Einzelbild herunterladen
 

Eessrkee Neueste Nachr'.chte«

Sonntag, 19. Februar 1911.

zahlreichen „Freundinnen" zur Wundergrotte nach Lourdes. Die russischen Gerichtsbehörden haben sich auf diplomatischem Wege durch Ver- mittlung des Ministers des Aeußern an das Landesgericht in Krakau gewandt, damit die Bcschlutzkammer des Krakauer Strafgerichts sich nachträglich damit einverstanden erkläre, daß die Auslieferung Mazcochs nicht nur we­gen des Meuchelmordes, sondern auch aus Grund der Diebstähle und Urkunden­fälschungen erfolgt sei. Diesem Ersuchen wird wahrscheinlich stattgegeben werden, und die Verhandlung gegen Mazcoch und seine Hel­fershelfer wird dann voraussichtlich im Sep­tember stattfinden. -er-

Im Ballon über den Szean.

Ein Interview mit Weltmann. (Telegraphische Meldungen.) Der bekannte amerikanische Luftschisfer Gellmann, der bereits auf zwei miß­glückte Ozeanfahrten im Ballon zurückblicken kann, hat sich dem Berichterstatter eines Washingtoner Blattes gegenüber über die atlantische Flugcxpedition, die im April von den Cap-Verdeschen Inseln aus unternommen werden soll, geäußert, und sich bei dieser Gelegenheit über die Möglichkeiten zur Verwirklichung des Planes recht günstig ausge­sprochen. Wir erhalten darüber folgende Mit­teilungen:

Newyork, 18. Februar:

Wellmann bezeichnete in dem Interview ble Idee, den Ocean im Luftschiff von Osten her zu überqueren, als s e h r g l ü ck l i ch. Er selbst trägt sich mit der Absicht, von der englischen Küste aus das im vorigen Herbst gescheiterte Unternehmen zu wieder­holen, und hofft dann beffere Resultate zu erzielen. Wellmann meint, daß der Aufstieg von Europa her durch die meteorologischen Verhältnisse entschieden begünstigt werde. Gerade das Spätfrühjahr sei die Zeit, in der man mit günstigen Windverhältnissen rechnen dürfe, so daß in der Hauptsache die Frage der ausreichenden Gasversorgung für das Gelingen des Planes entscheidend ist. Allerdings ist Wellmann der Ansicht, daß eine bloße Veränderung der Gondel in einen Schiffskörper nicht genüge, um die G e - fahren eines eventuellen Absturzes auf den Ocean abzuschwächen. Denn, wie groß die Schiffsgondel auch sei: Niemals könne sie in solchen Dimensionen hergestellt werden, daß sie (bei hohem Seegang) die Mannschaft längere Zeit über Wasser zu halten vermöge. Was aber eventuelle Begleitschiffe an- belange, so dürfe man sich keinem allzugrotzen Optimismus hingeben, denn bei starkem Wind könnten auch die schnellsten Dampfer keine sichere Hilfe bringen, zumal Nicht bei Nacht, wo die Orientierung aufs Aeußerste erschwert und der Ballon unsichtbar sei. Das Luftschisf habe also unter Umständen damit zu rechnen, daß es aus eigner Kraft längere Zeit über Wasier bleiben muß. Wellmann benutzte die Gelegenheit, um seinem „Equi- Iibrator", der bekanntlich an seinem Luft­schiff „Amerika" angebracht war, die besten Eigenschaften nachzurühmen. Allerdings sei sein Equilibrator zu schwach gewesen, um dem Anprall des hohen Seegangs genügenden Widerstand entgegenzusetzen. Sicher sei er aber mit seiner Erfindung auf dem rechten Wege gewesen, und sein neuer Ballon (mit . dem er demnächst die Fahrt über den Ocean zum zweiten Male wagen werde) werde aber­mals mit einem (verbesserten) Equilibrator versehen sein. Bezüglich des Gelingens des Unternehmens warnte Wellmann vor all­zugroßem Optimismus, fügte aber hinzu, daß die technischen Möglichkeiten, den Ocean rm Luftschiff zu überfliegen, jedenfalls gegeben

seien, so daß es nur daraus ankommt, alle begünstigenden Umstände für das Gelingen der Fahrt geschickt auszunützen.

