Rr. 64. — 1. Jahrgang.
Casseler Neueste NachrichieS
Freitag, 17. Februar 1911
glieder feiner Familie verloren, darunter feine Frau und feine Schwiegertochter, die erst feit vier Tagen verheiratet war. Auch der Arzt Dr. Cordon hat feine Frau bei der Katastrophe verloren, indem sie bei lebendigem Leibe verbrannte. Die Leiche einer anderen Frau ist mit vollständig zerquetschtem Kopfe aufgefundcn worden. Auch zwei andere weibliche Leichen sind, bis zur Unkenntlichkeit entstellt, aufgefunden worden. Am Orte der Katastrophe spielen sich noch fortwährend herzzerreißende Szenen ab. Dr. Cordon hat bei der Katastrophe auch einen Betrag von 38,000 Franken verloren, welche Summe seine Gattin bei sich führte. Bon dem Gclde ist bis jetzt nichts aufgefundcn worden.
Bei dem zweiten Eisenbahnunglück, das sich auf der Station V i o l a i n bei Pas de Calais am gleichen Tage ereignete, sind (wie nunmehr fcstgestellt ist) zwei Personen getötet und über z w an z i g zum Teil schwer verletzt worden. Wie die Untersuchung ergeben hat, trifft die Schuld an diesem Vorfall den Weichensteller der Station Violain, der die beiden Züge auf dasselbe Geleise dirigierte. Wäre der Zusammenstoß auf offener «trecke erfolgt, dann würde das Unglück noch weit schwerere Folgen gehabt haben. Der Weichensteller wurde (wie uns ein Privat-Tele- gramm meldet) gestern abend verhaftet.
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Budapest, 16. Februar. (Eigene Drahtmeld ung.) Auf der Bahnstrecke Kolak-Trencsin ist gestern spät abends infolge unvorsichtigen Fahrens des Lokomotivführers eines Personenzugs ein Zusammenstoß mit einem kleinen Nachzug erfolgt. Fünf Waggons wurden vollständig zertrümmert unv der Zugführer des Pcrsoncnzugcs getötet. Mehrere Bahnbeamte erlitten leichte Verletzungen. Der angerichtete Materialschaden ist bedeutend. Der schuldige Lokomotivführer wurde in Haft genommen.
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Sin öitten-Irama.
Die Tragödie einer Kindesmörderin.
(Von unserm Korrespondenten.) Kiel, 15. Februar.
Eine Familientragödie, die mehr als sechsunddreitzig Jahre zurückliegt, wurde in einer Verhandlung vor dem hiesigen Schwurgericht von neuem aufgerollt. Im "Jahre 1875 wurde die damals vierundzwanzig Jahre alt Frau des Marine- maats Letzte vom Schwurgericht des Kindesmordes schuldig gesprochen und zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. In der damaligen Verhandlung kamen nicht alltägliche Dinge zur Sprache. Die Angeklagte hatte sich als Mädchen zusammen mit ihrer Mutter und dem Handelsmann Letzte ungeniert (wie das in manchen ländlichen Kreisen noch Sitte ist) darüber unterhalten, wie sie am leichtesten
einen Mann bekommen könne.
Der Handelsmann schlug ihr vor, seinen S o h n zu heiraten, der bei der Marine diente. Das Mädchen lietz sich ein Bild des jungen Mannes zeigen, und war schließlich mit dem Vorschlag des alten Letzle einverstanden. Im Februar 1875 sand dann auch wirklich die Hochzeit statt. Bereits vor der Ehe war die junge Frau aber schon mit ihrem zukünftigen Schwiegervater in intimen Verkehr getreten, der nicht ohne Folgen blieb. Am zehnten Mai 1875 kam die Angeklagte nieder, und da der Mann hierdurch den Beweis hatte, daß seine Frau bereits vor Eingehung der Ehe mit andern Männern Verkehr gepflogen hatte, trennte er sich von der Frau und die Ehe wurde geschieden, nachdem festgestellt worden war, daß der Schwiegervater der Vater des Kindes war. Dieses Kind wurde von der eigenen Mutter in ganz raffinierter Weise in einer Waffertonne ertränkt.
