Einzelbild herunterladen
 

Nr. 67. — L Jahrgang.

Sie Privat-Beamten.

Ter dritte deutsche Privatbeamtentag.

(Bericht unseres Korrespondenten.)

$ Berlin, 20. Februar.

Unter BeteUigung von über achttausend Ptt- datangestellten und von Vertretern foit a»er größeren Privatangestellten-Verbande Deutich- lands sand gestern hier der dritte deut sch c Pr ivatange stellten!" ss,stntt, zu dem der Hauptausschuß sür staatliche Penstonsver- ücherung der Privatangesttllten --ngttaden hatte. Vom Rerchsamt des Innern war Gehei­mer Lberregierungsrat Beckmann anwesend. Ferner bemerkte man eme Anzahl Reichs und Landtagsabgeordnete. Der enorme Besuch war augenscheinlich den in den letzten Tagen sehr bcitia gewordenen Auseinandersetzungen, unter den Prwatanaestellten selbst über den Gesetzent­wurf ;u;uschreiben. Die .Freie Vereinigung K die soziale Versicherung der Privatangestell­ten' die den Entwurf im Gegensatz zu dem Hauptausschub für unannehmbar halt, hielt gleichzeitig in der benachbarten Happold- schen Brauerei eine Protestversammlung gegen den Entwurf und damit zugleich auch gegen dw Tagung des Hauptausschusses. Der Havpt- ausschuß legre der Riesenversammlung des Privatbeamtentages einleitend folgende Ent- schließung vor: ,

^er anl neunzehnten Februar in Ber­lin abgehaltene Privatangestell­tentag begrüßt das Erschei­nen eines Entwurfs eines Persicherungsge­setzes für Angestellte und erklärt (in lieber» einftimmung mit dem Hauptausschuß für die Herbeiführung einer staatlichen Pensions­und Hinterbliebenen-Versicherung für Privat- angestellte), daß auf der Grundlage dieses Entwurfes eine befriedigende Lö­sung der Versicherungssrage möglich ist, wenn die vom Hauptausschuß vorgeschlagenen Verbesserungen berücksichtigt werden. Insbesondere erwartet der Privat- angestelltentag dieErhohung der im Ent­wurf vorgeschlageueu Beiträge und dadurch eine entsprechende Erhöhung der .Lei­stung en. Der Privatangestelltentag richtet an den Bundesrat die dringende Bitte um schnelleErle^igung derVorlage, damit diese noch von dem gegenwärtigen Reichstag verabschiedet werden kann. Dem Reichstag dankt der Privatangestelltentag sür die bishe­rige wo h l w o l lende Förderung des ganzen Zieles, Er hat mit Befriedigung da­von Kenntnis genommen, daß die Fraktionen des Reichstags den festen Willen haben, ih­rerseits alles mögliche zu tun, um die bal­dige Verabschiedung des Gesetzent­wurfes herbeizuführen. An die gesamte Pri- vatangestelltenschaft. insbesondere die außer­halb des Hauptausschusses stehende, richtet der Privatangestelltentag die Mahnung, in Aner­kennung der Schwierigkeiten der Durchfüh­rung eines so großen Sozialgesetzes weiter- gehende Einzelwünsche jetzt zurückzu st el- len und einmütig auf den durch die Ge­setzesvorlage und die Beschlüsse des Haupt­ausschusses geschaffenen Boden zu treten.

Als Referenten traten Dr. Thissen -Ham­burg, Kaufmann -Hamburg, C. Fischer- Ofseubach und Bcchly-Hamburg auf. Die Redner wurden wiederholt von einer ziemlich st arkenOp Position in der Versammlung unterbrochen, die in der Hauptsache aus Mitglie­dern der Freien Vereinigung und einiger ande­rer Vereinigungen (die inzwischen aus dem Hauptausschuß ausgeschieden sind), zusammen- gesetzt war. Eine Diskussion fgnd nicht statt, vielmehr wurde die vorgelegte Entschließung mit Majorität unter stürmischen Pro­testrufen der Opposition angenom­men. Die Minderheit zog darauf in die Hap­poldversammlung, wo Ingenieur Lüdemann über das Thema .Die gemarterten Angestellten' sprach. -sb-

*

Die LarrLesverfichenmgs-Anstalten.

