Di« .(Soffeiet Neueste Nachrichten' erf Seinen wöchentlich sechsmal und zwar abend«. Der «bonnementSpreir beträgt monatlich so Pfg. bei freier Zu. stellung ins H-uS. Druckerei, «erlag u. Redaktion: Schlachthofstraße 28/30. Berliner Vertretung; SW, Friedrichstraße Ich Telephon; Amt IV, 676.
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1. Jahrgang.
ZnsertionSp reise: Die sechSgespaltene Zeile für einheimische Losch äste 16 $f_ für auswärtige Inserate 25 Pfe Rellamezelle für einheimische Le. schäfte 40 Pf, für auswärtige 80 Pf. Geschäftsstelle: Kölnische Straße ch Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße Ich Telephon: Amt IV, 676.
Fernsprecher 951 und 952.
Sonntag, den 19. Februar 1911/
Fernsprecher 951 vnd 952.
flikt aus London: Der Korrespondent der „Daily Mail" in Tientsin telegraphiert seinem Blatte, daß die Behörden von Peking von dem Entschlüsse Rußlands über die russischchinesischen Grenz st reitigkeiten ganz überrascht worden seien. Die chinesische Regierung sei jedoch davon überzeugt, daß sich alles in Freundschaft regeln lassen werde, und daß die bestehenden Meinungsverschiedenheiten zu irgendeinem ernstlichen Konflikt nicht führen würden. Die chinesische Regierung werde es an Entgegenkommen gegenüber Rußland nicht mangeln laffen.
Sie Stadt des Todes.
Momentbilder aus der Peststadt Charbin. (Von unserrn Korrespondenten.)
Die russische Presse entwirft von den hygienischen Zuständen in der P e st st a d t Charbin ein erschreckliches Bild. Der gesundere Teil der russischen und chinesischen Bevölkerung der Peststadt fristet ein kümmerliches Dasein unter geradezu unmöglichen Wohnungsund Lebcnsbedingungen. Chinesen gibt es in Charbin über zwanzigtausend und der größte Teil von ihnen lebt in engen Hütten und Häuschen, die von Schmutz starrens Nach den Berichten russischer Zeitunqskorresvondentcn übermittelt uns unser Petersburger Mitarbeiter folgende Schilderung der Verhältnisse in Charbin:
Petersburg, 16. Februar.
Die Stadt Charbin besitzt an fünfhundert Freudenhäuser, Opium- und anderen Kneipen, in denen die Kulis, nach Zulegung des nötigen Rausches, nächtigen. In einzelnen dieser Nachtasyle ist der Zudrang so stark, daß die Schlafkojen doppelt und dreifach besetzt werden. Aber auch mit der russischen Bevökerung sieht es recht übel aus, denn die meisten Häuser besitzen keine Müllgruben, auch werden alles Spülwasser und alle UnreinlichleiKn einfach auf die Straße gegossen. Der Nowo- gorodny-Basar befindet sich fast im Zentrum des administrativen Teils von Charbin und zeichnet sich (nach Aussagen der Aerzte) durch einen ungeheuer antisanitären Zustand aus. Die russischen Behörden haben die Gefahr der Epidemie in Fudsjad- jan zu spät erkannt und konnten die Verschleppung der Pest nach Charbin nicht mxhr verhüten. Die Infektion von Charbin fand ungehindert statt, so daß sich hier sehr bald an verschiedenen Teilen der Stadt Pe st Herde bildeten. Nach Aussagen der Aerzte sind viele Häuser an der sogenannten Landungsstelle oder schlechtweg „Pristan" genannt, pestinfiziert. Erst in jüngster Zeit ist man auf den Gedanken gekommen, zwischen Fudsjadjan und Charbin Absperrungen vorzunehmen, um herumftreichende Chinesen von der Stadt fernzuhalten. Die Durchführung dieser Absperrung erscheint aber schon aus dem einfachen Grunde sehr problematisch, weil es ein Ding der Unmöglichkeit ist, einen .verdächtigen" Chinesen von einem unverdächtigen zu unterscheiden. Man muß ferner berücksichtigen, daß zwischen Fudsjadjan und Charbin ein ununterbrochener Verkehr von Wagen, Karren und Händlern stattfindet, die die Infektion von neuem in