In der Nacht zum 18. Mai wachte eine alte Großmutter bei der jungen Mutter. Als die alte Frau einige Augenblicke eingeschlasen
war, schlich sich Frau Leßle mit dem Kind auf den Hof und hielt es so lange unter Wasser, bis sie es für tot hielt. Dann kehrte sie wieder in das Schlafzimmer zurück, und legte das kleine Wesen neben sich. In der ersten Schwurgerichtsverhandlung gab die Angeklagte zu, daß der Schwiegervater ihr keinerlei Gewalt angetan habe, sondern daß sie ihm freiwillig zu Willen gewesen sei. Sie wurde damals zu siebenJahren Zuchthaus verurteilt. Nachdem sie davon drei Jahre verbüßt hatte, machten sich bei ihr Spuren von geistiger Störung bemerkbar, sodaß sie in eine Irrenanstalt überführt wurde. Nach einjährigem Aufenthalt in der Irrenanstalt wurde sie entlasien und ihr der Rest der Strafe im Gnadenwege erlassen. Sie zog nach einer kleinen Stadt Mecklenburgs, wo sie jetzt
als sieche Greisin lebt.
In neuester Zeit haben nun die Verwandten der alten Frau das Wiederaufnahmeverfahren des Schwurgerichtsprozeffes betrieben, und es auch wirklich erreicht, daß das Reichsgericht eine erneute Verhandlung anordnete, die ebenfalls wieder in Kiel als dem Ort der Straftat stattfand. Die Angeklagte gab auch bei ihrer nochmaligen Vernehmung die Tötung des Kindes zu, sie behauptete aber, daß sie seinerzeit von ihrem zukünftigen Schwiegervater vergewaltigt worden sei. Diese Behauptung fand aber bei den Geschworenen und dem Gericht auf Grund des Protokolls der Verhandlung aus dem Jahre 1875 keinen Glauben. Im übrigen beschränkte sich die Verteidigung der Angeklagten darauf, daß sie fortwährend erklärte, es sei ihr jetzt alles egal, da sie sich in Gottes Hand befinde. Auch sonst machte die alte Frau einen sehr eigentümlichen Eindruck, redete in Bibelsprüchen und prophezeite den
baldigen Untergang der Welt.
Eine Anzahl medizinischer Sachverständiger vertraten die Ansicht, daß die später bei der Angeklagten konstatierte Geisteskrankheit bereits vor der Hochzeit zum Ausbruch gekommen sei, sodaß sie also in einem Zustand der Unzurechnnngsfähi gleit den Kindesmord begangen haben könnte. Auch der Vertreter der Anklage war der Ansicht, daß die Gründe für ein Schuldig nicht ausreichten. Die Geschworenen waren aber anderer Meinung: Sie sprachen die Frau wiederum des Kindesmords schuldig, worauf der Gerichtshof die Strafe von sieben Jahren erneut aussprach. Das Urteil wird in der Presse lebhaft kommentiert, da es den Anschein gewinnt, daß bei dem Schuldspruch die Gutachten der medizinischen Sachverständigen nickt ausreichend berücksichtigt worden sind. Tatsächlich hat die erneute Beweisaufnahme zahlreiche Momente ergeben, die darauf schließen lassen, daß die nun Einundsechzigjährige zur Zeit des Verbrechens geisteskrank gewesen ist.
-tsch-
Sie Politik der Tag«.
ca= Hanau-Gelnhausen. (Telegra mm unsers Korrespondenten.) Aus Hanau wird uns berichtet: Die Konservativen im Reichstagswahlkreis Hanau-Gelnhausen haben beschlossen, die von den Nationalliberalen angeregte gemeinsame Kandidatur des nationalliberalen Baurats Wohlfarth zu unterstützen, und dieserhalb mit dem nationalliberalen Parteivorstand zu verhandeln. Dieser parteioffiziösen Mitteilung ist indessen hinzuzufügen, daß die konservative Partei außerdem Neigung zeigt, mit Unterstützung des Bundes der Landwirte einen eigenen Kandidaten aufzustellen.
