Einzelbild herunterladen
 

JSr. 85. — 1. Jahrgang.

Casseler Neueste Nachrichten

Diensiag, 14. März 191L

gen, die ihm auch ihre Begleiterinnen vorstell- ten, und bestellte Champagner. Der Herzog war äußerst leutselig, und bald schwand die anfängliche Scheu vor dem hohen Herrn. Der Herzog verstand es, die animierte Gesellschaft auf das beste zu unterhalten; namentlich mit Pikanten Geschichtchen aus der Petersburger Hofgesellschaft nahm er seine lauschenden Zu­hörer bald derartig in Anspruch, daß sie dar­über die englischen und spanischen Tänzerin­nen, die unten im Saale dahinflogen, gänzlich übersahen. Der Herzog ließ ständig neue Sckt- staschenbatterien aufmarschieren. Die Tänze­rinnen hatten mit ihren Vorführungen ge­schlossen und das Lokal begann sich zu leeren; nur die Gesellschaft des Herzogs hielt wacker aus. Endlich nahte auch für sie die Stunde des Abschieds. 'Der Oberkellner repräsentierte die Rechnung, die eine respektable Höhe erreicht hatte. Der Herzog, der es sich nicht nehmen ließ, den „ganzen Krempel- zu begleichen, griff nach seinem Portefeuille. Aber wie peinlich, er hatte keinen Heller österreichischen Geldes bei sich.

Die beiden Millionärssöhne machten sich natürlich eine Ehre daraus, dem hohen Herrn ihre Brieftaschen zur Verfügung zu stellen. Der Herzog ließ sich nicht lange bitten, entnahm ihnen einige Tausendmarkscheine und beglich die Rechnung. Als Erkenntlichkeit für die ihm erwiesene Gastfreundschaft erbat sich aber der Herzog die beiden goldenen Zigarettendosen der beiden jungen 'Herren, damit er zur Erinnerung an die mit ihnen verlebten fröhlichen Stunden seinen Na­menszug in Diamanten auf ihnen anbringen lassen könne. Auch diesem Wunsche wurde will­fahrtet, u. die Gesellschaft begab sich zur rus­sischen Botschaft, wo der Herzog abge­stiegen war. In zwei Autos wurde die Fahrt nach der Reisnerftraße angetreten, aber der Portier der Botschaft schien sich eines gesunden Schlafes zu erfreuen, denn trotzdem der Herzog angeblich zweimal geklingelt hatte, wurde das Tor nicht geöffnet. „Lassen wir den Alten schlafen," meinte der liebenswürdige Herr, „ich werde im Hotel Bristol übernachten." Die Ge­sellschaft gab ihm auch dorthin das Geleit, und zum Abschied lud der Herzog die beiden Lebe­männer für den nächsten Tag zum Lunch in die Botschaft. Doch wer beschreibt das Entsetzen der jungen Leute, als sie am andern Tage er­fuhren, daß der Herzog weder in der russischen Botschaft noch im Hotel Bristol abgestiegen war. Im Hotel wurde den jungen Leuten er­klärt, daß ein Herr, auf den die angegebene Beschreibung patzte, im Hotel gewohnt habe, aber bereits in früher Morgenstunde abgereist sei. Erst jetzt wurde den beiden jungen Leuten klar, daß sie einem gerissenen Gauner und Hoch­stapler in die Hände gefallen waren, der sie nach allen Regeln der Kunst ausgeplnndert hatte.... -as-

Sie Politik der Tages.

Bom Kampfplatz der Arbeit.

(Telegraphische Meldungen.)

Aus London wird uns depeschiert: Rach einem Newyorker Telegramm der „Daily' Mail" wurden gestern zahlreiche nicht syndi- cierte Zugführer.von ausständigen Kameraden tätlich angegriffen. Die von den nicht syndicierten Zugführern geleiteten Züge wur­den durch Streikende schwer beschädigt. Durch die Wiederaufnahme des Streiks der Zugführer der Expreßzüge ist vor allem die so­genannte „Adam-Company" betroffen. Die Verwaltung der Gesellschaft sichert denjenigen Personen eine Prämie von zwanzigtansend Mark zu, die Namen von Angestellten zu nen­nen in der Lage sind, die die Absicht haben, Eisenbahnmaterial zu zerstören, sowie ferner eine Belohnung von viertausend Mark denjeni­gen, die in der Lage sind, streikende Zugführer namhaft zu machen, die auf nicht syndicierte Angestellte tätliche Angriffe zu uuler- nehmen beabsichtigen.