die Stadt ragen. Alle sanitären Maßregeln werden durch das seltsame Verhalten der Chinesen sehr erschwert. Die Chinesen beobachten gegenüber den Russen und ihren Maßregeln gegen die Pest eine direkt feindliche Stellungnahme. Aus diesem Grunde verbreiten sie überall lügenhafte Gerüchte im ganzen Lande. So fand vor kurzer Zeit eine Sitzung des Stadtrats in Ringut statt, in der die Frage besprochen wurde, warum die russischen Behörden in Charbin alle Chinesen in ihre Krankenhäuser sperren und sie dort, gleichviel ob gesund oder krank, vergifteten, um sie los zu werden. Aus diesem Grunde stürben so viele Chinesen an der Pest. Die Erregung der Chinesen nahm in dieser Sitzung einen so hohen Grad an, daß der offizielle Beamte es für angebracht hielt, seine Vorgesetzten von dem Vorfall in Kenntnis zu fetzen. Wenn nun sogar die gebildetern Chinesen diesen Unsinn glauben, was läßt sich alsdann vom Pöbel, vom Mob, erwarten? Bei der in den letzten Jahren vortretenden russisch-feindlichen Bewegung kann eine solche Agitation zu ähnlichen Folgen, wie während des Boxeraufstandes führen, und aus diesem Grunde muß Rußland den Kampf gegen die Pest in Charbin mehr vom staatlichen Stadpunkt aus betrachten und der ganzen politischen Lage mehr Rechnung tragen als es bisher geschehen ist.
Im Anschluß hieran berichtet uns noch ein Privattelegrämm aus Charbin: Die Befürchtung wird immer lauter, daß mit Eintritt der warmen Witterung ein Anwachsen der Pestepidemie zu erwarten ist. Alle Gewässer und Flüsse sind voll Bakterien. In Fudjadjan wurden viertausend Leichen verbrannt, über zweitausend liegen noch aufgespeichert. In Huang- tscheng sind allein überdreitausend Personen gestorben. Die Gesamtzahl der der Pest Erlegenen beträgt in derNordmandschurei rund fünfzigtausend. In P e k i n g sind in den letzten Tagen insgesamt zweihundertzehn Personen der Pest zum Opfer gefallen.
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Keine Gefahr für Europa!
(Eigene Drahtmeldung.)
Ein Spezialtelegramm berichtet uns aus Paris: Meldungen zufolge, die dem „Newyork Herold" aus Peking zugehen, darf es nach den letzten Informationen als sicher angenommen werden, daß für den Moment die Lage im Pcstgebiet keine Gefahr für Europa bildet. Es find gestern nur noch einige Pestfälle in Peking und Tientsin' vorgekommen, es steht aber fest, daß die Seuche durch chinesische Kulis aus Charbin eingeschleppt worden ist. Auch in Charbin hat sich die Zahl der Todesfälle etwas vermindert. Die Zahl der Todesfälle beläuft sich täglich auf etwa hundertfünfzig. In den ersten Tagen des April tritt in Charbin eine internationale Pestkonferenz zusammen, um die zur Bekämpfung der Epidemie erforderlichen internationalen Maßnahmen zu beraten.
Jas Drama von kzenstochau.
Ter Mönch als Mörder und Verbrecher.
(Von unserm Korrespondenten.)
Warschau, 16. Februar.
—.-Tüe.-vor. einigen Tagen in der Petersburger Presse erschienenen Mitteilungen über dir angebliche Flucht des Czenstochauer Mönchs und Klosterräubers Mazcoch aus dem Petrikauer Gefängis bewahrheiten sich nicht, Maczoch ist nur vor etwa zwei Wochen aus dem Petrikauer Gefängnis nach Petersburg gebracht worden und bewohnt nunmehr seit drei Tagen wieder seine Zelle in dem Gouvernementsgefängnis zu Petrikau. Helene Maczoch, die Geliebte des Mönchs, war bisher in Einzelhaft, seit einiger Zeit jedoch teilt sie ihre Zelle mit einer zweiten Gefangenen, der hauptsächlich die Aufgabe zugefallen ist, darauf zu achten, daß sich Helene Maczoch, die sehr niedergeschlagen ist, kein körperliches Leid zufügt. Damasius Mazcoch dagegen ist sehr
fromm und in sich gekehrt.