Der Kampf um die Berficherungsordnung.

Die Vertreter sämtlicher deutschen Landes-

Versicherungsanstalten traten am

Saffelet Neueste Nachrichten

DienStag, 21. Februar 1911.

Sonnabend in Berlin zu einer Vollversamm­lung zusammen, um zu dem von der Reichstags- kommWon fürdieReichsverficherungs- Ordnung gefaßten Beschluß, wonach die Ausgaben der Landesversicherungsanstalten für die vorbeugenden Heilverfahren aus sieben Pro­zent der Beitrags-Einnahmen beschränkt wer­den sollen, Stellung zu nehmen. Die Versamm­lung faßte einstimmig folgenden Beschluß:

Der von der Kommission zur Vorberatung der Reichsvrrsicherungsordnung beschlossene Zusatz zum Paragraphen 1341 betreffend die Einschränkung der vorbeugenden Krankenfür- sorge der Versicherungsanstalten führt not­wendig zur völligen Aufhebung der S e l b st v e r w ä l t u n g, der Trager der In­validenversicherung, beseitigt den maßgeben­den Einfluß, der dem Ausschuß angehören­den Arbeitgeber und Arbeitneh­mer auf die Verwaltung und damit die Ar - b e i t s f r e u d i g k e i t des für die Durchfüh­rung der Invalidenversicherung so wichtigen Organs. Die Versicherungsanstalten sind da­her einmütig der Ansicht, daß der von der Kommission beschlossene Zusatz zum Pa- ragraphen 1341 die Durchführung der In­validenversicherung . in der sch wersten Weise gefährden würde, und bitten um Streichung dieses Zusatzes.

Die Verstcherungsanstalten stehen auf dem Standpunkt, daß die vorbeugende Krankenfür­sorge gegenwärtig einen der bedeutendsten Fak­toren bei der Durchführung der Invalidenver­sicherung bildet und keinerlei Eins ch r ä n - kung zuläßt, wenn nicht die Leistungsfahiglett der Versicherungsanstalten auf dem Gebiete der Rentenzahlung direkt gefährdet werden soll. Daß der Reichstag indessen den von der Kom­mission beschlossenen Zusatz wieder streichen wird, ist kaum anzunehmen.

Sie Politik Des Tages.

Die grüne Woche.

(Bericht unseres Korrespondenten.)

In den gewaltigen Räumen des Berliner Sportpalastes tritt heute mittag die diesjährige Generalversammlung des Bundes der Landwirte zusammen. Man rechnet mit einer Besucherzahl von etwa zehntausend Land­wirten aus allen Teilen des Reiches, und die Bundesleitung hat durch die Zusammenstellung verschiedener Extrazüge, den Mitgliedern die Teilnahme an der Tagung besonders be­quem gemacht. Neben den bekannten Bundes­fürsten Freiherrn von W a n g e n h e i m, Dr. R o «s i ck e, Dr. Diederich Hahn, dem Kam­merherrn von Oldenburg -Januschau und Major von E n d e l l erwartet man auch die Teilnahme anderer konservativer, antisemiti­scher und freikonservativer Abgeordneter, soweit sie dem Bunde der Landwirte besonders nahe- stehen. Für die Damen der Teilnehmer ist der erste Rang des Riesenraumes bestimmt, auf dem sich auch die Rednertribüne befindet. Den Vertretern der Presse ist. die Manege reser­viert. , ,

