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1. Jahrgang.

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Freitag, den 17. Februar 1911.

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Sie neue Main-Linie.

Der Kanzler bei Adlon.

Während gestern zur Abendstunde in Ad­lons goldstrotzenden Prachtsälen die Becher krei- fw», nnd der in der Reichsmetropole zum übli­chen Jahres-Rendezvous versammelte Deut­sche Landwirtschastsrat der letzten Tagung Lüft und Hitze beim fröhlichen Mahl vergaß, hat der Kanzler des Reichs in der Beantwortung eines politisch umrankten Toasts auf den illustren Gast eine Rede gehalten, an der die Tagesmeinung nicht achtlos vorüber­gehn darf. Der bärtige Präsident des Acker­baurats, Graf Schwerin-Löwitz, der im Reichs­haus als mannigfach talentierter Turmwari überm Gewühl der Leidenschaften steht, hielts für angemessen, dem Gast vorm Ohr des Reichs Dank dafür zu zollen, daß die Reichsregierung und Preußens Staatsregiment sich dem dring- lichen Verlangen der Volksgemeinschaft nach Linderung der Fleischnot durch die Oeffnung der Grenzen mit rühmlicher Energie erttgegen- gestemmt, und es denn auch zuwege gebracht haben, daß es bisher nicht gelang, dem Voss das nnentbehrlichste Nahrungsmittel zu verbil­lige». Herr von Schwerin-Löwitz hat in seiner Tätigkeit als Reichstagspräsident bisher er­freulicherweise mehr Geschick und politischen Taft bewiesen, als er gestern zur Abendstunde als Bankettredner des Landwirtschaftsrats offenbart hat, und Herrn Theobald von Beth- manns feingestimmte Philosophen-Seele mar­kierte denn auch scharf die Löwitzer Disharmo­nie im sinfonischen Becherklang unpolitischer Gemütlichkeit.

Der Kanzler wehrte den Danktribut einsei­tigen politischen Interessen mit rascher Handbe­wegung ab, widmete derNot der schweren Zeit' einige stimmungsvolle Worte und sprach dann klar und bestimmt aus, was selbst einem so hell-nüchternen Kopf wie dem Ackerbauminister von Schorlemer-Lieser noch nicht faßlich gewor­den ist: Daß die Fleischteuerung (mögen ihre Ursachen auch in noch so verborgnen Winkeln unsres Wirtschaftslebens zu suchen seins eine Gefahr für den Bestand der sozialen Struktur bedeute, und daß weite Schichten des Volks dadurch in beklagenswerter Weise in Mitlei­denschaft gezogen würden. So bündig und ohne oratorisch Geschnörkel ist vom Regierungs­tisch her noch nie über die Gefahr der Fleisch­teuerung gesprochen worden, und man muß an­erkennen, daß sich der Kanzler des Reichs und der der Krone Preußens amtlich am nächsten Stehende in diesen Lapidarsätzen zweckmäßiger und volkstümlicher über eine das Reichs- und Staatsinteresse scharf berührende Frage aus­gesprochen hat, als es bisher irgend ein Bewür- deter zu tun als dienlich (und überhaupt mög­lich) erachtete. Im Offizial-Bericht über das Adlon-Bankett heißts zwar, daß die Rede des Kanzlersmit lebhaftem Beifall ausgenommen" worden sei, es liegt aber nahe, anzunehmen, daß in der Seele des Grafen Schwerin-Löwitz ein Fünkchen Beschämung aufglühte, als der Angetoastete den Ueberschwang des Danks mit dem Hinweis auf die Nüchternheit unerfreu­licher Wirklichkeit und die wirtschaftlichen Sor­gen weiter Volkskreise dämpfte. Ein Gewinn, wenn des Kanzlers pessimistisch gefärbte und vom süßen Wein der Hoffnungsseligkeit ganz und gar nicht angekränkelte Bankettrede zum Schlüssel zukünftiger Regierungstaten werden würde!

