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Csflrler Mueste Mschrichten

Nr. 88.

Erster Jahrgang.

4. -otuaßt-

Freitag, 17. März 1911.

Sie Parlamente.

Die ReichSland-Verfaffmig.

(Telegramm unsers Korrespondenten.)

Wie uns aus dem Reichstag berichtet 'vird, ist an dem Zustandekommen der reichs- tändischen Verfassungsfrage kaum roch zu zweifeln. Die Mehrheit von Zentrum, Nationalliberalen und Fortschrittlern wird höchstwahrscheinlich auch bei der zweiten und wittert Lesung zusammenhalten und über die Klippen hinweghelfen, die dem verfassungs- politischen Fortschritt im westlichen Grenzland mverkennbar noch immer drohen. Es wird bei den Entscheidungen im Plenum auf jede einzelne Stimme aukommen. Wer sich aus den Standpunkt stellt, daß Preußen in der Angele- fenheit der Bundesratsbestimmungen für El- iß-Lothringen zu weitgehendes Entgegenkom- Nen beweise, der übersieht die Notwendigkeit greifbarer Entkräftung des Verdachts, als sei Mit einer „Verpreußung Deutschlands"' ernst­lich zu rechnen. Das Ziel mutz sein, dah Preu­ßen in Süddeutschland moralische Er­oberung en macht, waS Jahrzehnte hindurch nicht glücken wollte. Und diesem Zweck ist of- senbar auch (wie jetzt deutlich erkennbar wird) die Haltung Preutzens in der reichsländischen Verfaflungsfrage angepatzt. -rs-

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Der Kampf gegen links.

(Telegramm unseres Korrespondenten.)

Aus dem Landtag wird uns depeschiert: ?)ieGeschäftsordnungskommiffion des Abgeord­netenhauses hat ihre Beratung gestern abend wieder ausgenommen, um den Antrag Bran­denstein auf „Vervollständigung der Geschäfts­ordnung" zu beraten. Wie ich von beteiligter Seite erfahre, geht die Stimmung in der Kom­mission dahin, eine Verschärfung der Ge­schäftsordnung auf keinen Fall vorzuneh­men. Auch das Zentrum dürfte gegen eine Verschärfung sein, wie sie von den Konserva­tiven verlangt wird. Die Anträge, die bisher in der Kommission gestellt sind, gehen darauf hin, die Redefreiheit zu beschränken und vor allem die Sozialdemokratie mundtot zu machen. Dem Anschein nach werden indessen die Beratungen der Kommis­sion zu einer Verschärfung der Geschäftsord nung nicht führen, da die bisher vorliegenden Anträge kaum Annahme finden dürften, -wi-

Zmmer noch: Sozialpolitik.

Reichstags-Sitzung vom 15. Oiärz.

Am Tische des Bundesrats: Dr. Delbrück. Auf der Tagesordnung steht die Weiterberatung des Etats des Reichsamts des Innern.

Abg. Garf Earmer-Zieserwitz (kons): Die Sozialpolitik belastet besonders den gewerb­lichen Mittelstand, das Rückgrat unseres gan­zen Staatswesens. Daher muß ihm jede un­lautere Konkurrenz ferngebalten werden. Der Redner empfiehlt seine Resolution auf Einfüh­rung einer Bedürfniskonzession für den Betrieb von Wanderlagern. Geradezu verwerflich ist datz Kommunal- und Staatsbeamte einen schwunghaften Handel betreiben. Das entspricht nicht der

Würde deS Beamtenstandes.

Die Warenhaussteuer sollte erhöht und die Konsumvereine allgemein entsprechend besteuert werden. Der Redner spricht sodann über die Schundliteratur, die eine nationale Gefahr ge­worden sei.

Staatssekretär Dr. Delbrück: Gegen den Mißbrauch in Bezug auf den Detailhandel der Beamten sind Anweisungen ergangen, eines Gesetzes bedarf es nicht. In der Frage der Besteuerung der Warenhäuser und Konsumver­eine ist die Landesgesetzaebung zuständig. Di- schweren Mißstände auf dem Gebiete der Schmutzliteratur gebe ich durchaus zu. Eine Aenderung der Geietzgebung ist aber nicht er forderlich. Die bisherigen Bestimmungen ge­nügen vollkommen. Die Vorschläge der Bun­desstaaten geben dahm, die Kolvortaae ’m

Wohnorte des Kolporteurs zu verbieten, mehr als bisher zur Beschlagnahme zu greifen und auch

die Strafbestimmungen zu verschärfe«.