Während in den letzten Generalversamm­lungen des Bundes die Reichsfinanzreform und die Nachlaßstcuer im Mittelpunkte der Verhand­lungen standen, wird diesmal voraussichtlich die kommende Reichstagswahlkam­pagne in die Massenversammlung der deut­schen Landwirte hineinspielen. Offiziell ist als Hauptverhandlungsthema der Zusammenhang zwischen städtischem und ländlidient Mittelstand auf die Tagesordnung gestellt, und zwar mit Rücksicht darauf, daß ebenso tote beim ländlichen Mittelstand neuerdings auch beim städttschen Mittelstand der Liberalismus durch Gründung von liberalen Bauern- und Mittelstandsverbänden Eingang zu erhalten be­strebt ist. Referent zu diesem Thema ist der Bezirksschornsteinfegermeister Conradt-Breslau. Daß aber die kommende Reichstagstoahl im Vordergrund der diesmaligen Erörterungen stehen wird, beweist schon die .Politische Erörterung', die dem diesjährigen Go- schäftsbericht vorangestellt ist.

Es heißt darin unter anderem: .Wenn im vorigen Jahr noch einige Mitglieder und Freunde des Bundes der Landwirte die Besorg­

nis hatten, der Bund würde dem liberalen Ansturm, der nach Durchführung der Reichs- inanzreform von allen Seiten und mit den unlautersten Mitteln gegen ihn ins Werk ge- etzt wurde, nicht einen kräftigen Widerstand leisten können, so werden wir alle, wie auch ganz besonders unsere politischen Gegner, in­zwischen wohl aus der Erfahrung des letzten Jahres die Ueberzeugung gewonnen haben, daß diese Besorgnisse völlig überflüssig waren. Man hat wahrnehmen können, wie rege und lebhaft die Landwirte durch die li- iierale Verhetzungstätigkeit gewor­den sind, und wie erheblich das Bedürfnis nach Auflkärung und. Verständnis dadurch gewach- en ist und der'Wünsch, selbsttätig einzugreifen und teilzunehmen, sowohl an den Abwehr- als auch an den Angriffskämpfen. . Wir haben für die W a h lkämps e uttfere Waffen also auch nach dieser Richtung bin geschärft . . .* Ange- ichts dieser zuversichtlichen Kampfansage darf man auf die heute beginnenden Verhandlungen besonders gespannt fein. -r-

Bebel contra Dallwitz. (Privatte­legramm.) Aus Berlin wird uns tele- g,aphifch berichtet: Zu den Ausführungen des Ministers des Innern, von Dallwitz, in der Abgeordnetenhaussitzung vom letzten Freitag, , der Abgeordnete Bebel habe sieb nicht gescheut, einen Beamten des Polizeipräsidiums zu be­te ch e n, und ihn zum Betrüge und Nichtach­tung seines Diensteißes zu verleiten", veröf­fentlicht der Abgeordnete Bebe! im .Vorwärts" einen Offenen Brief an den Minister von Dallwitz, worin er erklärt, nicht er, oder der verstorbene Abgeordnete Singer hätten sich an den betreffenden Beamten gewandt, son­dern dieser habe,sich zu Spitzeldien- sten erboten, unter der Voraussetzung, daß diese Dienste ihm honoriert würden. Bebel erflärt. die Annahme dieses Angebots sei in der Aera Bismarck-Puttkamer ein G e b o t p o l i t i- scher Klugheit gewesen. (Man darf wohl erwarten, daß der Fall noch eine amtliche Aufklärung erfahren wird!)

Die Sühne für Ponape. Eine beim Ko­lo n i a l a m t in Berlin eingegangene amt­liche Meldung berichtet aus Ponape:

Die Landungskorps der „Emden", „Cor- moran" und „Nürnberg" stürmten am sechs- undzwanzigsten Januar die verschanzte Stel hing der Aufständischen. Leutnant zur See, E h r h ä r d, und Obermatrose K n e i d e l sind gefallen. Die Obermatrosen Ghmperts, Karl Meyer und der Matrose Agathon wur­den schwer verwundet. Der Feind wurde zer­streut. Bis zum vierzehnten Februar ergaben sich zahlreiche Aufständische, darunter sechs Rädelsführer. Die Beendigung der Opera­tion steht bevor.