Aber nicht dieMagenfrage' allein ists, die dem Gegentoast des Philosophen weit übers Bankettniveau hinausreichende Bedeutung leiht: Das Schwergewicht der Kanzlerrede ist die Feststellung derneuen Mainlinie', die nach dem Empfinden des ersten Reichsbeani- ten auf politischem und geistigem Gebiet zwar glücklich überwunden ist, in wirffchaftlicher Be­ziehung aber umso schärfer den politischen All­tag durchfurcht und bei allen Ernsten und Den­kenden unverhohlne Besorgnis weckt. Herr von Bethmann Hollweg hat gestern, im Angesicht der Millionenpracht des Ädlon-PalaiS, die soziale Mainlinie', den Grenzstrich zwischen den Lieblingen und den Enterbten des Glücks, entdeckt, der daS politische und so­ziale Leben in zwei feindliche Lager scheidet und auf der einen Seite die Neigung zur ge­fährlichen Krafterprobung gegenüber dem Schwächern, auf der andern Seite dendump­fen Groll des Proleten' zeugt, der im Glück- beaünstigtern den sozialen Erbfeind und den unversöhnlichen (Segnet schaut. Die Erkennt­nis dieser neuen Mainlinie ist Helle» Augen sicherlich nicht bis zum Tag des Adlon-Ban­ketts verborgen geblieben, und ebenso sicher wird man auch im Amtsbereich am düstern Grenz- prich des sozialen Kampfgeländes nicht achtlos vorübergeaanaen sein, seitdem der

Trennungslinie die Wogen derroten Flut' mit vorher nie gekannter Wucht schäumen. Dem fünften Kanzler, der das Erbe des Rosenopti­misten Bernhard Bülow in nebeldüstrer Zeit antrat, gebührt indessen der Ruhm, als Erster mit ernst-mahnendem Wort auf die Gefahr der sozialen Mainlinie hingewiesen und die Ernst- Strebenden zur Ausgleichsarbeit aufgerufen zu haben. Der vierte Kanzler, Sanguiniker bon der Wiege an, hat die Mainlinie des Daseins­kampfs nie erschaut; der ernste Blick des Erben entdeckt sie beim frühen Gang durchs Tal des Lebens und mahnt zur Versöhnung: Uns dünkt, der Philosoph sieht schärfer!

Des Kanzlers Hinweis auf ernste Gefahr ist nicht Schwarzmalerei, nicht düstres Pessi- mistengekrächz: Es ist die selbstverständliche Fest­stellung einer, das gesamte Kulturleben und die ganze soziale Reichsstruktur erfüllenden Tatsache, deren politische Ausflüsse in der Verschärfung des Partetkampfs und im Anschwellen des staatsfeindlichen Millionenheeres derEnterb­ten' merkbar werden, und die mit hallendem Schlagwort nicht bekämpft, mit den Mitteln brutaler Gewalt nicht beseitigt werden kann. Die politische Mainlinie ward (nach lan­gen Mühen) von der Verföhnlchkeit bessrer Ein­sicht und der Erkenntnis zwingender Notwen­digkeiten überbrückt; den geistigen Grenz­strich zwischen Nord und Süd verwischten der vorwärtsstrebende. Drang gemeinsamer Inter­essen und die Glättung der Germanen-Kultur: Diesoziale Mainlinie' aber kann nur die Gesundung des nationalen Wirtschaftslebens selbst beseitigen, und eine auf gerechten Aus­gleich bestehender Gegensätze gerichtete Politik. Vor Monden schon hat der Kanzler den Appell zurSammlung aller Kräfte nationaler Ar­beit' ins Land hineingerufen, und ntan stand damals dem ungewohnten Klang zweifelnd ge­genüber. Die gestrige Aufdeckung derfozialen Mainlinie' zeigt deutlicher, wo derPhi­losoph der Wilhelmstratze' das Ziel nützlicher Arbeit sucht. Und vorurteilsfreies Werten darf gestehen, daß dieses Ziel des Schweißes ern­sten Strebens würdig scheint! **

Fürstbischof und Redakteur.

Eine Klage des Fürstbischofs Kohn.

(Von nitfernt Korrefpondenten.)

