Einzelbild herunterladen
 

1. Jahrgang

Nrrrrmrer vs

WkrUeMe

hessische Abendzeitung

Gsssrirr Abmdzeitung

Fernsprecher 951 und 952.

Sonnabend, den 18. Februar 1911

Fermsprecher 951 rrrrd 952.

-er-

Freiherr von der Recke t.

tfel« der rng

ier te,

er $ x.

3«fettionSprdTe: Lte sechSzekpaltrn« geile für ei-rheümfche SeschLftetS Vf. für auSroürtige Inserate S Vf- ReNamezsile für einheimische De- schäfte 40 Pf, für eu$ro4rttge « Pf. »eschäftSstelle: Kölnische Stratze 5. BerSner Sertrettmg: SW, tzriedrichstrabe Ich Telephon: Zmt IV, 678.

Die Kasseler Neueste Sachrichte»' erscheinen mächentllch sechsmal nnd zwar abends. Der AdounementSpreiS beträgt monatlich50Pfg. 6et freier Zu- ftellung tnS HanL. $rudCTet, Berfog a. ttebatttoe: Lchlachthofstratze »M. Berliner Dertretnng; SW, tzrschrichftratze 16, Telephon: Amt IV, 676.

5t d- e- t«

en.

L

nur eine Frage der Zeit, daß mit den Ka­nalrebellen zugleich der Minister selbst verab- chiedet werden sollte. Während man nun ge- ;cn die Landräte sofort vorging schonte man ?en Minister noch bis zum Ende des Jahres: Am zweiten November 1899 wurde er endlich aus seinen! Amt entlassen und erhielt das Oberpräsidium in Münster. Tort hat er sich als Verwaltungsbcamter große Ver­dienste erworben. Er war mit den Verhält­nissen Westfalens genau vertraut, zumal seine Familie selbst zu dem westfälischen Uradcl ge­hört. Auch vorher hatte er sich in Düsseldorf (roo er mehrere Jahre als Regierungspräsident weilte), als Verwaltungsbeamter verdienstlich betätigt. Ueber den Kronrat, der damals ab- gchalten wurde, sind Mitteilungen in die Presse gekommen, wonach der Ministerpräsident Fürst Hohenlohe und auch einige andere Minister durchaus gegen die Maßregelung der L a n d r ä t e sich ausgesprochen hatten, wohl aber habe der Minister von Miguel (dem allerdings die Konservativen trotz seiner zwei­deutigen Kanalrede nie recht getraut haben) für ihre Maßregelung gestimmt. Genaues ist je­doch darüber nicht bekannt geworden. Und erst wenn der dritte Band vonOn kelClod- wigs" Denkwürdigkeiten erscheinen wird, wird man wahrscheinlich auch über diesen Kronrat interessante Enthüllungen erfahren.

für sich auszumünzen wissen . . . -

Fata morgana? I \

Der Grundriß des neue«Bethmann-BlsÜs".

In einem Züricher Matt war dieser Tage ' Einiges Interessante überB e t h m a n n Horlwegs Rechnung" zu lesen und in der deutschen Presse hat man die darauf be- ' züglichen Auslassungen mit verständnisinni­gem Lächeln vermerkt. Es hieß da: Der Kanz­ler werde versuchen, die parlamentarische Si­tuation so zu gestalten, daß sich in der geplan- ien Januartagung des Reichstags Konserva­tive, Zentrum 61 Natiorralliberalc zu trauli­chem Bereis \..u'cn würden, während der Freisiuu zusammen mit der übrigen Opposition den Schmollwinkel zier«. Die Rechnung an sich wäre sicherlich nicht schlecht kalkuliert, und sie würde imgrunde auch der ganzen Eigenart des fünften Kanzlers nüht widersprechen, des­sen Sammlungs-Enthusiasmus niemals die Grenzpfähle des Freisinns erreicht hat. In­dessen: Auch ein Philosoph vom Schlag des Bülow-Erben kann sich zuweilen in seiner Kalkulation irren, und es scheint, daß gerade bei dieser großen Rechnung den Kanzler das politische Augenmaß merklich im Stich ge­lassen hat. Selbst wenn es gelingen sollte, die Mannen Peter Spahns in der kommenden Januar-Tagung des Parlaments zu einer Mkehr von den sozialpolitisch bisher gewan­delten Pfaden zu bewegen, so bliebe doch noch das große Fragezeichen bestehen: Wie ist der Friede zwischen Basfcrmann und Hey- debrand aufs neu zu sichern? Erst dieser Tage sind in Preußens Landstube von konser­vativer und Zentrums-Seite gegen die Natio- nalliberalen Pfeile abgeschoffen worden, deren Gift von der ätzenden Lauge des wildesten Ge- nofsengrimms nicht übertroffen werden kann, und in Lyck im Ostpreußerlaud hat im Be­ginn der neuen Woche Herr Ernst Baffermann vor gruselnden Hörern osfen den heiligen Krieg der Nationalliberalen wider denschwarzblauen Block" proklamiert.

