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»Rennen Se doch nich vorbei/ ruft die Lu­kaffen dem hübschen Mädchen nach, das in einem rosa Waschkleide steckt. »Warum zieh'» Sie eijentlich, Pauline? Sie haben's doch sehr jut bei Doktors? Jroßartiges Essen — keene Kin­der . . /

»So . . . soo . . . ?' meint Paula spitz, »bitte schön, jeh'n Se 'rauf, Lukassen, und lassen Se sich for 16 Mark 25 den janzen Monat schi­kanieren. Bitte schön ... Ist hier auch geputzt . . . gepinselt . . . gewedelt. . . geledert. . .? Mit de Longjette in allen Ecken, und mit 'n weißes Taschentuch unter de Spinden! Für jedes Jlas 'n extra Lappen, für jede Tafle 'ne andre Bürste. Zum Staubwischen solche Schürze, zum Servieren 'ne andre Schürze, zum Türöffnen wieder 'ne andre Schürze! Ra, wer dabei nicht närrisch wird . . ."

»Aber bet jute Essen/ jammert die Lu­kaffen.

»Um bet Schikanieren jehe ich ooch nich, da pfeifen wir druff . . . bloß der Herr is mir zu liebenswürdig/

»Aus bet Loch kiekste/ brauste Minna auf. »Hat Ihnen ber olle Sünder wat jetan? Hof­fentlich haben Se ihm 'n schlagenden Beweis jejeben!

»Rich zu knapp. Aber wie die Frau Dok- torn, merkte, bet ich mir mit den Herrn ver­knallt hatte, würbe se janz spitz. Wenn die Mädchen es nicht provazierten/ sagte se, wür­den die Herren sich nichts erlauben!"

»Nu schlägt's dreizehn/ fährt die dicke Minna dazwischen, »’ne Achtzehnjährige wird mit so'n Jrauschimmel poussieren, der jeden Morjen ’ne Stunde arbeet, bis er seine drei Sardellen jlatt kriejt/

»Eben dn'.m/ bekräftigte Pauline. »Und wo ich den hübschesten von de Omnibusse habe/*

»Lassen Se sich dadurch nich in Ihre Ehre kränken/ fährt Minna gravitätisch fort, „bet Banb is jelöst. So ’ne Mädels, wie wir beebe, fürchten Gott und sonst nischt uff be Welt. Wir suchen uns prima Herrschaften aus/

»Ich ziehe zu einem Bankbirektor, Kurfüi- stendamm."

»Det klappt wie in’n Pantinenteller. Ich mache nämlich nach be Kantstraße. Zentralhei­zung . . . warm Wasser . . . Babestube for be Dienerschaft. Vorwärts streben muß der Mensch . ,, ’ne Droschke, Lukassen . . /

»Mache Se mal Platz für unsre Milie. Die will uns jewiß Adjö sagen/

»Sie sind ja fürchterlich in Wichs, Milie; haben Sie heute Ausgang?"

»Immer!" nickt Milie und preßt sichGlacee- handschuhe auf. »Mein Major is iberbaupi der einzige anständige Mensch aus det janze Haus. Da macht das Dienen Spaß. For de jrobe Arbeit hab' ich meinen Burschen. Der Putzt Fenster, wischt Stuben uff, kloppt Decken, schält Kartoffeln. Alle Wochen einen Herren­abend, wo man seine acht Mark Trinkjeld ein­steckt, alle Sonntage frei . , . und achtzig Ta­ler!"

„Donnerschock/ ereifert sich die Lukassen, „da möcht' ich heut abend noch meinen Ollen kündigen und bei 'n Major zieh'«.

„Nischt zu machen," lacht Milie im Weg­gehen, „meinen Major jeb' ich nicht ab/

„Keene Frau, keene Kinder, teerten Hund, keenen Vogel," murmelt die dicke Minna vor sich hin, „wenn ’s doch mehr sone Stellen jäpe . . . denn hätte man ja weiter nischt auszu­setzen!

