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Casseler Neueste Nachrichten

Erster Jahrgang.

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2. Beilage.

Sonntag, 5. MLrz 1911

alle Resolutionen zurückzuzieheu, bn doch ein einziges Reffort nicht einseMg vorgehen kann.

die Mitwirkung der Arbeiterausschüffe in ihren Betrieben. Der Wortlaut bet Resolu­tion und der Inhalt ber Begründung entspre­chen genau ber von den Sozialdemokraten znm Marineetat eingebrachten Resolution und den von ihnen dazu gehaltenen Reden. Der Redner greift die christlich-sozialen Arbei­terführer an, die stch im Reichstagm ilt- tärfromm* gebärdeten, während sie drau­ßen Brandreden hielten, und kritisiert dann b*e Arbeitsverhältniffe und die Wohlfahrtseinrich­tungen ber Finna Kruvp. m ,,

Abg. Atommsen (BP.): Wenn Dr. Potihof bie Aeußerung getan hat, bas. Zentrum fei staatsfeindlicher als die Sozialdemokratie, o ist die Anwendung des Wortesstaatsfeind­lich" seine persönliche Sache. Aber in ber heutigen politischen Situation ist für bas li­berale Bürgertum das Zentrum bte aller« schwerste Gefahr. (Unruhe im Zentrum, Lachen rechts.) Darum ist

seine Bekämpfung unsere Hauptanfgabe. (Zurufe im Zentrum.) Der Redner spricht über die Arbeitsverhältniffe in den Danziger Betrie­ben und verlangt auch für diese die den Span­dauer Arbeitern bewilligten Zulagen.

Abg. Giesberts (Ztr.) bittet den Mmiller, die Behauptung des Abgeordneten Hue über Akkordabzüge bei der Firma Kruvp zu unter­suchen: wahrscheinlich werde sich Herausstellen, daß nickt viel daran sei.

Vizepräsident Schultz schreitet ein, älS auck dieser Redner wieder gewerkschaftliche ©tret- ttgkeiten anschneidet. Er macht darauf auf­merksam, daß er diese persönlichen Auseinan­dersetzungen, bie mit bem Mikttäretat nichts zn tun haben, nicht mehr zulassen werbe.

Abg. Keil (Soz.): Im Süden sind über­all Sozialdemokraten in den Staatsbetrieben: und wenn sie in bie Kommunen ober Landtage gewählt werden, erhalten sie Urlaub, ohne Lohnabzug. DaS sollte ber preußische

SriegSminister sich zu Herzen nehmen tmd wenn ihm darüber die Haare zu Berge stehen. (Heiterkeit.)

un Frau hinüber.

Ich danke dir, du weißt, für meine Spa­ziergänge genügt mir der Garten bmter un­serem Hause vollkommen!- antwortete Frau

Agnes zog die Rose aus dem Knopfloch und stellte sie in eine schmale Kristallvase, legte Hut und IaSett ab. und stand nun tn einer vor­nehmen, weißen Spitzenbluse vor dem Spregel und strich mit einem. Taschenkämmchen das von dem Hut etwas niedergedrückte, braune Haar empgr Die Augen der alten Fran hingen prüfend und abwägend an der schlanken Gestalt. Wenn man gerecht sein wollte, so sah sie gar nickt schauspielerinnenhaft aus, besonders ntckt, seit sie verheiratet war und Edgar zuliebe dunkle, diskrete Stoffe und eine einfache, ge­scheitelte Haarfrisur trug- Wie sie letzt da vor dem Svieael ftattb, hoch und schlank, einen fin-

demokraten)

mit aller Energie durchführen.

An den Schiffahrtsabgaben halten wir fest. Nach der Erklärung des Ministers ziehen wir den Antrag von Pappenheim zurück und hoffen, daß auch die RattonaMberalen im Reichstag ür die Schifsahrtsabgaben stimmen werden.

