er «ar keine. Auch konnte die Margotte den Verlust verschmerzen.
Sie war eine alte Jungfer von beinahe fünfzig Jahren; ihre braune Haut sah aus, als ob sie in der feuchten Stickluft der Vieh- und Hühnerställe schimmlig geworden sei. Sic war ein wenig einfältigen Wesens. Ihre Musselinhaube bedeckte stets schlecht gekämmtes Haar, das unordentlich zu einem Knoten geschürzt war und sich ausnahm, wie eine Schnecke auf einem Spargelkopfe. Sie war ein unermüdliches Arbeitstier. Seit fast einem Vierteljahrhundert (so lange lief sie sich schon auf dem Pachthofe la Plauderie die Beine ab) hatte man sie niemals auch nur einen Tag feiern sehen. Ihre Ersparnisse waren beträchtlich. Mit einigem Stolz pflegte sie zu sagen, wenn darauf angespielt wurde:
.Jawohl, wenn Ihr nichts dagegen habt, der Staat ist mein Schuldner . . ."
Was sie nicht dem Staat anvertraute, verbarg sie in ihrem Strohsack. Pierre Moing hatte kürzlich ihr Geheimnis entdeckt, als er eines Morgens sie durchs Schlüsselloch in ihrem Verschlag belauscht hatte; seitdem war seine Lüsternheit nach ihrem Sparschatz so sehr gestiegen, daß sie ihn sogar im Schlaf verfolgte ...
Jetzt war'S geschehen. Die so geschickt gestohlenen zwanzig Louis vermchtten seinen eigenen Barbestand erklecklich . . . Sicher — die Margotte würde eines Tages den Diebstahl entdecken . . . Aber wann? Wenn sie das Bettstroh erneuerte? Und selbst wenn sie eS am nächsten Tage bemerkte, würde ibr Verdacht nickt auf ibn fallen. Sie hatten stets im besten Einvernehmen gelebt. Die Viehmagd hatte sogar eine Art mütterlicher Zuneigung zu dem Burschen gefaßt, die sich in allerlei Fürsorglichkeiten äußerte:
»Vergiß deine Kapuze nicht . . . Zieh' trockene Schütze an .. Komme doch zum Feuer, ich habe es für dich gemacht. . .*
Manchmal brachte sie unter ihrer Schürze eine Flasche kalten Kaffee und ein paar Bissen vom Abend vorher: »Da. das wird dir gut schmecken."
Und Margotte sollte Pierre Moing als Dieb berichtigen?--Ab bab!----
Er hatte gerade seine paar Habseligkeiten in eine alte Hirtentasche, die nicht mehr gebraucht wurde, gepackt, als ein Geräusch an der Tür ihn ausfahren ließ. Hastig drehte er sich um und erblickte die Margotte, die, mit gesenktem Antlitz voll aufrichtiger Betrübnis auf ihn zukam:
»Da, Pierre, ein Wollhemd und drei Paar Strümpfe, sie werden dir diesen Winter gut tun. Ich habe sie auf dem Felde gestrickt und für dich aufbcwahrt bis zu deiner Abreise . ."
»Danke!" sagte er mit erstickter Stimme.
»Du brauchst keine Bange zu haben beim Regiment, weil du eine Waise bist, daß du dich nicht mit deinen Kameraden vergnügen könntest ... Du bist jung, genieße die Jugend. Jeden Monat schicke ich dir zehn Franken — wird das genug sein?"
Eine unbeschreibliche Unruhe überfiel ihn. Das Blut schoß ihm hinauf bis in die Schläfen, durch den ganzen Körper. Er zitterte und seine Stimme verschleierte sich, als er mit vieler Mühe die Antwort stammelte:
»Ja, . . . sicher . . . wird das genügend"
»Dann gib mir einen Kuß und vergiß die arme, alte Margotte nicht . . . Ich bettachte dich wie einen Sohn, weißt du? Allerheiligen waren es fünf Jahre, seit du auf den Pachthof kamst... Du warst so blaß und abgemagert. Deine Suppe verschlangst du mit den Augen, noch ehe ich sie dir vorgesetzt hatte ... Na, üofsenttich wird der Dienst dir nicht schwer. Wenn du Verdruß hast, denke daran, wie lieb ich dich habe, und daß alles sich gibt . . .*
Die großen Hände der Magd legten sich dem Burschen auf die Schultern, ein Kuß schallte . . .