Abg. GiesbertS (Ztr.): Wir bedauern die Haltung der Regierung zum ArbeitSkam» m e r g e s e tz. Es könnte ganz gut noch in die- er Session verabschiedet werden, ebenso wie die Reichsversicherungsordnung. Redner wen­det sich gegen die absällige Kritik der Sozial­demokratie an der sozialpolitischen Tätigkeit des Reichstages. Es sind eher zu viel Gesetzent­würfe eingebracht worden als zu wenig. Die rößten Gegner der Gewerkschaftsbewegung tzen in den Reihen der Sozialdemokraten. Die Gefahr der Arbeitsmonopolisierung, die jetzt von der Sozialdemokrafte systematisch vorbereitet wird, ist viel schlimmer als die ärgste Scharfmacherei. Der sozialdemokratische Grundsatz lautet: Ohne Rot kein Brot! (Leb­hafte Zustimmung.) Wir werden

die Freiheit der Arbeiter gegen jeden Terrorismus auftecht erhalten. (Beifall im Zentrum.)

Abg. Sachse (Soz.) wendet sich zunächst ge­gen die christlichen Arbeitersekretäre. Das bay­rische Zentrum hat sogar eine Resolution in der Kammer eingebracht, wonach die Sozialdemo­kraten aus den Staatsbetrieben gejagt werden ollen. Das ist die Arbeiterfreundlich­keit des Zentrums. Der Redner lehnt jede Maßnahme gegen die Warenhäuser und das Hausiergewerbe ab und fordert ein Reichsberg- gesetz.

Abg. Schwabach (nl.) führt Beschwerde, daß in den östlichen Provinzen der vom Reichs­kanzler zugesicherte Mitgebrauch der masuri- chen und littauischen Sprache in Versammlun­gen durch die preußischen Landesbehörden be­hindert werde.

Abg. Gothein (Vp.): Ich erinnere mich noch der Zeit, da die Nationalliberalen den Zoll­tarif einfach für scheußlich hielten.

Unter einem gewissen Druck scheinen sie sich jetzt daran gewöhnt zu haben. Der Redner spricht gegen den „gelehrten" Grafen Kanitz und die Politik des Deutschen Landwirtschaftsrates. ■ Der Freihandel macht wieder erfreuliche Fortschritte in der Welt, und auch wir müssen endlich aus unserer Verteu­erungspolitik heraus. Die Reckte fürchtet die Wahlen; es wird brenzlich für ste. (Lachen rechts.) Auch den Nationalliberalen gegenüber besteht ein Trennungsstrich. Darüber wollen wir keine Unklarheit lassen. Wir erkennen aber an, daß die Nationalliberalen in letzter Zeit uns erheblich näher gerückt sind. (Hört! Hört! rechts.) Wir sind dankbar dafür, daß sie in der Finanzreform fest geblieben sind, und daß sie jetzt in sozialen und politi­schen Fragen eine Haltung zeigen, der wir un­sere Anerkennung nicht versagen können. (Sehr gut! links.) Die gestrige Rede des Abgeordne­ten Junck war

von liberalem und sozialen! Geiste erfüllt.

Da können wir ein gut Stück miteinander mar­schieren. Der Redner spricht dann noch gegen den Zentralvorstand des Verbandes deutscher Industrieller, dessen Geschäftsführer jede An standspflicht verletze. Auch das Unternehmertum stecke voll Terrorismus. Der Redner spricht schließlich für den Abschluß von Tarifverträgen und fordert ein Reichsbcrg- gesetz.

Abg. Wajda (Pole), beklagt den Nieder­gang der Löhne im oberschlesischen ^ndustrie- bezirk und führt Beschwerde über die scklechte Behandlung der Arbeiter im oberscklesiscken Jndustriebezirk. besonders aus der Donners marckgrube. Der Redner gibt in äußerste: E r r e g u n g "'Schilderungen von den Verhälr- nissen der Arbeiterschaft und ihrer Familien in seinem Sprengel und versammelt durch die überaus drastische Art seiner Rede

das gesamte Haus um die Rednertribüne. Einige Zentrumsabgeordnete lacken während der Elendmalerei des Redners, dem das ganze Haus aufmerksam zuhört. Der Abgeordnete Scköpflin ruft zum Abgeordneten Becker-Arns­berg: „Scköne Arbeitervertreter sind Sie tm Zentrum!" Und als der Redner unter lautem Beifall der Polen und der Sozialdemokraten schließt, ruft Sckövflin nochmals: „Was sagt frerr Delbrück dazu!"