Ein senfationeller Beleidigungs- Prozeß bereitet sich im Ruhrrevier vor. Der frühere Fürstbischof von Olmütz, Dr. von Kohn, hat gegen den Redakteur Mehlich der dortigen sozialdemokratischenArbeiter­zeitung' einen Beleidigungsprozeß angestrengt, weil Mehlich in seinem Blatte eine Reihe sehr schw erer Angriffe gegen den Kirchen­fürsten gerichtet hatte. Es wird uns darüber berichtet:

Dortmund, 16. Februar.

In den Artikeln der Dortmunder .Ar­beiterzeitung', die seinerzeit großes Aussehen erregten, wurde dem Fürstbischof von Kohn unter anderem nachgesagt, daß er sehr geizig sei, Unsummen von Kirchengeldern für sich verwendet und sie in Ge­sellschaft von Dirnen verpraßt habe. Ferner wurde dem Fürstbischof zum Vorwurf gemacht, daß er die Bauern und Tagelöhner der Olmützer Diözesangüter schlecht bezahle, mit den Landwirten Wu­chergeschäfte mache und sich auf biefe und andere Weise zu Unrecht bereichert habe. In der ersten Verhandlung gegen Mehlick, die vor einiger Zeit vor dem hiesige» Schöf­fengerichte stattfand, mußte der Angeklagte zugeben, daß er die Behauptung, der Fürstbischof habe sein Geld mit Wei­bern durchgebracht, nicht austechter- halten könne. Es liege da eine Verwechs­lung mit einem anderen früheren Fürst­bischof der katholischen Kirche vor. Dagegen halte er aufrecht, was er inbezug auf die volksaussaugerische Tätigkeit des Dr. von Kohn behauptet habe. In die­ser Beziehung beantragte et die Ladung des päpstlichen Kardinalstaatssekretärs M e r r y del Val, der bekunden werde, daß zwi­schen der katholischen Kirche und dem frü­heren Fürstbischof Dr. von Kohn ein Prozeß geschwebt habe, der schließlich durch einen Vergleich aus der Welt geschafft worden fei. I» der gestrigen Verhandlung hielt der An­geklagte feine Behauptungen und Beweis­anträge in vollem Umfange aufrecht, worauf von dem Vertteter des Fürstbischofs die Uebernahme der vorliegenden Beleidigungs­klage durch die Staatsanwaltschaft gefordert wurde. Es liege unbedingt ein öffentliches Interesse vor, und bei der Ver­folgung der Angelegenheit durch die Staats­anwaltschaft würde deren Verlauf ein noch viel vernichtenderer für den Ange­klagte» kitt.

Die Verhandlung wurde daraufhin aber­mals vertagt und den Rechtsbeiständen der beiden Parteien, Kriegsmann und Frank, auf- gegeben, sich mit ihren Anttägen an die ent­sprechenden Instanzen zu wenden. Auch sollen die Akten in dem Zivilprozeß gegen den Fürst­bischof Dr. von Kohn eingeforbert werben. Der Angeklagte will zu bent neuen Prozeß ben Wahrheitsbeweis für feine Behaup­tungen in vollstem Umfange antreten; fettens des Fürstbischofes foll dagegen eine Menge Beweismaterial vorliegen, das die Haltlo - figteit der gegen ihn erhobenen Angriffe überzeugend bartun werde -er-

Politik bei Adlon.

Das Festmahl des LandwirsschaftsratS. (Telegraphischer Bericht.)

Im Festsaal des Hotels Adlon in Berlin fand gestern abend das Festmahl des Deutschen Landwirtschasts­rat s statt. Graf Schwerin-Löwitz gab in einer Tischrede seiner Genugtuung darüber Ausdruck, daß der Reichskanzler und der Landwirsschaftsminister sich auf eine Oeffnung der Grenzen für den Import ausländischen Viehes nicht eingelassen hätten. Der Reichs­kanzler von Bethmann Hollweg hielt hierauf eine Rede, aus deren Inhalt uns telegra­phisch folgende Ausführungen mitgeteilt werden

Berlin, 16. Februar.