Paris, 13. März. (Telegramm.) In Bayonne kam es gestern nachmittag wieder­holt zu erneuten Zusammenstöße« zwi­schen ausständigen Dockarbeitern und Truppen. Die Verhaftung eines Streikführers und eines aus Bordeaux entsandten Agitators verursachte große Ansammlungen vor dem Polizeisekrcta- riat. Kavallerie trieb die Menge mit blan­ker Waffe auseinander. Die Streikenden wehrten sich mit Knüppeln, bewarfen die Soldaten mit Steinen und feuerten mehrere Revolverschüsse ab, doch wurde nie­mand verletzt.

S3 Das Marine-Revirement. (Privat- Telegramm.) Telegraphisch wird uns aus Berlin gemeldet: Die bereits angekündigte Ernennung des bisher zur Verfügung des Chefs der Marinestation der Ostsee stehenden Vizeadmirals von Heeringen zum Chef des Admiralstabs ist nunmehr vollzogen wor­den und wird amtlich bekannt gegeben. Der bisherige Chef des Admiralstabs der Marine, von F i s ch e I, ist in Genehmigung feines Ab­schiedsgesuches zur Disposition gestellt worden. Er wird in Anerkennung der geleisteten Dienste st la Suite des Seeoffizierkorps in den Listen der Marine weitergeführt werden. Gleichzeitig ist.der Fregattenkapitän Rösing vom Admi­ralstab der Marine zum Abteilungschef im Ad­miralstabe ernannt worden. Dem Kontreadmi- ral Kinderling, Inspekteur der ersten Ma­rine-Inspektion, ist auf sein Gesuch der Ab­schied mit der gesetzlichen Pension bewilligt und Kapitän zur See S t h a m e r, Komman­deur der ersten Matrosendivision, ist mit der Wahrnehmung der Geschäftte der ersten Inspek­tion beauftragt worden.

eü3 Der Kampf um Gießen. (Tele - granim unser es Korrespondenten.) In Gießen fand am gestrigen Sonntag eine Sitzung des Wahlausschusses für die Kandidatur Werner (Wirtschaftliche Vereini­gung) statt, in der zum Ausdruck kam, daß aus dem Lande noch beträchtliche Reserven für die Stichwahl herangeholt werden könnten. Der Wahlausschuß der Nationalliberalen hat mit 13 gegen 5 Stimmen für die Stichwahl zwischen Werner und dem Sozialisten Beck­mann Stimmsreigabe beschlossen. An­geblich ist innerhalb des Vorstandes der natio­nalliberalen Partei eine Krisis ausgebrochen und es ist deshalb mit einer Zersplitte­rung der nütionalliberalen Stimmen zu rech­nen. Wie unser Korrespondent erfährt, ist für die Stichwahl der 21. März (der Dienstag näch­ster Woche) in Aussicht genommen.

S3 Das Kongo-Komplott. (Telegramm unseres Korrespondenten.) Aus Brüssel wird uns depeschiert: Während Privatbriefe und die Aussagen hier eingetroffener Kongo­beamten die Aufdeckung eines gefährlichen Ne­gerkomplotts zur Ermordung aller Weißen in Borna (über das wir bereits telegraphisch be­richtet haben) bestätigen, behauptet die Regie­rung, hierüber bisher keine amtlichen Berichte zu haben. Daß ein Komplott besteht, kann aber nicht bezweifelt werden. Zehn Rebellen- führersollen festgenommen worden sein.

S Muley Hafid, „Sultan von Frank­reichs Gnaden". (Spezial-Telegramm.) Wie uns aus Paris berichtet wird, stimmen alle Gerüchte aus Marokko darin überein, daß die Vorgänge in Marokko lediglich die Folge der Abneigung der marokkanischen Volks st ämme gegen die Bevor­mundung des Sultans durch Frankreich sind. Der Sultan Muley Hafid befindet sich genau in derselben Lage, wie der Exsultan Abdul Asis, und die Volksstämme werfen ihm die Anerkennung der französischen Oberhoheit vor und beabsichtigen, falls Muley Hafid darin fortfährt, einen Gegensultan auf­zustellen.

Politische Ehrontt.

Wie aus Berlin verlautet, bereitet die konservative Fraktion des Abge­

ordnetenhauses' einen Antrag vor, in dem die Staatsregierung ersucht wird, bei der nächstjährigen Steuerrreform die Deklara­tionspflicht auch auf die Vermö­gens st euer auszudehnen..