DaS alles deutet nicht auf Frieden, son­dern kündet Sturm, und die ganze Entwick­lung des nahenden Reichstagswahlkampfs scheint von vornherein auf diesen Sturm zu­geschnitten zu sein. Bereits heute sind rund eintausend Kandidaten für die drcihundert- siebenundneunzig Sitze im Wallothaus nomi­niert, und überall da, wo Konservative, Nati- onalliberale und Zentrum im engen Kreis der Wahlkampfinteressen aneinanderprallen, wird die Schärfe der Erregung schon jetzt deutlich merkbar. Es ist auch nicht anzunehmen, daß es noch vorm Entscheidungstag irgend einem der Erregten beikommen wird, das Kriegsbeil mit des Friedens lieblicher Flöte zu vertauschen, vielmehr darf (nach dem letzten Sturm im Preußen-Parlament) mit ziemlicher Bestimmt­heit angenommen werden, daß die Wege des schwarz-blauen Blocks" sich für absehbare Zeit von den Pfaden nationallibcraler Politik trennen werden. Die natürliche Entwicklung der Dinge wirft also in die angeblicheRech­nung des Kanzlers" schon von selbst den Stein des Anstoßes, und es müßte unter die­sen Umständen ein stärkeres Versöhner­talent den Frieden erzwingen, als Theobald von Bethmann Hollweg eS den Zeitgenossen bisher zu offenbaren vermochte. Daß der Freisinn auS dem Bethmarm Hollweg-Block ausgeschaltet werden soll, wirkt an sich nicht befremdlich: Der fünfte Kanzler war nie ein Freund Wiemer'scher und Gothein'scher Ideen und er hat's auch während der Zeit seines Kanzlertums geflissentlich vermieden, den An­schein zu erwecken, als sei auch er mit dem be­rühmtenTropfen liberalen Oels" gesalbt, das dem Vorgänger-während seiner ganzen Kanz­lerschaft wie das düstere Verhängnis anhastete, und ihm auch den raschen Weg nach Villa Malta höhnend glättete.

Theobald von Bethmann Hollweg über­nahm das Erbe des Optimisten Bülow mit dem bestimmten Vorsatz, den Block- Gedanken und die Idee der viel be­fehdetenPerlhuhn- und Kaninchenpaarung" endgütig abzutun. Es würde also die durchaus logische Folge der Bethmann- schen Politik sein, wenn er auS seinem Block das liberale Opposttionselement von vornher­ein auszuscheiden versuchte. Daß beim letzten Ordenssest unter den Bekränzten sich auch einige liberale Politiker befanden, die schon vorher »Stern und Band" zielten, braucht nicht zu schrecken: Die Rachwehen der Block- Aera sind längst überwunden und in der Werk­statt des fünften Kanzlers sind tränenfeuchte Pietät und wehleidige Sentiments unbekannte Werkzeuge. Nach alledem darf man anuehmen, daß die Theorie derDcthmann-Hollweg- Rechnuna" tatsächlich bestanden hat (oder_noch

trat Sie habe den König in der Loge be­merkt und ihn auf den ersten Blick liebgewonnen. In der Pause sei Dom Ma­nuel dann hinter die Kulissen gekommen und dort habe sie dann . . . den e r st e n Kutz von königlichen Lippen empfangen.

Der Journalist, dem Tom Manuels kleine Freundin alle diese interessanten Einzelheiten erzählt hat, bemerkt zu den Mitteilungen der kleinen redseligen Dame, daß ervon ihr den besten Eindruck gewonnen habe. Sic scheine wirklich sür den entthronten König eine tiefe Neigung zu empfinden und sein Schicksal aufrichtig mitzufühlen." Bekanntlich haben sich französische Blätter auch beim Sturz des portugiesischen Königshauses beeilt, die kleine Gaby um ihreMeinung" zu fragen und das damalige Interview machte die be­scheidene Diseusepopulärer", als cs ihre Kunst je vermocht hätte. Das zweite Interview wird Gaby Deslys sicherlich ebenfalls nützlich

Asm Manuels Memoiren.

