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Nummer 85

1. Jahrgang

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Dienstag, den 14. März 1911

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Persönlichkeiten.

Im Zeitalter der Verflachung."

Als Friedrich Naumann, dem ein Jahr­zehnt hindurch die Massen zugejubelt hatten, nach langen Kämpfen in den Reichstag einzog, erhofften die Naiven unter den Zeitgenossen den Beginn einer neuen Aera palamen- tarischen Aufstiegs, die endliche Be­fruchtung des dezennienlang ausgedorrten Ackers politischer Betätigung und einen Hoch­schwung parlamentarischer Kultur zu nie er­strebten Höhen. Der Traum hat sich indessen nicht erfüllt: Das Morgenrot ist ausgeblieben und im Getriebe parlamentarischer Arbeit ist derweil nichts geschehen, das mit Recht als sonderlich erfreulich und daß Maß normaler Wirkungsmöglichkeit erheblich übersteigend als Beweis für die erhoffte Entwicklung in An­spruch genommen werden könnte. Es scheint sogar, daß in der Werkstatt unsres parlamenta­rischen Lebens eine gewisse Stagnation einge­treten ist, seit die Reihen der Großen, der Füh­renden und der Kämpfenden sich gelichtet haben und das Heer der Epigonen sich vergeblich müht, in der Rüstung der Titanen sich empor­zurecken. Naumanns Schicksal (man kann hier wirklich von einem .Schicksal" sprechens darf in gewisser Hinsicht als Bestätigung dieser Be­fürchtung gelten, denn Naumann stand als freier Tribun der Volkheit zweifellos viel nä­her als heut, wo er durch die Barre detAartei- Disziplin von den Massen getrennt ist, ohne daß indessen seine Einspannung in den Betrieb parlamentarischer Werkeltagsarbeit ferne Nütz-- lichkeit fürs Volksganze sichtlich erhöht hätte.

Persönlichkeiten sind überhaupt eine rare Ware geworden, und dort, wo sie auftauchen, stürzt sich das Nudel der Durchschnittler auf den drohenden Konkurrenten, kläfft die Meute des Alltagkampss. giftig am Weg und dräut der leitenden Greise" kurulischer Zorn dem Küh­nen beim ersten Schritt zur Höhe. Der Durch­schnitt beherrscht die Stunde und die Verfla­chung regiert die Geister, und wenn irgend, so sind die Früchte dieser Generation in unserm politischen Leben zu erkennen, das an dem Mangel wirklicher und in sich selbst ge­schlossener Persönlichkeiten offensichtlich krankt. Es ist sogar vor nicht langer Zeit einmal von kompetenter Seite das Wort von derFlucht vor der Politik" gefallen, und mancherlei Tat­sachen deuten darauf hin, daß dieser Ausspruch seine innere Berechtigung hat. Bei der Kandi­datenschau für den neuen Reichstag schon hat man's gemerkt: Ausgeprägte Persönlich­keiten sind für die Lederpfühle im Wallothaus nur in sehr beschränkter Zahl zu werben gewe­sen, trotzdem insgesamt an rund tausend Aus- erwählle die Aufforderung ergangen ist, sich um einen Platz im Kreise der Auguren zu be­werben. DieFreude an der Politik" ist im Schwinden begriffen, denn der politische Kampf hat in unfern Tagen Formen angenommen, die die ethische Grundlage und die ästhetische Linie manchmal nur noch undeutlich erkennbar wer­den lasse, und es ist nicht sonderlich verlockend, in Niederungen hinabzusteigen, aus denen die Schwaden der Leidenschaften aufdampfen.