Ei« Schlutzantrag wird gegen die Linke angenommen, und nach persönlichen Be­merkungen wird das Gehalt des Staatssekre- tärs bewilligt. Es wird hieraus über die zu diesem Titel vorliegenden

Resolutionen

abgestimmt. Angenommen werden die Re­solutionen der Konservativen über die Zu­erteilung von Lieferungen an das organi­sierte Handwerk, ferner die Resolutton des Zentrums über Wanderlager und Organisatwn und über die Unterdrückung des heimischen Warenhandels, die Resolutionen der Polen und Sozialdemokraten aus Erlaß eines Reichsberggesetzes, der Natio- nalliberalen über das Petroleummono­pol, über die Gleichstellung der techni­schen Beamten mit den Handlungsgehil­fen in Bezug auf die sozialen Bestimmun­gen des Handelsgesetzbuchs, sowie Anwen­dung dieser Bestimmungen auch auf die Ge­hilfen der Rechtsanwälte usw.; ferner die von Mitgliedern aller Parteien unterzeichnete Re­solution Fischbeck auf Einsetzung einer Sach­verständigenkommission zur Schaffting einer deutschen Einheitsstenographie. Die Zentrumsresolutton auf Einschränkung des Detailreisens wird dagegen abgclehnt. Die Resolution der Volkspattei auf Liefe­rung einheitlicher Wahlurnen sowie Zu­sammenlegung kleinerer Wahlbezirke wird gegen die Rechte angenommen.

Die Abstimmung über die Resolutionen hat das Haus stark erregt und die Freisinnigen und Sozialdemokraten rufen den Konservati­ven zu: Wahlrechtsräuber!" Die Wei­terberatung des Etats wird schließlich auf Donnerstag vertagt.

Der Prosefforenkrieg im Landtag.

Abgeordnetenhaus-Sitzung vom 15. März.

Im Abgeordnetenhaus kam am Mittwoch der interessantere Stoff erst im zweiten Teil der Sitzung, nachdem man vorher das Vergnügen gehabt hatte, bei verschiedenen Kapiteln eine ganze Reihe von Sonderwünschen vor­gebracht zu hören. Der jetzt so stark in den Vordergrund gerückten Frage der Moorkul­tnr entsprach ein freikonservativer Antrag von Woyna, der Mittel für ein Laboratorium zur Erforschung der industriellen Verwertung der Moore verlangt. Der Antrag wurde einstim­mig angenommen. Beim Kapitel Kunst und Wissenschaft wies der Fortschrittler Pach- nicke aus das Beispiel der bayrischen Fürsten hin und verlangte, daß ein derartiges

Mäcenatentum auch in Preußen geübt werde. Ebenso sollte das Privatkapita! mehr als bisher für Kunst und Wissenschaft aufwenden wie dies in Amerika geschehe. Ter Freikonservative Wägner stimmte dem Vorred­ner vollkommen zu, während der Sozialdemo­krat Liebknecht sich von einer Beteiligung des Privatkapitals an der Erstrebung kultureller Zwecke nichts verspricht und ziemlich höhnend die Gründung der Kaiser-Wilbelm-Gesellschaft kritisiert. Dann setzte die Debatte über den Professoren st reit ein, der vom Zen­trumsredner Schmedding, und weit ausführli­cher von dem fortschrittlichen Abgeordneten Eickhoff in der parlamentarischen Arena auf- qcrollt wurde.

Abg. Schmedding (Ztr.): Es handelt sich nm eine sehr peinliche Angelegenheit. Durch den Streit ist

das Ansehen der Professoren in der öffentlichen Meinung herabgesetzt. Auch muß man hierbei auf eine offene Wunde an unseren Universitäten Hinweisen, auf das nnerauickliche Eliauenwesen. Der Minister würde sich ein Verdienst erwerben, wenn er die­ses Eliguenwesen ausrotten würde.