»Herrgott, tut der Abschied von dir mir weh! Ich treibe die Schafe aus das Stoppelfeld, wenn du einen Umweg dorthinüber machen kannst, werde ich dich noch einmal umarmen!"
Gekrümmt, gebeugt, stumpf vor Schmerz, fast schluchzend sah Pierre sie den Speicher verlassen. Und plötzlich fühlte er sich von zehrender Reue befallen. Spontan begriff er die unendliche Zuneigung, die diese treue Seele so rein, so ohne jeden Hintergedanken für ihn hegte, die keine andere Quelle hatte, als große, angeborene Güte. Mechanisch starrte er auf das Hemd und die Strümpfe, die in ibr»" i
Maschen einen Hauch von Gesundheit, von Wohlbehagen, von Leben zu bergen schienen. Ah, die Mußestunden Margottes waren nicht lang! Wie emsig hatten ihre Finger die Nadeln klap- pern lassen müssen! . . . Sicher hatte sie schon seit Frühjahr daran gestrickt, seit Frühjahr schon für ihn gesorgt!
Und er, Pierre Moing, hatte ihr soeben zwanzig Goldstücke gestohlen. Die Frucht ihrer Arbeit eines ganzen Jahres. Zum Dank für so viel dargebrachte, empfundene, erwiesene, verschwendete Güte hatte er heimlich den Sttohsack ihres Bettes durchwühlt und lange Finger nach dem Spargut des armen Weibes gemacht! Wie infam erschien ihm jetzt sein Diebstahl! Fast stumpfsinnig, erloschenen Blickes, matt, energielos und zitternd starte er vor sich hin . . . Purpurne Röte färbte seine Stint, verbreitete sich ihm über Schläfe» und Wangen. Rein! Wahnhastig, wenn man darüber nachdachte, war es nicht zu entschuldigen, es war einfach abscheulich! ...
Hastig stopfte er Hemd und Strümpfe in die braune Leinentasche und verließ eiligst die Mansarde. Die Pächtersstau war noch nicht aufgestanden. Er schritt über den Hof, durch den Stall, drang in den Schuppen . . . Die zwanzig Goldfüchse kamen wieder an ihren Platz. Dann schritt der Rekrut, die Tasche übergehängt, durch die graue Dämmerung, durch die soeben ein schwacher Sonnenstrahl drang . . . Fast gleichzeitig mit der Margotte kam er auf dem Stoppelfeld an.
»Margotte", sprach er, »da du mir nun einmal Adoptivmutter sein willst, hier sind meine Keinen Ersparnisse . . . Ich habe nur soviel mitgenommen, als ich für die Reise brauche und für einen Willkommentrunk für die Kameraden."
Tie Augen der alten Margotte leuchteten hell auf. Dann schossen Tränen über sihre verwelkten Wangen, die Stimme schlug ihr vor Rührung um:
»Mein lieber Junge! . . . Du berettcst einem armen Mädchen, wie ich bin, zu viel Freude! Geh' ohne Kummer! Wenn du zurückkommst, sollst du über alles, was wir beide haben, verfügen, ich verspreche es dir!"
Ende,
Nr. 69.
E r ster Jahrgang.
Sie Parlamente.
„Der Tag der Juristen."
(Von unserm parlamentarischen Mitarbeiter.)
Berlin, 22. Februar.