S3 Kopp, der „Versöhner". (Privat- t e l e g r a m m.) Man depeschiert uns aus Wien: Hier aus dem Vatikan eingegangene Meldungen bestreiten die Ansicht, daß Kardinal Kopp nach Rom reise, um wegen der Schwierigkeiten anläßlich des Antimoder- n i st e n e i d e s als Vermittler zwischen der preußischen Regierung und der Kurie zu wir
ken. Es wird erklärt, diese Reise erfolge hauptsächlich wegen der Gewerkschaftsfrage, die in letzter Zeit in Deutschland wieder lebhaft erörtert worden sei. Der Vatikan wünsche vom Kardinal Kopp als ausgesprochenen Anhänger der konfessionellen Gewerkschaften genaue Aufschlüsse über den Stand dieser Angelegenheit zu erhalten.
o3 Die Reichsland-Verfassung gescheitert? (Telegramm unsers Korrespon- d e n t e n.) Aus Berlin wird uns depeschiert: Die vom Reichstag zur Beratung der Verfassung für Elsaß-Lothringen eingesetzte Kommission hat sich soeben vertagt. Bei Beginn der heutigen Sitzung gab Staatssekretär Delbrück namens des Reichskanzlers folgende Erklärung ab:
Die Verhandlungen der Kommission haben einen andern Verlauf genommen, als nach den Aeutzerungen der Parteien im Plenum anzunehmen war. Die Beschlüsse, die die Kommission bisher gefaßt hat, seien für die Regierung zum Teil unannehmbar, ebenso auch die noch zu Beschluß stehenden Anträge. Der Reichskanzler hat unter diesen Umständen den Wunsch, zunächst mit den Bundesregierungen ins Vernehmen zu treten, und ersucht die Kommission, sich bis auf weiteres zu vertagen.
Wie ferner mitgeteilt wird, nimmt man nunmehr in Abgeordnetenkreisen an, daß diese Erklärung die völlige Zurückziehung des Gesetzentwurfs eingeleitet habe. Damit wäre das elsässisch-lothringische Problem, dessen Lösung so sehnlich erwartet wurde, in seiner Entwicklung wieder auf den toten Punkt geführt worden.
S3 „Profefforen-Krieg" und kein Ende! (T e l e g ra mm.) Einer Meldung aus B e r - l i n zufolge hat der aus dem „Professoren- Krieg" bekannte Professor B e r n h a rd in seinem Streit mit den drei anderen Kollegen gestern beim Kultusminister eine Be s ch w e r d e gegen Professor Sehring eingereicht. Der Kultusminister wird diese Beschwerde zu prüfen haben und sich mit dem ganzen Falle und nicht mit einer Einzelheit beschäftigen müssen. Es scheint also, daß der leidige „Pro- fessoren-Krieg" nun von neuem aufleben wird.
S3 Pius der Zehnte erkrankt! (Telegramm.) Depeschen aus Rom zufolge mußten die gestern zur Audienz beim Papst erschienen Personen unverrichteter Sache zurückkehren, da der Papst sich unwohl fühl- t e. Der sofort herbeigeeilte Leibarzt Dr. Pe- tazzi konstatierte Influenza. Der Papst muß das Bett hüten und alle weiteren Audienzen sind abgesagt worden. Die „Tribuna" berichtet, daß die Temperatur des Kranken gestern abend auf 37,8 Grad gestiegen sei. Die großen Bronchien sind leicht in Mitleidenschaft gezogen, die Krankheit ist jedoch keineswegs ernster Natur. Wegen des hohen Alters des Papstes haben die Aerzte aber Ruhe und strenge Diät verordnet. Man hofft, daß die Krankheit in vier Tagen behoben sein wird.
cZ3 Der König der „Schwarzen Berge". (Spezialtelegramm.) Privatmeldungen aus C e t t i n j e berichten, daß der Zustand des Königs Nicolaus nicht ungefährlich ist. Der König ist durch den starken Blutverlust ziemlich erschöpft; infolgedessen wurden alle Familienmitglieder telegraphisch verständigt. Wahrscheinlich dürfte der König in Wien einen Spezialarzt konsultieren.
tS3 Präludium . . .? (E i g e n e Drahtmeldung.) Ein Spezial-Telegramm berichtet uns aus Petersburg: Die hiesige „Börsen- zeiinng" kündigt die bevorstehende Bekanntgabe wichtiger, auf die chinesischen Unstimmigkeiten bezüglichen Dokumente an. Alle friedfertigen Verständigungen hätten nichts genutzt und die Chinesen führen fort, ihre feind- liche Haltung zu bewahren. Darum seien energische Maßnahmen zu ergreifen, um die Chinesen zurückzuweisen, wobei aber die friedliche Stellung gewahrt werden soll. (Das läßt
darauf schließen, daß Rußland nun den Augenblick als gekommen erachtet, im fernen Osten Ernst zu machen.)
Politische Chronik.
Im Reichstag haben Vertreter der bürgerlichen Parteien, mit Ausschluß der Konservativen und der Reichspartei einen Antrag eingebracht, der die Beseitigung der Ordnungsstrafe gegen Rechtsanwälte wegen Ungebühr fordert.