Daß unser politisches Leben des Bestands ausgeprägter Persönlichkeiten ermangelt, liegt indessen sicherlich weniger an der Seltenheit der Exemplare, als an der Tatsache, daß die Per­sönlichkeiten beim Eintritt ins politische Leben unterm Bann der Parieidisziplin sich zur Opfe­rung ihrer Individualität gezwungen sehen oder aber (um sich nicht selbst aufgeben zu müssen) von vornherein, abgestoßen von dem parteipolitischen Getrieb, es ablehnen, ihr Wis­sen und Können, ihre Kraft und ihre Vater­landsliebe in den Dienst des Parlamentaris­mus zu stellen. Das ist sehr bedauerlich und wird es solange bleiben, als die bürgerlichen Parteien (trotz der immer mehr wachsenden Zahl der sozialdemokratischen Stimmen) ohne Rücksicht auf die lokalen Verhältnisse in den einzelnen Kreisen bei der Auswahl der Kandi­daten lediglich ihr Parteipro­gramm maßgebend sein lassen, trotzdem der parteipolitische Stand­punkt nur in d e n Wahlkreisen den Aus^lag geben kann, wo gegenüber den andern bürger­lichen Parteien die Wählerstimmen bei weitem überwiegen. In allen übrigen Wahlkreisen ist nii*t so sehr die Parteidoktrin zu betonen, als vielmehr darauf zu achten, daß eine Persön­lichkeit aufgestellt wird, deren übrige Eigen­schaften die entgegengesetzten parteipolitischen Anschauungen gern vergessen lassen: Ein Mann, von dem jeder bürgerliche Wähler sich sagen darf, daß seine Wirksamkeit im Rat der Er- wäbltrn wichtig und wünschenswert sein würde: «in Mann, dessen Kenntnisse bei den

Beratungen dem Vaterland nutzbringend sein müssen; ein Mann endlich, dessen ideale Ver­anlagung die Gewähr bietet, daß er bei Ab­gabe seiner Stimme im Parlament es auch ein­mal über sich gewinnt, gegen seinen persön­lichen oder parteipolitischen Vorteil Beschlüsse herbeizuführen, deren Zustandekommen im Hinblick auf das große allgemeine Wohl und auf ihre politische Gesamtwirkung nötig ist. Das wäre das erstrebenswerte Ziel verständi­ger Politik und klug erwogner Taktik!

Es darf auch gesagt werden, daß der par­teipolitische Zwang an sich noch keinen Fort­schritt und keine Entwicklungskraft in parla­mentarischen Leben darstellt, daß er vielmehr in manchen Fällen ertötend wirkt und den Auf­stieg hemmt. Eben darum würbe es auch zu bedauern sein, wenn der werdende Reichstag ausschließlich unter den Einwir- wirkungen parteipolitischer Rücksichten entste­hen und das Spiel der Kräfte dadurch eine unerwünschte Korrektur erfahren würde. Die Richtlinien eines parteipolitischen Programms sollen wohl der Arbeit gemeinsamer Inter­essen die Bahn weisen, aber sie dürfen, wenn sie nützlich bleiben sollen, nicht gleichzeitig auch die Grenzen politischen Strebens darstellen, über die hinaus die vorwärtsdrängende Kraft und der politische Idealismus sich nicht vor­wagen dürfen. Für Männer mit weitem Blick und kühnem Plan ist dieser Zwang eine läh­mende Fessel und sicher nicht geeignet, dem po­litischen Leben Kräfte zuzuführen, die über's Durchschnittsmaß hinausreichen und deren Jdeenkreis am niebern Gebälk der Partei-In­teressen hart anstößt. Sollte es nicht möglich sein, unser parteipolitisches Leben mehr zu in­dividualisieren und den Rahmen per­sönlicher Betätigung für auftretende Kräfte so zu erweitern, daß auch der Nicht- Nur- Programm-Politiker der politischen Mitarbeii im Kreise ernst strebender Männer Geschmack abzugewinnen und seine Kraft gern und freu­dig dem Dienst der Volksgesamtheit zu wid­men vermag? Unser Parlamentarismus könnte dadurch sicher nur gewinnen, und man würde dann auch eines Tags wieder überragen­den Köpfen im öffentlichen Leben begegnen; Persönlichkeiten, an deren Höhe der Durchschnitt sich emporanken könnte. F. H.

Die Tat einer Mutter.

Aus Verzweiflung oder im Wahnsinn? (Telegraphische Meldungen.)