Damit ist (nach Monaten) die Bluttat der Eingeborenen auf Ponape an dem ermordeten Bezirksamtmann Bö der und seinen Be­gleitern gesühnt. Zwei brave deutsche Krieger haben dabei ihr Leben lassen müssen und zwei andre wurden schwer verwundet. Hoffentlich ist durch diefes schwere Opfer nun für immer der Friede auf Ponaep gesichert.

cW Ein Intermezzo auf dem Friedhof. (P riv a11elegramm.) Wie uns aus Köln berichtet wird, kam es dort gestern gelegent­lich eines fozialistischen Begräbnis- f e s zu einem Zusammenstoß zwischen den Leidtragenden und Schutzleuten, weil die Schutzleute die Entfernung von roten Kran;- schleifen verlangten. Als dieses^verweigett wurde, erschien auf dem ca. eine Stunde von Köln gelegenen Südfriedhof ein st a r k e s Po­lizeiaufgebot unter Anführung des Po- lizeiinspektors und zweier Kommissare, und ver- fuchte, die Schleifen gewaltsam zu entfer­nen. Hierbei gerieten die Leidtragenden in ein Handgemenge mit den Polizeibeamten, worauf der amtierenbe Priester den Friedhof verließ, ohne die Begräbniszeremonie zu voll­enden. Die Schutzleute besetzten hieraus bte offene Gruft, um Grabreden zu Verbindern. Der ganze Vorgang wird noch ein Nachspiel vor Gericht haben.

rgi Die Herren vom Reichsrat. (S p e • zialtelegramm.) Nach einer uns aus Petersburg zugehenden Drahtnachricht, er eignete sich in der gestrigen Sitzung des Stab -serlichen Rats ein ernster Zwischenfall: Der frühere Landtoirtfchaftsminister Spi­ch i n s k y beschuldigte im Lause einer Rede der früheren Kabinettchef Grafen Witte in einem Bericht über die letzten politischen Er­eignisse wissentlich die Unwahrheit gesagt zu haben. Witte unterbrach den Red­ner stürmisch und verbat sich in erregten Wor ten „einen derart empörenden Vorwurf Wahrscheinlich wird ein Duell die Folge des aufsehenerregenden Zwischenfalls sein.

S3 Die neueste portugiesische Hiobspost. (S p e z i a l t el e g r a m m.) Aus Paris wird uns depeschiert: Meldungen des .Pettt Parisien" aus Lissabon zufolge haben die portugiesischen Behörden ein umfassendes Komplott entdeckt. Eine Anzahl Verschwö­rer versammelte sich in einem Hause in Lissa­bon, um über den Sturz der republi­kanischen Partei, und über die Wieder­aufrichtung der Monarchie zugunsten Dom Manuels berieten. Fünfzehn Verschwö­rer sind verhaftet worden, und weitere Verhaftungen stehen bevor. Die früheren Mi­nister Jos« Azevedo und Joao Coutinho sowie der Journalist Alvaro Ehagas sind aus politischen Gründen aus Portugal au8ge» wiesen worden. Die beiden Minister wer­den nach Brasilien und Chagas wird nach Frankreich gehen.

Politische Ehrontt.

Aus Spey er meldet uns ein Tele• gramm: Gestern fand im hiesigen Dom die feierliche Inthronisierung und Konsekration des neuernannten Bischofs Dr Faulhaber, statt. Die feierliche Handlung wurde vom Erzbischof von München unter der Assistenz des Bischofs und des Weihbischofs von Straßburg vorgenommen.

Nach Parifer Blättermeldungen sollen die zwei Europäer, die beim Zusammenstoß mit Eingeborenen an der Guabun-Kamerun- Grenze g e tö t e t wurden, Deutsche fein. Eine Bestätigung der Nachricht steht noch aus.