Die wettergebräunten Männer von der Scholle, die ihre Anwesenheit in Berlin gelegentlich der landwirtschaftlichen Tagungen nach Möglichkeit nutzbar zu machen bestrebt sind und auch die Gesetzgeber an der Arbeit sehen wollten, kamen gestern bei der allgemeinen Justizdebatte im Reichstag einigermaßen auf ihre Kosten. Denn sie hörten aus dem Munde scharfsinniger Juristen pointierte Glossen zu Sensationsprozessen der neuern Zeit. Man braucht nur die Namen Fürst Eulenburg, Frau Schönebeck-Weber, Rittergutsbesitzer Becker zu nennen, um anzudeuten, worum es sich bei den »Aeußerungen der Vollsstimme" handelte. Abgeordneter Dr. Beltz er vom Zentrum, selbst Richter von Beruf, fand als erster scharfe kritische Worte im Sinne des öffentlichen Rechtsbewußtseins, aber auch gegen einen gefährlichen Feind der Jugend: Die Schund- und Schmutzliteratur, gegen die man endlich mit wirksameren Massen vorzugehen beginnt. Eitel Mißstände spiegelten sich in der großen Anklagerede des sozialdemokratischen Abgeordneten Dr. Frank. »Klassenjustiz", »Rechtspraxis mit doppelter Buchführung", »Knebelung der sozialdemokratischen Jugendorganisationen", »Moabiter Allerlei", „Klassencharakter des Vorentwurfs zum neuen Strafgesetzbuch": Diese und andere Schmerzen rauben dem badischen Rechtsanwalt und seinen politischen Freunden die Möglichkeit des Behagens. Doch eine trostreiche Gegenrede des Staatssekretärs Dr. Lisco blieb nicht aus, beruhigend zumal in ihrer leidenschaftslosen Sachlichkeit. Dagegen rief die temperamentvolle Art des Reichsparteilers Dr. V a h r e n h o r st, mit der er gegen die Kritiker der Linken anging, leb- haste Zwischenrufe hervor. Ins pommcrsche „Dorado" führte alsdann (anknüpfend an den Fall Becker) Abgeordneter Dr. Ablaß von der Volkspattei, ein bei aller fachlichen Schärfe eleganter Redner, in stundenlangen Aussührun- gen das spärlich besetzte Haus. Denn seltsam: Trotz des interessanten Stoffs wies das Haus gähnende Leere auf, und in der langen Sesselreihe sah man nur wenige Köpfe. Wären die Tribünen von den „Leuten des Ackerbaus" nicht so dicht besetzt gewesen: Man hätte ordentlich die Oede gefpütt... -rs
Die Fustiz im Reichstag.
Reichstags-Sitzung vom 21. Februar.
Am Tische des Bundesrates Dr. Lisco. Aus der Tagesordnung steht der Justizetat.
Abg. Belzer (Ztr.): Für die nächsten Jahre erwarten wir bestimmt eine Reform der Gebühren für Zeugen und Sachverständige. Alle Länder sollten energisch im Kampfe gegen die Pornographie zusammen stehen. Wer Schundliteratur an Jugendliche verkauft, soll streng bestraft werden. Hoffentlich kommt eine Vorlage noch in dieser Session. Leider besteht noch im Volke
Mißtrauen gegen unsre Justiz, man spricht von Kl a s s e n j u st i z. Auch wir schütteln bei manchen Richtersprüchen den Kopf. Das Wort „Weltfremdheit" ist kein Schlagwott. Der Redner bespricht den Allensteiner Prozeß, der geradezu eine Fundgrube für die Reform der Strafprozeßordnung sei. Die Psychla- trie ist auf dem besten Wege, das Strafrecht völlig zu ruinieren. (Zustimmung.) Dte
Sie Margotte.
Novellette, von Jean Rochon.
Aufgezählt lagen die Taler auf dem Tisch, Und der Pächter, eine große Flasche Trester entkorkend, sprach: „Hier dein Lohn, mein Junge: steck's ein und halt dich brav beim Regiment. Wenn du mal ein paar Tage Urlaub bekommst, geniere dich nicht, das Haus steht dir allzeit offen. Daß es uns stets fteuen wird, von dir zu hören, braucht nicht erst gesagt zu werden. Und nun. . . Prost, dein Wohl!"
Die Gläser wurden angestoßen und auf einen Zug geleert. Dann schüttelte der Pächter seinem Knecht noch schnell die Hand und schwang sich flink auf den mit Säcken beladenen Karren.
»Donnerwetter! Ich komme auf dem Markt von Mezilles an, wenn alles Korn vettauft ist! . . . Füttere das Vieh Noch, ehe du dein Bündel schnürst, und ohne Abschied, Pierre!"
Der Karren verschwand in der grauen Novemberdämmerung, und Pierre Moing schritt dem Stall zu. Margotte, die alte Viehmagd, trat gerade heraus. Traurig sagte sie:
„Also beute früh geht's fort?"
„Freilich, Margotte", antwortete er heiter. »Zu den sechsten Kürassieren!"
