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! Jahrgang«

Nummer 79.

, hessische pbtnöjtitnng

Csflrler Menvzeitung

Fernsprecher 951 tmb 952,

Dienstag, den 7. März 1911

Fernsprecher 951 und 952.

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sidcnten herumzustöbern

Jas Programm des Friedens.

(Telegraphische Meldung.)

Paris, 6. März.

SnfertionSptetfe Di« sechSgespaUene Sette für einheimische Geschäft« IS Pf. für auswärtige Inserate 25 M SieNamezeile für einheimische De- schäfte 40 Pf, für auswärtige 00 Pf. Geschäftsstelle! SSInische Straße 5. Berliner Vertretung: 6W, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV, 676.

Di« »Casseler Neueste Nachrichten* erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar abend«. Der AbonnementSprei« beträgt monatlich 50 Pfg. bei freier Zu. stelümg ins Haus. Druckerei, «erlag ». RNwltion: SchlachthoMraße 28/30. Berüner Vertretung; SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV. 676.

Giolitti kommender Man»?

(Eigene Drahtmeldung.)

ften und Kritikers Kerr, daßein Jagow" (!) als Student einen ihn vernehmenden Amtsrich­ter ins Gesicht geschlagen und dafür vier­zehn Tage Gefängnis zudiktiert erhalten habe, die ihm indessen in Gnaden erlassen worden seien. Aus dem Berliner Polizeipräsidium wird aus das Bestimmteste erklärt, daß der jet­zige Polizeipräsident zu der Affäre (wenn sie überhaupt wahr fei) in gar keiner Bezie­hung stehe und niemals ein derartiges Ren« kontre gehabt habe.

Alles in Allem: Unerfreuliche Geschichten! Daß der von der Pan-Armee bedräute Poli­zeipräsident (wie hellhörige Reporter dieser Tage schon zu erzählen wußten) anläßlich der Brief-Affäre" seinen Abschied erbeten habe, ist inzwischen bereits dementiert worden, und es liegt auch zweifellos kein Anlaß vor, denr Mann das private Briefchen an eine hübsche Frau als Stein des Anstoßes in den Weg zu werfen; eine Auffaffung, die offenbar auch an maßgebender Stelle vorherrscht. Zugegeben: AuchCato-Jagow" mag kein Heiliger sein, und dasBrieschen des Geschicks" mag wirklich mit dem Zensorenamt, von dem darin die Rede ist. nicht viel zu tun haben: Jedenfalls ist aber auch dann noch der Tintenkrieg der Pan-Clipue gegen den Verhaßten rin wenig erfreulicher und zum mindesten kein Hel­denstück. Wer bett Sumpf der Berliner Lite­ralenclique kennt, wundert sich im übrigen nicht darüber: Alles, was nicht zur Clique gehört, Wird unbarmherzig im Tintenmeer ertränkt, und wenn's jemand wagt, den Leuten vom Cafe Größenwahn" den Ruhm der Unsterbli­chen streitig zu machen, durchbohren ihn tau­send Gänsekiele. Herr von Jagow hat eben Pech: Er hat nicht nur ins Wespennest des Pan" hinemgestochen; er hat auchGeschriehK- nes von sich gegeben", und das sollte ein Mann, der als Zionswächter tätig ist, füglich nicht tun. DasPan"-Geschnatter aber Mngt im Chorus des Entenpfuhl-Konzerts wirklich nicht lieblich, und wäre jammerschade, wenn es des bösen Zufalls Laune fügen würde, daß Ja­gow am Ende dennoch im Meer der Gallen- tinte enden müßte,denn dieöfsentlicheMeinung" hat doch Wohl Ernsteres und Würdigeres zu tun, als in den Papierkörben von Polizeiprä-

Jn der Erklärung, die das Ministerium Monis heute vor der Kammer abgeben wird, sagt Monis über das Staatsbahnnetz: Die Mehrzahl der aus Anlaß des letzten Ausstan­des entlassenen Angestellten sind wieder einge­stellt worden mit Ausnahme derjenigen Be­amten. die wegen Sabotage verfolgt wer­den, und ferner mit Ausnahme jener, die in ihrer anarchistischen Haltung verharren. Die Regierung wird die Eisenbahngesellschaften er­suchen, dem vom Staat gegebenen Beispiele zu folgen. Die Erklärung wird Wetter die An­wendung des Laiengesetzes behandeln. Was die äußere Polittk betrifft, so betont die Er­klärung den Willen der Regierung, eine fried­liche Politik zu verfolgen, gestützt einerseits auf die Bündniffe und Allianzen, andrerseits auf die durch die Armee geleistete Sicherheit.