Von seinem eigenen, demnächst zur Aus­führung -gelangenden Ballonflug über den Ocean verspricht sich Wellmann diesmal einen vollen Erfolg. Er führt das Mißlingen des letzten Versuchs auf die unzulängliche K onstruktion des Equilibrators zurück, die den praktischen Anforderungen nicht genügend Rechnung getragen habe. In der Zwischenzeit ist dieser Equilibrator aber bedeutend ver- besiert worden, und Wellmann hofft, beim nächsten Versuch (der im April oder Mai statt- finden soll) den Ocean glatt zu überqueren, wenn . -v ihm inzwischen nicht andere zuvorgelommen sein werden!

Sie Politik der Lager.

iS3 Der gestrige Kanzlerball. (Tele­gramm.) Wie aus Berlin gemeldet wird, fand gestern abend beim Reichskanzler eine Ballfestlichkeit statt, an der etwa zweihun­dert Personen teilnahmen. Es waren anwe­send: Prinz und Prinzessin . (5 It ei Frie­drich, Prinz und Prinzessin A u g u st Wil­helm, Prinz Joachim, Prinz Friedrich Leo­pold, Prinzessin Victoria Margarete und an­dere Fürstlichkeiten, verschiedene Botschaft-r, Minister und Mitglieder des Hochadels. Um neun Uhr erschien der Kaiser mit der Pri n- zessin Victoria Louise. Der Kaiser plauderte in bester Laune mit verschiedenen Damen und Herren und verließ das Fest um elf Uhr.

S Die Kaiserfahrt nach England. (P r i - vattelegramm.) Aus London wird uns depeschiert: Die gestern verbreitete Meldung über die Reise des Kaisers nach London zur Enthüllung des Denkmals für die Königin Viktoria wird in Londoner ZeitungeHunmehr offiziell bestätigt. Der Kaiser und die Kaiserin werden der Einladung des Königs Georg folgen und der Enthüllung des Viktoria- Denkmals in London beiwohnen. Die feierliche Einweihung des Monuments findet (wie offi­ziell angekündigt wird) am sechzehnten Mai statt. Ebenso erfährt jetzt auch der (von uns be­reits angekündigte) Besuch des Kaisers in R o m von unterrichteter Seite eine Bestätigung. Es heißt, daß der Kaiser im April oder Mai in Rom eintreffen und drei Tage dort verweilen werde.

S Vom Kampfplatz der Arbeit. (Tele­gramm.) In Weiß enfels hat gestern der etwa tausend Mitglieder zählende Gewerkverein der Schuhfabrikarbeiter beschlossen, heute in allen Fabriken, die die Arbeiterfor­derungen oder mindestens die Pirmasenser Ab­machungen nicht bewilligen, die Arbeit nie­derzulegen. Die gewerkschaftlich organisier­ten Arbeiter haben bereits am gestrigen Lohn­tag in den meisten Fabriken die Arbeit einge­stellt. Der Streik wird also alllgemein aus­genommen und dürste ziemlich hartnäckig durch- gesührt werden.

S Der zweite Tag der passiven Resistenz. (Telegramm.), Depeschen aus Wien zu­folge macht sich in der passiven Resistenz der Staatsbeamten und Staatsangestellten eine Zunahme bemerkbar. Bei den Postämtern bleiben Rückstände liegen und bei den Telegra- phenlinien machen sich erhebliche Verspätungen fühlbar. In den Zoll- und Lagerhäusern herrscht vollkommene passive Resistenz. Die Staatsbahnangestellten verrichten ihren Dienst in normaler Weise, es werden jedoch für den Fall des Andauerns der passiven Resistenz Verkehrsstockungen befürchtet.

iS3 Die Sünder von Courville. (Tele­gramm.) Depeschen aus Paris zufolge soll der technische Eisenbahnausschuß aufgrund der eingeleiteteten Untersuchung zu der Uebcrzeu- gung gelangt sein, daß die K a t a st r o p h e von Courville dem schlechten Zu­stand des Gleises zuzuschreiben ist, und

daß die Schuld die Bahnverwaltung trifft, weil sie die bereits im vorvcrgangenen Jahr vorgesehene Ausbesserung des Glei­ses noch immer nicht durchgeführt habe. Man glaubt, daß der Minister infolge dieser Feststcl- lutw entsprechende Maßregeln einleiten wird.

