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Erster Jahrgang

Lsffrler Neueste Mschrichten

Mittwoch, 15. Februar 1911

Sie Parlamente.

Die gestrige „Marine-Premiere".^

(Son unserem parlamentarischen Mitarbeiter.)

Am BundesratStische wimmelte es gestern bon de« kleidsamen dunkelblauen Uniformen unserer Marineofiziere. Die Tagesordnung war infolgedeffen unschwer zu erraten: Ma- skineetat. An altgewohnter Stelle saß der graubärtige Herr von Tirpitz, der nun fthon über zehn Jahre mit großem Geschick sein Reflort auch in der parlamentarischen Arena Vertritt. Er ist zwar kein erstklassiger Redner, seine Ausführungen haben aber stets Hand und Fuß, und man weiß, daß eine erste AuwritSt aus ihm spricht, und respektiert seinen Standpunkt, den er oft unter großen Schwierigkeiten zu vertreten hat, nicht etwa gegenüber dem Parlament aber manchen Stürmern und Drängern gegenüber, denen das Tempo der deutschen Flottenverstärkung nicht schnell genug ist. Herr von Tirpitz ist mit ihnen fertig geworden, und ebenso versteht er es auch vorzüglich, mit den Parteien zu ver­handeln, und man hat von ihm die Ueberzeu- gung, daß er nur Das verlangt, was er wirk­lich braucht. Kurz nach der Eröffnung erschien auch ein seltener Gast bei diesem Etat: Der Reichskanzler in eigener Person; vermut­lich, Weil man erwartete, daß man bei der De­batte möglicherweise wieder einmal auf die englischen Abrüstungsvorschläge zurückgreifen werde. Aber es geschah nichts Dergleichen und Herr von Bethmann Hollweg saß während der ganzen Dauer der Debatte stumm und still auf seinem Platz, während der greise Tirpitz das Schiffchen seiner Flottenpolitik mit starker Hand durchs Heer des Parteigrolls steuerte, und in der Hofloge der Chef des Marine- labinetts aufmerksam den Vorgängen drunten im Saal folgte. Die Debatte brachte dem Staatssekretär des Reichsmarineamts manch freundliches Wort und nur gegen Schluß der Sitzung, als Genosse Ledebour zur Tribüne schritt, kollerte die Leidenschaftlichkeit durchs Haus. Aber, auch hier schwichttgte Tirpitz mit mannhaftem Wort den Groll, und am Abend fand dann die „Marine-Premiere" beim Parlamentarischen Bankett im Reichskanzlerhaus ihren versöhnlichen Aus- Ilgng.... ______ -rs-

Dle Marine im Reichstag.

Reichstags-Sitzung vom 13. Februar.

Am Bündesratstische Reichskanzler von Dethmann Hollweg und von Tirpitz. Die zweite Lesung des Etats beginnt beim Marine­etat. Berichterstatter ist Abgeordneter Frhr. von Thünefeld (Ztr.)

Nach langer Geschäftsordnungsdebatte wird beschlossen, bei dem Gehaltstitel des Staatssekretärs auch das Zulagewesen zu be­sprechen. Die Budgetkommission hatte durch

Mehreinstellung von 400,000 Mark die auf Grund der vorjährigen Stellungnahme des Reichstages gestrichenen Zulagen etwa zur Hälfte wieder hergestellt. Die Sozialdemo­kraten beantragen, die Heizerzulage in voller früherer Höhe wieder herzustellen und um diesen Betrag den Materialientitel (Reinigung, Beleuchtung und sonstige Materialien) zu kürzen.

Abg. Erzberger (Ztr.): Wir befinden uns in diesem Jahre auf dem Höhepunkt der Ent­wicklung der Marine. Es beginnt jetzt die Zeit der Ersatzbauten und damit auch die Zeit der inneren Ausgestaltung. Die Bindung durch ein Flottengesetz hat sich als durchaus richtig erwiesen. Andere Staaten wie Frankreich,

folgen uns bereits nach. Auch in England ist der Wunsch danach laut geworden. Die Zu­kunstsberechnungen, die das Mattneamt im Jahre 1898 bei