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Brirmd fährt zum Mittelmeer!

(Eigene Drahtmeldung.)

Aus Paris wird uns depeschiert: Wie derMatin" aus Marseille meldet, ist der Schifsseigentümer Gilda aus Cette durch ein Telegramm aufgefordert worden, eine seiner Jachten zu einer längeren Kreuzfahrt im Mittelmeer bereit zu halten. An Bord dieser Jacht gedenkt sich der frühere Ministerpräsident B r i a n d einzuschiffen. Die Jacht wird dieser Tage nach Marseille abgehen und dort Briand an Bord nehmen.

in stark angeheitertem Zustaiw ein Weinlokal und gerieten auf der Straste mit einigen Un­teroffizieren in Wortwechsel, der schließlich durch Schutzleute geschlichtet wurde. Von aufreizenden Rufen aus der Volksmenge" ist indessen weder den Schutzleuten noch den Umstehenden etwas bekannt geworden. Die beiden jungen Leute mutzten auf der Polizei­wache ihre Personalien angeben und werden jedenfalls wegen Ruhestörung ein Strafmandat erhalten. Das ist alles!

Metzer Menteuer.

Biel Lärm um nichts!

Turin, 6. März.

In letzter Zeit ist wiederholt das Gerücht umgegangen, datz der frühere Ministerpräfident Giolitti in nächster Zett die Regiernngsge- walt wieder zu übernehmen gedenke. Der Staatsmann war in letzter Zeit gichtleidend und verbrachte mehrere Monate in vollster Zu­rückgezogenheit in seiner hiesigen Billa. Es scheint sich aber zu bestätigen, datz Giolitti be­absichtigt, sich wieder aktiv an der Politik zu beteiligen. Es liegt auch nahe, einen K a b i - nettswechselals bevorstehend anzunehme«, da die Stellung des gegenwärtigen Ministe­riums in der letzten Zeit stark erschüttert worden ist.

Ausland ausgesetzt sein werde, io wird man dem nur beistimmen können. In Frankreich ist man der Herrschaft der Radikalen herzlich müde und man verlangt nach einem starken Mann, der mit aller Energie den inneren Wirren ein Ende bereitet. Ja, man kann sogar sagen: Niemals war die Stimmung in Frank­reich einer Diktatur so günstig wie gegenwärtig. Das jetzige Kabinett wird also bald abgewirt­schaftet haben, falls nicht etwa eine Gegnerschaft von deutscher Seite dem Lande die jetzige Re­gierung als unersetzlich erscheinen lietze. Und grade in diesem kritischen Moment springt Thöophile Delcassö in die Bresche! Grund ge­nug, des neuen alten Mannes Schritte mit sorglicher Ausmerksamkeit zu verfolgen! v. P.

Jagow, der Mrtdrer.

Biese, die ihr Ziel erreichten . ..

Ein armer, ein mitleidswerter, ein geplag­ter und ein nervöser Mann: Das ist zweifel­los (alles in einer Person) Herr von Ja­gow, der Polizeipräsident der Reichshaupt- und Residenzstadt Berlin. Der Mann, der kürz­lich erst mit einem blinkenden Ordensstern de­koriert ward, besitzt viele Feinde, und er be­findet sich also in einer Situation, in der ein erfahrener Stratege ganz besondre Vorsicht walten läßt. Den Konservativen ist der »Herr von Berlin" zu modern; sie haben zwar bisber noch nichts offensichtlich Feindseliges gegen ihn unternommen, aber es ist ganz sicher, daß sie ihn nicht allzu temperamentvoll verteidigen werden, wenn einmal seine böse Stunde kommt. Mit der Linken (wobei sich die Radttalen mit den Demokraten zusammenfinden) hat er es seit Moabtt verdorben. Obendrein hat sich Herr von Jagow noch eine dritte Feindschaft zugezogen, die ihm anfangs Wohl ziemlich ne­bensächlich erschienen sein mag, die ihm aber unter Umständen recht gefährlich werden könnte: Er hat es mit einigen Berliner Schriftstellern verschiffet. In der neuen ZeitschriftPan", in der sich mehrere sehr laute und bewegliche Literatencliquen austoben, er­schienen Tagebuchaufzeichnungen des jungen Gustave Flanbert, in denen von den natürlich­sten und ursprünglichsten Dingen der Welt ganz ungeniert (Hhper-Aestheten nennen's:Reali­stisch") gesprochen wurde. Herr von Jagow sah nicht (oder wollte nicht sehen), datz diese merkwürdige Selbstverständlichkeit der Ausdruck eines naiven Genies war, er stellte sich auf den Standpunkt, daß dem klassischen Monsieur Flau- bert unter Umständen genau so auf die Finger geklopft werden müsse, wie etwa dem allzu muntern Herrn Max Zickel, ließ die gefährlichen Artikel kassieren und . . , nun ging's los!

