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Nummer 70.

1. Jahrgang.

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hessische Mendzeitung

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Freitag, den 14. Februar 1911

Fernsprecher 951 und 952.

Seele uni) Leben.

Der Kaiser und dieFreiwilligen des Todes".

Der Infanterie-Hauptmann H a ns Grq Pfeil und Klein-Ellguth, der zwei Frauen das Dasein vergällt hat, gehört dem Heer nicht mehr an, und über die Sünden seiner Tage hat die bürgerliche und militärische Ge­rechtigkeit ihr Urteil gesprochen. Daß der Mann, dessen Tun selbst dem Psychologen un­lösbare Rätsel aufgegeben hat, in den Reihen der deutschen Armee nicht mehr Raum haben durfte, konnte nach der Beweisaufnahme in zwei peinlichen Prozessen nicht zweifelhaft sein und man empfindet deshalb die durch er­schwerende Umstände verschärfte Verabschiedung als natürliche und notwendige Konsequenz der Dinge. Dessenungeachtet erscheint aber auch heut noch manche Stelle in dieser Menschen- tragödie düster und ungeklärt, und mau darf bei der Beurteilung des Falles nicht außcr- acht lassen, daß im Pfeil-Prozeß im Mittel­punkt der Scene menschliche Leidenschaften von beiden Seiten zusammenbrandeten und daß hysterische Erregung auf der einen, erstickender Groll auf der andern Seite die Gemüter stachelten. Im tollen Wirbel der Ereignisse, unter den Einwirkungen einer auch stärkre Seelen quälenden Hetze hat mitten im Spiel der Scene der Hauptmann Graf von Pfeil einen Selbstmordversuch Wernommen: Set's in der Erkenntnis begangener Schuld, sei"« unten» Druck seelischer Depression nach glühend geschürten Errcgungsstunden.

Das Ziel ward indessen nicht erreicht, und die Laune des Zufalls riß den vorm Leben Fliehenden im letzten Augenblick vom Abgrund der Ewigkeit zurück. Später dann, als hinter dem Schuldigen alle Brücken dröhnend zu- fammenbrachen, entdeckte man auf der. Suche nach Gerechtigkeit auch dieses düstre Moment­bild auS einem Dasein verhängnisvoller Irrungen, und da Hans Pfeil in der Stunde, da er die Hand auf die Türklinke zur Ewigkeit legte, noch des Königs Rock trug, und dem Gesetz , militärischen Ehrenrechts unterstand konstruierte der Ankläger der Ehrenwacht aus dem Faktum des Versuchs freiwilliger Lebens­endung das Verschulden des FabneneidbruchS. der durch den Anschlag wider das eigne, durch feierliches Gelöbnis dem obersten- Kriegsherrn verpfändete Leben schwer verletzt worden sei. Zu einem Spruch der Gerechtigkeit ist es wegen dieses Anklagepunkts zwar nicht gekommen, der Vorfall hat indessen dem Kaiser Anlaß gegeben, in einer bcsondern Kabinettsordrs fvom achtzehnten Oktober neunzehnhundert- zehn; der teilweise Wortlaut ist soeben von einer Berliner Wochenschrift veröffentlicht worden) die Frage der militärischen »Treue biS zum Tode" vom Standpunkt reinen Menschlichkeit-Empfinden aus zu klären.

Der Deutsche Kaiser bat cs nicht gebilligt, daß wegen des Vcrzwciflungsschritts einer dunklen Stunde wider den Hauptmann von Graudenz ein ehrengerichtliches Verfahren ein­geleitet ward: Er steht auf dem Standpunkt, daß »eine solche, wider Leben und Sein ge­richtete Tat der am Erdendasein Verzweifelnde vor Gott und seinem Gewissen zu ver­antworte» habe", und daß das Leben keine rechtliche Handhabe besitzt, die auf der Flucht vor seinen Sorgen Strauchelnden für den Frevel am eignen Leibe zu strafen. Der Kaiser, ein unbedingter Lebensbejaher, bekennt sich also zur Auffassung des rein-menschlichen Empfindens, daß ein aus den Röten und der Verzweiflung des Daseins heraus der Furcht vorm Tode abgerungner Selbstmord ein Pro­dukt der Scclenstimmung und des GcwissenS- kampfs ist, das man wohl bedauern und (menschlich mitfühlend) bellagen, nicht aber alS Verbrechen wider des Lebens Pflichten dem am steinigten Pfad des Daseins müd Gestrau­chelten als sühneheischende Schuld aufbürde» kann; es sei denn (wie's in der Kabinetts­ordre heißt) »daß besondere Rebcnumstände dies erheischen". Wilhelm der Zweite hat damit ein erlösendes Wort gesprochen, und die vergeistigte Moral-Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts gebietet, daß dies Kaiserwort auch dort gehört wird, wo DogmenschroffheU und menschliche Selbstgerechtigkeit an der starren Erdenhülle armer KampfeSopfer vom Schlachtfeld des Lebens kühlen Herzens dem Mitleid den Eintritt wehren.