. nde.

Nr. 73.

ErsterZahrgang.

Sie Parlamente.

„Im Zeichen der Verlegenheit/ (Telegramm unseres Korrespondenten.) Wie uns aus dem Reichstag berichtet wird, wird jetzt auch in Regierungskreisen die Geschäftslage des Reichstags recht pessimi­stisch betrachtet. Man trägt sich bereits mit dem Gedanken, daß es kaum möglich sein wird, die großen Vorlagen vor den Neuwahlen noch unter Dach zu bringen. Der Etat dürfte aller Voraussicht nach bis zum ersten April verab­schiedet werden können. Die Regierung hegt neuerdings den Wunsch, zwischen Ostern und Pfingsten die zweite Lesung der Reich sver sich erungsordnung in Angriff zu nehmen. Es soll wenigstens der Versuch gemacht werden, diese Vorlage zu ver­abschieden. In parlamentarischen Kreisen steht man diesem Versuche allerdings sehr fleptisch gegenüber. Würde der Reichstag die Reichs­versicherungsordnung gleich nach Ostern bera­ten, so würde die Strafprozeßordnung ins Hintertreffen geraten. Bei der bisherigen Beratung der Strafprozeßordnung haben sich so viel Differenzpunkte zwischen der Mehrheit des Reichstags und der Regierung gezeigt, daß die Verabschiedung der Vorlage stcher mit großen Schwierigkeiten verknüpft sein wird. An eine Verabschiedung des Schiff- sahrtsabgabengesetzes vor den Neu­wahlen glaubt man in parlamentarischen Krei­sen nicht mehr, doch nimmt man mit großer Be­stimmtheit an, daß die elsaß-lothringischen Verfassungsgetetze einer befriedigen­den Lösung entgegengeführt werden können. Für die Abhaltung einer Herbstsession dürfte sich im Reichstage kaum eine Mehr­heit finden, zumal sich bereits um Pfingsten herum die Sachlage genauer überblicken lassen wird und man bereits das Schicksal bei Vor­lagen voraussehen kann. .w.

MiMretat und Parlament.

Reichstags-Sitzung vom 25. Februar.

Am Tisch beS Bundesrats: Kriegsminister von Heeringen und Kommissare. Der Mili­tär-Etat wird weiterberaten beim Gehalt des Kriegsministers.

Abg. Gans Edler zu Putlitz (kons.): Ich bitte den Kriegsminister, dem Luxus in der Armee wie bisher entgegenzutreten. Eine Bevorzugung des Adels in der Armee gibt es nicht. In Baden sollen Soldaten offen für die Sozialdemokratie agiftert haben: diese Blüte des Großblocks beweist, wie der Groß- block die Verhältnisse verwirrt. Ich bftte den Kriegsminister, die Augen offen zu halten.

Abg. Dr. Paasche (ttl.): Auch wir mißbilli­gen es, daß die Offiziere in offiziellen Erlassen vor den Parlamentariern gewarnt werden. Die Offiziere werden schon den nötigen Takt haben.

Die Stimme des Volks

müßte mehr gebört werden. Gewisse Traditio­nen in den Regimentern erkennen wir als be­rechtigt an, aber diese Exllusivität liegt nicht im Interesse der Armee. (Sehr wahr! links.» In Oesterreich war der Kommandeur des vor­nehmsten Kavallerieregiments bis zu seinem Abschied bürgerlich. (Hört! Hört! links.) Das muß auch bei uns gehen. Auch die Klagen we­gen Zurücksetzung jbet jüdischen Einjährigen hö­ren nicht auf. Aber bet Resolution bei Volls­partei können wir nicht zustimmen, weil sie zu allgemein gefaßt ist. Die immer wiederkehren- ben Klagen wegen der Grenzgarnisonen könn­ten durch geeignete Versetzungen behoben wer­den. Die Sparsamkeit wird nicht kon­sequent durchgeführt. Der kaufmänni­sche Geist sollte in den Militärbetrieben sich be­tätigen.