Abg. Eicklmfl (Vv.): Das Ministerium bat in dieser peinlichen Sacke nicht immer eine glückliche Hand aebabt. Der Streit ist nickt aus fachliche«, sondern nur aus persönli­chen Motiven entstanden. Professor Bern­hard hat sein Versvrecken über die Verteilung der Hauptvorlcsunoen nickt gehalten. Er hat sich

zuerst dem Schiedsgericht fügen wollen, es aber am nächsten Tage abgelehnt. Darin scheint er vom Ministerium bestärtt

worden zu sein Dem Rektor gegenüber hat Berm Hard eingestanden, daß er eine Notiz in einer Zeitung veranlaßt habe und hinzugefügt, er wolle die Presse beruhigen und auch Garanti« leisten, daß die Preßangrifse aus dem Mini- terium aufhörten. Der Minister, der eine Dis- ziplinaruntersuchung gegen Bernhard ablehnt, scheint sein Verhalten etwas zu milde zu beur­teilen. Uebttgens wird man Professor Bern­hard, diesem talentierten, lebhaften jungen Mann, mildernde Umstände nicht versagen. Möge der Minister durch eine andere Verwen­dung Bernhards, der er selbst zustimmt, ver­hüten, daß sich der Streit zu einem großen Kampf zwischen Universität und Ministettum auswächst.

Kultusminister von Trott zu Solz:

Die einzige, mögliche Lösung war eine Verständigung zwischen den streitenden Pro­fessoren. Ick war immer bestrebt, sie tzerbeizu- führen. Die erreichte Verständigung ist durch den Artikel der „Vossischen Zeitung" an dem Professor Bernhard mitgewirkt hat, wieder in Frage gestellt worden. Die Pro­fessoren Sehring, Schmoller und Wagner ba­den in übertriebener Empfind­lichkeit daraufhin den unglückseligen Kampf wieder angefangen. Dem Pro­fessor Bernhard kann Wortbruch nicht vorge­worfen werden. Die Fakultät wußte, daß Professoren nicht versetzbar sind. Sie hätte diese Bitte an mich unterlassen sollen. Die Vorwürfe gegen das Ministerium, daß es sich irgendwie an Preßpolemiken beteilige, sind vollständig unberechtigt und entbehren jeder Grundlage. Irgend ein Konflikt zwischen Universität und Ministerium besteht gar nicht. Unttchtig ist auch, daß das Ministerium die Haltung Bernhards immer gestützt hat. Das Ministettum hat vielmehr versöhnend und vermittelnd gewirkt. Was soll nun gesche- hen? Professor Bernhard kann ich nicht ver- setzen. Mein Ziel war die Verständigung zwischen den Beteiligten, und das war auch das Ziel der Fünfer-Kommission.

Die Rede des Kultusministers wurde vom Hause mit großer Aufmerksamkeit entgegenge­nommen, erfuhr indessen selbst auf der Rechten manch scharfe Kritik.

Abg. Rewoldt (Kons.): Wir wünschen Schonung der historischen Rechte der Universi­tät. Fehler wurden auf beiden Seiten gemacht, und die Fakultät mußte, nachdem die elfte Lei­denschaft verflogen war. ihre Eingabe als un­haltbar erkennen. Die Universität muß sich selbst helfen. Die älteren Herren mit langer Er­fahrung müssen es verstehen, Brücken zu bauen.

Abg. Lohmann (Ntl.): Im wesentlichen liegt das Unrecht auf Seiten Bernhards. Das hat die Kommission festgestellt. Wir erkennen diesen Gerichtshof auch für eine größere Oef- fcntlichkeit an. Das Kultusministerium scheint

von Schuld nicht frei z« fein.

ES hat die Unterwerfung Bernhards unter daS Schiedsgericht verhindert. Mir erscheint es nicht zweifelhaft, daß das dauernde Verbleiben von Bernhard in einer Fakultät, die ihn so ein­mütig ablehnt, nicht förderlich sein kann.