Nus Rom wird depeschiert: Das Befin­den des Papstes ist vorzüglich. Auch das Befinden Rampollas hat sich wesentlich gebessert. Heute wird der Papst die Audienzen wieder aufnehmen. Im Vatikan herrscht die Influenza. Die Kardinäle Agliardi, Gotti, Renaldini, Oreglia und Vanoielli sind ernstlich erkrankt.

In Athen zirkuliert (wie uns von hon telegraphiert wird) das Gerücht, der grie­chische Thronfolger, Prinz Georg, werde sich mit der Prinzessin Viktoria Alexandra von England verloben. Der Ankauf eines großen Grundkomplexes auf Korfu seitens der Königinwitwe Alerandra von England hänge mit diesem Verlobungs Projekt zusammen.

Meldungen aus Petersburg zufolge griffen bei Girin Chunchusen chine- sifche reguläre Truppen an und schlu- gen sie vollständig. Sie nahmen den Führe, gefangen. Viele Soldaten sind tot und ver­wundet.

Wie aus Petersburg gemeldet wird, wurden an der dortigen Universität 392 Stu­denten wegen Teilnahme an den Unruhen am 13. d. M. ausgeschlossen.

Neues Dom Zage.

Der Raubmörder von Stolpe. Rach einer Depesche aus Berlin hat der am Sonnabend eingelieferte Arbeiter Hart­mann geftanden, am 28. Januar die Ziege­leiarbeiterfrau Gorgolowski bei Stolpe ermordet und ihrer Barschaft beraubt zu haben.

ä Die Tragödie des Garbeschützen. Eine, Meldung aus Berlin zufolge ist der Ge­freite Brandt der 5. Kompagnie des Garde- schützenbatgillons, der von vier Schüssen

Francois Billon.

Premiere im Hoftheater.

Hinter dem Pseudonym Leo Lenz ver­birgt sich ein Herr Josef Rudolf Schwanzara, königlich sächsischer Regie- rungsbausührer a. D. und Reserveoffizier. Er lebt in Dresden, geriet um 1900 hemm in die Literatur, mit den Dichtungen „Das heilige Lachen" und den Einaktern „Schwüle Nächte". Dann rang er seiner Talerttlosigkeit ein paar Sudermann-Miniaturen ab, die er unter dem Titel „Liebeskämpfe" den Theaterdirektionen überreichte. Niete auf Niete schmiedete er, und sogar der brave Schmieden in Berlin hat sich vor ein paar Jahren seines Stückes „Frost im Frühling" ausrichtig geschämt. Aber Len­zens Mittelmäßigkeit hielt Stand. Trotzdem. Sie wird uns weiter belästigen. Der „Dichter" geriet in volle Blüte, versuchte sich in der romantischen Komödie, in Farbenpracht und Szenenschwall, im Pathos bunter Spiele, das bei ihm süßlich und kandiert ist wie die lyrischen Schönthaniaden.

Seinem .Schürzenzins", der in Leipzig durchsiel, ist nun der große Wurf gefolgt, unter dem wir am Sonnabend abend zusammen- brachen. Aus dem Englischen des I. H. Mc. Carthy hat er fein neuestes Opus geborgt, sich hieraus mit dem Herrn Felix Josky (der auch zu den Nationalkitschern zählt) gezankt, wer zuerst die Novelle „Ik I were King" für bte Bühne geplündert habe. Es ging also um bte Originalität. Unb bet Len, ist Sieger ge­blieben. Strahlend präsentiert er uns fein Kleinod „Francois Sitton".