Abg. Brandys (Pole): Wir haben die Hee- rcsvorlage abgelehnt, um der Friedensidee zu dienen und gegen die fortdauernden Heeresver- stärkungen zu protestieren. Wir wünschen für katholische Soldaten katholische Offiziere und für die polnisch sprechenden Soldaten pol­nische, katholische Geistliche. Der Redner führt Beschwerde über militärischen Boykott gegen die Polen.

3n der Portierloge.

Skizze, von Zos.

„Die Lukassen," wie man sie in ihren Krei­sen nennt, oder auch „die Portiersche von Num­mer Achte" betreibt außer ihren beruflichen Pflichten noch das einträgliche Geschäft des Stellenvermittelns. Nicht offiziell. Wer aber etwas Passendes sucht, guckt rasch im Vorbei­gehen mal bei der Lukassen ’rein und erhält immer lohnende Auskunft.

Als ehemaliges feines Hausmädchen kennt sie den Rummel. Ihre heutige Stellung aber verleiht ihr Diplomatie und Weltklugheit. Es mit keiner Partei verderben . . . nicht Hetzen , . . nicht schüren . . . friedliche Ausgleiche!

Um den 15. herum geht es bei der Lukassen wie in einem Taubenschlag: »Man sachte, Kin­der, sachte/ mahnt sie, „ich habe das janze Buch voll von Stellen."

Und an jedem Ersten gibt e8 einen Ab­schiedsklatsch.

„Na, sollls losjeh’n, Minna?"

„Da oben bei Barons wäre ick nu jlücklich 'raus/ pustet die dicke Köchin, sich auf ihren Reisekorb setzend. »Zu empfehlen is die Herr­schaft jrade nich, Lukassen! Er immer mit'n Wichstopp (Zylinder), sie mft be Nerzboa bis an de Erde, die fünfhundert Mark kosten soll. Wovon ick aber keen Wort jlobe, denn die Dinger hängen for zehn Mark bei Jandorf. SBri&mtringe, bet es man so kracht . . . aber uff den Tisch ’nen silbern Kessel mit be billigste Teesorte und drei Harzer Käse for be ganze Mannschaft. Wat sagen Se bazu?"

»Ich kann eijentlich nich klagen," räuspert sich bte Lukassen, »mir hat sie ohne weiteres zwei Mark ieieben, als ich den jroßen Teppichs

Cssselrr Mruefte Nachrichten

Abg. Liebermann von Sonnenberg (Wirt­schaft!. Berg.): Die Sozialdemokratie hat nichts gelernt und nichts vergessen. Eine furchtbar ernste Mahnung ist die Bemerkung Noskes: »Unsere Leute werden schon in den Elternhäu­sern sozialdemokratisch erzogen und kommen so in bas Heer!" Aber hoffentlich wird man gegen sozialdemokratische Putsche mit bei Feueispiitze fertig werden.

Abg. Stückle« (Soz.) spricht über bas Volksheer. Offiziere, die Soldaten miß­handeln, sollten aus dem Offizierkorvs ausge- stoßen werden. Die preußische Disziplin ist nichts als Kadavergehorsam. Der Redner po­lemisiert gegen den Abgeordneten von Siebert. Der Kriegsminister hat den Biffingschen Erlaß als theoretische Studie bezeichnet. Vielleicht hat man an

einen Staatsstreich der Rechten gedacht. Wir marschieren unserem Ziele entge­gen, int Rahmen der bestehenden Gesetze.