Neuschaffung der FlottengefetzeS anstellt, sind vollständig eingetroffen, insbeson­dere was das rasche Anwachsen unseres Außen­handels und unsrer überseeischen Interessen an­langt. Unsere Marine hat gut und sparsam gearbeitet. Das Schluß-Resumee für den Ab­geordneten ist: Die Kosten sind hoch, aber es ist auch Vorzügliches geleistet worden. Unsere deutsche Flotte ist ein gutes Werkzeug zu unserem Schutz, jedem Feinde zum Trutz, aber keine Angttffs-Armada. Das deutsche Volk wird ein gleichberechtigter Fattor auf dem Weltmartt fein. Es wird alle Kräfte an­spannen, dieses Ziel zu erreichen. Eine Feind­seligkeit gegen irgend eine andere Macht soll darin nicht liegen. Auch in England sollte das alte Gerücht, von der deutschen Invasion gründ­lich zerstött werden. Sollte es noch eines Be­weises für die Friedensliebe des deutschen Volkes bedürfen, so wäre das der Verkauf der beiden großen Schiffe an die Türkei gewesen. Der Hauptnachdruck müsse auf den inneren Ausbau, die Instandhaltung der Schiffe gelegt werden.

Den braven Männern vom „U. 3." wird die Nation ein treues Andenken bewahren. Die überwältigende Teilnahme des ganzen deutschen Volkes zeigt, wie tief der Gedanke einer großen deutschen Flotte ins Voll gedrun­gen ist.

Abg. Dröscher (kons.): Die Sparsamkeit darf nicht so weit gehen, daß die Berufsfreudigkeit in unserer Marine leidet. Unsere Flotten- polttik hat sich durchaus bewähtt. Die Vor­gänge auf der Kieler Werft sind erheblich aufgebauscht worden. Inzwischen hat der Staatssekretär auch mit starker Hand einge­griffen. Die Verwaltung hat jetzt einen wirt­schaftlichen Betrieb auf kaufmännischer Grund­lage eingerichtet, und die Werftorganisation selber hat sich bewährt. (Widerspruch bei den Freisinnigen.) Unsere Unterseebootpolitik hat sich glänzend bewährt. Wir haben dadurch Menschenleben und Geld gespatt. Besondere Zulage hat niemand zu verlangen. Die junge Generation soll dankbar sein, daß sie die hatte Schule der Militärzeit durchmachen muß, denn diese schafft Männer, durch die Deutschland wirtschaftlich und politisch groß geworden ist. Auch die Heizer brauchen keine weitere Zulage. Die ganze Frage ist

zu agitatorischen Zwecken auSgenutzt worden. Man hat sogar mit Sabotage gedroht. Hoffentlich wird der Staatssekretär mit starker Hand jeder Disziplinlosigkeit begegnen.

Staatssekretär des Reichsmarineamts von Tirpitz: Dieses Jähr bildet in der Tat einen gewissen Abschluß in unserem Vorgehen. Als der in erster Linie allein verantwortliche Beamte bin ich erfreut darüber, daß die Ent­wicklung unserer Flotte diesen Verlauf ge­nommen hat. Nur im Rahmen dieser Gesetze war es möglich, mit den verfügbaren Geldern das Maß von Seemacht zu schaffen, das tai- sächlich geschaffen worden ist. Bei den TageS- strömungen, die ja immer allein aufsteigen, wäre es sonst sehr schwer gewesen, diese Ent­wicklung einzuhalten. Es war seinerzeit für die verantwortlichen Personen ein sehr schwerer Entschluß, die Entwicklung der Flotte auf solche Gesetze zu gründen. Der Entschluß wurde uns aber erleichtert, weil ja die Flottengesetze nicht aus dem Stegreif und nicht vom grünen Tisch gemacht sind, sondern weil jahrelange inten­sive Arbe it vorhergegangen war. Wo Ist das Ziel und welches ist die Richtung? Mein Grundsatz war immer: Wenn man nur das Ziel richtig erkennt, dann wird auch die Kraft entsprechend gespannt sein. Unsere Flotte war von Anfang an

niemals für aggressive Zwecke bestimmt. Das ist so selbstverständlich, daß es

eigentlich keiner Begründung bedarf. Unsere Flotte wird so ausgestaltet sein, daß sie für jede andere Großmacht ein Risiko bildet, uns anzugreifen. Das ist in der Tat das Ceterum censeo unserer Flottenpolitik. (Zustimmung.)