Tag und Nacht betet er. Er und der Mssnckj Isidor Olesinski, sein Helfer bei der Ermordung des Vetters Maczochs, haben gesonderte Zellen. In den letzten Tagen bat der Mörder, in der Mönchskutte beichten zu dürfen, was dem Gefängniskaplan mitgeteilt wurde. Für den Kaplan war dies eine unangenehme Sache, denn da über Mazcoch der Kirchenbann gefällt ist, darf er ihm die Beichte nicht abnehmen. Im Lause der Vorunte>-- suchung wurde festgestellt, daß der Mönch Mazcoch nach Verübung des Verbrechens mit der Witwe des Ermordeten sich kirchlich trau- e n ließ. Wer das Paar getraut hatte, ist nicht festgestellt, da sowohl Mazcoch als auch seine Geliebte sich weigern, den Namen des betreffenden Geistlichen anzugeben. Dem verbrecherischen Mönch werden zahlreiche Urkundenfälschungen, Unterschlagung der Klostergeldcr, Kirchenschändung und
der Meuchelmord' an seinem Vetter zur Last gelegt . Die Hauptverhandlung aber dürfte erst im September stattfinden. Die Nachricht, daß der Onkel des Verbrechers, der Gemeindevorsteher der Gemeinde Lipie im Kreise Czenstochau mit einem Orden der russischen Regierung ausgezeichnet wurde, hat ein gewisses Aufsehen erregt. Der Dritte dieses verbrecherischen Trios, der Mönch Starc- zewski, gegen den das Verfahren wegen Verheimlichung des Mordes schwebt, hat in der Voruntersuchung erklärt, daß er von der Verübung des Verbrechens von dem Mönch Damasius Mazcoch bei der Beichte in Kenntnis gesetzt wurde, mit Rücksicht jedoch auf die Vorschriften des kanonischen Rechts und das Beichtgeheimnis der Polizeibehörde jedoch davon keine Mitteilung machen durste. Er gab dagegen zu, im Interesse des Crenstochaucr Klosters dem Mazcoch den Rat erteilt zu haben, nach Amerika zu flüchten.
Die Untersuchung hat ferner ergeben, daß der Mönch Mazcoch im Laufe der letzten fünf Jahre etwa hundertausend Rubel Klostergelder unterschlagen hat und daß er diese Gelder teilweise für seine Geliebten verwandte, die sich zum Teil aus den Pensionärinnen der Toleranzhäuser in Czenstochau zusammensetzten. Mazcoch unternahm öfters mit diesen „Damen" Spritztouren nach Abasien und pilgerte in Gesellschaft seiner
Privattelegramm
bitt der Niederaerunanen den Grundstock einer berichtet uns zu hem russisch-chinesischen Stow
Ein weiteres
khrenvftichten.
Die Stadt Cassel und die Veteranen.
Der achtzehnte Januartag dieses Jahrs, an dem sich seit der Neuschaffung des Deutschen Reichs vier Dezennien rundeten, ging in Cassel vorüber, ohne daß(wke's anderwärts geschah) hilfreiche Hände sich der Helden erbarmten, die vor vierzig. Jahren das Ziel nationalen Sehnens erstritten, in dessen Glanz heut sechzig Millionen Deutsche sich sonnen, und denen der Dank des Vaterlands trotz des Daseins bleicher Not durch vier Jahrzehnte versagt blieb. Anderwärts im jungen Reich hat man sich am Tag der vierzigsten Jubelfeier des heißerkämpften Vaterlands der greisen Krieger flüchtig erinnert, ihnen eine Ehrengabe auf den Tasch der Armut gelegt, und den welkenden Lorbeer deutscher Heldentat für kurze Stunde neu verjüngt. Der Jubelklang ist nun im hastigen Alltagtreiben verhallt, die Begeisterung des Heldentags verrauscht, und am letzten Donnerstag hat im Casseler Stadtparlament der Stadtverordnete Hoffmann der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß es inanbetracht des glückbegünstigten kommunalen Wirtschaftsgeschäfts der Residenz gelingen werde, auch in der Fuldastadt den Notleidenden unter den Helden des letzten Kriegs durch eine Ehrengabe des Greisenalters düstre Sorge zu mildern. Herr Hoffmann (dem die Bürgerfchaft für die endliche Anregung eines nationalen Pflichtgebots aufrichtigen Dank schuldet) knüpfte an seine Kundgabe die Hoffnung, „daß der Magistrat den Stadtverordneten recht bald eine Vorlage zur Bewilligung einer Ehrengabe an bedürftige Veteranen zugehen lassen möge, damit Cassel nicht nur mit Worten, sondern auch durch die Tat seiner Dankbarkeit und Hochachtung für seine Veteranen Ausdruck geben könne."