Berlin, 13. März. (Privattele- g r a m m.) Gestern mittag zeigte die ein» unddreitzigjährige KutscherSfrau M a - t i l d e R u » g e der Polizei an, daß sie am Abend ihre drei Kinder, eine Tochter von sechs, und zwei Söhne von fünf und vier Jahren, mit Cyankali vergif­tet habe. Sie habe die Tat aus Ver­zweiflung über die Mißhandlungen ihres geisteskranken Mannes begangen. Die Kinder wurden in der Wohnung in der Waldemarstraße tot aufgefunden. Die Leichen wurden dem Schauhause zugeführt. Ein Telegramm unseres Kor­respondenten berichtet uns über die furcht­bare Tat noch folgende Einzelheiten: Eine Familientragödie, wie sie in ihrer Art nicht schrecklicher gedacht werden kann, hat sich in der Nacht zum Sonntag im Südosten Berlins, im Haufe Waldemarstraße 67 abgespielt. Dort vergiftete die Kutschersfrau Mathilde Runge ihre drei Kinder im Alter von sechs, fünf und vier Jahren mit Cyankali. Während die beiden jüngsten, zwei Knaben, den mit der Gift- losung gemischten Kaffee tranken und bald da­rauf starben, brachte die Mutter ihrem dritten Kinde, einem sechsjährigen Mädchen, den tod­bringenden Trank gewaltsam bei. Don ihrem ursprünglichen EMschlutz, ihren Kin­dern in den Tod zu folgen, nahm die Frau nach vollbrachter Tat Abstand und stellte sich dann selbst der Polizei. Als Motiv zu dem furchtbaren, dreifachen Morde nannte Frau Runge bei ihrer Vernehmung ihrunglückli - ches Familienleben und Furcht vor Ge­walttätigkeiten ihres Mannes. Man nimmt je­doch an, daß die Frau in einem Anfall gei­stiger Umnachtung gehandelt hat. Das Ehepaar Runge ist seit acht Jahren verheiratet und lebte anfangs in glücklicher Ehe, bis vor einem Jahre der Mann infolge eines Sturzes geistig erkrankte. Auch nach seiner Wiederher­stellung zeigten sich bei ihm noch oft Spuren gei­stiger Störung und in diesem Zustand mißhan­delte er dann Frau und Kinder in unmensch­licher Weise. In der letzten Zeit traten diese Anfälle besonders häufig auf und die arme Frau mußte manchmal nachts aus dem Hause fliehen, um sich vor dem Rasenden zu retten. Die Polizei nimmt an, daß Frau Runge unter

der Einwirkung der fortwährenden Auftegun- gen selb st geisteskrank geworden ist und in einem Anfall von Wahnsinn auch die furchtbare Tat begangen hat. Die unglückliche Frau wurde in Hast genommen und bet Cha- ritee zugesührt.

Das Schicksal einer Frau.

Amtsgerichtsrätin Burchardi vor Gericht.

(Von unserm Korresponbenten.)

Jena, 13. März.

Der Aussehen ctregenbe Entmündigungs- Prozeß gegen die Frau Amtsgerichtsrat Burchardi in Suhl i. Th., der bereits int April vorigen Jahres das Landgericht Meinin­gen mehrere Tage lang beschäftigt hat, gelangt heute vor dem hiesigen Oberlanbesge- richt, als britter Instanz, zur Verhandlung. Aus ber Vorgeschichte ber seinerzeit vielbespro­chenen Affäre ist bekannt, baß Frau Burchardi nach zwölfjähriger glücklicher Ehe, aus der zwei Kinder stammen, auf Betreiben ihres Mannes entmündigt und ihr die Sorge für die Kinder entzogen worden ist. Die Ent­mündigung wurde vom Amtsgericht Suhl aus­gesprochen, an dem ihr Gatte beschäftigt ist, und gleichzeitig wurde von diesem das E h e « scheid ungsverfahren eingeleitet, mit dem er jedoch in zwei Instanzen abgewiesen wurde. Seine Frau hat ihn am 1. Juni 1906 verlassen und seitdem in Halle und Leipzig medizinische und philosophische Studien getrie­ben, auch schöngeistige Vorträge gehalten, um zu beweisen, daß sie geschäftsfähig und zu Un­recht entv'ündigt worden fei.

Von dem leitenden Arzt des Suhler Krankenhauses Sanitätsrat Dr. Wehner ist Frau Burchardi auch bestätigt worden, daß sie int Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sei, währens ihr Gatte an Wahnvorstellungen leide. Andererseits haben die Psychiater der Universität Jena, an erster Stelle Geheimrat Binswanger, die sachverständigen Gutachten abgegeben, auf Grund deren die Entmündi­gung ausgesprochen worden ist. Gegen den Entmündigungsbeschluß des Suhler Amts­gerichts legte nun Frau Amtsgerichtsrat Burchardi Berufung beim Landgericht Mei­ningen cm.