Vier Akte rasseln vorüber. Wir erbaue« uns hauptsächlich daran, wie sich Her Lenz das Frankreich Ludwigs XI. verstellt, wie fein Hirnchen sich Francois Dillon malt, bett illustren Poeten des 15. Jahrhunderts, ben Vaganten unb Beutelschneider, bet zu ben Jni- i’atoren der stolzen Lyrik Frankreichs gehört. Natürlich kommt Herr Lenz bem Ahnherrn der »->"'os maudits nicht nahe, der fo holde und erotische Weisen sang, daß die ursprüng- n« Melodei seiner Laute durch die Jahrhun­

derte forttönen wird. Francois Villon! Was machte Herr Lenz aus ihm? Einen schwafelnden Theatersiguranten. Einen eiligen Pomaden- Helden. Nur Kaleika konnte da heraus- sprrngen — ttttfallet Bilderbogenpracht. Aber hinter bem Flitter gähnt die Leere. Tri­vialstes Theaterdeutsch schlägt an unser Ohr. Wir geraten in die ausgefabrensten Gleise der Bühnenkonvention. Kurz sei.daher die Hand­lung, die sich hübsch nach dem dramaturgischen Einmaleins abwickelt, umriff en. Zeit der Handlung: um 1465. Ott: Paris. Erster Akt: in der Kellerkneipe „Zum Tannenzapfen", wo Ludwig XL, der vermummte König, den zer­lumpten Francois Sitton belauscht und dieser den Groß-Connetable Thibaut d' Ausstgny im Zweikampf ersticht. Sitton wird ins Gefängnis geworfen, und als er am nächsten Morgen er­wacht, umleuchtet den Elenden Prunk: als Connetable von Frankreich, als Graf von Monteorbier, erhebt sich der Erstaunte — ent poetisches Motiv, das Herr Lenz besseren Vor­bildern entwendete und das nach klingender Künstlettraft begehrt. Der König treibt jetzt fein Spiel mit dem Dichter, den er zu solchen Ehren erhob. Sieden Tage nur soll dessen Herr­lichkeit währen. In dieser Zeit besiegt Villon, des Landes neuer Heerführer, die Burgunder, die Paris hart bedrohen. Im Schlußakt winkt ihm dann bei Galgen, von dem ihn' nur ein Weib erlösen kann. Aber dieses berriet seine Liebe. Run stößt Villon die stolze Katharina zurück. Der rote Henker will ihn, ben Befreier, dem bas Volk zujubelt, schon packen, ba rettet ihn im letzten Augenblick Lubwigs Sternen« Aberglaube! Unb nochmals bietet ihm der König die Connetable-Würde an. Francois lehnt sie ab: er kann nur Dichter sein oder König. Ins dumpfe Kneipenelenb kehtt der göttliche Lump zurück.

Die Aufführung verschwendete viel Mühe an dieses Werk des Dilettantismus. Ausge­zeichnet gab Herr Alberti ben Titelhelben, bie Katharina war bei Frau Bahrbammer, der herben Heroine, bestens aufgehoben. Vor­züglich in Maske unb Spiel war Herr Z sch o ck e als Ludwig XI. Lobend erwähnt

seien auch die Chargen der Herren S tri al und Jürgensen, sowie des Fräulein Iäh - nert. Für hie Regie eine kleine Anmerkung: man sprach Villon auf der Caffeler Bühne „Willjong" aus. „Wielong" nannte sich jedoch der Poet. Herr Hertzer sollte das wissen. W. B.

Das Konzert der Kinder.

Zehntes Jugendkonzert im Stadtpark.

Während bie bisherigen Iugendkonzerte fast ausschließlich für bie Kinder arrangiert wa­ren, wirkten die letzteren in dem gestrigen Kon- zett selbst mit. Ein Massenchor von 600 Kin­dern «Mädchen und Knaben) brachte verschie­dene bekannte Volks- und Schullieder zu Ge­hör. Es war das etfte Mal, daß man in Cassel mit einer derartigen Veranstaltung an die OÖf­fentlichkeit trat, und in Anbetracht der großen Schwierigkeit und Mühe, bie es verursacht, eine solch große Menge von Kinbern unter einem Regiment zu bereinigen, barf man bie gestrige Ausführung als durchaus gelungen bezeichnen. Herr Müller, welcher nach der vorausgegange- nett Kleinarbeit der Gruppeneinstudierung, durch bie Gesangslehrer ber jeweiligen Schu­len, als Letzter bas Szepter in bie Hand ge­nommen hatte, verstaub es, bie bielföbfiae Sängerschar mit Energie und Präzinon zu leiten, so daß bie Chore als ein abgerundetes Gänze zum Sortrage gelangten.