Aus Solingen meldet uns ein Tele­gramm: Der Jndustriearbeiterverband Solin­gen erklärte wegen Maßregelung eines Arbei­ters für sämtliche Waffenarbeiter der Firma Weyersberg, Kirschbaum u. Co. den Streik.

Wie eilt Telegramm aus zuverlässiger Wiesbadener Quelle berichtet, trifft der K r o n- prinz, entgegen den bisherigen Zeitungs­meldungen, nicht zu den Maifesttagen in Wies­baden ein. Der Kronprinz übernimmt vielmehr schon am 1. Mai das Kommando des Leib- Husaren-Regiments in Langfuhr.

Einer Depesche aus Wien zufolge erläßt die dortige „Arbeiterzeitung" an der Spitze des Blattes einen Aufruf zur Massenbetei­ligung der Arbeiter an einer am 9. April stattfindenden öffentlichen Kund­gebung wegen der Kriegsrüstun­gen und Kriegshetze. Diese Kundgebung soll an diesem Tage in allen Städten und Jn- dustriebezirken Oesterreich-Ungarns und Ita­liens stattsinden.

Wie aus N e w y o r k berichtet wird, ist der amerikanische Staatssekretär des Auswär­tigen Knox mit den großen Truppenbewegun­gen nicht einverstanden, die durch direkte Geheimberichte an das Kriegsministerium ver­anlaßt worden sind.

Der König und die Königin von Belgien trafen gestern in Kairo ein, nah­men mit dem deutschen Kronprinzen - p a a r gemeinsam das Abendessen ein und rei­sten dann nach Assuan.

Reue« bom Tage.

Set „geköpfte" Vesuv.

(Telegraphische Meldung.)

Neapel, 13. März.

Gestern nachmittag erfolgte am Krater des Vesuvs ein großer Einsturz. Das Gestein stürzte in einer Länge von dreihundert Metern achtzig Meter tief ab. Das Ereignis War von einer Erderschütterung be­gleitet. In dem Augenblick des Einsturzes war eine Gesellschaft von zwanzig Fremden mit ihren Führern im Begriff, den Krater zu besteigen, kam jedoch mit dem bloßen Schrecken davon. Es folgten noch einzelne kleine Ge­steinstürze. Eine gewaltige Aschensäule erhebt sich über dem Vulkan. Der Kratereinsturz hat die Spitze des Vesuvs völlig verändert, und der Berg macht den Eindruck, als sei ihm das Haupt abgeschlagen worden.

zz „gustaf nagel" als Bürgenneisterkandi- didat. Aus Bad Kösen wird berichtet: Der bekannte Naturmensch gustaf nagel hat an den Kösener Stadtverordneten Ruttmann einen Brief geschrieben, in dem er sich als Bürger­meister von Kösen anbietet, weil er erfahren habe, daß der jetzige Bürgermeister Kretzschmar Oberbürgermeister geworden fei, und da er außerdem Leutnant der Heilsarmee ist, werde er Wohl nicht viel Zeit für die kommunalen Ge­schäfte übrig haben; nagel verspricht dagegen, das Amt gewissenhaft zu verwalten.

zz Das „Mann Weib". Ein Telegramm meldet uns aus Berlin: Ein vierundzwan­zigjährige Dame in Friedenau erhielt von der Polizei die Erlaubnis, Männerklei­dung tragen zu dürfen. Die Dame gleicht im Aeußern so sehr einem Mann, daß sie wie­derholt in den Verdacht kam, sich verkleidet zu haben.

„ LL Theater im Theater. Wie uns ein Te­legramm aus Wien meldet, kam es gestern im dortigen „Johann Strauß-Theatek" auf offener Szene zu einem skandalösenAus- tritt. Der Tenorist Treumann erhielt von

der Operettensängerin Myra eine Ohrseige, weil er ihr eine Beleidigung zugeflüstert hatte.

zz Ein Drama in der Kaserne. Aus Graz meldet ein Telegramm: In der Land- wehrkascrne ereignete sich gestern ein schwerer Unglücksfall. Der Einjährig-Freiwillige Tara Panowicz lud sein Repetiergewehr mit einer scharfen Patrone und erhob das Gewehr zum Anschlag. In dem Moment, als er losdrückte, betrat sein Freund, der Einjährige Orzan, das Zimmer. Die Kugel drang dem O. in den Kopf und der Getroffene war in wenigen Mi­nuten tot. Panowicz beging in der Verzweif­lung einen Selbstmordversuch, der aber mißglückte.