In bett Prozeßverhanblungen wurde fest­gestellt, baß Burcharbi unb seine Frau vor nunmehr dreizehn Jahren eine Liebeshei­rat entgingen, daß aber die Mutter des Amts­gerichtsrats der Ehe von Anfang an einen er­heblichen Widerstand entgegensetzte, weil Fran Burchardi als die verwöhnte Tochter eines rei­chen Chemnitzer Großkausmanns, der später in Vermögensverfall und Geisteskrankheit geraten war, durch ihr Verhalten nicht die Garantien für eine glückliche Zukunft ihres Sohnes zu verbürgen schien. Amtsgerichtsrat Burchardi, der zunächst in Glückstadt in Holstein beschäftigt war, siedelte dann nach Halle an der Saale über, wo ferne Frau bald der Mittelpunkt einer literarischen und künstleri­schen Gesellschast wurde. Sie selber glaubte und wurde darin gewissermaßen von ihrem Gatten unterstützt, daß sie bas Zeug zu einer großen Künstlerin in sich habe, weshalb sie energisch an ihre weitere AuSbil- buttg ging. Ihre Stubien verschlangen jeboch viel Geld, und es kam zu Differenzen mit ihrem Manne, dem gegenüber sie den Stand­punkt vertreten haben will, daß sie nur eines sein könne: Entweder ganz Hausfrau und Mutter, oder ganz n st l e r i n.

Ihr Mann habe sich für das Letztere ent­schieden unb zur Pflege ber Kinber unb Besor­gung bes Haushalts verschiedene Hausdanten herangezogen, denen es mit der Zeit gelungen sei, die Kinder der Mutter abspenstig zu ma­chen, während sie andererseits durch die fort­währenden Aufregungen körperlich so mitgenomemn wurde, daß ihr Mann sie zu­nächst einem Sanatorium in Suderode am Harz und später der psychiatrischen Abteilung ber Hallenser Klinik überweisen mußte. Frau Bur­chardi will jedoch nur körperlich herunter« gewesen sein, und hat daher ihre Einsperrung in die Hallenser Anstalt als eine Art Verge­waltigung empfunden,zu der nicht der geringste Orund vorlag.

I» der Hallenser Anstalt will Fran Burchardi von den Wärtern unb Wärterinnen in bru­taler Weise vergewaltigt unb sogar in die Isolierzelle gesperrt worben sein. Anderer­seits hat sie hier eine Reihe von Hanblungen verübt, bie ihr nachher (nach ihrer eigenen Erklärung) nicht recht verftänblich erschienen finb. Vor allem hat sie sich in erotischer Weise schriftstellerisch betätigt, eine Tatsache, bie sie mit ber Erklärung abzutun versuchte, baß auch bei fortschriftlichen Frauen von dem Gebanken bis zur Ausführung noch ein wei­ter Schritt sei. unb baß bas Leben unb Trei­ben in ber Anstalt sie gewissermaßen bazu herausgeforbert habe.

Nachdem sich ihr Zustand gebessert hatte, wurde sie aus ber Anstalt entlassen, unb sie be­gab sich nach Berlin, um ihre Stubien fortzu­setzen. In Berlin hatte sie infolge ihrer Welt­unerfahrenheit verschiedene Erlebnisse, die

ihren Mann veranlaßten, sie wieder in fein Haus aufzunehmen. Aber schon am Tage nach ihrer Rückkehr nach Suhl kam es zwischen den Eheleuten zu einer erregten Szene: Amtsge­richtsrat Burcharbi glaubte, (offenbar infolge eines Mißverständnisses), daß seine Frau bie Kinber entführen wolle, stellte sie auf bem Bahnhofe unb ließ sie in bas Krankenhaus überführen. Dessen leitenber Arzt lehnte zwar bie bauernbe Internierung ber Frau ab, da sie durchaus gesund sei, ihr Mann setzte jedoch ihre Ueberführung in bie psychiatrische Abteilung ber Universität Jena durch, wo Geheimrat Binswanger und seine Assistenten sie sür r e i f zur Entmündigung bezeichneten. Die Folge war ber eingangs erwähnte Beschluß bes Suhler Amtsgerichts. Das Meininger Lanbgericht bestätigte biefen Beschluß unb wies bie Klage ber Frau Burcharbi auf Aushebung ber Entmündigung kostenpflichtig ab. Schon nach der Verkündigung dieses Urteils hatte Frau Burcharbi zum Ausbruck gebracht, baß sie sich mit biesem Beschluß nicht einberftanben erkläre; sie hat bettn auch sofort Berufung ein­gelegt, bie nunmehr heute vor bem hiesigen Oberlanbesgericht verhandelt wird -er-

Bayerns Fubeltag.