Abg. Ledebour (Soz.): Selbstverständlich erkennen auch wir es an, wenn Männer im Dienste der Flotte auch in Todesgefahr sich durchaus als Männer bewähren, wie bei betn Unfall des Unterseebootes. Diese Anerkennung spricht der Reichstag wohl einmütig aus. Ader es gibt wohl kaum eine trivialere RedenSatt als die von der „Sicherung des Friedens durch die Rüstungen." Ueberall ettlären die Regie­rungen: Ja, wir wollen den Frieden, aber die andern! Wir sichern den Frieden am besten, wenn wir gegen die Chauvinisten im eigenen Lande vorgehen und auf den in­ternationalen Kongressen auch die Genossen im Auslande auffordern, es dort zu tun. Ein preußischer Prinz, der nebenbei Groß­admiral ist, hat jüngst in einem Kriegerveretn eine Wahlrede gehalten. Wenn diese Marine- strandläufer in ihrer freien Zeit nichts besseres anzufangen wissen, dann bitte ich Herrn von Tirpitz dringend, die Herren etwas mehr zu beschäftigen. Uns kann es ja nur willkommen sein, wenn dieser Großadmiral auch noch werter Reden gegen uns hält. Er ist

genau, wie sein älterer Bruder, ein freiwilliger Agitator für die Sozialde­mokratie. (Sehr gut! bei den Sozialdemo­kraten und Unruhe.) Aber als Steuerzahler und im Interesse des Dienstes wehren wir uns da­gegen, daß, solche Wahlreden, gehalten werden. Im übrigen mögen Sie mit Ihrer Marine­politik nur so weiter fottwursteln. Wir lassen uns in unserem Protest gegen das sinnlose Wettrüsten nicht irre machen.

Staatssekretär von Tirpitz: Ich protestiere nachdrücklichst gegen die Att und Weise, wie der Abg. Ledebour hier die Ansprache des Prinzen Heinrich an seine Regimentskameraden dargestellt hat. In der Rede ist absolut nichts enthalten, was Prinz Heinrich nicht hätte sagen können. Es war keine Wahlrede, sondern eine Rede im Kameradenkreise; Herr Ledebour hat gar kein Recht, als Steuerzahler über die Rede zu sprechen, denn Prinz Heinrich empfängt weder Pension noch Gehalt von der Marine. Nun wurde die Sache so hingestellt, als ob der Attikel im „Lokal-Anzeiger" offiziöser Natur und gegen den Reichskanzler gerichtet gewesen sei. Für den gesunden Menschenver­stand geht doch klar hervor, daß uns selbst nichts unangenehmer sein konnte, als dieser Artikel.

Das Haus vertagt sodann die Weiter­beratung des Marine-Etats auf Dienstag.

*

Der Kampf um den Landrat.

Abgeordnetenhaus-Sitzung vom, 18. Februar.

Im Abgeordnetenhause macht sich heute das Auffliegen des Seniorenkonvents bereits pein­lich bemerkbar, liebet die Kontingentierung kam es zu Beginn der Montagsitzung zu einer langen Geschäftsordnungsdebatte, wobei die Linke gegen die Vorschläge der Mehrheit pro- testiette, sich schließlich aber zufrieden gab, als versprochen würde, ihren Wünschen Rechnung zu ttagen. Den Reigen der Redner eröffnete der konservative Herr von G o ß l e r, der na­mentlich betonte, daß man

die Staatsbürgerrechte der Landräte nicht einschränken dürfe. Anders Hett Linz vom Zentrum, der mit dem Berliner Polizei­präsidium nicht recht zufrieden ist, und insbe- sondern die Lobrede der Herrn von Jaaow auf die Berliner Polizei wegen ihres Verhal­tens scharf kritisierte. Dem Redner erwiderte sofort

Minister des Innern, von Dallwitz: Der Vorredner hat den Kaisertoast kritisiert, den der Berliner Polizeipräsident im

Kreise seiner Beamten ausgebracht hat. Diese Worte des Dankes war er indessen der Pflicht­treue seiner Beamten schuldig. Bezüglich der Kinematographen-Tüeater hat mein Ministerium in einem Erlaß an die Regie­rungspräsidenten Vorschriften erlassen, die den M iß ständen vorbeugen wollen. Die Vollzugsbehörden sind angewiesen, in allen Fällen, in denen sie Bedenken gegen die

Zulassung von Theateraufführungen haben, sich mit dem Berliner Polizeipräsiden­ten in Verbindung zu setzen. (Beifall rechts und im Zentrum.)