Kultusminister von Trott zu Solz: Ich be­streite. in der Kommission und hier im Hause einander lviderspreckende Mitteilungen bezüg­lich der Presse gemacht zu hoben. Wir sind an diesen Artikeln nickt beteiligt. Ich habe auf Ansuchen des Professors Hinneberg nur den Lo ■ kalanzeiger bitten lassen, daß er in dem Streit Zurückhaltung übe und namentlich Angriffe ge- gen Professor Sehring unterlasse. Das übrige ist Klatsch. _ ps _ ,

Abg Graf d'Hauffonville (Kons.): DaS Zustandekommen des Vergleiches war verdienst­voll. Ich bin überzeugt, daß Professor Bern- bard bona fide handelte und ein Wortbruch Bernhards nicht vorliegt.

Es wird sodann ein S ch l u ß a n t r a g an­genommen und die Weiterberattmg des Etats auf D o n n e rs t a g vertagt.

Set Schatten als Senge.

Astronomie im Dienste der Kriminalistik.

Von Fred Hood.

Jede Wissenschaft kann der Kriminalistik in besonderen Fällen große Dienste leisten, nicht nur die Medizin, die Chemie und die Photo graphie, die heute in Kriminalprozessen eine ganz hervorragende Rolle spielen. Aber ganz ungewöhnlich ist es jedenfalls, daß auch die Astronomie zur Ermittelung des Tatbestandes herangezogen wird. Der Fall ereignete sich am 9. Dezember 1910 in Omaha und offenbarte, daß es Kriminalisten gibt, die dem Sherlock Holmes sogar noch überlegen sind.

Ter Astronom und Jesuitenpater F. Riage ermittelte auf Veranlassung eines Anwalts auf das genaueste die Zeit einer photographi scheu Aufnahme und bewirkte so die Freispre­chung eines Angeklagten, der beschuldigt war, in der Absicht, ein Haus in die Lust zu spren­gen, einen Kasten mit Dynamit auf die Per­gola des Gebäudes gestellt zu haben. Die Tat soll am 22. Mai 1910, nachmittags zwischen 2 und 3 Uhr, geschehen sein. Die Freisprechung erfolgte durch Urteil vom 9. Dezember 1910. daS durch die genaue Wiedergabe der matbe- matischen Bercchnunqen des Astronomen tn einer wissenschaftlichen amerikanischen Zeit­schrift zu meiner Kenntnis gelangt ist. .

Es konnte dem Angeflagten. einem tUNgen Manne, als einttqe Augenzeugin nur ein leck- zebnjähttges Mädcken gegenübergestellt wer­den; im übrigen lagen nur Jndizienbewette vor, die an sich nicht hinreickten. den anqebstchm Täter vollkommen zu überführen. Die junge Dame will den Angeklagten am Sonntag nachmittaa vor 3 Uhr mit dem Kasten gesehen haben.

Der Rrchtsbeistand des Angeflagten. John

O. Reiser, wollte sich noch informieren, ob die Zeugin auch wirflich zutverlässig sei und brachte in Erfahrung, daß sie an jenem Nachmittag in der Kirche gewesen, die etwa 1,6 Kflometer von ihrem Wohnorte entfeint ist. also von jenem Orte, wo sich der Vorgang abspielte. Der Pfar­rer erklärte, der Gottesdienst sei etwa um 3 Uhr beendet gewesen und die jungen Leute hätten sich noch einige Zeit in der Nähe der Kirche ausgehalten, um sich mehrfach photogra­phieren zu lassen. Erst dann hätten sie sich ge­trennt. Der Anwalt versckastte sich die Photo­graphien und bemerste bei einer derselben ei­nen scharf konturierten Sckatten, der durch das vorspringende Dach eines Nackbaraebäudes aus die Frontwand d i s Hauses geworfen war, auf dessen Freitreppe sich die jungen Mädchen hat­ten photographieren lassen. Reiser erinnerte sich, irgendwo einmal etwas gelesen zu haben, daß man nach einem Schatten auf einer Pho­tographie die Zeit der Herstelluna des Bildes habe feststellen können. Und er meinte, es wäre doch ganz großarttg. wenn man beweisen könnte, daß das Bild nach 3 Mr angeferttat sei, sodaß das Mädchen den Angeflagten nickt vor 3 Uhr an ihrem Wohnorte hätte treffen können . . . namentlich, da die Aussage der Zeugin sckon durck das allerdings unbe­stimmte Zeugnis des Pfarrers etwas erschüt­tert war. Den Beweis lieferte nun der Astro­nom, indem er feststellte, daß die Ausnahme 9P/ Minuten nach 3 Ubr ettolat fein müßte. Dadurch wurde die Anskaae der einzigen Au- genzeuain wertlos: es blieb nur der zweifel­hafte Indizienbeweis übrig, und das Resultat war die Freisprechung des Angeflagten.