S3 Die Schlacht bei Tata. (Tele­gramm.) Aus Paris wird uns berichtet: Wie der Gouverneur von Französisch-A e q u a - torial-Afrika meldet, hatte der Sultan von Darkonti eine feindselige Haltung gegen Frankreich eingenommen und versucht, nach dem ägvptischen Sudan zu ziehen, wobei er die Be­völkerung zwang, sich ihm anzuschließen. Die Kornpagnie des Hauptmanns M o dar hat am zweiten Januar den Sultan bei Tata gestellt und völlig geschlagen. Der Feind hatte dreihundert Tote, darunter den Sultan und drei seiner Söhne, ferner vierhundert Ver­wundete. Auf französischer Seite fielen a ch f Schützen. Verwundet wurden ein Leutnant, ein Sergeant und zehn Schützen.

Politische Chronik.

Aps Berlin wird uns berichtet: Die von der Berliner Presse aufgenommene Mitteilung, wonach demnächst oder im nächsten Jahre die Bewilligung einer neuen K a i s e r j a ch t bei dem Reichstag beantragt werden soll, wird offiziös als völlig erfunden bezeichnet. An maßgebender Stelle ist von Erwägungen dieser Art absolut nichts bekannt.

Einer Depesche aus München zufolge beruft die nation-illiberale Partei auf den 19. März einen Landesp ar tri tag nach Nürnberg. Die Beratungen sollen in den Vor- bereitungeü für die Reichstagswahl und Aufstellung der Kandidaten bestehen.

Rach einer Meldung aus Rom hat der Papst eine gute Nacht verbracht. Die Besse­rung in seinem Besinden hält an, die Heiser­keit läßt nach. Der Patient ist fieberfrei, wird aber den Rat des Arztes, sich in dieser Woche noch sorgfältig zu schonen, befolgen.

Aus Toulon meldet uns ein Spezial- telegramm: An Bord des neuen französi­schen Kreuzers „Edgar Quinet" wurden durch die Ervlosion einer Lötlampe fünf Per­sonen schwer und eine tätlich verletzt.

Wie uns aus Belgrad gemeldet wird, ist in mehreren Bezirken der Herzoaewina eine Hungersnot ausgebrochen. Ganze Dör­fer sind ohne jegliche Nahrungsmittel. Bis jetzt hat die bosnische Regierung noch keinerlei Hilfsaktion eingeleitet.

Rem» vom Tage.

Ein Mord durch Radium.

(Von unfernt Korrespondenten.)

Man schreibt uns aus Paris: In Di- j o n erregt augenblicklich ein eigenartiger Vor­gang das allergrößte Aufsehen. Vor einigen Wochen starb dort nämlich eine Schneiderin, Fräulein Disour, die sich durch große Schön­heit auszeichnete und seit einigen Monaten zu einem jungen Arzt in Beziehungen stand. Es war bekannt, daß der Arzt auf seine Ge­liebte sehr eifersüchtig war und auch Grund hatten eifersüchtig zu fein. Fräulein Disour unterhielt nämlich noch zu einigen anderen Herren Beziehungen, ohne daß der Arzt etwas Genaueres darüber.wußte.

Der Arzt hatte schon des öfteren der jun­gen Dame in Eifersuchtsszenen mit dem Tode gedroht, sodaß Fräulein Difour ihren Freun­dinnen gegenüber Befürchtungen für ihr Leben aussprach. Nun starb Fräulein Difour vor ei­nigen Tagen ganz plötzlich, ohne vorher krank gewesen zu sein. Während sie bis kurze Zeit vor ihrem Tode über eine kräftige Gesundheit verfügte, schien sie in den letzten Tagen matt, ohne eigentlich krank zu sein. Bald nach ihrem Tode wurden Gerüchte laut, daß sie eines nicht natürlichen Todes gestorben fei, da aber ir­

gend welche Spuren einer gewaltsamen Tö­tung oder einer Vergiftung nicht gesunden wurden, so gab die Staatsanwalts hast den Leichnam zur Beerdigung frei. Trotzdem woll­ten die Gerüchte von einer Ermordung des jungen Mädchens nicht verstummen. Zugleich wurde der Staatsanwaltschaft gemeldet, daß der junge Arzt feit dem Tode feiner Geliebten ein sehr verstörtes Wesen zur Schau trage Verdächtig erschien eine Aeußerung des Arz­tes, daß man heute mit Hilfe des Radi­ums einen Menschen töten könne, ohne daß irgend jemand die Ursache des Todes nach­zuweisen imstande sei. Die Leiche des jungen Mädchens wurde kurz nach der Beerdigung auf diese Mitteilungen hin wieder exhumier! und int Auftrage des Staatsanwaltes auf­neue untersucht, ob vielleicht der Tod durch allzu starke Bestrahlung mit Radium eingetreten sei, und ob überhaupt eine derar­tige Tötung int Bereich der Möglichkeit liege Die sachverständigen Aerzte erklärten, daß qe> nauere Erfahrungen darüber noch nicht Vorla­gen, wenn auch bereits Vermutungen nach die­ser Richtung hin aufgetaucht seien. Es ist klar, daß, solange nicht mit absoluter Sicherheit be­hauptet werden kann, ein Mord durch Radium sei möglich, ein solcher Fall auch nicht wissen­schaftlich festzustellen ist. Versuche an kleinen Tieren haben allerdings zu der Tötung der Tiere durch Radium geführt. Der Arzt ist in­zwischen verhaftet worden und soll in der Gefängniszelle in Wahnsinn verfallen sein. In Aerztekreisen wird der Ausgang dieser Untersuchung mit großem Interesse erwartet.