Wobei zu Mitteln gegriffen wurde, die nichts weniger als einwandfrei waren, und wobei an Stelle sachkundiger Argumente persönliche Dinge getreten sind, zu denen leider eine nicht gerade als klug zu bezeichnende Handlung des Berliner Polizeipräsidenten den Anlaß bot. Man soll keine Briefe schreiben", heißt der Titel eines kleinen Lustspiels, das neuerdings ein Gegenstück aus dem wirklichen Leben be­kommen hat. In der Komödie ist es ein Pv- lizeirat, der aus allerhand Nöten, in die ihn ein Verhältnis zu einer schönen Frau verstrickt hat, herauszuziehen sich bemüht. In der Ge­genwart handelt es sich um Mißdeutungen, de­nen ein Schreiben Herrn von Jagows an die bekannte Schauspielerin Frau Tilla Durieux (zu allem Unglück die Gattin des Verlegers der oben erwähnten ZeitschriftPau") sich ausge­setzt sieht. Herr von Jagow hat dem Gatten, der ihn zur Rede stellte (Witzbolde erklären, mit bett Worten des seinerzeitigen Straßenerlasses bcs Polizeipräsidenten:Ich warne Neugie­rige") Erklärungen abgegeben, bie jede beleidi­gende Deutung seines Schreibens an Frau Du­rieux als grunblos bezeichneten. Herr Cas- sierer unb seine Frau gaben sich mit biesett Erklärungen zufrieben. Damit hätte also der Fall", ber vor dem internen Forum als völ­lig geschlichtet angesprochen werden mutz (zu­mal es doch in anständigen Kreisen nicht gerade Sitte zu sein pflegt, derartige Familienangele­genheiten an bie Oeffentlichkeit zu zerren) als erledigt betrachtet werben müssen.

Leiber ist bas nicht geschehen: Die Rcdak- tion desPan" hat vielmehr bie Angelegenheit von neuem aufgegriffen, und zwar in Form eines öffentlichen Briefes, den der allzeit mun­tre Herr Alfred Kern an Herrn von Jagow schreibt. Der Verleger erklärt, daß seine Be­mühungen, bie Veröffentlichung dieses Artikels zu verhindern, vergeblich gewesen seien, da ihm nach dem Vertrag desPau" kein Vetorecht znstehe; er sei sogar entschlossen gewesen, aus ber ZeitschriftPau" als Herausgeber unb Ver­leger auszuscheiben. Erst bie Erklärung des befehdeten Polizeipräsidenten in einem Berli­ner Blatt:Was der Pan gegen mich persön­lich schreibt, ist mir gleichgültig. Will er sich über die Handhabung bet Zensur beschweren, so möge er den Instanzenweg beschreiten", habe ihn gezwungen, jenem auf das politische Gebiet zu folgen, unb seine politischen Freunbe ge­währen zu lassen. Nichtdestoweniger wird man die Ausdehnung, bie bie unerquickliche Angele­genheit zu nehmen scheint, bebauem müssen, und wenn wir jetzt eingehender darauf zurück- kommen, so geschieht es lediglich aus dem Grunde, weil der erwähnte Artikel desPan" fraglos noch toeitre Kreise ziehen wird. ^Wie weit der Tintenkrieg gegen Jagow geht, bc- toeiiLhie .Bemerkung. des SchexltaarLeuilleto ni-

Unb barunt bie Aufregung! Es muß bei ben Reichslänbern einen seltsamen Eindruck machen, wenn schon ein bißchen Alkoholdunst genügt, um im Reich gleich die Gemüter zu er­regen. Ist es wirklich nötig, Metzer Alltags­geschichten zustaatsgefährdenden" Aktionen zu stempeln? Es nimmt sich tatsächlich einiger- 4 maßen komisch aus.

8m BstoriaL

Intimes vom spanischen Königshof.