Abg. Lohmann (nl.): Wir bedauern, daß die Polizei von ihren Machtmitteln gegen die Schmutzliteratur nicht mehr Gebrauch macht. Warum sagt der Minister nichts über die Kündigung der Wohnung des Bürgermei­sters Wagner-Labiau? Wenn hier so viele Landräte monatelang im Hause sind, ohne daß die Kreise darunter leiden, dann wird auch der Leiter einer Armenverwaltung einige Zeit nach Berlin gehen können. Wir halten die preußische Verwaltung im allgemeinen für ge­sund und sind überzeugt, daß das h ö ch st ehrenwerte Amt der Landräte gut verwaltet wird. Wir wünschen aber eine mehr demokratische Auswahl dieser Beam­ten und hoffen, daß Preußen

auch schweren Zeiten gewachsen ist, und feine staatliche Autorität gegen den inner» und äußern Feind zu wahren verstehen wird.

Abg. Freiherr von Zedlitz (ft): Der Land­rat muß sich ebenso politisch betätigen können, wie jeder andere Beamte. Am Schluß seiner Ausführungen wendet sich Redner gegen die Stadtverwaltung Berlin wegen ihres Bestrebens, einzelne Zweige der staat­lichen Polizei in eigene Regie zu übernehmen. Er empfiehlt ihr, zunächst einmal ihre eigne Verwaltung zu reformieren.

Abg. Hirsch (Soz.): Die Landräte fühlen sich in der Haupffache als Geschäftsfüh­rer der konservativen Part ei. Wie kleinlich und schikanös wird das Reichsvereins­gesetz von den Behörden angewendet! In Moabit ist man

in brutalster Weise vorgegangen.

Es ist eidlich erwiese, daß die Polizisten in niederträchtigster Weise Sistierte durch­geprügelt haben. Das Gericht hat nicht nur einzelne Mißgriffe festgestellt, sondern eine große Anzahl. Wie das Volk über diese Vor­gänge denkt, wird erst dann zu Tage kommen, wenn wir ein freies Wahlrecht haben.

Präsident von Kröcher ruft den Abgeordne­ten Hirsch wegen der Aeußerung. daß die Po- lizei in niederträchtigster Weise Sistierte durch­geprügelt haben, zur Ordnung.

Das Haus vertagt sodann die Weiterbera­tung des Etats des Ministeriums des Innern auf Dienstag.

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Bühne und Welt.

Skizze, von Adolf Stark.

Franco und Franceska, wie sie sich auf den Theaterzetteln nannten, hatten einen neuen Trick ersonnen, der glänzend ging, ihnen die besten Engagements und Geld in Hülle und Fülle einbrachte. Es war aber wirklich etwas ganz Neues, was noch nie dagewesen und auch nicht so leicht nachzuahmen war, denn nicht so bald hatte eine zweite Person die schlanken und geschmeidigen Glieder wie Franceska, nicht so bald ein anderer die Bärenkraft und dabei die akrobatenhafte Gelenkigkeit Francos.

Der Einfall zu ihrer Glanznummer kam ihnen plötzlich, wie eine Eingebung. Sie wa­ren damals noch in den Flitterwochen, arbeite­ten zusammen nach den alten bewähtten Me­thoden, waren alle vierzehn Tage an einem anderen Spezialitätentheater zweiten Ranges und schlugen sich so recht und schlecht durchs Leben. Da hatte eines Tages Franco seine junge Frau im Scherz auf den Arm genom­men, trug sie im Zimmer hin und her, wie Kinder ihr Spielzeug Herumschleppen und sang dazu in falschen Tönen nach einer unmöglichen Melodie: „Schlaf mein Püppchen!"