•in»

nr Feuer im Berliner Kunstgewerbe« museum. Wie wir bereits durch Aushang ge­meldet haben, brach gestern in der im Mfttel- gebäude des Berliner Kunstgewerbemuseums belesenen Unterrichtsanstalt Feuer aus. Der Brand entstand in dem im obersten Stockwerk gelegenen Atelier des Malers Prof. Bastanier, und bald stand der ganze Dachstuhl in Flam­men. Durch das Feuer ist ein gewaltiger Schaden entstanden. Nicht nur die gesamte wertvolle Werkstätten-Einrichiung ist vollständig verloren gegangen, sondern in der Hauptsache eine große Zahl von Goldschmiedegegenständen.

rn: Februar-Sturm. Aus Berlin meldet uns ein Telegramm: Ter gestrige Sturm, der zeitweise einen orkanartigen Charakter an? nahm, riß von den Dächern Ziegel und Metall­stücke ab und führte zahlreicheVerletzun- g e n herbei. In Nauen bei Spandau stürzte während der Stadtverordnetenver­sammlung der Holzausbau über dem Rat­hausturm, in dem. sich die Uhr befinbet, und der Rundgang um den Turm aus die Straße. Personen wurden indessen nicht verletzt. Auch von der Nord- und O st s e e e wird seit gestern über schweren Sturm berichtet.

iS Ein Ende mit Schrecken. Einer Mel­dung aus Essen zufolge verübte in Oberhau­sen der Heizer Klein auf entsetzliche Weise Selbstmord. Er stürzte sich auf der Zeche Conrad in die K ess elf eu crung und ver­brannte vollständig.

Der Tod in den Flammen. Aus 8 eip- z i g wird uns gemeldet: In Taucha ereignete sich gestern ein schweres Brandunglück. In einer Wohnung in der Bahnhofstraße waren die drei Kinder der Familie Reifert allein gelas­sen worden. Durch die Erplosion einer in der Nähe des Ofens hängenden Petroleumlampe soll ein Brand entstanden sein, dem alle drei Kinder zum Opfer fielen.

ts Die Trauung im Gefängnis. Einer Meldung aus Dresden zufolge fand gestern in Hoheneck eine seltsame Feier.statt: Ein Gefangener wurde mit feiner Braut ver­mählt. Zwei Anstaltsausseher in Zivil gelei­teten das Paar zum Altar und führten den jun­gen Ehemann nach einer kurzen Stunde wieder in fein einsames Tuskulum zurück, während seine Fran in die Heimat abreifte.

Fra Diabolo.

Die historische Figur des „Bruder Teufel." Von unferm Korrespondenten.)

Paris, 16. Februar.

Man muß dem Schatten des Briganten Fra Diavolo, dessen Andenken durch An­ders berühmte Oper noch heute lebendig er­halten wird, ehrenvolle Abbitte leisten: Fra Diavolo war keineswegs der Mann mit dem romantischen Räuberhut und der stets schuß­bereiten Flinte, der sich am Waldessaum oder an Kreuzwegen versteckte, um ahnungslose Wanderer niederzuknallen ober sie gefangen zu halten, bis ein anständiges Lösegeld sie aus seinen Krallen befreite, nein, Fra Diavolo hat (toie Eduard Gachot in seinem dieser Tage bei Plon in Paris erschienenen Buche: „8a troisiöme Campagne b’ Jtalie" nachweist) eine weit edlere, vornehmere Rolle gespielt: Er hieß Michel Pezza, war in Jin bei Gaeta ge­boren und stand zur Zeit des Feldzuges, der seine Gefangennahme und seinen Tod herbei- fübren sollte, im sünfunddreitzigsten Lebens­jahre. Bis zum fünfzehnten Lebensjahre war er, der Sohn eines armen Bauern, Maulesel- treiber. Tann wurde er dank der Fürsprache eines Abbes Briefpostkutscher. Aus dieser Stellung aber wurde er entlassen, weil er eine Frau mißhandelt haben sollte: bald darauf beschuldigte man ihn sogar eines Mordes: Er sollte durch eine aus dem Hinterhalt abgefeu­erte Kugel einen Feind seiner Familie getötet haben.