Da (wie Herr Hoffmann weiter mitteilte) der Magistrat sich mit der Frage einer Vete- ranen-Ehrung bereits beschäftigt hat, darf man hoffen, daß der Plan nun bald greifbare Gestalt gewinnen wird. Die Ankündigung dieser Tatsache wird sicher überall in der Bürgerschaft freudigen Widerhall finden, und es bleibt nur zu bedauern, daß man sich in Cassel so spät auf die Erfüllung einer Pflicht besonnen hat, die jedem Vaterlandsfreund als e r st e s und natürlichstes Gebot nationaler Dankbarkeit vor der Seele steht, und deren Hinaus- fchiebung bis zum vierzigsten Jubeljahr der Reichsgründung das deutsche Volksgewissen wie schwere Schuld drückt. Das, was in den seit dem Tag von Versailles verrauschten Jahren im Reich der Deutschen für die Vete- ranen-Versorgung geschehen ist, erscheint angesichts des Opfers, das die Braven im Bann getreuer Pflichterfüllung brachten und inanbetracht des hohen Ziels, um das sie siegreich rangen, so winzig und karg, daß sich beim Uebcrfliegen der magern Zahlenreihen das Gerechtigkeitsempfinden aufbäumt, und die Schuld der Undankbarkeit riesengroß vorm Äuge des Gewissens emporwächst. Noch heut, wo von den Helden des letzten Völkerringens nur noch wenige, von der Last des Alters gebeugt, unter uns Jüngern weilen: Noch heut, vierzig Jahre nach sieggekrönter Kriegertat, hat man im Reich die Erfüllung nationaler Ehrenpflicht vom Züfallspiel parlamentarischer Parteienhuld abhängig gemacht und es hat heißer Mühen bedurft, um die Veteranenfürsorge km Reichshaus zu sichern. . „
Run, da die Wertzuwachssteuer nach hef- iigem Kampf endlich int sichern Port, wird Herr Wermuth an die Verteilung der neugeworbenen Schätze denken dürfen, aber man weiß schon jetzt, daß der Goldstrom aus der Zuwachssteuer-Quelle kaum reichen wird, das dringlichste Bedürfnis zu stillen. Die Fürforge für unsre Veteranen war und i st unzulänglich, und sie wird's (wenn dem Reich allein die Erfüllungspflicht aufgebürdet wird) auch bleiben, trotzdem des Reiches Säckelmeister hofft, daß der Born der Wertzuwachssteuer reichlich sprudeln und die Deckung aller Bedürfnisse ermöglichen wird. Bisher (und solange aus dem Reichsinvalidenfonds geschöpft werden konnte) flössen ins Armuthaus des bedürftigen Veteranen monatlich etwa zehn Mark; grade hinreichend, um eines Armen Hunger nach Brot notdürfttg zu stillen. Daß auf diese Weise die alten Krieger nicht vor den Kümmernissen eines freudlosen Alters geschützt werden können, leuchtet ein, und es ist nicht das erstemal, daß aus bitterm Herzen der Vorwurf sich emporringt: Tas junge Reich habe, als der Milliardenregcn des besiegten Frankreich übers neugeeinte Vaterland niederging, die Pflicht versäumt, aus dem Goldtri
Am Vorabend des Sturms?