Abg. Dr. von Campe (ntl.): Wir stehen auf dem Boden des Kanalgesetzes. Neue Ka­nalprojekte liegen wohl im Interesse mancher Gegenden, man sollte aber erst das alte Kanal- wojekt unter Dach und Fach bringett.

Die Abgeordneten von Rath und Dr. Dah­lem (Ztr.) wünschen Kanalisierung der La h n.

Minister von Breitenbach: Die bisherigen Lahn-Kanalisterungsvrojekte versprechen keine Rentabilität, und es läßt sich deshalb vorerst in der Sache nichts tun. 1

Das Haus vertagt hierauf die Weiterbera- tung des Bau-Etats auf Sonnabend.

Preußen und feine Beteranen.

(Vonunserm Korrespondenten.)

Man schreibt uns: Durch das Zuwachs­steuergesetz find bekanntlich fünf Millionen Mark für Beihilfen der Veteranen verfügbar geworden, wodurch etwa 60 000 Ve­teranen mehr als bisher unterstützt werden kön­nen. In Preußen find gegenwärtig annähernd; 200 000 Veteranen vorhanden. Von diesen be­ziehen etwa zwei Drittel genau 133 678 Beihil­fen. Der Rest von ihnen bezicht bis jetzt keine Beihilfe, da die preußische Regierung bei der Gewährung solcher Unterstützungen die Be­stimmungen des entsprechendenReichsgesetzes zu beachten hat. Dieses macht die Beihilfe von Hilfsbedürstigkett und gänzlicher Erwerbsun­fähigkeit abhängig, und das Reich gewährt den Einzelstaaten bestimmte Summen zur Unter» stützung der Veteranen, die es ermöglichen fül­len, sämtlichen unterstützungsbedürftigen Vete­ranen Beihilfen zu gewähren. Die preußische Regierung hat zum Teil auch Beihilfen dann gewährt, wenn nachgewiesen war, daß die SBe«. teranen Ersparnisse besaßen. Es ist nun neuer­dings geplant, die Begriffe »UnterstützungS- bedürstigkeit" und .Erwerbsunfähigkeit" we- , sentlich weiter anSzulegen, so daß der Unter­stützung der Veteranen durch die bereitgestellten fünf Millionen keine Schranken gesetzt sind.

Edgar Torges HauS stand in dem großen, verschneiten Garten still und abgeschlossen. Die Klingel war abgestellt und die Dienstboten gin­gen auf den Zehenspitzen umher. Ein Fenster war im Haus, durch dessen Vorhänge schim­merte die ganze Nacht ein Lichtsihem.vrt lag die alte Frau Torge in großen Schmer­zen und Fiederphantasien. Oft WJe wie wirr empor, jchrte gellend auf und versuchte, auS dem Bette zu springen, dann wieder lag sie stundenlaw, wie ohne Leben, kamn, daß der Puls noch fühlbar war. Der Tod stand über Frau Torge gebeugt und griff nach ihrem Her­zen. Aber das scklug noch zu stark, um thm ganz verfallen zu sein.

Anna wich nicht auS dem Krankenzimmer.

Die Kranke wußte nicht, wer Tag und Nacht um sie war und um ihretwegen zähe mit dem Tode rang. Schwäche, Bewußtlosigkeit und Fieber hielten sie umfangen. Nur manch­mal hob sie das Ange und flüsterte: .Wer ist da?" .Ich, Anna," antwortete die junge Frau dann mit stockendem Herzschlag.Anna?" wle- derholte die Kranke schwach und es klang, alS wollte sie fragen:Wer ist Anna?" Aber sckon senkten sich die Wimpern wieder zum Halbschlaf.

Anna's Züge wurden von den qualvollen, anstrengenden Nächten und Tagen matt und bleick, aber ihre Pflege führte die Mutter deS geliebten Mannes der Genesung entgegen. Es konnte jetzt gescheben. daß die Genesende plötz­lich den Blick auffchlug und ihn seltsam stau­nend und ernst auf der Schwiegertochter ruhen

Mißstände lautgeworden sind.