Und plötzlich war die Idee da: Franceska erkannte gleich, daß die Sache ein Schlager werden würde, und sie probten nun mit Feuer­eifer die nächsten vier Wochen, denn gar so leicht, wie sich die Sache aus dem Zuschauer­raum ansah, war sie nicht. Aber die beiden waren mit ganzem Herzen und mit jeder Fa­ser ihres Körpers bei der Sache, selbst die Zärtlichkeit der Flitterwochen litt darunter, und so wurde es wirklich etwas Erstklassiges. Drei Jahre reisten sie nun schon umher, nicht mehr in kleinen Provinzstädten, sondern in den großen Kulturzentren mit ihren glänzen­den Riesentheatern, und noch immer hatte sich der Trick nicht überlebt.

Es war Wittlich etwas ganz Eigenartiges; wenn Franco auf die Bühne kam, das Gesicht komisch bemalt, im grünen Schößelfrack, aus dessen rückwättiger Tasche das Ellenmaß her­ausschaute und das Riesenstoffbündel uttterm Arm, dann lachte das ganze Publikum. Und daS Lachen wurde immer stärker, als er mit

dem Bündel Fangball spielte, es bald rechts, bald links verlor, es voll Wut auf die Erde schlug, es auf die Hälfte seiner Größe zusam­menknüllte und was dergleichen Mätzchen mehr waren.

Wenn er dann aber die grüne Hülle ab­löste und die buntgekleidete Puppe zum Vor­schein kam, die auf Befehl tanzte und sich be­wegte, hielt alles den Atem an und das Lachen verstummte. Franceska spielte die Puppe großartig; wenn sie dann zum Schluß wieder in das Tuch eingewickelt und zum Klumpen zusammengedrückt, der nichts Menschliches mehr an sich hatte, von Franco hinausgetragen wurde, erschollen Beifallsstürme und im Publikum wurde eifttg debattiert,ob es sich um ein Wunder der Mechanik handle, oder um ein Wesen aus Fleisch und Blut, ein Rätsel, das erst dann gelöst wurde, wenn auf den rasen­den Applaus bin Franceska, jung, schön und strahlend vor die Rampe trat und Kußhände ins Publikum warf.

Die beiden Komödianten waren im ge­wöhnlichen Leben recht vernünftige, solide Menschen und hielten das Ihre zusammen. Auf der Bank lag unter FrancoS bürgerlichem Na­men, der viel schlechter klang, als der pompöse „Franco de Sa Karlos" auf den Plakaten, eine stattliche Summe, die von Monat zu Monat anwuchs und er begann sich allmählich mit dem Gedanken vettraut zu macken, daß sein Traum von Glück wahr werden könnte. Der Traum war eine kleine Villa irgenwo am Rhein, mit einem großen Garten davor und ein paar Weinbergen dahinter an der Berg- lehne, Weinbergen, die er selber umgraben, deren goldene Früchte FranceSkaS Finger pflücken sollten.

Seit vier Wochen waren sie in Petersburg. Das war ein ausnehmend langer Aufenthalt in einem Otte, aber ihre Nummer zog noch immer, der Direktor erneuerte das Engage­ment von Woche zu Woche und wollte sie nicht fottlassen. Vier Wochen lang spielten sie Tag für Tag auf derselben Bühne, vier Wochen lang sah Franco jeden Abend in der Eckloge des ersten Ranges denselben jungen Mann sitzen und auf die Bühne hinabschauen, und vier Wocken laua wurde Abend für Abend

nach Beendigung der Nummer ein Veilchen­bukett für Francceska abgegeben, ein kleines Veilchenbukett, das doch eine glänzende Gabe war, wenn man die Jahreszeit in An­rechnung brachte.

Anfangs hatte Franco nicht darauf ge­achtet. Ein Künstler würde sich lächerlich machen, wenn et eifersüchtig sein wollte. Und überdies glaubte er Franceskas sicher zu sein.

Dann aber kam ein Abend, an dem sich bei ihm die ersten Zweifel regten. Wenn er mit der Puppe Fangball spielte und dem scheinbar leblosen Körper alle möglichen Stel­lungen gab, dann hatte Franceska stets den Blick starr ins Leere gerichtet, die Augen weit aufgeriffen und bewegungslos, ein Umstand, der nicht wenig dazu beitrug, bei den Zu­schauern das Gefühl des leblosen Phantoms hervorzurufen.