Das russische Ultimatum an China. (Telegraphische Meldung«n.) Depeschen aus Paris zufolge hat die russische Regierung die Regierungen von England, Frankreich und Japan verständigt, daß Rußland entschlossen sei, eine militärische Expedition gegen China zu unternehmen, falls China die Verpflichtungen des russisch-chinesischen Vertrages von 1881 nicht erfülle. Rußland beabsichtigt, das chinesische Turkestan zu besetzen, wie dies während der Zeit zwischen 1871 und 1881 schon geschehen sei. Interessant ist im Zusammenhang mit diesen Vorgängen ein Interview, das die Pariser „Libre Parole" mit dem russischen Botschafter Iswolski hatte. Ein Spezial- Telegrumm berichtet uns darüber:
„Der Akkord von Potsdam."
(Telegramm unsers Korrespondenten.)
Paris, 18. Februar.
Die „Libre Parole" bringt heute ein Interview mit dem Pariser russischen Botschafter Iswolski, der sich folgendermaßen ausgesprochen haben soll: Die französisch-russische Alliance bleibt intakt, denn sie ist bei den russisch-deutschen Abmachungen nicht in die Diskussionen hineingezogen worden: jeder weiß jetzt, um was es sich bei der zwischen. Rußland und Deutschland getroffenen Entente handelt. Die Russen haben ihre speziellen Interessen im persischen Golf und die Anerkennung dieser Interessen und dir praktischen Mittel, sie zu verteidigen: D a s ist es, um was es sich bei dem „Akkord von Potsdam" handelt. Tas Abkommen ist mit demjenigen zu vergleichen, das die französische Regierung seinerzeit mit Berlin bezüglich der marokkanischen Angelegenheiten abgeschlossen hat. Es handelt sich bei der Potsdamer Abmachung um eine rein technische Entente, bei der das System der Akkorde nicht in dem Bereich der Diskussionen gezogen werden konnte. Schließlich steht es fest, daß die russischen Aktionen und die russische Diplomatie niemals zugeben werden, daß die Freundschaft mit Deutschland die Solidarität des französisch-russischen Bündnisses oder die Triple-Entente irgendwie beeinflussen kann. In der politischen Situation Europas hat sich nichts geändert, und das nationale Gleichgewicht ist durchaus dasselbe, wie vor dem Tag von Potsdam.
ausreichenden und des deutschen Namens würdigen Veteranen-Versorgung von vornherein zu sichern. Die Unterlassung hat sich bitter gerächt und das nationale Gewissen mit drückender Schuld belastet.
Nun tritt auch Cassel auf den Plan, um an Deutschlands Heldensöhne pflichtigen Danktribut abzutragen. Nicht als Erster im Kranz der deutschen Städte, aber doch noch zeitig genug, um gebotner Pflicht zu genügen. Anderorts im Reich haben deutsch-sühlende Kommunen die Pflicht erkannt, die Veteranen der letzten Kriege von den Lasten kommunaler Steuerleistung zu befreien; andre überwiesen den Notleidenden unter den greifen Helden einmalige Ehrengaben in bescheidner Höhe; in Rathauspalästen prangen Rnhmestaseln mit den Namen der für König und Vaterland heldenhaft in den Tod Gegangne, und an nationalen Festtagen klingt hoch das Lied von Krieger- und Heldentat, die ihr Lorbeerblatt an Thronesstufen findet. Und das Veteranen- Elend schleicht dennoch gespenstisch durchs Land und fordert Tribut und Opfer. Cassel kommt reichlich spät zum Helfen, aber es könnte der nationalen Ehrenpflicht der Dankbarkeit gegenüber den Erstreitern des Vaterlands ein weithin leuchtend Denkmal setzen, wenn die Väter der Stadt die Veteranenfürsorge zu einer dauernden gestalten würden. Die Zahl der greifen Alten ist nicht mehr groß, und unsre Kommunalwirtschaft entwickelt sich, geleitet von kundigen Händen, in glücklichster Weise. Könnte es das finanzielle Gleichgewicht des Haushalts der Residenz bebräuert, wenn Cassel Jahr um Jahr fünfzigtausend Mark (oder weniger, ober mehr) in seinen Millionenetat zur Fürsorge für bie Armen unter den in seinen Mauern weilenben Veteranen einstellen würbe? Kaum! Die Bürgerschaft würde bie kleine Mehrlast sicher gerne tragen, denn Cassel hätte bamit eine Pflicht erfüllt, der bisher im ganzen Reich noch nicht aus- reichenb genügt worben ist: Die Ehrenpflicht nationaler Dankbarkeit! **