3er Heeringen Krieg.

Reichstagssitzung vom 3. März.

Sie Parlamente.

Die Feuerbestattung und die Parteien. (Von totferm parlamentarischen Mitarbeiter.)

Aus dem Landtag wird uns geschrie­ben' Das neue F enerb estattunys gesetz fiat'bei den Parteien des Abgeordnetenhauses eine recht geteilte Ausnahme gesunden, oie Rechte und das Zentrum stehen dem Ge- recht kühl gegenüber, sodaß die Ansstchten für die Feuerbestattung keine guten find. Tie Linke betrachtet das Gesetz im allgemeinen als brauchbar, wünscht aber die zahlreichen Ein­schränkungen, die es enthält, auszumerzen. Die Einbringung des Gesetzes ist sehr unerwartet gekommen, und auf ber rechten Seite des Land­tags hatte man damit gerechnet, daß bie Vor­lage in bietet Session nicht mehr vorgelegt werden würbe. Selbst wenn man annimmt, patz bas Gesetz im Abgeordnetenhaus eine Mehrheit finden wird, so dürften seiner Verab­schiedung im Herrenhaus doch größere Schwierigketten entgegenstehen. Es wäre mög­lich, daß die Gegner des Entwurfs dem Gesetze ihre Zustimmung geben werden, wenn in der Vorlage bestimmt würde, daß der Verstorbene ausdrücklich durch eine schriftliche, letzt- willige Verfügung seine Feuerbestat­tung angeordnet habe, daß mündliche Erklärun­gen aber keine Gültigkeit haben sollen. Bei den Freunden des Gesetzes wird gewünscht, daß die sehr lästigen Vorschriften über die a m t s ä r z t» licheUntersuchung der Todesursache und das Nachsuchen der Bescheinigung der Orts­polizeibehörde. daß keine Bedenken gegen die Feuerbestattung vorliegen, fortfallen. Man ist hier der Meinung, daß die Feststellung der To­desursache durch den gewöhnlichen Arzt voll­ständig genügt, um etwaigen Zweifeln entge- genzutreten, daß der Verstorbene einem Verbre­chen zum Opfer gefallen sei. Wie verlautet, (egt die Regierung aber gerade auf diese Bestimmungen großen Wert, well sonst eine Kontrolle, ob ein Verbrechen Vorgelegen habe oder nicht, nicht möglich sei, und die Spuren eines Verbrechens zu leicht beseittgt werden könnten. Die Gegner des Entwurfs behaup­ten, daß auch die in der Vorlage geplanten Maßnahmen keine unbedingte Gewähr für bie Feststellung eines an dem Verstorbenen verüb- ten Verbrechens geben. Ferner wird von die­ser Sette beabsichtigt, bte im Gesetz vorgesehe­nen Bestimmungen über die Anlage von Leichenverbrennungsöfen zu ver­schärfen, weil bei schon bestehenben derartigen Zulagen Beschwerden der Nachbarschaft über

Süden.-

Anna neigte sich-über Frau Torae'- Land und küßte sie-unter Tränen , .

End«.