Als er das Futter in die Krippen verteilt hatte, warf er einen vorsichtig spähenden Blick über den Hof und stieß schnell eine Keine Tür ganz im Hintergrund des Stalles auf... Dott schlief die Margotte in einem elenden Schuppen .. . Das Lager war noch warm. Er durchwühlte den Sttohsack und zog einen Keinen Beutel mit ungefähr 20 Goldstücken hervor; dann ordnete er sorgfältig die Tücher und Decken und begab sich ruhig in das Kämmerchen, daß man ihm aus drei oder vier Balken und einigen Ziegelsteinen in einer Ecke des großen Speichers hergerichtet hatte, der sich über das ganze Hauptgebäude binzog.
Pierre Moing hatte diesen Diebstahl Tag? zuvor sorgfältig vorbereitet. . . Die zwanzig Louis bildeten im Verein mit den Talern, die ihm der Pächter ausbezahlt hatte, und seinen früheren Ersparnissen ein rundes Sümmchen; an Geld zum Vergnügen würde •6 ihm nicht fehlen. Gewissensbisse verspütte
Csffrlrr Muckte Nachrichten
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Sachverständigengutachten überwuchern, und jede unmoralische Handlung gilt schon als Folge einer besonderen Veranlagung. Hoffentlich kommt diese „moderne" Bewegung im neuen Strafgesetzbuch nicht völlig zum Ziele. Das Greifswalder Urteil erscheint uns reichlich hoch bei einem Manne, der noch nicht bestraft war und nicht aus niedttgen Motiven gehandelt hat. Der Moabiter Prozeß hat das Vertrauen in die Justiz wieder befestigt.
Wie steht's mit dem Eulenburg-Prozeß?
Zur Beruhigung der öffentlichen Meinung sollte der Staatssekretär authentische Auskunft geben, was bisher geschehen ist, und ob überhaupt Aussicht ist, daß dieser Prozeß noch einmal ausgenommen wird. Irre Verbrecher müssen unschädlich gemacht werden.
Abg. Dr. Frank (Soz.): Die Klassenjustiz wird jetzt auch von den bürgerlichen Parteien zugegeben. Nun soll auch die Aufreizung, nicht nur die Aufforderung zum Hochverrat ins Zuchthaus führen. Der dolus eventualis soll jetzt sogar gesetzlich festgelcgt werden. Bei der Breslauer Justiz spürt man die Nähe der russischen Grenze. Die Breslauer Richter legen jedes Wort aus die Wagschale, gehen aber selbst mit der Ehre ihrer Mitmenschen nicht vorsichtig genug um. Ueberall sucht man die Angeklagten, die
Verteidiger und Zeugen einzuschüchtcrn; mit Ordnungsstrasen wirst man nur so um sich. Der Redner protestiert schließlich gegen die Maßregelung der Jugendorganisationen.
Staatssekretär Dr. Lisco geht aus eine Reihe geäußerter Wünsche ein und bemerkt, daß zur Bekämpfung der Pornographie ein Abkommen getroffen wurde, wonach einer Zentralstelle zweckdienliche Nachrichten zugehen sollen; weitere Verhandlungen schwebten noch. Auch über die Bekämpfung der Schundliteratur sind Verhandlungen zwischen dem Reichsjustizamt und dem Reichsamt des Innern im Gange. In einer Konferenz über das Luftschifsrecht ist em Abkommen über den Schutz der Festungen, dte Zollbehandlung und polizeiliche Maßregeln erzielt worden. In die Frage des Privatrechles ist man noch nicht eingetreten. Beim Prozeß Schönebeck-Weber war ja gewiß
mancherlei zu bedauern, aber die Richter sind auch nur Menschen. Fürst Eulenburg ist zuletzt am 4. Januar durch den Gerichtsarzt untersucht und als z. Zt. verhandlungsunfähig befunden worden. Die Staatsanwaltschaft behält ihn dauernd im Auge. Wann er verhandlungsfähig fein wird, ist selbstverständlich nicht vorauszuschen.
Abg. Vahrenhorst (Rp.) polemisiert gegen die Sozialdemokraten und fordert eine Erhöhung der Gebühren für die Sachverständigen.
Staatssekretär Lisco: Ein Entwurf über die Revision der Zeugen- und Sachverständigen- Gebühren ist fertiggestellt, mußte aber zurückge- stellt werden, aus Rücksichten aus dieFinanz- lage. Wenn das Haus es wünscht, wird der Entwurf im nächsten Jähre vorgelegt.
Abg.Dr. Ablaß (Vp.) erörtert den Prozeß Becker. Bei solchen Fällen wird es wirklich schwer, die Behauptung von einer Klassenjustiz zurückzuweisen. Kann man es nach all den Schikanen Herrn Becker verdenken, daß er
gegen das System Sturm lief?