Wie aus Breslau gemeldet wirb, hat die dortige Polizei einen der langgefuchten, an der Houndsdrch-Affäre in London beteiligten Anarchisten verhaftet.
Aus Wien meldet uns ein Spezial- telegramm: Die österreichischen Postbe- diensteten drohen, im Falle, daß die Regierung ihre-Zustimmung zur Abänderung des Zeitarrangements nicht erteilen werde, mit der passiven Resistenz und treffen bereits alle diesbezüglichen Vorbereitungen.
Einer Depesche aus Rom zufolge hat die Deputiertenkammer die Strafverfolgung gegen den Deputierten Montagna, den Vorsitzenden des Aufsichtsrates der römischen Spiritus- gefellfchaft, Wegen Urkundenfälschung, Amtsbestechung und Schädigung der Gesellschaft genehmigt.
Nach einer telegraphischen Nachricht aus Toulon zog gestern, als der Panzer Suffren festmachen wollte, die Kette heftig an und zerriß. Durch abspringende Glieder der Kette wurden ein Quartiermeister getötet und zwei schwer verletzt.
Wie uns aus Paris gemeldet wird, verurteilte das Zuchtpolizeigericht von Toul den Mechaniker Matignoux, der, während et beim Bau eines Forts beschäftigt war, einem Agenten einer fremden Macht Pläne zweier Forts verkauft hatte, zu drei Fahren Gefängnis und tausend Mark Geldstrafe.
üleues Dom Tage.
Die Opfer der Pest.
(Telegraphische Meldungen.)'
Depeschen aus Petersburg zufolge hat in der Stadt Kulandscheufe bei Chardin die Sterblichkeit an der Pest zugenommen; täglich sterben dort 200 Menfchen. 2000 Leichen sind schon verbrannt worden. Viele aus den Straßen aufgelesene Leichen wurden von Hunden benagt, von Arbeitslosen ausgeplündert und ihrer Kleidung beraubt. Es besteht die Gefahr, daß die Zöpfe, die diefen Leichen abgeschnitten werden, eines Tages durch europäische Agenten deutschen und englischen Haarkünstlern zum Kaufe angeboten werden. In der Stadt sind fast alle wohlhabenden Familien ausgestorben. Ein weiteres Privattelegramm meldet uns aus
London, 16. Februar:
Wie die „Times" aus Peking meldet, hat man dort bisher keine Bestätigung über die in Wladiwostok angeblich vorgckom- menen Pest fälle erhalten. Tie gestern von der „Nowoje Wrcmja" gebrachte Nachricht, wonach in Wladiwostok fünf Cholera. fälle konstatiert worden seien, ist wahrscheinlich darauf zurückzuführcn, daß fünf Leichen von Chinesen, die im chinesischen Onartier bei einer Panik getötet wurden, in den Straßen aufgefunden worden sind. Man nahm im ersten Augenblick an, daß es sich um Pest handele.
Ferner wird uns depeschiert: In C h a r b i n fordert die Pest täglich neue Opfer, wenn auch die Sterblichkeitsziffer einigermaßen nachgelassen hat. Seit Anfang der Woche wirken in den Pestbaracken europäische Aerzte in größerer Anzahl bei der Behandlung der Pestkranken und auch die sanitären Einrichtungen sind vervollständigt worden.
YC, Ter Siegeszug der Elektrizität. Wie uns aus Berlin gemeldet wird, hat sich die erste preußische Vollbahnlokomotive mit elektrischem Betrieb, die kürzlich auf der Strecke Dessau-Bitterfeld Probefahrten veranstaltete, bewährt. Es Wurde mit einem Ver-
Amerikas Frauen.
„Der Sicgcszug der Amerikanerin." (Von unserem Korrespondenten.)
Paris, 14. Februar.
