterwerke in Gedanken befaßte, die jedoch nicht zur Vcrwirflichung kamen, und so unwillkürlich mancher ursprünglich für diese Schöpfungen gedachte Jdeenfunke in die Quartett-Konzeption mit hineinflog. Was nun den Stimmungsgehalt des Quartetts op. 130 betrifft, fo tritt in ihm die innerlich- frohe und selbst-gewisse Empfindung eines wahrhaft Ewigen und Heiligen zutage, sodaß selbst das Wenige, hier noch humorvoll Gezeichnete, schon von dem verflärten Scheine des Ausblicks auf das Ewige umgeben ist.
Bemerkenswert ist auch in diesem Quartett die auf 6 gesteigerte Anzahl der Sätze, deren es in dem nächstfolgenden cis-moll-duartett sogar sieben sind. Doch sind diese eingefügten Sätze meist kurzer Art und eher als Bindeglieder zwischen den Grundpfeilern der 4 Hauptsätze zu betrachten. Von den sechs Ahschniiten des Quartetts hinterläßt die so unsagbar wehmutsvolle, berühmte Cavatine wohl den tiefsten Eindruck, obwohl der volle Genuß an diesem Satze durch kleine Temposchwankungcn und Ungleichheit der Tongebung in der führenden Stimme etwas beeinträchtigt wurde. Mit dein originellen Alla danza tedesca scheint der Kom ponist die Welt in heiterer Ironie zu verspotten. In der Ausführung dieses Satzes toän größere Berücksichtigung der Pianostellen vor Vorteil gewesen. Tie außerordentlichen tech- Nischen Schwierigkeiten und die deS Zusammenspiels wurden von den Ausführenden glücklich überwunden.