Der Prozeß hat ergeben, daß der Landrat und die Konservativen bemüht waren, den Unterschied zwischen Liberalen und Sozialdemokraten zu verwischen. Der politische Boykott ist bereits zum S h st e m herausgewachsen. Das ist eine verabscheuungswür- digc Gcsinnungsriecherei. Der Bericht des Landrats an den Minister ist eines der wichtigsten Dokumente der politischen Zeitgeschichte über die Moral unserer Behörden. Wenn Becker sich „gebessert" hätte, wäre er längst Oekono m i e r a t. (Heiterkeit links.) Mag er in der Form gefehlt haben: In der Sache
steht das ganze Land hinter ihm. Die preußische Verwaltung hat einen Pyrrhussieg errungen, noch einen . . . und sie ist verloren. (Beifall links.)
Abg. Rothe (Wirtsch. Vgg.): Wir sollten auf den Beckerprozeß nicht eingehen, solange er noch nicht abgeschlossen ist. Der Redner fordert, daß jeder Strafjurist einmal
die Einrichtung einer Strafanstalt kennen lernen solle, und daß das Reichsgericht weiter entlastet werden möge.
Staatssekretär Dr. Lisco erwidert auf eine Anfrage, daß bei den Strafsenaten des Reichsgerichts die Termine höchstens sechs Wochen anstehen, und daß das Strafvollzugsgesetz sich nur an ein neues Strafgesetzbuch angliedern könne, das in absehbarer Zeit vorgelegt werden würde. Die Frage der Konkurrenzklauscl sei ebenfalls in Fluß und werde demnächst geregelt werden.
Es wird hierauf ein Vertagungsantrag angenommen und die Weiterberatung auf Mittwoch, ein Uhr, angesetzt. Es liegen noch überaus zahlreiche Wortmeldungen zum Justizetat vor.
*
Asenbahn-Wünsche.
Abgeordnetenhaus - Sitzung vom 21. Februar.
Bei der Dienstag-Debatte im Abgeordnetenhaus über den Eisenbahnetat stand im ersten Teil der Sitzung die Frage der o b e r sch l e fisch en K o h l e n a u s fu h r im Vordergründe. Graf Henkel von Donnersmarck beklagte die Konkurrenz der englischen Kohle und sorderte Tarifermäßigungen. Ihm akkompagnierte der Zentrumsabgeordnete Goebel, der bedauerte, daß der Absatz oberschlesischer Kohle nach Oesterreich beinahe aufgehört habe, während der Minister von einer industriellen Notlage in Oberschlesien nichts wissen will. Auch der polnische Abgeordnete Korfanty ging auf diese Frage ein, indem er den Rückgang des schlesischen Kohlenexports nach Galizien auf politische Motive zurücksührte. Der Minister erklärte demgegenüber, der Export nach Oesterreich werde sich wieder heben, wenn die dortige wirtschaftliche Lage sich gebessert habe. Im übrigen forderte man in der Diskussion in der Hauptsache Tarifermäßigungen. Dann ging man zur Beratung der dauernden Ausgaben über, wobei von mehreren Rednern Aufbesserung der Gehälter und Löhne verlangt wurde. Der Zentrumsabgeordnete Schmedding forderte die Beseitigung der ungleichen Bezahlung der preußischen und Reichsbahn- -Assistenten, und sein Fraktionskollege, B e h - er-Dortmund, verlangte die Erhöhung der Arbeiterlöhne und den weitern Ausbau der Arbeiterausschüsse bei der Eisenbahn. Die Beratung des Etats wird am Mittwoch fortgesetzt werden. Rach mehreren Wochen war am Dienstag auch das Herrenhaus wieder einmal zusammengetreten. Die „erlauchten, edlen und geehrten Herren" unterhielten sich indessen nur über unbedeutende Vorlagen, da der Etat noch im Schoße der Kommission ruht.
Sport xai Spiel.
Fm Luftschiff über den Szea«.
(Von unserm Korrespondenten.)
Berlin, 22. Februar.