ncnden, ruhigen Ernst tn den braunen Augen und mit den schmalen, weißen Fingern sorg­sam hier und da ein hervorquellendes Löckchen zurücksteckte, sah sie Wittlich vornehm und di­stinguiert aus, als wäre sie in einem Patrizier- Haus ausgewachsen und aus sorgsamen und be­hütenden Mutterhänden tn die Hände ihres Gatten übergegangen. Frau Torge wagte keinen offenen Zwist. Sie hatte einmal bei einet bet» letzenden Antwort, die sie für Anna gehabt, ihres Sohnes Augen so drohend ausflammen feben, daß sie wußte, er würde sich eher von bet Mutter trennen, als dulden, daß man seine Frau beleidigte. Aber sie hatte eine kalte, hoch­mütige Art, die Anna immer wieder daran er­innerte, daß man ihr Edgars Heirat nicht ver­zieh, daß sie eine Geduldete in diesem reichen Hause war, daß ihres Marmes Mutter ihre Kunst, bie ihr heilig war,'wie etwas Verächtli­ches, Mißgestaltetes bettachtete, bas man ber« hüllen und verbergen mußte. .Habe Geduld mit ihr!" bat sie Edgar ost, wenn er bittere Worte für die Mutter hatte, die nicht anerken nen wo2te, daß diese Frau, bet sie bie ärm­liche Herkunft und ihren Beruf nicht verzeihen konnte, alles Glück der Welt für ihn bedeutete. .Geduld, Geduld!" sagte sie auch zu sich. .ES wird eine Stunde kommen, in ber sie mich tote eine Tochter liebt.

auszuüben. Es ist hier tote immer tn Bankstagen, tn den Verkehrsfragen, in Börsenstagen: lieber al! entscheiden bei nicht die Sachkundigen, sondern immer Agrarier. (Lebhafte Zustimmung links.) i Abg. Dr. Liebknecht (Soz.) verlangt Revi­sion des Vorschleusenrechtes. Ein Schmier- jelbertoefen schlimmster Art bestehe bei den Strompolizeibeamten und den Schlensenmei- tem. Im übrigen seien seine Freunde An­hänger einer groß zügigen Wirt­schaftspolitik. Bei den Schiffahttsab- jaben sei der agrarische Profit maßgebend. Man wolle ganz Deutschland zur Gefolgschaft von Ostelbien machen. Die Herren auf der Rechten sind Freunde des .Verkehrs mit dem Strick um den Hals und dem Galgen daneben". Die Regierung frißt Ihnen (zur Rechten) ja chon ans der Hand. ,

Abg. Frhr. von Malizahn (kons.): Wit werden den Kamps gegen Sie (zu den Sozial-

Am Bundesratstische: von Heeringen. Die Beratung des Mllitäretats wirb beim Kapitel .Artillerie- und Waffenwesen" fortgesetzt.

Abg. Behrens (Wirtsch. Vg.): Die Arbeiter bei der Heeresverwaltung sind Staatsarbeiter, darum können wir ihnen die unbeschrärckte Koa­litionsfreiheit nicht zugestehen. Allerdings kön- nen sie sich zu Verbänden zusammenschließeG bie auf dem Boden staatstrener Gesin­nung stehen müssen.

Abg. Freiherr von (Santo (Rpt.): Kein Par­lament beschäftigt sich soviel mit Lumpereien wie gerade der deutsche Reichstag. (Lebh. Zu­stimmung). Am besten wäre es

in Sachen der Schifsahrtsabgaben und unter- treicht sehr energisch die Forderung, daß bei Kanaltarifen die preußischen Interessen unter keinen Umständen zurückgesetzt werden hülfen. Denselben Standpunkt proklamiert der Zen- trumsabgeordnete R o e r e n, ber zudem noch die Kanalisierung der Saar und Mosel befür­wortet. Hiervon will aber Herr von Brei­te n b a ch nichts wissen, da die Einnahmen in keinem Verhältnis zu den Kosten ständen. Die Anfragen wegen des Schleppmonopols beant­wortet der Minister dahin, daß ein Entwurf in der nächsten Session kommen werde. Schließlich betont auch er, daß die preußischen Interessen nicht leiden dürften. Eine Philippika gegen das Verhalten der Regierung in der Frage der Schiffahrtsabgaben hält ber

Abg. Röhling (natl.): Von einem .Wohl­wollen" des Ministers für bie Kanalisierung ber Saar und Mosel habe ich leider nichts ge­spürt.