Abg. Gothein (Vp.): Die Abrüstungsfrage wird nicht mehr von der Tagesordnung ver- schwinden. Wenn aus landwirtschaftlichen Ge­genden prozentual mehr Rekruten ausgehoben niedren als ans den Großstädten, so liegt dies an dem veralteten System der Reknttierungs- bezirke. Redner fordert eine Einschränkung der Zahl der Militäranwärter. Die besten Unter­offiziere sollten zu Leutnants gemacht werden. Tie schlimmste Disziplinlosigkeit ist die Miß­handlung Untergebener. Da war Herr von Einem ein anderer Mann als der jetzige Kriegs­minister, er nannte die Mißhandlungen eine Schmach für die Armee. Der Redner fordert die Oefsentlichkeit der Militärgerichtsverhand- lnngen, führt Beschwerde über die politische Be­einflussung der Reserveoffiziere und bedauert die Zurücksetzung der jüdischen Einjährigen. Man trage die Unwahrheit ins Ofsizierkorps, weil man es zwinge, mit allerlei Ausreden die üdischen Einjährigen zurückzuweisen. Er ver­lange auch für unsere jüdischen Mitbürger das Recht der Gleichberechtigung,

die Grundlage jedes Staats.

Kriegsminister von Heeringen: Ob die Ai- mee produktiv oder nichtproduktiv ist, daraus kommt es nicht an, die Hanpffacke ift: Was kostet ein verlorener Krieg? Man kann nm so weniger von einer Heberlattung spre- ck>en, wenn man die finanziellen Fortschritte im Volle ansieht. Das Volksvermögen vermehrt ich jährlich um fünf Milliarden. Unter rem Schutze seiner Heeresmacht konnte Deutsch­land so außerorderttlich aufblühen. Die Tüch­tigkeit vor dem Feind ist nicht von Adel oder Bürgerlichkeit abhängig. Die Hnannebrnlichkei- feit der Grenzgarnisönen suchen wir dadurch zu mildern, daß wir den Herren jährlich zu Sei­en in die Heimat Unterstützungen gewähren. Vielleicht empfiehlt es sich auch/ durch Verset­zung von Offizieren aus dem Generalstab oder anderen bevorzugten Stellen in flcine Garniso­nen Wandel zu schaffen. Irr der Bekleidung wirtschaften wir fo fparsam wie möglich.

Mr die eigentlichen Paradezwecke kommen auf den Kopf nur 12 Pfg. Ganz dür- eu Sie uns allen Glanz im Frieden nicht neh­men, wenn Sie die Jmponderabilität nicht ge­fährden wollen Daß zu einem Vortrag des Abgeordneten Sattmann über Kolonialpolifik 200 Soldaten eingeladen wurden, mißbilli­ge ich. In Zukunft wird Derarfiges vermie­den werden. Jede Verfolgung eines Reserve­offiziers wegen politischer Betätigung innerhalb der staatserhaltenden Parteien weise auch ich weit von mir. Hinsichtlich der Juden- rage ist die Rechtslage klar: Eine Zurückset­zung des Glaubens wegen ist ungesetzlich. (Zuruf links: Geschieht aber doch!) Der Kriegsminister geht auf einige vorgetragene Fälle ein. Es habe sich ergeben, daß die betref- enben jüdischen Offiziersaspiranten zum Offi­zier nicht geeignet waren. (Unruhe links und Zuruf: (Bequeme Ausrede!) Nun wird behaup­tet, baß fett 1885 in Preußen kein Jude Offi­zier geworden ist. Der Grund hierfür entspricht ganz sicher antisemitischen Regungen. (Leb­hafte Hört hört! links.)

Ich nnieiürcichc dick, daß ich das nicht billige. (Hört, hört! links.) Aber was soll geschehen? Man kann nur in je­dem speziellen Fall eingreifen, und das verspre­che ich auch heute. Antisemifische Neigungen sind den maßgebenden Stellen durchaus fremd. Die Aufgabe unserer Armee geht nicht dahin.

daß wir uns nach Straßenkämpfen fehnen. Die Sozialdemokraten verwirren ihre jungen Leute nur, sie sollten ihnen sagen: Geht in die Kaser­nen und tut Eure Pflicht! Die Regimentsjubi- laen zeigen das Verfiauensverhältnis zwischen ahannfdmft und Vorgesetzten. Ans dieser ge­sunden Grundlage soll es bleiben. (Beifall rechts.)