zz Das Verbrechen im Schnellzug. Aus Paris meldet ein Telegramm: Ein geheim­nisvolles Verbrechen wird aus Nizza gemeldet: Reisende, die gestern nacht einen Wagen dritter Klasse des Nizzaer Schnellzuges bestiegen, sanden vor einem Coupee im Seiten­gange eine mit Blut befleckte junge Frau, die die Besinnung verloren hatte. Sie hatte eine tiefe Wunde am Halse; der Daumen der rech­ten Hand war fast ganz abgetrennt. In dem Coupee, dgs die Frau wahrscheinlich benutzt hat und dessen Wände mit Blut befleckt waren, wurden Visitenkarten mit dem Namen Powi- rell und Papiere gefunden, aus denen hervor­geht, daß die Unglückliche wahrscheinlich eine englische Kammerfrau ist.

zz Ehre... Aus Nancy wird uns be­richtet: Infolge eines Wortwechsels kam es zwischen dem Leutnant S o y e r vom 4. Jäger­regiment z. F. und dem Reserveoffizier Lau­st a l o t zu einem Degenduell, wobei letz­terer einen Stich in die Lunge erhielt, sodaß sein Zustand hoffnungslos ist.

zz Im Kampf mit Sturm und Wellen. Wie aus Rom telegraphiert wird, ist an der Küste von Sizilien ein griechischer Dampfer infolge des Sturms untergegangen. Vier Mann der Besatzung, sowie ein Passagier sind ums Leben gekommen. Der Kapitän und die übrigen Matrosen konnten gerettet werden.

zz Das „Bombardement" auf ein Kran­kenhaus. Aus San Remo meldet ein Te­legramm: Am Sonnabend versuchten fünf Männer, die vom Portier des deutschen Kaiser Friedr ich- Krankenhauses (als sie ein Almosen in deutscher Sprache ver­langten) abgewiesen worden waren, in das Krankenhaus gewaltsam einzudringen. Sie eröffneten ein Steinbombardement gegen die Fensterscheiben. Mehrere Kranke wurden von den Steinen verletzt. Die Täter wurden ver­haftet, sie gaben an, aus Danzig, Berlin, Stet­tin und Lichterfelde zu stammen.

zz „Russisches" aus der Türkei. Eine be­hördliche Untersuchung hat (wie aus Kon­stantinopel telegraphiert wird) ergeben, daß in der Militärstoff- und Fezfabrik zu Fezhane, zum Nachteil des Staates, eine Un­terschlagung von 2 300 000 Fran­ken vorgekommen ist. Die Unterschleife datie­ren noch aus dem alten Regime. Das Kriegs- gericht hat den ehemaligen Kriegsminister Niz­za Pascha zur Erstattung der venintreuten Summe verurteilt. Die von der Fabrik gelie­ferten Waren wurden seinerzeit von dem Mi­nister in seinem eigenen Haushalt verwendet.

zz Feuer an Bord. Ein Spezialtelegramm berichtet uns aus London: An Bord des Torpedobootszerstörers „Goldwish", der im Hafen von Devonport vor Anker lag, ist in der vergangenen Nacht infolge Ueberheizung eines Radiators Feuer ausgebrochen, das sich schnell über das ganze Schiff ausdehnte und eine große Menge Apparate, namentlich dieje­nigen für drahtlose Telegraphie, zer­störte. Der „Goldwifh" war er vor vierzehn Tagen in Dienst gestellt worden.

zz Der Todeszua der Pest. Depeschen aus Bombay zufolge breitet sich die Pest in In­dien immer weiter aus. In der Woche vom 25. Februar bis 4. März betrug die Zahl der Todesfälle an der Seuche 28113, was eine

Karl Gutzkow.

Ein Schattenriß im Rahmen der Zeit.