Ein Interview mit Gaby DrSlys.

(Von unserm Korrespondenten.)

Gaby Deslvs, Dom Manuelskleine Freundin", hat dieser Tage einem französi­schen Journalisten ein Interview gewährt und bei dieser Gelegenheit allerlei Diskretes und Indiskretes über ihrenAmoreur". Portu­gals entthronten König, erzählt. Die kleine Brettl-Dame bemerkte, sie habe kürzlich mehrere Wochen in London in Gesellschaft des Exkönigs verbracht und habe di- Ueberzeugung gewon­nene daß Dom Manuel sich im Exil bedeutend Wohler fühle als während seiner Herrscherzeit, da er jetzt wenigstens für sein Leben nichts zu fürchten brauche. Aus dem weiteren Inhalt des Interviews werden uns noch folgende Einzelheiten berichtet:

Paris, 15. Februar.

Gaby Deslys erklärte dem Interviewer, König Manuel fei mit der Abfassung feiner Memoiren beschäftigt, die in­teressante Enthüllungen über die Verhältnisse in Portugal während seiner Regierungszeit bringen würden. Er sei von den Ministern und den ersten Beamten des Hofes verlassen gewesen, die schon damals mit den Republikanern konspiriert hätten, sodaß er täglich um sein Leben be­sorgt sein mutzte. Der König habe stets das Beste für fein Vaterland gewollt, doch fei er nie im Stande gewesen, irgend wel­che Reformen in Vorfchlag zu bringen, da cs den Republikanern gerade daran lag, das Königtum und den König selbst bei dem Volke zu diskreditieren. Es erscheint zwar kaum glaublich, daß der entthronte König seiner kleinen Freundin solche politische Indiskretionen ausgeplaudert haben soll, aber es verlohnt sich doch, darauf näher ein­zugehen. Die schlanke Pariser Divotto, deren erster Liebhaber ein bekannter Pariser Sports­mann gewesen sein soll, plauderte dann über andre Intimitäten. Sie sprach von der Herzensgüte des Exmonarche« und er­klärte, daß man ihn gewaltsam zur H e i r a t mit einer europäischen Prinzes­sin habe zwingen wollen, wogegen sich aber der König gesträubt habe, da er für diese Dame, abgesehen von aller Herzensneigung, überhaupt keine Sympathie empfand. Er liebt mich nur, mich einzig und allein (so äußerte die Pariser Tingeltangeleuie) und im nächsten Frühjahr halt er mir ver­sprochen eine Reife nach Amerika mit mir zu machen. Dort in der stillen Abge- fchiedenheit einer Hazienda, inmitten der wilden südamerikanifchen Steppen, wollten wir uns erholen von der Last und den Küm­mernissen des Lebens. Und als sie das fprach, da foll die kleine Gabys fo berichtet es wenigstens der Parifer Reporter) ge­weint haben, und ihre hübschen hellblauen Spitzbubenaugen erstrahlten noch mechr in den perlenden Trähnen. Auf die Frage des Reporters, ob eS ihr nicht unangenehm fei und ob es ihre Eitelkeit nicht verletze, daß man sie öffentlich als dieGeliebte des Ex­königs" bezeichnet, antwortete die Diseuse: Im Gegenteil, das ehrt mich, er ist mein Freund und ich weiß, daß er für mich eine uneigennützige, tiefe Nei­gung hat." Und sie erzählte noch von ih­rem ersten Zusammentreffen mit dem jungen Manuel: Er war vor mcbrcrcn Jahren im Theater des Eapucines. als sic in einer,Revue betitelt: -Montez!" auf-,

besteht), daß aber gleichzeitig auch in der na­türlichen Entwicklung der Verhältnisse sich die chrofsste Korrektur der Kalkulation offenbaren wird. Was der nahende Wahlkampf an prak­tischen Resultaten ergeben wird, läßt sich heut noch nicht übersehen; was aber an Anzei­chen gedeutet werden darf, scheint darauf hin­zuweisen, daß der Rcgierungskurs der Wil- helmstraße die Rationalliberalen zwar für den geplanten Bethmann-Block gewinnen möchte, te aber tatsächlich der Regierungstruppe im­mer mehr entfremdet und sie ins Lager der Opposition peitscht.