Michel Pezza beteuerte feine Unschuld, wurde aber trotzdeip von den Justizbeamten verfolgt und floh bei Nacht und Nebel in die Apenninen, wo er sich zwei Jahre lang (1796 bis 179R) versteckt hielt. Der Kamps gegen die Franzosen lockte ihn aus dem Busch: er be­zichtigte sich selbst einiger Verbrechen und wur­de zur Strafe für dreizehn Jabre unter die sizilischen Truppen gesteckt. Er nimmt nun an den Feldzügen teil und zeichnet sich selbst durch seinen Mut. durch feine Energie und durch die Kühnheit, der er bei Gaeta einen strategisch wichtigen Punkt besetzt, derart aus, daß er allgemeine Bewunderung erregt. Im Februar 1793 wird Michel Pezza für feine

Kriegstaten in den Abruzzen zum „Major der Freiwilligen des Westens" und bald da­rauf zum Obersten ernannt. Ein unsiche­rer Friede gibt ihn für kurze Zeit seinen Fel­dern zurück und er verheiratet sich. Sowie aber der Kamps gegen die Franzosen wieder ausflammt, ist er von neuem im Felde.

Geschildert wird er als ein Mann von dunklem Teint, mit kleinen schwarzen Augen in einem stets ernst blickenden Gesicht: er spricht nicht, sondern handelt. Er weiß den Feind so geschickt auf falsche Spuren zu lenken, daß man ihn, weil er häufig ein Mönchskleid anlegt, und weil er, wie der Teufel, geradezu überall ist, „Fra Diavolo" — „Bruder Teufel", nennt. Der Feldzug von 1799 droht ihm verhängnisvoll zu werden:: Man will ihn für die Plünderungen seiner Truppen verant­wortlich machen und nimmt ihn in Palermo in Hast. Er weiß sich aber glänzend zu recht­fertigen, vertauscht die Rolle des Angeklagten mit der des Anklägers und fordert von den Ministern seines Königs die Pension von 2500 Dukaten, die man ihm versprochen, aber nicht gezahlt hat. Um ihn zu beruhigen, ernennt man ihn zum Generalkom m andrere n- den seines Heimatsbezirks Jtri; ja, man spricht soaar davon, daß er geadelt werden soll. Das Jahr 1806 findet ihn wieder zum Kampfe bereit.

Die Franzosen machen den Versuch, ihn auf ihre Seite hinüberzuziehen: et weist sie jedoch stolz zurück, gebt nach Capri, wird hier von Ferdinand zum Herzog von Cassa- n o ernannt und kehrt mit der mit dem Kreuz und sieben Lilien geschmückten weißen Fahne, die ihm feine Königin geschickt bat. nach der Halbinsel zurück, um unter der Devise: „Viva Dio! Viva il re! Exultat in regno suo!" vis an sein Lebensende gegen die verhaßten Fran­zosen und Ftanzöslinge zu streiten. Von Sep­tember bis Ende Oktober 1806 führt er an na­hezu unzugänglichen Orten einen wahrhaft diabolischen Kampf gegen die Feinde. In Jtri einaeschlossen, verteidigt er die Stadt Schritt für Schritt, Haus für Haus: in einer Nacht bricht er sich Bahn durch die Reiben der Feinde und erreicht die Wälder: Freiwillige strömen ihm in Scharen zu, Priester prophe­zeien ihm große Erfolge, und er hält sich für

unbesiegbar. Aber Forestiers Jäger nahen und Fra Diavolo zieht sich nach Sora zu­rück, wo er von Franzosen und Negern (denn auf der Seite der Franzosen kämpften auch Neger) umzingelt wird. Er muß um den Preis furchtbarer Verluste Sora räumen und sich weiter nach Norden zurückziehen.