Abg. Linz (Reichsp.) stimmt den Resolutio­nen, die auf eine Förderung des gewerblichen Mittelstandes hinzielen, zu. Die Besetzung mi­litärischer Stellen darf nicht durch

konseffionelle und Standesrücksichten bestimmt tverden, sondern ausschließlich durch die persönliche Tüchtigkeit Das Duell ist ein ganz unberechtigter Akt der Notwehr, durch den jede Achtung vor Gesetz und Recht vernichtet wird Redner fordert wettere Stellen für Mili­täranwärter.

Abg. Raab (Wirtfch. 28g.): Auch Vorgesetzte werden durch Untergebene mißhandelt. Mir haben unsere Vorgesetzten oft durch passive Re­sistenz so geärgert, daß ihnen der Schaum vor dem Munde stand. Redner fährt fort: Die Ju­den seien ein unkriegerisches Volk und als Offiziere durchaus nicht geeignet. Ein anderes Volk hätte sich schon längst eine natio­nale Selbständigkeit wieder erkämpft, oder wäre untergegangen.

Ein Schlusiantrag liegt vor von den Abge­ordneten von Hertltng (Ztr.), Dr. Heinze (nl.) und Freiherrn r>on Richthofen (kons.). Abge­ordneter Dr. Wiemer (Volksv.) widerspricht bem Schluß antrag mit Rücksicht auf die eben ge­haltene Rede und droht, die Beschlußfähigkeit des Hanfes anzuzweifeln. Der Schlußanfiag wird daraufhin zurückgezogen und das Haus vertagt die Weiterberatung auf Monta g.

♦

AnterlaffungS'Sürrden.

(Telegramm unseres Korrespondenten.)

Wie unser parlamentarischer Mitarbeiter zur Frage der Privatbe- amten-Versicherung erfährt, sind vor der Veröffentlichung des Entwurfs nur Ver­handlungen mit Angestslltenverbän- den gepflogen worden, jedoch nicht mit Ar­beitgeberverbänden. Als Ende Ja­nuar der Entwurf der öffentlichen Kritik un­terbreitet wurde, wurde offiziös mitgeteilt, daß es »nunmehr an der Zeit sei, auch seitens der Arbeitgeberverbände Stellung zu diesem Ent­wurf zu nehmen". Dies war auch der eigent­liche Zweck der Veröffentlichung. Wenn nun- mehr der Bundesrat den Entwurf verabschie­den sollte, o hne auf die bei der'Kritik geäußer­ten Wünsche Rücksicht zu nehmen, und man etzt darauf verzichten würde, mit den Arbeitge­berverbänden zu unterhandeln, so würde das Schicksal des Entwurfs schon von vornher­ein besiegelt fein. Bisher hat die Regie­rung mit beit Arbeitgeberverbänden (obgleich die Lasten des neuen Entwurfs zur Hälfte von den Arbeitgebern getragen werden müssen) keine Verhandlungen geführt, man kann also erwarten, daß die Regierung wenig- tens die jetzt gegebenen Wünsche der Arbeitge­ber berücksichtigt Bis jetzt wurden bei allen wichtigen Entwürfen sämtliche Interessen­tenkreise gehört, beim Privatbeamtengesetz hat man indessen dem im polittschen Leben bedeut­samsten Grundsatz: „Audiatur et altera pars" bisher nur einseitig Rechnung getragen. -w-

Jas PMMM.