Diese Tatsache muß naturnotwendig auch den bevorstehenden Kampf ums Wallotbans beeinflussen und die nächste Folge würde na­türlicherweise sein, daß zwifchen National- liberalen und Freisinnigen von selbst engere Bande sprießen, deren praktische Wirkungen dann im nächsten Reichstag zu spüren sein würden. Daß derschwarzblaue Block" für ich einen Fels darstellt, auf den der Kanz­ler auch in schwerer Zeit wird bauen können, haben die Geschehnisse der letzten Monde und Wochen hinlänglich bewiesen, aber man bat das Empfinden, daß es dem Aestheten Beth- mann-Hollweg nicht lieblich dünkt, daß Odium auf sich zu nehmen, mit einer rein konser­vativ-klerikalen Mehrheit das Millionenreich der Deutschen zu regieren. Aus diesem Grund cheint denn auch in des Kanzlers Seele der Wunsch aufgckeimt zu sein, außer denHei­ligen und Rittern" auch noch das Trüpplein der Nationalliberalen an den Wagen des neu­en Blocks zu schirren. Ein Gedanke, der, wäre er nicht dem Hirn Theobald von Bethmanns entsprungen, zweifellos noch von einem an­dern staatsmännischen Genie hätte entdeckt werden muffen. Was indessen bisher an Mög­lichkeiten für die Verwirklichung des sicherlich idealen Planes sichtbar ist, ist winzig und unsicher und dürfte selbst einen Optimisten kaum ermutigen, auf dem schwachen Grund der Idee praktische Arbeit zu versuchen. Herr von Bethmann ist aber nicht nur kein Optimist, sondern bekennt sich überzeugt und nachdrücklich zum Pessimismus und es erscheint deshalb umso wunderlicher, daß gerade ihmdem Moltke der Wilhelmstratze" in des Busens tief­ster Tiefe Pläne reifen sollen, deren kinderfröh­liche Harmlosigkeit selbst einem weniger hell Blickenden überzeugend klar erscheint. **

Set Totentanz der Pest.

Schreckcnsscenen aus dem Pestgebiet. *-

(Von unserem Korrespondenten.)

Die Korrespondenten rusiischer Blätter ent­werf en grauenvolle Gemälde von der Ver­brennung der Pestleichen in Fudjia- dian. Um die taufende von toten Chinesen ein­zuäschern, deren Leichname in den Straßen der Stadt aufgehäuft waren und die Luft mit widrigsten Gerüchen erfüllten, bediente man sich großer Ziegelöfen, die in den Dörfern in der Umgegend von Charbin sich befinden. Durch die viereckige Oeffnung des Ofens schleu­dern die Chinesen, die zu diesem entsetzlichen Dienst ausersehen sind, mit stoischem Gleichmut die verzerrten und entstellten Körper, die von der großen Kälte steif und starr geworden sind, so wie man Holzscheite in die Glut wirft. Unter Korrespondent berichtet aus den Schilderungen russischer Blätter folgende Tatsache:

Petersburg, 15. Februar.