Die »Flucht vorm Leben" endet immer eine Menschentragödie, und ob der Tod durch die niedre Tür der Armuthütte oder durchs Portal des Prachtpalasts von der Ver­zweiflung gerufen wird: Er kommt immer alS Erlöser, und immer nimmt er eine Seele von hinnen, die in der Lohe innern Kampfs verglühte. Um den Fall des Haupt- mannZ von Graudenz (über den iuLwischen M

Akten geschloffen werden konnten) festzuhalten: Der Mann an sich verdient gewiß nicht Mitleid; er selbst hat hilflosen Frauen gegen­über kein Mitleid empfunden und die Zartheit deS Empfindens ist seiner Seele stets ftemd geblieben. Der Mann aber, den die Rache der Mitwelt durch die Straßen hetzte und den der Zorn der Menge des Diebstahls bezichtigte, als er, ein von den Furien der Scham Ge­jagter, im CafshauS die Zeitungen vernichtete, in denen der Name Pfeil am Pranger er­schien: Der dann schließlich im Meer der Ver­zweiflung Versinkende rührt auch an's harte Herz, als er, vom Unheil niedergerungen, sich anschickt, den Sprung ins Tal des Todes zu wagen. Und wie wenige stnds aus der düster» Schicksalzahl der »Freiwilligen des Todes», deren Dasein vom Fluch eigner Schuld so schwer beladen war. wie das des Haupt­manns Pfeil, als sie matt und müde vom Leben schieden! Sicher: Die Tat wide- das Leben, das der Mensch nicht aus eigner Kraft erwirbt, ist ein Schritt, den der Frevelnde vor Gott und seinem Gewissen wird verantworten müssen; aber das Leben selbst hat kei" Recht, dem vor ihm Fliehenden den Makel des Ver­brechens anzuhaften, und die Nächstenliebe nicht die Aufgabe, den Flüchtigen zu ächten und seines Daseins armseligen Erdenrest der Würde des Todes zu entkleiden. Das ist's auch, was das Kaiserwort vom achtzehnten Oktober scharf charakterisiert: Die Stimme der Menschlichkeit, die aus ihm spricht, und die es verdient, gehört zu werden! **

Nach dem Sturm.

Die Wcttettatastrvphen der letzten Tage. (Telegraphische Meldungen.) Der furchtbare Sturm, der in den letz­ten beiden Tagen Mittel- und Nord­europa heimgesucht hat, hat in manchen Ge­genden größern Schaden angerichtet, als sich im ersten Mgenblick übersehen ließ. Nament­lich auf See sind durch den Sturm zahl­reiche Unglücksfälle verursacht worden und über eine Anzahl von kleineren Fahrzeu­gen, die vom Sturm jedenfalls verschlagen worden sind, fehlen noch alle Nachrichten, sodaß zu befürchten steht, daß auch sie dem Un­wetter zum Opfer gefallen sind. Uebcr die Wirkungen der Sturmkatastrophen liegen uns folgende Meldungen vor.

Eschwcgc, 23. Februar. (Telegramm.)