Die Frage der Schiffahrtsabgafie« betrachten wir nicht als eine grundsätzliche, son­dern als eine prattische. Man mag aber zu dieser Frage stehen wie man will, man wird nicht sagen können, daß bie Regierung hier eine glückliche Hand gehabt hat. Bis vor zehn Jahren bestand kein Zweisel, daß ohne Abän­derung der Verfassung Schifiahrtsabgaben nicht erhoben werden konnten. Jetzt hat man in Preußen diePolitik der starken Hand" be­trieben und in das Kanalgesetz eine Bestim­mung aufgenommen, wonach Schisfahttsab- gaben auf den freien Wasserstraßen erhoben werden können. Die Mosellanalisatton ist eine der wichtigsten und rentabelsten Wasserstraßen- projekte.

Minister von Breitenbach: Wir haben durchaus nicht die Absicht, ein so wichtiges Pro­jekt tot zu machen, müssen aber sorgfältig prüfen.

Partiknlaristische Erwägungen fprecheu durchaus nicht mit, da für uns lediglich Inhalt und Sache, aber nichts anderes in Frage kommt.

Abg. Frhr. von Zedlitz (ft): Wir sind er­freut über die Ankündigung des Ministers, daß er bei allen Vereinbarungen mit anderen Bun­desstaaten die Interessen Preußens voll zu wahren bereit sei.

Fra« Torge.

x. Skizze, von G. Tröffet

Anna Torge schritt durch den Dorgatten bem Hause zu. Im Vorübergehen brach fi- von einem Rosenstock eine gelbe Rose und sckob sie zwischen bie Knöpfe ihres dunklen Jak- kctts. Der große, schwarze Hut mit den Strau­ßenfedern beschattete ihr weißes Gesicht, so daß bte alte Frau Bettina Torae, die borsichttg durch die Tüllgardinen zu ihr hinunterspahte, nicht den Ausdruck ihrer Züge erkennen konnte. Sie sah nur das reizende Kinn und die fettige- ichwungenen Linien des roten Mundes, Stirn unb Augen verdeckte der breite Rand des Hu­te« Sie trat vom Fenster zurück unb schaute rach bem Bilde ihres Gatten empor das über bem Sckreibtisch hing.Wie gut tst es, daß vu^das nicht mehr erlebt hast, Albert!" Werte sie. .Daß du nicht so wie '-h mit ansehen mußt, wie unser Sohn verstrickt tst in bte Netze dieser Komödiantin!" ~ _

Hinter ihr öffnete sich bte Tür .Guten Tag, Mama!" sprach eine weiche, dunkle Stem­me, unb Anna Torge trat ins Zimmer htnetn. .Du hättest ein bischen mtt mtr spaztrm gehm sollen, Mama," fuhr sie fort. Das tst em herr­licher Tag! Die Kastantenbaume sind voll dus tenber, weißer Kerzen, alle Balkone sind bunt von Blumen unb jeder Mensch hat «n srohtt

ckes Gesicht. Willst du morgen ntcht einmal mit mir zur Stadt gehen, Mama? Sie schob den Schleier empor unb sah srcunbltch zu der al-

Hast du schon gefrühstückt, Mama?" fragte Anna und trat zurück vom Spiegel.Ja? Ack, bas ist schade, ich hätte so gerne zusammen mit dir gegessen. Soll ich dir etwas vorlesen? Oder willst du mir deine Briese diktieren?" Frau Torge erhob sich von ihrem Stuhl, so daß dte schwere Seide ihres Rockes glockenattig um sie herumstand. .Bemühe dich nicht! Ich gehe in meine Zimmer hinauf. Fräulein Erna Dannenberg hat mir versprocken. mich zu besu­chen. Sie muß jeden Augenblick kommen!