(Von unserm Korrespondenten.) London, 4. März.

Die Gerüchte von Unstimmigkeit«» am spanischen Königshose wollen nicht verstum­men. Eine besondere Beleuchtung erfahren diese Gerüchte durch einen Artikel, der dieser Tage in einem Londoner Blatt erschien, und der sich mit der Thronsolgefrage in Spanien beschäftigte. Der Verfasser, der mit den Verhältnissen am spanischen Königshof genau vertrant ist, schreibt: Es ist ein Naturgesetz, daß die Sün­den ber Väter an den Kindern unb Kindes­kindern gerächt werben. Der älteste Sohn bes Königs von Spanien ist bas letzte Wesen von fürstlichem Geblüt, bas zurzeit

die Sünden seiner Vorfahren

zu büßen hat. Man sagt, datz der Prinz mit einem Sprach- und Gehörfehler behaftet ist, man behauptet sogar, daß der zweite Sohn des Königs, derPrinzJaime, anStelle seines älteren Bruders ausgerufen werben soll. Der älteste Sohn bes Königs heißt Alfonso und führt den Titel Prinz von Asturien. Er ist im Mai 1907 geboren, mithin in einem Alter, in dem ein Kind fähig fein muß, vernünftig zu sprechen. Prinz Jaime ist erst zwei Jahre alt, spricht aber schon, was die organische Zurückgebliebenheit des altern Bruders noch auffallender erscheinen läßt. Der Prinz von Asturien ist normal ge­wachsen, aber er hat

ein plumpes, stumpfsinniges Gesicht ohne Geist und Leben mit dem eigenartigen Ausdruck, wie er bei Kinder zu finden ist, die von Geburt auf einen Gehörfehler aufzuweisen haben. Wenn es je ein Kind gegeben hat, dem die Gefahr drohte, unter den Sünden feiner Väter zu leiden, so ist es unbestreitbar der kleine spanische Prinz. Jahrhunderte des Wahn­sinns und der Korruption liegen hinter ihm, und Gewalttätigkeiten und unmenschliche Verbrechen haben die Geisteskraft feiner Vor­fahren zerrüttet. Verfolgt man die spanische Geschichte ein Jahrtausend zurück, so findet man, daß jede Generation mindestens ein Un­geheuer an Lastern und Grausamkeiten aufzu- weisen hatte, wie es Pedro der Grausame von Kastilien gewesen ist. Es ist lehrreich, die Ge­schichte Spaniens bis auf Karl den Fünften nachzuprüfen, der eine bei weitem unumschränk­tere Gewalt ausübte als

irgend ein Mensch m der Welt feit dem Ende des römischen Reichs. Die Ge­schichte hat auf Karl den Fünften einen gewissen romantischen Schimmer geworfen, vielleicht, weil in seinen Ländern bewundernswerte Zen­tren der Kunst und geistigen Kultur existterten. Die moderne Forschung hat dieses Bild indessen zerstört und ein anderes aufgerichtet, das den Kaiser als einen unmäßigen Genußmenschen erscheinen läßt, der zu einer Mahlzeit hundert marinierte Heringe verzehren konnte, die er mit zehn Litern Bierhinunterspülte". Karls Nach­folger war sein Sohn Philipp der Zweite, der finsterste und blutgierigste aller spanischen Herrscher. In seiner Jugend hätte et beinahe fein Leben eingebüfjt, weil er feine Schwieger­mutter mit Liebesanträgen verfolgte. Er ver­nichtete den dritten Teil der heldenmütigen Be­völkerung der Niederlande

aus religiöser Engherzigkeit.

Als er auf feinem Schmerzens- und Todes­lager ausgestreckt war, dachte er noch über neue Torturen für seine Untertanen nach. Wieder­holt bestach er Mörder, um sich seines großen Gegners Wilhelm von Oranien zu entledigen. Seine Frauen starben schnell hintereinander; die eine von ihnen war Mary von England, und bie letzte von allen, von ber er einen Sohn unb Erben hatte, war seine leibliche Kusine, die Tochter Kaiser Maximilians des Zweiten. So wurden alle bösen Instinkte, die in dieser Fa­milie schlummerten, im Lause der Generationen noch vervielsälttgt. Rach Philipp dem Zwei­ten gaben die spanischen Monarchen noch häufig Zeichen geistiger Minderwertigkeit. Karl der Vierte, ber zu Zeiten Napoleons König war, war ein halber Jbiot unb lieferte fein Land den Franzosen gus. Zwei spanische Königin-,

ßine Aera Delcafse?