So war es bisher gewesen. Dann aber merkte er eines Taaes, wie ihre Augen nickt mehr ins Leere schauten, sondern sich, in wel­cher Lage auch immer sie sich befand, einem bestimmten Punfte zuwandten. Seitdem überwachte er sie eifersückttg. Er sagte kein Wott, er ließ ihr, wie bisher, die Freiheit, auszugehen und ihre Einkäufe zu besorgen, Einkäufe, die sie oft halbe Tage lang von der Wohnung fern hielten. Er verlor kein Wort darüber, daß sie die Veilchenbuketts nicht mehr achtlos verwelken ließ, sondern abends beim Heimkommen in ein Wasserglas stellte und am nächsten Tage bei der Vorstellung an der Brust trug, er verriet sich mit keinem Worte, mit keiner Gebärde, aber er be­lauerte sie, wie der Fuchs feine Beute belauert, die ihm nicht entgehen kann. Wenn er allein in der Wohnung faß, dann träumte er nicht mehr von der Villa am Rhein, fondern von etwas anderem Schreck- lickem, von etwas, das sich an jenem Tage er­füllen follte, an dem er die Gewißheit erlangte, daß Franceska ihm felbft verloren fei. daß sie gewillt fei, sich dem andern in die Arme zu wetten. Das konnte, das durfte nicht gefchehen.

Und der Tag kam ... Er hatte sie auf der Straße getroffen, ganz zufällig, und ebenso un­absichtlich geschah es, bas er ihr nicht mehr von der Seite ging, bis sie zur Vorstellung ins The­

ater mußten. Während sie die Toilette wech­selte, griff er in die Tasche ihres Mantels und sand einen kleinen Brief, schon adressiert und frankiert, einen Brief, den sie nicht gewagt hatte in den Postkasten zu werfen, weil er mit ihr ge­gangen. Es waren nur wenige Worte: „Ich komme morgen vormittag."

Er spielte wie gewöhnlich an diesem Abend und die Galerie heulte wie gewöhnlich vor La­chen über seine Späße. Am Schlüsse aber, als die Puppe wieder in dem Tuchbündel ver­schwunden war und er das Paket zuschnürte, da zog er den Strick anders als sonst, etwas fester zog er ihn zu, und die enge Schnur legte sich gerade um jene Stelle, wo Franceskas Hals war. Keiner der Zuschauer merkte, was auf der Bühne vor sich ging. Diefen letzten Trick hatte er ebenso schlau ausgedacht und ebenso sicher ausgeführt, wie den vorhergehenden.

Es wäre ein Leichtes getoefen, sich auf fahr­lässiges Verschulden auszureden. Aber er ge­stand feine Mordabsicht ohne weiteres zu. „Ich habe sie getötet, weil ich sie liebte, weil ich woll­te, daß sie rein bleiben, daß sie nicht im Schmutz und Elend ersticken sollte, wie so viele andere.

Seinen Verteidiger, einen jungen eWaen Advokaten, wies er von sich. Er wollte büßen, er fürchtete den Tod nicht. Ja, er haßte den Menschen, der trotz alledem daran arbeitete und davon sprach, daß er ihn frei bekommen wolle.

Eines Tages stürzte der Advokat freude­strahlend in den Kerker: „Sie sind gerettet, mein Lieber, sie werden frei! Ich habe jenen Herrn ausfindig gemacht und werde ihn al? Zeugen laden lassen. Er hat mir gestanden, daß die Tote feine Geliebte war. Sie haben gehandelt, wie jeder Ehrenmann in der gleichen Lage han­deln würde. Das Gericht wird sie freisprechen."

Franco wurde blaß und zitterte, aber er faßte kein Wort. Als der Rechtsanwalt gegan­gen war, faß er stumm und still in feiner Zelle, bis die Dunkelheit angebrochen war und der Poften an der Türe nicht mehr hereinblicken konnte. Dann erhob er sich, drehte das Lein­tuch zu einem Strick zusammen, befestigte die Enden an den Eisenstäben des hochgelegenen Fensters, zu welchem Zwecke er auf einen Stuhl steigen mußte, legte sich die Schlinge um den Hals und stieß mit einer kräftigen Fußbewegung den Stuhl um.

Eine Stunde fpäter trugen die Wärter seine L e i ch e ins Totenbaus.--------

Ende-