O, du gute, alte Zeit der blauröckigen Bie­dermaier! O fanfte§ Wehen milder vormärz­licher Winde! Wohin bist du entschwunden, auf immer verfchwunden. unwiederbringlich verloren? Du letztes Eckchen der Weltge- fchichte vor der großen, neuen Zeit, dem neuen Jahrhundert der Mafchine, die du ein­gebettet liegst im Schatten der großen napoleo­nischen Kriege, deren Kanonendonner noch aus der Ferne in die Erinnerung tönte. Wie un­endlich friedlich und sicher fühlten sich die Alten in dir, und wie willig ließen sie sich von den hohen Behörden in den dickfelligen Schlaftock braver Untertanen hüllen, durch den kein Strahl fiel von der neuen Zeit, die glutrot und strah­lend im Osten aufging. Ja, wenn wir damals keine Jugend gehabt hätten: Der deutsche Mi chel wäre unfehlbar auf dem Kutscherbock des Schwagers Kronos eingeschlafen und hinüber­geschlummert in das neue Land, das wie ein golden Paradies vor den Augen der sehnsüch­tigen Jungen lag.

Da sprang ein junger Student, der gerade vor hundert Jahren, am 17. März 1811 deS Licht der Welt erblickte, mit rotem Rock wie ein Zirkusreiter in die Arena und fuhr mit der Peitsche durch die Luft, daß jäh die Schläfer aufschreckten. Und als sie alle begierig warte­ten, was für ein Hauptspaß das wohl werden würde, fuhren ihnen die Schläge der heißen zornigen Worte derb ins Gesicht und rasch schloffen sie die Fenster und riefen nach der Polizei, den verrückten Clown ins Tollhaus zu bringen. Du lieber Gott, was folltcu ihnen auch die wahnsinnigen Reden von der Freiheit de? Volks, der Liebe und des Worts, von Ei­genregierung und Ausgleich der Stände, von der Torheit des Göttesglaubens, vorn Miß­brauch der Fürstengewalt und von der Aus­rottung der Kirche — nein, das war zu arg. Freilich, man räfonnierte selbst ganz gern manchmal über Kaiser und Pfaffen, aber derart

sich vergreifen an den höchsten Gütern der Nation....

DaS war die Tat Karl Gutzkows und die Resonanz, die er fand, — bei den Alten. Von Berlin, wo er als Sohn des königlich preu­ßischen Bereiters seine Gymnasial- und ersten Studienjahre verbracht hatte, zog ihn die Strö­mung des jungen Deutschland nach Süddeutsch­land, nach Stuttgart, wo Wolfgang Menzel als Redakteur beS berühmten Cotta'schen Morgen­blattes die kritische und poetische Diktatur hielt. Aber Gutzkow war ein radikaler Um­stürzler in diesen Jahren und erkannte bald die Kluft, die ihn von den Helden trennte, die nur den Fortschritt wollten, der sich mit allen Fä­den an das Vergangene anschließe, die ängstlich um ihr Brot und ihre gesellschaftliche Reprä­sentation bangten, und deren Programm nur eine Folge vorsichtiger Konzessionen war. Ener­gisch zerschnitt Gutzkow das Tischtuch mit den Romantikern und ihren Epigonen; gegen die schwäbischen Apfelbaumlyriker zog er mit be­sonderem Haß zu Felde. Darauf kam es mit dem mächtigen Menzel zum Bruch, die Sezeffion des Jüngsten vom jungen Deutschland vollzog sich und um den abgefallenen Jünger des Li­teraturpapstes scharten sich die entschloffendsten Kämpfer, gewillt kein Pardon, kein Kompro­miß zu geben.

Aber sie hatten mehr Gesinnung als Ta­lent und ihr Führer stand allein, nur moralisch von ihnen gestützt. Zum öffentlichen Ausbruch kam der innere Zwist mit dem yrogrammati scheu Romanbekenntnis Gutzkows: Wally, die Zweiflerin. Da sauste die Peitsche des cynisch- pathetischen Umwerters aller Werte durch die schwüle Atmosphäre einer vermoderten, bürget« lick>en Luft. Zweifel und Verneinung aller heuchlerischen Götzen des Tages und aus jedem Blatt die Parole: Wo ist Euer Ringen und daS Neue? Das Buch war der Zauberstab, ge­taucht in baS Chaos nährender Fluten. ES schieden sich Feuer und Wasser. Die Auchrevo- lutionäre sahen ihre Hoffnung, die sie in das neue Literaturministerium gesetzt hatten, ge­täuscht, fühlten mit unfehlbarem Instinkt, hier

gäbe es blutige Ehren eher wie Brot und kro­chen zurück. Menzel denunzierte als vorderster Flüchtling und Gutzkow wanderte wegen jener verühmten naiven LiebeSszene seines Romans drei Monate nach Mannheim ins Gefängnis.