Ich wäre in der Lage, dem Leser auch die vollständige Berechnung des Astronomen mit­zuteilen; dieselbe setzt jedoch schon reichere astronomische und mathematische Kenntnisie

voraus und dürste daher für die meisten der Leser nicht verständlich sein. Ich will daher nur das angewendete Prinzip erwähnen. Durch Messung der Entfernung, über welche ein Schat­ten nach Süden, Norden, Osten oder Westen geworfen wird, finden wir die Stellung, welche die Sonne in dem betreffenden Augenblick am Himmel einnahm. Daraus läßt sich Tageszeit und Datum ableiten. Man bedient sich zu diesem Zwecke des „astronomischen Dreiecks", dessen Eckpunkte der Zenitb, der Pol und die Sonne sind. Von den secks Teilen deS Dreiecks (drei Seiten und drei Winkeln) müssen drei ge­geben sein, um die übttgen drei berechnen zu können. Im vorliegenden Falle waren vier Teile bekannt: der Astronom hatte also einen sickeren Faktor mehr als er nötig hatte. Die Winkel am Pol und an der Sonne waren die einzigen unbekannten Größen, und so verwen­dete er in der Berechnung jeden der vier be­kannten Teile nacheinander einmal als dritten unbekannten Teil. So ergaben sich vier Me­thoden ,ur Lösung des Problems und wer Re­sultate, die nur in der Sekundenzabl. ober mckt in der Zabl der Sttmden und Minuten von einander abwichen. Als Mittel dieser Berech­nung ergab sich: 3 Uhr 21 Minuten und 26 Sekunden.

So sehen wir, daß auch die scheinbar ne- benfäcklicksten Umstände von entscheidender Be­deutung sein können: denn wahrlich, der Schat­ten bei einem Bilde, das an sich gar nichts mit der Tat zu tun hatte und ISO Kilometer von dem Tatort entfernt aufgenommen wurde, kann doch nur als ein ganz nebensächlicher Umstand bezeichnet werden. Im übrigen aber ist es interessant zu seben, wie viele.Faktoren sich hier vereinigen mußten, um einen jungen Mann von schwerer Strafe zu befreien. Astronomie. Mathematik und Photographie reichten sich die

Hand, um einen untrüglichen Beweis zu füh­ren, daß sich eine Zeugin in der Zeitangabe ge­irrt haben mutz. Und derartige Irrtümer kom­men wohl fast in jedem Strafprozeß vor. Es ist nur bedauerlich, datz nicht immer Mittel und Wege zur Verfügung stehen, die Aussage« nachprüfen und ttchttgstellen zu können.

Ende.

Kleines Feuilleton.

Studenten als Kellner. Am schwarze« Brett der Budapester Universität erfdjien kürz­lich ein schmaler Zettel, der besonderes Aus­sehen und Bestürzung hervorries. „Universi­tätshörer," hieß es da, „werden für die Som­mersaison als Kellner angestellt. Näheres beim Sekretär des Hilfsvereins." Dort konnte man erfahren, daß die Pächterin eines Restaurants in Keszthely am Plattensee es war, die sich dieser gar nicht kostspieligen und dennoch ein­träglichen Reklame bedient hatte. Schon in der ersten Stunde meldeten sich vier Studenten im Sekretariat und es ist lewer zweifellos, daß, ihrem Beispiel noch viele folgen werde«.

t£= Eine Expedition zum Himalaya. Ma« schreibt uns: Am letzten Freitag ist von Kal­kutta der bekannte norwegische Bergsteiger Rubenson aufgebrochen, um den Bettuch zu unternehmen, den zweithöchsten Berg der Welt zu besteigen, den 23156 Fuß hohen K a n- ck a n j a n a a, dessen mächtiges Massiv sich im Osten der in Nepal liegenden Himalayaberge erhebt. Der norwegische Bergsteiger ist bei seiner kühnen Expedition von seiner Frau und zwanzig Männern begleitet. Er führt eine nor-» wegiscke Flagge mit, die König Haakon ihm vor seiner Abreise überreicht hat, damit er sie auf dem höchsten Punkte, den Menschen bisher erreicht haben, flattern lasse