Eine französische Flinte auf der Schulter, wagt er sich (nachdem er sich den Bart hat ab« schneiden lassen, um sich unkenntlich zu machen) bis an das französische Lager heran. Hier er­fährt er, daß der Major Hugo (Victor Hugos Vater) mit neapolitanischen Truppen in Eil­märschen heranzieht, um ihm, Fra Diavolo, den Weg zum Meere abzuschneiden. Nun läßt er feine Fahne begraben und gibt sich und feine Leute für ein Milizenkontingent des Kö­nigs Joseph aus. Seine List wäre geglückt, wenn nicht Hugos Soldaten einige seiner Leute ergriffen und entlarvt hätten. Die Hilferufe der Ergriffenen, die von den Franzosen er­barmungslos niedergemetzelt wurden, sind für Fra Diavolo eine Warnung zur rechten Zeit: Von einigen Getreuen begleitet, erklettert er rasch die steilen Böschungen des Berges Ap- piolo, wo er wenigstens für einige Zeit in Sicherheit ist. Von hier aus will et nach Ka­labrien hinüber, stößt aber von neuem auf Hugos Leute. Und wieder glückt feine List, sich für einen Parteigänger der Franzosen aus­zugeben: er gelangt mit drei Begleitern bis an den Meeresstrand, in die Nähe von Amalfi. Mit glatt rasiertem Gesicht, in einen fchwarzen Mantel gehüllt, will er sich, nachdem er alle feine Papiere vernichtet hat, in ein Kloster flüchten.

Ein furchtbares Unwetter aber hält ihn auf; er wird von Straßenräubern ange­griffen, ausgeplündert und schwer verwundet. Aus vielen Wunden blutend und erschöpft, ge­langt er auf einem Milchwagen nach Battipa- fllia, wo er an die Tür eines Apothekers Mat­teo Barone klopft. Man öffnet ihm, behandelt feine .Wunden und fragt ihn aus. Ist er ge­rettet? Nein! Der Apotheker weiß, daß Fra Wavolo zum Meer hin geflohen, und daß auf feinen Kopf ein Preis von 4000 Dukaten ge­setzt ist. Barone schöpft Verdacht: Sein nächt­licher Gast könnte der Gesuchte sein. Er läßt feinen Bruder, einen Leutnant der Bürgergarde.

benachrichtigen, und dieser läßt den verdächti­gen Mann festnehmen. Man schickt Fra Dia­volo nach Salerno, wo er von einem Unter­offizier der eapolitanischen Infanterie erkannt wird. Am dritten November 1806 wird er ae- sesselt nach Neavel gebracht. Der englische Ad­miral Smith bittet Jourdan, ibn gegen an« dere Gefangene auszutauschen: was jedoch ab« gelehnt wird. Am zehnten November wird Fra Diavolo nach zweistündigem Verhör zum Tode verurteilt, und am elften auf dem Marktplatz aufgeknüpft. „Ich habe nur meine Pflicht getan," sagte er zu feinen Richtern. Das war seine ganze Verteidigung! Dr. Sch.

Kleine» Fenissetlm.

Hülsens „Zauberflöte", lieber seine Bearbeitung von Mozarts „Zauber­flöte", die heute im Berliner Königlichen Opernhaus zum ersten Male in Szene gebt, bat Gneralintendant Graf Hülsen, wie uns aus Berlin depeschiert wird, eine Broschüre erichei- nen lassen, der wir das Folgende entnehmen: Es ist selbstverständlich, daß bei dieser Neu­einrichtung nicht eine Note des Mei­sters berührt, und daß auch an dem von ihm komponierten Tert nicht getastet word-n ist. 3>er Dialog aber bedurfte nach meinem Dafür­halten Cunter vollster Wahrung seiner naiven Kindlichkeit einer höchst gewissenhaften Revi­sion. Eine Befreiung von allmählich einae- büräerten. kindlichen Zutaten und lästigen Wie­derholungen erfchien hier nicht nur erwünscht, sondern im Interesse der Musik geradezu gebo­ten. wenn man den Fluß ihrer Linie, die Machs ihrer Eindrücke nicht schädigen ober gar ver­mischen lassen will! Solche Erwägungen allein haben mir bei der Sichtung die Hand aefübrt. Tas Zusammenziehen einzelner Szenen. bor= nebmlich des jetzigen dritten Aktes, erklärt sich aus den gleichen Gesichtsvunkten. Die neuen Akieinteilungcn sind lediglich Folge des alten, je tz t j a dankenswert verbesserten, aber doch noch immer wenig leist- unassäbiaen Hauses! So lange, wir in iedem Zwischenakt mit unseren Dekorationen noch auf die Straße müssen, werden auch grö­ßere Pausen leider unvermeidlich sein."

Ein Münchener Theaterskandal. Aus München wird uns geschrieben: Eulen-