Das Werratal ist in der Nacht zum Mittwoch und während des ganzen gestrigen Tages von einem furchtbaren Sturm heirnge- sucht worden, der bis nach Thüringen hin arge Verwüstungen angerichtet hat. Dabei fiel der Schnee so stark und dicht, daß binnen einer Stunde fußhoher Neuschnee lag. An den Stelle», wo noch alter Schnee im Gebirge lag, ist eine meterhohe Schnee­lage. Im Schnee umgekommen ist zwischen Spangenberg und Rctterode eine im Alter von fünfzig Jahren stehende Frau Ulk- r i ch, die sieben Kinder hinterläßt. Die Frau hatte ihre Schwester besuch^ und hat sich auf dem Heimweg verirrt.

Hamburg, 23. Februar. (Privattelegramm.)

Der Sturm drehte sich gestern abend gegen zehn Uhr, so daß man eine Sturm­flut erwartet. ES liegen wieder Mel- düngen über mehrere Schiff-Unfälle vor. Der holländische Dampfer »Prinzeß Juliane» ist gestrandet, und das Ham- Bürget Schiff »Welgunde», sowie mehrere Schoner sind beschädigt in Cuxhaven ringe- laufen. In schwerem Sturm überrannte der Flensburger Dampfer »Condor" den dä­nischen, nach Kiel bestimmten Segler »S y k - kensproeve". Der Segler sank, die Mannschaft konnte nach längeren Bemühun­gen gerettet werden. Der »Shftensproeve» gilt als verloren.

Christiania, 23. Februar. (Privattelegramm.)

Der furchtbare Schneesturm, der am Dienstag und gestern die ganze westliche Küste von Norwegen heimgesucht, hat nun­mehr seinen Höhepunkt überschrit­ten und ist im Abflauen begriffen. Der Schnee liegt über einen Meter hoch. In Chriftiausand befand sich die ganze Fi- fchereiflottille während des Sturmes auf dem Meer. Sie ist bisher noch nicht heimgekehrt und man befürchtet den Verlust vieler Menschenleben. Die Trümmer eines Fischerbootes sind bereits an den Strand ge­spült worden, ebenso die Leichen seiner sie­be» Man» starken Besatzung, die sämtlich Familienväter waren.

Auch aus de» französische» und englische» Häfen lausen Unglücksnachrichte» über schwere Schiff sunfällc ein, die sich während der beide» SturmtLse etrimvi hab es. Ws» be­

furchtet, daß einige Segelschiffe, die sich zurzeit des stärksten Sturms auf der Fahrt über den Kanal befanden, im Sturm mit Mann und Maus untergegangen sind. Auch zahlreiche französische Fischerboote, die sich im Sturm auf See befanden, werden ver­mißt und sind wahrscheinlich im Sturm ge­scheitert.

Das Duell der Exzellenzen.

Das Intermezzo im ruffischen Reichsrat. (Von unserm Korrespondenten.)

Wie wir schon kurz telegraphisch berichtet haben, ist es an einem der letzten Tage im russischen Reichsrat (der etwa dem Kronrat in Preußen entspricht) zu einem hef­tigen Zusammenstoß zwischen dem früheren Ministerpräsidenten Grafen Witte und dcm ehemaligen Landwirtschaftsminister S t i- chinski gekommen. Als Stichinski erklärte, daß Graf Witte die Tatsachen der jüngsten Vergangenheit unrichtig beleuchtet hätte, rief ihm Graf Witte von seinem Platz aus zu: Das ist unwahr! Sie sprechen die Un­wahrheit! Sie sauge» sich alles aus den Fingern!" Die unausbl-"-"^- Folge dieses Zusammenstoßes war, daß Stichinski dem Grafen Witte eine Herausforderung zum Zweikampf schickte. Die Aufregung in den Streifen der Petersburger Gesellschaft ist deshalb keine geringe. Zu dem Vorfall schreibt uns nun unser Korrespondent aus

Petersburg, 21. Februar.