Rubrik: „Tas Publikum- stellt für die Redaktion der Oefsentlichkeit zum allgemeine« Meinungsaustausch zur Verfügung. Alls dafür bestimmten Gtofptbungen müssen oie genaue Adresse des Verfassers tragen (bet Name des Einsenders bleibt Redaktionsgeheimnts); auch können bei der Veröffentlichung nur Einsendungen sachlichen Inhalts be- rülkstchtigt werden und dis Redaktton übernimmt dafür nur die pretzgesetzliche Verantwortung.

„Schlammbad Rothenditmold."

In einem uns aus Rothenditmold zugehen­den Eingesandt wird u. a. ausgeführt: Heber* all werden Verbesserungen getroffen, in der Stadt selbst, ober in einigen Vororten, nur der Stadtteil Rothenditmold wird wie ein Stief­kind behandelt. Mit Recht hat man die Untere

ate. Allerdings mußte er fanft anjefaßt en, denn es is ’n echter Perser."

„Allens bloß Politik, wie mein Karl sich auszudrücken pflegt: damtt bet janze Hans von ben echten Perser erfährt, und nebenbei is et Schweijejeld. Denn wenn Sie reden wollten, Lukassen, kriejte be Jnädige iberhanpi feen Mä­del mehr."

„Ihren uejen Morjenrock müßten Se bloß seh'n, rauschig . . . bauschig . . . hinten nischt, vorne nischt. als wenn se Modell stehen wollte, wat se vielleicht friher jetan hat. Den janzen Tag hinjejossen uff de Chaiselonk, wo der elektrische Knopp driber is: „Minna, ist kein Fürstenbrunn im Hanse?"

„Ree, is nich. Keene Kohlen sind ooch nich mehr. Kartoffeln schon lange nick," sagte ich ziemlich patzig und brumme mir in de Küche über den hochherrschaftlichen Haushalt aus.

„Rach zwee Minuten bimmelt se wieder. Meder muß ick von be Arbeit weg und den Korribor lang, ber die reenfle Bierstrippe is, und vor be Chaiselonk andanzen. »Minna, wir haben heute abend Tischbesuch. Besorgen Sie eine Poularde, eine Büchse Tomatenpuree, En­diviensalat! Aber nur erstklassige Ware!"

»Schön/ sage ick und warte . . .

»Wenn der Herr Baron aus Pafis zurück- komrnt, sollen bte Rechnungen präsentiert wer­den."

»Is er denn in Pafis?" fragte eine neu Hinzutretenbe.

»In Parks bei Wriezen an der Oder, wo 'n Onkel von ihm ’ne Brauerfi hat. Der hat schon öfter bet europäische Jleichjcwicht wieder her- gestellt. De Wriezener Bfiewe kenn’ ick nämlich schon von außen. Ree, Lukassen, wenn Se ooch zwee Mark for den ollen Perser jekriegt haben."

»Da kommt ja Pauline!"

2. Beilage.

Dienstag, 28. Februar 1911.