Durch die dieser Tage erfolgte Vermählung drs englischen Lords D e c i e s mit der amerikanischen Milliardärstochter Vivian Gould ist das oft erörterte Thema „Amerikanische Heiraten" Wieder einmal in den Vordergrund gerückt worden. Nach einer weit verbreiteten Legende werden die amerikanifchcn jungen Damen immer nur wegen ihres Goldes begehrt: Ihre Verehrer hoffen unter ihren Reizen fabelhafte Stapel von Banknoten zu finden. Es ist allerdings wahr, daß viele verblaßte europäische Wappen bei den Paukees „neu vergoldet" worden sind. Aber mehr als eine junge Amerikanerin hat das Herz eines hochstehenden Europäers errungen, obwohl sie keine anderen Schätze besaß; als ihre Schönheit. Miß Elise Heusler von Boston war nur eine bescheidene Sängerin, die kein anderes Kapital besaß, als das Gold in der Kehle: Sie hatte jedoch das Glück, Dom Fernando, dem König-Gemahl von Portugal, der zuerst der Gatte der Königin Maria da Gloria gewesen War, zu gefallen. Miß Hensler erhielt zuerst den Titel Gräfin Edla von Sachfen-Koburg und wurde am zehnten Juni 1869 die Frau des Königs. Einige Monate später wurde Dom Fernando von den Generalen Prim und Serrano die spanische Ko- nigsttone angeboten: hätte er sie angenommen, io wäre die ehemalige Bostoner Sängerin... Königin von Spanien geworden.
Eine Liebesheirat War auch die Verbindung des Herzogs de La Rochefoucauld mit Miß Mattie Mitchell von Portland in Oregon. Miß Mitckell hatte kein Vermögen, und es gab während der Verlobung des Liebespaares, die mehrere Jahre lang währte, auch nicht einen Augenblick, in dem das .M-krdättliche der Ehe" feinen Schatten auf den Liebesroman ge- worien batte. Vor fünfundzwanzig Jahren ickon iagte einmal Lord Tufferin, daß „der bi» plomainche Dienst der verschiedenen Nationen sich dank der amerikanischen Gattinnen der Herren Diplomaten iu einer Art ebelickem Kosmo
politismus erwartet habe. Der Gras Paul Hatzfeld, der viele Jahre lang Deutschlands Botschafter in London war, war mit einer Amerikanerin verheiratet. Der deutsche Gesandte Baron von Ketteler, der zu Beginn des Boreraufstandes in Peking ermordet wurde, wurde von einer amerikanischen Witwe beweint, und der Graf von Waldersee nahm, als er auszog, um den Tod des Barons von Ketteler zu rächen, Abschied von feiner. X amerikanischen Gattin. Auch bei der Friedenskonferenz im Haag hätten sich zwei Diplomaten: Der Baron d'Estournelles und der Baron von Bildt, Schwedens Gefandter in Rom, über die Vorzüge ihrer amerikanifchen Gattinnen unterhalten können.
Wer hat übrigens nicht „feine amerikanische Gattin?" Man hat die Amerikanerinnen einfach überall untergebracht. Miß Mary F i f h e r aus Newvork ist Gräfin von Aramon geworden: Miß Florence Audenried aus Washington ist Gräfin be la Forest-Di- vonne. Amerikanerinnen sinb auch die Gräfin Arthur von Gabriac, die Marquise von Valori, die Baroninnen von Brin und von Pouriales, die Gräfin von Diesbach de Belleroche und viele andere. Miß Anna Gould bat aufgehört, Gräfin von Castellane zu heißen, dafür heißt sie jetzt aber Herzogin von Tallevrand. Was Deutfchland angeht, so war der bereits erwähnte Graf Paul Hatzfeld mit feiner amerikanifchen Frau fo glücklich, daß er sie nach einer etwas überstürzten Ehescheidung... zum zweiten Male heiratete. Eine Amerikanerin, Miß Hutington aus Newvork, heiratete auch der Vetter des Grafen Hatzfeldt, Fürst Hatzfeldt. Amerikanerinnen sind ferner die Gräfin Adolf von Brüning, die Fürstin Salm- Salm und viele andere „anäbige Frauen".
Die Russen waren in dem Wettlauf um die Gunst ber jungen transatlantischen „Misses" nicht bk letzten am Ziel. Amerikanerinnen sind die Fürstin Belosselskh-Belozerskv (deren Gatte Oberstallmeister des Großfürsten Wladimir war), die Fürstin Engalitfchew, die Baronin Barthold von Hovningen-Huene, die in San Francisko wohnende Fürstin PoniatoWsku und viele andere. Eine Urenkelin des Commodore Vanderbilt heiratete den Grasen Reschid Bey Tickaikowskv. einen edlen Polen, der in die
Dienste der Türkei trat. In Italien war (lange bevor ber Herzog ber Abruzzen mit Miß Elkins Schlittschuh lief) Miß Elisabeth Hickson Fürstin Brancaccio, Herzogin von Lustra, und Fürstin von Triggiano geworden. Amerikanerinnen sind auch die Gräfin von For- resta und jene Fürstin Colonna, deren Vermählung rasch die Trennung der Ehe folgte, was für die Dame um fo bedauerlicher war, als der Fürst Colonna zugleich auch Fürst von Galatro, Fürft von aliggiano, Fürst von Sti- gliano und von mehreren anderen ebenfo interessanten Orten ist. Selbst das kleine Dänemark hat seineAmerikanerin erobert, und was für eine! Miß Bonaparte aus Wafhington, die Urenkelin des fidelen Königs Jeröme Bonaparte, bat den Grafen von Moltke-Huitfeld, einen ausgezeichneten dänischen Diplomaten, geheiratet.