Der Reichskanzler führte unter anderem ans: Die Worte, mit denen Herr Graf Schwerin-Löwitz vorhin der Vergangen­heit gedachte, und in die Zukunft ge­blickt hat, waren getragen von froher und mutiger Zuversicht. Solche Worte erftischen doppelt in einer Zeit, wo der Martt des öf­fentlichen Lebens eigentlich nur noch von Stimmen unzufriedenett Mißmuts widerhallt. Ich bin dem Herrn Grafen Schwerin-Löwitz ganz besonders dankbar für das unumwundene Anerkenntnis, daß die Preise einzelner Fleischsorten im vori­gen Jahre eine ungesunde Höhe er­reicht hatten, die weite Schichten des Volkes in beklagenswerter Weise belastete. Mit den üblichen Schlagworten von deragrari­schen Profitgier' und demFleisch- notrummel' wird die Sache nicht abge­tan. Am letzten Ende schließen sie sich in der Frage zusammen, ob die deutsche Land­wirtschaft ihre Viehhaltung vergrößern, verdoppeln und konstant gestalten kann. Das kann sie nur, wenn ein kräftiger und nachhaltiger Seuchenfchutz vor­handen ist. Wer heute vorurteilsfrei die wirsschaftliche Entwicklung Deutschlands überblickt, der muß neben der Tassache ihrer großartigen Entfaltung vor allem anerken­nen, daß dabei kein Erwerbsstand, weder Landwirtschaft, noch Industrie, noch Handel, weder Arbeitnehmer noch Arbeitgeber Stiefkind gewesen ist. Damm sollten auch auf allen Seiten Gegensätze f ch w i nd e n, wie sie unter Stiefgeschwistern vorkommen mögen. In Deutschland gibt es Gott sei Dank, weder eine politische, noch geistige Mainlinie mehr, aber an ihrer Stelle hat sich die andere Mainlinie zwischen den Besitzenden und Nichtbesttzen- den mehr und mehr verttest. Diese über­brücken können totr, wenn wir den klei­nen und gewerblichen Mittel­stand fördern. Der Reichskanzler schloß seine Rede mit einem Hoch auf die deutsche Landwirtschaft.

Die Rede des Kanzlers wurde von der Versammlung mit großem Beifall auf­genommen. Bemerkenswert ist an ihr insbe­sondere die scharfe Unterstreichung der Tat­sache deryngefuttben Steigerung der Fleischpreise', bieweite Schich­ten des Volks in beklagenswerter Weise be­laste'. Die Rede bes Reichskanzlers unter­scheidet sich rn dieser Hinsicht recht vorteilhaft von Auslassungen des Landwirtschaftsmini­sters von Schorlemer über die Fleisch­teuerung, in denen der Minister bie Tassache ber Fleischteuerung einfach bestritt und von einer vorübergehenden Erschei­nung' sprach. Wird Herr von Bethmann Hollweg nun auch Mittel und Wege finden, derbeklagenswerten Belastung weiter Volks­schichten' energisch und erfolgreich zu steuern . . .?

Vom Tod zum Leben.

Tie Begnadigung des Sekretärs Durand.

(Eigene Drahtmeldungen.)

Wie uns aus Paris berichtet wird, hat der Präsident der Republik gestern dem Gnaden­gesuch des Sekretärs des Kohlensyndikats Durand Folge gegeben und die Begnadigung unterzeichnet. Durand ist beute früh in Rouen

aus dem Gefängnis einstwellen entlassen wor» den. Ueber den wetteren Verlauf seiner An­gelegenheit wird der Justizminister entscheiden. Aus den ber Revisions-Kommission vorgelegten Akten geht hervor, daß der vom Schwurgericht zumTode verurteilte Synditatssekretär die Aufreizung zum Morde des Streikbrechers Donge gar nicht begangen hat. Durand war bekanntlich vor einigen Monaten wegen An­stiftung zur Ermordung eines Streikbrechers zum Tode Verurteilt worden. Ueber dieFrei - laffung Durands berichtet uns ein Spe­zial-Telegramm aus

Havre, 16. Februar:

Der gestern nachmittag aus dem Gefäng­nis in Rouen entlassene Syndikatssekretär Durand traf abends um 6 Uhr in Havre ein und wurde auf dem Bahnhof von einer großen Anzahl Delegierten des Arbei- tersyndikats und der Liga der Menfchenrechte lebhaft begrüßt. Von mehr als fünfhundert Personen wurde Durand nach dem Volks- Haus geleitet, wo eine Versammlung der Arbeiterpartei ftattfanb, an ber nahezu brei« taufenb Personen teilnahmen. Durand wurde stürmisch applaudiert und einstimmig zum Präsidenten ernannt. Er erzählte, daß er außerordentlich ermüdet sei und daß die über ihn verhängte Todesstrafe ihn völlig deprimiert habe. Er habe absolut keine Hoffnung mehr gehabt, nochmals in Freiheit gesetzt zu Werden. Durand erllärte schließlich, daß die endgültige Freisprechung durch em neues Schwurgericht das einzige Ziel sei, auf das er hinarbeiten werde,da er sich mit einet einfachen Cassation des Urteils nicht be­gnügen könne.

Als Durand von dem Befehl, ihn au8 del Haft zu entlassen, in Kenntnis gesetzt wurde, weigerte er sich, das Gefängnis zu verlassen, da er in eine Irrenanstalt eingeliefert zu wer- fürchtete. Der Justizminister hat noch gestern abend telegraphisch angeordnet, daß die Akte» über den Prozeß Durand schleunigst dem Cassa- tionshof überwiesen werden, damit in Kürze eine neue Verhandlung des Prozesses statt­finden kann. Durand rechnet in diesem Prozeß bestimmt mtt feiner völligen Rehabilitierung.

Sie Sbfet von ssomville.

Neun Tote, zwanzig Verletzte. (Telegraphische Meldungen. Depeschen aus Paris zufolge fcheint die Schuld an der Eisenbahn-Katastrophe von Courville (über die wir gestern eingehend berichtet haben), tatsächlich den Stations­chef von Courville zu treffen. Diefer hatte dem Lastzug, der eine zweistündige Ver­spätung hatte, Order gegeben, auf ein Referve- gleis zu fahren. Zu diesem Zweck kreuzte der Güterzug das Gleis, das für den Schnellzug Paris-Brest bestimmt ist. In dem Augenblick, als der Lastzug diefes Gleis kreuzte, schoß der Parifer Schnellzug wie ein Pfeil in voller Geschwindigkeit heran und bei dem Zusammen­stoß wurden die Wagen des Lastzuges förmlich zermalmt. Ein weiteres Privatele- gramm berichtet uns aus

Paris, 16. Februar:

Die Zahl der Toten von Courville wird jetzt auf neun, die der Verwun­deten auf zw anzig angegeben. Die Libertö' bringt einen heftige» An­griff gegen die Senatoren und Deputterte», die die Verstaatlichung der Westbahn be­schlossen haben. Natürlich sei es ungerecht, dem Ministerium Clemeneeau die Schuld an dem Unglück zuzuschieben, die in wett höherem Grade auf die jahrelange unglaub­liche Veruachläffigung der pri­vaten Bahnen zurückzuführen ist. Aus Paris begaben sich gestern gelehrteAna, tomisten nach Courville, um aus den ge­fundenen Körperteilen Schlüffe auf die Iden­tität der Vermißten zu ziehen. Nach einer Statistik haben sich in den letzten zwei Mo­naten mehr als d re i ß i g U n f ä 11 c auf ber staatlichen Westbahn ereignet. Die Zahl der hierbei Verunglückten beläuft sich auf über hundert. In der Kammer wird der ton« ferbatibe Abgeordnete Denis Cochin die Re­gierung übern die Zustande auf ber West- bahn interpellieren. Am gestrigen Tage sind noch weitere Leichen teile unter ben Schienentrümmern borgefunben. Alle Leichen konnten noch nicht erkannt werben. Die Ans- räumungsarbetten wurden derartig gefördert, daß am gestrigen Nachmittag fchon ein großer Teil der Strecke freigelegt war. Während ber ganzen vergangenen Nacht wurden die AufrSumungsarbeiten bei Fackelbeleuchtung fortgesetzt. Drei Compagni-n Sol­daten sind mit den Arbeiten beschäftigt und man hofft, heute das Gleis freizu­bekommen.

Einer der Passagiere des ExpreßzngeS hat bei der Katastrophe fünf Mit4