In der Einsamkeit der Zelle reifte in ihm der Bezwinger seiner Zeit. Et wurde der erste deutsche Publizist, der ohne alles künst­lerische Streben das Wort bewußt zur Waffe schlug und die Muse zwang, Kriegsdienste zu nehmen, im Streite mit dem Tag. Börne und Heine waren nur Vorgänger einer Entwick­lung, für sie waren die Geschehnisse noch ein Stoff, dem die Form werden mußte. Gutzkow aber nahm die Form als Rüstung und wapp­nete mit ihr seine Ideen. Und ihn hat auch die Tragik, die in der Vergänglichkeit der Stunde liegt, mit ganzer Wucht getroffen. Als ein fahrender Journalist zog er unstet durch alle Gauen des uneinigen Deutschlands und üherall sprach er von des Vaterlands Knech­tung durch seine eigenen Herrscher und durch erstarrte Konvention, durch lähmende Traditon und verkündete baS kommenbe Erwachen. Sein Leben unb sein Werk ist aus einem Guß. Er sprach auf bem Schloßplatze in Berlin vor ber aufrührerischen, tobenden Menge nicht anders als in Schäferstunden zu seiner Braut.

In Frankfurt unb Hamburg, wo er den „Te­legraphen für Deutschland" herausgab, in Dresden als Dramaturg deS HoftheaterS und Redakteur der „Unterhaltungen am häuslichen Herd", in Weimar an der deutschen Schiller­stiftung — überall baute er feine eigene Welt, der er sich und fein Leben geweiht hatte. Seine überreiche Produktion stürzt in dieser Blüte sei­ner Mannesjahre wie ein vernichtender Sturm- regen auf das reaktionäre Land. Essays — Ceffentliehe Charaktere genannt — ein Goethe- buch, eines über Börne, das über Heine spricht, kecke Flugschriften: Die rote Mütze und Ka- pn-- Götter. Helden und Don Quirote, wech­seln mit dramatischen Dichtungen, deren größte das Toleranzdrama „Uriel Acosta", die Ra- thantragödie, ist. Aber — ob Essay, ob Kampf­broschüre oder Drama — eS wird ihm jede

Aeußerung zum Vorwand, Form und beson­derer Stoff nur zum Anlaß, die Grenzen zu zerreißen unb bie Perspektiven zu weiten bis zu den letzten Weisheiten, bis zu dem Gedan­ken der äußersten Freiheit.

Doch langsam erlischt bie lohe Flamme sei­nes heÜigen Feuers, an dem Erzberg der Ge­wohnheit brannte sie sich stumpf. Gutzkow wird müde und in feiner Seele keimen behagliche Regungen, verföhnliche Beschaulichkeit — das Erbteil vormärzlicher Jugendjahre. — Ein rei­cher Dramensegen ergießt sich über bie deutsche Bühne. Und leise nur und unverkennbar klin­gen die Kampftöne früherer Jahre nach. Im „Zopf und Schwert" — das durch Jahrzehnte sich auf den Brettern gehalten, wenn es auch in unrühmlicher Nachbarfchast neben Birch- pfeifferS und andrer Macher stand — im „Kö- nigsleutnani" — dem Geburtstagsstrauß zu Goethes hundertster Feier — und, um die Reihe der Meisterwerke zu schließen, im „Ur­bild des Tartüsi" werden freilich auch Königs­laster und Ministerböfewichter mit ftrafenbem Wort gezüchtigt, aber bas waren nur zahme Moralbekenntnisse eineS zahmen Bourgeois unb nichts fdlieb mehr feine Bühnenwelt von der Jfflanb'fchen. Am mildesten flutete sein Tendenzdrang in der zwanzigbändigen Fülle zweier Altersromane auS: „Der Zauberer von Rom" und „Der Ritter vom Geist". Sie wa­ren beim Erfcheinen veraltet. Man stand mit­ten drin in den Gärungszeiten und hatte kein Verftänbnis mehr für einen müden Streiter, den die Zeit aufS Altenteil gesetzt und der feine Freude hatte an nimmerenbenbem Fabulieren. Immer mehr berbüftert sich das Gemüt des alternden Dichters. Die steten Schwierigkeiten seiner äußeren Verhältnisse zermürbten ihn. Er machte einen Selbstmordversuch und mußte in eine Heilanstalt. Rach seiner Entlassung ge­wann er nie mehr die frühere Spannkraft. Der Tod im Winter 1878 wurde ihm zum Erlöser. Sein Werk ist vergeffen, seiner Taten aber bewahren wir baS Gedenken! E. Glock.