Die erste Gruppe der Chorgesange enthielt die Motette „Lobet den Herrn" von Gläser, sowie zwei Volkslieder „Das stille Tal" und „Sandmännchen", von welchen namentlich oas letztere dynamisch gut abgetönt zur Ausführung kam. Weiterhin fang ber Chor „Frühlingsgruv von Schumann unb bas „Hessenlieb" von Weiß­brot«, einen klangschönen, wirkungsvoll geletzten Chor, ber vo.n den Kindern mit Begeisterung vorgetragen wurde und auch im Publikum einen freudigen Wiederhall fand. Von ber. drei (den Schluß des Programms bubenden > Volksliedern machte sich in ben Een „Der Schweizer", gefetzt von Silcher, eine Ermüdung der Stimmen bemerkbar, was bei der körper­lichen Anstrengung durch fast zweistündiges Stehen nicht zu verwundern war.

Als Solisten hatte man Frau Kahse- Schuster unb Herrn A. Keim (Cello) ge­wonnen. Zunächst fang Frau Kahlse „Komm wir wandeln" von Cornelius, „O wüßt ich doch den Weg zurück" von Brahms und „Wid­mung" von Schumann, fotoie im 2. Teil das „Wiegenlied" von Pittrich, „Veilchen" von Pretzsch und „Nach sieben Jahren" von Jüngst. Obwohl Frau Kahfe fcheinbar unter einer Erkältung zu leiden hatte, strahlte ihre Stimme doch Glanz unb KrKaft aus. Herr Keim, der wohl ben meisten Konzertbesuchern schon be­kannt ist, bot mit seinen Cellovorträgen eine angenehme Abwechslung in der Reihe der Vo- kalvorttäge. In einem Adagio von Becker of­fenbarte er einen gesangvollen Ton, und einen, durch richtige Phrasierung unterstützten guten Vortrag. Das Popperschc Menuett spielte er mit Schwung unb Grazie, und in bem von ihm selbst komponierten „Wiegenlieb" hatte er noch­mals Gelegenheit, inniges Empsinben zum Ausbruck zu bringen. Herr Keim sand sich auf Verlangen auch noch zu einer Zugabe, betitelt: „Musette" von Offenbach, bereit. Die Beglei­tung zu den Gesängen der Frau Kahse lag in den bewährten Händen de? Herrn K ü r ft e n.

Im klebrigen hoffen wir, daß uns recht bald die schon so lange in Absicht gestellte Stabthalle erstehen möge, ohne die das Auf­stellen gewaltiger Chormassen und eine akustisch vorteilhaftere Wirkung vorläufig noch nicht möglich ist. Da das gestrige Jugendkonzert vorzugsweise von Erwachsenen besucht war, und die sonst zuhörenden Kinder selbst mitwirk- ten, fo konnte man im Gegensatz zu den frühe­ren Konzerten dieses Mal schlechthin von einem Konzert der Kinder für die Erwachsenen spre­chen. Andernteils hätte man auch der gestrigen Aussiihrung bas Motto „Durch die Kinder, für die Kinder" zugrunde legen können, ba ber Reinertrag der (unter Mitwirkung ber Kinder) ftattgefunbenen Veranstaltung den schwächlichen und erholungsbedürftigen unter ihnen wieder zugute kommt, indem et bem Fonds für bie Casseler Ferienkolonien zufließt, und wir wol­len somit hoffen, daß sich die Kinder recht viel erfungen haben. '-s-