Anna neigte schweigend das Haupt, aber um ihren Mund lag ein weher Zug. Sie wuß­te, Erna Dannenberg, bas reichste Ma^en der Stadt, war von ber Mutter Edgar zur Fran be­stimmt gewesen. Die weinte noch jetzt manche Nacht darüber, daß sich ihr Sohn diese Patt,- hatte entgehen lassen. Fast täglich kam das Fräulein zu ihr hinaus und bann saßen dort bie beiden Frauen voll Zom auf sie unb hatten ihre Heimlichkeiten, unb malten sich aus, wie wundervoll sie zueinander gepaßt hätten, wenn alles eben anders unb «-tücklttber gekommen wäre.

Die Zett der Rosen war lange vorüber. Das Laub ber Bäume, bas sich gelb gefärbt, war niedergeweht. Bäume und Sträucher stan­den kahl und streckten stterend ihre schwarzen Zweige anS. Da kam ber Schnee unb linderte hre Not. Ein Sternchen nach dem andern ank hernieder in dunkler Nacht und legte sich inde unb wärmend wie Schwanengefieder auf den armen, frierenden, nackten Zweig. Am Morgen war bie Welt ganz weiß unb das Ant­litz ber Seen überhaucht von Kttstall. Der Wm- ter war gekommen.

ließ.

Einst blickte bie junge Frau empor, al8 ble­iet große, staunende Blick aus ihr ruhte. Sie errötete unb ber Löffel, den sie hielt, bebte mit der hellenden Medizin in ihrer Hand, aber Fran Torge wandte sich nicht untoiCta ----

sondern sah ernst, stumm und faft freundlich n Anna's Gesicht.

Im Ofen brannte ein rotes Feuer, auf bem Tisch dufteten in einer Vase Nellen und Fite- der; es war Frühling geworden. Die Schul­tern vorn Plaid umhüllt, stand die dem Tode entrissene alte Frau erstmals fast genesen am Fenster. Vor dem Hause hielt eine Droschke.

Da sah sie, wie Anna im Hut und Jackett, ein schmales Köfierchen, wie man es zu kurzer Reise gebraucht, in der Hand, auf den Wagen zuschritt. Wohin wollte sie? Was bedeutete der Heine Koffer? Wenn sie verreisen wollte, warum hatte sie ihr nichts gesagt? Sie konnte doch Anna jetzt noch nicht entbehren, so schwach wie sie noch war.

Sie hob die Hand und klopfte laut anS Fenster. Erschreckt hob Anna den Kops. Sie sah die Schwiegermutter am Fenster, bie winkte ihr, zurückzukommen. So mußte sie gehorchen, es würde sich wohl eine Ausrede finden lassen, wenn die alte Frau fragen sollte, warum sie einen Koffer bei sich habe. Als fte aber Frau Torge gegenüberftanb und diese die Frage an sie richtete: »Wohin willst btt?" sand sie keine Lüge.Ich will fort!" entgegnete sie.Warum v-Mst du fort?" fragte Frau Torge.Weil ich hier nicht geduldet sein mag. Well ich es nicht ertragen tarnt, daß du mich mißachtest. Ich will gehen und dir deinen Sohn zurückgeven. Lebe wohl!"

Da hob die Mutter die Arme und brettete sie aus.Anna, mein Kind, was willst du tun8" sprach sie und drückte Anna mütterlich an sich.Besinne dich! Bleibe bei deinem Mann und bei mir, denn wir lieben dich und brauchen dick!"

Plaudernd saßen die Frauen zusammen, als der Diener eine Visitenkarte brachte. Frau Torge las langsam und leise lächelnd den NamenErna Dannenberg". Sie schob die Karte zu Anna's Teller und sagte dem Diener: Bestellen Sie der Dame, ich bebouerte, sie nicht empfangen zu können. Der Arzt verbäte mir noch jeden Besuch. Auch würde mich Fräulein Tannenberg für's Erste nicht antreffen, denn ich reifte mit meiner Schwiegertochter nach bem

Abg. Dr. Becker-Köln (Ztt.): Wir ziehen unsere Resolutionen nicht zurück. Redner tritt nochmals für den Ausbau der Arbetteraus- schüsse und die Sicherstellung ihrer Mttglteber ein. . ,

Abg. Znfiell (Soz.): Auch die freien Ge- werkschasten stehen auf dem Boden ber Staats­ordnung. Für uns sind die jetzt behandelten Fragen mindestens ebenso wichtig, wie bte Be­willigung neuer Schiffe ober Bataillone, -er Redner bringt Wünsche der Arbeiter der Spatt- dauer Militärwerfftätten vor.