Viel interessanter noch als der persön­liche Zusammenstoß der beiden Minister war der Verlauf der kritischen Reichsrats­sitzung an sich, der dem Grafe» Witte Ge­legenheit gab, seine Stellung zur S e l b st Herrschaft in klaren Worten zu charakte­risieren. Auf der Tagesordnung stand die Frage der Einführung der Landschaftsinsti- tutionen in den Westgouvernements, und die Debatte drehte sich in der Hauptsache um die Frage, ob die Bauernschaft politisch reif genug ist, um an der landwirtschaftli­chen Selbstverwaltung teilzunehmen. Graf Witte hat bekanntlich während seiner ganzen Amtszeit den Standpunkt vertreten, daß die Bauern zu ben Landschaften herangezogen werden müssen. Stichinski machte nun dem Grafen Witte den Vorwurf, daß er ohne genügende historische Grundla­gen nachzuweisen versucht habe, daß die die Idee der landschaftlichen Selbstverwal­tung mit der Selbstherrschaft des Zaren un­vereinbar sei. Graf Witte erwiderte daraus folgendes:Infolge dieser Erklärung muß ich sagen, daß ich es wirklich für ein Axiom gehalten habe und halte, daß die Entwick­lung der örtlichen landschaftliche» Selbstver­waltung unvermeidlich zur Beschrän­kung der Selbstverwaltung führen wird. Aber natürlich wird man mir sagen: Ja, Sie haben doch beinahe die erste Rolle in dem Streben gespielt, im ^ahre neun« zehnhundertfünf die Selbstherrschaft zu be­schränken! Ich halte mich nicht für berechtigt, diese Frage zu bejahen ober zu verneinen. Darüber wirb die G es ch i ch t e sprechen. Aber eins, meine Herren, will ich Ihnen sagen: Wenn die Geschichte sagen wird, daß ich in dieser Sache eine Rolle gespiett habe, so wird sie es nicht vergessen zu sagen, daß dies in jedem Falle nicht dazu geschah, um Eine Oligarchie zu schaffen. Es ist nichts empörender, nichts beleidigender als die Beschränkung der Selbstherrschaft nicht für dar Volk, sondern für ein Häuflein von Personen. An der Schäftung einer solchen Sachlage bin ich nicht schuld. Ich, meine Herren, war niemals und werde nie­mals für die Starken sein. Mich vor de» Vermächtnisse» unserer großen Selbstherr­scher in Ehrfurcht beugend, war ich immer und werde ich bis zum Grabe nicht für die Starken, sondern für d i e Schwachen sein . . . für das russische Volk. Ich bin gegen das vorliegende Pro­jekt auch deshalb, weil man unter bet Flagge des Patriotismus bestrebt ist, im Westgebiei statt der zarischen Gewalt eine örtliche Oli­garchie zu schassen, unter empörender Mißachtung bet russischen orthodoxe» Bauern."

Zu ber Duellaffäre berichtet uns ein Telegramm unsers Petersburger Korrespondenten: Es ist »och nicht be­kannt geworden, ob Gras Witte die Forderung Stichinskis angenommen hat; es erscheint aber wahrscheinlich, daß dies geschehen wird, trotz dem von einflußreicher politischer Seite ver- ncht worden ist, die Gegner zu ve r f ö b n e n. Stichinski hat die daraus abzielenden Bemü­hungen schroff zurückgewiesen und er- Härt daß er von Witte unter allen Umständen

Genugtuung mit der Waffe in der Hand verlange. Unter diesen Umständen scheint der Austrag des Duells unvermeidlrch zu sein und man erwartet, daß der Waffe» gang bereits morgen statftinden wird.

Reminiszenzen.

Aus Kaiser Friedrichs Leidenszeit.

(Von unserm Korrespondenten.)

Petersburg, 21. Februar.

Die seit kurzem in Petersburg erscheinende Revue contemporaine" veröffentlicht einTa­gebuch einet russischen Dame", die sich im Jahre achtzehnhundertachtundachtzig am BerlinerHofe befand, und aus ber bamu« ligen, für Deutschlanb so schicksalsschweren Zeit manches interessante Moment aufgezeichnet hat, bas bteZeit ber Heimsuchung" scharf charakte­risiert. Die Zeugin ber Leibenstage Kaiser Friedrichs berichtet unter anberm:

Der kranke Kaiser

genoß bekanntlich sowohl im Volke wie beim Heer unbegrenzte Verehrung, und bie Berliner, hingerissen von der staunenswerten Geduld, mit der ber Kaiser seine Leiden ertrug, verfolgten mit Teilnahme und Unruhe die Krankheit des­jenigen, den sie liebevollUnseren Fritz" nann­ten. Einst hatte sich vor dem Schloß in Char- lottenburg eine Menge angesammelt, um den Kaiser zu feben; unter ber Menge befanb sich eine Dame, ber enblich der glückliche Gedanke kam, unter den Anwesende» Geld zu sammeln, um alle Veilchen zusammenzukaufen, die in ber Nähe zu haben waren, unb sie bem Kranken darzubringen. Die Dame trug sie ins Schloß und wurde vom Kaiser empfangen. Sie nahm als Andenken

ein Stückchen Papier

mit, auf dem der arme Kranke feinen Dank zum Ausdruck gebracht hatte. Hofmarschall Perponchcr erzählte, ber Kaiser schreibe rasch unb sehr unleserlich; zuweilen sei es schwierig, baS Geschriebene zu lesen, doch könne manch­mal ans ben Lippenbewegungen erraten werben, was er habe sagen wolle». Dies glückte ein­mal bem Fürsten Anton Radziwill: der arme Kaiser war so froh, daß rtan ibn verstanden hatte. Wie mußte es ihn aufregen, daß er nicht reden konnte! So beliebt der kranke Kaiser war, so unbeliebt war (nach den Aus­zeichnungen ber Tagebuchverfafferini die Kai­serin Viktoria, obzwar sie den kranke» Gatten aufopfernd pflegte. Die Reise der Kai­serin nach Posen, die sie sofort nach ber Thron­besteigung unternommen batte, rief eine ganze Reihe von Aeußerungen der Unzufriedenheit in ber

Berliner höher» Gesellschaft

hervor. Die Frau bei Professors Helmholtz, Frau Lehde» und noch eine Dame ihrer Kreise hatten den Einfall, ber Kaiserin eine Art Lob­schein ober Adresse voll überströmenden Lobes, von deutschen Damen unterzeichnet, überreichen zu wollen: von ben Aristokratinnen wollte in« besten keine einzige die Adresse unter­schreiben; aus allen Häusern, in die man sie trug, wurde die Adresse ununterschrieben zu- rückqeschickt. Es fanden sich insgesamt sechs­tausend Dame» (meistens bürgerliche), die zur Unterschrift bereit waren. Viele Damen Ware» derart gegen die Kaiserin aufgebracht, daß sie bestritten, die Kaiserin sei imstande, ihren Gat­ten gut z» pflegen. Man habe den Schwerkran­ken förmlich geauält, als man darauf bestanden habe, daß er sich

dem Volke zeige und ausfahre, unb selbst im Charlottenburger Schloß habe et keine Rübe gehabt wegen der englischen Arbei­ter und Architekten, die für die Ankunst der Königin Viktoria von England bie Gemä­cher der Königin Luise herrichteten. Diese Räume, an die sich so viele Erinnerungen knüpfen, unb die man wie Reliquien beilig hält, wurden damals neuhergerichtet und instand er­setzt. Im Volk betrachtete man das als Profa­nierung. Alles wurde von Unterst zu oberst ae- kehtt, und dos morsch gewordene Bett der Königin Luise aing in Stücke, als man es von der Stelle rückte. Die Berliner und alle Leute des alten Regimes waren wütend. Ende April ging es bem Kaiser schlechter, unb man fürchtete eine Lungenentzündung durch Erkäl­tung. Sei» Befinden war einige Taae schlecht, und Dr. Bergmann sagte der Kaiserin, man sollte ein Bulletin herausgeben. Die Kaiserin (heißt es dann weiter) wurde zornig,

zerriß daS Bulletin

und erklärte:Ich fahre mit dem Kaiser zut Stadt, das wird das beste Bulletin sein". Hier­auf fuhr das Kaiserpaar bei ziemlich kaltem Winde zwei ganze Stunden hindurch im Wa­gen spaziere». Der durch die begeisterten Grüße des Volkes erregte Kaiser hielt sich gerade, ohne sich an bie Kissen zu lebnen. und mit einem Lä­cheln erwiderte er bie Gruße; als jedoch Ebar- lottenburg passiert war, warf er sich erschöpft und ganz b l e i ck in ben Fond bes Wagens zurück. Die zu sehr ausgedehnte Fahrt batte den Kranken so ermübet, baß der zu ibm geru­fene Professor Lenden sagte:Tas war zu viel; her Raffer kann eine so lanae Fahrt nicht ver-