Vor wenigen Tagen ist bekanntlich in Kiel das Luftschiff Suchard durch die Prinzessin Heinrich getauft worden, das demnächst nach den Kanarischen Inseln überführt werden soll, um von dort aus die projektierte Fahrtüberden Ozean nach Amerika an- zutteten. Man hat Ende April für den Beginn der Fahrt in Aussicht genommen und
rechnet damit, daß, wie es in diesen Breiten die Regel ist, um diese Jahreszeit nur gelinde Winde in der Fahrtrichtung wehen werden. Indessen sind Stürme natürlich nicht ausgeschlossen.
Schon aus diesem Grunde ist die Reise nicht ohne Gefahr. Die Luftschiffer können durch heftige Windströmungen und Stürme sehr weit von der direkten Route abgedrängt werden und wären dann gezwungen, infolge zu starken Gasverlustes, der auf die Dauer auch durch die Abgabe von Ballast nicht ausgeglichen werden könnte, auf die Meere so be r- släche niederzugehen, den Ballon zu verlassen und in ihrer Motorbootgondel die Reise fortzufetzen. Bei stark bewegter See wird dieses Manöver nicht ohne große Gefahr für die Luftschiffer unternommen werden können. Aber die größte Gefahr bei einer Ozeanüberquerung in der Tropenzone besteht für ein Luftschiff in dem starken Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht. Die intensive Sonnenbestrahlung dehnt das Gas aus, der Ueberschuß wird durch die Ventile binausgedrängt, und der „Drang nach oben", dem Wellman durch das Schlepptau abhelfen wollte, macht sich bemerkbar. Nur kommt plötzlich und unvermittelt die Nacht. Das abgekühlte Gas zieht sich zusammen und der Ballon fällt, sinkt und stürzt, wenn man nicht durch große Ballastabgaben ihn in der Schwebe erhält. Dasselbe Spiel wiederholt sich am folgenden Tage, und man kann infolgedessen früher mit dem Ballast und der Tragfähigkeit zu Ende sein, als das Land winkt; und dann Hilst keine Glückskatze weiter. Die Reise über den Ozean bedeutet also ein sehr e r n st e s Wagnis, und die kühnen Ozeanfahrer werden von Glück sagen können, wenn sie ohne Unfall die Reise überstehen werden.
=cr=
< Das „Adler"-Wcttsviel vertagt. Das angesagte Wettspiel zwischen den Fußballvereinen „Adle r"-Cassel-R. und „Adler"-Esch- wege konnte infolge schlechter Witterung nicht ausgefochten werden, und wurde infolgedessen vertagt.
< Der neue „Parseval" fürs Heer. Uns wird geschrieben: Dieser Tage wurde gemeldet, daß die Heeresverwaltung ein neues Luftschiff nach dem Typ „Parseval" bestellt habe. Wie hierzu von militärischer Seite berichtet wird, soll das neue Fahrzeug ebenso wie der bei der Zeppelin-Luftschifsbau-Gesellschaft bestellte „Zeppelin" eine Eigengeschwindigkeit von 16 bis 17 Sekundenmetern aufweisen und gleichzeitig einen Rauminhalt von rund 5700 Kubikmetern erhalten. Zwei Motore von je 160 PS dienen zum Antrieb der beiden halbstarren Schrauben. Die Ablieferung des „Par- seval"-Luftschiff, das die Bezeichnung „P. III" erhalten foll, dürfte bereits im Frühjahr erfolgen. Die Motore, die Hülle und sonstige Teile sind bereits in Bitterfeld eingetroffen.
< „Hansa-Luftschiff-Berkehr." Unter diesem Namen hat sich (einem Privat-Tele- gramm zufolge) in Hamburg unter Führung eines Herrn Richard Pfaffe eine Gesellschaft gegründet, die beabsichtigt, zwischen Hamburg einerseits und Bremen, Lübeck und Kiel andererseits einen regelmäßigen Luft- schifssverkehr zu gründen. Als erstes Luftschiff ist der „Parseval VIII" ausersehen, und die Fahrten werden beginnen, sobald die erwähnte Gesellschaft die in Auftrag gegebene Halle beziehen kann, was voraussichtlich im kommenden Frühjahr der Fall sein wird.
<£. Bon Bitterfeld nach den Karpathen. (T el e g r a m m.) Einer Meldung aus Krakau zufolge ist der am Montag bei einer Windgeschwindigkeit von hundert Kilometern in der Stunde in Bitterfeld mit Leutnant Knoerzer als Führer und drei Passagieren aufgestiegene Ballon „Nordhausen" ge- iern abend in den Karpathen glücklich gelandet.