Wolfhagerstraße m Rothenditmold als Schlammbad bezeichnet. Aber auch ber Weg welcher Rothenditmold mit bem westlichen Stabfi teil Cassels verbinbet (die sogenannte Philippi- straße) ist surchtbar schlecht, und ist es unver­ständlich, warum hier keine Abhilfe geschaffen wird, wir sind doch Steuer zahlende Bürger. Unter den schlechten Wegeverhältnissen haben besonders die Hausbesitzer zu leiden. Erst kürzlich haben wieder zwei Herren (welche mit ihren Angehörigen in Rothenditmold wohnen) geäußert, daß sie wieder aus diesem Stadtteil ziehen würden, da sie nicht länger in dem „Ro- thenditmolder Schlamm" Herumlaufen wollten Diese Herren sind im Casseler Westen beschäf­tigt und müssen diesen unangenehmen und schmutzigen Weg täglich mehrmals gehen. Und so werden die Rothenditmolder Hausbesitzer einen nach dem anderen ihrer guten Mietzah- ^ verlieren. Es muß von maßgebender Stells Aohilfe geschasst werden. Nicht allein die Ro- thenbitmolder (welche im Wetten Cassels be- schaffigt sind) haben diese Wege zu geben, son- dern auch die in Cassel und allen umliegenden Dörfern wohnenden Beamten, welche in Ro- thenditmolder Fabriken beschäftigt sind. Der größte Straßenteil (von der Brücke vor bem Tannenwälbcken bis zum Fuße ber Iute-Spin- nerei unb -Weberei) hat auch noch ben Nach­teil, baß burch ben so hoch aufgeworfenen Berg der Bahn es kaum möglich ist, daß auf die Her gelegene Straße ein Luftzug kommen kann, wo­durch sie um fo länger feucht bleibt. Auch wird durch diesen fo hoch aufgeworfenen Berg abends bas Licht genommen, welches doch früher von den Bogenlampen der Bahn gespendet wurde, so daß dieser Straßenteil jetzt völlig dunkel ist. Es ist nötig, endlich mal die schon so lang angefangene Straße zwischen den Mees- schen und Kösterschen Häusern zum Ausbau zu bringen. Richt allein, daß die Passanten da­durch einen angenehmen, besseren und nicht mehr so umständlichen Weg zu gehen haben würden, sondern: der westliche Stadtteil Rot- thenditmold würde durch dieser, neuen Weg erst aufgeschlossen, was im Interesse der Steuerzahler Rothenditmolds mit großer Freude zu begrüßen wäre.

Mehr Reklame, bitte ...!

Im Anschluß an die unter dieser Heber­schrift veröffentlichte Stimme aus bem Publfi kum erhalten wir folgende Zuschrift: Die Deut- V°.?5"dwirtschaftsgesellschaft sucht den burch Ausfall des Klauenviehs voraussichtlich entfte* henden Minderbesuch der Ausstellung auf alle möglichen Arten zu heben, hauptsächlich burch vermehfie Reklame in allen Gauen Deutschlanbs. Seit Monaten ist die Gesell- schäft in Verbinbung mit bem Stadtverkehrs- amt am Werke, durch die verschiedensten Wer­bemittel auf die Casseler Jubiläumsausfiell- ung hinzuweisen. Zu diesem Zwecke sind zu- nächst 50 000 Plakate unb eine halbe Million Verschlußmarken hergestellt worden, die nach einem einheitlichen, erprobten Plane verteilt werden. Mit Hntefitiitzung der tadfischen Behörde wird ferner eine Sondernum mer ber Leipziger Illustrierten Zeitung, die illustrativ und textlich hervorragend ausgestattet werden soll, als Jubiläumsnummer noch vor der Ausstellung herausgebracht werden; die Auslage dieser Festschrift beträgt 50 000 Exem­plare In ben »Mitteilungen ber D. L. G/, die regelmäßig wöchentlich in 20 000 Eremplaren berfanbt werden, wirb in einer Reihe von Ab­handlungen auf die Ausstellung unb bie Stadt Cassel verwiesen. Schließlich werden vom April ab dreimal je 10 000 Propagandabefte in Stadt und Land verbreitet. Diese Hefte, die vom Stadtvefiehrsamt vorbereitet werden, sind besonders berufen, für die Ausstellungsstadl Cassel Besucher zu werben. Namhafte Autoren haben Abhandlungen über bie hessische Land- chaft, Volkstrachten, Naturdenkmäler. Parkan­lagen, wifischastliche Entwickelung Cassels, feine Sehenswürdigkeiten und dergleichen zugesagt. Noch nickt veröffentlichte Landschastsbilber unb Stabtansichten werden nach den Originalen von Casseler Künstlern in Dreifarbendruck repro­duziert. Es foll nichts unversucht bleiben, Cas- el als Ausstellungs- und Kongreßstadt in das gebührende Licht zu setzen; Sache der Einwoh­nerschaft muß es sein, dafür einzutreten, daß die persönlichen Eindrücke das in Wort unb Bilb Gesprochene nicht abschwächen. -ss-