In Ungarn Würbe Miß Mabel Wrig h t Gräfin Zickv. Der meisten Amerikanerinnen aber kann sich England rühmen; man kann die Zahl der amerikanischen Misses, die vornehme Engländer geheiratet haben, auch nicht annähernd richtig angeben: Miß Stevens aus Newvork itzLadvArthur Paget geworden; Miß Leiter aus Chicago hat Lord Eurzon, den früheren Vizekönig von Indien, geheiratet; und Miß Vanderbilt trägt den Titel einer Herzogin von Marlborough. Nach all dem Gefügten Wirb man zugeben müssen, baß bie Wut ber Newyorker. bie das eheliche Glück des Lord Deeies und der reichen Vivian Gould verhindern wollten, leicht zu erklären und zu entschuldigen ist. Sie rufen: „Die Amerikanerinnen den Amerikanern!" Sie haben ganz recht, wenn sie protestieren, denn dieser „Ero- dus" der jungen „Misses" läßt die Liebhaberkünste der fmärten Pankees in sehr schlechtem Lichte ersckeinen. Ausfuhr hat sicher ihr Gutes; bie Amerikaner Wollen uns auch gern ihre Maschinen fänden, aber sie Wollen uns nicht mehr... ihre Schönheiten unb ihre Milliarden liefern. Tie jungen Amerikanerinnen machen aber trotzdem, was sie wollen: Sie sind eben zuerst Frauen unb bann erst Amerikanerinnen. „Treulos wie die Welle", hat Shakespeare von den Frauen gefügt...!
Dr. Sch.
Klein« Feuilleton.
Nach dem Profefforen-Krieg. AuS Berlin Wird uns berichtet: D^r aus dem letzten „Profefforenstreit" bekannte Präses- sor Ludwig Bernhard las gestern zum ersten Male nach der Wiederaufnahme des Profefforenstreits fein Kolleg über praktische Nationalökonomie. Schon um elf Uhr War das große Auditorium dicht gefüllt. Außer zahlreichen Schülern Bernhards befanden sich darunter auch eine große Anzahl Neugieriger, die eine Erklärung des angegriffenen Professors erwarteten. Auf den Gängen war es fehr belebt; Studenten und Studentinnen gingen auf und ab unb biskutierten mit Zeitungsblättern in ber Hand ben neuerlichen Fall. Kurz nach elf erschien Professor Bernhard und Wurde im Auditorium mit lautem Beifallsgetrampel, Händeklatschen und Bravorufen begrüßt. Eine ganze Garde von Studenten fcharte sich um ihren Lehrer, um ihm ihre Sympathie zum Ausdruck zu bringen. Auf Bernhards herzliche DankesWorte erhob sich wiederum ein Beifallsgetrampel, Worauf der Professor fein Kolleg begann.
tG; Der Polizeipräsident als Zensor. Man schreibt uns aus Berlin: Die Premiere der Komödie von Karl S t e r n h e i m, die zur Aufführung in den Kammerspielen angenommen ist, findet also doch statt, nachdem aus „Der Hose" (so hieß das Stück ursprünglich) „Der Riese" geworden ist. Um sich zu überzeugen, ob das Werk in irgend einer Beziehung der Zensur Anlaß zum Einschreiten gäbe, hatte sich gestern der Polizeipräsident von Ja- goW mit dem Dirigenten der Theaterabteilung des Polizeipräsidiums und einem Regicrungs- rat zur Generalprobe des Stücks bemüht. Nach Schluß ber Probe erklärte bann bet Prä- sibent, baß er gegen bie Ausführung bes „Riesen" nichts einzuwenden habe, nachdem die ominöse Titel-.Hvse" gestrichen Worben sei,