Auch eine Frucht der Potsdamer Entrevue?

(Von einem Diplomaten.)

Berlin, 6. März.

Der Kabinettswechsel in Frankreich ist diesmal auf deutfcher Seite mit ganz beson­derer Aufmerksamkeit verfolgt worden, weil der Name des früheren Ministers des Aus- to artig en, Delcassö, bei dieser Gelegenheit wieder aus ber Versenkung erftanb. Man hat sich nun in Deuffchlanb mit ber Berufung Delcaffös in das Ministerium Monis bamit ab« zusinbe» versucht, inbem man der Ansicht Aus­druck gab, Delcassö sei in seiner Eigenschaft als Marineminister von jeder Einwirkung auf die auswärtige Politik ausgeschaltet. Diese An­sicht ist aber jedenfalls unzutreffend. Es wäre wenig angebracht, die Bedeutung der Rückkehr Delcaffös zur Regierung zu übertreiben, andrer­seits aber wäre es nicht minder verfehlt, sich in dieser Beziehung einer allzu großen Zuversicht hinzugeben. Delcassö ist ein ehrgeiziger Mann, und sein Streben geht nicht nur dahin, einen Einfluß auf die auswärtige Politik zu gewin­nen, sondern die Leitung der auswärtigen Ge­schäfte wieder völlig in die Hand zu bekommen. In diesem Streben wird er dadurch noch außer­ordentlich unterstützt, daß er entschieden der fähigste Kopf des ganzen Ministeriums Monis ist, das er binnen kurzem mit seiner Arbeits­kraft und seinem Schaffensdrang zweifellos mit sich fortreißen wird. Delcassö ist ein Mann, den es nach Taten gelüstet: Er wird nicht nur die französische Marine verbessern, sondern auch das Prestige der ftanzösischen Diplomatie, das (gleichgültig, ob berechtigter oder unberechtigter Weise) im Lande gelitten hat, wiederherzu­stellen suchen.

Daß ein solcher Mann auch im A u s l a n d, unb nicht zuletzt in Deuffchlanb, mit Aufmerk­samkeit beobachtet werden muß, veffteht sich von selbst. Von französischer Seite wirb es so bar- gestellt, als ob bet Wechsel auf dem Posten des Ministers des Auswärtigen in erster Linie durch die Potsdamer Monarchenbegegnung ver­anlaßt worden sei. Obgleich diese Darstellung durch das Veffchwinben Pichons eine gewisse Bestätigung erfährt, neigt man in deutschen bi« plomatischen Kreisen mehr zu ber Annahme, daß allein bie Bestrebungen ber Parteien ben Kabinettswechsel herbeigeführt haben, beim kein anberei Minister am Quai b'Orsav hätte bie Potsbamer Begegnung verhinbern können. Wenn bagegett von französischer Seite behaup­tet wirb, baß bie Lebensfähigkeit bes neuen Kabinetts im wesentlichen baöon abhängen wird, ob es Anariffen unb Schwierigkeiten vom

(Telegraphische Melbungen.)

Man scheint allmählich nervös zu wer­ben unb ttn Reichslanb selbst das leiseste Winb- sänseln als Sturm zu deuten. Soeben bringt ber offiziöse Draht wieber eine Nachricht über angebliche neue Ausschreitungen in Metz, in der es heißt:

Metz, 6. März.

Gestern abend kam es hier wiederum zu Ausschreitungen. Zwei einheimische junge Leute gerieten in einen Wortwechsel mit Unteroffizieren. Es sammelte sich eine große Menschenmenge an. Schutzleute mußten einschreiten und nahmen beide jungen Leute fest, wobei aus der Menge auf­reizende Rufe ertönten. Das Gerücht, daß die beiden jungen Leute Mitglieder des Ver­einsLorraine sportive" seien, stellte sich als unrichtig heraus.

Bei näherer Prüfung hat sich indessen bie ganze schreckliche Geschichte als bie Dufeltat zweier Weinseligen entpuppt, bie sicher nicht geplant haben, bas Reich zu erschüttern. Ein Telegramm unsers Metzer Kor- responbenten berichtet uns:

Metz, 6. März.

Tic Meldungen über die angeblichen neuen Ausschreitungen" sind erheblich über­trieben und aufgebauscht. In Wirklichkeit handelt es sich um Folgendes: Zwei junge Metzgergesellen verließen gestern spätabends