Generalmajor Wandel: Wir sind überzeugt, daß die Straßburger Arbeiter nicht damtt etn- verstanden sein werden, daß sie von dem Abge­ordneten Böhse als Sozialdemokraten bezetch- net werden. Wir verhindern

bie Ausübung des KoalitionsrcchtS nickt, nur lassen wir keine sozialdemokra­tischen und staatsfeindlichen Tenden­zen aufiommen. Wir nehmen die Wünsche der Arbeiterausschüsse gern entgegen und legen ihrer Tätigkeit kein Hindernis in den Weg.

Abg. Sommer (Vp.) bringt Wünsche der Feuerwerks- und Zeugoffiziere vor, die mit den Frontosfizieren gleichgestellt werden wollen.

Generalmajor Wandel erklärt die Vorwurse für unberechtigt. Die Feuerwerks- und Zeug­offiziere find erst kürzlich aufgebefferi worden. Eine völlige Gleichberechtigung kann aus dienstlichen Gründen nicht eintreten. Die Feuerwettsofsiziere schlechthin alsStief­kinder" oderArbeitsoffiziere" zu bezeichnen geht nicht an; die Offiziere arbeiten alle. (Bei- äll.)

Abg. Hue (Soz.) hält eine lange Rede zur Resolution seiner Pattei über bie Lieferungs­bedingungen ber Heeresverwaltung, sowie

Abg. Dr. Waldftein (VP.) spricht ebenfalls Ür die Kanalisierung ber Mosel. Die Regie­rung befinde stch hier einer Mehrheit gegenüber, die stch bem Schiffahttsverkehr gegenüber sehr reserviert verhält. Die Rechte will ihre Schiff- ähttsabgaben haben, ganz gleich, ob eS der Schfffahtt dabei schlecht geht oder nicht. Mau veracht, von hier aus

einen Druck auf bett Reichstag

Damit schließt diese Aussprache. Abgeord- neter Dr. Potthof (Vp.) erilärt persönlich, auch er sei nicht für schrankenlose Koalttious- reiheit der Staatsarbeiter, sondern erkenne die gesetzlichen Beschrätcktngen an. Die Zentrums- resvlutionen werden sodann angenommen, bte ozialdemokrattsche wird abgelehnt

Ferner wird noch eine Resolution des Zen­trums, bie einen Ausbau ber Pensions-, Witwen- unb Waisenkasse fordert, angenommen, ebenso eine Resolution der Bud- getlommission, wonach bei Waffen- und Muni- tionslieserungen die billig liefernde Privat­industrie mehr als bisher berücksichtigt werden soll.

Die Weiterberatung des Milttär-EtatS wird sodann auf DieuStag nächster Woche ver­tagt. ____________

Schiffahrt und Kanalbetried.

Abgeordnetenhaus-Sitzung vom 3. März.

Schiffahttsabgaben und Kanalordnung waren das Hauptthema des Tages, an dem man am Freitag im Abgeordnetenhaus mit dem Etat der Bauverwaltung begann. Welche Stimmung in der Frage ber Schiff­fahrtsabgaben auf der Rechten herrscht, zeigte ein vom Abgeordneten von Pappen­heim begründeter Antrag, wonach man bis zur Erledigung dieser Frage die Wasserstraßen unter keinen Umständen weiter als bis zu der vettraglich bereinbarten Diese regulieren dürfe. Redner wendet sich

gegen die süddeutsche Agitation