Die in der Chinesenstadt Fudjiadian ver» brannten Pestopser sind fast alles Männer; chinesische Frauen kommen selten nach dem Norden der Mandschurei. In dem gespenstisch aufzuckenden Schein der Flammen leuchten dir Gesichter dieser seltsamen Totengräber tn einem unheimlichen Rot; aber kein Aus­druck des Mitgefühls gleitet über die maskenhaft starren Gesichter der Chinesen, die in dumpfer Lethargie gekrampft erscheinen. Automatisch werfen sie sich die Körper zu und stoßen nur hin und wieder schrille phanta­stische Schreie aus. Dem Betrachter aber ge­staltet sich bei dem unruhigen Flackern der Lichter, dem geisterhaften Hin- und Her- huschen der Schatten, dem wortlosen Han­tieren, das Bild eines grausigen Toten­tanzes. Diese grotesken Gestalten scheinen der Hölle ein einzigartiges Opfer zu bringen, und mit der entsetzlichen Starrheit und Laut­losigkeit ihres Tuns, mit dem phantastischen Spuk, der sich um die Feuersglut vollzieht, kontrastiert das Bild unruhiger Bewegung, das sich in den Oefen entfaltet: Hinter dem roten Flammenvorhang erhalten die Toten, von den züngelnden Flammen umspielt, ein geheimnisvolles Leben. Von der gefräßigen Glut des Feuers verzerrt, winden sie sich in grausigen Verdrehungen; es ist, als ob sie sich noch einmal aufbäumten gegen ihr furcht­bares Geschick, sich reckten und dehnten in dem Todesbett der Flammen, bevor sie in Asche zusammensinken. Zwei dicke Kerle schleppen einen großen magern Körper herbei und schieben ihn in den feurigen Ofen. Die Flammen fallen über die neue Nahrung her; die riesige starre Gestalt richtet sich auf, und der Tote sitzt nun in einer grausigen Haltung, bis langsam die Arme heruntersinken, deren Haut sich im Feuer prasselnd abschält. Dann bricht der Körper jäh zusammen und aus dem gespaltenen Schädel ergießt sich eine klebrig zähe Masse: Das Feuer hat sein Opfer gefordert! Eine stets wechselnde Fülle der entsetzlichsten Bilder taucht empor aus diesem Höllenpfuhl, so schaurig wild in ihrer blutigen Beleuchtung, wie sic weder die Phantasie eines Dante, noch der Pinsel eines Breughcl ersonnen. Aus den aufgebrochenen Köpfen kocht die Gehirnmasse, wie Lava auS einem Vulkan geschleudert. Augen starren mit glasigem Blick zwischen den Flammen hervor, gebrochen, lichtlos! Arme recken sich auf aus der geballten Maffe der Körper, drohend, flehend, verzweifelt! Und immer neue Opfer schleppen die Totengräber herbei, während hoch über diesem ganzen Schauspiel von Tod, Feuer und Entsetzen ein schmutziger, stinkender Rauch seine schwelen­den Wolkcnmasscn wälzt, dic der Wind durch _ die kalte Luit jagt, HM nsLLZiarbi» ,,,

11.

zu-

Majestät wünscht die Kanal-Bvrlage!"

Münster i. W., 17. Februar. (Privat­telegramm.) Der Oberprästdent von Westfalen, Staatsminister a. D. Frei­herr von der Recke, von dessen Rück­trittsabsichten dieser Tage erst in der Presse die Rede war, ist gestern nachmittag nach langem, schweren Leiden im Alter von vierundsechzig Jahren gestorben. Frei Herr von der Recke war bereits sechs Jahre leidend und in den letzten Tagen hatte sich sein Befinden erheblich verschlimmert.

Der Tod ist nun rascher gekommen, als der erbetene Abschied von Amt und Bürde, und Freiherr von der Recke ist doch noch in den Sielen gestorben: Sein Tod schließt ein an Ereignissen und Enttäuschungen reiches Le­ben. Vier Jahre hindurch (von 1895 bi« 1899) wirkte der Verstorbene in Preußen als Mi­nister des Innern, machte als solcher aber keine besonders glückliche Figur, zumal er auch kein Redner war. Und es traf ihn das Geschick daß während seiner Ministerschast im Jahre 1899 die Entscheidung über die Mittel­land kanalvorlage im Abgeordneten- hause fallen mutzte, wobei die konservativen vandräte im Abgeordnetenhause, die er gern für die Kanalvorlage ins Treffen geführt hätte, fast sämtlich zur agrarischen Opposition übergingen. Es sand damals ein Kronrat statt, in dem bet K aifer seinen Willen kundgab, daß die Kanalvorlage von den Beamten (die zugleich Abgeordneten waren) angenommen werden sollte. Diesen Wunsch übermittelte Herr von der Recke den konservativen Sanbrdten mit bett bekannten Worten: .Majestät w ü n s ch t di- Kanalvorlage". Die Landräte lie- ßen sich aber dadurch in ihrer Meinung nicht beirren, sondern stimmten in der zweiten Le­sung gegen die Kanalvorlage, wobei diese dann vollständig siel. Alsdann, wurden die Kanalrebellen" bekanntlich zur Drsposition gc- fiellf Ewige traten in Provinzial-Jnstitute ein, in denen die Konservativen bas Regiment führ­ten die anderen brauchten größtenteils nur kurze Zeit zu warten, um wieder in Gnaden cufaenörnmcn zu werden. Sie fielen nicht nur die Treppe hinauf, fonbern einige sogar bis zu den obersten Sprossen.

Im Verlauf des hitzigen .Kanalkampfes" hatte sich der Kaiser davon überzeugt, daß Herr von der Recke gar keine Autorität über die ihm unterstellten Beamten befaß, und es war daher