Der neunzigste Gcbutstag des Regenten. (Telegraphische Meldungen.) Der gestrige Geburtstag des Prinzregen­ten Luitpold von Bayern ist in ganz Bayern wie ein nationaler Festtag gefeiert wor­den, und München glich am gestrigen Sonntag einer einzigen Blumen-, Girlanden- und Flag- genftabt. Die Anteilnahme ber Bevölkerung an ber Feier gestaltete sich zu Ovationen für ben Prinzregenten, wie man sie selten gese­hen hat, unb selbst in ben entlegensten Gebirgs­dörfern fanben große Mafsenfeiern statt, an benen sich alt unb jung beteiligte. Ein Tele­gramm melbet uns:

München, 13. März.

Der Prinz-Regent hat anläßlich seines neunzigsten Geburtsfestes insgesamt über sechstausenb Orben unb Titelaus­zeichnungen verliehen. Der Prinzregent hat ferner bestimmt, baß bas Ergebnis der Lau­be ss ammlung, bie zu seinem neunzigsten Geburtsfest veranstaltet worben ist, in folgen­der Weise verwendet werden soll: 500 000 Mark zur Errichtung einer Lanbesheil- ftätte für tuberkulöse Kinder, 500 000 Mark als Luitpold-Jubiläumsspende sür Ju­gendfürsorge zur Unterstützung ber Bestrebungen auf bem Gebiet ber Jugend­fürsorge, und 300 000 Mark zur Unterstützung hilssbedürftiger Kriegsteilnehmer ans dem Kriege 187071, sowie aus den Feld­zügen und Kämpsen der früheren und späte­ren Jahre. Den Restbetrag behält sich der Regent zur Verfügung vor zu w o h 11 ä t i - gen und gemeinnützigen Zwecken, die dem ganzen Land zugute kommen.

In sämtlichen Volls unb Mittelschulen ist am Sonnabend ber Unterricht ausgefallen unb an 75 000 Schulkinder ist eine Festschrift über das Leben und Wirken des Prinz-Regen­ten berteilt worden. Mittags fand in der Uni­versität ein. Festakt statt, bei bem bie Enthül­lung der lebensgroßen Marmorfiguren König Ludwig des Ersten und des Prinz-Regenten erfolgte. Im Nordpark, der heute ben Namen Luitpolbpark erhält, pflanzte mittags der zehnjährige Prinz Luitpold eine Jubiläums- linde.

Wiener Sensationen.

Ein Gastspiel desHerzogs von Leuchtenberg^.

In jener Wiener Welt, in der sich man nie langweilt, in ben Kreisen der Lebewelt, be­lacht man gegenwärtig das Gaunerstück- chen eines Hochstaplers, dessen Opfer indessen zwei junge Millioncirssöhne waren, die ben Verlust leicht ertragen können. Den Schauplatz bilbet eines ber vornehmsten Nacht­lokale Wiens. Das Etablissement war voll besetzt. Elegant getleibete Herren unb Damen folgten ben exotischen Tänzen, bie bei schmet­ternder Musik von schönen Künstlerinnen aus­geführt wurden, und ber Champagner floß in Strömen.

Da näherte sich ber Oberkellner einer Logs, in der zwei bekannte Lebejünglinge faßen unb erklärte ihnen, er sei in tödlicher Verlegenheit. Eben habe ber Herzog von Leuchten­berg das Etablissement betreten unb wünsche eine Loge. Seinem Wunsche könne aber nicht entsprochen werben, ba alle Logen besetzt seien. Die junger. Herren würben bie Leitung des Etablissements zu großem Dank verpflichten, wenn sie ihre Loge dem Herzog überlassen würden ober wenigstens gestatten wollten, baß ber hohe Herr bei ihnen Platz nehme. Die beibett Millionärssöhne luben den Herzog von Leuchtenberg in ihre Loge ein. Bald darauf erschien ein elegant gekleideter Herr und nahm die Vortzelluna der beiden Lebemänner entac«